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Für Emma Tomps ist ihre Arbeit als Mittelschullehrerin in einer Ganztagsklasse nicht nur ein Job: Es ist ihre Berufung. Nach einem Amoklauf hat sie an einem frischen und tiefsitzenden Trauma zu knabbern, das sie nachts bis in ihre Albträume verfolgt. In immer kürzeren Abständen suchen sie Angst- und Panikattacken heim, bis sie schließlich ihren ersten Flashback erlebt und ihre Berufung als Lehrerin in Frage stellt. Um den schwieriger werdenden Alltag zu meistern, tankt sie Kraft in „Cat City“, in ihrem Zuhause. Einem kleinen Stückchen Urwaldgrün mit Platz für einen ganzen Zoo, tausend Pflanzen und für lustige Anekdoten. Denn Emmas Leben ist bunt und so schafft sie es immer noch, jeden Tag mit einem Lächeln zu beginnen – auch wenn es ihr schwer fällt, zur Ruhe zu kommen. Dabei steht ihr auch ihr fast schon krankhaftes Bedürfnis im Weg, sich immer um alles und jeden zu kümmern. Ein Charakterzug, den sie mit ihrem Schüler Tuprak teilt. Ein Junge, den alle anderen schon aufgegeben haben. Ein „Assikind“, für das das Leben nichts Gutes vorgesehen hatte. Ein junger Mann, der einen schwierigen Weg einschlägt, um irgendwann festzustellen, dass es kein Zurück mehr gibt …
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Seitenzahl: 1280
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Emma Tomps
Spiegelblicke ICH
AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG
FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK
Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit.Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.
©2025 FRANKFURTER LITERATURVERLAG
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Titelbild: Ludovica Dri
Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos
ISBN 978-3-8372-5261-3
Für Oma Pfalz und Oma Stork
Meine Vergangenheit, die ich mit in die Zukunft nehme.
Mit großer Dankbarkeit und Liebe!
Alle handelnden Akteure in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden, lebenden Personen sind zufällig.
Spiegelblicke ICH
Für Niklas van Thorn
Der erste Spiegelblick verändert Perspektive –
reißt dich aus deiner fokussierten Sicht –
wenn du dich darin selbst erkennst –
und weißt, du schaust dir selber ins Gesicht –
Spiegelblicke ICH!
Noch ist der erste Blick neutral –
du selbst gleichst einem Sonnenstrahl –
funkelst hell, bist unbeeinflusst –
Natur gemacht und musst –
einfach nur dir selbst gefallen.
Es gibt nichts Böses – alles gut –
du strotzt vor Selbstvertrauen, heldenhaftem Mut.
Und wenn dein Spiegel Wasser ist –
du ein Teil des Himmels bist –
ist das der REINE Spiegelblick.
Doch irgendwann, da denkt man sich –
noch schöner wäre mein Gesicht –
ganz neu kreiert, verschönt, geschmückt –
dazu vom Selbstbetrug ein großes Stück –
um sich dann lachend zu bestaunen –
sich leise flüsternd zuzuraunen –
wie wunderbar man selber sei.
Und schon spielt man der Rollen zwei –
die der Natur und die geschönte Sicht.
DOPPEL-Spiegelblick vom eignen ICH.
Später sind es viele an der Zahl –
jede einzelne gefühlt real.
Die einen wollen speziell das Bild von dir –
die andren eher dieses hier.
Um den Bildern zu genügen –
fängst du an, dich zu betrügen.
Einst warst du glitzernd’ Sonnenstrahl –
bevor man dir die Schönheit stahl.
Gequetscht in die gewünschte Form –
gefordert wird dann diese Norm.
Du funktionierst – spielst die gewünschten Rollen –
bis du verstehst –
du blickst nicht durch die eignen Augen –
du siehst nur das, was andre glauben.
FREMDER Spiegelblick.
Vielleicht kommt in deinem Leben der Moment –
wenn feuerrot die Seele brennt.
Siehst deine Schatten und die Kerben –
das geschönte Ich, das liegt in Scherben.
Sind alle Masken explodiert –
die Filter weg und man kapiert:
Das bin ich nicht – ich will’s nicht sein –
mein ganzes Leben trüber Schein.
Doch – wie es vorher war –
die Wurzel seines eignen Wesens –
ganz rein und von Natur gegeben –
ist gut versteckt –
liegt klein verdeckt von tausend Masken.
Nicht jeder schafft’s zum ersten Spiegelblick –
zurück –
zu einer Welt ganz ohne Lügen –
nur wie man ist, das darf genügen.
Der Grund ist aus Betrug geboren –
das erste Spiegel-ICH schon längst verloren.
Das, was du siehst, das bist du nicht?
Schreist und spuckst dir wütend ins Gesicht?
Zerschlägst den Spiegel –
der Eindruck bleibt –
jetzt ist’s der Wahnsinn, der dich treibt.
Wenn ich’s bin –
und will’s nicht sein –
muss ich mich von der Last befrein.
Das ablegen, was die Natur nicht schuf –
folgen ihrem Erdenruf.
Staub zu Staub –
und du gibst auf –
schneidest ab den Lebenslauf.
Wenn Zukunft Hölle ist, kehrst lieber heim.
Vielleicht – wirst wieder Sonnenschein.
Vorwort:
Kleine Einsichten beim Schreiben des Romans
Ich BIN drei
und ich bin wertvoll –
nur ICH kann etwas ändern!
Was siehst DU, wenn du in den Spiegel blickst? Wie viele Rollen spielst du mittlerweile? Gefällst du dir in jeder einzelnen oder hat man dich hineingepresst? Lebst du noch als eignes Ich oder tauschst du Rollenmasken? Kannst du hinter deine eigenen Kulissen schauen und findest du es noch, dein erstes Spiegel-ICH? Das ganz mit sich zufrieden war? Es ist noch da – tief in dir drin. Um es zu finden, musst du dir vielleicht einfach öfter sagen, dass es dich nur ein einziges Mal gibt. Und – dass du wertvoll bist. Selbstvorwürfe kommen schnell, sich selbst zu loben, ist die Kunst. Sich selber auf die Schulter zu klopfen und sich einfach mal zu mögen.
Wenn du dich also das nächste Mal im Spiegel betrachtest, dann denk dir:
Ich BIN!
Denn schon das allein ist wundervoll. Und was für ein unglaubliches Glück, wenn man die Wahrscheinlichkeit bedenkt, dass gerade DU geboren wurdest. Wenn du das begreifst und du es schaffst, dich ein klein wenig selbst zu lieben, so wie du bist, kommt das erste Spiegel-ICH zurück. Und auch deine Stärke. Denn etwas ändern – das kannst nur du selbst. Du entscheidest über deinen Spiegelblick.
Sei dir klar – auch du BIST drei !
Der Mensch der Vergangenheit, der Zukunft und der Gegenwärtige.
Drei – in einer Person – und alle drei gleich von Bedeutung. Wie leicht ist es, einen Teil zu stark zu gewichten. Nach einem Verlust, einem schrecklichen Erlebnis oder einem Trauma lebt man beispielsweise gerne in einer Blase der Gedankenvergangenheit, als alles noch so viel besser war. Man glaubt, nur dort, in dem, was war, kann man weiterexistieren. Dabei verpasst man den kostbaren Moment, verschenkt seine Zeit und auch die hoffnungsfrohe Perspektive. Andere wiederum, die nicht in der Lage sind, die Realität zu akzeptieren, verlieren sich in rosaroten Zukunftsträumen, weil irgendwann doch alles besser würde. Wieder klammert man sich fest – am Traum. Und der Moment verliert erneut Bedeutung.
Eine dritte Gruppe macht genau das Gegenteil. Verdrängt das, was gewesen, versucht sogar, das Vergangene abzuschneiden, und leugnet dann alles vor sich und vor den anderen. Streicht man dann noch jede Zukunft, wird der Moment zur Falle und man steckt fest – in der Gegenwart. Was zählt, ist nur, was ist. In diesem Fall verliert man doppelt. Glücklich ist, wer weiß: „Ich BIN drei!“ und jedem Teil seine Berechtigung lässt.
Wenn du den Roman liest, hinterfrage stets dein „Spiegel-ICH“. Auch das dahinter. Und drückt dich eine Seite, dann mal sie um. Bunt und neu – oder vielleicht einfach nur ein bisschen „Früher“. Das Leben ist keine Einbahnstraße und du hast eine Wahl.
Du BIST drei und du bist wertvoll –
nur du kannst etwas ändern!
Emma Tomps
Zukunft Hölle
Verzweifelt und nicht in der Lage zu akzeptieren, dass er sich selber ins Gesicht starrte, schlug Tuprak mit der Faust in den „Heiligen Alibert“ seiner Mutter. Der Spiegel zersplitterte, blieb aber großteils im rosaroten Plastikrahmen. Doch dieses Gegenüber – diese Fratze – funkelte ihn immer noch teuflisch an. Zwar in unzählige Splitter zerbrochen, aber gerade deshalb so beängstigend gefährlich – das Monster tausendfach gespiegelt. Am Ende seiner Kraft, klammerte sich Tuprak am Waschbecken fest. Schüttelte fassungslos den Kopf. Sagte und dachte immer wieder: „Das bin ich nicht! Nein! Das bin ich nicht!“ Weil er das, was er da sah, nicht sein wollte! Mal schrie er seinem Spiegelbild ins Gesicht, mal schlich sich ein ungläubiger Ton dazu, da er nicht begreifen konnte, wie es so weit hatte kommen können. Mal weinte, mal flehte er. Die Worte blieben jedes Mal die gleichen: Das bin ich nicht!
