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Als der frisch verwitwete Michl in einer durchzechten Nacht das marode Sägewerk vom Habicht Heiner für einen Euro kauft, darf er nicht viel erwarten – außer Ärger. Als dann noch Mike, der missratene Enkel aus der Stadt, auftaucht und mit den Mopedrockern illegale Mutproben ablegt, weckt das den Argwohn im Dorf und das betrunkene Auge des Gesetzes von Gurch, dem Dorfpolizisten. Der hat noch eine alte Rechnung offen mit Michl. Die Dinge geraten außer Kontrolle, als bei einer Betriebsüberprüfung im Sägewerk ein Unfall geschieht. Am Ende reibt sich Michl die Augen, als sich Elke, die Wurstverkäuferin an ihn schmiegt und im Rückspiegel des Unimog der feuerrote Himmel über dem Dorf verschwindet, denn eigentlich hat er nach dem Tod seiner Frau nicht mehr viel vom Leben erwartet.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2023
Tom Oetter
Spatzenrennen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Lärm der Stille
Solo für Michl
König der Lüfte
Sturm vor der Ruhe
Der Teufel hat keine Zeit
Wurst frisst keine Einsamkeit
Nachmittags in Italien
Verlorene Schafe
Der Club der einsamen Witwen
Rendez-vous mit der Ewigkeit
Holzmichl
Bier storming
Die Säge
Nächtlicher Besuch
Dorf fürs Hirn
Mikes Galaxy
Abgekoppelt
Trappenstoned
Väter
Ghost Rider
High Noon unter Fichten
Der Gurch
Sex bei „Möbel-Werner“
Falscher Toter
Der letzte Sprung
Dislike
Ein Plan
Gurchs Rache
Die Säge wehrt sich
Nur noch Uniform
Solo für Gurch
Ein Dorf sieht zu
Finale am Ortsrand
Auferstehung
Impressum neobooks
Der Rauch kippte schräg aus den Schornsteinen, als ob die Häuser wie Dampfloks das Depot verließen. Der Wind schob ihn mit den Wolken davon, beißender Geruch nach Holzfeuer blieb wie ein Deckel über dem Dorf zurück. Regen trommelte den Takt, Blätter rauschten, Mauerritzen heulten die Melodie des Herbstes. Der Wind suchte nach Mitspielern für seine wilde Komposition. Eine Fensterscheibe, die in den Angeln klirrt, ein Ziegel, der auf der Straße zerschellt oder ein Stück Wäsche, das wie ein übermütiger Vogel ihm hinterherflattert?
Das Haus oberhalb des Dorfes trotzte dem Wind länger, als Michl mit seinen siebzig Jahren darin wohnte. Es kannte seine Launen und Tricks, wenn er wie ein Einbrecher an den Türen und Fenstern rüttelte, um mitzunehmen, was nicht fest war. Doch nur ein paar Blätter zogen mit zum Dorf, wo er durch die Straßen streifte und anklopfte. Niemand öffnete ihm, nur ein kaputtes Scheunentor schlug mit dem Wind im Takt. Zu träge, um ihm zu folgen.
Das Dorf tat, als ob es nicht da wäre. So wie die Alten, die nur ein geübtes Auge erkannte, wenn sie auf den Bänken saßen und wie Tote vor sich hinstarrten, bis jemand zum Essen rief und sie plötzlich wieder zum Leben erwachten. Sie hofften, dass es noch dauerte, bis er sie irgendwann für immer holen käme.
Das Rauschen ging unter im Lärm der Traktoren, Kühe und Kirchenglocken. Michl war das einzige Publikum des Windes. Sein Treiben zerstob die Stille, die sich wie Watte um ihn gelegt hatte. Er kannte die Himmelsrichtung, wusste, ob er Regen oder fremde Gerüche mit sich brachte. ‚Vielleicht würde er ihm etwas zutragen, eine Nachricht von ihr?‘, hoffte er. Doch von ihr hatte er nie etwas dabei.
Seine Gedanken hatten sich in einem Strudel verfangen, sein Blick den Rahmen verloren, seine Stimme das Sprechen verlernt. Die Stille wurde immer lauter, lechzte nach Lärm. Hören ist die Kunst der Einsamen.
Er hörte die Kirchenglocken, wenn er nachts schlaflos im Bett lag und mitzählte: vier Schläge für die volle Stunde, einer für jedes Viertel. 00.15 - der erste Schlag eines neuen Zeitabschnitts, gleichmäßig von den Glocken filetiert.
Er hörte das Ächzen der Fichten am Waldrand hinter dem Haus, wenn der Wind die Nadeln durchkämmte. Sie verbeugten sich vor seiner Macht, wenn er an ihren Kronen rüttelte, um zu prüfen, ob die Wurzeln noch hielten.
Er hörte das Klagen der Kühe unterhalb des Hanges, die vergorenen Mais statt Heu bekamen. Ein Wunder, dass sie nicht platzten. Kein Wunder, dass die Milch nicht schmeckte.
Er hörte das Postauto, wenn es die Anhöhe hochkroch, oben angekommen beschleunigte und verschwand. Nur auf den Zeitungsausträger war Verlass, der frühmorgens durchs Dorf fuhr und die „Südostoberfränkischen Nachrichten“ wie aus einer Kanone gegen die Haustüren ballerte.
Manchmal, wenn die Stille zu laut wurde, schmiss er eine der kitschigen Hummelfiguren aus der Glasvitrine gegen die Wand. Sie hatten ihm nie gefallen. ‚Humel‘ stand am Boden, das andere ‚m‘ mussten die Polen oder Vietnamesen vergessen haben. Doch kaputt ging der Nippes nicht. Er warf, bis die Tapete Löcher bekam, doch die polnisch-vietnamesischen Plagiate blieben trotzig auf dem Boden liegen und dachten nicht daran aufzugeben. Schwerkraft, Trägheitssatz und andere physikalische Gesetze gaben ihr Bestes, doch erst der Hammer machte ihnen ein Ende.
