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Dorothea Makowski übergibt Niklas Adam einen Karton. Dieser enthält neben schriftlichen Aufzeichnungen auch Fotos und vier noch nicht entwickelte Kleinbildfilme: eine Art Nachlass von Arno Sperling. Arno ist verschwunden. Er hat als Fotoreporter von den Kriegsschauplätzen der Welt berichtet. Im Balkankrieg der 90er Jahre kommen ihm jedoch Zweifel am Sinn seiner Arbeit. Er gibt den Job auf und eröffnet ein biederes Fotostudio, das jedoch nur eine Alibifunktion hat und Renate, Arnos Frau, von seinem eigentlichen Plan ablenken soll, einen Bildband zum Thema "Lachen" zu verfassen. Zu diesem Zweck kehrt er in das Dorf zurück, in dem er aufgewachsen ist. Dort trifft er Dorothea, die einstige Pflegetochter seiner Eltern, und verliebt sich in sie. Das brisante Verhältnis zu Vater und Bruder weckt alte Auseinandersetzungen. Auf seinen Streifzügen durch die Landschaft der Kindheit stößt er auf eine Neonazi-Truppe, die er bei militärischen Übungen beobachtet, deren grausiger Höhepunkt eine Exekution ist. Arno fotografiert und ist entschlossen, den Führer der Nazis zu demaskieren. Doch bevor dies geschieht, wird er entdeckt und muss untertauchen. In der sich mehr und mehr zuspitzenden Situation trifft Arno eine verhängnisvolle Entscheidung. Kapitel um Kapitel entwickelt sich eine Familiengeschichte zur Liebesgeschichte und schließlich zum Thriller. Und das Lachen ...?
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Roman
All denen gewidmet, die mich ermutigt haben und deren Lachen mich beim Schreiben begleitet hat.
N. A.
*****
Wir werden nur von jenen Taten wirklich berührt, die Menschen aus ihren besten Empfindungen heraus in guter Absicht begehen, und von solchen, die normale Männer und Frauen gegen ihren Willen tun müssen und auch tun werden.
George Bernard Shaw
Ich sah verwundert zur Uhr, als der Türgong schlug; ein zaghaftes Dingdong, als hätte jemand versehentlich den Taster gedrückt. 22.19 Uhr. Dass es einer unserer Nachbarn war, schien ziemlich ausgeschlossen, denn die verkriechen sich nach dem heute-journal ins Bett, weil morgens um fünf die Nacht zu Ende ist.
»Nicki, gehst du bitte mal nachschauen!«, rief Laura.
Sie war zu sehr mit dem Bügeln meiner Hosen beschäftigt. Dabei trug ich für gewöhnlich nur vier; im Wechsel, versteht sich.
Laura, der personifizierte Staubwedel. Gleichgültig wann ich nach Hause kam, entweder bügelte sie oder polterte mit dem Staubsauger gegen Tisch- und Sesselbeine und entsprach der Wohnraum tatsächlich einmal ihrem Anspruch von Ordnung und Sauberkeit, rubbelte sie den Hochglanz der Küche noch eine Spur blanker. Sie verschmähte mein Mitleid. Für Bemerkungen wie: »Früher, vor der Geburt von Tim, als du noch im Liegenschaftsamt gearbeitet hast, brauchten wir den Staubsauger nur am Wochenende und trotzdem sind wir nicht im Dreck erstickt«, erntete ich nur warnende Blicke. Um dann nicht gleich ins nächste Fettnäpfchen zu treten, wechselte ich kurzerhand das Thema, denn ich wusste, wenn ich nachhakte und beispielsweise anfing, laut über die Organisation der Hausarbeit nachzudenken, dann drohte der Rest des Abends in allumfassendem Schweigen bei Salzgebäck und Glotze zu ersticken. Aber so weit ließ ich es inzwischen erst gar nicht mehr kommen, denn es gab einen Gesprächsstoff, der den Hausfrauenzorn rasch besänftigte: Tim, achtjähriger Stolz der Mutter und ihr, wie alle - außer mir - meinten, wie aus dem Gesicht geschnitten.
Diese Art von Rückzug funktionierte fast immer. Eine lange Ehe verlangt viel taktisches Geschick für Rückzüge. Eine gute auch?
Ich verließ also meine Diktathefte und ging zur Haustür; fast ein wenig froh, den Schreibtisch verlassen zu dürfen, weil mir die orthographischen Mängel meiner Schüler während der dreistündigen Korrektur ihrer Diktate einmal mehr meine Machtlosigkeit - oder sollte ich besser sagen, meine Unfähigkeit? - als Lehrer bewiesen hatten.
Ich öffnete, ohne zuvor durch die Sprechanlage die Identität des späten Besuchers festgestellt zu haben. Die junge Frau, die mich anlächelte, hatte ich zuvor noch nie gesehen, trotzdem glaubte ich, sie sofort zu erkennen. Es war ihr Lächeln, das mir vertraut vorkam; ein Lächeln, das ihre Gestalt förmlich aufleuchten ließ und sie in ein Fluidum tauchte, wie es mir bisher ähnlich nur bei Schwangeren aufgefallen war; kein Standardlächeln, nicht pflichtbewusst wie das einer Verkäuferin für Damenunterwäsche, nicht nur ein zaghaftes Heben der Mundwinkel, nein, alle Poren ihres Gesichts strahlten Lebensfreude aus.
Arno hatte bei unseren Gesprächen oft davon geschwärmt. »Ich habe tausendmal gesehen, wie sie lächelt«, hatte er gesagt, »beim Aufwachen, beim Frühstück, beim Spazierengehen, nach einem Geländelauf, beim Tanzen oder wenn ich sie fotografiere und jedesmal ist es anders.«
Im Licht der Vorplatzlampe glänzten ihre Augen beinahe schwarz wie geschliffene Melanite. Ihre dunkelblonden Locken waren mit hellen Strähnen durchsetzt, die wie Sonnenstreifen in einem Wasserfall schimmerten, der breit über ihre Schultern floss. Ja, dieser Wasserfall aus Locken stürzte nicht wild in die Tiefe, er floss still und würdevoll. Von den kräftigen Wangenknochen liefen Lachfältchen zum runden Kinn, wo sie in einem Grübchen versickerten. Zwischen Nasenrücken und Augenwinkeln tanzten Sommersprossen, die die Sonne der zurückliegenden Monate hervorgelockt hatte.
Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte ich, dass sie gezwungen lächelte und dass es ihr nicht gelang, eine geheime Unruhe zu unterdrücken.
»Ich suche Herrn Adam, Herrn Niklas Adam«, sagte sie.
»Sie haben ihn gefunden.«
»Arno schickt mich. Ich soll Ihnen dies hier bringen.«
Sie blickte verstört auf einen Karton, den sie vor ihren Füßen abgestellt hatte.
»Wo steckt denn der alte Halunke? Er scheint selbst das Telefonieren verlernt zu haben.«
»Ich weiß nicht ... Er wollte ... Sein Bruder ist ...« Ein Frösteln durchlief ihren Körper, als hätte sie ein eisiger Wind gestreift. »Am Sonntagabend habe ich ihn zuletzt gesehen.«
»Ist er denn nicht mehr in Thalbach?«
»Er kann ... Er hat viel geschrieben ... viele Fotos gemacht«, stotterte sie, und wieder wanderten ihre Augen zu dem Karton. »Er hat gesagt, dass ich Ihnen die Sachen bringen soll. Sie würden es verstehen und wissen, was zu tun ist.«
Sie sah mich flehend an, so als wollte sie sagen, nun nimm dieses Ding schon an dich und frag nicht länger. Ihr Lächeln war mit einem Mal verflogen und Zweifel furchte Mund- und Augenwinkel.
»Er glaubt, dass die Sachen bei Ihnen in Sicherheit sind. Die werden sie hier nicht suchen.«
»Seien Sie unbesorgt, liebe Dorothea«, sagte ich und bückte mich und klemmte den Karton unter den Arm, was sie mit einem erleichterten Lächeln quittierte.