Als er nicht mehr leugnen konnte, kam der Ekel. Der Ekel vor sich selber. Jetzt, da es zu spät war, begriff er erst richtig, was er gerade getan hatte. Etwas, das mit nichts mehr zu entschuldigen und niemals gutzumachen war. Etwas, das ihrer aller Leben zerstört hatte – oder noch zerstören würde! Seine Tat war die eines wahnsinnigen Psychopathen gewesen! Ungebremst böse. Sie war ihm nun buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Sein Spiegelbild deshalb das eines bösartigen Monsters. Blutunterlaufene Augen mit einem schwarzen Loch in der Mitte. Ein Abgrund, der jeden in seine Hölle riss, der diesem zu nahe kam. Seine Haare klebten schweißnass am Kopf. Überall war Blut. Im Großen und Ganzen nicht seines! Und obwohl er immer noch wusste, wie sich vorhin die feuerrote Wut auf diesen Abschaum angefühlt hatte und er den unwiderstehlichen Drang, diesen Abschaum aufzuhalten, zu bestrafen und daran zu hindern, es wieder zu tun, fast noch genauso intensiv spüren konnte, wusste Tuprak dennoch, dass er durch seine Tat selber zum Abschaum geworden war. Er hätte alles – wirklich alles – dafür gegeben, die Uhr zurückdrehen zu können. Aber das war unmöglich. Tuprak hatte getan, was er getan hatte, und nichts würde das ändern. Blind war er in die Einbahnstraße eingebogen. Weil ihm vorhin, als er noch eine Wahl gehabt hätte, alles so richtig erschienen war. Vorhin, da hatte er sich im Recht geglaubt.
Dieser Psychopath, der ihm aus dem Spiegel entgegenblickte – das war er. Zumindest war das eine Seite von ihm. Und nicht nur das! Dieses Monster war derart in ihn hineingewachsen, so tief in ihm verwurzelt, dass er es niemals losbekommen würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Irgendwann würde es wieder aus ihm herausbrechen und die Führung übernehmen. Die letzte Konsequenz war die einzige Möglichkeit, die er deshalb noch hatte. Nur so konnte er verhindern, dass noch einmal etwas vergleichbar Schreckliches passierte. Es war besser für ihn – besser für alle anderen.
Tuprak weinte, hatte entsetzliche Angst. Eine Angst, die er bisher nicht gekannt hatte. Eine eisige Todesangst! Trotzdem – Zukunft war Hölle! Er würde sie keinesfalls durchstehen. So – oder so! Für ihn gab es nur noch diesen einen – letzten – Weg …
Rückblick
In eine Zeit …
… in der es viele andere Wege gegeben hätte …
Sonntagnachmittage oder Stolpersteine kreativen Schreibens
Emma stand sich und ihrer Freizeit oft selber im Weg. Sie war Lehrerin „aus Berufung“. Zweihundertprozentig. Unter der Woche bestand ihre freie Zeit aus etwa zwei Stunden am Abend. Meistens war sie so fertig, dass sie keinerlei Ambitionen auf Unternehmungen hatte und das Sofa vorzog. Aber es gab ja die Aussicht Wochenende – wenn es dann irgendwann kam …
Am Samstagabend war der große Augenblick gekommen. Zumindest meistens, wenn keine Zeugnisse, Prüfungen oder andere wichtige Arbeiten anstanden. Es war der Moment, in dem Emma sagen konnte – und das mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Ich bin fertig!“ Der Wochenplan war geschrieben, alle Stunden vorbereitet und kopiert, Sequenzen festgelegt. Der Schulkorb war gepackt. Sie besaß keine Aktentasche oder sonstige, lehrerübliche Taschen. Nach Emmas Meinung war der Korb die beste Lösung. Darin hatte alles Platz, sogar ein Stapel Hefte, und der Griff war perfekt, um die Füße darauf zu stellen, wenn sie sich während des Unterrichts auf ihren Schreibtisch gesetzt hatte. Normal war das nicht, aber das war Emma auch noch nie gewesen.
Das „Ich bin fertig“ bezog sich aber nicht nur auf schulische Arbeiten. Auch ihre Glücksbanane, ihre Wasserflasche und ihr unverzichtbares Energydrink lagen ganz oben im Korb. Sogar die Schulklamotten warteten schon und Emma sagte immer, dass alles, was bis zu diesem Moment nicht hergerichtet war, wahrscheinlich auch nicht am Montagmorgen mit in die Schule fahren würde. Nachdem sie noch mal alles kontrolliert hatte, sie ging gerne auf Nummer sicher, konnte das Wochenende beginnen. Zumindest rein theoretisch, denn sie machte lediglich einen Haken unter all das, was praktischer Natur war. Gedanklich konnte sie das irgendwie nicht wirklich. Gedanklich machte sie in ihrer freien Zeit und sogar während des Urlaubs immer wieder einen „Abstecher zur Schule“. Wie aus dem Nichts ließ sie Richard, ihren Mann, dann manchmal daran teilhaben. Der erschrak jedes Mal und war gar nicht begeistert, dass schon wieder die Schule präsent war. Aber Emma sah das als ausgleichende Gerechtigkeit an, denn ihr Heimwerker und Erfinder konnte das genauso. Nur redete er dann nicht über Schüler, sondern über das Fundament der Terrasse, ein neues Braurezept oder über ein anderes Projekt, das er gerade umsetzte oder plante – das ihm eben genauso im Kopf umherging wie Emma die Schüler.
Abgesehen von den gedanklichen „Ausrutschern“ versuchte Emma trotzdem einfach nur das absolut verdiente Wochenende zu genießen. Endlich Zeit für all das, wozu man unter der Woche eben keine hat. Natürlich immer unter dem Aspekt, dass es nicht in Freizeitstress ausartete. Dafür sorgte auch ihre nicht unbeträchtliche Schar von Katzen, die Emma und Richard immer wieder bremste. Abgesehen vom Füttern und Türöffnen auf Verlangen waren die Pelztiger prinzipiell niemals zufrieden mit dem Umfang der körperlichen Zuwendung. Sie bekamen buchstäblich nie genug und ihre Vorstellung von einem erholsamen Wochenende wäre Richard und Emma auf dem Sofa und sie obendrauf inklusive Wellnessmassage. Und da man ja nicht immer Nein sagen konnte – vor allem nicht bei derartig unglaublichen Kugelaugen –, hatte man auch eine „gute Ausrede“, um einfach mal nichts zu tun. Außer Katzen streicheln natürlich. So verlief nicht selten der samstägliche Abend.
Dann kam der Sonntagnachmittag. Jeder einzelne war für Emma etwas ganz Besonderes. Dünn gesäte Kreativzeit. Zumindest wenn nichts anstand, wie zum Beispiel ein Geburtstag, die Verwandtschaft oder ein Treffen mit Freunden. Wenn der Tag „unverplant“ war, hatte sie etwa drei Stunden – mit Wäscheaufhängen dazwischen. Wenn es gut lief! Dafür lohnte es sich zu kämpfen, denn die ganze Welt schien zu versuchen, ihr diese eh immer zu kurze Zeitspanne streitig zu machen. Der Grund war, dass kaum einer verstand, was sie da tat. Hatte sie in ihrem Job nicht schon genug zu schreiben? Also warum musste sie das auch noch in ihrer Freizeit tun? Und überhaupt, was war das nur für ein Hobby? Andere machten Sport, bastelten irgendetwas oder taten eben sonst was. Etwas, was normal war. Nicht Emma. Ihr „Normal“ war anders. Sie brauchte das Schreiben. Träumte sich dabei – wie beim Lesen – in eine andere Welt hinein, in der sie selbst Regie führte, die Handlung bestimmte.
Schon als Kind hatte Emma gerne Geschichten erfunden. Als das mit dem Schreiben noch nicht so funktioniert hatte, besprach sie Kassetten oder spielte die Geschichten. Mal war sie die rote Zora, dann erlebte sie ein Abenteuer mit ihrem imaginären Freund „Fluggi“.Ihre Fantasie war gigantisch groß. Als sie dann ihre Gedanken zu Papier bringen konnte, war das für sie etwas ganz Besonderes. Manche Mädchen schrieben Tagebuch. Emma Geschichten. Sie versteckte das Erdachte, weil sie Angst hatte, was die anderen darüber sagen würden, und weil sie deshalb beschlossen hatte, dass die Geschichten nur ihr gehören sollten. In der Pubertät hatte sie sich dann eher der Lyrik zugewandt, wobei sie auch diese „Sturm-und-Drang-Gedichte“ streng unter Verschluss hielt. Aber niemals weggeworfen hatte.
Mit neunzehn, als sie ihre Lehre gemacht und noch genügend Zeit fürs Schreiben gehabt hatte, begann sie ihren ersten Roman. Angie im Kampf gegen die Welt. Mindestens genauso pubertärer Sturm und Drang, aber – und das stellte sie erst Jahrzehnte später fest – gar nicht schlecht geschrieben. Auch der Roman landete in der Schublade. Unvollendet. Ihr Studium zog den Schlussstrich. In ihrem Germanistikstudium ging es vor allem darum, was, wann und warum andere geschrieben hatten. Wenn man es selber tat, dann waren es Seminararbeiten oder andere schriftliche Pflichten. Ab dem dritten Semester, als Emma mit den älteren Sprachstufen als „Nichtlateiner“ kämpfte, war ihr eigenes Schreiben Geschichte.
