Spiegelblut - Hedda Rossa - E-Book

Spiegelblut E-Book

Hedda Rossa

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Beschreibung

Eine vergessene Macht Kathies Leben ist in Gefahr. Nichtsahnend wird sie eines Abends von Schattenkreaturen angegriffen. Mit Hilfe eines namenlosen Jungen gelingt ihr knapp die Flucht. Doch dieser entführt sie geradewegs in eine fremde Welt. Ein Ort an dem die alte Magie der Menschen noch existiert und weitergelebt wird. In Dunkelheit geboren In der verborgenen Welt hinter dem Spiegel wird ein Krieg ausgetragen, der abscheulicher nicht sein könnte. Der namenlose Junge entpuppt sich als mächtiger Magiermeister, der eine Rebellion gegen das Königshaus anführt. Kathie muss sich dem Magier anschließen und für ihre Freiheit kämpfen. Durch Licht vollendet Immer deutlicher spürt sie die Verbindung zwischen ihr und dem Magier. Eine Verbindung, die sie tiefer in die Dunkelheit dieser Welt zerrt. Doch gerade diese Dunkelheit lässt das Licht in ihrem Herzen erwachen.

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Seitenzahl: 493

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Eine vergessene Macht

Kathies Leben ist in Gefahr. Nichtsahnend wird sie eines Abends von Schattenkreaturen angegriffen. Mit Hilfe eines namenlosen Jungen gelingt ihr knapp die Flucht. Doch dieser entführt sie geradewegs in eine fremde Welt. Ein Ort an dem die alte Magie der Menschen noch existiert und weitergelebt wird.

In Dunkelheit geboren

In der verborgenen Welt hinter dem Spiegel wird ein Krieg ausgetragen, der abscheulicher nicht sein könnte. Der namenlose Junge entpuppt sich als mächtiger Magiermeister, der eine Rebellion gegen das Königshaus anführt. Kathie muss sich dem Magier anschließen und für ihre Freiheit kämpfen.

Durch Licht vollendet

Immer deutlicher spürt sie die Verbindung zwischen ihr und dem Magier. Eine Verbindung, die sie tiefer in die Dunkelheit dieser Welt zerrt. Doch gerade diese Dunkelheit lässt das Licht in ihrem Herzen erwachen.

Hedda Rossa wurde in der schönen Mittelrheingegend (Neuwied) geboren. Schon von klein auf liebt sie alles was mit Büchern zu tun hat und bezeichnet sich selbst als Bookaholic. Ihre Sucht verstärkte sich, als sie begann selbst Geschichten zu schreiben.

Noch in ihrer Schulzeit veröffentlichte sie ihren Debütroman »Spiegelblut« im Selbstverlag.

Für diese Neuveröffentlichung wurde Spiegelblut überarbeitet.

Nicht alle von uns sind gebürtig der Magie fähig, doch wir alle sind magisch.

Dieses Buch enthält Trigger-Hinweise auf der letzten Seite gegenüber der Deckel-Innenseite. siehe auch:

https://autorin.hedda-rossa.de/spiegelblut/

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

1

Ein eisiger Windzug, wie er abends im Herbst nicht unüblich war, schlich unter meinen dünnen Wollpulli und bescherte mir eine Gänsehaut. Ich zog den dunklen Parka enger an meinen Körper und pfriemelte am Reißverschluss herum, ehe ich ihn bis nach oben zuschließen konnte. Der Herbstwind rüttelte an dem Geäst der Bäume, die sich hinter den schweren Eisenzäunen aufreihten und einen Teil des Himmels verbargen.

Kies knirschte unter meinen Schuhen als ich den schmalen Seitenweg einschlug. So wie üblich zu dieser Jahreszeit segelten verfärbte Blätter von den Bäumen, die vom Wind los geschüttelt und weitergetrieben wurden. Neben mir reihte sich eine Vielzahl kleiner Gärten auf, in dessen Mittelpunkt jeweils ein Name, manchmal auch zwei, oder drei standen.

Die Flammen der kleinen Kerzen an den Gräbern tanzten im Wind. Ihre Lichter weckten ein wildes Schattenspiel, das über den Kies und die kleinen Gärten huschte. In mir spürte ich bereits, wie meine Gefühle nach außen brechen wollten.

Ich hielt an einer kleinen Bank. Sie war aus Holz und etwas morsch. Moos und ein wenig Unkraut hatten sich bereits an den Beinen hoch gefressen. Ich sah mich kurz um und nahm erleichtert Platz.

Ich war allein.

Mein Blick wanderte über den wild gewachsenen Garten vor mir. Hinter den Grabstein wuchs ein kleiner Apfelbaum, doch seine Zweige waren noch dürr und seine Blätter klein. Bunte Hornveilchen wuchsen am Grabesrand und streckten sich heraus aus ihrem buschigen Blättergewand. Seufzend las ich den eingravierten Namen und presste die Lippen zu einem schmalen Streifen aufeinander. Ein glasiger Tränenfilm verschleierte mir die Sicht. Schnell blinzelte ich ihn weg.

Es war bereits einige Jahre her, doch sie fehlte mir noch heute so schrecklich. Meine Mutter starb bei einem Autounfall. Seither war ich auf mich allein gestellt, lebte in einem Mädchenwohnheim und besuchte die Schule. Mein Leben ging den Umständen entsprechend normal weiter, auch wenn es sich irrational und falsch anfühlte. Ich hing in Gedanken der vergangenen Zeit nach und beobachtete, wie der Wind zaghaft an den Blättern des Apfelbaums zupfte.

Doch dann beschlich mich ein unangenehmes Gefühl. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Vor meinem Gesicht bildete sich mein Atem zu einem feinen Nebelschleier. Es wurde ungewöhnlich kalt.

Ich rieb mir mit meinem Parkaärmel, eine kalte Träne von der Wange. Verunsichert sah ich mich um. Ich fühlte mich beobachtet. War noch jemand hier?

Als ich von der Bank aufstand und mich deutlicher umsah, konnte ich niemanden in der Nähe erkennen.

Es war still.

Die Kälte kroch mir unter den Parka und unter den rosafarbenen Wollpulli. Sie leckte an meiner nackten Haut. Ich erschauderte.

Ein einziger, starker Windzug löschte all die Kerzen an den Gräbern und wirbelte Dreck und Herbstlaub auf. Nicht weit von mir stand eine Laterne, die nun zu flackern begann.

Das war definitiv unheimlich.

Es kam mir vor als klärte die Kälte die Umgebungsgeräusche auf eine unerträgliche Stille runter. Mein Atemgeräusch klang durchdringend, wie der knirschende Kies unter meinen Schuhen als ich mich langsam in Bewegung setzte.

Ich sollte lieber nachhause gehen, zurück ins Wohnheim, es war bestimmt schon spät. Wenn die Nächte nun so sehr kalt wurden, würde es sicherlich Frost geben, dachte ich dann und beruhigte mich etwas. Der Ausgang war aus der Ferne schon zu erkennen, als ich plötzlich einen Schatten aus dem Augenwinkel vernahm und mich heftig erschreckte. Seit wann war ich denn so schreckhaft? Mein Herz schlug wie wild in meiner Brust und ich begann schneller auf das Eisentor zuzugehen.

Wenige Meter davor schlug es mit einem lauten, metallischen Knallen zu. Die Vibration der Eisenstäbe klang noch einen Moment nach. Ich war wie betäubt. Mein Blick richtete sich auf das nackte Eisen und ich erschauderte, als sich die Kälte wieder unter meine Kleidung drängte.

Ein Zischen hinter mir riss mich aus meiner Starre. Ich drehte mich aufgeregt um. Der Friedhof war in Finsternis gehüllt. Wieder erklang dieses geheimnisvolle Zischen und das Licht der Laterne neben mir war erloschen. Ich blinzelte gegen die Dunkelheit und gegen die Angst, die sich in mir auszubreiten versuchte, an.

In der Gegend gab es wohl einen Stromausfall. Es ist Herbst, windig und kalt. Das war völlig normal, das war absolut normal. Ich wiederholte die Worte wie ein Mantra in meinen Gedanken und löste den unangenehmen Angstknoten in meinem Bauch.

Aus dem Augenwinkel erhaschte ich erneut einen Schatten und drehte mich aufgeregt herum. Doch ich erkannte nichts. Das ist völlig normal, das war nur ein Tier, eine Katze bestimmt.

Ich schluckte schwer und versuchte mich weiter dem Ausgang zu nähern. Wieder erkannte ich Schatten im Augenwinkel und noch bevor ich reagieren konnte wurden mir die Beine vom Boden gerissen. Ich stürzte auf den kalten Kies. Dabei stachen mir die kleinen Steinchen in die Handflächen und die Knie. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass ich gestürzt war. Als ich mich benommen wieder aufrappelte, wurde ich von eisiger Luft wieder in die Realität zurückgebracht.

Die Kälte schlug wie in Wellen über mich und den Friedhof herein und überzog die Umgebung mit einem dünnen Eisfilm.

Das war nicht normal. Das war absolut nicht normal!