»Woher wissen Sie ...?«
»Arno hat oft von Ihnen erzählt und was Ihr Lächeln betrifft, hat er nicht übertrieben, daran muss man Sie erkennen.«
»Bitte verzeihen Sie ... bin ziemlich durcheinander. Makowski, Dorothea Makowski. Sie haben richtig geraten.«
»Nun, gerade höflich bin ich wohl auch nicht gewesen. Noch immer habe ich Sie nicht hereingebeten. Meine Frau hat vermutlich Recht, wenn sie behauptet, ich sei ein stoffeliger Gastgeber.«
»Vielleicht können Sie ein andermal beweisen, dass Sie es nicht sind. Es war nicht leicht, Ihr Haus zu finden. Vielleicht sind sie uns gefolgt. Ich muss fort sein, bevor die bemerken, dass ich bei Ihnen war.«
»Die? Wer sind die? Was ist mit Arno? ... Dorothea, bitte bleiben Sie doch!«
»Sie werden es lesen!«, rief sie, schon am Gartentor. »Ich glaube, er hat alles aufgeschrieben. Und die Fotos! Schauen Sie sich die Fotos an!«
Grußlos, wie sie gekommen war, tauchte sie in der milden, nach vermoderndem Laub riechenden Oktobernacht unter. Ich hörte das Klappern ihrer Pumps auf dem Asphalt. Gleichzeitig wurde ein Auto angelassen.
Ich stand mit dem Karton unterm Arm in der offenen Haustür. Noch fragte ich mich nicht, was ich von dieser seltsamen Begegnung halten sollte, noch hüllte mich der Zauber von Dorotheas Lächeln ein und verhinderte weitergehende Gedanken. Ich bemerkte nicht, dass Laura plötzlich neben mir stand.
»Und?«, fragte sie. »Wer war der späte Gast?«
»Dorothea.«
»Die Dorothea?«
»Ja.«
»Das Mädchen, das deinem Freund den Verstand geraubt hat?«
»Was weißt du schon!«, bellte ich sie an.
»He! Was ist denn in dich gefahren?«
»Entschuldige bitte, aber seit sie fort ist, beschleicht mich so ein eigenartiges Gefühl.«
»Hat es etwas mit diesem Karton zu tun?«
»Damit auch ... vielleicht.«
»Und was ist drin?«, wollte sie wissen und bemerkte nicht, wie nervtötend ihre Fragen in diesem Augenblick waren.
Ich bin ungerecht, ich weiß, und deshalb sagte ich, meine dunkle Ahnung mit einem kräftigen Schuss Sarkasmus überspielend: »Vermutlich Arnos Vermächtnis.«
Am 17. Dezember des vergangenen Jahres, einem Donnerstag, war Arno Sperling völlig unerwartet bei mir hereingeschneit und hatte mich mit der ungewöhnlichen Bitte überfallen, ihm bei einem »Bilderbuchprojekt« behilflich zu sein. Und nun, ein knappes Jahr später, war er auf ähnlich kuriose Weise wieder verschwunden.
Gott weiß, welcher Teufel mich geritten hat, als ich mich zwei Tage nach Dorotheas seltsamem Besuch im Sekretariat der Schule krankgemeldet habe und nach Thalbach gefahren bin, um dort auf Spurensuche zu gehen. Ich fühlte mich irgendwie zuständig oder berufen, zumindest glaubte ich, irgendetwas unternehmen zu müssen.
Ich habe keinerlei Erfahrung mit solchen Situationen und werde mich möglicherweise wegen meines Verdachts in ein paar Tagen lächerlich machen. Wie dem auch sei - nachdem meine Recherchen in Thalbach erfolglos verlaufen sind, ist mir nichts Klügeres eingefallen, als nach Schönfeld zu fahren und beim dortigen Polizeirevier eine Vermisstenanzeige zu erstatten.
Ich hatte keine Ahnung, welche bürokratischen Schritte meiner Anzeige folgen würden. Ein sachkundigerer Kollege erklärte mir heute Vormittag, während einer Pause auf dem Schulhof, da es sich bei Arno um einen Erwachsenen handele, würden Durchschriften des Protokolls an die Landeskriminalämter verteilt und ansonsten werde abgewartet, bis irgendein Hinweis eingehe. »Wir leben schließlich in einem freien Land«, sagte er, »und da kann jeder seine Koffer nehmen und gehen, wann und wohin er will.«
Und nun stelle ich mir vor, wie die ermittelnden Provinzkriminalisten - falls sie überhaupt etwas tun, außer abzuwarten - Aktenordner mit Belegen von Arnos Existenz füllen. Im Schein der ländlichen Thalbacher Idylle werden ihnen wahrscheinlich die gleichen wichtigtuerischen Vermutungen aufgetischt wie mir bei meinem naiven Detektivspiel: Geflüster hinter vorgehaltener Hand, Stammtischgeschwätz, Hausfrauentratsch, Dorfklüngel - nichts, was meinen Verdacht erhärten würde.
»Es gibt kaum einen, dem er mit seiner Fotokamera nicht vor der Nase herumgefuchtelt hat«, erzählte mir Georg Dunkel, der Wehrführer der örtlichen Feuerwehr, den ich aufsuchte, nachdem ich die verkohlten Fensterrahmen im Erdgeschoss von Arnos Elternhaus gesehen hatte. »Viele Freunde hat er sich damit nicht gemacht, denke ich. Außer Dorothea vielleicht«, mutmaßte Dunkel, während er den Schuhschrank aufklappte und ein Paar blank polierte Halbschuhe herausnahm. »Eine Zeitlang hingen die beiden wie Kletten aneinander. Verstanden hat’s niemand, denn dieser Sperling ist einer, vor dem sie meilenweit davonlaufen sollte, denke ich. Aber wer kennt schon die Geheimnisse der Frauenherzen?«
Und dann berichtete mir der philosophierende Feuerwehrmann, wie es am vergangenen Sonntag zum Brand in Arnos Elternhaus gekommen war.
Arnos Bruder Felix hatte als Gastredner auf einer Versammlung des SPD Ortsvereins gesprochen. Die Thalbacher Genossinen und Genossen hatten die Veranstaltung allein wegen ihm auf den Sonntagabend verlegt, weil sein Terminkalender während der Woche lückenlos vollgestopft gewesen war. Dass man andernorts den Tag der Deutschen Einheit bejubelte, hatte dabei keine Rolle gespielt. Für öffentliches Schulterklopfen waren nun mal die in Bonn zuständig; in Thalbach hatten sie das ganze Wiedervereinigungsgerangel von Anfang an mehr von der pragmatischen Seite betrachtet.
»Wochenende gibt’s für den Sperling nicht. Seine Kanzlei und die Politik unter einen Hut zu bringen, das verlangt schon einiges, denke ich. Na, er hat’s ja so gewollt.«
Als er nach der Veranstaltung noch kurz bei seinem Bruder habe vorbeischauen wollen, hätten die Gardinen des Wohnzimmers bereits lichterloh gebrannt. Über das Autotelefon habe er die Feuerwehr alarmiert. Dann habe er sich, von der Furcht getrieben, dem Bruder könne etwas zugestoßen sein, in das brennende Erdgeschoss gewagt.
Dunkel knöpfte sich die Uniformjacke zu und prüfte ihren Sitz im Spiegel der Flurgarderobe. Dann ging er in sein pedantisch aufgeräumtes Junggesellenwohnzimmer und holte einen Ringordner aus dem Schreibtisch.
»Ich denke, ihr Freund war mal wieder blau und is’ mit ’ner Zigarette vor dem Fernseher eingeschlafen. Es kann nur so gewesen sein«, spekulierte er.
»Und? Hat er Arno gefunden?«, fragte ich.
»Nee, das Haus war leer. Der seltsame Knabe hat sich wohl rechtzeitig verdrückt.«
»Vielleicht ist er gar nicht drin gewesen. Vielleicht war er bei Frau Makowski. Wurde sie befragt?«
Dunkel sah mich zwei Sekunden misstrauisch an, dann blätterte er in seinem Ordner und schüttelte den Kopf.
