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Luise geht unbeirrbar ihren Weg. Sie ist jung, halbwegs erfolgreich selbständig und verliebt, das Leben könnte gut aussehen. Doch wenn sie allein ist, holen ihre Ängste sie ein. Durch ihre düsteren Träume geistert ein Zwerg, der mit einem Chor gehässiger Stimmen an ihren Nerven zerrt. Dann findet Luise ein Foto aus ihrer Kindheit, aus einer Zeit, an die sie sich nicht erinnern kann. Zögernd beginnt sie, ihre Vergangenheit zu erforschen.
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Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
Linda Rommel
Spiegelkinder
www.tredition.de
© 2016 Linda Rommel
Covergestaltung: Aiga Kornemann | aigiko.de
Foto: ulkas | fotolia.com
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-1739-6
Hardcover:
978-3-7345-1740-2
e-Book:
978-3-7345-1741-9
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Vielen lieben Dank an meine liebsten Leserinnen, Ilona und Jana.
Eure Unterstützung bedeutet mir sehr viel.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Ein Jahr später
KAPITEL 1
Die blonde Frau öffnete ruckartig ihre Augen, der abrupte Schlenker des Linienbusses, in dem sie saß, hatte sie aufgeweckt. Sie griff nach der kleinen Armlehne, die sich zwischen den Sitzen befand, bekam sie aber nicht zu fassen und als der Bus mit großem Getöse zur Seite fiel, schlug sie hart mit dem Kopf gegen die Scheibe. Bewusstlos sah sie aus wie ein schlafendes Kind. Sie blutete aus der Wunde an der Stirn, das Blut lief langsam, fast träge über ihr Gesicht und sickerte in den hellen Kragen ihrer Jacke. Luise, die neben ihr gesessen hatte, fand sich auf der Fensterscheibe wieder, halb zugedeckt von diesem fremden und blutenden Körper. Langsam versuchte sie, sich zu befreien, ihn zur Seite zu schieben. Nach ein paar Sekunden öffnete die blonde Frau ihre Augen. Luise beobachtete das Aufwachen, den winzigen Moment der Ruhe, bevor die Erkenntnis von Chaos und Schmerzen in hektische Bewegungen und den vergeblichen Versuch sich aufzurichten mündete.
„Es ist alles okay, der Bus ist verunglückt, aber es ist vorbei“, sagte Luise schnell, zu schnell, um beruhigend zu wirken. „Es wird nicht mehr lange dauern, gleich wird jemand hier sein.“
Mit Mühe konnte Luise Taschentücher aus ihrer Hosentasche hervorholen.
„Hier, drücken Sie das auf die Wunde.“ Luise gab ihr eins.
Luise beobachtete das Geschehen um sie herum. Es war Chaos, auf der Straße stand ein total zerstörtes Auto, ein Fahrrad lag daneben. Krankenwagen kamen, ein Hubschrauber versuchte zu landen. Überall liefen Sanitäter herum, die Decken verteilten. Polizeibeamte nahmen die Personalien auf.
Luise stand auf der Straße, sie ging an all diesen Leuten vorbei, als wäre sie unsichtbar. Und verschwand.
Ihre Schultern schmerzten, sie fühlten sich an wie zwei Eisenträger unter ihrem T-Shirt, als sie zu Hause ihre Jacke auszog. Luise schubste ihre Schuhe von den Füßen und ging durch den Flur ins Wohnzimmer. Der Raum war groß und hell und ziemlich leer, an der rechten Wand ein dunkelrotes Sofa, gegenüber ein Spiegel, zwei Meter hoch. Als sie sich vor dem Spiegel auf den Boden setzte, schüttelte sie ihre dunklen Haare aus dem Gesicht, sah in ihre Augen, als betrachtete sie ein fremdes Gesicht. Sie suchte nach Kratzern, blauen Flecken, suchte die Stimmung, das Gefühl, das ihre Augen und ihre Lippen ausdrückten und fand Erschöpfung, Schwere, einen Schrecken, der langsam nachließ.
Was für ein fürchterlicher Morgen! Sie sprach den Satz laut aus und sah zu, wie sich ihre Lippen bewegten. Ihr Gesicht war blass, ein Kontrast zu ihren dunklen Haaren, die sie offen trug und die ihr bis zu den Schultern reichten.
In ihren Gedanken sah sie immer wieder die blonde Frau vor sich, das Blut in ihrem Gesicht und die erschrockene Starre in ihren Augen, klammernd, Rettung suchend. Die Geräusche aus dem Bus waren wieder und wieder in ihrem Kopf, das Schreien der Leute, der Krach. Sich selbst sah sie wie einen Geist zwischen all dem, ohne Verbindung, ohne Kontakt. Was wäre passiert, wenn diese blonde Frau sich viel stärker verletzt hätte? Vor Luises Augen huschten Bilder von Blut und gebrochenen Knochen, menschlichen Körpern und Teilen aus Eisen und Stahl.
Sie legte sich auf den Teppich und starrte zur Decke. Ich hätte nichts tun können. Sie wäre verblutet, gestorben, verstümmelt. Hätte mich festgehalten, an mir gezerrt und geschrien, um Hilfe gerufen und ich hätte nichts tun können.
Nach einer Weile rollte sie sich zur Seite, fischte aus der Unordnung auf dem Fußboden eine Packung Kaugummis und steckte sich eins in den Mund. Sie stand auf, schaltete die Musik an und versuchte, die Bilder des Unfalls abzuschütteln, loszuwerden, doch das ging nicht. Immer wieder tauchten sie auf. Schließlich rief sie ihre Freundin Miriam an, es war immer noch Vormittag und Miriam wartete auf sie.
Die Worte flossen durch das Telefon, es fühlte sich an, als würde das Telefon ihr einfach alles abnehmen.
„Ich fühle mich grauenhaft, mir tut alles weh.“
„Hast du dich untersuchen lassen?“
Luise holte Luft. „Nicht wirklich.“
„Warum nicht?“
„Ich weiß es nicht, ich wollte da nur weg. Aber ich hab nichts, glaube ich.“
Miriam bot an, was man anbietet in solchen Momenten, aber Luise wollte nur ihre Ruhe. Deshalb legte sie sich auf ihr rotes Sofa, sie konnte durch die offene Terrassentür in ihren Garten sehen und über den fernen Geräuschen der Kinder im Park nebenan schlief sie ein.
Als sie auf dem Sofa aufwachte, war es früher Abend, die Sonne stand tief. Es war Ende August und ein schöner Spätsommer kündigte sich an. Die Terrassentür stand noch auf und die Stimmen der Familie, die über ihr wohnte, waren zu hören. Marie, das Mädchen von oben, suchte ihre Schildkröte. Luise konnte sie rufen hören. Ihre Schildkröte hieß Füchschen. Luise konnte sich nicht dagegen wehren, sich eine Schildkröte mit rotem Pelz vorzustellen. Oder einen rennenden Fuchs mit Panzer. Sie würde Marie fragen müssen, woher dieser Name kam. Marie war noch klein und das Füchschen verkam sprachlich zu Fützchen.
Maries Mutter rief nach Marie und nach der Schildkröte. Es wäre jetzt allerhöchste Zeit zum Schlafen.
So spät war es? dachte Luise. Sie hatte keine Uhr und überlegte, wo ihr Handy war. Ihr Mund fühlte sich trocken an, ihre Schultern waren aus Stein und sie glaubte nicht daran, sie anheben zu können. Mühsam stand sie auf und auf dem Weg zur Küche sah sie ihre Tasche, darin ihr Handy. Sie schaltete es an und fand eine SMS von ihrer Laufpartnerin Annette. Schade, dass du nicht kommst. Grüße.
Langsam ging Luise in die Küche, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ging dann weiter in ihr Schlafzimmer. Sie war enttäuscht darüber, das Training verpasst zu haben.