Als ich zum Ausgang rannte, knirschte der Kies, als seien es Scherbensplitter. Ich sah meinen Atem wie er in der Kälte einen dunstigen Nebel bildete. In der Dunkelheit war es nicht leicht direkt den richtigen Weg zu finden, doch ich war ihn schon so viele Male gegangen. Es musste der richtige sein. Außerdem war der Friedhof nicht besonders groß und bei Licht hatte ich das große Eisentor eben noch sehen können.

Weit war ich jedoch nicht gekommen, als ich wieder von den Füßen gerissen wurde. Ich landete diesmal ungeschickter und gefrorene Steinchen schnitten mir in die Wange. Ein weiterer Kältestoß überkam mich mit einer Kraft, die mich auf den Rücken rollte. Hastig versuchte ich mit meinen Händen seitlich etwas Halt zu finden, mich festzuhalten, abzustützen, doch schon überkam mich der nächste Stoß, der mich einige Meter über den Boden schlittern ließ.

Ich verzog das Gesicht vor Schmerz und seufzte als ich endlich zum Stehen kam. Die Kälte fraß mir die Kräfte aus dem Leib, so dass ein weiter Versuch aufzustehen unvermutet viel Energie kostete. Die resultierende Erschöpfung schwamm zusammen mit der Kälte in meine Knochen. Ich spürte, wie mein Körper sich dagegen wehren wollte, doch der Gewalt völlig ausgeliefert war.

In der Dunkelheit erkannte ich einige schattenhafte Gestalten, die sich in meiner Nähe befanden. Sie standen unter einer alten Trauerweide und rührten sich kaum merklich. In der Dunkelheit konnte man nicht viel erkennen und so verschwammen die Gestalten mit ihr. Sie näherten sich?

Ich blickte herunter zu meinen Händen, die müde an meinen Armen hingen. Sie bewegten sich nicht. Befahl ich es ihnen überhaupt sich zu bewegen?

Meine Verletzungen brannten mit jedem Atemzug weniger. Eine weitere Kältewelle schwemmte in mich hinein. Ich fühlte mich taub und ertrank in dem betäubenden Gefühl. Der Schmerz verschwand weiter. Die Trauer, die ich zuvor noch gespürt hatte, löste sich. Das Feuer meiner Angst erlosch. Ich begrüßte den betäubenden Zustand, begrüßte meine gefühlsleeren Gedanken, die sich nur noch um die dunklen Schattengestalten drehten, die sich mir weiter näherten.

Ein grelles Licht riss mich aus meiner Starre und ich warf mich schützend zu Boden. Das Gesicht hielt ich verborgen zwischen mir und dem gefrorenen Kies. Mein Herz raste vor Schreck und langsam kroch die betäubende, alles in sich einnehmende Kälte aus meinem Leib. Ich vernahm mehrmals ein lautes Zischen und wilde Schritte knirschten im Kies und kamen auf mich zu.

»Steh auf!«, befahl mir eine tiefe Stimme in einem ruhigen, aber bestimmenden Ton. Als ich vorsichtig aufsah, sah ich einen jungen Mann vor mir, dessen leuchtend blaue Augen mich musterten. Das sanfte Licht erhellte sein Gesicht ein wenig, sodass ich seine markanten Wangenknochen und das blonde Haar, dass ihm in die Stirn fiel, in der Dunkelheit erkennen konnte. Seine Miene blieb ausdruckslos als ich versuchte einen Halt zu finden, um mich wieder auf die Beine zu stellen.

Er griff ungeduldig nach meinem Arm und zerrte mich hoch. Durch seine Hand floss wieder ein Schwall Kälte in mich hinein und ließ mich entsetzt zusammenzucken. Ich riss mich aus seinem Griff los.

»Wer bist du!«, fragte ich ihn lauter und panischer als beabsichtigt.

»Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, Kathie. Los jetzt, komm mit.«, wieder wollte er nach meinem Arm greifen, doch ich wich seiner Hand aus.

»Nein.«, sagte ich und sah ihm direkt in die leuchtenden Augen. Dabei versuchte ich so selbstbewusst wie möglich zu wirken. Vor Angst schlug mir mein Herz bis in den Hals hinauf.

Die Mundwinkel des jungen Mannes zuckten leicht, fast als würde er ein Schmunzeln unterdrücken. Ein Windhauch streichelte durch sein helles, struppiges Haar und ließ ihm einige weitere Strähnen in die Stirn fallen. In diesem Moment hatte ich einen kurzen Blick auf seine Gestalt gewagt, die sich in einem dunklen Anzug mit Fliege verbarg. Wer trug denn heute noch eine Fliege? Seine vollen Lippen wollten sich gerade zu einer Antwort formen, als ein gewaltiger Schlag uns beide in den Kies warf.

Noch bevor ich realisieren konnte, was so eben geschah, stand er schon wieder auf seinen Füßen und flüsterte leise einige fremde Worte in seine Handflächen. Einen Augenblick später entfachte er in einer fließenden Bewegung einen grell leuchtenden, blauen Flammenstrahl, auf den er kurzerhand aufsprang und in einer enormen Geschwindigkeit auf die Schattenwand vor uns zuflog.

Er entwickelte beim Aufprall ein blaues Flammeninferno, dass wenige Zeit später in der Finsternis erlosch. Aus seinen Händen entfachte er weitere Flammengeschosse, die wie Blitze die Dunkelheit durchzuckten und donnernd auf den Weg einschlugen.

War dieser Mann ein Magier? Träumte ich? Doch meine schmerzenden Knochen erklärten diesen Wahnsinn für die Realität. Ich wollte mich bewegen, doch der Schock ließ mich nur ausharren. Blinzelnd versuchte ich genaueres zu erkennen.

Die Schattenwesen schlängelten sich in Nebelgestalt um die Flammen und schlossen sie in ihrer Dunkelheit ein. Sie löschten die Kraft des Magiers wieder und wieder. Doch ihn schien dieser Umstand kaum zu beunruhigen. Er entfachte unermüdlich neue Feuer, dass immer wieder von der Dunkelheit gefressen wurde. Dabei waren seine Bewegungen flink und seine Gestalt fast anmutig.

Einer der Schatten hatte soeben die Flammen des Magiers umschlossen, als er dann auf seine doppelte Größe anwuchs und sich auf seinen Widersacher stürzte. Ein eiskalter Wind stieß mir entgegen, als der Schatten auf den Boden aufschlug und die Gestalt des Magiers kurz in dessen Dunkelheit verschwand. Der Kies knirschte unheilvoll und der dunkle Nebel verflüchtigte sich.

Der Magier lang am Boden und kämpfte mit einem der Schatten in der Horizontalen. Der Schatten hatte nun eine menschenähnliche Gestalt angenommen und umschloss den Hals seines Gegners. Ich hielt entsetzt den Atem an. Jeglicher Fluchtinstinkt war wie eingefroren, jede Angst in mir erloschen. Es löste sich mein Körper aus seiner Starre. Ich stand auf und rannte wild entschlossen auf die Kampfszene zu. Entsetzt stellte ich fest, wofür ich bereit war, als ich mich mit aller Kraft auf den Schatten warf und mit ihm im Kies landete. Ich musste dieses Wesen aufhalten. Sie wollten zu mir und nicht zu dem seltsamen Fremden.

Dieser hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt und riss den Schatten neben mir in die Höhe. Mit einer Hand hielt er das Geschöpf vor sich und drückte die andere, blau leuchtende Hand in den dunklen Torso. Ein finsteres Gurgeln ertönte und die Kreatur zappelte wild, bis sie sich schließlich losriss.

Kaum war ich wieder aufgestanden, stürzten sich die anderen Schatten auf mich, packten mich an den Armen und rissen mich von dem Fremden weg. Durch ihre Berührung floss wieder diese erbarmungslose Kälte in mich hinein. Ich versuchte mich loszureißen, doch es gelang mir nicht.

»Kathie!«, rief der Magier meinen Namen und plötzlich umschloss mich ein helles Licht. Die Schatten ließen abrupt von mir ab. Weitere Flammengeschosse flogen an mir vorbei. Das Licht, das mich umgab, legte sich wie ein kühler Film auf meine Haut. Er vibrierte und ließ meine Fingerspitzen kribbeln. Die Geräusche um mich herum nahm ich nur noch gedämpft war. Der Magier klatschte in die Hände, wobei das Geräusch nur sehr leise zu mir durchdrang.

Mit einem Mal implodierten die Schatten in einem grellen Licht. Auch meine Lichthülle zerplatze und hinterließ ein magisches Funkeln, das auf mich herabrieselte. Der Fremde kam schnell auf mich zu. Diesmal unterließ er es mich zu berühren. Das Leuchten in seinen Augen war nun auch verschwunden. Eine allgemeine Dunkelheit umgab uns. Es fiel mir schwer seinen Blick zu finden, als er vor mir stand.

»Wir haben nicht viel Zeit. Die Sklaramyen, werden schnell wiederauftauchen, wenn wir uns nicht beeilen.«, sagte er dann und beugte sich näher zu mir herunter.

