11,99 €
"Trotz des Rauschens in meinen Ohren konnte ich sie hinter mir hören, und sie waren schneller als ich. Geborene Jäger." Im Moment ihres größten Verlusts bekommt Elies die Chance auf ein neues Leben. Sie schließt sich den Spiegelwanderern an, einer uralten magischen Gemeinschaft. In Nikola, Helena und James findet sie eine neue Familie. Bis sie in ein gefährliches Spiel verstrickt wird, das nicht nur das Leben der Menschen in Gefahr bringt, sondern auch die Existenz der Wanderer bedroht. Als eine unbekannte Macht nach und nach Spiegelwanderer verschwinden lässt und sich eine Rebellion anbahnt, muss sich Elies für eine Seite entscheiden. Eines steht für sie dabei fest: "Ich bin nicht hier, um den leichten Weg zu gehen, sondern den richtigen."
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 2
Widmung 3
Prolog 4
Kapitel 1 10
Kapitel 2 28
Kapitel 3 58
Kapitel 4 107
Kapitel 5 127
Kapitel 6 141
Kapitel 7 170
Kapitel 8 186
Kapitel 9 212
Epilog 240
Danksagung 249
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-534-6
ISBN e-book: 978-3-99131-535-3
Lektorat: Hannah Lackner
Umschlagfoto: Alexlibris, Liliia Kanunnikova, Mikeaubry, Mia Stendal | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Für meine Mama,
die mir gezeigt hat, dass es nie
einen Grund gibt, Angst zu haben;
die mir gezeigt hat,
was wahre Stärke bedeutet
und die immer an mich geglaubt hat.
Ich vermisse dich.
Prolog
Der Lärm meiner auf dem vereisten Waldboden aufstampfenden Füße hallte viel zu laut in meinen Ohren nach. Meine Lunge brannte und der stechende Schmerz in meiner Seite steigerte sich ins Unerträgliche. Dennoch wurde ich nicht langsamer, ja, versuchte meine Schritte sogar noch zu beschleunigen. Trotz des Rauschens in meinen Ohren konnte ich sie hinter mir hören, und sie waren schneller als ich. Geborene Jäger. Aber ich konnte nicht langsamer werden. Denn wenn sie mich einholten, würde ich sterben. Schlimmeres noch als der Tod selbst würde mich erwarten! Denn die Bestrafung für meine Tat wäre keine einfache Hinrichtung. Nein, der Tod war für Verbrecher, wie ich es war, viel zu human. Sie würden mich vernichten. Meine Seele zerstören. Dann gab es keinen Weg mehr nach vorne und keinen zurück. Ich wäre wie ausgelöscht. Unwiderruflich und auf ewig. Dabei hatte ich von Anfang an gewusst, welche Strafe mich erwarten würde. Gewusst, dass es wohl unweigerlich in meiner Exekution enden würde … und dennoch hatte ich es versuchen müssen! Für meine Freunde und Familie. Für mich selbst. Nicht nur für die Spiegelwanderer, sondern für alle Menschen. Denn ich war die Einzige, die die ganze Wahrheit kannte. Mir war es unbegreiflich, wie derartig mächtige Wesen, wie die Wanderer es waren, auf der einen Seite zu den klügsten und weisesten Geschöpfen dieser Erde zählten und dabei so blind für das Offensichtliche sein konnten! Ich hoffte, dass den anderen meine Rebellion die Augen öffnen würde. Dass sie verstehen würden, dass man sich nicht grundlos zum Widerstand entschloss. Dass sie einsehen würden, dass ich die Wahrheit gesagt hatte! Es war ein Schuss ins Blaue gewesen und doch hatte ich es versuchen müssen.
Ich wusste nicht, wie lange ich schon rannte. Die Zeit schien jegliche Bedeutung verloren zu haben. Aber ich spürte meine Verfolger weiterhin dicht hinter mir. Der Dunkelheit wegen konnte ich die Bäume vor mir nur schwer ausmachen, bereits einige Male wäre ich beinahe gegen einen von ihnen geprallt. Äste schlugen mir ins Gesicht, schnitten mir die Hände auf und verfingen sich in meinen langen Haaren. Ich konnte Blut auf meinen Lippen schmecken. Lange würde ich dieses Tempo nicht mehr durchhalten können. Irgendwann würde ich mitten im Lauf kollabieren oder von einem unnachgiebigen Baumstamm abgefangen werden. Welch leichte Beute ich doch war! Ich konnte kaum mehr atmen, sah dunkle Flecken vor meinen Augen tanzen und dennoch trieb mich die Angst voran. Wenn ich wüsste, dass mich nur der Tod erwarten würde, ich wäre längst zusammengebrochen und hätte mich von ihnen gefangen nehmen lassen. Aber etwas noch Schlimmeres wartete auf mich. Und diese Angst ließ mich auch den nächsten Hügel erklimmen. Panisch sah ich mich nach einem Versteck um, aber durch den Vollmond über mir konnte ich nur abgefrorene Sträucher erblicken. An einem warmen Sommertag hätte ich mich wohl in ihrem Gestrüpp und Gewirr aus Ästen und Blättern gut verstecken können, in ihrem jetzigen Zustand boten sie mir hingegen keinerlei Zuflucht. Furcht ergriff mich und ich konnte nicht mehr atmen. Schweiß rann in meine Augen, aber auf einmal konnte ich vor mir Lichter erkennen. Ein Jahrmarkt! Die bunt blinkende Willkommensreklame strahlte mir entgegen, aber ich war noch zu weit entfernt, um irgendeinen Lärm zu hören. Oder wurde er lediglich von dem Dröhnen in meinen Ohren übertönt? Dahinter nahm ich die Anfänge einer weit auslaufenden Stadt wahr. Verzweifelt versuchte ich, weiterzulaufen. Nur den Hang hinab und querfeldein durch den Wald. Hätte ich den Rummel erst einmal erreicht, wäre ich sicher. Die Jäger würden mich nicht vor den Augen hunderter Menschen überfallen und gegen meinen Willen fortzerren. Schließlich mussten sie, mehr als alles andere, unentdeckt bleiben. Könnte ich es durch den Wald schaffen, wäre es für mich ein Leichtes, einen Spiegel zum Springen zu finden. Spätestens wohl im Spiegelkabinett, welches es an einem Ort wie diesen auf jeden Fall geben musste. Dann würden sie mich nicht weiterverfolgen können. Dann wäre ich in Sicherheit.