Letztes Jahr im Herbst hatte sie Annette beim Laufen im Wald kennengelernt, als diese oben am Kamm stand und von der Route abgekommen war, die sie sich überlegt hatte. Sie waren ein Stück zusammen gelaufen und hatten sich dann für die kommende Woche verabredet. Seit Monaten liefen sie nun schon einmal die Woche zusammen und Annette war es, die Luise dazu überredete, mit ihr für den Halbmarathon zu trainieren. Der Termin für den großen Lauf stand kurz bevor. Wenn Luise es nicht schaffte, morgen oder übermorgen zu laufen, wäre es zu spät für ein umfangreiches Training, dann würde sie am Tag des Laufes nicht genug Kraft haben.
Ihr Schlafzimmer war ein kleiner Raum, in der Ecke der beiden dunkelroten Wände stand ihr Bett. Die helle Decke, die ordentlich darauf ausgebreitet war, schob sie zur Seite. Luise zog ihre Jeans aus, legte sie auf den Korbsessel, der in der Ecke stand und legte sich auf ihr Bett.
Sie schaltete den Fernseher ein und sah in den Lokalnachrichten die Bilder des verunglückten Busses. Bilder von sich oder der Frau sah sie nicht. Gott sei Dank.
Miro saß auf einer Bank im Foyer des Krankenhauses und fühlte sich doppelt.
Die eine saß dort, links und rechts ein Kind, beide weinten. Jakob stand vor ihr, mühte sich mit dem Rollstuhl und den Blumen, die er ihr mitgebracht hatte.
Die andere schwebte durch den Raum und sah auf sie herab. Fremd, distanziert, weit weg. Wer bist du und was tust du da?
Es fiel Miro schwer, sich von den Kindern zu befreien, um in den Rollstuhl zu steigen und sich bis zum Auto schieben zu lassen. Ihr Kopf war verbunden, der Fuß auch. Schwindlig war ihr und schlecht, doch nach Aussage der Ärzte war der Fuß nicht gebrochen und die Wunde am Kopf eine kleine Platzwunde. Wesentlicher wäre der Schock. Sie solle ein paar Tage zu Hause bleiben und sich ausruhen.
„Erzählen Sie, was Ihnen passiert ist, das wird Ihnen helfen.“
Die Worte der Ärzte waren nur langsam und wie durch einen Schwamm in ihr Bewusstsein gedrungen.
Sie wollte etwas zu Jakob sagen, aber er war hinter ihr und dem Rollstuhl verschwunden und die Kinder stritten sich darum, wer den Blumenstrauß tragen dürfte.
Ich hätte sterben können, dachte sie. Ich wäre beinahe gestorben. Ich war heute Morgen völlig intakt und eine Stunde später wäre mein Körper beinahe ein Trümmerhaufen gewesen. Ohne Vorankündigung. Einfach so. Ich könnte tot sein. Tot. Die Kinder wären alleine, ich hätte sie alleine gelassen, unvorbereitet und plötzlich, planlos, ungeregelt. Ich habe gar kein Testament. Wer würde sich um sie kümmern?
Gedanken wie ein Hamsterrad, das sich im Kreis dreht.
Jakob half ihr ins Auto und brachte sie nach Hause. Er versuchte im Auto für Ruhe zu sorgen, doch das gelang nicht. Tom erklärte Siri, Mama habe nur knapp überlebt und Siri konnte nicht aufhören zu weinen. Miro hätte sie gern auf den Schoß genommen.
„Wie hast du davon erfahren, dass der Bus verunglückt ist?“, fragte sie plötzlich.
„Deine Mutter hat mich angerufen, sie hat es in den Nachrichten gehört und sofort gewusst, dass du in diesem Bus warst.“
Miro war auf dem Weg zu ihrer Mutter gewesen, um ihr zu helfen. Darum hatte sie gebeten, ihre Mutter, weil sie beim Radfahren gestürzt war und ihr Handgelenk nun in einer Gipsschiene trug. Vielleicht konnte sie ihre Mutter überreden, für ein paar Tage mit zu ihr zu kommen, dann wäre alles so viel einfacher.
Mit diesen Gedanken war sie am Morgen in den Bus gestiegen, sie könnten das Auto ihrer Mutter nehmen, nach ein paar Tagen wäre sie vielleicht wieder soweit, selbst zu fahren.
Miro sah aus dem Fenster, diese ganze Organisation, die ihr Leben bestimmte, war an den Rand ihres Bewusstseins gerückt. Stattdessen hatte sie absurde Bilder im Kopf, wie Gemälde von Dali. Ihr war, als würde sie sich auf einem sehr schmalen Weg vorwärts bewegen und auf beiden Seiten von ihr war nichts mehr, gar nichts, das Weltall vielleicht oder das Meer, nichts, mit dem sie leben konnte. Ist das der Weg zum Sterben? Was wiegt mein Leben? Nicht genug, um zu merken, dass es nicht mehr da ist.
Zu Hause humpelte sie ins Bad, verschloss die Tür und prüfte ihr Gesicht im Spiegel. Bin ich anders? Ich fühle mich anders. Sie hörte Siri vor der Tür weinen, schloss auf und holte sie herein. Sie schloss wieder zu und setzte sich mit Siri auf dem Schoß auf den Rand der Wanne.
„Stimmt es, dass du tot sein könntest?“, flüsterte das kleine Mädchen.
Miro drückte sie fest an sich und versuchte eine gute Antwort zu finden.
„Ich lebe. Ich habe mir wehgetan, aber ich lebe.“
Siri sagte nichts und Miro spürte, es war keine gute Antwort gewesen.
„Ich glaube nicht, dass ich tot sein könnte, Siri.
Es waren noch viele andere Leute im Bus und niemand ist gestorben. Alle haben nur ein paar Schrammen abbekommen.“
Siri beruhigte sich, sie stellte sich die anderen Leute vor und sah ihre Mutter als eine von diesen. Das schien zu helfen.
„Okay“, sagte sie. Und: „Wann kannst du wieder richtig gehen?“
„Ich weiß es nicht, aber ein bisschen dauern wird es noch. Es tut weh, wenn ich auftrete.“
Eine Weile schwiegen sie, saßen einfach nur da auf dem Rand der Badewanne. Das kleine Mädchen wurde schwer auf Miro Schoß, sie schien einzuschlafen und Miro blieb sitzen mit ihr, mit dem Gefühl, einen Ewigkeitsaugenblick zu erleben. Tränen stiegen wieder in ihre Augen, als sie dachte, ihre Tochter fast für immer im Stich gelassen zu haben. Etwas Düsteres breitete sich aus in ihr, kroch in die Winkel ihrer Wahrnehmung. Verloren zu sein, alleingelassen zu werden.
Es war mitten in der Nacht, die Leuchtziffern ihres Weckers zeigten 2:23 Uhr und warfen einen leichten roten Schein über das Schlafzimmer. Miro lag in ihrem Bett und starrte aus dem Fenster, im trüben Mondlicht sah sie die still stehenden Eichen. Das Fenster stand auf und die Vorhänge bewegten sich leicht. Sie hörte Jakobs Atem, er schlief. Obwohl es nicht sehr warm in ihrem Schlafzimmer war, hatte er seine Decke zur Seite geschoben, sie bedeckte nur noch sein rechtes Bein. Jakob lag auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht, zu ihrer Seite. Seine hellbraunen Haare waren sehr kurz geschnitten, an den Schläfen wurden sie grau und über der Stirn weniger. Die Lippen waren leicht geöffnet, seine geschlossenen Augen ruhig, er schlief tief und fest. Jakob sah gut aus, er war ein attraktiver Mann, Miro hatte das oft gedacht, wenn sie ihn an seinem Schreibtisch sitzen sah, wenn er im Garten mit den Kindern spielte. Aber so, wie er aussah, war er nicht. Nicht, dass er kein attraktives Wesen hatte, er war nur einfach nicht so freundlich, wie er aussah. In letzter Zeit waren seine Lippen schmaler geworden, was ihn härter, distanzierter wirken ließ. Vielleicht passten seine Lippen sich seinem Wesen an, denn er war ein distanzierter Mensch. Es war schon ziemlich lang her, seit sie zum letzten Mal dachte, sie habe einen attraktiven Mann.