Direkt vor meinem Gesicht hielt er inne und blies mir seinen kühlen Atem entgegen. Ich zuckte leicht zusammen, da mich die Kälte überraschte und sah ihn argwöhnisch an.

»Du hattest da noch etwas Licht in deinem Gesicht.«, erklärte er, noch bevor ich etwas sagen konnte und drehte sich zum Gehen um.

»Wenn du mir nicht folgst, wirst du bald tot sein. Also komm!«, befahl er in einem überraschend barschen Tonfall.

»Wer bist du überhaupt, dass ich dir vertrauen sollte?«, fragte ich und lief ihm ein Stück nach, »Was waren das für Wesen und überhaupt was war das für Licht, dass du überall rumgeschossen hast?«

Ich versuchte meine Angst und die Aufregung herunterzuschlucken, aber es bildete sich nun ein schwerer Kloß in meinem Hals. Ich schluckte schwer als sich der Fremde mir noch einmal zuwandte.

»Beruhige dich, Kathie.«, flüsterte er leise. Seine Augen begannen wieder zu leuchten und erhellten sein Gesicht.

»Aber –«

»Wir haben jetzt keine Zeit für die Erklärungen, die du dir wünschst. Wir müssen dringend hier weg.«, unterbrach er mich und deutete auf den kleinen Friedhofsbrunnen, wenige Meter voruns. Ich begriff nur schwer, was vor wenigen Augenblicken geschehen war, geschweige denn von dem was mir dieser Fremde nun zu erklären versuchte. Mir dröhnte der Kopf und auch der brennende Schmerz meiner Wunden kehrte langsam wieder zurück in mein Bewusstsein. Noch während ich versuchte eine Antwort zu finden, schossen düstere Schatten aus den Sträuchern weit hinter dem Fremden hervor. Diese unheilvollen Wesen waren wieder zurück.

»Verflucht.«, murmelte der Magier wütend, packte meinen Arm und zog mich den Weg entlang zum Brunnen.

Seine Haut barg diese spezielle Kälte und entfachte sie in seiner Berührung. Es war eine Kälte, die sich alles zu bemächtigen versuchte. Meine Wahrnehmung wurde dadurch auf ein überspitztes Maß geschärft.

Wir hielten vor dem Brunnen. Sein Wasser spiegelte leicht die Umrisse der Bäume über uns. Der Fremde kniete sich herunter und hielt seine Hand in das Brunnenwasser. Dabei flüsterte er einige Sätze auf einer fremden Sprache, bis das Wasser blau zu leuchten begann. Er zog seine Hand wieder heraus und wischte sie an seinem Anzug trocken.

»Halt die Luft an. Erst wenn wir drüben sind, darfst du wieder Atmen.«, ermahnte er mich.

Ich versuchte, das alles zu verstehen. Doch meine gesamte Konzentration galt der Kälte, die von ihm ausging. Ohne zu zögern stürzte er kopfüber in das Brunnenwasser und riss mich am Arm mit in das kalte Wasser, weiter in die Tiefe eines Sees.

∗∗∗

Die Dunkelheit, die mich umgab, bewegte sich. Schwer lag sie auf meiner Brust. Ich konnte nicht atmen und mich nur müßig bewegen. Ich fühlte mich wie schwerelos und in jeder Bewegung kämpfe ich gegen einen leichten Widerstand.

Meine Wahrnehmung kehrt stückchenweise zurück und ich spürte einen leichten Druck um meine Taille, der sich in sanften Bewegungen verstärkte und wieder abließ. Die Zeit schien unendlich langsam zu vergehen. Ich öffnete die Augen und die Kälte biss augenblicklich zu. Wild blinzelnd versuchte ich aufkommende Tränen zu vermeiden, die sich brennend aus meinen Lidern drängten und verschwanden.

Ich sah nichts. Die Angst in mir wollte schreien und mich in Panik verfallen lassen. In schweren Bewegungen tastete ich an mir herunter. Ich erspürte einen Arm an meiner Taille. Wenige Augenblicke später erhellte sich die Dunkelheit und ich brach aus einer Wasserdecke. Mein Körper erinnerte sich schnell an sein Bedürfnis nach Sauerstoff und ich atmete gierig die frische Luft ein. Ungeschickt verschluckte ich dabei ein wenig Wasser und hustete.

Neben mir hörte ich jemanden ebenso heftig atmen und wand mich ihm zu. Als ich die nassen, blonden Haare entdeckte, erinnerte ich mich wieder. In meinen Gedanken tauchten die Bilder vom Friedhof und dem Kampf gegen Schatten auf.

Aufregung breitete sich in mir aus, eine Mischung aus Angst und Euphorie. Es war einfach wahnsinnig, was dort geschehen war. In meiner Aufregung brachte ich es kaum zustande etwas Vernünftiges zu Ende zu denken. Ich konnte mich nur mit Mühe über Wasser halten und ruderte etwas ungeschickt mit den Armen.

Der Magier entdeckte mich und schwamm in einem einzigen kräftigen Zug zu mir herüber. Das Wasser war bereits kalt, doch durch seine Nähe wurde es noch kälter. Ich begann ein wenig zu zittern und spürte die Unterkühlung bereits deutlich an meinen tauben Lippen.

Nasse Haarsträhnen klebten ihm an der Stirn und den Wangen. Kleine Wassertropfen perlten an seiner hellen Haut. Ich wanderte mit meinem Blick über sein Gesicht und verharrte letztlich bei seinen blauen Augen, die fest und beharrlich auf mir ruhten. Sie leuchteten ein wenig.

»Bist du noch ganz?«, erkundigte er sich ernst.

»Ja.«, gab ich bibbernd zurück.

»Gut. In diese Richtung ist es nicht weit bis zum Land. Kannst du Schwimmen?«

»Ja, aber …«, er wand sich von mir ab und schwamm voraus.

Na, das war ja super.

Ich versuchte mich etwas umzusehen. Soweit ich es erkennen konnte, befanden wir uns in einem See. Um diesen herum standen einige Bäume, dessen finstere Umrisse sich über das Wasser beugten. Der Fremde war bereits einige Meter vorgeschwommen. Seine Bewegungen waren schnell und leise. Ich folgte ihm und erkannte, dass ich nicht einmal halb so schnell schwimmen konnte, während er einen Moment später bereits aus dem Wasser stieg.

Die nasse Kleidung war schwer, weshalb mich meine Bewegungen mehr Kraft kosteten als erwartet. Erschöpft kam ich am Ufer an und griff dankend nach der Hand, die der Fremde mir entgegenstreckte, um mich aus dem Wasser zu ziehen. Ich zitterte und konnte nicht damit aufhören. Er beobachtete mich, was diese Situation irgendwie unheimlich machte. Ich sollte Hilfe rufen, oder zumindest im Wohnheim anrufen. Wild tastete ich meine durchnässte Parkajacke ab und suchte nach meinem Smartphone. Erleichtert fischte ich es aus einer seitlichen Tasche heraus, um dann entrüstet feststellen zu müssen, dass es abgesoffen war.

»Oh nein …«, flüstere ich, biss mir auf die Unterlippe und schüttelte die Seewasserreste aus dem Gehäuse, bevor ich mich seufzend geschlagen gab. Das war nicht mehr zu retten.

Prüfend sah der Fremde mich an.

»Zieh deine Jacke aus.«, forderte er dann, hob leicht die Hände, ließ sie dann doch wieder sinken, »Ich werde deine Kleidung trocknen.«

Ebenfalls prüfend sah ich zu ihm auf. Er war ein gutes Stück größer als ich.

»Du wirst sonst noch eine Erkältung bekommen.«, ergänze er sichtlich genervt.

Widerwillig zog ich meine Jacke aus und reichte sie ihm. Er nahm sie und warf sie neben sich auf den Boden. Argwöhnisch musterte ich ihn. Was sollte das denn?

»Darf ich dich berühren? Deine Hände?«, fragte er dann.

»In Ordnung.«, antworte ich ihm zögernd und warf das unbrauchbare Smartphone auf die Parkajacke. Was hatte dieser Mann vor? Er rettete mich vor diesen dunklen Kreaturen, also würde er mir sicher nichts Böses wollen, oder? Als ich ihm meine zitternden Hände reichte, ergriff er sie sofort. Seine Haut war kalt, sein Griff fest und ein sanftes, eisiges Licht schlängelte sich an meinem Unterarm hinauf, unter und über den durchnässten Pullover. Ich sah ihn erschrocken an.

»Was passiert hier?«, fragte ich etwas aufgebracht.

»Warte noch einen kurzen Augenblick.«, sagte er ruhig.

»In Ordnung.«, murmelte ich und sah wie seine Augen deutlich heller leuchteten als zuvor.

Ein heißer Lichtblitz durchschoss meinen Körper und kurz blieb mir die Luft weg. Ich wollte meine Hände losreißen, doch noch bevor ich mich bewegen konnte, war das Licht wieder erloschen.

Der Fremde ließ mich nur zögerlich los. Ich tastete mein Gesicht ab und meine Haare, die nun trocken waren, während er meine Jacke aufhob. Sie leuchtete ebenfalls kurz auf, bevor er sie mir reichte und ich sie mir schnell überzog.