Erst als Emma an „ihrer Schule“ anfing, fand sich eine kleine Lücke, die kreatives Schreiben legitimierte. Das Schultheater. Zuerst schrieb sie Stücke um, da sie ihr nicht genügten, dann dachte sie sich selber etwas aus. Viele Jahre hatte Emma nur für die Schule geschrieben. Theaterstücke für die Arbeitsgemeinschaft „Schulspiel“, die sie leitete, Artikel für die Schulzeitung und manchmal einen für die Stadtzeitung. Für mehr kreative Ergüsse in Lyrik oder Prosa hatte sie keine Zeit. Bis Richard mit vierzig anfing, „mit dem Wind zu tanzen“. Das Kiten nahm viele Sonntage in Anspruch. Anfangs eigentlich alle, an denen der Wind wehte. Irgendwann hatte Emma vom Warten und Herumsitzen genug, und auch von seinen Versprechen: „Bin nur mal kurz … des hot’s glei… wird net spät …!“, die er nicht einhielt. An einem dieser Sonntagnachmittage beschloss sie, einen Roman zu schreiben, den sie beenden würde. So hatte alles angefangen. Dann wurde die „Schreiberei“ wirklich wichtig für sie …
Emma war eine exzellente Beobachterin und das Leben bot ihr „Stoff“ in Hülle und Fülle. Stets ironisch gewürzt, mit einem Häubchen Sarkasmus und Weltkritik, aber auch mit viel „Liebe im Herzen“ schrieb sie über die Schule, über „Cat City“ – ihr Zuhause –, über ihr Leben und Lieben mit einem Heimwerker und Allgäuer und über Familie, die besonders an Sonntagnachmittagen hartnäckig sein konnte. Emma schrieb über das Alltägliche, das in der Verbindung mit den erlebten Persönlichkeiten einmalig wurde. Eben über alles, was sie sah, erlebte und bewegte und einfach aufgeschrieben werden musste. Vielleicht schrieb sie auch, um nicht zu vergessen. Eine bestimmte Zeit oder Atmosphäre so genau wie möglich einzufangen, dass sie sich auch später daran erinnern konnte. Außerdem war „das Schreiben“ eine Zeit, um mit einem Lächeln zurückzuschauen, auf das, was sie manchmal fast in den Wahnsinn getrieben und ihr schwäbisches Temperament in Wallung gebracht hatte. Um fünf gerade sein zu lassen, sich bewusst zu machen, wie schön doch ihr Leben eigentlich war oder, „par contraire“, um ihre Ängste, die Kerben und Sorgen und den Alltagsstress zu verarbeiten. Irgendwie war das dann nicht mehr so schlimm, wenn sie es erst einmal aufgeschrieben hatte, eröffnete vielleicht sogar Perspektiven. Unterm Strich war das Schreiben für sie elementar geworden.
Eine Schreibhemmung kannte Emma nicht, nur zu wenig Zeit. Und „andere“, die dagegen waren. An vorderster Front – und das war ein buchstäblicher Katzenjammer – standen die Pelztiger. Auf die fast unwiderstehlichen Kugelaugen wäre jeder Hund neidisch gewesen, dazu jammerten sie, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen. Es war immer das Gleiche. Nachdem Emma versuchte, sie so gut wie möglich zu ignorieren, wurden sie zudringlich und es dauerte eine ganze Weile, bis sie den Pelztigern verständlich gemacht hatte, dass jetzt eben kein Gruppenkuscheln angesagt war und ihr Computer, ihr Schoß, Nacken, Kopf oder worauf auch immer eine Katze sich ansonsten krallend festkuscheln konnte, im Moment nicht zur Verfügung standen.
Danach hing alles vom Wetter und von der Jahreszeit ab. Wenn im Winter der Wind wehte und genügend Schnee lag oder wenn die wärmeren Jahresperioden das Bergwandern und das Radeln möglich machten, konnte Richard nicht widerstehen und war weg. Rückkunft völlig ungewiss. Das waren ruhige Sonntagnachmittage, die Kreativität konnte ungestört aufs Papier. Wenn es allerdings ein „schlechter Tag“ war, Richard weder kiten, Ski fahren, radeln, Einrad fahren oder wandern konnte und er ausnahmsweise kein neues Projekt stundenlang und völlig konzentriert vor dem Computer ausbrütete, war ihm langweilig. Zum Sterben langweilig. Mit einem Gesichtsausdruck, als würde die Welt untergehen, pendelte er hin und her – vom Wohnzimmer in die Küche und zurück. Dabei ließ er aus Prinzip immer die Türe offen, sodass Emma entweder ihre Arbeit unterbrechen musste oder Gefahr lief, kalte Füße zu bekommen. Wenn sie genug davon hatte, die Türe hinter ihm zuzumachen und ihre Arbeit zu unterbrechen, und sich dann doch über die ziehende Kälte beschwerte, knallte er „sanft“ die Türen, lief aber weiterhin hin und her.
Wenn er endlich davon genug hatte, schaute er gelangweilt aus dem Fenster, und da Emma wusste, was dann kam, konnte sie sich fast gar nicht mehr auf ihre Geschichte konzentrieren. Irgendwann würde er sich umdrehen und „ganz zufällig“ um sie und ihren Computer herumlaufen, wie eine Katze um die ersehnte Milchschüssel. Nicht schnurrend umschmeichelnd oder fordernd miauend, sondern immer wieder wichtige Fragen stellend. Eingeleitet wurden diese von einem fordernden: „Sooo!“ Schon allein weil Emma das wusste, nämlich dass diese im Moment völlig unnötigen Fragen nach dem „Sooo“ unausweichlich kommen würden, verkrampfte sie sich in Haltung und kreativem Gefühl und konnte sich so schlechtweg nicht auf ihre Geschichte konzentrieren. Sie kannte das Spiel, wusste, dass er noch nicht aufgeben würde. Richard war hartnäckiger als die Pelztiger.
Typische Fragen waren etwa: „Also, du schreibst heute Nachmittag?“ oder: „Was essen wir denn heute Abend?“ oder die Aussage: „Ist das heute ein Scheißwetter!“ Letzteres rief dann immer die gleiche Reaktion hervor. Nach einem weiteren sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster würde er sich lange die Anzeige der hauseigenen Wetterstation betrachten, Emma dann das Kästchen zu Demonstrationszwecken unter die Nase halten und irgendetwas in der Art sagen: „Nur fünf Knoten, das ist doch ein Jammer!“
Während Richards „unbewussten Boykottaktionen“ musste Emma das volle Programm durchziehen, um Ruhe zu haben. Anfangs zuckte sie nur mit den Augenbrauen als Antwort. Dann versuchte sie es mit konzentriertem Fokussieren des Bildschirms, während sich ihre Stirn in tiefe Falten legte. Danach kam der Versuch, ihn einfach zu ignorieren, und schließlich, wenn er gar nicht aufgab, ein paar kurze, schnippische Antworten und der Hinweis, dass sie doch schreiben wolle. Wenn das alles nichts half, kam dieserBlick. Spätestens da wurde Richard wirklich bewusst, dass sie jetzt – sofort – ihre Ruhe haben wollte, weil sie sonst gleich „total ausflippen“ würde. Dieses letzte Mittel half immer und Richard zog sich – mit beständig gelangweilter Leidensmiene – auf das Sofa zurück, um fernzusehen. Dabei setzte er sich rücksichtsvoll Kopfhörer auf und beschäftigte die Pelztiger, die ihre Chance sofort nutzten und sich auf ihm niederließen.
Doch lange ging das nicht gut. Und Emma wusste das. Abgesehen vom dicken Hals, der während des „Richardabwehrprogramms“ angeschwollen war, hielt sie im Moment auch noch diese Erkenntnis vom ersehnten Schreiben in Ruhe ab. Emma, die es gewohnt war, sich trotz fordernder Schülermeute auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren, und der auch der große Fernsehbildschirm, der nicht weit von ihrem Computer entfernt war, nicht die Muße stahl, spürte die stetige Unruhe von Richard, die auch an ihr nagte. Und irgendwann platzte es aus ihm heraus, da eine wirklich einzigartige Doku im Fernsehen lief und er Emma unbedingt auf ein erstaunliches Phänomen hinweisen musste, das man einfach nicht verpassen durfte. Er wollte sie teilhaben lassen: „Aber jetzt musst du mal kurz schauen!“ Dabei zog er bedeutungsschwer den Kopfhörer vom Kopf, machte den Ton mit den Worten: „Nur kurz!“ an und zeigte begeistert, entrüstet oder völlig fasziniert auf den Fernseher. Die anschließende Verwicklung in ein Gespräch verstand sich von allein. Er machte das alles nicht absichtlich, störte nicht mit böser Gesinnung ihre „literarischen Kreise“, es waren eben einfach langweilige, „schlechte Tage“. Doch irgendwann taten der Fernseher und das beharrliche Schnurren der Katzen ihre Wirkung: Richard schlief ein. Und endlich begann „Emmas Sonntagnachmittag“!