Miro spürte ihr Leben wie ein Band aus Stoff, dass jemand abgeschnitten hatte. So, wie es war, würde es nicht mehr weitergehen, weil sich die Bedeutung verändert hatte. Es war egal, ob sie das schöne bunte Sommerkleid für Siri kaufte oder nicht. Es spielte keine Rolle angesichts dieses Schicksals, das ihr von einer Sekunde auf die andere einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Dann war es vorbei, das Leben, zu Ende. Mit oder ohne Sommerkleid. Und zurück blieben Trauer, Einsamkeit, viele offene Fragen und vor allem viele unerfüllte Wünsche. Diese Wünsche waren immer wie kleine Traumwolken um sie herum gewesen. Sie konnte sie nehmen und ansehen und wieder loslassen mit dem Gedanken, wenn die Zeit stimmt, erfülle ich euch. Es wäre zu spät, sie würden nicht mehr erfüllt und platzten wie Seifenblasen.
Das war mein Leben? Warten, dass die Zeit stimmt? Die Gedanken schnürten ihren Hals zu.
In den ersten drei Tagen, an denen Miro weder essen noch schlafen konnte, immer in der Angst, nicht mehr aufzuwachen, dachte sie immer wieder an die Frau mit den dunklen Haaren.
Sie sah ihr Gesicht, ihre Hand mit dem blutigen Taschentuch, die grünbunten Augen, die sie absuchten und feststellen wollten, dass alles gut war mit ihr.
Miro saß im Bad auf dem Rand der Wanne und wollte den Verband an ihrem Knöchel wechseln. Die Rolle fiel ihr aus der Hand kullerte davon.
Vielleicht sollte ich sie anrufen, dachte sie, fragen, wie es ihr geht, ob sie sich verletzt hat.
Mühsam fischte sie die Rolle unter dem Schrank hervor. Wie kann ich das anstellen? Während sie Salbe auf ihren noch immer geschwollenen Fußknöchel rieb und den Verband neu wickelte, überlegte sie, was sie tun könnte, um diese Frau wiederzufinden.
Hinter ihr im Flur hörte sie Siri, die ihren Puppenwagen gegen den Wandschrank schob. Scheiße, murmelte die Kleine. Dann stand sie im Bad.
„Marlene hat sich auch den Fuß gestoßen, kann ich was von der Salbe für sie haben?“, und streckte ihre Hand nach der Tube aus.
„Nein, das ist nichts für Puppen!“ Barsch zog Miro ihre Hand weg und legte die Tube zurück in den Schrank. „Mein Gott, kannst du mich denn nicht mal im Bad in Ruhe lassen? Du siehst doch, dass ich mich um meinen Knöchel kümmern muss!“
Siri drückte ihre Marlene an sich und machte auf dem Absatz kehrt.
Miro wollte allein sein, sie wollte jetzt genau ihre Ruhe haben und ihren eben geborenen Gedanken weiter führen.
Trotzdem humpelte sie zuerst in Siris Zimmer, drückte ihr kleines Mädchen an sich.
„Tut mir leid, ich wollte nicht so grob sein. Ich bin noch ein bisschen schlecht drauf, weil mein Fuß so weh tut.“
Sie humpelte in ihr Zimmer und schaltete den Rechner ein. Im Internet fand sie ein paar Zeitungsartikel über das Busunglück. Es gab auch Fotos, aber auf keinem davon war sie zu sehen.
Nachts konnte sie das Klicken der Leuchtziffern ihres Weckers hören. Sie wusste bis dahin nicht, dass das Umblättern der Minuten Geräusche verursacht.
Beim letzten Klicken war es 3:45 Uhr.
Miro stand auf, ging in ihr Arbeitszimmer und schaltete den Rechner ein. Es dauerte eine Weile, bis sie ihr Postfach geöffnet hatte. Leer. Natürlich, sie hatte vor vier Stunden das letzte Mal nachgesehen und wusste selbst nicht, wer ihr inzwischen hätte schreiben sollen.
Ihr Hals schmerzte beim Schlucken, was sich sonderbar anfühlte, weil es keine Halsschmerzen waren, sondern fast so, als hätte sie einen Stein verschluckt. Die Angst kam auf sie zugekrochen wie eine Schlange, zischelte immer näher heran und wickelte sich um sie herum. Und sie war nicht allein, sie hatte die Schuld gleich mitgebracht. Du bist nicht richtig. Du bist krank. Es fängt an, die Schmerzen, die Beschwerden, dann kommt die grelle Lampe deines Arztes, sein sorgenvolles Gesicht. Wie sag ich’s ihr?
Miro stand auf und holte sich ein Glas Wein aus der Küche. Aus dem Fenster sah sie die Straße vor dem Haus, die Laterne brannte, es fuhr kein Auto.
Der Wein half gegen die Angst. Leider, dachte sie, dann würde sie bald noch ein Problem haben.
Der Unfall im Bus hatte ihr Leben verschoben, es war aus der Spur geraten, nur ein bisschen, aber jetzt passten die Dinge einfach nicht mehr zusammen. Ihre Sicherheit war wie weggepustet.
Eigentlich passte das überhaupt nicht zu ihr, eigentlich war sie jemand, der sich in völliger Sicherheit befand und sich auch so fühlte. Sie hatte eine große Familie, die ständig, mal mehr, mal weniger nah, um sie herum war, sie hatte ihre Schwestern, ihre Kinder, ihre Arbeit.
Aber jetzt? Vielleicht lag es einfach an diesem verdammten Alltag, der sich immer mehr wie ein Szenario mit Gartenzwergen entwickelte, immer mehr, immer weiter, das Haus, das Auto, die viel zu teuren Sommerkleider für Siri. Wer brauchte all das?
Miro ging mit ihrem Wein in ihr Zimmer und suchte nach einer CD von Lou Reed.
Does anyone need a 60,000 dollars car? Nein. Ich schon gar nicht.
„Du siehst furchtbar aus.“ Jakob goss Kaffee in seine Tasse und sah zu ihr herüber.
„Ich fühle mich furchtbar.“
„Wieder schlecht geschlafen?“
Miro nickte.
„Lass dir doch ein paar Schlaftabletten verschreiben, das hilft bestimmt. Wenn du erst wieder richtig schläfst, geht es dir auch sonst besser.“
Sonst?
„Sonst?“
Er lächelte sein Klein-Jungen-Lächeln. „Ja, naja, deine Gedanken. Du weißt schon, die vielen Sorgen, die du dir machst.“
Miro nickte wieder.
Siri kam herein und rutschte auf ihren Stuhl. Sie sah Jakob fragend an.
„Geht’s Mama noch nicht gut?“
Miro stand auf und holte humpelnd die Cornflakes aus dem Schrank.
„Nein, Schatz, so richtig gut geht es mir noch nicht. Mein Fuß tut immer noch weh. Ich hab dir ja gesagt, es wird eine Weile dauern … mach dir keine Sorgen, wenn wir im Herbst ans Meer fahren, kann ich wieder mit dir Fußball spielen.“
Siri verzog keine Miene. Miro las daraus, Mama, ich verstehe schon.