»Das war –«

»Keine Ursache.«, unterbrach er mich und machte dabei eine winkende Handbewegung.

»Wir müssen weiter, bevor die Sklaramyen uns wiederfinden. Solange es Nacht ist, sollten wir uns ein kleines Versteck suchen.«

Er wand sich mir ab und ging, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen, voraus. Schnell hechtete ich ihm hinterher und schnappte mir noch das abgesoffene Smartphone, das auf der Wiese lag.

»Kannst du …«, begann ich dann, doch der Fremde ignorierte mich, »Hey! Kannst du mein Smartphone auch trocknen?«

Er blieb nun stehen und drehte sich zu mir herum. Dann streckte er mir eine Hand fordernd entgegen, in die ich schnell das Smartphone legte. Nach kurzer Begutachtung gab er einen kurzen Seufzer von sich.

»Ich kann dir dabei nicht helfen.«, antwortete er genervt und ergänzte, als ich nichts darauf erwiderte, »Das Gerät ist hinüber. Kurzschluss.«

Enttäuscht seufzte ich und nahm das kaputte Ding wieder an mich.

»Wir haben keine Zeit für solche Kinkerlitzchen. Jetzt komm!«, befahl er und wand sich von mir ab, um einem nahegelegenen Feldweg zu folgen. Vereinzelt leuchteten kleine Laternen am Wegesrand und warfen unheimliche Schatten. Mir erschien es gefährlich, einem Fremden zu folgen, jedoch war es ebenso gefährlich allein hier zu bleiben. Ich wusste nicht, wo ich mich befand und hoffte, dass dieser Mann, der mich hierher entführt hatte, auch wieder nachhause bringen würde.

Also folgte ich ihm. Ich glaubte nicht an Magie oder dergleichen, doch anders konnte ich das, was ich heute gesehen hatte, nicht erklären. Es war tatsächlich Magie, mein Entführer war eine Art Magier, Zauberer, Hexer oder wie sie sich wohl heute nannten?

Ich lief hinter ihm und beobachtete seinen Gang. Seine Schritte waren leise und seine Bewegungen wirkten sehr elegant, gerade und dennoch flink. Eine gewisse Wirkung auf meine Wahrnehmung hatte wohl auch der Anzug, der ihm ein eleganteres Aussehen vermachte.

Ein Bilderfetzen vom Friedhof und diesen dunklen Gestalten schlich sich wieder in meine Gedanken. Ich versuchte mich an Einzelheiten zu erinnern, doch mehr als ein unbehagliches Gefühl, beschwor ich dabei nicht herauf.

Mein Blick wanderte wieder zu meinem Entführer. Er war groß, gut einen Kopf größer als ich. Trotz seiner Stärke wirkte er nicht besonders muskulös. Ich fragte mich, ob er diese Kraft nur aus seiner Magie bezog.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte ich ihn dann.

»Das geht dich nichts an.«, erwiderte er ruhig, ohne mich dabei anzusehen.

Ich blieb stehen.

»Ich würde sagen, dass geht mich durchaus etwas an.«

Verärgert sah er sich nach mir um.

»Ich habe keinen Namen, den ich dir nennen kann, also sei nun endlich still und komm mit!«, antwortete er barsch und ließ wieder von mir ab.

Wie erstarrt blickte ich ihm hinterher, bevor ich mich dann doch in Bewegung setzte. Ich verstand seinen Ärger nicht.

Der Weg führte tiefer in den Wald hinein. Die Bäume verdichteten sich über unseren Köpfen, sodass ich kaum noch den Himmel erkennen konnte. Das Licht der kleinen Laternen reichte gerade so von Finsternis zu Finsternis, die es jeweils zu überbrücken galt.

Nach einer Kreuzung folgten wir dem rechten Weg, der uns geradewegs zu einer kleinen Waldhütte führte. Ein Zaun umgab den Vorgarten, indessen eine hohe Feuerschale aus Stein stand. Neben der Hütte befand sich ein Stall und eine Ziege stand in der Umzäunung. Ich fand es seltsam, dass sie nicht schlief und stattdessen näher an den Zaun stolperte, als wir uns der Hütte näherten.

Während des Weges, hatten der Fremde und ich kein weiteres Wort gewechselt. Ich wusste nicht mit dieser Situation umzugehen und war sowohl wütend als auch verunsichert. Wollte dieser Fremde mich nur vor diesen Kreaturen beschützen?

Ich genoss die Wärme des Feuers, das knisternd in der Feuerschale brannte. Anscheinend sollte diese Hütte uns als Unterschlupf dienen. Sie schien bewohnt zu sein und ich fragte mich, ob dort wohl Freunde oder seine Verbündeten lebten. So zielstrebig, wie er uns hierhergeführt hatte und nun zur Tür lief, schien mir das als möglich und ich fragte kaum nach, als er schließlich grob mit der Faust gegen das Holz schlug.

»Hallo?!«, rief er durch die geschlossene Tür.

Es geschah nichts. Er schnaubte und klopfte erneut an. Als sich die Tür dann langsam öffnete, schob er sie mit einem Arm komplett auf. Die Person dahinter stolperte überrascht zurück. Der Magier trat ein und hielt weiter die Tür auf, damit ich ihm hinein folgte. An der Schwelle wagte ich einen verstohlenen Blick in das Innere der Hütte und erschrak, als ich das dunkle, verängstigte Augenpaar erkannte, das aus einer weißen Maske hervorblinzelte. Zögerlich trat ich ein.

»Wir bleiben über Nacht. Habt ihr ein separates Zimmer für sie?«, dabei zeigte er auf mich.

»S-Sir? Wir ha-haben kein Zimmer. Wi-Wir haben über der Kammer ei-einen Anbau. Meine T-T-Tochter schläft dort.«, stotterte der Maskierte.

»Das bekommt sie.«

Im hinteren Teil des Raumes, regte sich etwas auf dem Boden. Es war eine weitere maskierte Person, die sich nun aus einer Wolldecke schälte und hastig zu uns herüberkam. Es war eine Frau mit langen, blonden Haaren, die verwirrt die Situation studierte. Dann schnaufte sie und richtete sich an meinen Begleiter.

»Sir, können wir Ihnen sonst etwas Gutes tun?«

»Haben Sie einen Tee? Etwas Grünes.«, dabei wand er sich ab und blickte in das Feuer des Kamins, der der Mittelpunkt des kleinen Raumes war.

»Ja, Sir.«, murmelte die maskierte Frau und richtete einen vielsagenden Blick an den maskierten Mann neben sich. Dieser nickte ihr zu. Er ging in den hinteren Teil des Raumes und kletterte die Leiter zum Anbau herauf, während die Frau in einem anderen Raum verschwand.

Der Magier stand mit dem Rücken zu mir, noch immer dem Feuer zugewandt und ging langsam einige Schritte darauf zu. Vor dem Kamin blieb er stehen und wärmte seine Hände.

Diese Situation war absolut seltsam.

Als ich mich dem Kamin näherte, lenkte ich damit seinen Blick auf mich. Er sah mich eindringlich an, weshalb mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken lief. Hatte er die ganze Zeit schon so dreingeblickt?

»Kennst du diese Leute?«, flüsterte ich und kam ihm noch etwas näher.

»Nein, aber das ist irrelevant.«, antwortete er gleichgültig.

Er stand nun direkt vor mir. Der Raum war nicht sehr hell, sodass das Kaminfeuer unheimliche Schatten in das Gesicht des Magiers warf.

»Aber … dann sind wir hier eingedrungen?«, ich war fassungslos über seine brutale Rücksichtlosigkeit.

»Das ist irrelevant.«, wiederholte er, »Sie nehmen uns gerne als ihre Gäste auf. Es ist ihre Pflicht und eine Ehre.«

»Ihre Pflicht?«

Er nickte, hielt es jedoch nicht für nötig diese Umstände weiter auszuführen.

»Du bist mir immer noch eine Erklärung schuldig!«, schnaubte ich eingeschnappt.

»Kathie –«

»Nein, nicht Kathie, nicht das muss warten, nicht ich wir haben jetzt keine Zeit! Ich will wissen was hier abgeht!«, fauchte ich ihm dazwischen.

Die Farbe seiner Iris flackerte hellblau auf. Das war die einzige Regung in seinem Ausdruck. Seine Emotionslosigkeit bereitete mir Unbehagen. Eine Reihe unangenehmer Gefühle versammelte sich bleiern in meinem Magen und mir wurde etwas Schlecht. Womöglich war es nicht clever so mit einem Fremden zu reden von dem man sich erhoffte, er würde einem noch helfen. Ich spürte wie sich meine Wangen erhitzten.

»Ich …«, begann ich, doch hielt ich erschrocken den Atem an, als seine Hand hervorschnellte, eine kleine Flamme in ihr aufloderte und in mein Gesicht zischelte. Bevor Sie meine Haut berühren konnte, zerplatze sie in funkelnde Lichter.

Erschrocken sah ich von seiner zitternden Hand auf, direkt in seine weit aufgerissenen Augen. Sie schmälerten sich. Fokussierten mich.