Eine weitere kreative Bremse, die sie schon im Vorfeld ausschalten musste, waren kurze Spontanbesuche. Ihre Familie und ihre Freunde wussten, wie wichtig ihr diese Sonntagnachmittage waren. Und trotzdem fehlte das Verständnis, dass sie die drei Stunden kreativen Schaffens gerne ganz und am Stück gehabt hätte. Schließlich wollte man doch nur kurz „Hallo“ sagen – oder ein Käffchen – „des hot’s doch glei!“ Die Einstellung „ihrer Schreiberei“ gegenüber wurde in dem, was folgte, wenn sie darauf hinwies, dass sie gerade an ihrem Roman arbeitete, nur allzu deutlich: Also das Schreiben sei ja ganz nett und es wäre ja schön, wenn man noch irgendetwas macht, zwar irgendwie ganz anders – aber immerhin – so ein Hobby im Allgemeinen. Manchmal klopfte man ihr mit nachdenklich mitleidigem Blick auf die Schulter, mit dem Hinweis, dass „ihre Schreiberei“ für sie ja auch gut zur Verarbeitung wäre, schließlich hatte sie die letzten Jahre viel Schlimmes an ihrer Schule erlebt. Gleichzeitig sah sie den Gesichtern die Frage an, was sie wohl gerade alles so zu verarbeiten hätte, wenn sie nicht mal eine kurze Pause machen konnte. Das war doch schließlich schon so lange her. Dann folgte oft beleidigter Trotz, denn, mal ehrlich, da gibt es doch auch noch andere Prioritäten. Und wenn der Laptop nicht wichtiger war als Familie und Freunde, dann konnte man doch mal kurz …
Eben nicht! Man konnte nicht ein bisschen schreiben, wie man es zum Beispiel bei einem Spaziergang machen konnte. Da war es kein Problem, mal zwischendrin jemanden zu treffen, kurz mit ihm einen Kaffee zu trinken, einen Ratsch zu halten und danach einfach noch ein Stückchen weiterzulaufen. Ein bisschen spazieren ging – ein bisschen schreiben war Schwachsinn. Man konnte nicht mal kurz unterbrechen und dann einfach weitermachen. Ein bisschenweiterschreiben. Absoluter Mist! Emma konnte zwar immer, doch trotz ihrer „großen Lehrer Ablenkungstoleranz“ brauchte sie Ruhe und zudem eine ganze Weile, um in ihre Geschichte einzutauchen, Teil der Handlung zu werden, in den Protagonisten aufzugehen. Da konnte man nicht mal kurz Pause machen. Und das verstanden eben nur wenige. Das gab Stress von vielen Seiten. Wie kann man nur so egoistisch sein? Wahrscheinlich will sie mit uns einfach nichts mehr zu tun haben! Verdammt! Emma dachte sich, dass man doch auch einfach mal weg sein konnte, wie die anderen, beim Kaffeeklatsch, Sport, im Kino oder was auch immer. Nur weil sie so viel und gerne daheim war, hieß das doch noch lange nicht, dass sie immer parat stehen, Zeit haben und nicht auch mal ihre Ruhe für die Dinge, die ihr wichtig waren, haben mochte! Ohne gleich ein Horrorszenario der Zerwürfnisse zu entwickeln. Ein bisschen Zeit, um zu schreiben und ihre unverstandene, kreative Art auszuleben. War das zu viel verlangt? Wieso wog alles immer mehr als ihre Liebe zur Literatur?
Mit einem Stoßgebet, dass keine Spontanbesuche kämen, und mit der Hoffnung, dass ihre klare Ansage über den heutigen Sonntagnachmittag bei den Pelztigern und bei Richard gewirkt hatte, widmete sie sich wieder ihrem Laptop. Um die letzten Parameter, die ihre „literarischen Kreise“ stören könnten, noch auszuschalten, hätte sie eigentlich auch den Telefonhörer neben die Gabel und das Handy auf lautlos stellen müssen. Offline. Leider hatte sie das heute vergessen. Ein Telefongespräch war ein ultimativer Schreibkiller und selbst wenn „nur“ der Anrufbeantworter ansprang und Emma dann zwangsläufig mithören musste, wer gerade anrief und was gerade so außerordentlich wichtig sei, mit der Ruhe war es dann erst einmal vorbei. Sie war so konditioniert, dass man zuhören, abheben oder zumindest zeitnah zurückrufen musste. Selbst wenn sie das Telefon auf lautlos stellte, sah sie das Licht, das aufdringlich leuchtete und verkündete, dass gerade jemand anrief. Es nistete sich in ihr Bewusstsein und machte es ihr unmöglich, den Anruf für eine gewisse kreative Spanne auszublenden. Was, wenn es dann doch wichtig war? Dieses Licht katapultierte sie aus ihren „literarischen Welten“ in die Realität zurück. Brachte sie dazu, schnell nachzuschauen, den AB abzuhören, und schon war das Schreiben unterbrochen. Offline war Pflicht! Sonst hatte sie keine Ruhe.
An diesem „Sonntagnachmittag“ glaubte Emma, alle Eventualitäten der Störung nach langem Kampf ausgeschaltet zu haben. An offline hatte sie nicht gedacht. Endlich saß sie an ihrem wackeligen Campingtisch im Wohnzimmer. Richard schnarchte, Emil auf seinen Füßen auch. Ceylan schnurrte und Medi kämpfte mit dem Teppich. Es herrschte ein nicht zu verachtender Geräuschpegel, aber in ihr Arbeitszimmer, in dem ein ergonomischer Tisch und ein passender Stuhl standen, wollte sie nicht. Ein Grund war, dass man von diesem versteckt liegenden Zimmer nicht sehen konnte, ob ein Kätzchen durch die Terrassentüre rein- oder rauswollte. Und da sie gelernt hatte, ihre Funktion als Türöffner in ihr Schreiben zu integrieren, blieb sie lieber hier. Im Arbeitszimmer würde sie sich nur die ganze Zeit fragen, ob ein armer Pelztiger mit sehnsuchtsvollen Augen vor der Scheibe saß, dessen Überleben absolut davon abhing, rein- oder rausgelassen zu werden. Außerdem konnte Emma an diesem Platz durch eine große Fensterfront in ihren Garten sehen und dieser war zu jeder Jahreszeit wild und wunderschön. Scharen von Vögeln am katzensicheren Häuschen, Eichkätzchen, die vorbeihuschten, im Sommer natürlich die Schildkröten, die durch die Wiese stiefelten, und dann und wann ein Igel – alle hießen Berti –, die natürlich auch gefüttert wurden. Es hätte keine schönere Umgebung geben können, um kreativ zu sein.
Nach relativ kurzer Zeit tauchte sie in die Geschehnisse des Romans ein und hämmerte fröhlich auf die Tastatur ihres Laptops im Zweifingersystem. Dabei war sie so schnell, wie ihre Gedanken Sätze formten, weshalb sie keine Veranlassung sah, richtig das Tastenschreiben zu erlernen. Sie hatte es sogar – eher halbherzig – versucht, war aber nie über die erste Übung mit F, J, A und Ö hinausgekommen.
Der einzige Haken an ihrem Schreibsystem war, dass ihr kreatives Schaffen sehr lautstark war. Emma hatte ihre ersten Arbeiten in der Schule und ihre ersten Roman-Schreibversuche auf einer in den Achtzigern noch durchaus üblichen Kofferschreibmaschine ihrer Mutter angefertigt und sich damals ein kraftvolles Hacken auf die Tasten angewöhnt. Vorteil: Jeder wusste, dass sie schrieb. Nachteil: Abgesehen davon, dass irgendwann die Fingergelenke schmerzten, war der Umstand, dass ihr „Getippe“ Richard an „schlechten Wettertagen“ fast in den Wahnsinn trieb. Auch im Schlaf. Wenn er darüber meckerte, wies er sie nicht selten darauf hin, dass sich die Technik seit den ersten Schreibmaschinen deutlich verbessert habe und ein leichtes Antippen der Tasten genüge. Emma ignorierte das und machte sich „keinen Kopf“ darüber. Sie freute sich eher ein bisschen, dass sie auch einmal etwas tat, das Richard auf die Nerven ging. Normalerweise war das umgekehrt. Sie hatte schon deutlich mehr ausgehalten, mehr an Krach, das Piepsen diverser „Spielzeuge“ – es gab immer irgendetwas, das piepste und das nur durch radikale Stromunterbrechung oder eine massive Diskussion zur Ruhe gebracht werden konnte –, mehr an Gestank, Dreck, Feinstaub und mehr an anderen unglaublichen Begleiterscheinungen diverser Heimwerkeraktivitäten. Gerade arbeitete sie an dem Kapitel „Pizzaofen“, und das war dafür Beweis genug.
Schmunzelnd beschrieb sie gerade, wie Richard, der Garten und das Haus ausgesehen hatten, als der Lehm einfach überall klebte. Jetzt, mit einem Abstand von etlichen Jahren zu diesem Projekt, konnte sie drüber lachen. Damals war ihr das phasenweise gründlich vergangen und sie hatte ernsthaft in Erwägung gezogen, ihre Koffer zu packen und dieses Lehmchaos hinter sich zu lassen. Aber schließlich gab es ja noch die Pelztiger – und die Schöllies – die Vögel – ihre Pflanzen – und hundert weitere Argumente, nicht zu gehen.
Plötzlich schrillte das Telefon. Emma schrak zusammen, war augenblicklich aus der Romanwelt herausgerissen. Die Katzen flüchteten panisch in alle Richtungen. Richard machte die Augen auf und Emma wusste hundertprozentig, dass er nicht rangehen würde, weil er das immer ihr überließ. Das anhaltende, penetrante Klingeln des Telefons trieb ihren Blutdruck in die Höhe und dann kam der Ärger. Darüber, dass Richard das Telefon verweigerte, und darüber, dass sie so dämlich gewesen war „nicht offline zu gehen“. Von einer Sekunde zur anderen war ihr literarischer Faden gänzlich abgeschnitten.