Manchmal hörte er Schritte im Treppenhaus oder ihre Stimme, die vom Garten nach ihm rief. Er lief hinaus und suchte sie. Erst wenn er vor Kälte zu zittern begann, verstand er, dass alles nur Einbildung sein musste. Dann lachte der Wind über ihn und fuhr frech durch seine Haare. Sie würde nicht kommen, nicht einmal rufen. Weg war sie, wie vom Erdboden verschluckt.
Seine Frau lag am anderen Ende des Dorfes auf dem Friedhof begraben. Ein frisches Grab, nicht abgedeckt mit einer schweren Marmorplatte, wie man es hier machte, um auf Nummer sicher zu gehen. Ausgerechnet zwischen dem Schluck Franz und dem Specht Fritz. Der eine links, der andere rechts von ihr. Seltsame Gesellen, zu Lebzeiten immer im Streit wegen der Kartenspielerei. Beide Choleriker, der eine Trinker und Zinker, der andere Trinker und Zänker. Man nannte sie Schluckspechte. Gleichzeitig waren sie gestorben, wie ein altes Paar, bei dem der eine nicht ohne den anderen sein konnte.
Es musste im Streit vor dem Wirtshaus geschehen sein, Genaues wusste niemand. Gegen ihre sonstige Gewohnheit kamen sie vom Rauchen nicht in den Gastraum zurück. Reglos fand man sie auf der Bank an der Tanzlinde sitzen. Kopf an Kopf, als flüsterten sie miteinander – friedlich und nicht tot.
Der Fritz hatte die Ass-Karte aus Franz Ärmel herausspitzen sehen, was ihn so aufgeregt hatte, dass er plötzlich zu leben aufhörte und tot sitzen blieb. Einfach so, mit der nicht fertiggerauchten Zigarette zwischen den Fingern. Nicht einmal umgefallen war er, so hat ihn das geärgert.
Der offene Ausgang des Spiels hat den Franz so wütend gemacht und gleichzeitig mit Schrecken an eine fritzlose Zukunft denken lassen, dass er spontan mitgestorben war. Wie zu einer Partie im Jenseits verabredet, lag das Blatt zwischen ihnen.
Vorerkrankungen gab es bei beiden zuhauf, allein die Leberzirrhose hätte für drei gereicht. Der Arzt schrieb „Herz“ in den Totenschein, wie das Ass im Ärmel von Franz. Um künftigen Ärger zu vermeiden, hatte man sie nicht nebeneinander beigesetzt. Dass es Michls Frau als Puffer erwischt hatte, war reiner Zufall.
Das Ableben der beiden hatte beim Dorfwirt Spuren hinterlassen. Es war so ruhig geworden, dass man die Hintergrundpopmusik im Gastraum hören konnte, und sogar das Klößekneten der Wirtsfrau aus der Küche. Man fragte sich, ob das mit den beiden in Ewigkeit so weiterginge. Würden sie sich versöhnen, war Kartenspielen im Himmel überhaupt erlaubt? Doch es bestand der Verdacht, dass es keiner der beiden in den Himmel geschafft hatte. Der Priester hatte in seiner Trauerrede die Szene ‚Fritz und Franz vor dem Jüngsten Gericht‘ in so drastischen Bildern dargestellt, dass man davon ausgehen musste, dass sie ohne Bier und ohne Karten in der Hölle schmoren würden. Mausetot lagen sie nebeneinander aufgebahrt. Selbst als der für seine derben Späße bekannte Sperber dem Franz zum Abschied eine Herz Ass-Karte in den Sarg legte, ließ sich der Fritz nicht aus der Ruhe bringen. Niemand hätte sich gewundert, wenn die beiden aufgestanden und über sich hergefallen wären, außer der Priester, dem die Wiederauferstehung gerade dieser beiden aus theologischen Gründen unrecht gewesen wäre.
Etwas später hatte irgendwer - es kann nur die scheinheilige Dora gewesen sein - angeblich sogar Schreie auf dem Friedhof gehört, wie sie nur bei hoher Temperatur und ohne Bier vorstellbar waren. Obwohl bekannt war, dass die Dora in Glaubensfragen übertrieb, ja manchmal mit dem Bekreuzigen gar nicht mehr aufhörte, genügte das und eine Zeit lang schien etwas Frieden ins Dorf eingekehrt zu sein. Manche meinten sogar, mehr Männer auf den Kirchbänken gesehen zu haben.
Niemand wünschte sich die beiden als Nachbarn, selbst nicht auf dem Friedhof, wo die Grenzen aus dem Diesseits aufgehoben waren. Trinker, zu früh und zu spät Verstorbene und ganz normale Tote lagen unsortiert kreuz und quer. Michl versuchte sich die beiden wegzudenken, wenn er am Grab seiner Frau stand. Die Kränze darauf waren welk, die letzten Grüße verwittert. Sie warteten auf Ablösung durch frisches Grün, das nicht so traurig nach Tod aussehen würde.
Michl fror. Er erinnerte sich an den kalten Regen zur Beerdigung, als er sie noch um sich gespürt hatte. Wie durch einen Schleier, schwer wie Beton, war die Trauerfeier zu ihm gedrungen. Es war nicht die Kälte, weshalb seine Hände gezittert hatten, angelehnt an die Wand ohne den anderen, der immer da gewesen war. Wie eine Glocke aus Schall und Weihrauch hing die Liturgie über dem nasskalten Friedhof. Die elektrifizierte Stimme des Priesters zerriss die Stille und drang bis zu den entferntesten Gräbern. Alle sollten wissen, dass es Zuwachs gab. Dazwischen irrten die zitternden Stimmen der alten Frauen, die den Refrain sangen. Leichte Beute für den Wind, der ihr Gelöbnis zerriss und mit sich trug. Das Latein des Priesters klang wie die Zauberformel der Ewigkeit. Unnahbar stand er im festlichen Gewand abseits der schwarzen Menge.
Michl hatte nicht zugehört. In seinem Kopf war ein anderer Film abgelaufen. Er hatte sie gesehen, wie sie früher war. Nicht im letzten Hemd mit auf der Brust gefalteten Händen. Nicht als Schwester des Herrn, sondern als seine Frau.
„Ich bin derzeit leider nicht erreichbar. Hinterlassen Sie bitte eine Nachricht, ich werde schnellstmöglich zurückrufen“, meldete sich seine tote Frau.