Sie besprach mit Jakob den Tag, er würde die Kinder mitnehmen und in den Kindergarten bringen, sie würde sie nachmittags wieder abholen und Tom zum Fußball bringen. Jeder Tag in der Woche hatte ein eigenes, genau ausgeklügeltes Drehbuch mit unterschiedlichen Protagonisten. Du weißt doch, es ist Montag war synonym mit einem ganzen Paket von Organisation. Sie war ein Rädchen in dieser Organisation, sie musste funktionieren, auch wenn sie keine immer gleichen Montage mehr wollte, sie wollte nicht wissen, wie ein Donnerstag in acht Wochen aussehen würde.
Tom trödelte herum, bis Jakob ihn holte. Für ein Frühstück war es jetzt zu spät. Miro saß auf ihrem Stuhl und sah zu, wie sich die morgendliche Szene wiederholte und zuspitzte, bis sie aufstand, beruhigte, Schuhe anzog, Brotdosen in Taschen steckte und endlich die Haustür hinter ihnen schloss.
Jakob. Sie sah auf den Stuhl, an dem er eben noch gesessen hatte, seine Tasse stand dort, sowie der Teller mit den Krümeln. Er hatte Knäckebrot gegessen. Mit Salami. Die Übelkeit, die sie schon die ganze Zeit im hintersten Winkel ihres Magens gespürt hatte, kam etwas näher. Ich hasse Knäckebrot. Wie kann man das nur zum Frühstück essen? dachte sie.
Ich habe Angst.
Miro ging ins Bad. Unter der Dusche fühlte sie ihre Brust, erst die linke, dann die rechte. Ihr Herz begann zu klopfen und die Übelkeit meldete sich auch wieder. Was wäre, wenn du da jetzt einen Knoten findest? Wie sich der wohl anfühlt? Klein und hart, wie ein Kern? Miro ließ ihre Hände sinken und stand unter der warmen Dusche, sie weinte. Sie konnte sich nicht mehr anfassen, sie wartete, bis das Wasser die Seife weggespült hatte und trocknete sich ab. Mit nassen Haaren ging sie zurück in die Küche und sah auf die Uhr, es war kurz nach neun. Ein Morgen wie gestern. Müde. Trüb. Still.
Sie hatte viele Stunden darüber nachgedacht. Vielleicht würde die Frau wieder mit dem Bus fahren? Zwischen all den chaotischen Gedanken, die sie hatte, zwischen ihrer Angst zu sterben und der Unfähigkeit, sich zu berühren war immerhin ein klarer Gedanke: Sie musste diese Frau wieder sehen. Egal wie.
Miro fuhr in die Stadt, raus aus dieser trüben Küche. Im Auto hörte sie so laut Musik, dass die Leute auf der Straße sich zu ihr umdrehten. Sie setze ihre Sonnenbrille auf und fuhr mühsam und langsam die Straßen entlang. Nach zehn Minuten stellte sie den Wagen ab und setzte sich in ein Straßencafe. Sie bestellte einen Milchkaffee und sah den Leute zu, die an ihr vorbei gingen.
Es war ein schöner und warmer Tag, die Sonne schien in ihr Gesicht, nicht mehr so heiß, wie noch vor zwei Wochen, sondern sanft und warm. Und doch breitete sich der Tag leer und düster vor ihr aus, es war Freitag, das Wochenende begann. Ein langes zähes Wochenende, an dem sie keine Gelegenheit hatte, sich in ihrem Zimmer zu verkriechen, keine laute Musik hören, keine Kummernetz-Seiten im Internet besuchen konnte. Sondern Siri und Tom hatte, das Planschbecken und Erdbeeren mit Waffeln. Und Jakob.
Ihr Leben kam ihr wie eine dunkle Kröte vor, die im Keller hockt und den Weg nach draußen nicht fand. Sie sah sich wie von Glas umgeben, fest eingeschlossen und nicht mehr in der Lage, Kontakt aufzunehmen. Siri klopfte an dieses Glas, aber Miro konnte nur zurück klopfen, sie konnte nicht öffnen. Jakob entfernte sich immer weiter. Er klopfte nicht. Seine Welt funktionierte und wenn er nach Hause kam, prüfte er die Räume, den Garten. Er war erleichtert, dass die Kinder spielten und stritten, dass der Fußboden sauber war und der Kühlschrank voll. Miro war anders, aber er ließ sie in ihrer Gedankenwelt. Es war besser so, als sich damit beschäftigen zu müssen.
Ein paar Tage später brachte Miro ihren Sohn zum Fußball. Es war Donnerstag, wieder ein Tag mit immer gleichen Inhalten. Wenn es nicht der schöne MX wäre, würde sie sicherlich nie mehr Auto fahren wollen, aber trotzdem war jede Fahrt eine Qual, eine Überwindung und sie fuhr so langsam, dass es Tom peinlich war.
Sie setzte ihn am Sportplatz ab und als er bei seinem Trainer angekommen war, fuhr sie weiter und besah sich in ihrem Schneckentempo die neuen Cafés, die hier in letzter Zeit eröffnet hatten. Weiter vorn war ein neues Einkaufszentrum, stilvoll aus Glas und Stahl.
Und dann sah sie die Frau. Miro stoppte so abrupt, dass der Wagen hinter ihr hupte und sie schlitterte auf den Taxihalteplatz rechts neben ihr. Die Frau stand keine zehn Meter von ihr entfernt an einem Kiosk, neben ihr ein weißer Schäferhund. Miro machte den Motor aus und stieg aus. Sie stand neben ihrem Auto, starrte, schämte sich dafür, ihr Herz schlug wilde Kapriolen und sie war wieder völlig handlungsunfähig. Die Frau schrieb eine SMS, sie sah Miro nicht und blickte erst auf, als sie an der Theke angekommen war. Dort kaufte sie etwas und ging am Kiosk vorbei auf das Einkaufszentrum zu. Miro folgte ihr. Sah ihr zu, wie sie ihrem Hund bedeutete, sich neben den Fahrradständer zu legen. Sie folgte der Frau die Rolltreppe hinauf, in eine Drogerie hinein, die Rolltreppe hinunter und die Straße entlang. Dann kam die Haustür. Die dunkelhaarige Frau suchte in ihrem Rucksack nach dem Schlüssel. Miro ging an ihr vorbei und lehnte sich an die Hauswand. Luise sah auf und blieb an Miros Blick hängen. Ihre Augen wurden groß, sie ließ den Rucksack sinken.
„Hallo.“
„Hallo, ich bin die Frau aus dem Bus …“
„Ja, ich weiß.“
Luise erinnerte sich an das Blut im Gesicht der blonden Frau und fragte: „Wie geht’s dir?“
Während sie die Worte aussprach, überlegte sie, warum sie die fremde Frau duzte, das hatte sie im Bus nicht getan. Jetzt erschien es ihr aber ganz unangebracht, sie zu siezen.
Sie schluckte. „Es geht mir nicht so besonders gut, hat mich ziemlich geschockt, dieser Unfall.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Hast du … hast du vielleicht Zeit für einen Kaffee?“
„Jetzt?“
Miro nickte.
Luise lächelte, holte ihr Handy aus der Hosentasche und sah auf die Uhr.
„Ich muss nachher in den Laden, aber bis dahin hab ich noch ein bisschen Zeit. Hier die Straße runter ist ein Bäcker mit einem schönen Cafe, wäre das ok?“
Miro nickte. Danke.
Auf dem Weg dorthin wechselten sie kein Wort, das Schweigen hing zwischen ihnen wie ein Tuch. Luise überlegte, was Miro wohl von ihr wollte. Sie sah blass aus, klein, zart. War das im Bus auch schon so gewesen? Luise erinnerte sich hauptsächlich an den Blick, an diese weit aufgerissenen Augen und die Angst dahinter. Und an ihr eigenes Gefühl, Verantwortung und Festhalten, Loslassen und Sterben. Sie sah Miro von der Seite an, Miro spürte ihren Blick und erwiderte ihn, Luise sah für einen kurzen Moment in Miros Augen, sie waren blau – das wusste sie nicht mehr – und fragend.
