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Das Zebrechen eines Spiegels bringt sieben Jahre Pech. Aber warum eigentlich? Als Liya dies am eigenen Leib erfährt macht sie sich mit den Walfängern auf eine Reise, um Jella, den frechen Spiegelgeist, loszuwerden.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für Nadine,
die Liebe meines Lebens
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Zwei Wochen später
»Autsch!«, schrie Liya und schnappte nach Luft. »Das ist zu fest, Mieda!«
»Bitte entschuldigen Sie, Miss Belantini, aber …«, antwortete Mieda und zog ein weiteres Mal an dem Korsett, das sich um Liyas Taille presste. »Das muss enger sein, damit das Kleid schön sitzt.« Unsicherheit schwang in der Stimme der Dienstmagd mit.
»Das Kleid soll die Taille betonen, nicht abklemmen«, presste Liya hervor. Schmerz zuckte durch ihren Rücken, als Mieda das Korsett verschnürte. Dann verschwand die Magd hinter dem Raumteiler, um das himmelblaue Kleid zu holen. Liya fröstelte.
»Kannst du das Fenster schließen?«, rief sie Mieda nach. Das Klima war auf Aurea selten warm, aber vor dem Jahresschauer wurden die Tage noch kürzer und die Temperatur sank beträchtlich. Liya hasste die Kälte. Sie hatte gehört, dass es in der Hauptstadt das ganze Jahr hindurch viel wärmer sei.
Sie hörte, wie sich das Fenster mit einem lauten Knall schloss, bevor Mieda, das himmelblaue Kleid über den Arm gehängt, wieder auftauchte.
»Solch ein schönes Kleid«, murmelte die ältere Frau und half Liya hinein.
»Stimmt«, bejahte Liya gedankenversunken. Ihre Mutter hatte ihr das Kleid speziell für den heutigen Ausflug geschenkt, als Bestechung für die Langeweile, mit der sie heute ringen musste. Aber ihr Vater bestand darauf, dass die zukünftige Gräfin von Aurea alle paar Mondzyklen einen Rundgang durch das Hafenviertel der Stadt machte. Liyas zukünftigen Titel betonte er gerne, wenn es ihm in die Karten spielte.
»Um die Moral der Skips zu stärken! Es fördert den Profit, wenn die armen Walfänger denken, sie werden von uns gesehen und dass wir ihre Arbeit schätzen«, pflegte ihr Vater zu sagen.
»Schätzen wir ihre Arbeit denn nicht?«, hatte Liya erwidert und nur eine halbherziges »Ja schon …« von ihrem Vater geerntet.
»… was meinen Sie, Miss Belantini?« Miedas raue Stimme riss Liya aus ihren Gedanken. Sie sah an sich herab. Jetzt, da sie es trug, war das Kleid, noch schöner als erwartet.
Ganz entzückt schritt Liya durch ihr Schlafzimmer. Es war prunkvoll eingerichtet. Im Zentrum stand ein bequemes Himmelbett, dessen Baldachin in sanftem Mondviolett erstrahlte. Ihr Kleiderschrank war sicherlich einer der größten in ganz Aurea, der Traum jeder modebewussten Frau. Kleider in allen Schnittformen und Farben warteten darauf, zu feierlichen Gelegenheiten getragen zu werden. Das Fenster gab eine fantastische Sicht auf die Hafenstadt frei.
Ein kurzer Blick hinaus bestätigte Liyas schlimmste Befürchtungen. Der Hafen, in welchem zahlreiche Dampfschiffe ankerten, lag unter einer dicken, schwarzen Wolkendecke. Der Regen würde nicht lange auf sich warten lassen. Schon bei sonnigem Wetter war der allmonatliche Ausflug ins Hafenviertel eine Qual.
Rasch wandte sich Liya zum Spiegel, der neben dem Fenster hing, und vergaß den Unmut schneller, als er gekommen war.
Das schulterfreie Kleid floss wie Wasser über ihren Körper und passte vorzüglich zu ihrem goldblonden Haar. Ein würdiges Kleid für jede Adelige am Königshof der Hauptstadt.
Und dort werde ich auch bald sein. Aber zuerst musste sie diesen langweiligen Tag als Tochter des Grafen der kleinen Insel Aurea hinter sich bringen.
»Mieda!«, rief Liya viel zu laut nach ihrer Dienerin, welche gerade das Bett frisch machte.
»Ja, Miss Belantini?«
»Bringst du mir den Handspiegel? Ich will meine Frisur betrachten.« Ungeduldig tippte sie mit den hochhackigen Schuhen auf den Marmorboden des Zimmers, während Mieda den kleinen Handspiegel aus der Schublade fischte.
Liya kehrte dem großen Spiegel den Rücken zu und betrachtete mit dem kleineren ihr Spiegelbild von hinten. Mieda hatte ihre langen Haare zu einem schönen Zopf zusammengebunden, der ihr bis zwischen die Schulterblätter reichte. Liya wandte sich zufrieden um, um der Dienstmagd den Spiegel zurückzugeben, ohne zu bemerken, dass diese wieder zum Bett gegangen war.
»Mieda!«, sagte Liya ungeduldig und warf den Handspiegel in ihre Richtung. Dieser wirbelte durch die Luft und Mieda fing ihn mit Mühe knapp über dem Marmorboden auf.
»Miss Belantini!«, rief die Frau streng und schnappte nach Luft. »Einen Spiegel herumzuwerfen … was haben Sie sich dabei gedacht?« Sie schien ihre Worte sofort zu bereuen, denn schnell schlug sie eine Hand vor den Mund.
»Mieda?« Ein Lächeln zupfte an Liyas Lippen.
»Finden Sie das etwa lustig?«, fragte Mieda ernst. Ihre Miene wirkte plötzlich wie versteinert. »Führt die Aussicht auf sieben Jahre des Pechs zu Ihrer Belustigung?«
Liya rümpfte die Nase. Sie hasste diesen belehrenden Tonfall, sogar bei ihren Lehrerinnen, und Mieda war eine schlichte Dienstmagd.
»Ach, wegen solchem Aberglauben verhältst du dich so unmöglich?« Langsam machte Liya einen Schritt auf Mieda zu.
»Aberglaube?« Mieda riss die Augen weit auf und ihre Lippen zitterten leicht. »Das ist kein Aberglaube, Miss Belantini. Jeder weiß doch, dass das Zerbrechen eines Spiegels zu sieben Jahren Pech führt.« Sie wählte die Worte vorsichtiger, als taste sie auf einem morschen Schiffsdeck nach losen Planken.
Liya zog eine Augenbraue hoch. »Ach ja? Und warum ist das so?«.
Darauf hatte Mieda keine Antwort. Verdattert starrte die Frau in den Spiegel, den sie so fest umklammerte, dass die Adern auf ihrem Handrücken hervortraten.
»Warum?«, stammelte Mieda endlich. »Kennen Sie denn die Geschichten nicht?«
Warum habe ich bloß nachgefragt, dachte Liya und rollte mit den Augen, bevor Mieda zu ihrer religiösen Predigt ansetzte.
»Spiegel sind ein Geschenk des Mondes, Miss Belantini. Ein Geschenk Mesecs.« Behutsam griff sie sich an das hellviolette Halstuch, das sie als Angehörige der Kirche des Mondes stets fromm trug. »Wir dürfen nicht achtlos mit Mesecs Gaben umgehen, wir müssen ihn ehren und ihm huldigen, damit er uns weiterhin vor seinen Schauern schützt.«
Liya war das Gespräch leid. Anfangs war es lustig gewesen, die sture Gläubigkeit ihrer Dienstmagd stumm zu belächeln, aber mittlerweile war sie dazu nicht mehr in Stimmung.
»Schau mich an, Mieda«, sagte sie und schloss ihren ganzen Körper in die ausladende Handbewegung mit ein. »Ich habe sechzehn Schauer überlebt. Und dabei habe ich kein einziges Lebensjahr zu Mesec gebetet.«
Entsetzt starrte Mieda aus dem Fenster, wo der violett schimmernde Mond schiene, wäre es Nacht und nicht früher Vormittag.