Michl legte auf, er war nur zufällig auf die Wahlwiederholung gekommen. Sie sollte nicht sein Schluchzen hören, sollte nicht glauben, er käme ohne sie nicht zurecht.
Er rief nochmals an und nochmals. Immer wieder hörte er sie diesen Satz sprechen. Irgendwann begann er auf das Band zu reden, denn vieles war unausgesprochen geblieben. Sie hatten zuletzt mehr gestritten oder, wenn es gut ging, geschwiegen. Er sagte ihr, dass er sie vermisste und dass die Gartenarbeit, die er nie gern gemacht hatte, eigentlich gar nicht so schlimm war. Er fragte, ob es ihr gut gehe und ob es stimmte, was der Priester erzählt hatte, dass sie nun zuhause sei, und ob die Schluckspechte wirklich in der Hölle schmorten. Er entschuldigte sich für die Hummelfiguren und beschrieb, wie schön die Sammelbierkrüge in der Vitrine aussahen. Er erzählte, dass die Tiefkühltruhe bald leer sei und er ein Rezept für Schweinebraten bräuchte und dass er den Stabmixer nicht finden könne.
Irgendwann war das Datenvolumen der Mailbox voll und eine unbekannte Stimme teilte ihm mit, dass der Nutzer ein größeres Datenpaket kaufen müsste. Michl wusste, dass das nicht passieren würde. Dann weinte er, weil er vergessen hatte, ihr zu sagen, dass er sie liebte und dass er es ihr nicht gesagt hatte, als sie noch zuhören konnte.
Seine Frau musste geahnt haben, dass sie sterben würde, als man sie mit dem Krankenwagen abholen kam. Tränen standen in ihren Augen. An allem blieb ihr Blick haften und sog die Welt wie ein Scanner in sich auf - ein letztes Mal. „Unser schönes Häuschen“ seufzte sie zum Abschied, was sie früher nie gesagt hatte, und was auch nicht stimmte.
Michl war es, der früher oft abgeholt worden war. Er hatte nicht die animalische Konstitution, die man den Leuten im Dorf nachsagte, die irgendwann tot umfielen, nicht, weil sie krank waren, sondern es Zeit wurde. Doch jedes Mal war er zurückgekehrt. Nie hatte es Zweifel gegeben, wer von beiden als erster gehen würde.
Der Zeit stockte der Atem, als seine Frau den Spieß umdrehte. Michl war auf den Zielspurt nicht vorbereitet. Waren sie nicht eben noch Hand in Hand gelaufen? Was war mit der Statistik, wonach Männer vier Jahre früher starben? Er unterdrückte einen Anflug von Groll, der absurd und ungerecht war, denn wer stirbt schon gern an Krebs?
Hilflos stand er an ihrem Krankenbett, als es plötzlich rasend schnell ging und sich der Tod auf ihr Gesicht geschlichen hatte. Als sie auf einmal so alt aussah und er nur noch ihre Hand halten konnte, die kraftlos in seiner lag. Die Hand, die nie zur Ruhe gekommen war und die er nie so genau betrachtet hatte wie jetzt. Er sah die Adern unter den Altersflecken heraustreten, mit denen ihre Haut übersäht war. Es war unerträglich zuzusehen, wie sich ihr ausgemergelter Körper quälte und nach Erlösung schrie.
Irgendwann hörte er auf, ihr zu sagen, alles würde wieder gut werden. Dann schwieg er mit ihr. Nur wenn sie es nicht sehen konnte und ihre Augen vom Morphium betäubt die Decke des Krankenzimmers anstarrten, weinte er leise. Was sah sie dort? Sie schien schon weg zu sein. Dann wünschte er, es solle bald geschehen.
Ihr Tod riss ein tiefes Loch in sein Leben, das nur noch an wenigen Ecken verankert schien. Mit den Händen an einem Faden hängend, zappelten die Füße über einem schwarzen Nichts. Katholiken würden hoffnungsvoll nach oben blicken, die Hitze des Fegefeuers unter sich. Er sah und spürte nichts als Leere.
Leben können alle, aber sterben ist eine Kunst. Manche schrien nächtelang aus Verzweiflung, nicht aus Schmerz. Seine Frau glaubte an Gott, mehr als an die Ärzte und das Morphium. Sie hatte keine Angst, als ob sie wusste, wohin ihre letzte Reise ging. Plötzlich war sie hellwach, rief ihre Mutter, die an der Tür zum Krankenzimmer auf sie zu warten schien. Michl sah niemanden, nur ihr Lächeln, das zuletzt dem Schmerz gewichen war. Es hatte nichts von der Starre des Morphiums, war für einen letzten Augenblick lebendig. Es schien nicht schwer zu sterben, wenn man genug hatte. Der Schmerz machte das Sterben leicht.
Starr vor dem Moment blieb Michl zurück. So ruhig und friedlich lag sie neben ihm nach all der Qual. Seine Hand suchte den fehlenden Puls, fühlte, wie etwas aus ihrem Körper schlich. Er kostete den letzten Moment mit ihr aus, bevor er den roten Knopf neben dem Bett drückte.
Wie bei einer Vollbremsung rauschten die Dinge an ihm vorüber. Er hatte seine eigene Geschwindigkeit - Null. Nichts lenkte mehr ab. Keine Fahrten ins Krankenhaus, keine Gespräche mit Ärzten. Kein Strohhalm war in Sicht, den es immer mal wieder gegeben hatte, wenn es ihr an manchen Tagen besser gegangen war. Ein bleierner Schleier legte sich über alles und erstickte die Zukunft. Sein Leben löste sich vor ihm auf. Die Zukunft war abgeschafft, der alljährliche Urlaub im Zillertal auch. Selbst die Reparatur der maroden Heizung stand in Frage, volltanken auch. Er fühlte sich plötzlich alt.
Er glaubte nicht, dass er seine Frau in welcher Form auch immer wiedersehen würde. Sie hatte sich einäschern lassen und müsste bei der Wiederauferstehung ganz ohne Körper auskommen. Michl hoffte nicht, dass alles endlos weitergehen würde. Das konnten sich nur jung Verstorbene wünschen. Den Rest der Zeit im Paradies abfeiern war vielleicht lustig, wenn man noch laufen konnte, keinen Bauch und dafür Haare hatte. Aber ewig mit künstlichem Hüftgelenk, Gicht und zitternden Händen?