Mein Herz schlug wild und meine Wangen glühten. Was war das? Was sollte dieser Zauber bezwecken? Ich zuckte zurück als seine Finger meine Wange streiften. Sie waren kalt, und brannten auf meinen erhitzten Wangen. Er streifte mit einem eisigen Daumen über meine Lippen. Ich riss mich aus seiner Berührung und Angst befeuchtete meine Augen mit Tränen.

»Deine Sturheit wird dich hier nicht weiterbringen. Du kannst nirgendwohin ohne mich.«, sagte er dann.

Seine Miene verriet mir, dass das Gespräch hiermit für ihn beendet war. Was bildete er sich ein? Natürlich hatte ich Angst erneut von diesen Schattenkreaturen überfallen zu werden, doch wie gefährlich war der Mann, der sich als mein Retter aufspielte?

Ich war sehr dankbar, als der maskierte Mann mich darum bat ihm zu folgen, um mir meinen Schlafplatz zu zeigen. Damit unterbrach er unser Gespräch und bewahrte mich sicherlich vor einer impulsiven Dummheit.

Er führte mich zu dem kleinen Raum, der über eine Leiter zu erreichen war. Dort fand ich ein kleines Holzbett mit einer Matratze, die mit Stroh gefüllt war. Die Decke war niedrig, doch ich konnte noch mühelos aufrecht gehen. Der maskierte dagegen lief leicht gebückt. Er hielt vor einer Kommode und öffnete eine Schublade, die überfüllt war mit hellen Stoffen. Nach kurzem Wühlen reichte er mir ein großes Stoffstück. Er nickte mir noch einmal kurz zu, bevor er die Leiter wieder hinunterstieg und mich allein lies.

Der Stoff in meinen Händen war kratzig und fest. Ich setzte mich auf die Matratze und streifte mir die Schuhe von den Füßen. Erleichtert wackelte ich mit den kalten Zehen, die von der Wärme etwas zu kribbeln anfingen. Ich berührte vorsichtig meine Wangen und streifte mit den Fingerspitzen über meine Lippen. Noch immer spürte ich das Brennen unter der kalten Berührung des Magiers. Wo war ich hier nur hineingeraten?

Als ich mich aufs Bett fallen ließ, wirbelte ich damit etwas Staub um mich herum auf. Vereinzelt leuchteten Staubkörner im Mondlicht, das wie ein Scheinwerfer durch das kleine Fenster hereinschien.

Ich musste diesem Magier vertrauen und das passte mir absolut nicht. Sturheit wirft er mir vor, wobei er doch selbst die sturste, arroganteste und verschwiegenste Person ist, der ich je begegnet bin. Meine Gedanken quollen nur so über vor Fragen und Misstrauen gegenüber meinem argwöhnischen Begleiter, sodass ich letztendlich in ihrer Flut dahindämmerte und meiner Müdigkeit nachgab.

∗∗∗

In meinem Traum verworren Erlebtes und Erträumtes miteinander zu einem irren Geflecht. Die Emotionen waren härter als erlebt, härter als möglich. Das Erlebte ließ sich in Schwarz und Weiß neu erleben und tauchte in meinem Kopf in vereinzelten Episoden auf.

Das leuchtende Blau in den Augen des Magiers, ein Feuer, das in die Schatten auf dem Friedhof einschlug, die Kälte des Seewassers, die Kälte seiner Fingerspitzen auf meiner Wange, die Kälte in seinem leuchtenden Blick, als er mich dabei ansah …

Mein Herz pochte wild gegen meine Brust, als mich der Traum aus dem Schlaf riss. Ich schlug mit den Armen um mich und besann mich wieder meiner derzeitigen Situation. Ich lag in einem fremden Bett, in einem fremden Haus, irgendwo im Wald. Meine Augen brannten als langsam salzige Tränen aus ihnen herausquollen. Schnell wischte ich sie mit der kratzigen Decke trocken, doch ihnen folgten schnell weitere.

Also vergrub ich mein ganzes Gesicht in der Decke und hoffte, so würde mich niemand weinen sehen. Ich schluchzte vielleicht ein wenig, kaum hörbar. Doch dann hörte ich ein leises Zischen und hielt abrupt inne. Langsam blickte ich von dem feuchten Stoff auf und erkannte am Fenster eine kleine Gestalt. Mein Atem stockte.

Das Mondlicht fiel auf sie und die Maske in ihrem Gesicht. Ein verzogener Schatten formte sich auf dem staubigen Holzboden vor ihr und reichte nahezu bis zum Fußende des Bettes. Der Stoff raschelte als ich mich an die Bettkante setzte.

Ich erkannte, dass die Gestalt ein kleines Mädchen sein musste. Es schien mich aufmerksam zu beobachten, denn die dunklen Schlitze in der weißen Maske waren auf mich gerichtet. Wie eine Puppe saß sie am Fenster, in einem gerüschten Kleid und Wollsocken. Diese Situation war unheimlich und verunsicherte mich etwas.

Vorsichtig stand ich auf und ging auf das kleine Mädchen zu. Sie saß auf einer Ledertruhe und ich setzte mich dazu.

Dabei versuchte ich einen größtmöglichen Abstand zu waren. Das Mädchen hatte mich dabei keinen Moment aus den Augen gelassen. Ihr blondes Haar war zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr bis zur Schulter reichten. Sie wollte nach meinen Händen greifen, doch ich zuckte furchtsam zurück. Das war doch lächerlich! Das war nur ein kleines Mädchen!

Ich hielt still, als sie erneut versuchte mich zu berühren. Sie legte behutsam eine Hand in meine und sah mir forschend in die Augen, bevor sie sprach.

»Du bist keine von uns, oder?«

Ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte, oder was das überhaupt zu bedeuten hatte. Ihre Erscheinung beängstige mich ein wenig, wie eine Puppe aus einem Horrorfilm oder etwas Übernatürliches. Ihre Hand war warm und weich und klein. Da ich nicht antwortete sprach sie weiter.

»Das habe ich gedacht, als ich dich weinen sah,« Schamesröte färbte meine Wangen, »aber was das zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht.«

Ich nickte vorsichtig. Sie war vielleicht erst sechs oder sieben Jahre alt.

»Dein Freund ist nicht sehr nett.«, sagte sie dann, worauf ich ein wenig lachen musste. Die hellen Augen hinter der Maske musterten mich.

»Ja, er ist wirklich nicht nett. Ich weiß nicht einmal ob er ein Freund ist.«

»Er sollte es lieber sein,« flüsternd fuhr sie fort, »denn als Feind möchte man so jemanden nicht haben.«

Ihr finsterer Ton ging mir durch Mark und Bein, sodass ich nur nickte, da mir die Stimme im Hals stecken blieb. Auf dem Fensterbrett vor uns stand eine kleine Schüssel voll Milch. Sie fütterte wohl heimlich eine Katze oder dergleichen.

»Wie heißt du?«, fragte ich sie.

»Ich habe keinen Namen.«, gab sie zu, »Wir haben alle keinen Namen. Aramyen dürfen keinen Namen tragen.«

Verwirrt sah ich in ihr Gesicht und betrachtete die weiße Maske. Ich konnte nicht erkennen, um welches Material es sich dabei handelte. Ich vermutete zuerst einen synthetischen Stoff, doch dafür verschwammen die Konturen der Maske auf der Haut des Mädchens zu ungleichmäßig. Sie schien sich in ständiger Bewegung zu befinden, als sei sie flüssig oder gasförmig. Wie sich das Material wohl anfühlte? Ich bemerkte, dass ich sie furchtbar angestarrt haben musste.

»Sind deine Eltern auch Aramyen? Wegen dieser Maske?«, frage ich sie dann.

»Ja, wir sind alle Aramyen. Weil wir nicht magisch sind, können wir ohne die Wächter und diesen Fluch nicht überleben.«, sie deutete dabei auf ihr Gesicht.

»Ihr seid verflucht?«, mir lief es kalt den Rücken herunter.

»Stimmt. Aber sonst würden wir nicht so leben können, so menschlich.«

Ich schluckte. Menschlich. Das hieße, dass sie keine Menschen waren? Wesen, die verflucht wurden? Ich versuchte die Nerven zu behalten, um diese Informationen erst einmal zu verdauen.

»Darf ich dich was fragen?«, sie drückte sanft meine Hand.

»Ja.«, antwortete ich zögerlich.

»Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«

Ich überlegte kurz und nickte dann. Ein freudiges Augenpaar blinzelte mich aus der weißen Maske heraus an.

»Gut! Ich warte hier nämlich auf etwas ganz Besonderes, es ist jedoch geheim und niemand darf wissen, dass es mich manchmal besuchen kommt.«

Sie wand sich der kleinen Milchschüssel auf dem Fensterbrett zu und deutete mit einem kleinen Finger darauf.

»Das mag es besonders. Deswegen kommt es so gerne hierher.«, sie kicherte leise.