»Ich weiß, dass Sie und der hochverehrte Graf und die Gräfin dem Vodaismus angehören, Miss Belantini, aber Sie müssen wissen …«
»Schluss jetzt damit«, sagte Liya schroff. »Bring mir meinen Mantel, meine Eltern warten bestimmt schon auf mich.«
Genau das taten sie. Als Liya die Treppe vor der Eingangstür des Herrenhauses hinunterstieg, bei jedem Schritt darauf bedacht, nicht auf ihr Kleid zu treten, standen ihr Vater und ihre Mutter ungeduldig vor der Kutsche. Liya stieß einen leisen Fluch aus. Der Kutscher hatte sein Gefährt im ummauerten Innenhof der Villa Belantini abgestellt, dabei jedoch mehrere Schritte zwischen der Tür der Kutsche und dem Ende der marmornen Treppe gelassen. Es wäre eine äußerst mühsame Angelegenheit, die Kieselsteine mit ihren hohen Schuhen zu überwinden,
»Vater«, sagte Liya und nickte in Richtung der Kutsche.
»Mein Liebes, wir sind zu spät …«, setzte der Graf an, bevor er die Verärgerung in Liyas Blick bemerkte und diesen deutete. »Oh, natürlich«, sagte er schließlich. »Kutscher. Bitte fahren Sie näher an die Treppe. Das müssten Sie schon wissen, schließlich bezahle ich Sie für Ihren Service, und das nicht gerade wenig.«
Der Kutscher brachte die Stute mühsam zum Wenden und nach mehreren Manövern war das Gefährt so positioniert, dass Liya mühelos einstieg und die Kutsche losratterte. Sie saß auf der rot gepolsterten Bank neben ihrer Mutter. Estrella Belantini trug ebenfalls eines ihrer hübschesten Kleider: das karmesinrote Volini-Kleid mit den langen Ärmeln. Ihr dunkles Haar trug sie wie gewohnt in einem strengen Knoten.
Am Fenster rasten die Straßen und Gebäude von Aurea an Liya vorbei. Mit halbem Ohr hörte sie dabei zu, wie ihr Vater von den heute bevorstehenden Geschäften berichtete. Liya beschäftigte sich dabei lieber mit der Aussicht. Die nahm Kutsche eine Biegung und machte sich daran, der gepflasterten Straße entlang den Hügel hinunterzurollen. Dabei ergab sich ein wundervoller Blick auf die Hafenstadt Aurea. Liya erkannte die Walfangschiffe, riesige Dampfer mit gehissten Segeln, bereit in See zu stechen. Davor standen unzählige Fabriken, deren riesige Kamine Rauch in den Himmel stießen, als speie eine fürchterliche Kreatur schwarzes Feuer in die Wolken. Die Häuser unten am Hafen waren allesamt grau oder schwarz. Je weiter ein Wohnhaus oder ein Laden vom Wasser entfernt lag, desto besser war dessen Zustand.
Liya starrte im Vorbeifahren auf das Wohnhaus der Familie Desto, dessen Fassade in strahlendem Weiß leuchtete. Dann erreichte der Wagen eine Mauer und hielt kurz an. Liya wusste aus Erfahrung, dass der Kutscher den Wachmännern gerade die Papiere zeigte. Neugierig warf sie einen Blick aus dem auf Hochglanz polierten Fenster der Kutsche. Wenn sie ihre Wange an die kalte Scheibe drückte, konnte sie den Wachmann genauer erkennen. Mit der violetten Tönung seiner Haut war er eindeutig ein Mondling, wie die meisten Wächter des Adelsbezirks. Er nahm mit seinen dürren Armen den Passierschein entgegen. Arme, die nie vermuten ließen, dass die Mondlinge eine unglaubliche Kraft besaßen. Und doch wusste Liya, dass dies der Grund war, warum der Adel diese seltsamen, halbmenschlichen Geschöpfe gerne als Leibwachen einstellte. Stumm kontrollierte der Mondling die Papiere, kurz darauf rumpelte die Kutsche durch das geöffnete Tor in der dicken Mauer und ließ den Adelsbezirk hinter sich.
Hier wären wir also, im Reich der Skips.
»Was meinst du dazu, Liyandra?« Liya schreckte beim Klang ihres vollen Namens auf. Sie spürte den strengen Blick ihres Vaters auf ihr. Parza Belantini war keineswegs ein geduldiger Mann. Als Graf von Aurea war er es gewohnt, dass er bekam, war er verlangte. Und dies oft in kürzester Zeit. Die Militäruniform in Meerblau und Mondviolett, den traditionellen aurischen Farben, unterstrich die Tatsache, dass der Graf den Ernst in Person darstellte.
»Tut mir leid, Vater, kannst du das wiederholen?«, sagte Liya vorsichtig.
»Dein Vater sagte, die Skips wollen den nächsten Walfang auf nach dem Jahresschauer schieben, wenn die See weiterhin so rau bleiben sollte, und möchte wissen, was du dazu meinst?«, meldete sich ihre Mutter zu Wort. Ihre hohe Stimme hallte in der kleinen Kutsche wider. Durch das Rumpeln der Räder auf der unebenen Straße wirkte sie zittriger als sonst.
»Warum fragst du mich dabei nach meiner Meinung?« Liya legte den Kopf schräg und blickte zu ihrem Vater. Normalerweise benötigte er keinen Rat, weder was die geschäftlichen Angelegenheiten der Walfangsfirma betraf, noch in Bezug auf die Stadtregierung. Nein, Parza Belantini war ein typischer skargischer Adeliger, das männliche Familienoberhaupt mit oberster Befehlsgewalt.
»Weil mich deine Meinung interessiert«, erwiderte der Graf, schroffer, als es nötig gewesen wäre. »Und weil du früher oder später sowohl die Firma übernehmen als auch deine Pflichten als Gräfin wahrnehmen wirst.« Er hob bei dieser Aussage zwar nicht mahnend den Finger, er hätte es aber genauso gut tun können.
Wenn es nach dir geht, dann werde ich das …, dachte Liya und zwang sich mit aller Kraft dazu, den Gedanken nicht laut auszusprechen. Sie wollte sich den Tag mit einer Diskussion über ihre Zukunft nicht noch schlimmer vermiesen. Trotzdem siegte ihr Herz im Kampf über ihr Hirn.
»Aber Vater, was ist mit der Hauptstadt?« Kaum hatte Liya den Satz vollendet, schoss ihre Mutter wie eine Pistole zurück ins Gespräch.
»Liyandra, Schätzchen, jetzt fängst du wieder damit an? Wir haben doch darüber gesprochen?«
Ihr habt darüber gesprochen, während ich ruhig auf meinem Stuhl sitzen und keinen Mucks von mir geben durfte …
Ein lautes Quietschen rettete Liya vor einer stundenlangen Diskussion.
»Wir sind da«, sagte ihr Vater und half zuerst ihrer Mutter aus der Kutsche, bevor er Liya die Hand reichte. »Ich brauche dich heute bei der Sache, klar?«
Sie nickte zustimmend und schluckte die Bemerkung, die ihr auf der Zunge brannte, hinunter. Sie musste diesen Tag überstehen.
Irgendwie.
Es stank fürchterlich. Liya mochte Dornwal schon in gebratenem Zustand kaum, aber roh stank das gigantische Säugetier einfach schrecklich. Angeekelt folgte sie ihren Eltern und dem Obermetzger, Mister Brovdich, durch die gewaltige Metzgerhalle, in welcher jeder auch nur halbwegs essbare Teil des Königs der Meere verarbeitet wurde. Dabei war das bei Weitem nicht der Hauptgrund, warum die Familie Belantini und unzählige weitere skargische Adelshäuser diese Giganten jagten.