Ich war bereits den halben Hang hinabgelaufen, da löste sich ein Stein unter meinem Schuh und ich stürzte in die Tiefe. Ich spürte, wie Zweige unter mir brachen und die scharfen Kanten der Felsen schmerzhaft über meine Haut schnitten. Ich wollte schreien, aber der Sturz presste mir jegliche Luft aus den Lungen. Verzweifelt versuchte ich, mich mit meinen Händen abzubremsen, doch es war aussichtslos! Schließlich verfing ich mich in einem abgestorbenen Dornengestrüpp, das mich vor einem Baum abfing und mir so das Leben rettete. Kurz wurde mir schwarz vor Augen und ich konnte meinen linken Arm nicht mehr spüren. Dennoch zwang ich mich aufzustehen. Meine Beine schmerzten bei jedem Schritt und ich musste all meine Willenskraft aufwenden, um nicht umzuknicken. Ich konnte nicht aufgeben, nicht jetzt. Ich musste nur mehr ein klein wenig länger durchhalten. Ich würde es schaffen. Ich musste es schaffen. So schnell ich nur konnte, lief ich durch den Wald. Durch das spärliche Mondlicht schaffte ich es immer wieder, wie durch ein Wunder, den Bäumen vor mir auszuweichen. Das Dröhnen in meinen Ohren wurde immer lauter. Mein Kopf schien platzen zu wollen und meine Lunge schmerzte beim Atmen. Ich strauchelte, konnte mich aber abfangen und lief weiter. Meine Verfolger konnte ich nach wie vor in meiner unmittelbaren Nähe spüren. Verzweifelt versuchte ich die Lichter des Rummelplatzes zwischen den Ästen der Bäume auszumachen. Ich lief in die richtige Richtung, aber wie weit war es noch bis zu meiner sicheren Zufluchtsstätte? Wie gerne hätte ich einfach aufgegeben. Mich zu Boden sinken lassen, zusammengerollt und schlafen gelegt.
Endlich erspähte ich den bunten Lichtschimmer wieder. Er war ganz nahe, ich hatte es fast geschafft!
„Elies!“, schrie jemand hinter mir. Ich erkannte die Stimme auf Anhieb. Dean. Mein Mentor, der nie an mich geglaubt hatte, es immer für einen Fehler gehalten hatte, dass die Spiegelwanderer mich zu einer der ihren gemacht hatten. Er hielt mich für zu schwach, zu leicht ablenkbar und zu nachgiebig. Was für eine Genugtuung wäre es für ihn, wenn genau er es wäre, der mich dem Ältestenrat ausliefern könnte. Aber was für eine Genugtuung wäre es für mich, wenn ich es tatsächlich bewerkstelligen würde, ihm zu entkommen! Dieser Gedanke gab mir neue Kraft und ich schaffte es tatsächlich, noch schneller zu laufen. Ich war nicht schwach und das würde Dean heute auch erkennen, wenn ich ihm erst einmal entwischt war.