Im Cafe steuerte Miro auf die hinterste Ecke zu.
„Man muss vorn bestellen, ich gehe mal hin. Was möchtest du?“
„Milchkaffee bitte.“
Miro sah ihr nach, überrascht darüber, wie vertraut sie ihr vorkam. Ihre Art zu gehen, sich zu bewegen, sie wirkte so unbeirrbar. Miro dagegen fühlte sich wie aufgelöst, ihr Herz schlug immer noch wild und laut, sie war atemlos und unsicher darüber, ob sie still sitzen könnte.
Der Hund hatte sich unter den Tisch gelegt, es schien ihm völlig egal zu sein, dass Miro hier war. Sie überlegte ihn anzufassen, aber irgendwie kam das nicht in Frage.
Luise kam mit dem Kaffee zurück, stellte die Tassen auf den Tisch.
„Brauchst du Zucker?“
Miro schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“
Luise setze sich.
„Ich bin übrigens Miro.“
Luise lächelte wieder und sagte ihren Namen. Das war ja ein Anfang.
„Ich … es fällt mir schwer, den Anfang zu finden. Ich würde dich gern fragen, ob dieser Unfall in deinem Leben etwas verändert hat.“
Luise überlegte kurz, sie sah in diese blauen Augen und hatte den Eindruck, dahinter verberge sich eine wahre Flut an Worten, Gedanken, Eindrücken und Ängsten, die Miro loswerden wollte.
„Nein, so richtig verändert hat sich nichts.“
Sie spielte mit dem Löffel, schüttelte den Kopf. Luise sah Miro an. „Aber bei dir schon, oder?“
Miro rutschte die Tasse aus der Hand, sie fing sie gerade noch auf bevor der Kaffee sich auf dem
Tisch verteilen konnte. Luise hatte den Ball schnell zurückgespielt.
Miro nickte.
„Ich wollte mit dir reden.“
„Ok, und worüber?“
„Es geht mir ziemlich schlecht seit dem Unfall, ich fühle mich bedroht, als hätte ich jede Sicherheit verloren. Ich habe zwei kleine Kinder und zum ersten Mal die Gedanken, was wird aus ihnen, wenn ich tot bin? Naja, solche Gedanken hatte ich vorher nicht, erst seit dem Unfall. Ist das bei dir auch so? Geht das wieder weg?“
Miro versuchte es herunterzuspielen, so zu tun, als wäre es bestimmt nur eine Begleiterscheinung des Schocks. Trotzdem sah sie Luise genau an, war verlegen über die vielen Worte, die einfach über ihre Lippen gekommen waren.
Luise sah ihr direkt in die Augen, die ganze Zeit schon, ihr Gesicht war ruhig, nicht bestürzt, nicht erschrocken, aufmerksam, aber immer noch unbeirrbar.
„Es geht dir ja ziemlich schlecht“, sagte sie und Miro nickte. „Nein, mir geht es nicht so. Überhaupt nicht.“ Luise nahm ihre Tasse. „Vielleicht kommt es darauf an, wo man grade so ist in seinem Leben, wie es einem sonst so geht, meine ich.“ Miro nickte.
„Was versuchst du denn, um da wieder rauszukommen?“
„Wenn ich ehrlich bin, nichts. Aber ich wollte dich gern wiedersehen, was für ein schöner Zufall, dass ich dich da eben gesehen habe!“
Luise zog die Augenbrauen hoch. „Warum wolltest du das? Um mich zu fragen, ob es mir auch so geht?“
Miro nickte.
Luise wechselte das Thema, fragte, was Miro sonst noch tat, wenn sie nicht gerade Angst vorm Sterben hat. Und Miro konnte darüber lachen, von ihren Kindern erzählen, von ihrer Arbeit.
„Ich muss noch eine Runde mit Joey drehen, bevor ich zur Arbeit gehe. Hast du Lust mitzukommen?“
Miro sah sie überrascht an. „Ja, gern.“
Luise stand auf und bezahlte, sie gingen hinaus die Straße entlang und bogen dann in den Park ab.
Luise und Miro umrundeten den See. Luise erzählte von ihrem Halbmarathon, den sie letzte Woche gelaufen war, von ihren Vorbereitungen darauf. Es hätte ganz gut geklappt, sagte sie und strich ihre dunklen Haare aus dem Gesicht. Sie erzählte, dass sie zum Training unterwegs gewesen war an diesem Morgen und wegen des Unfalls erst einige Tage später wieder laufen gehen konnte.
„Meine Güte, das würde ich niemals schaffen. Tolle Leistung!“, sagte Miro, schwieg dann eine Weile und dachte darüber nach, wie wenig Luise von dem Unfall beeinträchtigt war. Wie konnte es sein, dass sie selbst so aus der Spur geraten war und Luise setzte ihr Leben ganz normal fort, als wäre nichts passiert.
Luise schien ihre Gedanken geraten zu haben und sagte: „Ich weiß auch nicht, warum mir der Unfall im Bus so wenig ausgemacht hat. Ich meine, es hat mich schon zum Nachdenken gebracht, mir ist zum Beispiel klar geworden, wie wenig ich dir hätte helfen können, wenn du schlimmer verletzt gewesen wärst. Das war mir dann schon ziemlich unheimlich.“
Miro nickte, war seltsam berührt davon, dass Luise offensichtlich auch an sie gedacht hatte. Luise sah sie an, wartete auf eine Antwort von Miro, aber Miro schwieg und Luise sprach weiter:
„Vielleicht ist es genau das, was so schwer zu akzeptieren ist. Plötzlich hat man ganz klar vor Augen, dass es Grenzen gibt, begrenzte Möglichkeiten und ein begrenztes Leben. Vielleicht denken wir viel zu wenig darüber nach, verhalten uns, als könnten wir alles, leben, als würden wir nie sterben. Und dann kommt etwas, dass uns spüren lässt, wie unrecht wir damit haben.“
Sie hingen beide ihren Gedanken nach und als sie wieder an der kleinen Baumgruppe angekommen waren, ging Luise zu der Eisbude, die dort aufgebaut war und holte zwei kleine Eistüten. Sie setzten sich auf einen Baumstamm und aßen ihr Eis.
„Ich muss jetzt bald arbeiten“, sagte Luise.
Miro nickte. „Was arbeitest du eigentlich?“
Luise erzählte von der Schneiderei, die sie mit ihrer Freundin Miriam führte. „Wir machen Kleider, entwerfen und schneidern und so. Miriam fängt morgens an, ich komme erst nachmittags und arbeite dann bis spät abends, ich bin nicht so ein Morgenmensch.“ Sie erzählte ein wenig von ihrem Laden und Miro konnte sich auch daran erinnern, schon ein paar Mal ins Schaufenster gesehen zu haben.
Luise stand auf und rief ihren Hund. „Ich muss jetzt los, ich gehe dort entlang, und du?“ Sie zeigte auf den Weg, über den sie auch hineingekommen waren.
„Ja, ich muss auch dort lang, mein Auto steht da hinten.“
Miro folgte Luise den Weg entlang. Am Ausgang des Parks sagte Miro: „Dann tschüss.“
Luise nickte. „Ja, mach’s gut.“ Sie wollte sagen, lass von dir hören, etwas in der Art, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen.
Miro drehte ihren Schlüsselbund in der Hand hin und her. „Sehen wir uns wieder?“
Luise lächelte, nickte. „Ja, du weißt ja jetzt, wo du mich findest.“
Miro nickte, blieb an Luises Blick hängen und schickte ihr ein danke.