»Warum müssen wir dieses grässliche Zeug essen …«, murmelte Liya vor sich hin, während sie an den an Haken aufgehängten Fleischbrocken vorbeiging, »… wenn uns doch nur die Edelsteine auf der Haut interessieren.«
»Wir …«, antwortete ihre Mutter im Flüsterton, sodass sie der Obermetzger nicht hörte, »… essen das Zeug auch kaum. Aber die Skips scheinen Dornwal zu mögen und es wäre eine Schande, etwas wegzuwerfen, was Geld einbringt, auch wenn es nur ein Bruchteil dessen darstellt, was wir an den geschliffenen Dornen verdienen.«
Ganz nach belantinischem Familienmotto. Hauptsache, man verdient was daran.
Endlich erreichte die Gruppe den Ausgang der Schlachterei. Liya schnappte förmlich nach Luft und bereute es sofort. Draußen am Hafen nahm der Gestank nach Dornwal zwar ab, dafür mischten sich Noten von Urin und ungewaschenen Skips in die salzige Brise, die von Süden her wehte.
Es ist unglaublich, wie dreckig hier unten alles ist. Wie können die Skips nur so leben?
»Vielen Dank, Mister Brovdich, Sie erledigen hier eine exzellente Arbeit, weiter so!«, beendete Parza Belantini das Gespräch mit dem Obermetzger.
»Wohin soll es als Nächstes gehen?«
Liya erschrak, als sie die tiefe Stimme des Hauptmanns der Leibwache direkt hinter sich hörte. Sie hatte ganz vergessen, dass Leutnant Terwyn auch dabei war. Der stramme Mann fortgeschrittenen Alters war still, stark und folgsam, der perfekte Leibwächter also. Es kam öfter vor, dass Liya seine ständige Präsenz komplett ausblendete.
»Wir gehen zur Harpune, Leutnant. Für diese kurze Strecke brauchen wir die Kutsche nicht«, meinte Parza Belantini. »Ein Spaziergang am Hafenbecken wird uns guttun und erhöht unsere Sichtbarkeit bei den Skips der niederen Rangordnungen.
Noch bevor der Leutnant etwas erwidern konnte, hatte sich der Graf schon in Bewegung gesetzt.
Liya stöhnte auf, raffte ihren Rock, erhöhte ihr Schritttempo und schloss zu ihrem Vater auf.
»Vater …« Parza riss den strengen Blick von dem ankernden Dampfschiff und starrte auf seine Tochter herunter. »Warum magst du die Skips so sehr? Hier unten am Hafen ist alles …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Es ist alles so anders als oben am Hang.«
Ihr Vater lachte auf. Liya schreckte angesichts dieses seltenen Gefühlsausbruchs auf. »Schätzchen! Es ist nicht so, als möge ich die Hafenarbeiter und das gemeine Volk besonders. Aber sie bringen uns und der Firma eine Menge Gewinn. Du weißt doch, wie viel wir im Jahr an dem Walfang und dem Verkauf der Dornen verdienen, oder? Das hast du im Unterricht bei Schwester Tayra doch gelernt, oder etwa nicht?«
»Doch, doch«, sagte Liya rasch.
»Siehst du. Und die Arbeiter setzen ihr Leben lieber aufs Spiel, wenn sie denken, dass ihr Oberhaupt sich um ihre täglichen Arbeiten schert.«
Liya nickte geistesabwesend und ließ ihren Blick über die Docks schweifen, an welchen sie gemächlich vorbeispazierten. Die Hafenarbeiter, im Volksmund auch Skips genannt, gingen ihren Arbeiten nach. Sie vertäuten die großen Dampfschiffe oder die wendigen Dingiboote, schrubbten die von Meeresvegetation verkrusteten Oberdecks oder rollten Fässer mit Lebensmitteln über hölzerne Planken auf die langen Piers. Das Ganze vermittelte den Eindruck einer gut geölten Maschinerie, nicht zuletzt, weil die Skips von den monatelangen Reisen unter der prallen Sonne und dem Ruß und Dreck dunkle Haut hatten.
Aber irgendwie sehen sie doch aus wie wir …
Der Gedanke geisterte in Liyas Kopf herum, als sie einen älteren Mann beobachtete, der soeben mit einer frisch polierten Harpune unter Deck eines Dampfers verschwand. Trotz der verschlissenen Kleidung und dem besorgten Gesicht ähnelte er in einer Weise ihrem Vater.
Aber irgendwie ist er auch ganz anders …
Estrella Belantini rümpfte die Nase, als sie an einer Taverne vorüberschritten, in der etliche Skips mit roten Köpfen saßen, johlten und tranken. Sie schienen Spaß zu haben, was der Gräfin gar nicht zu behagen schien. Liya hingegen fand es faszinierend, auf eine fremde und grobe Art.
»Unglaublich …«, murmelte Estrella an ihre Tochter gerichtet. »Es ist helllichter Tag, sogar noch vor Mittag, und diese elenden Skips besaufen sich schon wieder.« Sie spuckte das Wort förmlich über die Lippen, als handle es sich um ein verkohltes Stück Fleisch, das zu zäh für den Verzehr war.
»Denen ist die Tageszeit wohl egal«, meldete sich Parza zu Wort. »In einigen Stunden sitzen sie wieder auf einem Dampfer und machen Jagd auf Dornwale. Die trinken jetzt noch so viel sie können, immerhin könnte es ihr letztes Bier sein.« Liyas Vater lachte laut, als habe er soeben einen Witz gerissen. Er schien heute in Bestform zu sein. »Halt!«
Liya zuckte beim Ausruf ihres Vaters zusammen, bemerkte jedoch schnell, dass er nicht ihr gegolten hatte. Eine Gruppe Skips, die eine schwer aussehende Kiste schleppten, hatte vor ihnen innegehalten.
»Ja, Sir, selbstverständlich, Sir, wie kann ich ihnen behilflich sein, Sir«, stammelte der Matrose, der sich den Umgang mit dem Adel sichtlich nicht gewohnt war.
»Tragt ihr Dornen ins Lager?«, fragte Parza forsch und als der arme Skip nickte, bedeutete er ihm, die Kiste auf das Pflaster zu stellen und zu öffnen. Neugierig drängte sich Liya an ihrer Mutter vorbei. Sie wusste zwar, wie die Edelsteine auf der Haut der Dornwale aussahen, sah sie aber selten in unverarbeitetem Zustand. Die beiden Skips öffneten die Kiste mit Mühe und gaben den Blick auf das wertvollste Gut im ganzen Inselreich Skarga preis. Die hellblau glitzernden Steine waren scharf, unglaublich scharf. Wie Dornen schlangen sie sich um eine abgetrennte Walflosse, die zu modern begonnen hatte. Angewidert wandte sich Liya ab.
Auf diesen Anblick hätte ich gut verzichten können.
Instinktiv betastete sie ihre Halskette aus Dornen. Die Steine fühlten sich glatt und hart an. Das beinahe unzerstörbare Material war ideal, um Schmuck, Werkzeuge und auch Waffen herzustellen. Außerdem waren Dornwalsteine äußerst hitzeresistent, weshalb sie oft im Zusammenhang mit den Mondbasalt-Steinen für allerhand Maschinerien, Lampen und auch für die Dampfantriebe der Schiffe genutzt wurden. Liyas Kopf platzte an Wochentagen regelmäßig, weil ihre Lehrerin sie wieder mit Fragen zum Einsatz der Dornen und der Steine löcherte. Einen Vorteil hatten Ausflüge wie dieser allemal – keine Schule!
Mittlerweile hatten die beiden Skips ihre Kiste wieder verpackt, sich kurz vor der Belantini-Familie verbeugt und waren schnurstracks in Richtung einer der vielen Lagerhallen des Hafenviertels verschwunden. Liyas Vater hatte diesen Effekt auf die Menschen. Sie gehorchten ihm ohne Widerrede, als wären sie verzaubert. Doch sobald sich der Zauber löste, suchten sie schnellstmöglich das Weite. Außer Liya, die zu ihrer großen Unzufriedenheit nie mehr als ein paar Räume zwischen sich und ihren Vater bringen konnte.