»Es muss so gewesen sein. Aber Felix wollte keinen Wirbel, von wegen Polizei und Anzeige und so weiter. Is’ ja auch verständlich, denke ich. Wer haut schon gerne den eigenen Bruder in die Pfanne? Zumal wir den Brand ziemlich schnell unter Kontrolle hatten. Die Männer haben erstklassig gespurt.« Er schien vor Stolz in seiner Uniform zu wachsen. »Wie ich ihn kenne, wird er sich auf unserer nächsten Hauptversammlung mit ’ner anständigen Spende revanchieren. Is’ schon ein feiner Kerl, der Felix. Gott sei Dank hat er sich nur ein paar kleine Brandwunden im Gesicht und an den Händen zugezogen. Und das mit dem Haus, denke ich, bringt er auch bald wieder in Ordnung. So, und jetzt müssen Sie mich entschuldigen, muss zur Wehrführersitzung nach Schönfeld.«
Es war beachtlich, wie der redselige Feuerwehrmann über alles und jeden im Ort nachzudenken schien und möglicherweise lag er ja richtig. Trotzdem kam ich mir bei meinen Nachforschungen vor, als sei ich in die Kulissen der 536sten Fortsetzung einer RTL-Seifenoper gestolpert; es gab Helden, und es gab Bösewichte - wie im richtigen Fernsehleben. Durfte ich ihren local hero demontieren, bloß weil mir sein angebliches »Nur-kurz-vorbeischauen-wollen« nicht besonders schmeckte?
Wann Arno tatsächlich verschwunden war, konnte mir keiner sagen. Im Gegenteil, wenn ich die verschiedenen Aussagen miteinander verglich, dann war er gleichzeitig an den unterschiedlichsten Orten gesehen worden.
Nur wahre Bösewichte schaffen das, dachte ich und grinste in mich hinein, als man mir erzählte, dass er schon als Jugendlicher ein halsstarriger Vogel gewesen sei, ein kaum zu durchschauender Sonderling, den selbst sein Vater, der sonst so gewiefte Hans Sperling, nicht in den Griff bekommen hatte. Das war nichts Neues für mich, denn zu der Zeit, als er ein halsstarriger Vogel gewesen sein soll, war ich ihm täglich begegnet.
»Hat’s Blut seiner Mutter in den Adern, der Junge. Die hat’s auch immer unterm Rock gejuckt. Aber man darf ja nichts sagen. Jedenfalls hat sie’s irgendwann nicht mehr ausgehalten und is’ mit ’nem pomadigen Spaghettifresser durchgebrannt. Der Hans hätte’s erschlagen sollen, das undankbare Luder«, krähte eine verwitterte Alte aus der Nachbarschaft über den Gartenzaun. Gebückt kauerte sie über einer Furche und sammelte Kartoffeln in einen Sack. Mehr ließ sie sich nicht entlocken. Im nächsten Augenblick hatte sie sich bereits wieder dieselbe Gleichgültigkeit übergestülpt, auf die ich in Thalbach überall stieß, wenn ich nach Arno fragte.
Ich fand, dass sich die Bilanz meines gesammelten Gemunkels vortrefflich als Grundlage für ein Drehbuch zu einem Heimatfilm im Stil der fünfziger Jahre eignete: Handgreiflichkeiten zwischen Arno und Felix wegen Dorothea; Abschiebung des Vaters nach dessen Schlaganfall ins Pflegeheim; Streit zwischen den Brüdern wegen der Aufteilung des zu erwartenden Erbes und so weiter.
»Blödsinniges Gerede. Der Sperling ist ein aufrichtiger Sozi. Die Schwarzen wühlen nur mal wieder im Schlamm, um ihm irgendwie an den Karren pinkeln zu können«, wiegelten seine ebenso aufrichtigen Genossen ab.
Schließlich konnte ich meinen Verdacht nicht länger unterdrücken, versuchte aber, ihn so unverfänglich wie möglich zu formulieren. »Gibt es Rechtsradikale hier im Ort?«
Man schaute mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Bescheuerte Frage. Ganze zwölf Stimmen hatten die Rechten bei den letzten Wahlen bekommen. »Geheime Nazi-Treffen gab es nicht und wird es in Tahlbach nicht geben. Dafür stehe ich!«, versicherte mir der Ortsvorsteher mit zornroten Backen und Schweißperlen in den Falten seiner Stirn.
Es klang fast beschwörend, und vielleicht schwirrte mir gerade deshalb Dorotheas Bemerkung unablässig durch den Kopf: »Ich muss fort sein, bevor die bemerken, dass ich bei Ihnen war.«
Mehrmals hatte ich von zu Hause versucht, sie telefonisch zu erreichen, und als ich später in Thalbach ankam, läutete ich zuerst an ihrer Wohnungstür. Ohne Erfolg.
»Vielleicht ist sie zum Höhentraining in der Schweiz«, sagte Frau Schimmelpfennig, die Inhaberin der Thalbacher Apotheke. »Obwohl ... Es ist ja schon wieder Oktober. In die Höhe geht sie sonst immer im Frühjahr. Lassen Sie mich überlegen ... Ja, am Dienstag war sie zuletzt hier. Sie kam mir ziemlich zerstreut vor und bat um zwei Wochen Urlaub. Ich habe sie nicht gefragt, wohin sie verreisen wolle. Das geht mich ja nichts an. Sie müssen wissen, meine Apotheke ist mehr Alibi als Arbeit für das Mädchen. Die meiste Zeit trainiert sie oder reist um den Globus, um bei einem Meeting - so nennt man doch heutzutage die Sportfeste, nicht wahr? - mitzurennen. Die Leute hier sind mächtig stolz auf sie.«
»Am Dienstag haben Sie sie also zuletzt gesehen?«
»Ja ... Vielleicht war’s auch am Montag. Die Zeit zerrinnt einem ja unter den Fingern.«
Dienstag war durchaus wahrscheinlich, dachte ich, denn da hatte sie abends mit dem Karton vor meiner Tür gestanden.
Heinz Fichte, der Vorsitzende des Thalbacher Leichtathletikvereins, wich meiner Frage nach Dorothea aus. Er gefiel sich in der Pose des umsichtigen Lenkers und belächelte Frau Schimmelpfennigs Angaben hinsichtlich des Höhentrainings.
»Dorothea ist unser bestes Pferd im Stall, wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben. Waren schon eine ganze Reihe renommierter Clubs hinter ihr her. So ein kleiner Verein wie wir hat’s da nicht leicht, das können Sie mir glauben. Ohne Geld, viel Geld, geht gar nichts mehr.« Er rückte seinen dunkelblauen Blazer zurecht und lud mich ein, neben ihm an der Theke des Vereinsheimes Platz zu nehmen. Vertraulich raunte er mir ins Ohr: »Gut, dass wir den Sperling haben.«
Er bemerkte meinen verständnislosen Gesichtsausdruck.
»Ich meine den Bruder, den Felix Sperling«, erklärte er wohlwollend.
»Der Bruder, aha«, sagte ich. »Und der besorgt das Geld.«
»Hm«, grunzte Fichte. »Hat ausgezeichnete Verbindungen. Na, so läuft das nun mal. So muss es laufen! Ohne Sponsoren kann man den Laden gleich dicht machen. Und unsere Dorothea, na ja, an ihr hat er wohl auch ein gewisses persönliches Interesse.«
Er warf mir ein Augenzwinkern zu, aus dem ich wohl schließen sollte, dass er zwar über alles im Bilde sei, aber nicht mehr verraten dürfe.
»Und wo finde ich diesen Felix Sperling?«
»Schwierig. Seit der alte Hans im Heim ist, steht das Haus meist leer. Und jetzt, nach dem Brand ... Sein Bruder hat den Sommer über dort gewohnt, aber das wussten Sie bereits, nehme ich an.«
Ich nickte.
»Felix, nun ja, er hat eine Wohnung in Schönfeld, ist aber häufig unterwegs. Er ist unser Wahlkreiskandidat für den nächsten Bundestag. Vielleicht versuchen Sie’s mal in seiner Kanzlei.«
Als ich Dorotheas Besuch beiläufig erwähnte und ihn fragte, ob er sich einen Reim auf ihr seltsames Verhalten machen könne, lächelte er herablassend, so dass ich mir für einen Augenblick selbst wie ein hoffnungsloser Spinner vorkam.