Als sie am Einkaufszentrum ankam und zu ihrem Wagen gehen wollte, war er nicht mehr da. Ein leerer Taxistand ohne MX. Und außerdem hatte sie vergessen, Jakob anzurufen. Wo war Tom? Das Adrenalin zuckte schlagartig durch ihren Körper.
KAPITEL 2
Jakob war stinksauer. Er hatte zwei hungrige und müde Kinder im Auto, als er bei Miro am Kiosk ankam, um mit ihr den MX abzuholen, der abgeschleppt worden war. Es würde ein Vermögen kosten, ihn auszulösen.
„Kannst du mir verraten, was eigentlich mit dir los ist? Wo warst du denn die ganze Zeit? Der Trainer von Tom hat mich im Büro angerufen und mich gefragt, warum ich denn den Jungen nicht abhole! Was glaubst du denn, was ich da gedacht habe? Noch so ein Unfall?“
Jakob zischte die Worte vor sich hin, konkurrierte mit der Bibi Blocksberg CD und war kaum zu verstehen. Miro sah seine Wut, seine Abneigung gegen ihre Schwäche.
„Wo warst du?“ Er sah sie an.
„Ich … ich war in der Stadt, ich hab‘s einfach vergessen. Es ging mir nicht gut.“
„Und warum zum Teufel rufst du nicht an?“
„Mein Handy war im Auto.“
Erstaunlich, wie leicht es war zu lügen. Er zog es nicht in Zweifel.
„Lass uns doch etwas essen gehen“, schlug sie vor.
„Nein, dazu hab ich überhaupt keine Lust.“ Jakob parkte auf dem Hof der Abschleppfirma und sah sie an.
„Was?“
„Nun geh schon deinen Wagen holen. Wir sehen uns zu Hause.“
Miro stieg aus und Jakob fuhr los. Siri winkte ihr zu, Tom war eingeschlafen.
Es war inzwischen dunkel und sie hatte Glück, noch jemanden zu erreichen, der ihr das Tor öffnete. Im Auto hörte sie den Jupiter von Mozart, sie hielt an der nächsten Ecke, machte den Motor aus und hörte zu. Die Stimmung aus dem Park breitete sich aus, sie sah Luise mit ihrem Hund spielen, sah sie lachen und Stöckchen werfen. Sah, wie sie in ihren schwarzen Klamotten mit den Eistüten zu ihr kam. Das Eis passte wunderbar durch ihren knotigen Hals, der gar nicht mehr knotig war und auch die Waffel durchließ.
Sie würde Jakob nichts von Luise erzählen. Luise gehörte ihr, sie würde sie nicht teilen.
2:21 Uhr. Klick. Miro wachte auf, sie hatte von Wasser geträumt und war auf einem Schiff gewesen. Sie wollte den Traum wieder aufnehmen, aber es ging nicht, sie war wach.
Jakob schlief, er atmete schwer und gleichmäßig. Als sie nach Hause gekommen war, lagen die Kinder bereits im Bett. Beide waren im Auto eingeschlafen und Jakob hatte sie ins Bett getragen, Schuhe und Hosen ausgezogen und sie weiterschlafen lassen. Jakob selbst war in seinem Zimmer unter dem Dach verschwunden und erst ins Bett gekommen, als Miro schon eingeschlafen war.
Sie stand auf und ging in ihr Zimmer, schloss leise die Tür und machte den Rechner an. Im Internet suchte sie nach Luises Laden. Sie fand ihn sofort. Es gab eine Kontaktseite mit einer Mailadresse.
Miro schrieb: „Liebe Luise, kann ich dich über diese Adresse erreichen? Grüße, Miro.“
Und keine zwei Minuten später hatte sie eine Antwort.
„Guten Morgen Miro, ja, das kannst du. Ist aber auch Miriams Adresse.“
Miro starrte auf den Bildschirm und hätte ihn am liebsten geküsst. Sie war nicht mehr alleine. Die schweren schwarzen Kaugumminächte waren zu Ende.
„Ok. Was machst du gerade?“
Luise lächelte ihren Bildschirm an. Sie war in den letzten Zügen mit einer kurzen braunen Leinenjacke, die eine Bekannte von ihr morgen anprobieren musste, da sie übermorgen darin heiraten wollte.
„Ich mache schöne Dinge für einen schönen Anlass. Was machst du um diese Zeit?“
„Ich kann nicht schlafen. Wie geht’s dir?“
Luise trank einen Schluck von ihrem Bier. Wo kam auf einmal diese Frau her? Diese Nächte im Laden waren ihr Heiligtum, sie war allein mit ihrer Musik, ihren Sachen, ihren Gedanken, da gab es keinen Platz für jemand anderen. Und doch wollte sie ihr antworten, warum auch immer.
„Gut. Dir auch?“ Luise zögerte kurz, bevor sie das abschickte. Wie viel wollte sie denn wissen von Miro?
Es dauerte eine Weile, Miro brauchte lange, um die richtigen Worte zu finden.
„Danke für den schönen Tag. Leider hat er nicht so gut aufgehört, mein Auto wurde abgeschleppt.“
„Oh! Hast du ihn wieder?“
„Ja, es war arschteuer und Jakob ist stinksauer.“
„Mist. Miro, ich bin jetzt gleich fertig und mach mich auf den Heimweg. Bis bald.“
„Bis dann.“
Luise dachte an Miro, als sie auf dem Weg nach Hause war. Sie kannte diese Familienwelt nicht, sie hatte niemals mit einem Mann zusammengelebt, hatte keine Verantwortung geteilt.
Luise trug ihr Fahrrad in den Hausflur und schloss es ab. Sie öffnete die Haustür und ging durch ihre dunkle Wohnung ins Bad, während Joey sich schon im Schlafzimmer auf ihr Kissen legte.
Als sie schließlich im Bett lag, sah sie sich noch die Nachrichten im Fernsehen an und schaltete den Fernseher dann aus. Die Straßenlaterne schimmerte durch die Vorhänge, ein Auto fuhr durch die Straße. Marie, das kleine Mädchen von oben, würde schon bald wieder aufwachen.
Wie lange habe ich gebraucht, um meinen Platz hier zu finden? fragte sich Luise.
Die Nacht hatte sich an sie gewöhnt. Sie stand immer dort in der Ecke und hatte eine Lanze in der Hand. Aber jetzt legte auch sie sich zum Schlafen hin.
Die Freiheit ist ein hohes Gut. Ein schöner Satz, nicht? Wenn man einmal akzeptiert hat, dass auch die andere Seite akzeptabel ist, die nämlich, die bedeutet, dass man frei ist, egal, wie es geht, frei davon, getröstet zu werden, Hände auf der Haut zu spüren, frei von Taschentuchüberbringerinnen, frei von schlafenden Gestalten auf dem Sofa, wenn Columbo eine Geschichte enträtselt, der man längst auf den Grund gekommen ist.
Miro schaltete den Wecker aus. Draußen dämmerte es und sie steckte noch so tief in ihrem Traum, sie konnte sich kaum davon lösen. Sie spürte den Personen nach, die in ihrem Traum in einer Küche standen und miteinander sprachen. Aber sie wurden durchscheinend und verschwanden. Miro setzte sich auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging halbblind ins Bad, die Hände ausgestreckt, damit sie nicht gegen den Türrahmen lief.
In der Küche machte sie Kaffee, stand mit der dampfenden Tasse am Fenster und sah nach draußen. Heute würde sie wieder zur Arbeit gehen, ihre Krankschreibung war vorbei.
Miro war in der Gärtnerei ihrer Eltern aufgewachsen, auf einem Dorf am Stadtrand, das wohl irgendwann von der Stadt verschluckt werden würde. Ihre Kindheit bestand aus Blumen, wahren Blütenmeeren im Mai, aus Feldern und Wiesen und ihren Schwestern.