»Weißt du denn, wann es kommt?«

»Nein, ich warte manchmal sehr lange nachts. Aber es belohnt mich dafür. Mama sagt, sie kommen nur zu den Guten und beschenken sie manchmal mit Träumen. Den Bösen klettern sie in den Kamin und zünden den Ofen an, bis jedes Zimmer brennt.«, sie kicherte wieder, »Ich vergesse aber oft meine Träume. Das nimmt es mir aber nicht übel.«

Die Aufregung des kleinen Mädchens hatte sich auf mich übertragen. Ich verstand nichts von dem was sie da sagte, nur, dass es sich womöglich nicht um eine Katze handelte, die sie füttern wollte.

Schweigend starrten wir eine Weile aus dem Fenster. Die Nachtluft war kühl und ließ mich gelegentlich frösteln unter meinem dünnen Pullover. Meine Gedanken flogen auf einer Nachtbriese zurück nachhause, wo man sich bestimmt schon Sorgen um mich machte. Wie sollte ich das alles nur erklären? Sollte ich überhaupt wieder nachhause kommen?

Plötzlich fühlte ich mich einsam und schuldig. Ich war die meiste Zeit allein. Doch das was ich jetzt fühlte, das war mehr als die Einsamkeit, die ich von zuhause kannte. Ich war absolut auf mich allein gestellt. War dieser Fremde mein Freund? Sicherlich nicht. Ich konnte nur hoffen, dass er mich wieder schnellstmöglich zurückbringen würde.

»Da!«; flüsterte das Mädchen aufgebracht und streckte ihren Arm aus dem Fenster, dem Himmel entgegen. Ich versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch selbst als ich die Augen zusammenkniff konnte ich nichts sehen. Aufgeregt hüpfte sie einen Schritt weiter ins Zimmer und zog mich am Arm mit nach hinten.

»Du musst aufpassen, sonst erwischt es dich aus Versehen. Es ist nicht so geschickt.«

Gespannt sah ich aus dem Fenster. Plötzlich flog etwas an uns vorbei. Zuletzt ein schuppiger, gefiederter Schweif, der an die Innenseite des Fensterrahmens stieß. Erschrocken hielt ich den Atem an. Das Mädchen neben mir tänzelte wild auf der Stelle und zerrte dabei etwas an meinem Arm. Durch das Fenster erkannte ich, wie das Wesen einen Bogen um die Hütte und dann frontal auf das Fenster zu flog.

Mit einem kräftigen Schwung krallte es sich mit seinen vorderen Klauen in das Holz des Fensters und schlüpfte zu uns herein. Vor uns blieb eine Echsengestalt mit dunklen Schuppen, einem Federkragen und Flügeln stehen.

Es schnaufte.

Es schüttelte sich.

Im Mondlicht schimmerten die Schuppen golden. Es plusterte seinen mächtigen Federkragen. Als es einen weiteren Schritt auf uns zukam, stolperte ich etwas zurück. Das Mädchen ließ von mir ab und streckte eine kleine Hand nach der Schnauze des Wesens aus. Sie streichelte es sanft und fuhr mit den Fingern durch den Federkragen. Sie sah zu mir herüber und lächelte. Das Wesen war so groß wie ein Krokodil und hatte wendige Beine.

»Es tut dir nichts.«, versuchte sie mir gut zuzureden.

»Ich weiß nicht so recht.«, brachte ich unsicher hervor.

Das Mädchen ging um das Wesen herum und holte die Milchschüssel vom Fensterbrett. Ein Wunder, dass nichts umgeschüttet wurde.

»Das ist ein Glühschwanz. Sozusagen ein Drache.«, erklärte sie mir, während sie die Schüssel vor das Maul des Wesens hielt.

»Ein Drache?«, ich schluckte.

Fasziniert sah ich dabei zu, wie der Glühschwanz vorsichtig die Milch aus der Schüssel leckte. Dabei tropfte eine etliche Menge daneben. Es war tatsächlich nicht besonders geschickt.

»Es gibt nicht mehr viele von ihnen. Sie sind damals mit den Magiern in unsere Welt gekommen, um sie vor den Menschen zu schützen. Mehr weiß ich leider auch nicht über sie.«

»In eure Welt?«, fragte ich vorsichtig.

»Ja, weil sie bei euch gejagt wurden. Wahrscheinlich wegen der Schuppen und der Federn. Die sind auch hier sehr wertvoll für Magier.«

»Ich … ähm … was ist eure Welt? Wo sind wir hier?«, es schlich sich etwas Panik in meine Stimme, wodurch sie schriller klang als sonst. Das Mädchen sah mich skeptisch an, als ob sie abwog, ob ich mir einen Scherz mit ihr erlaubte.

»Na, das weiß ich doch auch nicht.«, sagte sie dann ärgerlich, »Ich weiß nur das was Mama mir gesagt hat.«

Mir wurde etwas schwindelig. Was hatte das zu bedeuten? Wo war ich? Ich kniff mir so fest ich konnte in meinen Arm und zuckte erschrocken als ich den spitzen Schmerz spürte. Meine Gedanken flogen zerstreut in meinem Kopf umher und ich versuchte sie zu ordnen, zu sammeln.

Das zufriedene Schmatzen des Glühschwanzes holte mich wieder in die Realität zurück. Das Mädchen sah mich aufmerksam an und lächelte als ich ihren Blick erwiderte. Der Drache leckte nun etwas von der verschütteten Milch vom Boden auf. Dabei gab er einen tiefen, dröhnenden Laut von sich.

»Keine Panik. Bleib einfach ruhig. Panik bringt mich jetzt auch nicht weiter.«, murmelte ich aufgebracht vor mich hin. Es waren mehr nur Gedanken als gesprochene Worte, denn das Mädchen hörte sie nicht. In meinem Kopf wiederholte ich ihre Worte immer wieder. Ich wollte verstehen, was sich hier abspielte. Ich musste verstehen, was sich hier abspielte.

Der Glühschwanz plusterte erneut seinen Federkragen auf und schüttelte sich. Dabei fiel eine Hand voll Münzen aus seinen Schuppen. Klirrend kamen sie zu Boden und rollten in verschiedene Richtungen. Eine der goldenen Münzen rollte gegen meine Zehenspitze und blieb vor mir liegen.

Ich hob sie auf und betrachtete sie. Die vollständig goldene Münze war beidseitig geprägt. Auf der einen Seite stand eine fünf, um die sich Ranken schlängelten, die dem Münzrand entsprangen. Auf der anderen Seite war eine Maske eingeprägt, dessen Mundwinkel einen neutralen Bogen formten. Die Augenschlitze der Maske sahen aus, als seien sie geschlossen. Hinter ihr wuchs eine Pflanze, vielleicht war es eine Blume.

»Münzen! So viele!«, freudig sammelte sie das Mädchen auf.

Der Drache beobachtete sie dabei aufmerksam. Ich beschloss, meinen restlichen Mut zusammenzukratzen und ging langsam auf das geschuppte Wesen zu. Vorsichtig legte ich eine Hand auf den Rücken des Drachens.

Er drehte sich zu mir um und sah mir direkt in die Augen. Mein Herz wummerte mir bis in den Hals hinauf. Die schuppige Haut fühlte sich sehr warm an und war überraschend hart. Ich zuckte erschrocken zurück als sich der Glühschwanz bewegte. Er wand sich mir komplett zu und stieß mit seinem Kopf gegen meine zitternde Hand. Er legte ihn leicht hinein und beugte seinen Hals dabei weit.

»Ich glaube er mag dich.«, sagte das Mädchen dann.

»Ja, das glaube ich auch.«, gab ich schmunzelnd zu.

Der Glühschwanz erhob sich noch ein letztes Mal, bevor er mit etwas Anlauf hinaus und zurück in die Nacht verschwand. Seine kräftigen Flügel hatten einen kleinen Wirbelwind im Zimmeranbau erzeugt, sodass mir die Haare wild im Gesicht umherflatterten. Einige Papiere und Bücher hatte es herumgeschleudert. Ein Stapel Bücher viel durch das Geländer des Anbaus und kam unten krachend zu Boden. Erschrocken sahen das kleine Mädchen und ich uns an.

»Ich glaube ich muss wieder runter gehen. Sonst gibt es noch ärger.«, sagte sie dann und hob die leere Milchschüssel auf, »Die nehme ich wieder mit:«

»Schlaf gut.«, flüsterte ich ihr noch hinterher, als sie die Treppe hinunterkletterte. Sie nickte mir zu und verschwand letztendlich in der Dunkelheit des Wohnraums. Es kehrte eine seltsame Ruhe ein. Das Mädchen hatte mich nun in meiner Einsamkeit zurückgelassen.

Ich ging zurück zu dem Fenster und suchte den Nachthimmel ab, in der Hoffnung den Drachen erkennen zu können. Doch dieser schien schon längst weit weg geflogen zu sein.

Die Nacht war noch nicht vorbei und ich konnte vielleicht etwas schlafen, bevor der Morgen hereinbrach. Müde stieß ich mich vom Fensterrahmen ab, an dem ich mich hinausgelehnt hatte.

»Ah, verflucht!«, mürrisch begutachtete ich meine Hand und entdeckte einen feinen Schnitt an meinem Zeigefinger. Etwas Blut quoll hervor und ich steckte mir die verwundete Stelle kurzerhand in den Mund, um die Blutung zu stoppen. Irgendwas am Fensterrahmen musste verdammt scharfkantig sein.