»Nee, mein Lieber, unsere Dorothea weiß genau, was sie will. Angst kennt die nicht. Ich denke, Sie haben das Mädchen bloß falsch verstanden.«
Das hatte ich nicht und ich war froh, ihm nichts von dem Karton erzählt zu haben.
Auch Else Kötter, die frühere Haushälterin der Sperlings, traf ich nicht zu Hause an, und so fuhr ich nach Schönfeld und versuchte, Arnos Bruder zu treffen.
Vergeblich. Auslandsreise. »Ein Kurzurlaub«, erklärte mir das brünette Pummelchen in seinem Vorzimmer. »Herr Sperling wäre beinahe bei einem Brand ums Leben gekommen.« Ihre Augen leuchteten wie die von Miss Moneypenny und ich hätte mich nicht gewundert, wenn im nächsten Augenblick ein Filzhut durch den Raum geschwirrt und auf dem Garderobenständer gelandet wäre.
»Der Bruder von Herrn Sperling? ... Ja, zwei- oder dreimal ist er hier in der Kanzlei gewesen. Irgendwann im Sommer«, flötete sie.
Ich spürte, dass sie mir nicht mehr sagen durfte oder wollte, ohne in Gewissenskonflikte zu geraten. Aber für einen Missbrauch ihrer Vertrauensstellung wollte ich nicht verantwortlich sein. Ich denke, man sollte die Diskretion der Menschen als einen Teil ihrer Würde respektieren.
Wenn es wichtig sei, solle ich meine Telefonnummer hinterlassen, sie werde dann einen Termin vereinbaren.
Ich kann dir meine staubigen Schuhe hierlassen, Mädel, dachte ich und verabschiedete mich. Die Frage nach Dorothea verkniff ich mir, weil ich das Funkeln in ihren Augen bemerkt hatte, wenn sie den Namen ihres Chefs aussprach, und deshalb wollte ich ihre Illusionen nicht trüben, indem ich sie mit einer möglichen Konkurrentin konfrontierte.
Alles schien in bester Ordnung zu sein, überall begegnete mir normale Alltäglichkeit, nichts Ungewöhnliches. Nur Arno, der meinen abenteuerlichen Verdacht hätte zerstreuen können, fehlte, blieb stumm, gab kein Zeichen. Und genau das war - zumal nach Dorotheas Besuch - eben doch ungewöhnlich.
Ich kam mir vor, als hätte ich tagelang an einem Puzzle herumgebastelt, bloß um am Ende feststellen zu müssen, dass ein Teil im Zentrum fehlt. Normalerweise wird dann die Wohnung auf den Kopf gestellt und der Staubsaugerbeutel, der Müllsack und der Stapel mit den alten Zeitungen durchwühlt und meist wird man fündig. Bei diesem Puzzle jedoch konnte ich auf keinen Staubsaugerbeutel zurückgreifen und deshalb entschied ich mich schließlich für die Schönfelder Polizei.
Dort hackte ein junger Beamter meine Ratlosigkeit und meine zweifelhaften Ahnungen routinemäßig in eine alte Schreibmaschine und ließ mich nach einer Viertelstunde das Protokoll lesen und unterschreiben. Als er mich um ein Foto des Vermissten bat, musste ich achselzuckend passen, aber ich versprach, dass ich mich bemühen werde, ein aktuelles aufzutreiben. Er nickte gelangweilt und versicherte, man werde mich über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden halten. Floskeln, mit denen der fragwürdige Sherlock Holmes auf den fachwerkgesäumten Marktplatz von Schönfeld entlassen wurde.
Den anschließenden unangemeldeten Besuch bei meinen Eltern hätte ich mir besser ersparen sollen. Er beförderte meine trübselige Stimmung noch tiefer in den Keller. Aber was hatte ich erwartet?
Meine Mutter bekommt zwar jedesmal feuchte Augen, wenn sie mir an der Wohnungstür um den Hals fällt, aber auch nach langen Phasen des Schweigens und der Trennung scheint es noch immer kein Thema zu geben, über das wir entspannt miteinander reden können, irgendein unausgesprochener Vorwurf schwebt immer in der Luft, so dass ich mir auch heute noch, nachdem ich selbst längst Vater geworden bin, wie ein missratener Sohn vorkomme.
Mein Vater, seit einem Jahr ein zufriedener Pensionär, lag träge im neuen Fernsehsessel und zappte mit der Fernbedienung von einem Kanal zum anderen. Mutter zerrte das Waffeleisen hervor. Wortloses Einverständnis, wortloses Kaffeetrinken, untermalt von Werbespots auf SAT1 und dem Wetterbericht der ARD. Nach zwei Stunden floh ich. Ich spürte Mutters tränenverschleierten Blick im Nacken, als ich die vier Treppen hinuntersprang.
Die Pferde meines Golfs brüllten entrüstet wegen der ungewohnt scharfen Gangart, die ich ihnen auf der Autobahn abverlangte und mein nervöser Magen, seit Kindertagen das Barometer meiner Seelenlage, zog sich krampfartig zusammen, als ob er von Tritten drangsaliert worden wäre - von Tritten mit grobstolligen Lederstiefeln.
Es ist seltsam, wenn ich die Schlagzeilen der Zeitungen lese, das lodernde Feuer eines neuen Brandanschlages und trommelnde, kahlgeschorene junge Männer in schwarzen Kampfstiefeln über den Bildschirm stampfen sehe - ihre aufgehetzten, kalten Gesichter, die ausgestreckten Arme -, wenn ich die gebrüllte Dummheit höre, die mir die Sprache verschlägt, dann sehe ich unwillkürlich Dorothea vor mir, Dorothea und Arnos Karton - und ich höre die Beklommenheit, die über ihren hastigen, unvollständigen Sätzen schwebt. Die Vorstellung, dass Arno diesmal nicht freiwillig verschwunden sein könnte, lässt mich erschauern. Vielleicht geht auch nur meine Phantasie mit mir durch, vielleicht bin ich trotz der vielen Ferientage, die man als Lehrer hat, reif für die Insel. Laura jedenfalls behauptet das bei jeder Gelegenheit. Ich wäre froh, wenn es so wäre, denn dann müsste ich mich nicht länger mit der fixen Idee herumquälen, dass Arnos Verschwinden irgendetwas mit dem Wiederaufleben jener anderen widerwärtigen Geschichte zu tun hat, die wir alle glaubten, für immer und ewig unter dem Schutt und der Asche des tausendjährigen Größenwahns begraben zu haben.
Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal mit den gleichen peinlichen Fragen konfrontiert werden würde, mit denen ich als jugendlicher Weltverbesserer meine Eltern und Großeltern in Verlegenheit gebracht habe: »Was habt ihr dagegen unternommen? Wo habt ihr gestanden? Warum habt ihr schweigend zugesehen?« Sie treffen mich unvorbereitet und entblößen deshalb um so mehr meine rechthaberische Arroganz, die den längst vergessenen Bumerang ignoriert, der vor Jahrzehnten von einer blinden, belogenen und gedemütigten Generation ins All geschleudert - nach dem Erreichen des fernen Scheitelpunktes seiner Flugbahn nun wie ein feindliches, fremdes Flugobjekt auf das Glashaus zurast, in dem ich mir unantastbar vorgekommen bin, im Wesentlichen damit beschäftigt, die Neurosen meines Daseins zu pflegen. Und vielleicht ist es nur ein Auswuchs dieser Neurosen, dass ich die Vorstellung nicht unterdrücken kann, dass sich diejenigen noch frei unter uns bewegen, die Arno ... Unsinn!, befehle ich meiner Phantasie. Noch wird ermittelt, wenn auch ohne vorzeigbaren Fortschritt - was nach zwei oder drei Tagen gewiss noch nichts bedeuten muss -, aber noch sind sie nicht zu mir gekommen weder die Ermittler noch die Täter - und haben nach dem Karton gefragt, der jetzt neben meinem Schreibtisch steht.