Außer ich schaffs in die Hauptstadt …nach Sienerra. Seit einigen Jahren hatte sie sich das Ziel gesetzt, die Insel Aurea zu verlassen und in Skargas Hauptstadt zu ziehen, um dort am Königshof zu arbeiten. Nur die wenigsten Adelstöchter und Söhne schafften den Sprung, weshalb Liya sich bemühte, in der hohen Gesellschaft von Aurea gut dazustehen.
Adelige am Königshof von Sienerra … Hautnah dabei sein bei den wichtigsten Entscheidungen im gesamten Inselreich … Sich in die Gunst des Königs bringen und ihm beim Herrschen zur Seite stehen … Sie würde sich diesen Traum erfüllen und diese nach vermoderten Fischen riechende Insel hinter sich lassen.
Plötzlich strauchelte Liya. Sie war gedankenversunken weitergegangen und hatte nicht bemerkt, dass die Hafenpromenade, wenn man diesen verdreckten und geschäftigen Pflasterweg so nennen durfte, eine Biegung gemacht hatte. Beinahe wäre sie in das Hafenbecken gefallen. Eine flinke Reaktion ihres Vaters rettete sie vor dem Sturz. Zitternd trat sie einen Schritt zurück und starrte wie gebannt auf die dunkle Wassermasse, die bedrohlich einige Fuß unter ihr an die Kaimauer schlug. Schweißperlen bildeten sich auf Liyas Stirn und unbewusst kaute sie auf ihrer Unterlippe. Eine Gewohnheit, die sie seit geraumer Zeit ablegen wollte.
»Achtung, Schätzchen, mach die Augen auf, oder du landest mir noch im Wasser«, sagte ihr Vater scherzhaft, bis er ihre entsetzte Miene bemerkte. »Ach ja, und dieses magst du ja bekanntlich noch weniger als Bohnensuppe.«
»Liyandra, hast du diese irrationale Furcht vor dem Wasser noch immer nicht abgelegt?«, mischte sich ihre Mutter ein. »Ist das nicht ein wenig kindisch?«
Wütend starrte Liya ihre Eltern an, blieb jedoch stumm, während ihr die Scham Hitze in die Wangen trieb.
»So willst du in die Hauptstadt an den Königshof?« Ihr Vater grinste. Dieses unmögliche, hämische Grinsen. »Dir ist aber schon klar, dass zwischen dir und Sienerra vierzehn Tage Seefahrt stehen?« Liya biss sich erneut auf die Lippe. Metallischer Geschmack bereitete sich in ihrem Mund aus und befeuerte die Gefühle der Schmach und Wut in ihrer Magengrube.
»Da nimmst du doch lieber deine Pflichten als Erbin des Grafen wahr, oder, Schätzchen? Hier musst du dem Wasser nie näher kommen als ein paar Fuß, vorausgesetzt du hältst die Augen offen«, fügte ihre Mutter hinzu. Sie beherrschte die Kunst des nervenaufreibenden Grinsens ebenfalls. Ihres war breiter als ein Schubkarren und falscher als die Frisur von Miss Zerrione.
»Ach, seid doch …« Liya wollte zu einer Tirade ansetzen, da spürte sie die warme Hand von Leutnant Terwyn auf der Schulter. Seine tiefen, grauen Augen schienen zu sagen: »Reg dich nicht auf, Kleine, das ist es nicht wert.«
Also schluckte Liya den Rest des Wortschwalls und stierte auf das dreckige Pflaster unter ihren Füßen.
Der Tag schlich langsamer vorüber als eine Meeresschnecke über den sandigen Grund. Parza und Estrella Belantini besuchten neben der Harpune, einem Walfangschiff neuster Technik, gleich mehrere andere Dampfschiffe. Sie sprachen mit den Kapitänen und gratulierten diesen zur guten Führung ihrer Matrosen, ohne auch nur einen einzigen Befehl mitgehört oder eine Ertragsrechnung begutachtet zu haben. Liya glaubte hinter den aufgesetzten Mienen der Kapitäne Missbilligung über diese leeren Komplimente zu erkennen. Nur einen Augenblick lang, wie ein schwacher Funke in der dunkelsten Nacht.
Gegen Mittag waren sie wieder in die Kutsche gestiegen und ans andere Ende der Hafenbucht gefahren. Den Abschluss des halbjährlichen Rundgangs bildete das Gespräch mit dem Buchhalter der Handlungsgesellschaft Belantini über die Erträge aus dem Export von Dornen und den Verkäufen des Walfleischs. Liya hatte es langsam satt. Sie starrte auf ihre dreckigen, braunen Schuhe, die heute Morgen noch tiefschwarz gewesen waren.
Wie können die Skips nur in diesen Dreckslöchern leben? Freiwillig ständig diesem Dornwalgestank ausgesetzt sein … widerlich. Sie sehnte sich nach ihrem sauberen Zimmer und stellte sich vor, wie schön es wäre, sich in ihr Himmelbett zu kuscheln, einen warmen Tee zu trinken und weiter in ihrem Buch zu lesen.
Als die Kutsche am Ende der Straße anhielt, stöhnte Liya zum tausendsten Mal an diesem elenden Tag auf. Das Büro der Handelsgesellschaft befand sich auf der anderen Seite eines der unzähligen Kanäle, die sich durch die ganze Stadt Aurea zogen. Auf der breiten Brücke waren zu beiden Seiten Gebäude errichtet worden. In der Mitte standen Marktstände, an denen Hunderte Menschen wild durcheinander ihren Geschäften nachgingen. Es war schlicht unmöglich, mit der Kutsche über diese Brücke zu fahren, ohne in den Menschenmassen festzusitzen. Der Kutscher entschuldigte sich bei Liyas Vater und machte eine so tiefe Verbeugung, dass Liya sich Sorgen machte, sein Rücken würde in dieser Position stecken bleiben und er müsse das Leben fortan als wandelnde Pinzette bestreiten.
»Keine Sorge, dann gehen wir den Rest des Weges zu Fuß, ist nicht mehr weit«, sagte Parza.
Nicht mehr weit … sag das mal den Blasen an meinen Füßen. Wenn du auch nur einmal in deinem Leben hochhackige Schuhe getragen hättest …
Neben den hochhackigen Schuhen drückte Liya auch das Korsett allmählich bei jedem Schritt ein wenig stärker. Es wurde allerhöchste Zeit, dass dieser Ausflug ein Ende fand. Aber zwischen ihr und der letzten Etappe der Erlösung lag eine Brücke und eine Menschenmasse – eine stinkende Menschenmasse.
Leutnant Terwyn tat sein Bestes, um der Familie Belantini einen Weg durch die Flut der schwitzenden Körper zu bahnen, aber das Unterfangen war etwa so hoffnungslos, als müsse man ein zähes Steak mit stumpfem Messer zu zerteilen.
Liya versuchte sich damit abzulenken, die Schilder der Läden auf den Seiten der Brücke zu betrachten. Die meisten waren ziemlich langweilig.
Vodrio’s Gebrauchtwarenladen – Alles für jeden! stand auf einem der abgenutzten Schilder. Oder Frische Früchte und Gemüse – jeden Morgen frisch aus halb Skarga.
Aber ein besonderes Schild zog Liyas Aufmerksamkeit auf sich. Der Laden war klitzeklein. Zwischen zwei größeren Gebäuden wirkten der schmale Eingang und die bescheidene Vitrine wie eingeklemmt. Unter dem Schild mit der Aufschrift Madame Alitela – Gegen Flüche und Zaubereien stand eine uralte Frau. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug einen Hut, der mindestens seit einem Jahrhundert nicht mehr Mode sein konnte. Ihre runzlige Stirn und gebückte Haltung trugen dazu bei, dass sie ein wenig wie eine Hexe aussah, auch wenn Liya wusste, dass so etwas nur in den Schauermärchen der Dienstmägde existierte. Doch es waren die Augen dieser alten Frau, die Liya ernsthaft zweifeln ließen. Auch aus dieser Entfernung erkannte sie die glühenden, violettfarbenen Pupillen vor dem weißen Augapfel.