Er hoffte auf einen schnellen Tod, zum Beispiel bei der Gartenarbeit mit der Schaufel in der Hand umkippen, ohne dass es der Nachbar sieht. Oder Herzinfarkt und der Rettungswagen steckt im Stau. Bis dahin würde er weiterlaufen, wie auf langen Wanderungen, wenn sich die Beine von allein bewegten, wenn der Kopf woanders war und die Schritte den Gedanken nacheilten oder umgekehrt.
Das Zwitschern der Spatzen schwoll in Wellen an, wenn sie im wilden Korso Runde um Runde ums Haus jagten. Sie pfiffen durcheinander, aufgeregt vor Freude wie Kinder. Es war das Hintergrundgeräusch der Gärten und Balkone. Unscheinbar wie das Zirpen der Grillen oder das Dröhnen des Fernverkehrs, das der Wind manchmal ins Dorf trug.
Wer bemerkte sie schon, wenn man Traktor fuhr, Kühe molk oder Schnaps brannte? Und doch waren sie da, zusammen fast ein großer Vogel. Fehlte einer, fiel das nicht auf. Nichts schien ihnen etwas anhaben zu können, sogar im Winter, wenn manche wie kleine Eiszapfen von den Stromleitungen fielen, blieben sie hier.
Sie waren die „hidden champions“ der Sträucher und Vorgärten. Flink, frech und in großer Anzahl machten sie ihre geringe Größe wett. Im unscheinbaren Gefieder fielen sie nicht auf, waren zu jedem Anlass gut gekleidet – stets schick, nie exaltiert. Gut gelaunt hüpften sie über den Boden wie verirrte Tennisbälle. Was war dagegen ein Specht, der wie ein Bauarbeiter Löcher in die Bäume trieb oder ein Bussard, der seine autistischen Kreise zog?
Kreischen unterbrach Michls Gedanken. Knapp jagten sie wie bei einer Flugschau an ihm vorbei, um sich zu einer Wolke zu formieren, die eine Choreographie in den Himmel tanzte. Einer scherte aus und landete auf dem Fensterbrett, „Tschilp, tschilp“, grüßte er.
Michl erkannte den mutigen Einzelgänger am linken Bein, das schief zur Seite abstand. Im letzten Sommer war er gegen das Küchenfenster gekracht und hatte sich den Knochen gebrochen. Eigentlich das Aus für einen Spatzen, doch seine Frau hatte ihn verarztet und aufgepäppelt, bis er wieder fliegen konnte. Seitdem war er regelmäßig zur Nachuntersuchung bei ihr vorbeigekommen.
„Deine Retterin ist tot. Nicht jede Krankheit kann mit Verband und Liegenbleiben geheilt werden. Manche bemerkt man nicht, bis es zu spät ist“, erklärte er dem Spatzen. ‚Was verstanden sie vom Tod? An was starben Spatzen, bekamen sie auch Krebs, Bluthochdruck, Demenz oder fielen sie einfach tot vom Himmel?‘, fragte er sich.
Der Spatz spähte an ihm vorbei in die Küche, als ob er sich überzeugen wollte, dass dort niemand war. Dann blickte er zu Michl. „Tschilp, tschilp“, bestätigte er.
„Ich bin auch traurig, aber wenn Du möchtest, kann ich die Nachuntersuchungen übernehmen,“ schlug er vor und streckte ihm seine Hand entgegen.
Der Spatz hielt still, als Michl über sein Federkleid strich und das krumme Beinchen berührte. Er fühlte die Wärme des kleinen Körpers, der vom schnellen Puls vibrierte. „Gesund“, stellte er mit Doktorstimme fest und hielt ihm ein Stück Brotrinde hin. „Ich werde Dich Tschilp nennen.“
Tschilp schwieg. Er schien nicht wegen des Futters hergekommen zu sein. Vielleicht war er auch zu traurig zum Fressen, denn plötzlich flog er weg – ohne den Brotkrümel im Schnabel.
Michl sah dem kleinen Lebenskünstler mit dem langen Gedächtnis hinterher. „Sie liegt auf dem Friedhof zwischen den Schluckspechten, falls Du sie mal besuchen willst!“, rief er ihm nach.
Tschilp war den anderen zum Dorf gefolgt. Sie mussten sich keine Sorgen machen, denn Katzen gab es dort kaum. Man hatte Hunde, die Wache hielten und sich nicht um die närrischen, kleinen Vögel kümmerten.
Sicher war es schon vorgekommen, dass einer mal die Welt von oben gesehen hatte. Dort, wo der Wind in die Ferne lockt und die Wolken Träume erzählen. Vielleicht hatte sich einer mal ins Nachbardorf oder gar in die Stadt verflogen. Aber was zählte das schon, wenn es um einen still war und die anderen fehlten? Sie waren frei und blieben doch in den Büschen des Dorfes, denn sie wussten, dass es woanders nicht besser war. Hier war wie überall. Nur eins konnten sie nicht, allein sein. Vor Einsamkeit würden sie verrückt werden.
Vielleicht hatte Tschilp gewusst, dass Michls Frau gestorben war und war gekommen, um ihm Gesellschaft zu leisten? Vielleicht war Michl der Patient und nicht der Doktor.
Tschilp würde wiederkommen, hoffte er.
Trappenstein war wie viele Dörfer in der Gegend. Kaum einer durchquerte sie, weil er Zeit hatte, oder gar im Urlaub war. Wen es hierher verschlagen hatte, musste sich verfahren haben. Wer hier unterwegs war, wollte weg.
Die Kirchtürme ragten wie Sendemasten aus der hügeligen Landschaft und wiesen den Weg zum nächsten Dorf. Dass es trotzdem länger dauerte, um nach Trappenstein zu gelangen, lag an der verschlungenen Landstraße, die unschlüssig ihre Bögen zog. Störrisch und verschlossen lag es vor einem, nicht auf Besuch eingerichtet. Nicht einmal Luther oder Napoleon hatten hier übernachtet, nichts Markantes ragte empor, nichts Verborgenes wollte entdeckt werden. Schnell war man trotz einiger Kurven durchgefahren. Das nächste Dorf lag in Sichtweite, aufgereiht am Weg wie Pfähle eines Weidezauns.