Ich habe ihn aus der hintersten Ecke meines Arbeitszimmers unter alten Zeitungen und leeren Aktenordnern hervorgezogen. Ein Versandhauskarton aus blauer Wellpappe, in dem irgendwann einmal Hosen oder Hemden oder Bettbezüge verschickt worden sind, der jetzt - nicht zuletzt von meinem vielen Hin- und Herschieben, Öffnen und Schließen - an den Ecken zerbeult und zerschlissen ist. Ich weiß, was er enthält: neun Pappschachteln, in denen mehr als achthundert Dias aufbewahrt sind; vier Filmdosen, in denen Diafilme stecken, von denen ich nicht weiß, ob sie belichtet sind; zwölf Schulhefte, Format DIN A5, engbeschrieben.
Am liebsten möchte ich mich wegen der Oberflächlichkeit ohrfeigen, mit der ich die Aufzeichnungen und die Lichtbilder bisher durchgesehen habe. Warum hat Dorotheas Besuch meine Neugier nicht sofort geweckt? Warum habe ich - abgesehen von meinem Detektivspiel und der Vermisstenanzeige - drei weitere Tage untätig verstreichen lassen? Warum konnte ich nicht ein einziges Mal spontan handeln?
Drei Tage sind nichts, versuche ich mir einzureden, doch gleichzeitig beginne ich zu ahnen, dass sie für Arno zur Ewigkeit geworden sein könnten.
Allmählich gestehe ich mir ein, welchen Reiz Dorothea auf mich ausgeübt hat. Ihr Flair hat meinen Blick so sehr verschleiert, dass ich bei der ersten Durchsicht des Kartons immer nur sie vor mir sah. Ich beneidete Arno. Ja, ich wurde eifersüchtig auf ihn und war deshalb unfähig, mich auf etwas anderes als die Dias zu konzentrieren, auf denen sie zu sehen ist - was bei mehr als der Hälfte der Aufnahmen der Fall sein dürfte. Arno hat gewiss nicht damit gerechnet, dass ich mich in den wenigen Minuten unserer Begegnung in Dorothea verlieben würde. Meine Dummheit ist unbeschreiblich.
Ich habe wertvolle Zeit verstreichen lassen und diesen Fehler kann ich nicht ungeschehen machen. Aber nach meinem jämmerlichen Auftritt in Thalbach will ich nun noch einmal mit dem Öffnen des Kartons beginnen. Seit dem ersten flüchtigen Durchblättern der Hefte weiß ich, dass sie die Konturen einer Liebesgeschichte enthalten, die Arnos Leben umgekrempelt hat. Was noch? Was wollte er mir mitteilen, indem er mir den Karton anvertraute?
Ich stapele die Hefte auf meinen Schreibtisch. Sie sind weder nummeriert noch deutet sonst etwas auf eine chronologische Ordnung der Aufzeichnungen hin. Ich schlage sie willkürlich auf und beginne bald zu ahnen, dass ich die Liebesgeschichte nicht übergehen kann, dass ich sie erzählen muss, wenn ich das andere ans Licht bringen will. Genau davor aber graut mir, denn ich kann keine Liebesgeschichten erzählen. Ich habe es oft versucht, doch die Resultate waren stets erbärmlich.
Den blauen Karton beeindruckt das nicht im Geringsten. Sein zerfledderter Rachen hat etwas Bedrohliches, als wolle er mich warnen und die Gedanken an meine gescheiterten Schreibversuche verscheuchen.
Ich lese bis tief in die Nacht hinein. Gegen drei Uhr morgens kommt Laura hereingeschlurft. Sie sieht mich schlaftrunken an und murmelt: »Mir scheint, du hast tatsächlich nicht mehr alle Tassen im Schrank.« Ich beachte sie nicht und frage mich stattdessen, was ich über einen Mann sagen soll, den ich zwanzig Jahre aus den Augen verloren hatte? Wie kann ich seine Geschichte erzählen? Eine Geschichte, bei der ich nicht weiß, wo ich beginnen soll - vom Ende ganz zu schweigen.
Ich gestehe, dass ich mich gerne davor drücken würde, dass ich viel lieber eins dieser grellen Computerspiele auf den Bildschirm zaubern würde, um meinen Kopf nicht mit den verworrenen Lebensumständen anderer Leute belasten zu müssen. Doch ich habe mich eingemischt, ohne an die Folgen zu denken, bin Teil eines Mosaiks geworden, ebenso wie Arno und Dorothea und dieser Karton.
Ich ziehe ein neues Heft aus dem Stapel und lasse meine Nase darin schnuppern. Die Tatsachen scheinen in Bild und Schrift dokumentiert vorzuliegen. Ich muss nur Ordnung hineinbringen und meinen Computer damit füttern. Trotzdem bleibt es eine Gratwanderung zwischen Wahrheit und subjektivem Empfinden, denn niemand wagt es, ein ehrliches Geständnis über die Fehlschläge oder Glücksmomente seiner Liebe niederzuschreiben. Die Zeichen richtig zu deuten, darum geht es.
Ich suche nach einer Zigarette, als hätte ich vergessen, dass ich seit vier Wochen nicht mehr rauche. Das macht es auch nicht leichter. Eine Liebesgeschichte ohne Qualm vor den Augen - absurder Gedanke.
Das Einschalten des Rechners lässt sich nicht länger hinauszögern. Während er das Betriebssystem lädt, greife ich noch einmal in den Karton, nehme die Schachteln mit den Dias heraus, lege sie griffbereit neben die Hefte und hoffe, wenigstens ansatzweise einmal der Schatten von Philip Marlow zu sein.
»Tut mir Leid, alter Junge, wenn ich deinen häuslichen Frieden so unangemeldet störe, aber ich brauche ein paar kluge Sätze von dir.«
Ich erinnere mich nicht mehr, welche Gedanken mir durch den Kopf gingen, als Arno Sperling an jenem diesigen Dezemberabend des vergangenen Jahres in unser Haus wirbelte. Ich winkte ihn sprachlos herein und ließ mich bereitwillig von seinem Tatendrang anstecken, so als hätte etwas in mir nur auf einen Kick gewartet, der meine trübe Stimmung wegfegte.
Äußerlich hatte ihn die Zeit verschont. Im Gegensatz zu meinen Stoppeln, die sich zu streiten scheinen, ob sie erst grau werden oder gleich ausfallen sollen, war sein Haar dunkel, dicht und lockig wie damals, während der Flower-Power-Zeit; als habe man noch immer keinen Kamm erfunden, mit dem er die launischen Büschel bändigen konnte, die sich über seinen Hemdkragen kringelten.
Obwohl er hager aussah, ohne Bauchansatz und Hüftringen über dem Gürtel, und damit in keinster Weise dem Stammtischklischee gerecht wurde, dass ein Mann ohne Bauch eigentlich kein richtiger Mann sei, wirkte er dennoch nicht athletisch wie ein Dressman, dazu fehlte seinen Bewegungen der trainierte Schliff. Trotz seiner Impulsivität kam er mir ungelenk und eckig vor, als läge ihm nichts ferner als der Schablone eines abgetakelten Zehnkämpfers zu entsprechen, einem Wunschbild, das heutzutage vielen Männern unseres Alters vorschwebt und für das sie sich zäh und schweißtreibend durch den Gerätepark von Fitness-Studios strampeln. Arno war eher eine Karikatur dieses modernen Ideals. Seine leicht nach vorn hängenden Schultern und sein wippender unmilitärischer Gang schienen mit jedem Schritt das unvergessene Kasernenhofgeplärr »Brust raus und Arsch zusammenkneifen, damit ein Fünfmarkstück die Prägung verliert!« lügen strafen zu wollen. Zwei Reihen makelloser, jedem Gesundheitsreformgesetz spottender Zähne blinkten mich an und seine Augen, seidiges Blau unter kräftigen Brauenschwüngen, funkelten so spitzbübisch wie einst, als er der Schrecken unserer Schule gewesen war.