Violett … wie der Mond, dachte Liya und starrte wie hypnotisiert zu der in der Eingangstür stehenden Frau. Einen Moment lang zuckte ein seltsames Gefühl durch Liyas Eingeweide, als sei sie nicht mehr sie selbst. Es war ihr, als sei ihre Seele aus ihrem Körper geflogen und beobachte sie nun von weit oben. Vielleicht blickte sie vom Mond aus auf sich selbst hinunter …
Sie riss sich aus der Trance. Panisch warf Liya den Kopf herum. Ihre Eltern und der Leutnant waren in der Menge verschwunden. Ihr Herz hämmerte wild in der Brust. Sie versuchte sich durch die Masse zu zwängen, schob ein Pärchen vor ihr zur Seite, tippte einer Frau auf die Schulter, die von hinten beinahe aussah wie ihre Mutter, aber von Parza und Estrella Belantini war keine Spur zu sehen. Sie war den wogenden Menschenfluten ausgesetzt. Liya fühlte sich, als stünde sie vor dem Ertrinken.
Lautes Gejohle dröhnte weiter vorn auf der Brücke, wo sich eine Menschentraube gebildet hatte.
Was ist denn dort los?
Ohne auf die Menschen vor ihr Rücksicht zu nehmen, quetschte sich Liya an ihnen vorbei, wohl wissend, dass ihr brandneues Kleid nach dem heutigen Tag vielleicht für immer zerstört sein würde. Aber die Neugier und die Panik davor, in der Menschenmasse eingesperrt zu sein, war größer als die Sorge um ihr Aussehen. Der Tumult hatte sich verstärkt. Nun klangen die Rufe aggressiver, die Aufregung in der Luft war einer gewissen Anspannung gewichen. Als Liya die Menschentraube erreichte, erkannte sie zwei Männer, die sich in der Mitte böse anstarrten.
»Gib es wieder her!«, sagte der eine Mann gerade. Sein Gesicht war feuerrot und er trug ein fleckiges Hemd mit Stoffhosen.
Ein Skip … und der andere auch.
Der zweite Mann war größer und seine Arme wirkten, als hätten sie seit ihrer Entstehung hunderte Kisten von Deck gehievt. Tatsächlich schienen beide Männer die Art Burschen zu sein, die den größten Teil ihres Lebens auf See verbrachten.
»Nein. Du hast die Wette verloren. Ich habe es gewonnen. Fair im Spiel!«
»Das ist über einen Monat her! Und diese Schuld habe ich beglichen, als ich einmal deine Schicht beim Deckschrubben übernommen habe!«
»Stimmt nicht!«
»Stimmt doch!«
Der Streit klang in Liyas Ohren wie die Diskussionen zwischen zwei Dreijährigen, obwohl die beiden Männer mindestens dreißig sein mussten. Worum sie sich stritten, konnte sie nicht erkennen, denn der kleinere Mann trug das Objekt der Begierde in einem Bündel unter seinem Arm.
»Möge der Schauer dich treffen, Archie«, schrie der Größere und verpasste dem Kleineren eine Faust, direkt ins Gesicht. Die Menge schrie auf – ein Gemisch aus Entsetzen und Begeisterung. Liya schlug die Hände vor den Mund, als sie das Blut aus Archies Nase spritzen sah. Dieser reagierte bei Weitem nicht so perplex wie die Adelstochter.
»Sollst von Mondlingen im Schlaf geholt werden, Cory, du alter Fettsack!«, schrie er und rannte wütend auf den größeren Mann zu und verpasste ihm einen Hieb in die Magengrube. Dann brach das Handgemenge aus. Jeder Schlag wurde von einer Kakofonie aus Lauten der Menge begleitet. Liya wollte sich abwenden, aber sie schaffte es nicht, die Augen von dem Kampf zu lösen. Die beiden Männer, die sich offensichtlich kannten, kämpften mit solcher Härte, als hätten sie vor, das Leben des jeweils anderen zu beenden. Dies war mehr als eine einfache Schlägerei um eine verlorene Wette. Hier ging es um Leben und Tod.
Archie verpasste Cory mit dem Ellbogen einen harten Schlag gegen die Nase. Dieser schrie auf. Ein markerschütternder Laut, der in Liyas Brust widerhallte. Dabei verlor Cory das Bündel. Es landete in hohem Bogen direkt vor Liya auf dem Pflaster. Die Hanfschnur, die das dreckige Bündel zusammengehalten hatte, löste sich. Kleine, goldbraune Kugeln rollten in den Dreck. Liya bückte sich und inspizierte sie genauer. Sie waren weich und warm.
Brötchen? Diese Skips bringen einander um … wegen Brötchen?
Liya verstand es nicht. Zu Hause, in der Villa des Grafen auf dem Hügel im Adelsviertel gab es in der Speisekammer hunderte solcher Brötchen. Zu jeder Mahlzeit tischten die Diener Brot auf. Nicht selten rührten weder Liya noch ihre Eltern dieses überhaupt an, weil sie von der Vorspeise, dem Hauptgang und anschließender Nachspeise satt genug waren.
Warum sollten sich diese Männer also darum streiten? Oder sich deswegen zu Tode prügeln?
Einige der Zuschauer stürzten sich auf das Brot. Liya wich panisch zurück. Eine Hand packte sie an der Schulter. Liyas Herz rutschte ihr in die Hose. War sie kurz davor, in die Schlägerei verwickelt zu werden? Sie riss den Kopf herum und atmete erleichtert aus, als sie in das harte Gesicht von Leutnant Terwyn blickte.
»Alles in Ordnung bei Ihnen, Miss Belantini?«, fragte er mit tiefer Stimme.
Liya nickte und folgte dem Mann aus der Menschenmenge. Hinter ihr schlugen die Skips weiterhin aufeinander ein.
Wegen eines Brotstücks.
Sie töten einander wegen eines Brotstücks.
Das Wasser war heiß. Der einzige Zustand, in dem Liya dieses Element mochte: heiß und in einer Badewanne.
Der ideale Ort, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen, dachte Liya und stieß einen langen Seufzer aus. Der heutige Ausflug war sogar noch anstrengender gewesen, als sie anfänglich geglaubt hatte. Der Schock der Schlägerei, die diesen so abrupt beendet hatte, saß ihr noch tief in den Knochen.
Warum haben sich diese Männer wegen ein paar Brötchen beinahe umgebracht? Gibt es unten bei den Skips denn nicht genügend zu essen?
Liya konnte sich das kaum vorstellen. War es möglich, dass die Vorratskammern in den Adelsvillen randvoll gefüllt waren, während die Leute am Hafenbecken hungern mussten? Falls dies stimmte, wie konnte der Graf von Aurea zulassen, dass es einem ganzen Teil seines Volkes an Nahrung fehlte? Sie nahm sich fest vor, ihren Vater beim Abendessen danach zu fragen.
Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, trat Mieda in das Badezimmer. Sie trug ein offenes Seidentuch in den Händen.
»Miss? Der Graf und die Gräfin erwarten Sie unten zum Abendessen.« Die Dienstmagd stellte sich geduldig neben die Badewanne.
»Danke, Mieda, du bist entschuldigt.« Liya hatte heute keine Lust, abgetrocknet und frisiert zu werden. Lieber war sie allein mit ihren Gedanken.