Die Lichter wurden immer heller und langsam drang sogar der Lärm des Rummelplatzes bis zu mir durch. Die kalte Luft war erfüllt von dem Lachen kleiner Kinder, dem Kreischen aus der Achterbahn, der Zufriedenheit alter Leute und dem schüchternen Lächeln Frischverliebter. Wie durch ein Wunder hatte ich den Waldrand erreicht. Nur mehr wenige Meter auf freiem Feld trennten mich von dem bunten Gewusel, das mir Sicherheit bieten würde. Ich spürte die Jäger knapp hinter mir. Deans Zorn schlug mir in Wellen nach, sodass ich kurz strauchelte. Ohne langsamer zu werden, rannte ich an der Kassa vorbei und sprang über die Absperrung, an der die Tickets kontrolliert wurden, hinweg. Das wütende Geschrei des Ticketkontrolleurs nahm ich nur am Rande wahr und tauchte augenblicklich in der Menschenmenge unter. Natürlich fiel ich sofort auf. Mein Gesicht und meine Hände waren blutig geschürft. Waren alle Besucher an einem derart kalten Tag mit dicken Jacken oder zumindest Pullovern und warmen Stiefeln ausgestattet, hatte ich lediglich eine dünne Weste über meiner Bluse an, die meine Narben verdecken sollte. Ich war verdreckt, kleine Zweige hingen in meinen verfilzten Haaren und ich musste entsetzlich nach Schweiß und nasser Erde stinken. Viele wichen mir angewidert aus, andere stieß ich achtlos zur Seite. Ich sah mich panisch nach einem Spiegel um. Einer gut reflektierenden Fläche. Irgendetwas, das mir einen Sprung ermöglichen würde. Jemand stieß mit Zuckerwatte gegen mich, ein alter Mann fluchte und eine junge Mutter zog ängstlich ihr Kind aus dem Weg. Ich lief weiter. Drückte mich durch die Masse an Menschen. Die Jäger verfolgten mich weiterhin. Sie hatten sich jetzt aufgeteilt, um so einen größeren Bereich abzudecken. Ich drehte mich im Kreis, suchte nach einem Schlupfloch.Ich konnte doch nicht so weit gekommen sein, nur um jetzt ergriffen zu werden!Endlich erblickte ich das, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte:Macy’s miracle mirrors. Ein Spiegelkabinett. Die Ticketverkäuferin schrie empört in ihrem kleinen Ticketkämmerchen auf und kreischte nach dem Sicherheitsdienst, als ich einfach hineinlief. Ich stieß die Leute, die mir den Weg durch den engen Korridor versperrten, achtlos zur Seite. Nur aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie schmerzhaft zu Boden gingen. Ich folgte dem Gang, lief um eine Ecke. Dann um eine weitere. Endlich kamen die ersten Spiegel in Sicht. Ich war gerettet! Durch das Wissen meinem Ziel so nahe zu sein, setzte ich zu einem finalen Sprint an. Ich hörte einige Besucher ängstlich aufschreien, aber ich nahm von ihnen nicht weiter Notiz. Ich lief direkt auf einen großen Spiegel zu und zögerte nicht, als ich mich selbst in der Spiegelung erblickte. Wurde nicht langsamer, indessen ich meinem Spiegelbild immer näherkam. Ich stieß mich vom Boden ab und schloss die Augen, dachte an mein Ziel und sprang durch den Spiegel.
Auf der anderen Seite rollte ich mich gekonnt vom Boden ab und blieb fürs Erste sitzen. Plötzlich überkam mich eine schreckliche Müdigkeit. Ich ließ mich nach hinten gleiten und blieb erschöpft liegen. Ich war zu dem Ort gesprungen, an dem alles begonnen hatte. Der Boden unter mir und die Wände um mich herum waren schwarz verkohlt. Das Dach war geziert von vereinzelten Löchern. Manche nur faustgroß, andere so riesig, dass ein ganzes Klavier durchgepasst hätte. Der Vollmond schimmerte mir durch eines der Löcher freundlich entgegen. Wie einen alten Freund schien er mich zu begrüßen, als wäre er glücklich darüber, dass ich entkommen war. Stöhnend setzte ich mich auf. Es war zu kalt, um in der Ruine des abgebrannten Hauses, das einst mein Zuhause gewesen war, zu übernachten. Ruß hing an mir und meiner zerrissenen Kleidung. Mir war schwindelig und mein Kopf schmerzte, doch langsam konnte ich wieder frei atmen. Keuchend zog ich mich an dem Rahmen des Spiegels hoch. Er hatte als einziger den Brand unbeschadet überstanden. Nichts aus meiner Vergangenheit oder einstigen Heimat war mir sonst geblieben. Alles war vernichtet worden. Doch wenn ich an Zuhause dachte, dachte ich stets an diesen Spiegel. Kurz betrachtete ich mich in ihm. Ich sah schrecklich aus, angewidert senkte ich meinen Blick. Wie ich es gelernt hatte, schloss ich die Augen, legte meine Hand auf die Spiegelfläche und ließ mich von ihm leiten. Ich sah einen großen Ballsaal, dessen Decke eine einzige riesige Spiegelfläche war, voller tanzender Gäste; einen Ballettsaal, dessen eine Längsseite auch einen einzigen Spiegel bildete und das Innere eines Kleidungsgeschäftes. Das war alles nicht das, wonach ich suchte. Hotelzimmer.Nein, zu öffentlich.Da! Ein leeres Haus! Die Familie, die es bewohnte, musste auf Urlaub sein. Alle Fensterläden waren geschlossen, aber ein kleiner Berg voller Post, größtenteils nur Werbereklame, häufte sich auf dem Esstisch der geräumigen Küche und zeigte, dass doch hin und wieder jemand vorbeikommen musste, um nach dem Rechten zu sehen. Ich öffnete meine Augen und blickte direkt in eines der Schlafzimmer. Ich nahm meine Hand von dem Spiegel, sie hinterließ einen blutigen Abdruck auf der Oberfläche. Ohne zu zögern, schritt ich durch.