Es wurde immer leerer, je weiter man vom Einfamilienhausspeckgürtel ins Dorf gelangte, das aus einem Würfelbecher hingeworfenem Klumpen aus Häusern, Scheunen und Hütten bestand. Ohne Konzept, fast ausnahmslos in Schwarzarbeit errichtet. Niemand machte sich Gedanken um Wettbewerbe, wie „Unser schönes Dorf“. Niemand hatte Blumen auf den Fensterbrettern oder Motorsägen-Schnitzkunst vor den Hofeinfahrten. Nicht einmal Honig aus eigener Herstellung. Nur gelegentlich gab es „Bargeld für Altgold“ an den Zäunen. Ein enges Haufendorf, für mehr hatte es nicht gereicht. Still wie in einem italienischen Dorf zur Mittagszeit hing der Tag wie eine Last über allem. Wie in einer Endlosschleife glich ein Tag dem anderen. Man kannte sich seit Ewigkeiten und konnte jeden Tag immer wieder über dasselbe reden. Manche sollen gestorben sein, ohne gemerkt zu haben, dass sie alt geworden waren.
Wenn man nicht aufpasste und trotz der unnötig scharfen Kurve einen Blick zur Seite wagte, konnte einem die Dorfwirtschaft „Zur fetten Trappe“ entgehen. Im Gegensatz zu den geschlossenen Gasthöfen in der Gegend brannte dort Licht. Abends war der Parkplatz voll, manche Autos hatten sogar fremde Nummernschilder. Obwohl der Name an die Figur der Wirtin erinnerte, war das Gasthaus schon viel älter. Vielleicht waren die Wirtsfrauen schon immer dick oder stand einst die Trappe auf der Speisekarte? Gegenüber ragte die Kirche empor; dunkel und vom Lärm des Gasthauses unberührt. Der halbnackte Mann am Holzkreuz im Kirchhof sah mit gequältem Blick dem Treiben zu. Auch er schien Durst zu haben.
Die Trappensteiner ließen sich nicht gerne in die Karten sehen. Nur manchmal schielte einer über den Zaun, hielt kurz inne, um sich zu vergewissern, dass der Fremde weiterfuhr. Man hatte es nicht so mit Neuem oder Überraschungen, wenn einer aus dem Auto ausstieg, sich umsah oder Streckübungen machte. Wie in Theaterlogen verfolgten alte Frauen aus den Fenstern, auf ihre Brüste wie auf Kissen gestützt, die Fremden - oder ihre Männer. Nichts entging ihnen, während sie selbst unter ihren Kopftüchern im Verborgenen blieben. Von Zeit zu Zeit riefen sie sich Neuigkeiten über die Straße zu oder tauschten Rezepte aus. Manchmal schrien sie auch den Autofahrern etwas zu, wenn diese gar zu langsam durchs Dorf fuhren. Meist jedoch behielten sie ihre Männer im Blick, um diese zurechtzuweisen, wenn sie glaubten heimlich Bier trinken zu können.
Die Männer fuhren Traktor, mauerten schwarz und brannten schwarz, daran änderte das Alter nichts. Den Rest der Zeit verbrachten sie mit Trinken, Kartenspielen beim Wirt und dem Versuch, den Ehefrauen und anderen weiblichen Mitgliedern des Haushalts aus dem Weg zu gehen. Sie trugen aus Gewohnheit an den Ellbogen geflickte Arbeitsjacken und Hosen, die in Gummistiefeln steckten, obwohl in den Scheunen schon lange keine Kühe mehr standen. Nur Hühner und Stallhasen teilten sich die leeren Höfe, die aufgehört haben, nach Leben zu riechen. Mit Besen und Schaufeln in der Hand standen sie auf verlorenem Posten -immer älter und weniger. Nur die Zahl der Kreuze auf dem Friedhof wuchs. Es war der Sturm vor der Ruhe.
Dass viel gestorben wurde, lag nicht am ewigen Leben. Die meisten verließen mit von Schweinebraten, Bier und Tabak gezeichneten Körpern zu früh ihr irdisches Dasein. Bier floss in großen Mengen durch die meist männlichen Kehlen. Stärke und Potenz versprach es, doch die Frauen wussten es besser. Nur manchmal, wie beim Schützenfest oder zum Jahrestag der Inbetriebnahme der biologischen Kläranlage, trank man so viel, dass es lustig wurde und man sich prügelte.
Fast alle waren miteinander verwandt. Man blieb, wo man war und nahm, was es gab. Die Häuser standen schief geduckt, aus groben Feldsteinen gemauert trotzten sie der Ewigkeit. Große Plastikfenster waren in die alten Fassaden gehauen, die wie überdimensionierte, quadratische Ochsenaugen auf die Straße starrten. Panoramablick, Licht in die Stuben, hieß es. Doch auf was und wohin? Sie waren mit Gardinen verhangen, weil es nichts zu sehen gab, außer dem Leben des Nachbarn, das dem eigenen glich.
Die vom Neubaugebiet gehörten nicht dazu. Nicht einmal streiten würde man sich mit denen, so wie im alten Dorf, wo sich die Großväter schon gehasst hatten. Wo es über Generationen Streit um eine geklaute Fichte geben konnte. Wo man schon immer verwandt und deshalb verstritten war.
Im Neubaugebiet waren die Straßen gerade und die Häuser standen in Reih und Glied. Es wuchs wie ein Geschwür. Metastasen hatten sich im Dorf ausgebreitet, neue, bunte Häuser entstanden, wo Scheunen und verlassene Katen Platz gemacht hatten.
Die vom Neubaugebiet konnten unerwartete, unaussprechliche Namen haben, die man sich nicht merken konnte. Sie benahmen sich unauffällig und sahen auch so aus. Selten war mal einer wirklich dick, trug einen auffälligen Schnauzbart oder hatte stark abstehende Ohren. Die Frauen waren blond und hatten große Brüste, weil das, woher sie kamen, so üblich war.