Das Silberbesteck auf der langen Tafel umrahmte die reich verzierten Keramikteller. Der Tisch war für zwanzig Personen eingedeckt, aber Liya wusste, dass sie heute keinen Besuch erwarteten. In der Mitte standen gleich vier Körbe mit goldgelben, frisch gebackenen Brötchen. Ihr Vater saß am Kopfende und beäugte den gebratenen Fisch, welchen eine der Küchenhilfen soeben brachte. Ihre Mutter hatte es sich am anderen Ende der Tafel gemütlich gemacht, was Liya in die missliche Situation brachte, zwischen ihren Eltern sitzen zu müssen. Wenigstens dampfte der Fisch und duftete lecker. Das sanfte Licht, das von der Lunarlampe über ihren Köpfen ausging, wirkte sich beruhigend auf ihre schlechte Stimmung aus.
»Die Geschäfte laufen gut, meinst du nicht, Liya?« Zufrieden schob sich Parza Belantini eine Gabel Kartoffelpüree, das traditionell als Beilage zum Fisch serviert wurde, in den Mund.
»Mhmm«, antwortete Liya mit vollem Mund.
»Eine Gräfin schluckt ihr Essen, bevor sie antwortet«, mahnte ihre Mutter.
Genervt schluckte Liya den viel zu großen Bissen hinunter.
»Sie laufen prächtig, hochverehrter Graf Belantini von Aurea«, antwortete Liya mit verstellter Stimme. Ein Gespräch über Geschäfte und Gewinn? Ihre Laune sank an den Korallenriffen vorbei, passierte die Dornwale und ließsich in Vodas Tiefen nieder, der tiefsten Stelle der Weltmeere, an der die Göttin des Ozeans, Voda, hauste.
»Liyandra!« Ihre Mutter war aufgestanden. Ihre Stirn bebte und nahm eine purpurrote Färbung an.
»Schon gut, Estrella«, beruhigte ihr Vater seine Ehefrau. »Was beschäftigt dich, Schätzchen?«
Liya überlegte, die Frage ihres Vaters einfach zu ignorieren, entschied sich schließlich dagegen. Sie brannte darauf, eine Antwort zu erhalten.
»Heute, als wir über die Brücke zum Administrationsgebäude gegangen sind …«, begann sie zögerlich. »Habt ihr den Kampf mitbekommen?«
»Das haben wir, Schätzchen. Typisch Skips und ihre tiefe Frustgrenze.« Parza Belantini grinste. Die Hitze, die sich in Liyas Bauch ausbreitete, rührte kaum vom warmen Fisch her.
»Tiefe Frustgrenze? Diese beiden Männer haben sich um Brötchen gestritten! Um Brötchen! Müssen sich die Skips umbringen, um an ein paar Brötchen zu kommen, während die bei uns auf dem Tisch liegenbleiben, bis sie hart werden?« Die Worte waren ihr zu laut über die Lippen gerutscht.
»Liyandra!«. Wieder sprach ihre Mutter Liyas vollen Namen aus. Er brannte in ihren Ohren, als sei er ein Schimpfwort.
»Schon gut, Estrella.« Ihr Vater legte die Gabel zur Seite und starrte direkt in Liyas Augen. »Hör mir gut zu, meine Tochter. Das, was ich dir jetzt sage, ist ungemein wichtig.« Sein Tonfall ließ ihn wie ein Lehrer wirken, der einem besonders schwerfälligen Kind zum zehnten Mal erklärte, dass offene Flammen heiß waren. »Wir haben in Skarga gesellschaftliche Regeln. Das heißt, jede Gesellschaftsgruppe hat einen Platz und eine Aufgabe. Die Adelsfamilien stehen an oberster Stelle. Sie kümmern sich um das Wohl der Stadt, um die Administration sowie das Führen der Firmen und somit der ganzen Wirtschaft. Dann gibt es den Mittelstand, dazu gehören die Kaufleute, Buchhalter, Mittelsmänner und auch die menschlichen Wachmänner.« Er zeichnete mit Handbewegungen imaginäre Treppenstufen in die Luft.
»Danach kommen alle anderen Berufsgruppen, die unteren Schichten der Gesellschaft, und schließlich sind da noch die Mondlinge und ganz zuunterst die Skips.« Er spukte das Wort förmlich auf den Tisch. »Es ist wichtig, dass du als zukünftige Gräfin von Aurea diese gesellschaftliche Ordnung verstehst. Unsere ganze Nation fiele zusammen, wenn wir uns nicht daran hielten.«
Liya fuhr sich durch ihr goldenes Haar.
Ein Vortrag, nur um meiner Frage zu entgehen … Typisch …
»Aber Vater …«, begann sie vorsichtig, »die Skips arbeiten auf den Walfangschiffen, setzen ihr Leben täglich aufs Spiel, um Dornwalfleisch und die Edelsteindornen zu ernten. Sie halten damit unser ganzes Wirtschaftssystem am Laufen. Oder sehe ich das falsch?« Liya stellte den Kopf schräg.
»Ja, schon, aber sie sind nur die ausführende Hand. Wem gebührt bei einer großartigen Szene im Theater Ruhm und Ehre? Dem Schauspieler oder dem Autor des Stücks?«
Beiden?, dachte Liya. Beide bekommen am Ende des Stücks tosenden Applaus … Und beide erhalten sicherlich genügend zu essen …
»Der Schauspieler gibt bloß das wieder, was der klügere Kopf ihm in den Mund gelegt hat«, fuhr ihr Vater fort.
»Und deshalb hat es der Schauspieler verdient, zu verhungern?« Liyas Stimme bebte.
»Meine Liebsten, was wollt ihr eigentlich vor dem Jahresschauer-Fest unternehmen? Ende der Woche ist es wieder so weit. Ich denke, ein schöner Nachtspaziergang …« Estrellas Versuch, das Thema zu wechseln, scheiterte kläglich.
»Die Schauspieler müssen wissen, was ihr Platz in der Gesellschaft ist. Alles andere hätte Anarchie zur Folge!« Ihr Vater schrie jetzt auch so laut über den Tisch, dass einer der Diener beinahe die Weinflasche fallen ließ.
»Dann ist in deinem Beispiel Anarchie vielleicht genau das Richtige? Wieso sollten sich Menschen, die unterdrückt werden, nicht wehren dürfen? «Liya richtete sich auf.
»Solche Aussagen zeigen mir abermals auf, dass du bei Weitem nicht bereit bist, Gräfin von Aurea zu werden!«
»Gut!«, Liyas schrille Stimme hallte durch den Speisesaal. »Ich will keine Gräfin sein! Ich will kein dreckiges Kaff wie dieses regieren und den lieben langen Tag an verwesendem Dornwalfleisch schnuppern! Ich will hier weg und nach Sienerra!«
»Oje, nicht das schon wieder«, sagte ihre Mutter und seufzte.
»Liyandra! Deine kindische Faszination mit dem Königshof muss aufhören! Du hast weder die Intelligenz noch die Schönheit, um bei Hofe etwas zu bewirken!« Parza Belantini war ebenfalls aufgestanden und schlug mit beiden Händen auf die Tischplatte, dass die Weingläser klirrten. Etwas von der violettfarbenen Flüssigkeit schwappte über den Rand des Glases und klatschte auf den Tisch. Der Diener, der die Sauerei prompt aufwischen wollte, konnte von Glück reden, dass Parzas Blicke nicht tödlich waren.
Liya schluckte die Erwiderung hinunter. Die Worte trafen sie wie ein Faustschlag. Seit sie sich erinnern konnte, wollte sie in die Hauptstadt. In eine echte Stadt. In der sie mehr lernen konnte als Risikomanagement von Walfangschiffen oder die richtige Analyse von Angebot und Nachfrage der Edelsteindornen. Eine Stadt, in der sie vielleicht eines Tages etwas bewirken konnte.
Aber du bist weder schön noch klug genug dafür … Finde dich damit ab!
Die Stimme in ihrem Kopf lachte sie aus. Ein hämisches Lachen. Ein Lachen, das Träume zerstörte.