Ich trat in das Schlafzimmer, dessen Reflexion ich zuvor bereits gesehen hatte. Hinter mir war ein riesiger Schrank mit Spiegeln angebracht. Hier konnte ich fürs Erste untertauchen; neue Kraft sammeln und meine Wunden versorgen. Ich musste die Ruhe genießen, denn schon bald würde die Verfolgung weitergehen. Die anderen Spiegelwanderer würden ihre Jagd auf mich niemals aufgeben.
Kapitel 1
Elies
Alles begann mit dem schrecklichsten Tag ihres Lebens. Es war weit nach Mitternacht, als die Feuerwehr und die Rettungswagen mit kreischenden Sirenen vor ihrem Haus hielten. Das Quietschen der abbremsenden Reifen erfüllte die kalte Nachtluft. Elies’zerschundener Körper lag auf der Auffahrt, die Druckwelle des explodierenden Fensters hatte sie einige Meter nach hinten geschleudert. Die Sanitäter fanden sie mehr tot als lebendig. Elies konnte ihre Augen nicht öffnen, egal, wie sehr sie sich anstrengte. Aber sie nahm die Stimmen und Geräusche um sich herum wahr. Sie hörte die Menschen, spürte jedoch nichts. Alles schien wie in Watte gepackt.
Fühlt sich so Sterben an?
Eisiger Wind blies ihr ins Gesicht, gleichzeitig war ihr entsetzlich heiß wegen des brennenden Gebäudes in ihrer unmittelbaren Nähe. Übelkeit überkam sie, aber in diesem Moment war sich Elies sicher, dass heute nicht der Tag war, an dem sie sterben würde. Zu viel Kraft war in ihrem Körper verblieben, der sie krampfhaft versuchte, am Leben zu halten. Sie wurde auf eine Trage gehoben und mit einem Rettungswagen in das nächste Krankenhaus gebracht. Die Sirenen hallten viel zu laut in ihren Ohren nach. Ihre Augen konnte sie noch immer nicht öffnen, aber sie nahm das helle Licht um sie herum wahr. Die Sanitäter sprachen zu ihr, aber Elies konnte die Worte nicht verstehen. Etwas Spitzes fraß sich in ihren Arm. Langsam wurde alles dunkel. Kurz keimte Panik in ihr auf, aber schon bald spürte sie nichts mehr.
Als Elies wieder zu sich kam, konnte sie sich an nichts erinnern. Ihr gesamter Körper schmerzte, die Kopfschmerzen waren jedoch am schlimmsten. Sie musste einige Male blinzeln und nur langsam wurde ihre Sicht wieder deutlich. Ein weißer Raum. Sehr steril gehalten. Jemand hustete, sie war hier nicht alleine. Erst nach einigen Minuten konnte sie wieder klar denken und erkannte, dass sie in einem Krankenhauszimmer lag, zusammen mit fünf weiteren Patienten. Insgesamt waren es sechs Betten. Ob alle belegt waren, konnte sie nicht sagen.
Elies versuchte sich zu bewegen, aber ihr Körper wollte einfach nicht gehorchen. Nur mühsam schaffte sie es, den Kopf zur Seite zu drehen. Auf dem kleinen Nachttischchen neben ihr stand eine Schnabeltasse mit Flüssigkeit. Als Elies versuchte danach zu greifen, überkam sie ein Schwindelanfall und sie musste für einige Momente ihre Augen schließen. Als sie sie wieder öffnete, erkannte sie einen Krankenpfleger, der mit gelangweilter Miene ihre Vitalfunktionen inspizierte. Er roch nach Desinfektionsmittel und Zigarettenrauch. Übelkeit breitete sich in Elies aus und die Bilder vor ihren Augen verschwammen langsam, bis sie in einen traumlosen Schlaf glitt.
Als Elies das nächste Mal zu sich kam, war es tiefe Nacht. Dicke Regentropfen klopften gegen die großen Fenster des Krankenhauses. Das Zimmer war von leisem Schnarchen erfüllt. Hin und wieder hustete jemand. Aber Elies fühlte sich besser. Ihr gesamter Körper schmerzte immer noch, besonders ihr Kopf, dessen unnachgiebiges Pochen sie beinahe um den Verstand brachte. Aber immerhin konnte sie sich endlich aufsetzen. Sofort griff sie nach der Schnabeltasse und trank diese in einem Zug aus. Der ungesüßte Früchtetee schmeckte bitter auf ihrer Zunge und trotzdem hätte sie gerne noch mehr davon gehabt. Auf dem Tischchen neben ihr standen zwei kleine Blumensträuße in Plastikvasen und ein kleiner brauner Teddy, der ein Herz mit der AufschriftGet well soonin den Armen hielt.
Das war die Umgebung, in der Elies die nächsten zwei Wochen verbringen sollte. Hin und wieder besuchten sie Arbeitskollegen, was den ganzen Aufenthalt einigermaßen erträglich machte. Natürlich kam auch Elies’ Mutter vorbei, die wie immer ihr kleines Tablet bei sich trug. Da Elies’ gesamter Besitz im Feuer vernichtet worden war, wollte sie sofort online nach neuen Kleidungsstücken, Schuhen und was ihre Tochter sonst noch brauchen könnte, suchen. Ebenso regelte sie alles mit der Versicherung. Elies war unsagbar dankbar dafür, sie selbst hätte nicht einmal gewusst, wo sie anfangen sollte.