Er tat so, als lägen nicht Äonen von kleinen Alltagssorgen zwischen uns, sondern als seien wir uns erst beim Frühstück zuletzt begegnet. Er sprühte vor burschikosem Witz und taxierte Laura mit unverhohlenen Blicken, in denen ich ein anerkennendes Leuchten zu erkennen glaubte. Der Eifer, mit dem er seine Sätze abspulte, erstickte jeden meiner Einwände, so dass ich ihn schließlich nicht mehr zu unterbrechen versuchte und mich mit der Rolle des Zuhörers begnügte.
Während er plaudernd durchs Zimmer schritt, musterte er verstohlen das Mobiliar und verweilte, ohne seinen Redeschwall zu vermindern, einige Augenblicke vor den beiden Lithographien von Chagalls Ich und das Dorf und Otto Dix' Drei Dirnen auf der Straße.
»Ein prima Nest habt ihr euch gebaut«, sagte er beiläufig. »Hier kann man sich wohlfühlen.«
Sein Überrumpelungsmanöver hatte uns so sehr verblüfft, dass wir erst wieder zu uns fanden, als er sich plötzlich in einen Sessel fallen ließ und mit gierigen Schlucken das Bier austrank, das ihm Laura inzwischen eingeschenkt hatte. Ich lachte still in mich hinein, als ich sah, wie sie, sichtlich von seinem Charme angetan, um ihn herumschwänzelte und ihn anhimmelte.
Ich gebe zu, auch mich hatte er beeindruckt, aber im Gegensatz zu Laura spürte ich die Spannung, die er ausstrahlte. Gewiss, er war auch seinerzeit ein quicklebendiger Bursche gewesen, doch schien er mir jetzt eine Spur zu kess; seine Lässigkeit kam mir irgendwie aufgesetzt vor.
Er lobte meine beiden Kurzgeschichten, die kürzlich in der Sonntagszeitung erschienen waren. Erst sie hätten ihn auf den Gedanken gebracht, mir seinen Plan vorzutragen. »Deine Schreibe hat etwas ... Das Resultat einer fleißigen Jugend«, sagte er augenzwinkernd zu Laura gewandt. Dann griff er nach seiner Ledermappe, öffnete den Reißverschluss und zog eine Handvoll Skizzen und Fotografien heraus. »Ich habe bisher nur sporadisch daran gearbeitet«, sagte er, während ich die in Klarsichtfolien steckenden großformatigen Fotos betrachtete, »doch das wird sich nun ändern. Man hat mir eine Dozentenstelle an der Kunsthochschule angeboten. Aber das bleibt unter uns, davon weiß noch niemand etwas und noch habe ich nicht zugesagt. Bevor ich den Leuten etwas über Fotografie erzähle, will ich zunächst dies hier zu Ende bringen. Erst muss ich raus aus allem und den Kopf frei kriegen.«
Wovon er sich befreien müsse, sagte er an diesem ersten Abend nicht und meine Zwischenfragen, an welche Art »kluger Sätze« er gedacht habe, die ich zu seinem Buchprojekt beitragen solle, ließ er unbeantwortet im Raum stehen.
»Für Einzelheiten ist später noch Zeit«, meinte er, »heute will ich dich nur für mein Konzept gewinnen. Genauer gesagt, für das Lachen.«
»Das Lachen?«
»Ja, das Lachen! ... Hast du dich mal in unseren Straßen umgesehen? Ist dir nicht aufgefallen, dass der Verlust des Lachens wie eine schleichende Seuche grassiert? Auch ich hab’s verlernt oder in irgendeinem Flüchtlingslager verloren. Vielleicht habe ich’s auch nie wirklich gekonnt, wie so vieles, wer weiß. Aber vom Bildermachen verstehe ich etwas und deshalb will ich versuchen, das Lachen, solange es noch irgendwo existiert, ausfindig zu machen, gleichgültig, ob es mir freundlich, fröhlich, bösartig, zynisch, herzlich, hinterhältig, ironisch, diebisch oder sonstwie skurril vor die Kamera läuft ... Ich sehe dir an, dass dir der Gedanke absonderlich vorkommt, aber wenn du willst, kannst du das Ganze auch als Therapie betrachten, um meine verkorkste Seele wieder einzunorden.«
Mir kam das alles tatsächlich ziemlich abstrakt vor, wenig greifbar und noch weniger durchdacht -fast wie das Resultat einer Bierlaune. Ein Bilderbuch des Lachens. Eine seltsame Idee, fand ich, fernab von allem, mit dem ich mich bei meiner Schreiberei bisher beschäftigt hatte. Für Arno jedoch stellte dieses Projekt offensichtlich eine logische Konsequenz seiner Arbeit dar und es schien für ihn selbstverständlich zu sein, dass ich mich daran beteiligte.
So plötzlich wie er hereingeschneit war, verschwand er dann auch wieder; beinahe fluchtartig, wie nach einem Überfall. Einen Moment lang zweifelte ich, ob ich tatsächlich ihm oder einem Phantom der Vergangenheit begegnet war.
»Das soll fürs Erste genügen«, sagte er, schwang sich ruckartig aus dem Sessel, drückte mir die Hand und hauchte Laura einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Mach dir schon mal ein paar Gedanken über die Texte. Bibliotheken sind nichts für mich, fühle ich mich dort immer furchtbar einsam. Ihr hört bald wieder von mir.«
Wir waren uns seit mehr als zwanzig Jahren nicht begegnet und wussten infolgedessen kaum etwas voneinander, was über die gemeinsame Schulzeit hinausreichte. Selbst bei den regelmäßig stattfindenden Klassentreffen hatten wir uns bislang stets verpasst.
Vielleicht wusste er mehr von mir, als ich von ihm, vielleicht hatte er vor seinem Besuch Erkundigungen bei gemeinsamen Bekannten von einst eingeholt. Es kam mir jedenfalls seltsam vor, mit welcher Vertraulichkeit er mich nach all der Zeit, während der wir uns aus den Augen verloren hatten, nun umgarnte. Wären wir einst Freunde gewesen, deren Lebensläufe durch die Willkür des Alltags auseindergetriftet sind, hätte ich mir seinen Besuch zweifellos leichter erklären können, aber zu wirklicher Freundschaft hatte es nie gereicht. Warum? Diese Frage lässt sich nicht mit wenigen Sätzen beantworten, denn zuviel Zeit türmt sich zwischen heute und damals, Zeit, die die Tretmühle meines Alltags längst zu Staub zerrieben hat. Ich kann nur versuchen, mich zu erinnern.
Wahllos blättere ich in Arnos Heften. Lückenhafte Annäherung. Manchmal ein Lächeln, wenn ich entdecke, dass er gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Das schafft Nähe, aber noch weckt kein Satz gemeinsam Erlebtes. Die Zeit hat eine breitere Kluft gerissen als ich dachte und es kommt mir vor, als würde sie mit jedem Satz, den ich lese, weiter wachsen. Aber ich bin überzeugt davon, dass Arno mir ein Zeichen geben wollte und deshalb darf ich nicht nur an der Oberfläche kratzen.
Warum fällt es mir so schwer, tiefer als bisher in den Karton hineinzukriechen und mit der Sorgfalt eines Obduzenten - Heft für Heft, Zeile für Zeile, Dia für Dia - das mir vorliegende Material zu sezieren und in Konkurrenz zu der eigenen abgelebten Zeit zu stellen?
Ein neuer Versuch, meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen:
Ich grabe alte Fotoalben aus, blättere wie ein Fährtensucher im Staub des Dachbodens in Aufsatzheften, deren Seiten mit ungelenken aber irgendwie vertrauten Schriftzeichen bedeckt sind. Natty Bumppo, der Lederstrumpf, mein Held jener frühen Jugendjahre, schaut mir dabei über die Schulter und lächelt ermutigend, als wolle er mir zu verstehen geben, dass ich den richtigen Einstieg ins verschüttet geglaubte Labyrinth der eigenen Vergangenheit gefunden habe.