»Dabei habe ich noch nicht einmal erwähnt, dass du wie ein sechs Schauer altes Mädchen Todesangst vor Wasser hast. Wach auf, Liyandra! Wir leben in einem Archipel, Skarga ist ein verdammtes Inselreich! Zwischen Aurea und Sienerra liegt Wasser! Sogar eine ganze Menge davon!«
»Parza, jetzt ist genug!« Estrella war die Letzte, die sich aufrichtete. Nur gemächlich und würdevoll darauf bedacht, ihr Kleid glattzustreichen, aber immerhin. Sie öffnete den Mund, doch Liya blieb nicht lange genug, um ihre Worte mitzubekommen.
»Das werden wir noch sehen! Ich hasse euch!«
Dann stürmte sie aus dem Speisesaal.
Liya weinte. Tränen der Trauer, aber auch Tränen der Enttäuschung und Unsicherheit kullerten ihr über die erhitzen Wangen. Sie saß zusammengekauert auf dem Boden des dunklen Badezimmers im Erdgeschoss. Es wurde normalerweise nur von den Dienern benutzt.
Haben meine Eltern recht? Bin ich solch ein Dummkopf? Werde ich den Königshof jemals erreichen? Nein, nicht mit meinem Leben! Ich bin die dumme Tochter eines dummen Grafen auf einer dummen Drecksinsel! Mein Leben ist unwichtig. Unsichtbar vor den Göttern, dazu bestimmt, nichts zu erreichen.
Sie putzte sich die tropfende Nase mit dem Ärmel ihres Kleids ab.
Was habe ich auch für ein Pech! Miss Liyandra aus dem Hause Belantini! Ein schlechteres Los kann man kaum ziehen!
Sie sprang auf. Ein Mädchen mit zerzaustem, goldenem Haar und feuerrotem Gesicht starrte sie an. Die Tränen, die ihr über die Wangen rannen, waren auch im dreckigen Spiegel sichtbar.
Miss Liyandra Belantini! Die Unsichtbare! Sogar ihre Eltern halten sie für zu hässlich und zu dumm, um etwas anderes zu werden als die Gräfin einer miefenden Drecksinsel. Der größte Pechvogel in ganz Skarga! Sie würde nie dazugehören. Nie wichtig sein. Nicht wenn sie von ihren Eltern stets zurückgehalten wurde. So war sie zu einem Leben voller Nichts verdammt!
Liya kochte vor Wut und entlud ihre ganzen Gefühle in einem einzigen Schlag. Ihre Faust prallte mit voller Wucht gegen das Spiegelbild. Das Glas barst unter ohrenbetäubendem Klirren. Scherben bohrten sich in ihre Finger. Liya zuckte zurück und hielt sich die pochende Hand. Blut trat aus den Schnitten hervor. Das Badezimmer war plötzlich stockfinster. Tiefes Schwarz umhüllte ihren Körper, die Toilette, die Haken an den Wänden, die Wände selbst, alles war verschwunden. Nur der zerbrochene Spiegel blieb, deutlich sichtbar in all der Schwärze. Liya starrte ungläubig hinein. Erst sah sie nichts. Der Spiegel zeigte kein Bild eines heulenden Mädchens. Splitter zogen sich durch die hellviolett schimmernde, gläserne Oberfläche. Dichter Rauch trat aus den Rissen hervor, füllte die Schwärze, umhüllte das Nichts, umwirbelte Liya.
Dann, explosionsartig, verschwanden der Rauch und die Dunkelheit, und Liya befand sich wieder im Badezimmer. Schmerzen, derer sie sich erst jetzt bewusst wurde, zuckten durch ihre Hand. Sie stand vor dem zerbrochenen Spiegel. Die zersplitterte Scheibe verzerrte ihr Spiegelbild. Scherben lagen im Spülbecken.
Was war das?
Ein Rascheln erklang hinter ihr. Liya drehte sich um. Auf dem Badezimmerboden saß eine kleine Gestalt. Auf den ersten Blick wirkte das Ding wie ein Bündel aus alter Wäsche. Dann regte es sich. Liya erkannte ein in ein Leintuch gehülltes Wesen, etwa in der Größe einer Katze. Das Gesicht vom grauen Stoff verdeckt, wirkte die Gestalt gespenstisch, fremdartig, als käme sie nicht aus dieser Welt.
Was bei …
»Hallo!«, sagte das Bündel.
Liya schreckte auf und gab ein Kreischen von sich.
»Autsch, das hat in meinen Ohren geschmerzt.« Das Bündel griff sich mit den vom Stoff umhüllten Armen an den versteckten Kopf. »Ich wusste gar nicht, dass ich so etwas hab …Ohren meine ich.«
Die Stimme des Wesens klang jungenhaft, verspielt und doch war da eine gewisse Fremdartigkeit. Das lag wohl daran, dass es sich um ein sprechendes Stoffbündel handelte. Ihr rasendes Herz beruhigte sich nach einigen tiefen Atemzügen. Die Situation war bizarr.
Verdammt bizarr, bei Vodas Tiefen, habe ich den Verstand verloren?
Zuerst die gruselige Halluzination vor dem Spiegel und jetzt eine winzige Gestalt, eingehüllt in eine dreckige Stoffdecke, die auch noch sprach? Die Zeichen standen gut für ein frühzeitiges Verabschieden ihrer geistigen Gesundheit. Das Stoffbündel vor Liyas Füßen begann langsam durch das Badezimmer zu watscheln. Zuerst vorsichtig, unsicher wie ein Neugeborenes. Aber schon nach wenigen Schritten schien es den Dreh rauszuhaben. Ein gackerndes Lachen hallte von den Wänden. Liya musste grinsen. Auch wenn sie mit ziemlicher Sicherheit dabei war, verrückt zu werden, war die kleine Kreatur ziemlich witzig.
Irgendwie süß … Liya nahm ihren Mut zusammen.
»Was …Wer bist du?«
Das tanzende Stoffbündel hielt inne und blickte zu Liya auf, oder mindestens glaubte sie, die unsichtbaren Augen des Dings auf sich zu spüren.
»Ich? Ach ja, stimmt, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!«
Es schüttelte heftig den Kopf und wie von Zauberhand verschwand der Stoff vor seinem Gesicht und gab ein haariges Gesicht mit großen Augen und einer süßen Stupsnase frei. Es erinnerte Liya ein wenig an eine graue Katze, wenn Katzen aufrecht gehen und Umhänge tragen könnten. Nun wirkte das Geschöpf alles andere als gespenstisch.
»Wie ging die Vorstellung noch einmal? Ach ja, genau! Ich bin Jella, ich bin ein Spiegelgeist!«
»Ein Spiegelgeist …?«
»Unterbrich mich nicht, Mädchen! Ich bin noch nicht fertig!«
Liya konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Stimme des Spiegelgeists, Jellas Stimme, klang wie die Übungsstunden eines Trompetenspielers, der das Instrument zum ersten Mal in den Händen hielt.
»Also nochmals! Ich bin Jella, ich bin ein Spiegelgeist. Als du den Spiegel zerbrochen hast, hast du mich an dich gebunden. Ich bin dazu verpflichtet, dich über meine Aufgabe zu informieren, bist du damit einverstanden?«
»Womit einverstanden?«
»Dass ich dich informiere … Hörst du mir eigentlich zu, Mädchen?«
»Mein Name ist Liya.«
»Hörst du mir eigentlich zu, Liya?«
Sie nickte und gab ihr Einverständnis. Der merkwürdige Katzengeist wackelte mit dem Kopf und fuhr weiter:
»Es ist meine Aufgabe, dir vom heutigen Tag an sieben Jahre lang Pech zu bringen.« Stolz blickte Jella zu ihr hoch.
Liyas Kinnlade fiel herunter. »Du machst … was?«
»Du hörst echt nicht zu, Liya …«
Das konnte nicht wahr sein. Sie musste halluzinieren. Es war die einzige rationale Erklärung.