Jeden Tag kam der gleiche Arzt zu ihr; erkundigte sich nach ihrem Zustand und erzählte ihr für fünf Minuten von Gott und der Welt. Wenn er lachte, bewegte sich sein dicker Bauch so schnell auf und ab, dass es aussah, als würden die Knöpfe des weißen Kittels, den er trug, jeden Moment aufplatzen. Immer, wenn er ihre Wunden betrachtete, versicherte ihr Doktor Dickbauch (sie hatte sich erst gar nicht die Mühe gemacht, sich seinen Namen zu merken), was für ein Glück sie gehabt hatte, überhaupt noch am Leben zu sein. Sie hatte an beiden Unterarmen, dem Bauch und den Beinen starke Verbrennungen. Der Arzt mutmaßte, dass sie ihre Arme wohl zum Schutz emporgerissen haben musste, als es zur Explosion gekommen war. Die Narben würden nie ganz weggehen.
Elies hörte dem Arzt zu, wenn er mit ihr sprach, ließ sich von den Erzählungen ihrer Arbeitskollegen berieseln, wenn sie sie besuchten und auch denen ihrer Eltern, gab aber immer nur einsilbige Antworten. Zu mehr sah sie sich nicht imstande. Tagsüber starrte sie die weiße Decke über sich an. Für andere mochte es vielleicht so aussehen, als würde sie angestrengt nachdenken, doch Elies blickte lediglich dem Weiß entgegen. Manchmal stellte sie sich schlafend, wenn Besuch kam, nur um in Ruhe gelassen zu werden. Sie aß wenig, meist nur den Schokoladenpudding, den es immer als Dessert zum Abendessen gab. Nachts konnte sie nicht schlafen, starrte in die Dunkelheit hinein und lauschte dem Schnarchen, Seufzen und Husten der anderen Patienten. Als sie zum ersten Mal in dem sterilen Zimmer aufgewacht war, hatte sie sich an nichts erinnern können und hatte der Krankenschwester nur lose zugehört, als diese von einem Brand gesprochen hatte. Elies hatte es nicht verarbeiten können, hatte es nicht verstanden. Zu Beginn hatte sie sich gefragt, wo Matt war. Doch jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, überkam sie ein fürchterlicher Schmerz, der sie nicht mehr atmen ließ. Es war kein Schmerz, der von ihren Verletzungen herrührte. Diese Qualen waren tief in ihrer Brust verankert, an ihr Herz gekettet. Als Elies in diesem Moment an Matt dachte, war es, als würde etwas tief in ihr zerspringen. Als wäre ihr Herz zerbrochen. Für einen Moment war sie orientierungslos und Panik keimte in ihr auf. Dann fiel ihr alles wieder haargenau ein. Sie wusste, was geschehen war und dieses Wissen nahm ihr den Atem.
Sie sprach nicht über das, was passiert war. Mit niemandem. Einmal hatten ihre Eltern gefragt, ob sie sich an irgendetwas erinnern konnte, doch ein Blick von Elies hatte sie verstummen lassen. Sie wusste, dass sie demnächst von der Polizei Besuch bekommen würde. Dann müsste sie ihnen erzählen, was passiert war. Dann gäbe es keinen Weg daran vorbei. Immerhin war ein Mensch gestorben. Nicht irgendein namenloser Mensch, sondern jemand, den Elies gekannt hatte. Der Tote war Matt. Ihr Matt. Aber war er überhaupt nochihrMatt? Nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war? Was an jenem Abend geschehen war? Spielte es überhaupt noch eine Rolle? Er war tot und es gab nichts, was Elies daran ändern konnte. Tot und vermutlich schon längst begraben.
Nur nachts, wenn alle anderen Patienten in ihrem Zimmer schliefen und Elies sicher war, dass sie noch als Einzige wach war, erlaubte sie sich, an ihn zu denken. Natürlich hatte sie um ihn geweint, vermisste ihn schrecklich; und doch gab es einen Funken in ihr, der ihr sagte, dass Matt genau das bekommen hatte, was er verdient hatte. Als ihr zum ersten Mal dieser Gedanke gekommen war, hatte sie sich schrecklich schuldig gefühlt. Sie hatte die Fäuste gegen ihre Augen gedrückt und hätte am liebsten laut aufgeschrien. Sogar im Tod schaffte es Matt noch, ihr wehzutun. Sie versuchte, so selten wie nur möglich an ihn zu denken. Elies schlief wenig, sprach fast nichts mehr und schaffte es nicht einmal mehr den Leuten, die sie besuchten, in die Augen zu blicken. Sie überließ sich ganz dem Schmerz. Dem süßen und zugleich bitteren Schmerz, der nun den Mittelpunkt ihres Lebens bildete. Und so ging es über Tage hinweg. Bis die Polizei kam.