Schwestern, die sie behüteten und in ihre Geheimnisse einweihten. Miro war nicht die Kleinste, aber irgendwie doch.
Die Zeit, in der die Frage, wo denn Miro eigentlich sei, einen kurzen Herzstillstand verursachte, war nie so ganz vorbei gegangen. Irene, ihre große Schwester, hatte damals das Essen gekocht, Spaghetti, Sara hatte die Teller auf den Tisch gestellt und schließlich hatten sie sich alle hingesetzt. Fast alle. Ihre Eltern, Tilda und Leevi, waren immer noch draußen in der Gärtnerei beschäftigt, es war eine große Lieferung gekommen, die am selben Abend noch umgepackt werden musste. Das war nicht so ungewöhnlich und Tilda wechselte sich darin ab, ihre beiden großen Töchter Irene oder Jonna zu bitten, Essen für die Kleinen zu kochen. Aber es war immer Irene, die sie bat, auf die Kleinen aufzupassen. Und Miro war eine von den Kleinen.
„Sara, hol doch bitte Miro.“ Sara, zu klein, um das Essen zu kochen, aber groß genug, um nicht mehr zu den Kleinen zu gehören, kaute ihre Spaghetti und murmelte unwillig. Rika, die Kleinste, stand auf, lief aus der Küche und die anderen hörten sie rufen, hörten sie die Treppe nach oben laufen und wieder herunter.
„Sie ist nicht da.“ Rika kam zurück in die Küche, ihr Gesicht jetzt schon mit Tomatensoße verschmiert. Irene war angestrengt, sie hatte keine Lust Miro zu suchen, sie hatte Hunger, sie wollte ihre Freundin Britta anrufen und das möglichst bald. Aus dem Fenster konnte sie ihre Eltern beim Abladen des LKW beobachten.
„Dann essen wir jetzt, selbst schuld, wenn sie zu spät kommt.“ Irene setzte sich, hörte ihren Geschwistern beim Schlürfen der Nudeln zu und beeilte sich mit dem Essen.
„Miro wollte Brombeeren sammeln“, nuschelte Rika an ihren Nudeln vorbei.
„Dann ist sie noch draußen?“, fragte Jonna, die Gabel auf halbem Weg zum Mund.
Rika zuckte mit den Achseln. „Weiß ich nicht.“
„Ich geh gleich nach ihr suchen.“ Irene aß ein paar Happen und stand auf. „Jonna, kannst du …“ Jonna rollte mit den Augen und nickte.
Draußen suchte Irene ihre Mutter.
„Mama, Miro ist nicht da. Rika meinte, sie wäre noch draußen, wollte wohl Brombeeren suchen.“
Tilda sah auf die Uhr, es war gleich halb acht. „Oh Mann, die erzählt bestimmt den Eichhörnchen die Geschichte von Rumpelstilzchen!“
Irene lachte, aber das Lachen erreichte ihre Augen nicht. Wer beruhigte hier wen? Tilda schleppte zwei Töpfe auf den kleinen Bollerwagen.
„Und jetzt?“, fragte Irene.
„Ja, ich überlege ja gerade! Kannst du sie suchen gehen und Jonna kümmert sich drin?“
„Jonna ist schon dabei.“ Irene sah Tilda unschlüssig an, sie wollte nicht in der Dämmerung allein durch die Felder gehen, sie wollte Britta anrufen, sie hatte immer noch Hunger.
„Ja und?“, fragte Tilda. „Nimm Jackson mit.“ Tilda zeigte mit dem Kopf auf ihren Hofhund, der auf der Ladefläche ihres Nissans lag und sie schwanzwedelnd beobachtete. „Aber nur mit Leine! Du weißt, die Rehe und es dämmert schon.“
Irene nahm die Leine vom Zaun, zog sich die abgewetzte Arbeitsjacke ihres Vaters an, die ebenfalls im Auto lag und machte sich mit einem fröhlichen Jackson auf den Weg. Als sie am südlichen Rand der Gärtnerei angekommen war, dort, wo die meterhohen Bambusgräser standen, ging die Sonne gerade unter. Irene rief nach Miro und ging quer über die Wiese zu den Hecken, an denen sie jedes Jahr die Brombeeren sammelten.
Jackson schnüffelte hier und da, dann sah er die Rehe am Waldrand und zog wie verrückt an der Leine. Schimpfend zerrte Irene ihn hinter sich her, aber auf dem gesamten Waldweg bis fast ins Dorf hinein war keine Spur von Miro. Schließlich drehte Irene um und lief zurück, sie umrundete die gesamte Gärtnerei, inzwischen in völliger Dunkelheit. Da war das Baumhaus, Irene kletterte zwei Stufen hoch und rief, aber es blieb still. Verdammter Mist, wo konnte sie denn nur sein? Auf dem Hof gab es einen kleinen Glockenturm, Leevi hatte ihn vor Jahren aufgestellt, weil er es leid war, seiner Familie auf dem Gelände hinterher laufen zu müssen. Wenn die Glocke geläutet wurde, hieß das: Nach Hause kommen, egal, was man tat, wo man war oder was man wollte. Irene wusste, Leevi hätte geläutet, wäre Miro inzwischen nach Hause gekommen. Vielleicht hätte ich läuten sollen, bevor ich losging! Irene fühlte sich schlecht, sie kannte hier jeden Grashalm, aber auf einmal kam ihr alles fremd und abweisend vor.
Miro würde im Sommer acht Jahre alt werden, sie war so klein und so verdammt verträumt, weiß der Himmel, auf welchem Baum sie steckte und sich nicht mehr herunter traute.
Irene rannte zurück zum Hof, ihre Eltern waren immer noch beschäftigt, alles war hell erleuchtet und im Haus brannten die Lichter im ersten Stock, den Kinderzimmern. Tilda erschrak, als sie Irene allein auf den Hof kommen sah. Irene schüttelte den Kopf.
„Leevi!“, rief sie. „Leevi, wir müssen etwas unternehmen!“
Jonna stand oben am Fenster. „Sara, hilf du bitte den beiden hier beim Zähneputzen, ich geh kurz runter, bin gleich wieder da.“ Sie drückte ihrer kleinen Schwester die Zahnpasta in die Hand und nahm drei Stufen gleichzeitig auf dem Weg nach unten.
„Hast du sie nicht gefunden?“, rief sie atemlos. Irene schüttelte den Kopf.
„Das kann doch nicht sein, wo ist sie denn nur?“
Tilda spürte die Panik und sah ihren Töchtern fest in die Augen. „Wann habt ihr sie denn zuletzt gesehen?“
Die Dinge überschlugen sich, Leevi ging ins Haus und rief die Nachbarn an. Miro war nicht dort, sie hatten sie nicht gesehen. Ebenso die Eltern von Miros Freundinnen, ihre Lehrerin, selbst in der Dorfkneipe rief er an. Nichts. Polizei?
Tilda lief auf dem Hof hin und her. Leevi stand in der Küche, den Hörer fest an das Ohr geklemmt und redete auf den Beamten ein, seine Tochter sei erst sieben, sie wäre noch nie weggelaufen, es müsse etwas passiert sein, sie müssen das Kind suchen.
Wütend knallte Leevi den Hörer auf die Gabel. Es klingelte erneut, es war Max, der Bauer auf dem angrenzenden Hof. Er bot Leevi seine Hilfe an, Miro zu suchen. Und dann ging es ganz schnell, Max und Leevi trommelten noch eine Handvoll Männer zusammen und binnen einer halben Stunde waren sie startklar, die Gegend und den kleinen Wald zu durchkämmen. Irene und Tilda gingen mit. Es hatte zu regnen begonnen, feine, aber stetige Tropfen fielen auf die restlichen Blumentöpfe, die noch im Hof standen. Jonna musste auf die Kleinen aufpassen und aus lauter Unruhe nahm sie Jackson mit nach oben in ihr Schlafzimmer, das sie mit Sara teilte.