Das Zerbrechen eines Spiegels bringt sieben Jahre Pech.
Ammenmärchen. Schauergeschichten. Aberglaube. Das konnte nicht stimmen. Sie war einfach nach diesem langen, stressigen Tag so übermüdet, dass sie tagträumte. So musste es sein.
Liya verließ das Badezimmer. Jella stand perplex vor der Toilette.
»Wohin gehst du denn? Hast du das mit den sieben Jahren nicht verstanden? Das waren kaum sieben Herzschläge! Warte auf mich.«
Die Tür fiel mit einem Knall ins Schloss.
In Liyas Zimmer war es ruhig. Zu ruhig. Sie war nicht einmal einem der Bediensteten begegnet. Die gehen davon aus, dass du noch beim Abendessen bist.
Behutsam hob sie ihre Bettdecke an, kontrollierte, dass sich nichts darunter verbarg. Zur Sicherheit blickte sie unter das Bett und durchsuchte den Wandschrank. Dann schnappte sie sich ein Tuch aus dem Schrank und verband die brennende Wunde, die sie vom Spiegel davongetragen hatte, bevor sie sich ins Bett kuschelte und tief ein- und ausatmete.
Was für ein Tag …
Der Ausflug, der Tumult auf der Brücke, der Streit mit ihren Eltern. Das alles saß ihr tief in den Knochen. Da war es doch natürlich, dass sie im Stress halluziniert hatte?
Von einem Geist, der aus einem zerbrochenen Spiegel kam …? Einem Geist, der mir sieben Jahre lang Pech bringen soll … einem Geist namens Jella?
»Hallöchen«
Liya sprang beinahe durch den Baldachin des Himmelbetts. Am Fußende saß Jella, in seinen Umhang gehüllt.
»Das war ziemlich gemein von dir, einfach so zu verschwinden.«
Liya rang nach Worten. Wie war das möglich? Sie hatte die Tür hinter sich zugeknallt. Konnte der Spiegelgeist Türen öffnen?
Natürlich kann ein Spiegelgeist keine Türen öffnen, denn es gibt keine Spiegelgeister!
»Du bist nicht echt!«, sagte Liya. Die Worte entglitten ihr in deutlich unsichererem Tonfall, als sie es vorgehabt hatte.
»Nicht echt?« Jella betrachtete seinen kleinen Körper. »Da weiß ich jetzt nicht, was ich darauf antworten soll.«
»Du sollst nicht antworten! Du sollst überhaupt nie mehr etwas sagen!« Wut loderte in Liyas Magen. Selten in ihrem Leben war sie so wütend gewesen. Nicht auf Jella, sondern auf diese absurde, bizarre Situation. Sie sprang auf. »Ein Ding wie du soll nicht existieren und bestimmt nicht sprechen können …Autsch!« Schmerzen breiteten sich in Liyas großem Zeh aus. Beim Aussteigen aus dem Bett, hatte sie sich am Bettgestell gestoßen, wobei sich ein Holzsplitter in ihren Fuß gebohrt hatte.
»Tut mir leid«, sagte Jella und zuckte mit den Schultern. Liya funkelte den Spiegelgeist böse an.
»Warst du das?«
»Nein … und ja, irgendwie beides …« Wieder hob er die Schultern und setzte eine Unschuldsmiene auf.
Sehr hilfreich …
Endlich bekam Liya den Splitter zwischen ihre Fingernägel und zog ihn heraus. Die Schmerzen ließen nach. Doch dann dämmerte es ihr. Wie schwarze Wolken an einem Gewitterabend verdüsterte es sich in ihrem Kopf, als ihr bewusst wurde, was mit ihr geschah.
Die Schmerzen. Ich habe mich verletzt und bin nicht aufgewacht. Ich habe nicht geträumt …
»Liya?«, fragte Jella sanft. Wieder schreckte sie auf. Sie hatte den seltsamen Spiegelgeist beinahe wieder vergessen. »Geht es dir gut?«
»Nein! Das geht es mir nicht!« Sie war laut geworden. »Ich werde verrückt. Ich werde langsam, aber sicher verrückt. Und mein Zeh tut weh! Bei Vodas Tiefen, verschwinde endlich!«
Die Tür knallte auf und Mieda trat ins Schlafgemach.
»Miss Belantini, ich habe Sie schreien gehört. Ist alles in Ordnung?«
»Nein, das ist es nicht. Mieda, bitte entferne diesen … dieses Ding!« Sie zeigte auf das Fußende ihres Betts, wo Jella gemütlich saß, seine süßen Hundeaugen auf Liya gerichtet. Er setzte eine gespielt traurige Miene auf, bevor er breit lächelte. So breit, dass eine Wagenladung Dornwalfleisch darauf Platz gehabt hätte.
»Welches Ding, Miss Belantini?« Mieda runzelte die Stirn und starrte Jella direkt an.
»Bist du schwer von Begriff, Mieda? Diese Kreatur da! Nimm sie weg! Schaff sie mir vom Leib!« Instinktiv machte Liya einen weiteren Schritt vom Bett weg.
Lass es aufhören. Lass diesen Albtraum aufhören.
»Miss Belantini«, sagte Mieda noch einmal, sanfter, als spräche sie mit einem aufgescheuchten Fuchs. »Da ist nichts, was ich …«
Mieda stieß einen markerschütternden Schrei aus.
Endlich, dachte Liya. Endlich hat sie ihn entdeckt!
Doch als Liya zu ihrer Dienerin blickte, merkte sie, dass diese nicht auf das Bett starrte, sondern direkt in ihre Augen.
Durch meine Augen hindurch …
Tatsächlich wirkte es so, als blicke die ältere Frau direkt durch Liyas Körper an die Wand, als sei sie gar nicht hier.
»Mieda?«, sagte sie vorsichtig.
Ein weiterer Schrei brachte die Wände zum Zittern. »Mesec, steh mir bei!«, presste die Dienerin hervor, raffte ihren Rock zusammen und stürmte aus dem Zimmer.
Wieder erklang Jellas gackerndes Gelächter. Verwirrt schaute Liya an sich hinunter und erschrak.
Was bei …
Ihr Körper war durchschimmernd, glasig. Wo einmal rosarote Haut gewesen war, war jetzt kaltes Glas. Wo ihr wundervolles Abendkleid sein sollte, befand sich eine spiegelnde Masse aus Rüschen und Saum. Wie in Trance stolperte Liya zum Spiegel. Sie blickte hinein und sah nichts, nicht außer … dem Spiegel.
Es war, als sei sie selbst zu Luft geworden. Luft, die alles um sie herum widerspiegelte. Ihr Körper verschmolz mit dem Raum, gehörte dazu, war aber trotzdem fremd.
Ich bin … unsichtbar!
Panisch griff sie sich an die Brust. Ihr Herz pochte wie wild.
»Was hast du mit mir gemacht?«, schrie Liya in Jellas Richtung. Sein Grinsen war keineswegs schmaler geworden. »Hör gefälligst auf zu grinsen und erzähl mir, was du gemacht hast!«
»Liya«, begann Jella ruhig, was sie gleich wieder zum Kochen brachte, »ich würde es dir gerne erklären … aber du hörst mir nicht zu!«
Liya griff nach einem Kissen und schleuderte es in seine Richtung. Einen Moment lang hatte es den Anschein, als hätte sie mit der flauschigen Waffe ins Schwarze getroffen, aber kurz vor dem Aufprall verschwand der Spiegelgeist. Ungläubig ließ sie den Blick durch das Zimmer schweifen.
»Knapp daneben ist auch vorbei.« Liya erschrak, als Jella auf ihrer Schulter auftauchte.
»Warum machst du mich unsichtbar? Warum tust du mir das an?« Ihre Augen brannten und die ersten Tränen drohten über ihre Wangen zu kullern. Das konnte alles nicht sein. Das durfte nicht passieren.
Wieder zuckte Jella mit den Schultern. Das war wohl seine Lieblingsgeste.