Sie kamen zu zweit. Eine ältere Polizistin, die Elies Fragen stellte und ein junger Polizist, vielleicht etwas jünger als Elies selbst, der alles mitschrieb. Die Polizistin stellte sich und ihren Kollegen vor, aber kaum hatten die Namen ihren Mund verlassen, hatte Elies sie schon wieder vergessen. Drei der anderen Betten in dem Krankenzimmer waren zurzeit verwaist, nur die beiden übrigen waren belegt. Eines von einer Frau, die nicht älter als vierzig sein konnte und das zweite von einer kleinen, weißhaarigen Dame, die schon auf die Neunzig zugehen musste. Sie sah immer wieder neugierig zu ihnen hinüber und versuchte angestrengt, zuzuhören. Doch Elies war zu erschöpft, um sich über das alte Klatschweib zu ärgern. Inzwischen war ihr alles gleichgültig geworden. Nichts schien mehr eine Rolle zu spielen. Die Polizistin erzählte Elies, dass in der Zwischenzeit der Mordverdacht gegen sie fallen gelassen worden war. Die Obduktion hatte eindeutig bewiesen, dass Matt in den Flammen gestorben war. Außerdem hatten die polizeilichen Untersuchungen ergeben, dass das Feuer im Wohnzimmer, im hinteren Teil des Erdgeschosses, ausgebrochen war. Man vermutete, dass es Elies bis zur Haustür und so ins Freie geschafft hatte. Matt hingegen war von den Flammen in den ersten Stock getrieben worden, wo er schließlich gestorben war. Nach den Zeugenaussagen der Nachbarn hatte das gesamte Haus in nur wenigen Minuten zur Gänze in Flammen gestanden. Alles, was Elies zu tun hatte, war es, diese Annahmen zu bestätigen. Und das tat sie. Sie erzählte, dass sie und Matt den Kamin im Wohnzimmer angeheizt hatten. In einem Moment der Unachtsamkeit hatte der Teppich davor Feuer gefangen. Die Flammen hatten sich in einem rasanten Tempo ausgebreitet. Die Hitze war unerträglich gewesen und der Rauch hatte ihre Augen tränen lassen. Wie durch ein Wunder hatte es Elies zur Haustür und damit ins Freie geschafft. Die Druckwelle des berstenden Fensters hatte sie erwischt und mit sich gerissen; und das war das Letzte, an das sich Elies erinnern konnte. Jedenfalls war es das, was sie der Polizistin erzählte. Es war keine Lüge, aber auch nicht die gesamte Wahrheit. Elies hatte der Polizistin nicht erzählt, was zuvor zwischen ihr und Matt vorgefallen war. Wie sie sich innerhalb der letzten Wochen und sogar Monate nur noch gestritten hatten. Ständig war er eifersüchtig gewesen! Auf jeden männlichen Arbeitskollegen. Er hatte sie nicht einmal auf Firmenfeste gehen lassen wollen und war sogar schrecklich eifersüchtig auf Elies’ besten Freund gewesen, den sie schon seit dem Kindergarten kannte und der seit acht Jahren glücklich verheiratet war und drei Kinder hatte. Sie hatte wegen Matt sogar den Kontakt zu ihm abgebrochen. Immer wieder hatte Matt versucht sie einzuengen, er hatte in seiner Paranoia sogar ihr Handy kontrolliert. All dies hatte Elies noch irgendwie weggesteckt. Sie hatte sich eingeredet, dass er sich nur der Liebe wegen so verhielt. An jenem Abend, der ihr letzter gemeinsamer werden sollte, hatte sie schließlich die bittere Wahrheit herausgefunden. Sie hatte es nicht beabsichtigt gehabt, hatte es nie darauf angelegt, ihn so zu kontrollieren, wie er es mit ihr tat. Sie hatte lediglich ein Rezept googeln wollen. Weiter nichts. Matt hatte sich gerade in dem Badezimmer, welches direkt an ihr Schlafzimmer im ersten Stock anschloss, geduscht, während seine Kleidung, inklusive seines Telefons, achtlos auf ihrem Bett gelegen hatte. Elies hatte ihr eigenes Handy in ihrer Tasche in der Küche vergessen und deswegen, ohne weiter darüber nachzudenken, nach Matts gegriffen. Es war nur eine kleine Nachricht gewesen, die den Stein ins Rollen gebracht und damit ihr Leben zerstört hatte.Oder war es bereits davor vorbei gewesen?Denn Matt betrog sie. Und wie der Nachrichtenverlauf vermuten ließ, bereits seit einer ganzen Weile. Elies hatte die Nachrichten bis über zwei Monate zurückverfolgt, weiter war sie nicht gekommen. Sie schienen überhaupt nicht mehr zu enden. Es blieb kein Spielraum für Missinterpretation. Die Nacktfotos und liebevollen Nachrichten nach ihren regelmäßigen Treffen waren eindeutig. Elies’ Hände hatten so stark gezittert, dass sie das Smartphone nicht länger hatte halten können. Wie hatte sie sich nur so von ihm täuschen lassen können? Matt war nur wenige Minuten zuvor nach Hause gekommen. Nach der Arbeit war er noch mit Freunden in einem Pub gewesen. Wie schon so oft hatte er ein Bier zu viel gehabt. Er war eben aus der Dusche gekommen, als er Elies schwer atmend auf dem Bett sitzend fand; sein Handy war ihr bereits