Die angegilbten Fotos von Schulausflügen zeigen Knaben auf der Saalburg und vor dem Hermannsdenkmal, die schlacksig posierend Selbstbewusstsein, Aufmüpfigkeit - Erwachsensein? - zur Schau stellen.
Die Konfirmation: Gesichter, die sich nirgends einordnen lassen wollen, umrahmen einen dürren Burschen, dessen Ähnlichkeit mit den Aufnahmen anlässlich meiner Einschulung, die mich mit Zuckertüte und Schildmütze zeigen, nicht zu leugnen ist.
Ein Zeltlager an der Ostsee: Schnappschüsse beim Kartoffelschälen und bei der Frühgymnastik.
Die Bilder sind zwar ausgebleicht, beweisen aber unbestechlich meine Identität. Da hilft keine Ausflucht ins Lächerliche, ins Nicht-wahrhaben-wollen: dieser unscheinbare, überall nach Halt suchende, verkniffen in die Kamera blinzelnde junge Mensch bin ich! Aber um mich geht es nicht, meine eigenen Geschichten - besser gesagt, diejenigen, von denen meine Erinnerung ein verschwommenes Signal des Erkennens sendet - bezeugen außer verlorengegangenen Träumen keine bemerkenswerte Heldenhaftigkeit, was Natty Bumppo mitleidig nickend bestätigt. Nein, um mich geht es nicht. Ich war immer nur ein Mitläufer, ein Zuschauer und jeder weitere Satz über meine Person wäre Verschwendung. Aber ich bemühe mich, der Chronist einer Geschichte zu werden, von der meine eigene vor langer Zeit maßgeblich beeinflusst wurde.
Noch kann ich nichts Geheimnisvolles in Arnos Aufzeichnungen entdecken. Zu sehr geht alles durcheinander. Als hätte er in allen zwölf Heften gleichzeitig geschrieben. Vieles, was mir bereits aus unseren Gesprächen bekannt ist, findet sich darin wieder.
Ich glucke über dem Karton als gelte es, die britischen Kronjuwelen zu bewachen, halte mein Arbeitszimmer verschlossen und trage den Schlüssel bei mir, was Lauras Misstrauen geweckt hat. Sie findet es ungehörig, dass ich ihr die Einsicht in Arnos Papiere verweigere und außerdem würde sie gerne mal wieder mit dem Staubsauger gegen die imaginären Schmutzberge vorgehen. Wahrscheinlich hat sie Recht, denn, wie gesagt, bei meiner bisherigen Durchsicht bin ich auf nichts gestoßen, was einen Bruch meines Ehefriedens oder den Vermerk »Streng vertraulich« rechtfertigen würde.
Zugegeben, Arnos Besuche fehlen mir. Unsere Gespräche über das Bilderbuch, aus denen sich unbeabsichtigt ein wechselseitiger Austausch von abgelebter Vergangenheit entwickelt hatte, der mich insoweit verwirrte, als er den Status quo meiner Gegenwart zumindest fragwürdig erscheinen ließ. Die Erkenntnis, dass ich vermutlich noch immer der gleiche Streber bin, der ich mit dreizehn war, ist schwer verdaulich. Verglichen mit Arno scheine ich nur biologisch gereift zu sein. Ein Heimchen, das sich bis zum Ausfallen des letzten Haares an irgendeinen Rockzipfel klammert, um sich nur ja geborgen fühlen zu können. Bin ich am Ende aus lauter Mutlosigkeit Lehrer geworden, Beamter auf Lebenszeit?
Wir waren zehn Jahre alt, als wir in dieselbe Klasse des Robert-Schumann-Gymnasiums aufgenommen wurden. Vom ersten Tag an schlüpfte Arno Sperling wie selbstverständlich in die Rolle des Chefs. Durch den selbstbewussten, oft flapsigen Ton, den er im Umgang mit Autoritäten wie Hausmeistern, Sekretariatsdamen und unantastbaren Gottheiten im Range von Oberstudienräten anschlug, gewann er rasch unser Vertrauen. Es soll unter den Mädchen unserer Klasse einige gegeben haben, die sich bereits in dieser Anfangszeit unsterblich in ihn verliebt haben.
Während er also geradewegs zum unangefochtenen Sprecher aufstieg, brauchte ich mehrere Monate, um mich in der neuen Umgebung einzuleben. Ich gehörte zu den Unauffälligen, die nie ihre Hausarbeiten vergaßen. Selbst während des Biologie- und Geographieunterrichts bei Hubertus Kratschmer, einem ebenso schrulligen wie strengen Kauz mit buschiger Einsteinmähne, war ich bis zum Ende der Stunden aufmerksam und hatte stets die richtigen Antworten parat.
Ich erinnere mich nicht, jemals von Kratschmer abgeurteilt worden zu sein. Für Arno und seine wackersten Mitstreiter aber gehörten dessen Strafexerzitien zum Ritual jeder Stunde. Je nach Schwere ihrer Entgleisung mussten sie fünf oder zehn Minuten mit gesenkten Häuptern in einer Ecke des Klassenzimmers stehen.
Arno Sperling kam aus Thalbach, einem damals neunhundert Seelen zählenden Ort, der neun Kilometer südöstlich von der Kreisstadt Schönfeld entfernt liegt. Er war einer der zahlreichen Pendler, die mit der inzwischen stillgelegten Schönfelder Kleinbahn zum Schulbesuch anreisten.
Im Gegensatz zu den meisten Gleichaltrigen aus den umliegenden Dörfern, die uns stolzen Städtern am Beginn ihrer Oberschulzeit mit Zurückhaltung und misstrauischer Vorsicht begegneten, zeigte Arno nicht das geringste Anzeichen von Minderwertigkeit oder Respekt.
»Nur weil wir vom Dorf kommen und nicht ganz so geschwollen daherreden wie ihr, sind wir noch lange nicht eure Trottel«, sagte er herausfordernd. »Falls ihr glaubt, dass wir in unserem Nest den Mond noch immer mit einer Stange weiterschieben, dann seid ihr schief gewickelt. Wir machen’s inzwischen mit Elektrizität.«
Arno war der unumstrittene Mittelpunkt der Klasse. Nur widerwillig akzeptierte er Typen wie mich. »Aufgepasst! Mamas Liebling kriecht unterm Rock hervor«, raunte er ins Klassenzimmer, wenn mich Kratschmer nach vorn zur Tafel rief.
In den Pausen berichtete er oft mit verschlagenem Stolz, welches »neue Ding« er gerade allein oder mit einigen Thalbacher Komplizen ausheckte. Dann scharte sich alles um ihn und hing gebannt an seinen Lippen. Der besondere Reiz der Geschichten lag darin, dass sie sich fast ausnahmslos mit seinem »Kampf gegen den Sheriff« befassten. Der »Sheriff«, das wussten wir inzwischen, war sein Vater, der als Hauptwachtmeister die Dorfpolizeistelle leitete und sich nach Feierabend zum Bürgermeister aufschwang; ehrenamtlich, wie es damals in den Dörfern noch üblich war.
Die Tatsache, dass Arno wegen der Nähe zu seinem Vater und dessen Beruf ständig mit dem Gesetz konfrontiert war und von diesem regelmäßig »etwas zwischen die Hörner bekam« (Originalton Sperling), qualifizierte ihn in unseren Augen erst recht. Mich dagegen hielten alle für ein Unschuldslamm. Manchmal spielte ich diese Rolle so überzeugend, dass ich selbst daran glaubte, obwohl ich mir alle Mühe gab, zum engsten Kreis vorzustoßen. Von Arno einen anerkennenden Blick zu ernten, bedeutete mir bald mehr, als ein »Sehr gut« in Mathematik.
Schuld an meinem Naturell war gewiss mein Vater. Rückblickend erscheint er mir wie ein Chamäleon. Seine größte Begabung bestand darin, sich widerspruchslos jedem herrschenden Zeitgeist anpassen zu können. Vermutlich ist er im Bewusstsein dieser Fähigkeit Finanzbeamter geworden.