Kurz wünschte sie sich, dass der Anrufbeantworter seinen Geist aufgeben oder es einen großflächigen Stromausfall geben würde. Dann wüsste sie nicht, wer angerufen hatte, und keine weiteren Störungen wären zu befürchten. Ja, das wäre wohl das Beste. Während sie noch darüber nachdachte und sogar in Erwägung zog, das Kabel aus der Wand zu reißen, sprang der Anrufbeantworter an und die panische Stimme von Misty, einer ihrer Schülerinnen, dröhnte: „Frau Tomps – oh Shit, wo sind Sie denn …?“ Im Hintergrund hörte sie Gemotze und unverständliches Gemurmel. Jemand pochte schimpfend an die Türe. „Oh fuck – Frau Tomps, der Tommy …“
Okay. Scheiß auf das Schreiben. Das war ein Notfall. Emma sprang auf und riss den Hörer von der Gabel: „Misty? Was geht?“ Manchmal ermöglichte die neue Jugendsprache in Kürze, ähnlich der Lyrik, vieles zu transportieren. Die zwei Worte „Was geht?“ sagten und fragten alles, was nötig war. Misty platzte heraus: „Der Tommy wollte noch mehr Bier holen. Ich hab ihn weggeschickt. Frau Tomps …“ Bei Emma schrillten sämtliche Alarmglocken. „Wir haben schon zwei …“ Jetzt konnte Emma nicht mehr an sich halten und unterbrach ihre Schülerin: „Ihr habt schon zwei Bier getrunken?“ Dabei war es ihr völlig egal, ob jeder zwei oder sie die beiden Biere zusammen getrunken hatten. So oder so – kein Alkohol in diesem Alter – am Sonntagnachmittag! Misty antwortete ungenau und man merkte, dass sie wusste, etwas Falsches getan zu haben: „Ja, zwei!“ Dann überschlug sich ihre Stimme: „Jetzt ist er wieder da – hat vorhin gemeint – wir könnten es tun! Ich hab abgesperrt! Verdammte Megascheiße.“
Emma versuchte ruhig zu bleiben. Was ihr nur schwer gelang, weil sie sich furchtbar darüber aufregte, dass die beiden getrunken hatten. Außerdem wusste sie, dass Misty sicher nicht ganz unschuldig daran war, dass Tommy glaubte, sie wolle „mehr“. Verdammt, Misty war gerade dreizehn geworden. In dem Alter war für Emma ihr Pflegepferd wichtiger gewesen als die „doofen Jungs“. Und ihre Klamotten waren nicht sexy, sondern praktisch für den Stall gewesen. Misty war komplett anders. Mit ihren Klamotten und so aufgedonnert wie sie war, sah sie aus wie fünfzehn. Dazu war sie äußerst hübsch und niedlich, sodass alle Jungs, von der Fünften bis zur Neunten, sie total süß fanden. Sie genoss die Aufmerksamkeit und die Bewunderung, war schon mit mehreren „gegangen“, hatte mit ihnen geknutscht und ein bisschen gefummelt. Aber eben nicht mehr! Emma wusste das so genau, da sie für ihre Mädels eben nicht nur Lehrerin, sondern auch Kummerkasten und Vertraute war. Bei einem Gespräch auf der Mädchentoilette hatte ihr Misty erst letzte Woche in den schillerndsten Farben geschildert, wie sie Tommy „aus Spaß“ anmachte und ihn an der Nase herumführte. Natürlich war das absolut nicht ernst gemeint, denn eigentlich war sie ja mit einem Jungen fest zusammen, der deutlich älter war – nämlich genau achtzehn Monate – und der wesentlich mehr „Respekt“ an der Schule genoss. Misty beharrte darauf, dass Tommy schon wusste, dass das alles nur Spaß war. So stolzierte sie täglich keck mit sexy Outfit im Klassenzimmer an Tommy vorbei – der Junge mit dem „mehr an Respekt“ ging in eine andere Klasse – und flirtete im Vorrübergehen, was das Zeug hielt.
Weil Misty eben so war, wie sie war, eine hübsche, pubertierende kleine Hexe, glaubten leider viel zu viele mit Testosteron bis zum Anschlag gefüllte Jungs, bei ihr einen Freischein für alles zu haben. Emma hatte sie oft genug gewarnt und ihr die Folgen ihrer Koketterie vor Augen gehalten. Sie wäre nicht das erste schwangere Mädchen mit dreizehn an der Schule – und auch nicht die Erste, die man vergewaltigte. Außerdem war ihr Benehmen mal abgesehen von den Gefahren auch den Jungs gegenüber total unfair, wenn sie sich Hoffnungen machten und Misty sie nur „verarschte“. Aber Emma hatte gespürt, dass sämtliche Warnungen an Misty abprallten. Sie genoss es umschwärmt zu werden und zu bekommen, was sie wollte. Vielleicht auch ein Bier am Sonntagnachmittag? Außerdem machte sie sich über nichts Gedanken und war so unbeschwert, wie es eigentlich nur Kinder sein konnten, denen die Lebenserfahrung fehlte. Tja, außen fünfzehn, innen ein Mädchen von dreizehn.
Emma vermutete, dass Misty gerade die Quittung für ihr „Herumgebalze“ bekam. In ihrem letzten Gespräch auf der Mädchentoilette hatte Emma mitbekommen, dass Tommy sie zu sich nach Hause eingeladen hatte, und ihr schwer ins Gewissen geredet, das nicht zu tun. Anscheinend ohne Erfolg. Der Tommy war kein übler Kerl. Aber rattenscharf auf Misty. Und diese hatte mit ihm geflirtet, was das Zeug hielt, und ihm derart das Hirn vernebelt, dass er nicht einmal darüber nachgedacht hatte, dass der „Freund mit mehr Respekt“ ihn buchstäblich auseinandernehmen würde, wenn er das mitbekam. Bei Tommy setzten die Gehirnzellen sowieso prinzipiell schon aus, wenn er Misty sah, wie sie vor ihm herumkokettierte. Aber jetzt waren sie auch noch allein in seinem Zimmer. Zumindest, wenn Misty die Türe wieder aufschließen würde. Addierte man diese Tatsache mit dem Testosteron dieser Altersklasse und den zwei bereits getrunkenen Bieren, konnte auch ein sonst noch so lieber Kerl gefährlich für Misty und ihre „Unschuld“ werden. Und weil es jetzt überhaupt nichts brachte, das Mädchen auszuschimpfen oder ihm Vorhaltungen zu machen, fragte sie, während sie weiter überlegte, was zu tun war: „Hast du ihm gesagt, dass du das nicht willst?“
Misty druckste herum: „Also, ich meinte, dass er erst noch mal ein Bier holen solle. Ich wollte ihn loshaben!“ Im Hintergrund hörte es Emma erneut an die Türe poltern und Tommy brüllte lallend. Jetzt wurde Misty wieder panisch: „Der hatte vorhin voll den Psychoblick.“ Und Emma dachte nur, kein Wunder! Und mit noch schrillerer Stimme fragte Misty: „Was soll ich bloß machen?“ Emma spürte ihre Angst. Tommys Vater wäre keine Hilfe. Dieser lag mit hoher Wahrscheinlichkeit besoffen mit seiner Freundin auf dem Sofa oder saß mit ihr schon in der ersten Kneipe und kümmerte sich einen feuchten Dreck darum, was sein Sohn machte.
Es war also niemand da, um Tommy zu bremsen. Da konnte sonst was passieren. Mit oder ohne Einverständnis! In Emmas Kopf überschlugen sich die Gedanken.
„In welchem Stockwerk seid ihr?“
Misty stotterte: „Unten!“
Emmas Aufforderung kam spontan aus dem Bauch: „Mach das Fenster auf und hau ab. Wenn irgendetwas dazwischenkommt, ruf sofort an. Wenn du daheim bist, rufst du auf jeden Fall an! Sofort, wenn du daheim bist! Verstehst du? Wenn ich in ein paar Minuten nichts von dir höre, schalte ich Reutenberger ein. Und jetzt los!“ Reutenberger hatte an seinem „heiligen Sonntag“, der selten heilig blieb, sicher Wichtigeres als das zu tun. Trotzdem wäre er da, wenn es darauf ankäme.
Misty legte auf und Emma hoffte, dass ihr Plan aufging. Mit dem Schreiben war es für diesen Sonntagnachmittag auf jeden Fall vorbei. Aber das war im Moment kein bisschen wichtig. Zuerst war sie Lehrerin, dann erst Schriftstellerin. Immer wieder ging Emma durch den Kopf, was alles hätte passieren können, wenn Misty nicht so viel Vertrauen gehabt und sie nicht angerufen hätte! Oder wenn Emma wie geplant den Hörer neben die Gabel gelegt hätte! Oder wenn sie ihre Telefonnummer nicht herausgegeben hätte, oder, oder, oder … Manchmal sollte eben alles so sein, wie es war.