Ich betrachtete die Stelle, an der ich mich eben noch gestützt hatte und fand tatsächlich etwas goldschimmerndes in einer Kerbe. Vorsichtig zog ich es aus dem Holz. Es sah aus wie eine Scherbe. Oder war das eine Schuppe? Sie musste vom Glühschwanzes sein. Ich dachte darüber nach, die Schuppe als Andenken oder sogar als Glücksbringer zu verwenden. Eigentlich war sie sehr schön. Unscheinbar schimmerte sie zwischen meinen Fingern. Es ließe sich sicherlich auch eine schöne Halskette daraus machen.

Ich steckte meinen Fund in die Hosentasche und dachte nun nicht mehr weiter darüber nach. Langsam schlich ich wieder zurück in das Bett, das mir das Mädchen überlassen hatte und kuschelte mich in die kratzige Decke.

Die Müdigkeit übermannte mich schließlich gnadenlos und drängte Gewissensbisse und quälende Fragen einfach in den Hintergrund. Alles was blieb, war ein Meer betäubender Müdigkeit und ein Traum, wie er mir nur geschenkt worden sein konnte.

2

Ein lautes Geräusch weckte mich unsanft aus meinem märchenhaften Schlaf. Kurz quollen noch Traumwolken vor meinen geöffneten Augen auf, bis sie nebelgleich verschwanden. Die Geschehnisse der letzten Nacht drangen mir wieder ins Gedächtnis. Ich schloss die Augen und atmete schwer aus. Vom Wohnraum aus hörte ich Gebrüll und Gepolter und ich hatte eine ungute Vorahnung.

Ich setzte mich auf und suchte zügig nach meiner im Schlaf verlorengegangen Socke. Schnell streifte ich sie mir über und schlüpfte im Anschluss direkt noch in meine Sneakers. Dann strich ich geschwind meine Frisur glatt und rieb mir mein Gesicht rosig. Das musste reichen.

Eilig stieg ich die Treppe zum Wohnraum hinab. Ich atmete scharf ein, als ich sah was sich hier ereignet hatte. Die maskierte Frau kniete auf dem Boden und fegte einige Scherben zusammen, die in einer Flüssigkeit lagen. Vermutlich waren das die Überreste einer kitschig verzierten Teetasse. Im Sessel, nah am Kamin, thronte der Magier. Er verzog das Gesicht, als der maskierte Mann, der bei ihm stand, sich entschuldigte und eine Handvoll Teesorten aufzählte.

Ich tänzelte vorsichtig um die maskierte Frau herum und näherte mich den beiden Männern. Der Magier sah mich überrascht an und seine Miene schien weicher zu werden.

»Guten Morgen.«, grüßte er mich.

Ich wich seinem eindringlichen Blick aus, als ich seine Begrüßung erwiderte. Dabei beobachtete ich den maskierten Mann, wie er hinter dem Sessel vorbei und in die Küche lief.

»Was ist hier passiert?«, fragte ich den Magier und konnte dabei meinen Ärger kaum verbergen. So wie er sich hier aufführte, war ausschließlich er für diese Unruhe verantwortlich. Sein Verhalten war unmöglich.

»Wir sind in kürze aufbruchbereit. Bitte stärke dich noch ein wenig. Die Dame des Hauses bringt uns gleich ein wenig Backwerk«, dabei schielte er zu der maskierten Frau, die inzwischen aufgestanden war.

Er wich meiner Frage nicht nur einfach aus, nein, er ignorierte sie gänzlich. Ich verschränke die Arme vor der Brust und musterte ihn argwöhnisch. Doch es schien ihn wenig zu interessieren. Als er schließlich auf einen der leeren Sessel neben sich deutete, kam ich seiner Aufforderung zögernd nach.

Die maskierte Frau kam mit einem kleinen Tischchen zurück und stellte ihn vor uns auf. Sie huschte ein, zwei Mal zurück in die Küche, um das Gedeck für unser Frühstück zu bringen. Die Brote dufteten köstlich und knisterten leise. Sie mussten frisch aus dem Ofen kommen.

Der maskierte Mann brachte uns zwei Tassen heißes Wasser, sowie eine kleine Teeauslese. Der Magier schnappte sich einen der kleinen Kräuterbehälter und rümpfte mit der Nase. Mit den drei weiteren Gefäßen verfuhr er gleichartig. Was für Manieren.

Ich griff irgendeines der Gefäße und stopfte einige Kräuter in mein Teesieb. Als es das Wasser berührte, entfesselte es einen blumig-herben Duft. Ich konnte den Geruch jedoch nicht direkt zuordnen.

»Von dem wirst du sicherlich Magenschmerzen bekommen.«

Ich sah zum Magier auf. Er lehnte sich ein Stück zu mir vor und begutachtete die Kräutermischung. Als er nach dem Teesieb in meiner Hand griff ließ ich es instinktiv los. Mit einem lauten Klirren landete es zurück im heißen Gebräu und ließ etwas davon auf den Tisch schwappen. Er lehnte sich wieder etwas zurück.

Während er mich mit einem resignierten Blick bedachte, bemerkte ich, dass sich seine Augenfarbe irgendwie verändert hatte.

»Er wird noch zu stark.«, erklärte er genervt, während er sich eines der kleinen Brötchen aus dem Korb nahm.

»Wir sind nicht mehr zuhause, nicht wahr?«, fragte ich ihn. Mein Magen verkrampfte sich. Ich wusste nicht, warum ich ausgerechnet jetzt das Thema anschneiden musste.

»Ja.«, sagte er knapp und beobachtete mich neugierig dabei, wie ich eines der Brote griff, es zerrupfte und ein Stück davon in den Tee tunkte.

»Du solltest den Tee wirklich lieber stehen lassen.«, sagte er dann.

Ich hielt kurz inne, doch dann stopfte ich mir das getränkte Brotstück in den Mund. Der Tee war stark und schmeckte scharf. Trotzig sah ich ihn an. Die Schärfe des Tees erhitzte meine Wangen.

Schließlich wandte er den Blick ab und biss in sein eigenes Brot. Ich spürte derweil wie der Tee meinen Magen wärmte, stopfte mir erneut ein Stück eingeweichtes Brot in den Mund und seufzte als sich die Schärfe in meinem Mund ausbreitete.

»Diese Kräuter haben eine äußerst interessante Wirkung auf junge Damen.«, ertönte eine erheiterte Stimmte hinter mir.

Die maskierte Frau erschien neben mir und stellte ein kleines Kännchen mit Milch auf den Tisch. Ich sah sie fragend an. Als Antwort zwinkerte sie nur und deutete auf das Kännchen. Ob ich den Tee mit etwas Milch probieren sollte? Ich griff nach dem weißen Kännchen und goss etwas Milch in meine Tasse. Der Geruch intensivierte sich.

Als ich aufsah, bemerkte ich den finsteren Blick des Magiers, der nun auf mir ruhte. Ich wusste nicht was sein Problem damit war. Ich griff entschlossen nach der Tasse und wollte einen Schluck daraus nehmen, als sie plötzlich klirrend in meiner Hand zersprang. Der Tee zerstäubte dabei zu funkelnden Eiskristallen. Ich hielt nur noch den Griff der Tasse in meiner Hand.

Das Entsetzen musste mir ins Gesicht geschrieben stehen, denn als ich versuchte zu verstehen, was eben geschehen war, erhaschte ich ein Schmunzeln im Gesicht des Magiers. Es bildete ein süßes Grübchen, dass genauso schnell wieder verschwand, wie es aufgetaucht war. Er amüsierte sich? Perplex legte ich das übriggebliebene Tassenstück aus der Hand.

»Das war gefährlich.«, sagte ich ruhig.

Seine Augen hatten sich wieder neu verfärbt in helle, leuchtende Blautöne. Er musste völlig wahnsinnig sein.

»Du kannst mir später danken.«, sagte er und erhob sich dabei aus dem Sessel, »Wir sollten nun aufbrechen.«

Er sah hinüber zum maskierten Mann und machte eine Geste mit der Hand. Damit schien er ihm anzuweisen, dass wir nun aufbruchbereit waren. Seine Worte lösten den Schreck und erzeugten nur eine neue Welle voller Entrüstung. Meinen Ärger schluckte ich jedoch vorerst herunter. Welchen Sinn würde eine Auseinandersetzung bringen, wenn ich im Zweifelsfall zurückgelassen werden würde? Ich stand also ebenfalls auf und folgte dem Magier aus dem Haus.

Draußen schien bereits die Sonne und eine sanfte Brise streichelte sanfte meine Haut. Ich atmete tief ein und geräuschvoll wieder aus. Immer noch etwas verstört vom Frühstück, stand ich mit gebührendem Abstand zum Magier an den Vorgartenzaun gelehnt.