Man sagt, es waren Russlanddeutsche, und dass sie ihre Häuser vom Staat geschenkt bekommen haben, weil sie das wegen des Frosts in Sibirien oder des Staubs in der kasachischen Steppe verdient hätten. Aber das war ungerecht, weil man in Südostoberfranken auch nie etwas geschenkt bekommen hatte. Und was heißt Sibirien, wenn man sich an Franz-Josef Strauß und die harten Winter in den 70er Jahren erinnerte.
Michl war von hier und doch ein Außenseiter. Lag es an der Abgeschiedenheit auf der Anhöhe oder an seinen handwerklich ungeschickten Händen, die bei der Sparkasse in der Stadt nicht schmutzig wurden? Und hätte er nicht besser eine Frau aus dem Dorf geheiratet? Hatte zu viel gesehen, war zu oft in der Stadt und zu wenig in der Kirche. War keiner von den Schwätzern, die jeder Biertisch wie das Bier den Hopfen brauchte. Die alles wussten und zu nichts taugten, weder Rechtsanwalt noch Direktor waren, sondern Milchlaster fuhren oder Dachrinnen bogen. Michl war keiner, der laut lachte. War wie sein Haus mit einer Mauer schon aus dem Dorf.
Trappenstein stand mit dem Rücken zur Wand, ein Kosmos aus Tradition und Inzucht, gegen den die Zeit arbeitete. Das Backhaus war verschwunden, die Brauerei ebenso wie der Schachclub. Selbst die Telefonzelle war zum Abriss freigegeben, zumindest sah sie so aus.
Nichts drang von hier nach draußen. Keine Zeitung schrieb, keine Website postete über Geschehnisse. Dass Dinge ihren Lauf nehmen könnten und Trappenstein im Rampenlicht stehen würde, war undenkbar.
Etwas schien die Welt in den Fugen zu halten. Doch irgendwann bricht die Kruste am dünnsten Punkt, hört das Gefüge auf zu ächzen, bevor es kracht.
Das Haus war in den Hang gebaut, als ob man Angst hatte, es könnte zu den anderen hinabrutschen. Der Keller war der Anker und wie ein Bergwerkstollen in den Felsen getrieben. Seit er die Birke gefällt hatte, sah es vor dem Haus nackt aus. Sie war zu groß geworden und verdeckte den Blick auf die Straße. Das hatte seine Frau so gewollt, denn sie liebte keine Überraschungen. Jetzt kam selten jemand den Weg vom Dorf herauf. Michl überlegte, einen neuen Baum an die kahle Stelle zu pflanzen, vielleicht eine Fichte, die schnell wachsen und mit ihren dicken, immergrünen Zweigen den leeren Weg verdecken würde.
Das Haus musste gewachsen sein, seitdem er allein darin wohnte. Wenn er von unten das Treppenhaus emporblickte, erschrak er vor den leeren Zimmern. Selbst der Klang hatte sich verändert und die wenigen Geräusche hallten nach, als ob sie nach Verstärkung riefen. Früher gab es im Stall noch Kühe, Schweine, ein paar Ziegen und einen Hund. Immer machte einer Lärm. Jetzt kamen die Geräusche wie aus dem Nichts, krochen aus den Wänden oder fielen von den Decken. Knarzten Balken, stöhnten Häuser, wenn sie einsam waren? Fehlte die Wärme der Menschen oder der Lärm der Kinder, den die dicken Wände aus Feldsteinen so gut verschluckten?
Michl erinnerte sich, als nach dem Krieg die Flüchtlinge aus dem Osten einquartiert worden waren. Die seltsam redeten und nur ein paar dürre Pferde mitgebracht hatten. Damals war das Haus voll bis unters Dach. In jedem Zimmer lebte eine Familie. Es wurde geliebt, geboren und gestorben – alles gleichzeitig. Damals, als man aufgehört hatte, die Hand zum deutschen Gruß zu heben. Als die Amerikaner ins Dorf gekommen waren, das sich rechtzeitig mit weißen Bettlaken geschmückt hatte. Das Haus hatte das Ende der Führerbilder an den Wänden nicht vergessen. Bei diffusem Licht sah man den alten quadratischen Schatten noch, König Ludwig, Hitler, Franz Josef Strauß. Der Rahmen hatte für alle gepasst.
Das Haus würde die stille Zeit überdauern. Es war für die Ewigkeit gebaut. Michl war der Letzte, nicht wie früher, als alle zusammen gelebt hatten. Als es nicht auffiel, wenn einer starb, weil ein anderer geboren wurde.
Vielleicht käme nach ihm eine Familie mit Kindern, die den Feldsteinen wieder Arbeit beim Lärmschlucken gäben? Vielleicht würden es Russen oder die, die man dafür hielt, abreißen, weil es alt war und ein neues hässliches Haus mit geraden, bunten Wänden bauen? Vielleicht würde auch gar nichts passieren, weil niemand ins Dorf zieht, und schon gar nicht in ein altes Haus, das seltsame Geräusche macht.
Michl musste beim Zeitunglesen im Sessel eingeschlafen sein, als etwas schwer wie eine Marmorplatte auf seiner Brust lag. Schweißgebadet schreckte er hoch, „Verdammt, runter von mir!“, brüllte er.
Doch es ließ sich nicht wegwischen, weil da nichts war. „Hier, hier“, hallte es von den Wänden.
Michl sprang auf und lief durchs Haus, doch wo immer er hinkam, traf er nur sich selbst. Die Leere war wie ein Schatten, der ihm überallhin folgte.
Er entdeckte Ecken im Haus, in denen er lange nicht mehr gewesen war. Sie existierten nur noch auf einer Karte des Vergessens, wie das Schlafzimmer seiner Mutter, unten im Erdgeschoss, das seit ihrem Tod leer stand. Wuchtige, dunkle Möbel erdrückten den Raum. Ein riesiges Jesusbild am Kopf des Bettes hütete den Schlaf der Zeit. Von der Decke streute eine Lampe, deren Marmorierung des Lampenschirms an ein Hakenkreuz erinnerte, kaltes Licht aus der Vergangenheit.