Fünf Minuten später rief Misty an und bestätigte, dass sie in der elterlichen Wohnung angekommen war. Sie versprach hoch und heilig, sich von dort bis morgen Früh auch nicht mehr wegzubewegen. Emma lobte sie dafür, dass sie so viel Vertrauen gehabt und angerufen hatte, weil das ganz schön hätte schiefgehen können. Misty bedankte sich im Gegenzug tränenreich bei ihr, dass sie geholfen hatte. Und jetzt spürte Emma, dass Misty zwar wie fünfzehn aussah, aber unterm Strich noch ein Kind war. Trotzig hatte sie sich über alle Empfehlungen und Hinweise hinweggesetzt. Deshalb hielt sich Emmas Mitleid – nachdem der „Super-GAU“ abgewendet war – in Grenzen und sie ergänzte ein bisschen schnippisch: „Misty, du bist morgen früh um halb acht im Klassenzimmer. Wir müssen reden. Und jetzt tu noch was Sinnvolles und mach deine Hausaufgaben und lerne. Morgen ist Vokabeltest!“ Nachdem sie ihr Gespräch beendet hatten, schaltete Emma ihren Laptop aus, räumte den Campingtisch auf und leistete Richard auf dem Sofa Gesellschaft. Sofort sprang Emil auf ihren Bauch und Ceylan bohrte sich unter ihre Decke. Der Rest des Sonntags verlief ganz nach Wunsch der Katze. Gruppenkuscheln, Wellnessmassage, Leckerli werfen, ausruhen.
Am nächsten Morgen nahm sich Emma Misty „zur Brust“. Sie versuchte nicht zu sehr den „Moralapostel“ zu spielen, schilderte Misty aber recht eindrücklich, was ihr Verhalten gestern und im Allgemeinen für Folgen haben könnte. Mit gesenktem Kopf versprach sie Besserung, wirkte geläutert. Die Ereignisse des gestrigen Tages waren noch frisch. Emma verspürte trotzdem ganz tief die Gewissheit, dass Misty nichts gelernt hatte und sicher noch vor ihrem sechzehnten Geburtstag schwanger werden würde. Und so war es dann auch. Nur passierte es schon, als sie vierzehn war. Allerdings war der Vater nicht der „Freund mit mehr Respekt“, denn der hatte natürlich von der Sache Wind bekommen und war, wie zu erwarten, ziemlich ausgeflippt. Allerdings war Emma dabei gewesen, als Misty ihm ihr Date gestand, und bremste die größte Wut. Nichtsdestotrotz hatte er sofort mit Misty „Schluss gemacht“, da so eine Bitch mit seiner Gangsterehre unvereinbar und er sonst die Lachnummer an der Schule wäre. Emma ließ ihm die Bitch durchgehen, sollte Misty darüber nachdenken, stellte aber auch klar, dass er riesigen Ärger bekommen würde, wenn Tommy ein Haar gekrümmt werde. Damit war die Sache beendet.
Doch Misty war eben, wie sie war, und schon eine Woche später mit einem sechzehnjährigen Gangster aus einer anderen Schule zusammen. Kurze Zeit danach wurde sie schwanger.
Pausenwahnsinn Mittelschule
Als sich Emma Misty „zur Brust genommen hatte“, wartete sie auf Tommy. Normalerweise war er in der Vorviertelstunde schon da und machte allerhand Blödsinn. Heute sprang er in der wirklich allerletzten Sekunde und blitzschnell wie aus dem Nichts auf seinen Platz. Bewundernswert, wenn er dieses Talent, so schnell und unerkannt zu rennen, bei den Ballspielen im Sportunterricht eingesetzt hätte! Doch heute war seine Motivation größer. Er wusste, dass Emma wusste! Trotzdem hatte er sich nicht vor der Schule und vor seiner Lehrerin im Besonderen gedrückt, weil er auch wusste, dass es ja nur aufgeschoben und nicht aufgehoben war. Die Tomps vergaß diese Aktion niemals und daheim hätte er nur die ganze Zeit darüber nachdenken müssen, wie schlimm es wohl werden, ob sie anrufen oder vielleicht sogar einfach vorbeikommen würde. Sie brachte so was! Also lieber gleich hinter sich bringen.
Tommy schämte sich. Den ganzen Vormittag war er nicht in der Lage, ihr ins Gesicht zu schauen. Starrte wie gebannt ins Buch oder Heft, fixierte Arbeitsmaterialien, drehte den gesenkten Kopf zur Seite. Er meldete sich kein einziges Mal, schwieg im Unterricht wie ein Grab. Er versuchte, einfach gar nicht da zu sein. Emma behielt ihn im Auge. Tommy wäre es deutlich lieber gewesen, wenn sie ihn übersehen hätte. Emma schmunzelte. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, dass er einfach mal die Klappe halten, nicht ratschen oder Quatsch machen würde. Heute war seine Devise: „Bloß nicht auffallen!“ Die ganze Angelegenheit war ihm verdammt peinlich. Und da Emma auch dies wusste und dass er eben kein übler Kerl war, ließ sie ihn einfach in seiner Verlegenheit in Ruhe und wollte mit ihm erst in der Pause unter vier Augen sprechen.
Doch eigentlich hätte Emma es besser wissen müssen. Wichtige Gespräche durfte man nicht aufschieben. Mittelschule und Kids im Allgemeinen waren unberechenbar und so kam alles mal wieder ganz anders als geplant.
Die dritte Stunde neigte sich dem Ende zu, die Pause rückte näher und damit auch das geplante Gespräch. Der Grad der Anspannung der Schüler stieg bis zum Zerreißen. Die zehn Minuten, die noch „abzusitzen“ waren, erschienen endlos tödlich. Für jeden! Füße wackelten unter den Tischen, nach drei Stunden Unterricht freuten sie sich aufs Herumspringen, konnten es kaum erwarten. Stifte klopften rhythmisch oder einfach nur als Blitzableiter der aufgestauten Energie auf die Tischplatten und die Gehirne waren nicht mehr dazu bereit, Stoff aufzunehmen, zu verarbeiten oder gar einzuüben. Zeit, um den morgigen Stundenplan und die Hausaufgaben zu übertragen, denn das war das Äußerste, was noch möglich war. Nebenbei wurde geräuschvoll in den Taschen nach Pausenbrot, Geld und heimlich nach dem verbotenen Handy gekramt. Wenn es nicht bald klingeln würde, ginge hier die Vorpausenbombe hoch.
Tommy spürte das auch und das gab ihm Anlass zu hoffen, dass er um ein Gespräch mit Frau Tomps herumkommen würde. Er würde sich das Chaos zunutze machen und sich heimlich in die Pause stehlen. Aber Emma war ja nicht von gestern und ließ Tommy nicht aus den Augen. Natürlich hätte sie einfach laut sagen können, dass er dableiben solle, aber normalerweise löste sie das anders. Es mussten ja nicht alle wissen, dass sie ein Hühnchen zu rupfen hatten. Wobei sich Emma insgeheim dachte, dass wahrscheinlich sowieso die halbe Schule von den gestrigen Geschehnissen wusste. Misty und Tommy hatten es wahrscheinlich ihren besten Freunden erzählt, diese wiederum ganz im Vertrauen einem anderen guten Freund und so weiter und so fort. Nachrichten verbreiteten sich oft exponentieller als Grippeviren.
Und dann passierte es! Die Vorpausenbombe explodierte. Toni sprang mit leuchtenden Wangen und total genervt von seinem Platz auf, sein Stuhl fiel scheppernd um und mit einem bedenklichen Glitzern in den Augen schlug er Ecem, seiner Tischnachbarin, mit dem Lineal auf den Kopf. Dabei schrie er: „Hör endlich auf, mich in den Arm zu zwicken und mich zuzumüllen!“ Dann klatschte das Lineal noch einmal auf ihre Haare, nicht fest – aber fest genug: „Und pieks mich nicht immer mit deinem Finger, du …!“ Doch bevor er seinen Satz beenden konnte, sprang Ecem, die ihr perfektes Pausenoutfit zerstört sah, wütend auf. Total hysterisch kreischte sie: „Du Vollhorst!“, und versuchte empört, ihre Haarpracht wieder in den Griff zu bekommen. Dabei verengten sich ihre schönen, dunklen Augen zu einem bitterbösen Blick. Anscheinend sagte ihr der Spiegel, den sie aus ihrem Mäppchen gezaubert hatte, dass die Frisur ruiniert war. Emma brüllte ihrerseits: „Ecem, lass gut sein. Ihr bleibt beide in der Pause hier und wir besprechen das“, und tat jetzt genau das, was sie sonst zu vermeiden versuchte. Gleichzeitig fixierte sie Tommy, damit er merkte, dass sie ihn nicht vergessen hatte.
Doch bevor sie ihm sagen konnte, dass auch er hierbleiben musste, stieß Ecem noch ein „Vollhorst“ aus und schubste Toni so heftig, dass er nach hinten fiel. Eigentlich sah das urkomisch aus, weil er so auf seinen Stuhl plumpste, als würde er liegend sitzen. Ein paar Schüler kicherten, die erste Unruhe entstand. Ein paar wenige standen ihrerseits auf, nahmen jedoch sofort wieder Platz, als Emma rief: „Hinsetzen uns sitzenbleiben.“
Auch Toni nahm sie beim Wort und blieb sitzend liegend. Fari, seine Sitznachbarin, hörte nicht. Als Toni umgefallen war, hatte er Faris gut geordnetes Tischchaos, ihr Mäppchen und ihren Glücksbringer vom Tisch gefegt und ihr liebevoll vorbereitetes Sandwich über ihr perfektes Heft verteilt. Fari sah rot. Sie packte Ecem, die in ihren Augen an der ganzen Misere schuld war, grob an den Haaren – nach einer Stunde Glättung in aller Herrgottsfrüh blanke Blasphemie –, funkelte sie an und keifte: „Du blöde Ziege! Immer gibt es Stress mit dir.“
Ecem, die sofort wieder auf hundertachtzig war, riss sich los und erwiderte hitzig ein paar Beleidigungen auf Türkisch, die Fari wiederum verstand, obwohl sie aus Indien stammte. Es lebe die multikulturelle Mittelschule. Als Retourkutsche schnappte sich Fari, die im Normalfall so knuffig aussah, als könnte sie kein Wässerchen trüben, Ecems Handy, da sie genau wusste, wo diese den verbotenen Gegenstand vor den Lehrern versteckte, und warf es in Emmas übergroße Buntnessel. Das war’s.