»Da du es bereits bemerkt hast, scheinst du dennoch sehr leichtsinnig mit den Umständen umzugehen.«, sagte er dann, »Du bist den Auswirkungen der Magie und unserer Kräuter nicht bewusst. Weder die Regeln noch die Wesen dieser Welt sind dir geläufig und dennoch sträubst du dich davor meinen Anweisungen Folge zu leisten.«

»Ernsthaft?«, stieß ich hervor.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihm nach, wie er ein Stück am Haus entlang ging. Die Wut, die ich eben noch heruntergeschluckt hatte, kroch mir wieder den Hals hinauf. Ein unterwürfiges Verhalten würde ihm wohl so passen, doch da spielte ich definitiv nicht mit. Er sah sich fragend zu mir um.

»Was hast du denn daran nicht verstanden? Deine Herangehensweise ist mutig und töricht zu gleich. Ohne dein Vertrauen, werde ich dein trotziges Verhalten wenig drosseln können.«

Fassungslos starrte ich ihn an. War das sein Ernst? Was bildete sich dieser Typ überhaupt ein?

»Ja, es mag sein, dass ich das alles nicht kenne und nicht verstehe, doch auch wenn das hier alles ein kranker Alptraum ist, werde ich mich nicht von dir herumkommandieren lassen. Ich weiß nicht mal wer du bist!«, fauchte ich ihn an.

Er kam wieder langsam auf mich zu. Seine Miene war nicht zu deuten. Seine blonden Haare wirkten im Sonnenlicht noch viel heller, fast weiß, wie seine Haut. Dabei übertraf er sogar meinen milchigen Teint. Mir gefiel nicht, wie er mir näherkam, also rückte ich einen Schritt von ihm zurück. Er blieb stehen und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, um sich ein paar Strähnchen von der Stirn zu wischen. Doch sie rutschten direkt wieder in ihre Anfangsposition zurück.

»Kathie«, er verstummte, als blieben ihm die Worte im Hals stecken, »Was ich bin, nein, wer ich bin, das würdest du nicht verstehen. Was kann ich tun, damit du mir genug vertraust, um mit diesem Aufstand aufzuhören?«

Ernüchterung lang in seinem Tonfall. Seine Worte stichelten meine Wut nur noch mehr an, dennoch verstand ich das Zugeständnis, mir entgegen zu kommen, durch seine dreiste Wortwahl heraus. Wie gefährlich war er tatsächlich?

Bevor ich antworten konnte, kam der maskierte Mann mit seiner Tochter von einer der Hausseiten auf uns zu. Er führte ein großes Tier neben sich. Meine Wut löste sich augenblicklich in Rauchschwaden auf. Was blieb war noch gerade eine Restintensität, um nicht augenblicklich in eine Angststarre zu verfallen, als ich dieses Wesen erblickte.

Es sah einem Hund etwas ähnlich, mit seinen spitzen Ohren und der Nase. Der Körperbau war seltsam buckelig. Es hatte lange kräftige Beine und starke Schultern. Die Schnauze, die nackten Pfoten mit den scharfen Krallen und der nackte Schwanz erinnerten an eine Ratte. Dieses Wesen war abstoßend skurril.

Ein festes Band schnürte ihm die Schnauze zu. Dessen Enden hielt der maskierte Mann in der einen Hand, während er mit der anderen das Tier führte. Es schnaufte dabei und schlurfte mit den nackten Pfoten über das Gras. Wobei es einige Erdklumpen heraus riss. Als der maskierte Mann vor uns stehen blieb, schluckte ich schwer. Dieses Tier war ekelhaft. Es roch ekelhaft. Es grunzte ekelhaft. Es glotze mich mit seinen großen Glupschaugen an. Ich erschauderte.

»Na, du wirst doch keine Angst vor einem Mondhur haben?«, stichelte der Magier, als er mein Zögern bemerkte.

Das kleine Mädchen, das sich anscheinend für allerlei Tiere begeistern konnte, streifte dem Wesen sanft über das weiße Fell. Der Magier ging rasch auf die drei zu und legte vorsichtig eine Hand auf die Schnauze des Mondhur. Es grunzte und wich zurück.

»Es scheut sich wohl vor der Kälte.«, sagte er und musterte das Ungetüm.

»Daran wird er sich schon gewöhnen. Wir überlassen ihn nun euch, Sir.«, erwiderte der maskierte Mann und hielt dem Magier das Band hin.

Das Mädchen drückte sich an eines der kräftigen Beine des Tieres und nuschelte ein Auf Wiedersehen, bevor sie mit glasigen Augen wieder hinter dem Haus verschwand. Sie tat mir schrecklich leid. Es war furchtbar, dass wir das Tier dieser Familie einfach wegnahmen, auch wenn sie es uns freiwillig gaben. Vermutlich damit wir endlich verschwanden.

Der Magier griff entschlossen nach dem Lederband und zog das Mondhur näher an sich heran. Es sträubte sich, doch der Magier streckte erneut eine Handnach ihm aus und hielt es fest an den zotteligen Haaren seiner Schnauze. Er entlockte dem Tier ein tiefes Knurren. Ich hielt den Atem an.

Der maskierte Mann hatte nun etwas Abstand zu dem Tier gewonnen und beobachtete, wie der Magier versuchte das Tier zu beruhigen. Bedrohlich stampfte es mit den nackten Pfoten in die Erde und knurrte erneut. Der Magier sprach nun sanft auf das Tier ein. Seine Worte waren beinahe ein Flüstern. Ich konnte ihn dennoch deutlich verstehen, nur die Sprache war mir fremd. Das Mondhur schloss die Augen und beruhigte sich langsam. Nun konnte er ohne Widerstand die Schnauze des Tieres streicheln. Der Magier lächelte zufrieden und sah zu mir herüber.

»Ich denke, jetzt wird er uns tragen.«, sagte er und streckte mir dabei eine Hand entgegen. Ich nickte und doch zögerte ich noch. Ich wusste nicht, ob ich diesem Mann vertrauen konnte, auch wenn er womöglich meine einzige Chance war wieder nachhause zu kommen. Ich hielt es für das Beste erst mal sein Spielchen mitzuspielen und griff nach seiner Hand.

Mit einem Ruck riss er mich näher an sich heran, packte mich flink mit beiden Händen an der Taille und hob mich auf den Rücken des viel zu großen Untieres. Ich gab dabei einen erschreckten Schrei von mir und mein Herz raste wie wild, bevor ich so wirklich verstand, was mit mir geschah. Ängstlich krallte ich mich fest in das filzige Fell und entdeckte erneut die winzigen Grübchen im Gesicht des Magiers. Seine Lippen formten ein sanftes, aber dennoch spitzbübisches Lächeln, das im Widerspruch zum Rest seines Auftretens stand. Er musste absolut wahnsinnig sein.

»Ich möchte euch danken, für eure Obhut und für das Mondhur.«, erklärte der Magier dem maskierten Mann und verbeugte sich dabei leicht.

Der Maskierte nickte knapp und erwiderte die Verbeugung. Dann schwang sich der Magier auf den Rücken des Tieres und landete direkt vor mir. Das Mondhur schnaufte unter unserem Gewicht.

»Halt dich besser gut fest.«, sagte der Magier, während er das Lederband um eine Hand winkelte und mit der anderen fest in das Fell des Tieres griff.

Ich war ihm so nah. Die Kälte, die von ihm ausging, ließ mich erschauern. War das ein Ausdruck seiner Magie? Vorsichtig griff ich noch fester in das filzige Fell.

Als der Magier schließlich den Befehl zum Losreiten gab und sich das Mondhur ruckartig in Bewegung setzte, hätte ich vor Schreck beinahe losgelassen. Mit Herzklopfen realisierte ich, dass wir uns schnell von der Hütte entfernten und einem der vielen Waldwege folgten. Ich konnte mich kaum richtig halten. Die Bewegungen des Tieres waren schnell und rissen mich regelrecht aus meiner sicheren Haltung. Der Magier saß unbeeindruckt und leicht noch vorn gebeugt vor mir. Sein Körper tanzte im Takt der Muskeln des Tieres und ließ sich auf diesen Ritt ein.

»Halt dich an mir fest, bevor du noch runterfällst.«, rief er mir über die Schulter zu.

Ich wog sein Angebot ab. Doch als das Mondhur erneut über eine hohe Wurzel sprang, verlor ich beinahe mein Gleichgewicht. Hastig griff ich nach der Anzugjacke des Magiers und krallte mich letztendlich erleichtert an seinen Rücken fest.

Vielleicht war es die Aufregung oder die Angst, die mein Herz zum Rasen brachte, nur hoffte ich er würde es nicht bemerken. Ich spürte wie es mir in den Hals hinauf schlug und biss die Zähne knirschend zusammen. Meine Angst würde ihn sicherlich nur amüsieren. Heiß war mein Gesicht, meine Hände und noch heißer fühlten sie sich an, als die Kälte durch seine Anzugjacke in meinen Parker drang. Seine Magie hinterließ eine Gänsehaut auf meinen Armen, meinem Rücken, bis sie kribbelnd meinen ganzen Körper erfasste. Ich hoffte unser Ziel sei nicht mehr allzu fern, denn ich wusste nicht, wie lange ich seine Nähe noch ertragen konnte.

∗∗∗

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