Die alte Standuhr, die wie ein Wächter der Zeit in einer Ecke stand, schlug Alarm. Michl zuckte zusammen. Die Schläge prallten an den Wänden ab, kamen zurück und dröhnten in seinem Kopf. Er hielt sich die Ohren zu, doch plötzlich war die Stille wieder zurück, der Schall von der Vergangenheit verschluckt. Das Pendel der Uhr stand still wie immer. Wer hatte es aufgezogen?
Die Tür vom Kleiderschrank knarzte, als Michl sie aufmachte. Er wusste, was er sehen würde. Die graue Wehrmachtsuniform hing verloren auf der Kleiderstange, schon seit vielen Jahrzehnten, darunter stand ein kleiner, alter Koffer. Seine Hand zitterte, als er über den rauen Stoff strich. Es war alles, was vom tausendjährigen Reich und seinem Vater übriggeblieben war, den der Krieg nicht mehr hergegeben hatte. Nie hatte seine Mutter die Überreste weggeworfen, als ob er jederzeit vor der Tür stehen könnte - jung, so wie er einst fortgegangen war. Nie hatte er sich wieder gemeldet.
Hastig stopfte er die Uniform in den Koffer und zog die Tür hinter sich zu, um den Koffer in den alten Felsenkeller zu schaffen. Schon lange war er nicht mehr dort gewesen. Im Zeitalter von Kühlschränken ein nutzloser Gang, einst als Vorratsraum tief in den Felsen getrieben. Die feuchtkühle Luft tastete nach ihm wie eine kalte Hand. Kaum hatte er den Koffer in eine dunkle Ecke abgestellt, war er die steile Holztreppe zurück nach oben geeilt. Mit dem Rücken an die Kellertür gelehnt keuchte er - sein Puls raste. Plötzlich schienen sie da zu sein, die vor ihm gegangen waren, Platz gemacht hatten. Jetzt konnten sie zurückkehren. Jetzt, wo alles leer und er allein war. Das Knarzen wurde zu Stimmen, die seinen Namen kannten.
„Wo seid ihr?“, rief er.
„Hier, hier“, neckten ihn die Wände.
Schauer kroch über ihn und trieb ihn durchs Haus. Raum für Raum schloss er die Türen ab. Vor dem Zimmer seiner Frau hielt er inne. Er spürte ihren Geruch, der noch in der Luft hing. Zaghaft rief er nach ihr, doch hier war alles still. Er strich über die Wäsche, Kleider und Jacken. Nie hatte er sich gefragt, was in ihren Schränken war. Alles schien seinen Platz zu haben, als ob sie jederzeit wiederkommen könnte. Tischdecken, Handtücher, Wollknäule, Weihnachtsschmuck, Wärmflaschen und Heizkissen. Banale Dinge, die ihm Tränen in die Augen trieben, wenn er daran dachte, mit welcher Sorgfalt sie das Haushaltskonvolut angesammelt hatte. Es hätte noch für mehrere Leben gereicht.
Michl ließ alles, wie es war, darum müssten sich andere kümmern – irgendwann – und drehte den Schlüssel um.
Die Erinnerungen wurden immer lauter, schienen aus den Schlüssellöchern zu kriechen. Er floh aus dem Haus und nahm den Pfad, der in den Wald führte, an Feldern vorbei zum Weiher, wo er als Kind schwimmen gelernt hatte. Dort, wo früher die Arbeiter im Winter das Eis stachen und mit Pferdegespannen zum Bierkühlen in den Eiskeller gebracht hatten.
Die weite Landschaft verschlang jeden Laut. Wie ein grünes Tuch lagen die Wiesen über die sanften Hügel gespannt. Sie waren ihm vertraut, seit er als Kind die Ziegen hier hüten musste, bis ihre Bäuche angeschwollen waren und er sie nachhause trieb. Jetzt war er der Getriebene. Immerzu drehte er sich um, suchte zu erspähen, ob ihm jemand gefolgt war. Gespenstisch ragten alte Kopfweiden gegen den Herbsthimmel und winkten ihm mit ihren Ästen zu. Immer weiter führte es ihn weg vom Dorf, bis seine Beine nicht mehr konnten, bis sich alles um ihn zu drehen begann und er erschöpft an einem Baum am Waldrand lehnte. Die Landschaft flimmerte vor ihm, schien zu tanzen, war mal nah, mal fern. Immer wieder entwand sie sich seinem Blick. Er umklammerte den Stamm, seine Hände gruben sich in die harte Rinde, bis Blut an seinen Fingern entlangrann. Es roch nach Harz und Eisen. Er blickte zur Baumkrone hoch, die wie eine riesige Klobürste kreiste und den Himmel reinigte. Seine Lunge brannte, sein Herz pochte, als ob es aus dem Hals springen wollte. Er verfluchte seinen alten Körper, der sogar für eine Flucht vor sich selbst nicht taugte.
Irgendwann kehrten die Konturen der Welt zurück. „Zum Teufel, hol mich doch!“, brüllte er.
Seine Stimme verhallte ohne Antwort. Der Wald sog die Geräusche auf wie ein Schwamm. Niemand kam ihn holen. Der Teufel hatte keine Zeit, Einsamkeit war Kleinkram. Er hätte viel zu tun, wenn er sich um alle kümmerte, die keine Lust mehr hatten oder verzweifelt waren. Die nicht warten konnten und nicht allein zurückgelassen werden wollten.
Er war mit den Katholiken beschäftigt, die an die Vergebung glaubten, nur weil sie ihr Elend dem Priester gebeichtet hatten. Gott hatte ihre Scheinheiligkeit schon lange satt und winkte sie nach unten durch. Das wussten die bloß nicht.
Wie ein Puffer lag die Anhöhe zwischen ihm und dem Alltag, der sich nicht durch den Tod beeindrucken ließ. Das Leben war mit sich selbst beschäftigt, schnell wurde vergessen, Gesichter verblassten und Inschriften vermoosten.
Michl war bei ihr gewesen, hatte das Totenlicht ausgewechselt und das Laub vom Grab gefegt. Ungläubig starrte er auf das Datum auf dem Kreuz. Wo war die Zeit geblieben? Niemand kümmerte sich um die Gräber der Schluckspechte. Vergessen war schlimmer als der Tod, und so stellte er zwei weitere Kerzen links und rechts auf.