Seppi sprang auf. Er saß neben der Buntnessel und schnappte sich das Handy. Emma rief im Befehlston: „Seppi, bring das vor!“, und dachte sich noch, während sie das sagte, dass das sicher nicht gut gehen würde, weil er viel zu nah an Ecem vorbeimusste. Ecem funkelte Fari an, ließ sie aber in Ruhe. Das Handy war anscheinend wichtiger als die Frisur. Sie flüsterte ihr sogar etwas ins Ohr. Emma schnauzte sie an: „Du bewegst dich keinen Millimeter. Das, was du gemacht hast, reicht für ein paar Sozialstunden. Das gilt auch für die anderen!“
Eigentlich wusste die Klasse, wann es genug war, und zunächst wurde es mucksmäuschenstill. Als Seppi in den Mittelgang trat und nach vorne kommen wollte, sah sie gerade noch, wie Fari ihr Bein so platzierte, dass Seppi darüberfallen musste. Absolut filmreif stolperte er und das Handy flog in hohem Bogen nach oben, während er auf dem Hintern landete. Dann ging alles so schnell, dass Emma eine Weile brauchte, um das Chaos aufzulösen. Etliche Schüler hatten sich auf das Handy gestürzt und rauften darum. Andere mischten sich ein, ergriffen Partei, versuchten zu schlichten oder schrien einfach ein paar Ausdrücke in ihrer Muttersprache. Die Gelegenheit war zu günstig, ungestraft damit durchzukommen. Armageddon brach an.
Emma, die sich durchaus Gehör verschaffen konnte, dirigierte die Meute auf ihre Plätze zurück, kassierte das Handy und Alis Ohr, der einfach nicht aufhören wollte, und brachte ihn genau so zu seinem Stuhl. Trotzdem erreichte der Geräuschpegel nahezu hundertsechzig Dezibel. Und fast wäre das Läuten zur großen Pause untergegangen. Sie hätte ihre Schüler jetzt natürlich auch mit Brüllen zur Ruhe bringen können, aber sie löste so etwas eleganter. Ein Lehrer musste schließlich auch an seine Stimme denken. Als sich Emma urplötzlich auf ihr Pult setzte, symbolisch gähnte und gelangweilt auf ihre Uhr blickte, verstummten die ersten Schreihälse. Denn eigentlich war ja schon Pause. Gehen durften sie allerdings erst, wenn Emma sie entließ. Als sie dann noch das altmodische, goldene Glöckchen hielt – drei Mal klingeln hieß, dass es für zu Hause noch ein bisschen mehr zu üben gab –, sank der Geräuschpegel wieder auf einen vertretbaren Vorpausenwert. Keiner traute sich noch einmal von seinem Platz weg.
Dann sagte Emma: „Zeitwächter – zehn Sekunden!“, und dieser zählte langsam von zehn rückwärts. Jetzt hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Die Schüler wussten, dass sie nicht in die Pause durften, bevor es nicht mucksmäuschenstill, der Zeitwächter bei null angekommen war und Emma: „Abflug!“ sagte. Doch Ecem hielt es nicht mehr aus und quietschte, sonst wäre sie wahrscheinlich einfach geplatzt: „Frau Tomps!“ Sie musste in die Pause!!! Jetzt!!! Daraufhin bekam Tonis Gesicht wieder einen dunkleren Rotton und er wollte gerade etwas sagen, als ihm Emma nur „diesen Blick“ zuwarf und er es sich in Anbetracht der beginnenden Pause sparte. Extrem gelangweilt sagte Emma: „Fari und Ecem, ihr kommt gleich noch kurz zu mir! Toni und Seppi vor der Mittagspause! Also noch mal. Zeitwächter – zehn Sekunden.“
Dieses Mal blieb es still. Ecem wäre in diesem Moment sicher sofort tot umgefallen, wenn Faris Blicke wirklich hätten töten können. Jetzt sollte wegen dieser Ziege auch noch ihre Pause gestrichen werden. Dabei verdrängte sie, dass es ja ihr Fuß gewesen war, der Seppi zu Fall gebracht hatte. Bei null angekommen, grinste Emma und rief: „Abflug!“, und so geordnet, wie es ihnen noch möglich war, stürmten sie in die Pause. Es war unglaublich, aber genau in diesem Tohuwabohu stahl sich Tommy ebenfalls unbemerkt in den Pausenhof. Doch auch er hätte es besser wissen müssen. So leicht kam man bei Emma nicht davon.
Als alle bis auf Fari und Ecem gegangen waren, drückte sich Tuprak immer noch an seinem Platz herum. Er war einer der angesagten „Gangster“ der Schule, wahrscheinlich sogar der Junge mit dem meisten „Respekt“. Obwohl er gute zwei Jahre älter als die anderen war, hatte ihn Emma in ihre Klasse aufgenommen. Eigentlich hätte dies eine zeitlich beschränkte Ordnungsmaßnahme sein sollen, denn mit seinen fünfzehn Jahren sollte er eigentlich in die achte und nicht bei ihr in die sechste Klasse gehen. Kein Lehrer hatte sich jedoch bereit erklärt, ihn aufzunehmen, da er jede Klasse und jede Gruppe, in der er war, aufmischte. Als der Rektor mit seinem Latein am Ende war, sagte er zu Emma: „Nimm ihn – oder ich schmeiß ihn raus. Genügend Ärger hat er gemacht und die Liste der Ordnungsmaßnahmen voll ausgeschöpft.“ Emma, die niemals Nein sagen konnte und trotz all dem, was sie bisher an dieser Schule erlebt hatte, immer noch an das Gute in jedem Menschen glaubte – in fast jedem –, stimmte nach dieser „Drohung“ zu. Allerdings mit großen Bedenken, denn ihre eigene Klasse war alles andere als einfach und sie befürchtete, sich ein Kuckucksei gelegt zu haben.
Dann lief es allerdings überraschend gut bei ihr und der Disziplinarausschuss entschied, mit Einwilligung der Mutter, dass er bei Emma bleiben sollte, bis er nächstes Schuljahr in die Praxisklasse wechseln konnte oder – was alle an der Schule für wahrscheinlicher hielten – nach weiteren Vergehen den Rausschmiss bekam und danach den Rest seiner Pflichtschulzeit an einer anderen oder mehreren anderen absitzen musste. Doch Emma war guter Dinge. Sie hatte einen guten Zugang zu ihm, er vertraute ihr und hielt sich schon ihr zuliebe so gut wie möglich an die Regeln. Fakt war, dass er, seit er bei ihr war, keine wirklich schlimmen Prügel mehr verteilt und sich zusammengerissen hatte. Es war eine deutliche Besserung seines Sozialverhaltens erkennbar und – es war eben die beste Lösung.
Tuprak wusste über alles an der Schule Bescheid und übernahm gerne zusätzliche Aufgaben im Schulalltag, wenn es um Organisatorisches ging. Einer seiner Spitznamen war deshalb „Oberchecker“ und Tuprak genoss das, weil er sich dadurch anders wichtig fühlen konnte. Emma rief ihn zu sich ans Pult und fragte: „Weißt du über gestern Bescheid?“, und sie musste weder den Namen Tommy erwähnen noch andere zusätzliche Informationen geben. Tuprak nickte und grinste so frech, dass Emma mit sich kämpfen musste, um ihm „keinen Einlauf zu verpassen“, weil sie das von gestern alles andere als komisch fand. Sparte sich das aber in Anbetracht dessen, dass sie noch mit den Mädchen reden wollte und die Pause für das, was sie geplant hatte, sowieso zu kurz war. Deshalb nickte auch sie und sagte: „Bring mir bitte den Tommy hoch. Ich will mit ihm reden!“ Sicherheitshalber ergänzte sie: „Nur bringen. Den Rest mach ich!“, denn sie wusste nur zu gut, dass sich Tuprak gerne als Exekutive und Richter aufspielte, wenn es um die Vergehen anderer ging.