»Es ist gleichgültig, wer die Macht ausübt und unter welchem politischen Deckmantel das geschieht - jeder Staat existiert von den Steuern seiner Untertanen«, predigte er mir, wann immer er glaubte, mir den richtigen Weg weisen zu müssen. Doch die gedankenlose Überzeugung, mit der er von Untertanen und der Unentbehrlichkeit seines Berufsstandes sprach, wird mir erst heute bewusst. »Und damit er diese Steuern auf Heller und Pfennig bekommt«, fuhr er fort, »braucht er Leute wie mich. Wir sind die eigentlichen Künstler im Lande, unverzichtbar. Eine Straßenwalze zu fahren ist dagegen ein Klacks. Denk darüber nach, mein Junge.«
Mit diesem abfälligen Nachsatz zerstörte er meinen Kindertraum von einem Leben als Dampfwalzenfahrer.
Sein Opportunismus verhalf ihm zwar zu keiner besonderen Karriere, was zeigt, dass er im Vergleich mit erfolgreicheren Vertretern dieser Gattung wohl doch nicht immer künstlerisch genug gewesen ist, aber immerhin gelang es ihm, sein kleinbürgerliches Dasein schadlos durch die tausendjährigen Irrungen und Wirrungen und danach durch die Hungerjahre bis ins fette Wirtschaftswunder zu lavieren.
Von diesen Dingen verstand ich damals noch nichts, das kam erst später. Aber schon als Sechsjähriger begriff ich, wie ich mich aufs Beste bei diesem leidenschaftslosen Finanzbeamten ins rechte Licht zu rücken vermochte. Wenn mich nämlich meine Mutter am Abend als braves, fleißiges Söhnchen vorführen konnte, dann machte er schon mal großherzig einige Groschen locker oder schenkte mir, in einem unerklärlichen Anfall von Verständnis, jenes Feuerwehrauto, dessen naturgetreue Details mich seit Wochen voller Faszination zum Schaufenster des Kaufhauses Klingelmayer lockten.
Ich denke, für meinen Vater war die höchste Form des Aufruhrs das Ballen der Faust in der Hosentasche. Er hasste nichts so sehr wie Aufsässigkeit. Und vier Tage vor meinem neunten Geburtstag - einige Dinge behält selbst das löchrigste Gehirn - kurierte er auch mich von diesem Übel; zumindest ließ ich ihn für lange Zeit in dem Glauben, seine Therapie sei erfolgreich gewesen.
Ich verabscheute Eintopfgerichte jeglicher Art. Allein der Geruch, der sich beim Kochen in der Küche ausbreitete, genügte, um meinen Hals voller Ekel zuzuschnüren. Bei Tisch stocherte ich dann gewöhnlich maulend mit dem Löffel darin herum und wartete auf ein erlösendes Zeichen meiner Mutter.
An diesem Tag gab es Linsensuppe. Für mich der Gipfel der essbaren Abscheulichkeiten. Ich nörgelte wie immer und rührte angewidert in der Brühe, während die Augenbrauen meines Vaters sich zu einer schnurgeraden Linie verzogen. Ein Rülpser, der mir bedauerlicherweise entschlüpfte, ließ den Topf des Verhängnisses jäh überkochen. Vater packte seinen Teller und schleuderte ihn samt Inhalt wie eine fliegende Untertasse über den Tisch. Ich duckte mich flink, so dass der Teller dicht über mir vorbeisauste und an der Küchentür zerschellte. Der Zorn auf mich wurde durch den Fehlwurf noch gesteigert und äußerte sich in einer ungeahnten Wendigkeit, mit der mein Vater um den Tisch geschossen kam, mich wie einen unfolgsamen Hund im Nacken packte, auf den Boden drückte und so verprügelte, dass ich wimmernd vor Angst und Schmerz und aus Wut über mein Ausgeliefertsein zum letzten Mal in meinem Leben in die Hosen urinierte. Danach war ich, wie gesagt, vom Übel der Aufsässigkeit kuriert und wurde »klüger«.
Obwohl mir die Resultate von Arnos frecher Schläue mehr imponierten als die durch Wohlverhalten erschlichenen materiellen Erfolge im Elternhaus oder in der Schule, wählte ich - in Zweifelsfällen ganz Sohn meines Vaters - den Weg des geringsten Widerstandes.
Woran Arno erkannte, dass ich, genau wie er, eine Rolle spielte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall, so scheint es, hat er mich irgendwann durchschaut. Wie sonst wäre es zu erklären, dass er mich eines Tages auch in seine Tuscheleien über auszuklügelnde Vergeltungsmaßnahmen gegen das Lehrerkollegium im Allgemeinen und gegen Kratschmer im Besonderen einbezog?
Der entscheidende Vorstoß in den Kreis der Eingeweihten gelang mir - wir waren inzwischen in der achten Klasse - mit einem Kniff, durch den ich in einer großen Pause für Zigarettennachschub sorgte. Der Trick, genauer gesagt, mein Hinweis an die Kassiererin des der Schule gegenüberliegenden EDEKA-Ladens, dass aus einem Obstgestell Äpfel auf den Fußboden gefallen seien - tatsächlich hatte ich sie selbst unbeobachtet dorthin gelegt -, dieser Trick, mit dem ich die gutgläubige Frau für einige Augenblicke von der Kasse und dem dort befindlichen Tabakwarenregal abgelenkt hatte, brachte mir ein bewunderndes Schulterklopfen ein. Niemand hatte mir den Mumm zugetraut. Ehrlich gesagt, ich mir auch nicht. Aber was tut man nicht alles, wenn man vierzehn ist und endlich für voll genommen werden möchte.
Ich rechtfertigte das Delikt vor mir selbst, indem ich mir sagte, dass der Gewinn, den ich daraus gezogen hatte, nämlich von Arno persönlich die erste Overstolz aus dem Päckchen geklopft und angezündet bekommen zu haben, für mich größer gewesen war, als der Verlust, den der Lebensmittelkonzern erlitten hatte. Und in der Tat, wie man heute allerorten sehen kann, habe ich das Unternehmen nicht in den Ruin getrieben. Trotzdem überkam mich noch Jahre später ein mulmiges Gefühl, wenn ich den Laden betrat.
Von da an durfte ich dabei sein, wenn Arno mit den anderen loszog, um »Frauen aufzureißen« oder im Keller von Peter Kleinschmidt Schallplatten der Beatles und Rolling Stones nachzugrölen.
Peters Vater war der bedeutendste Gastronom in Schönfeld. Ihm gehörten zwei Hotels, der Ballsaal und an diesen angrenzend, das New Heaven, die erste Diskothek der Stadt.
Es begann eine Zeit, in der meine nachlassenden schulischen Leistungen bei meiner Mutter eine Folge von Magengeschwüren erzeugten, weil es ihr »nicht in den Kopf wollte«, was da so aus heiterem Himmel mit mir vor sich ging. Ihr adrettes Ein-und-Alles glitt ihr aus den Händen, roch auffallend häufig nach Zigaretten und kaufte, anstatt sich die Haare schneiden zu lassen, für das Frisörgeld Schallplatten.
Das allein hätte sie vielleicht noch verkraftet und vor ihrem Akkordeon spielenden Gatten vertreten können, aber dass der kostbare Saphir plötzlich nicht mehr Freddy Quinns schmachtende Stimme, die von der Heimatlosigkeit im heißen Wüstensand erzählte, in die gute Stube beförderte, sondern »Negergeheul«, bei dem sogar die Gläser in der Vitrine vor Angst erbebten, das überschritt ihre Toleranzschwelle. Und war sie es bisher gewohnt, dass er ihr, strahlend und mit dem Heft winkend, in schöner Regelmäßigkeit ein »Gut« oder »Sehr gut« präsentierte, so hielt er es nun nicht mehr für nötig, »Ausreichend« oder bestenfalls »Befriedigend« vorzuzeigen, was in ihren Augen ein endgültiges Indiz für den Abstieg war.
Ihre Lieblingssätze in dieser Zeit waren: »Womit habe ich das verdient? Mein Gott, warum strafst du mich so mit diesem Kind? Junge, du ruinierst unser aller Leben. Was soll ich nur deinem Vater sagen? Du bringst mich noch ins Grab!«