aus der Hand gerutscht gewesen und in den Bettlaken gelandet. Doch als sie aufblickte und ihn anstarrte, sah sie weder Angst noch Bedauern, dass sie hinter sein Geheimnis gekommen war. Alles, was sie in seinen Augen gefunden hatte, war Wut gewesen. Wut darüber, dass sie ungefragt sein Handy genommen hatte. Als auch ihr schließlich der Kragen geplatzt war und sie ihm all die Dinge an den Kopf warf, die sie seit Wochen am laufenden Band hinuntergeschluckt hatte, war die Situation eskaliert. Matt hatte in diesem Zustand nicht mehr mit sich reden lassen. Er hatte Sachen zu Boden geworfen und Elies so laut angeschrien, dass ihr die Ohren davon geschmerzt hatten. Er hatte sich selbst als das Opfer angesehen, dessen Privatsphäre verletzt worden war. Darauf, dass er sie betrogen hatte, war er gar nicht eingegangen. Als wäre diese Tatsache nicht existent gewesen. Als sich Matt schreiend vor ihr aufbaut hatte, hatte Elies für einen kurzen Moment Angst durchzuckt, immerhin war er einen ganzen Kopf größer als sie gewesen und wesentlich stärker. Ohne länger auf sein Gebrüll zu hören, hatte Elies kehrt gemacht und war die Treppe hinunter geeilt. Heiße Tränen waren über ihr Gesicht gelaufen. Erst im Wohnzimmer hatte er sie eingeholt. Das Feuer im Kamin war das Erste gewesen, das sie gemacht hatte, als sie von der Arbeit nach Hause gekommen war. Matt hatte sie am Ellbogen festgehalten und herumgerissen, sodass sie ihn hatte ansehen müssen. Sein Gesicht war rot und vor Wut ganz verzerrt gewesen. Erst in diesem Moment hatte Elies erkannt, wie hässlich Matt war. Er war eifersüchtig, gehässig und manchmal so schrecklich gemein zu Leuten gewesen, die ihm nie etwas getan hatten, dass ihr davon ganz schlecht geworden war. Er hatte sich immer für etwas Besseres gehalten und geglaubt, dass er allein der wichtigste Mensch auf der Welt wäre. Erst da hatte Elies sein wahres Gesicht erkannt. Und obwohl sie so viele glückliche Jahre miteinander verbracht hatten, war Elies für einen Moment von sich selbst enttäuscht gewesen, dass sie Matts Hässlichkeit und Grausamkeit nicht schon früher bemerkt hatte. Oder hatte Elies diese Erkenntnis zuvor nur verdrängt und ignoriert?
Elies hatte sich erneut umgedreht und hatte gehen wollen. Sie hatte Matt einfach stehen lassen wollen. Sie hatte aus diesem verdammten Haus hinauswollen. Egal wohin, Hauptsache weg von ihm. Doch Matt hatte erneut nach ihr geschnappt und ihren Oberarm so fest gedrückt, dass ihr ein Schmerzensschrei über die Lippen gekommen war. Elies hatte versucht, sich loszureißen, aber Matt hatte sie nicht gehen lassen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Elies sich gegen Matt zur Wehr gesetzt. Dann war sie jedoch gestolpert und im selben Moment hatte Matt, überrascht von ihrer Gegenwehr, ihren Arm losgelassen. Blindlings war Elies in Richtung des Kamins gefallen. Sie hatte sich noch rechtzeitig abgefangen, um nicht in den Flammen zu landen, aber der kleine Teppichvorleger war dabei so ungünstig weggerutscht, dass er binnen eines Herzschlages lichterloh brannte. Das Feuer hatte sich rasend schnell über dem Teppichboden ausgebreitet und schon nach wenigen Sekunden war Matt, der auf der einen Seite des Kamins gestanden hatte, von Elies getrennt gewesen, die auf der anderen Seite zu Boden gegangen war. Die Feuerwand war bereits so hoch gewesen, dass Matt nicht hindurchgekommen war. Sein einziger Fluchtweg hatte die Treppe hinauf in den oberen Stock geführt. Der Rauch hatte in Elies’ Augen gebrannt und sie hatte nur schwer Luft bekommen. Hustend hatte sie sich hochgezogen und war aus dem Raum gestolpert, dessen Wände und Decke bereits Feuer gefangen hatten. Der Rauch wurde so stark, dass sie nach Luft ringend wieder zu Boden gegangen war. Mit letzter Kraft hatte sie es zur Haustür geschafft. Als Elies sie aufgezogen hatte, war ihr ein kalter Wind entgegengekommen. Endlich hatte sie wieder atmen können, doch der Luftzug hatte das Feuer nur noch stärker angefacht. Sie war durch die Tür gestürzt, die Hitze der Flammen noch immer im Rücken. Erst im Gras des Vorgartens war sie erschöpft liegen geblieben. Ihre Hände hatten begonnen zu zittern, als sie auf das brennende Gebäude vor sich geblickt hatte.Matt. Wo war er?Hatte er es hinausgeschafft?Elies hatte in dem Moment, als sich das Feuer derart rasant ausgebreitet hatte, an nichts denken können. Sie hatte nur reagiert und sich selbst gerettet. Die Wut über den Streit von vorhin war auf einmal wie weggeblasen gewesen, ja, es galt in diesem Moment an Wichtigeres zu denken. Elies hatte nicht einmal mehr