Nur mit Cordjacke und ohne Mütze war er schlecht gegen den Nieselregen gerüstet, mit dem ihn der Wind das Gesicht abrieb, als er sich auf den Heimweg machte. Der alte Pfad schlängelte sich zwischen den Scheunen und Hinterhöfen entlang schiefer Zäune, die den uralten, gewundenen Grundstücksgrenzen folgten. Seit Brennnesseln und Brombeersträucher alles zuwucherten, drohten die Kapillargefäße des Dorfes zu verstopfen. Nirgends waren sie verzeichnet, bald würden sie verschwinden.
Plötzlich stand jemand in einem schwarzblauen Anzug und durchnässten Hausschuhen vor ihm. Es schien, eine Krähe saß auf seiner Schulter. Bei genauerem Hinsehen glich die ganze Gestalt irgendwie einer Krähe.
„Wohin des Weges?“, fragte der Unbekannte und versperrte den Weg, der so schmal war, dass seine Schultern fast die Zaunränder berührten.
Michl wunderte sich über den seltsamen Mann, den er noch nie in Trappenstein gesehen hatte. „Wurst holen, dort bei der Metzgerei“, log er und zeigte auf eine Hinterhofmauer mit der Aufschrift „Trappensteiner Landmetzgerei“; denn was ging es den Fremden an, wohin er ging, wenn er es selbst nicht wusste.
„Wurst hält Leib und Seele zusammen,“ meinte der Fremde.
Michl nickte und wollte sich an ihm vorbeidrängen, doch der Mann wich nicht zur Seite.
„Sieht so jemand aus, der einkaufen geht, durchnässt und ohne Tasche?“, fragte der Fremde.
Michl spürte den Blick des Mannes, der wie durch ihn hindurchsah und schaute an sich herab. Er sah nicht weniger seltsam aus als sein Gegenüber.
„Mir scheint, Du hast Dich verirrt, was Du suchst, gibt es hier nicht“, sagte der Fremde.
„Wieso?“, wandte Michl ein. Neben ihm ragte der Zwiebelturm der Kirche empor, gegenüber eine windschiefe Scheune – Trappenstein, keine Frage. „Woher weißt Du, was ich suche?“
„Lass die Toten ruhen, die brauchen Dich nicht. Sieh Dich unter den Lebenden um, Du bist noch jung,“ fuhr der Fremde fort. Unheimlich, seine Augen - schwarz und starr wie die eines Toten. Sie hatten mehr gesehen als nur diese Welt.
„Woher weißt Du das mit meiner Frau?“, wollte Michl wissen, doch der Mann zuckte nur mit den Schultern, oder waren es die Flügelschläge einer Krähe?
„Wurst frisst keine Einsamkeit“, war das letzte, was ihm der Wind zutrieb. Vom Mann keine Spur mehr.
Michl hatte keine Zeit der Krähe hinterherzusehen, denn aufgeregtes Bellen kam schnell näher. Fast spürte er den Atem des Rottweilers, der von der Rückseite der Metzgerei herangerast kam und ihn gefressen hätte, wäre da nicht der Zaun zwischen ihnen gewesen. Der mächtige Hund schien nichts von der Altersschwäche der morschen Latten zu wissen und bremste im letzten Augenblick. Er hörte plötzlich auf zu bellen. Erstaunt standen sie sich gegenüber und starrten sich an, denn Fremde waren sie nicht mehr gewohnt.
„Was kann ich für Dich tun?“, fragte plötzlich eine Stimme, deren warmer Klang nicht zum Geruch nach kaltem Fleisch im Verkaufsraum passte.
Elke. Sie waren zusammen auf der Schule gewesen, doch schon lange hatte er nicht mehr mit ihr geredet. Blass wie Gelbwurst in weißer Schürze hob sie sich kaum von den Fließen ab. Sie war nicht aus der Metzgerei wegzudenken. Wie ein lebendes Inventar stand sie hinter der Theke. Tag für Tag wog sie das tote Fleisch ab. Wie ein Zepter thronte ein Spieß in ihrer Hand, mit dem sie die Wurst aus der Vitrine holte. Nie irrte sie sich, schien im Voraus die Bestellzettel zu kennen.
Obwohl keine Schönheit, war Elke schnell mit Horst verheiratet gewesen, dann kamen die Kinder und das Übergewicht. Das fiel nicht weiter auf, denn Horst war noch dicker. Nie fehlte sie, sogar als Horst starb, stand sie hinter der Fleischtheke und ertrug die mitleidigen Blicke. Keiner konnte ahnen, dass es ihr besser ging als mit Horst, der mit seinem großen Durst und Appetit etwas gegolten hatte im Dorf.
Aus der durchnässten Cordjacke und seinem grauen Stoppelbart tropfte es eine Spur zu verwegen für Trappenstein. Wie ein Fremder nahm sich Michl zwischen den Frauen aus, die den Wetterbericht kannten und Regenschirme dabei hatten. Sie hielten Einkaufstaschen und Bestellzettel in den Händen. Es war nicht zu übersehen, dass es einiges gab, was man für ihn tun konnte.
Michl starrte an der Auslage vorbei, als ob sein Bestellzettel an einem der Fleischerhaken hing. In Naturdärme gestopft sahen die Würste wie Knüppel oder unförmige Erdklumpen aus. Nur die Bärchenwurst für Kinder lächelte ihm freundlich zu.
„Was würdest Du mir raten?“, fragte er Elke.
„Nimm irgendetwas, ist alles Wurst“, mischte sich die Habicht Helga ein, die prüfend zwischen ihrem Bestellzettel und der Auslage hin und her blickte.
Die Kauz Karin schlug Bierschinken vor, betonte aber, der sei nicht im Angebot.
„Komm wieder, wenn Du weißt, was Du willst oder geh zum Bäcker“, schnauzte ihn die Sperber Senta an, die bekannt war für ihre Kratzbürstigkeit. Aber weil sie die Frau vom Sperber und die Mutter seiner Söhne war, hatte man Verständnis, dass sie sich beim Wurstkaufen entspannen wollte.