Nachdem sie Ecem und Fari angehört, ihnen eine „Zusatzaufgabe“ aufgebrummt – beide nahmen diese, ohne zu jammern, an, schließlich waren von der kostbaren großen Pause schon ein paar Minuten verstrichen – und sie dann mit einer warnend gerunzelten Stirn entlassen hatte, schaute sie aus ihrem Klassenzimmerfenster, das einen umfassenden Blick auf den Pausenhof zuließ. Ihre Augen suchten Tommy. Aber sie entdeckte ihn nicht. Sie sah Sevil und Gisem, wie sie die Jungs der Klasse im Fußball schlugen, erspähte kleine Reibereien, nichts, um einzugreifen, sah, wie Vinci, Kamil und Luis um die Tischtennisplatte tollten, und da …
… da sah sie Tuprak, der Tommy an den Haaren aus einem Gebüsch zerrte und fuchtelnd auf ihn einredete. Tommy ließ sich fallen, rollte wie ein Footballprofi zur Seite, sprang auf und wollte sich wieder in die Büsche verdrücken, als ihn Tuprak ausbremste. Er machte schon länger Kampfsport und seine Reaktionszeit war hervorragend. Blitzschnell nahm er Tommy in den Schwitzkasten und schleifte ihn quer über den Schulhof. Und da anscheinend wirklich alle Bescheid wussten, mischte sich auch keiner ein. Weder Lehrer noch Schüler. Tommys Kopf leuchtete so rot, dass dieser lebenden Verkehrsampel sofort alle den Weg frei machten oder stehen blieben. Vorfahrt gewährt! Eine Minute später, Emma wusste nicht, ob sie lachen oder schimpfen sollte, flog die Tür auf. Tuprak schubste Tommy ins Klassenzimmer, der immer noch mit leuchtender Birne, aber ohne weitere Ambitionen zu flüchten, dastand. Bedeutungsschwer und mit betont tiefer Stimme sagte Tuprak: „Der Tommy ist jetzt da, Frau Tomps, und will mit Ihnen reden!“ Emma bedankte sich grinsend und dann nützte sie den Rest der Pause, um wirklich in aller Ruhe mit Tommy zu sprechen. Auch er war einsichtig und versprach Besserung.
Gut geschossen
Emma hatte einen grünen Daumen – tausendfach. Und das nicht nur in freier Natur, sondern auch drinnen. Ganz zum Leidwesen von Richard, der wie ihr Vater der Meinung war, dass Grünzeug in den Wald oder in den Garten gehörte. In den ersten Wohnungen fehlten Emma die nötigen Quadratmeter, um alles so zu begrünen, wie sie es gewollt hätte. Ihre Möglichkeiten beschränkten sich auf das Treppenhaus, auf die wenigen Fensterbretter, das kleine Beistelltischchen, den eh schon überfüllten Schreibtisch und auf sonstige nur erdenklich freie Plätze, zum Beispiel Bücherstapel. Als Lückenfüller fungierten Blumenampeln, natürlich alle selbst gemacht. Nachdem Emma in der vierten Klasse Makramee gelernt hatte, wurde die gesamte Familie und alle Freunde mit Ampeln, Wandbildern und Ähnlichem aus den Wunderschnüren beschenkt. Und sie hatte es nicht verlernt. Allerdings hängte Emma nur so viele Blumenampeln auf, dass auch sie und Richard und nicht nur die Grün- und Blühpflanzen Licht bekamen – zumindest ein wenig. Emma schaffte es, auf den vierzig Quadratmetern mehr Blumen zu kultivieren als andere in einem großen Haus.
Als sie dann selber ein eigenes Häuschen bauten – mit großem Wohnzimmer und unglaublich großen Fensterfronten –, taten sich für Emma neue, ungeahnte Dimensionen auf, die bald erforscht und gründlich besiedelt wurden. Gerade wegen ihrer liebevollen Pflege mit ihrem grünen Daumen und eben wegen der unglaublich großen Scheiben wuchsen die vorher noch kleinen und zarten Benjamini, Grünlilien, Oliven- und Feigenbäumchen, Buntnesseln, Sukkulenten, Zitronenbäume und diverse andere unbenannte Pflanzen zu tropischen Baumriesen heran. Der Konflikt begann, als Richard mehr Platz im Wohnzimmer forderte. Aber Emma hatte kein Einsehen. Schließlich förderte das Grün Wohnqualität und Atmosphäre. Sie gab sich erst geschlagen, als schließlich kein Weg mehr durch das üppige Grün beschritten werden konnte, ohne sich an den Palmen die Augen auszustechen oder Äste ins Gesicht geklatscht zu bekommen. Es gab einfach keine andere Lösung: Eine musste gehen. Für Emma, die fast alle aus kleinen Ablegern gezüchtet und bemuttert hatte, war das wie der Auszug eines Kindes in die Ungewissheit.
Um zu vermeiden, dass Richard die „Ausweisung“ von noch mehr herangewachsenen Kinderpflanzen forderte, versuchte sie ihm die Vorzüge eines grünen Vorhangs, einer gesunden Wohnatmosphäre durch ihren Urwald und die positive Wirkung auf das Gemüt klarzumachen. In regelmäßigen Abständen, wenn Richard beim Erwähnen des letzten Argumentes genau die gegenteilige Reaktion mit dementsprechendem Gesichtsausdruck zeigte, dann wusste Emma, dass jetzt leider wieder die Zeit dafür gekommen war, eine gehen zu lassen. Lieber entschied sie selber, welche das sein sollte. Und wohin sie kam. Die Frau eines Arbeitskollegen, die der Urwald ihres Mannes mindestens genauso genervt hatte wie Richard die Pflanzen von Emma, stellte einige kurzerhand im Winter auf die Terrasse. Problem erledigt – Pflanzen erfroren! Das war der Beginn eines kleinen Rosenkrieges und wenn ihr Arbeitskollege nicht derart gutmütig gewesen wäre, hätte auch dieser übel enden können. So etwas wollte Emma nicht, auch nicht für ihre „über alles geliebten“ Pflanzen.
Das Schicksal, „ausgewiesen“ zu werden, hatte auch ihre Yuccapalme ereilt. Und, ehrlich gesagt, war Emma kein bisschen unglücklich darüber gewesen, sondern eher froh, dieses Monster loszuwerden. Anfangs jedoch war die Palme der Volltreffer gewesen und Emma hatte sich erst ein paar Mal ernsthaft verletzen müssen, bevor sie ihre Gefühle zu dieser Pflanze hinterfragte. Zu Beginn, als Richard und Emma in ihr Häuschen mit den ungeahnten Dimensionen gezogen waren, wirkten ihre Miniaturpflanzen aus der Wohnung auf einmal so schrecklich mickrig. Der Garten war noch nicht eingewachsen, bestand aus einem umgepflügten Acker mit einem selbst gebauten Vogelhäuschen, aus kleinen, gebrannten Ziegeln und einem Schindeldach. Der Heimwerker hatte seine Flagge aufgestellt. Ansonsten gab es nicht viel, was einen gewissen Sichtschutz bot. Drinnen wie draußen. Als säße man im Schaufester. So fühlte man sich im Wohnzimmer hinter den unglaublich großen Scheiben.
Jeder sah alles. Und Emma hatte das Gefühl, dass sämtliche Bewohner des Vorstadtdörfchens vorbeispazierten, um den Zuzug einer ersten Prüfung zu unterziehen. Manche glotzten unverfroren herein und lehnten sich dazu noch ein bisschen über den Zaun. Emma war überglücklich, dass sie zuerst den Zaun gebaut hatten. Irgendwie war es ihr spießig vorgekommen – eben typisch deutsch! Aber gerade deshalb wurde den zufälligen Spaziergängern kein noch besserer Blick durch die unglaublich großen Scheiben gewährt. Wenn diese bemerkten, dass man genauso gut von drinnen nach draußen sah, drehten sie sich beiläufig zur Seite. Ein bisschen wie Kinder – auf frischer Tat ertappt. Deshalb überlegte sich Emma manchmal, ob sie nicht einfach mal winken sollte.
Eine Lösung – ohne Vorhang – musste her, denn Emma war seit ihrer Kindheit den Blick in den freien Himmel gewohnt. Und den würde sie für nichts auf der Welt aufgeben. Nicht mal wegen der neugierigen „Nachbarn“. Die scheinbare Rettung kam durch einen Prospekt ins Haus geflattert. Im Baumarkt, der viele Varianten des Sichtschutzes zu bieten hatte, gab es die Aktion: „Drei für zwei“. Voll motoviert, endlich etwas an ihrem Schaufensterdasein zu ändern, fuhren sie dorthin. Und brachten nach ihrem dreistündigen Ausflug – mit Richard in den Baumarkt zu gehen, war der Super-GAU – während eines äußerst abenteuerlichen Transportes in ihrem kleinen Ford die Yuccapalme, ein Werkzeug, das Emma damals noch nicht namentlich kannte, das aber bald wegen seiner Fähigkeit, schnell eine große Menge an Feinstaub zu produzieren, zu ihrem Erzfeind ernannt wurde, und eine schwarze Stehlampe mit in ihre neue Heimat „Cat City“. Die sperrige und nicht gerade formschöne Stehlampe, die ein grelles Licht verbreitete, die Stimmung im Wohnzimmer völlig ruinierte und die zum Ärger aller umfiel, wenn man nur leicht dagegenstieß, hatten sie nur wegen der schwarzen Farbe genommen. Emma hatte eine Vorliebe für eine gruftig angehauchte Einrichtung, also Hauptsache Schwarz. Nachdem sich allerdings herauskristallisierte, dass die Lampe der grünen Ausgleichsatmosphäre entgegenarbeitete, wanderte sie in den Keller, weil man da unten „unbedingt“ noch ein zusätzliches Licht brauche. Dort vegetierte sie, ohne noch ein einziges Mal entzündet zu werden, vor sich hin und verstaubte. So viel zur Rentabilität von „drei für zwei“! Die Lampe war doch so günstig – also eigentlich geschenkt – gewesen! Heute fielen Emma für sie nur die Begriffe „billig“ und „unbrauchbar“ ein.