Nach einer Weile regnete es so stark, dass Miro Angst hatte, den Regen einzuatmen, wenn sie tief Luft holte. Ihre Haare hingen in ihr Gesicht, sie versuchte, die klebrigen Strähnen nach hinten zu schütteln, aber es gelang ihr nicht. Der Regen wusch ihr die Tränen aus dem Gesicht, er durchdrang all ihre Sachen und sie spürte das kalte Wasser ihren Rücken hinab rinnen. Ihre Armen schmerzten, als würden sie brennen. Sie waren nach hinten gefesselt, um den Baum herum, an dem sie saß. Es war eine kleine Birke, warum auch immer sie das so genau wusste. Die Birke hatte nicht genügend Blätter, um sie vor dem Regen zu schützen. Das Wasser lief in ihre Ohren und ihr Mund war so fest verklebt, dass sie ihre Zunge nicht durch die Lippen schieben konnte.
Sie hatten ihr die Schuhe ausgezogen und mitgenommen. Damit du nicht weglaufen kannst, hatte der größere von beiden gesagt. „Damit wir deinem Vater beweisen können, dass wir dich haben!“ Er hielt ihre Schuhe hoch. Mal sehen, wie lange der dich hier schmoren lässt, bevor er das Geld für dich ausgibt.
Der andere Junge hatte ihn verwundert angesehen, sie hatten getuschelt und Miro sah, dass es dem Kleineren nicht recht war, was hier passierte. Sie zwinkerte ihm zu, er hatte es gesehen, das wusste sie, aber er drehte den Kopf weg und sah sie nicht mehr an.
Der Große hatte gehässig auf den Boden gespuckt, bevor sie gegangen waren. Da war es noch taghell, die Sonne hatte hoch am Himmel gestanden. Dann legte sich die Dämmerung düster auf den Wald, Wolken verhangen den Himmel und schütteten schließlich den Regen über ihr aus.
Miro hatte geschrien, sie hatte mit aller Macht versucht, sich von den beiden loszureißen und einmal war es ihr auch gelungen. Aber sie konnte nur ein paar Schritte laufen, dann packte der große von beiden sie am Arm und schlug ihr heftig ins Gesicht. Er spuckte sie an und drohte ihr, sie hier im Wald zu begraben, damit niemand sie je finden würde. Er drehte ihr den Arm nach hinten und zwang sie auf den Waldboden. Der andere Junge fesselte ihre Hände hinter dem Baum und sie spürte die raue Rinde des Baums an ihrer Haut. Der Große riss ein Stück Klebeband ab, er grinste widerlich, als er es ihr über den Mund klebte.
Dann waren sie weg. Miros Herz drohte zu platzen, ihr Atem kam nicht schnell genug durch ihre kleine Nase, die Panik brachte sie in einen wilden Kampf mit dem Baum, mit ihren Fesseln, mit dem Boden unter sich.
Sie sank in sich zusammen. Du musst dich beruhigen, dachte sie, langsam atmen. Langsam.
Eine Amsel hüpfte neben sie. Papa wird mich finden, er wird kommen und mich holen.
Als es dunkel war, zeigte der Wald eine Seite, die Miro nicht kannte. Es raschelte und knackte, das konnte nur ein Wolf sein. Es piepte, grunzte und knurrte. Als neben ihr ein Ast zerbrach, spürte sie die warme Flüssigkeit zwischen ihren Beinen, die sich schnell in Eiseskälte verwandelte. Warum kommst du nicht? Warum lässt du mich hier liegen?
Und dann hörte sie ihn. Sie hörte ihren Vater, er rief ihren Namen. Er war irgendwo hinter ihr, aber hinter ihr war auch dichtes Gebüsch, das hatte sie gesehen. Miro rang sich Geräusche ab, von denen sie nicht glaubte, dass es ihre eigenen waren. Sie wandte sich, zappelte am Baum hin und her und riss mit aller Macht ihre Hände auseinander.
Vergeblich, das Klebeband war so stramm, sie konnte ihre Finger kaum noch spüren.
Als seine Stimme leiser wurde, er sich langsam entfernte, ließ sie ihren Kopf nach hinten fallen und dämmerte in eine tiefe, kalte Dunkelheit.
Sie kamen zurück auf den Hof, als Irene die Glocke im Dorf schlagen hörte, Mitternacht.
„Das gibt es doch nicht, verdammt noch mal, wo kann sie denn sein?“ Leevi brüllte über den Hof, es dauerte keine zwei Sekunden, bis die Lichter im ersten Stock wieder angingen und schließlich alle fünf Kinder im Hof standen, die Kleinen barfuß. Matti weinte herzzerreißend, bis Irene ihn auf den Arm nahm.
Die Hilflosigkeit schwappte über sie und für einen Moment starrten sie sich an, unfähig, etwas zu sagen. Jackson sprang an Leevi hoch. „Jackson!“
„Er wollte vorhin in den Wald, ich dachte, es wäre wegen der Rehe, aber vielleicht …“
Irene sprach nicht zu Ende, Leevi leinte Jackson an und sie liefen Richtung Wald. Irene folgte ihnen, nass bis auf die Knochen, die Taschenlampe in der Hand.
Als Jackson seine warme Schnauze in ihr Gesicht stupste und ihre Nase ableckte, wurde sie wach. Der Hund sprang um sie herum und bellte wie verrückt, es knackte im Gebüsch und Miro sah den wackligen Schein der Taschenlampe. Sie hörte Irene rufen, sie hörte ihren Vater und dann blendete das Licht ihre Augen. Irene schrie auf und Leevi riss Miro den Klebstreifen vom Mund. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände, küsste sie und hatte Mühe, den Hund zur Seite zu schieben. Irene war hinter sie gekrochen und wickelte das Klebeband ab, es war nass und glitschig und Irene kam schlecht voran, aber Miro bemerkte das alles nicht. Sie spürte die Jacke ihres Vaters, endlich nahm er sie hoch und trug sie nach Hause.
Die Polizei hatte sie gefragt, ob sie die beiden Jungen kannte. Aber sie kannte sie nicht. Zu ihrem Erstaunen hatte sie das Gesicht des Großen vergessen, es war ein blinder Fleck in ihrem Kopf, weg, ausradiert. Nur seine Stimme hatte sie noch im Ohr, seine widerlich fiese Stimme, die würde sie nie mehr vergessen. Den Kleinen beschrieb sie, so gut sie konnte. Die Polizei fand am nächsten Tag ihre Schuhe im Gebüsch, nicht weit von der Stelle, an der Miro gelegen hatte.
Wie alt waren sie? Waren sie so alt wie Jonna? Nein, sie waren jünger, der Kleine war kaum älter als sie, er war vielleicht in Saras Alter. Und Sara war elf.
Miro lag nachts im Bett ihrer Eltern, Tilda verbrachte die Vormittage mit Miro auf dem Sofa, sie sahen sich Unsere kleine Farm im Fernsehen an und spielten Uno. Sie holten Rika und Matti aus dem Kindergarten und die Nachmittage verbrachte Miro in Irenes Bett, sie sah zu, wie Irene ihre Hausaufgaben machte, besah sich die Poster an den Wänden, hörte ihr beim Telefonieren zu und schlief ein, wenn Irene ihr Geschichten vorlas. Leevi schleppte ein Sofa in Irenes Zimmer, holte Miros Sachen und Irene hatte nun doch wieder eine Mitbewohnerin in ihrem Zimmer. Es dauerte ganze zwei Wochen, bis Miro alles erzählt hatte.