ihren schmerzenden Arm gespürt, all ihre Sorgen hatten Matt gegolten. Verzweifelt hatte sie seinen Namen geschrien, doch keine Antwort erhalten. Das berstende Holz im Inneren des Feuerschlundes hatte alles übertönt. Die Hitze war kaum auszuhalten und es war unvorstellbar gewesen, dass in dieser Flammenhölle jemand überleben hätte können. Elies hatte versucht aufzustehen, ihr gesamter Körper hatte vor Angst, Schmerz und Hitze gezittert. Sie war den Vorgarten entlanggestolpert, ständig Matts Namen rufend. Doch sie hatte ihn nirgendwo entdecken können. Die Panik war immer schlimmer geworden, hatte ihr die Brust zusammengeschnürt und sie wanken lassen. Die Hitze war so unerträglich gewesen, dass sich Elies einige Schritte von dem brennenden Haus weg Richtung Straße bewegt hatte. Ihr Blick war die Fassade des Hauses emporgeschweift, hinauf zu dem oberen Stockwerk. Verzweifelt hatte sie versucht etwas auszumachen, doch außer den allgegenwärtigen Flammen war nichts zu erkennen gewesen. Tränen waren über Elies’ Gesicht gelaufen und hatten ihre Sicht vernebelt, aber dann hatte sie ein Huschen an einem der oberen Fenster wahrgenommen. Sie hatte geblinzelt und versucht, klarer zu sehen. Der beißende Rauch in der kalten Nachtluft hatte dies beinahe unmöglich gemacht. Doch, da war der Schatten erneut gewesen! Es war Matt! Elies hatte ihn ganz deutlich erkannt. Sein Gesicht war zu einer schmerzhaften Grimasse verzerrt gewesen und sein Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet. Es hatte ausgesehen, als würde er brüllen, wie er nur Minuten zuvor noch Elies angefahren hatte. Jedoch hatte sie keinen Ton vernommen, außer dem Knacken und Brausen des Feuers. Rauch hatte die oberen Zimmer erfüllt und Matt war immer schwieriger auszumachen. Er hatte seine Arme erhoben und mit den Fäusten wütend auf die Fensterscheibe eingeschlagen. Nein, es war keine Wut gewesen, sondern Todesangst. Seine Haut war bereits unnatürlich dunkelrot verfärbt und schien aufzuplatzen. Elies hatte etwas tun wollen, musste etwas tun! Doch die Angst hatte ihren Körper erstarren lassen. Alles, was sie getan hatte, war zu dem Fenster hinaufzustarren. Ohne es zu bemerken, hatte sie einige Schritte auf das Haus zugemacht und war der brennenden Front erneut gefährlich nahegekommen. Dies war der Anblick gewesen, der Elies nachts verfolgte: Matts letzte Augenblicke. Immer, wenn sie die Augen schloss, sah sie seinen bereits verbrennenden Körper, das Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzogen. Der Mund war zu einem Schrei aufgerissen gewesen, aber es war kein Ton herausgekommen. Immer, wenn Elies die Augen schloss, sah sie den Mann vor sich, den sie mehr als alles andere geliebt hatte, der sie betrogen und ihr Herz gebrochen, ja ihr ganzes Selbst zerrissen und zerstört hatte, wie er Todesqualen litt und vergeblich versuchte, um sein Leben zu kämpfen. Elies hatte nie gesehen, wie Matt zugrunde gegangen war. Ob sein ganzer Körper in Flammen aufgegangen, oder ob er zuerst erstickt war. Das Letzte, an das Elies sich erinnern konnte, war ein lauter Knall. Splitterndes Glas und eine Druckwelle, die sie meterweit mitgerissen hatte, bis sie auf der Auffahrt zum Liegen gekommen war. In weiter Entfernung hatten Sirenen aufgeheult, ihr Körper hatte sich angefühlt, als würde er in Flammen stehen, Elies hatte Blut in ihrem Mund geschmeckt und dann war sie umfangen von Dunkelheit gewesen.
Aber das war es nicht, was sie den Polizisten erzählte. Es ging weder sie noch sonst jemanden an, wie sehr Matt sie verletzt hatte, dass er sie sogar angegriffen hatte. Das Feuer war ein Unfall gewesen und so auch Matts Tod, alles andere waren Details, die Elies für sich behalten wollte.
Die Polizistin starrte Elies durchdringend an. Fast so, als wüsste sie, dass ihre Erzählung nur ein kleiner Teil der ganzen Geschichte war. Doch Elies hielt ihrem Blick stand. Es war zweifelsfrei bewiesen, dass der Brand ein Unfall gewesen war, der zu dem tragischen Tod eines Menschen geführt hatte. Keine mögliche Vertuschungsaktion mit der, wie zuvor einige Polizisten vermutet hatten, Elies den Mord an Matt verbergen hatte wollen. Die Polizistin beließ es dabei. Ihr jüngerer Kollege hatte von dem Blickwechsel der beiden Frauen nichts mitbekommen.
Dies war Elies’ letzte Nacht in dem weißen, sterilen Krankenzimmer. Nach der Morgenvisite eröffnete ihr Doktor Dickbauch, dass er sie auf eine andere Station verlegen wollte, in der sie für einige weitere Tage zum psychologischen Monitoring bleiben sollte. Danach stand es ihr frei zu gehen. Er sprach mit ihr wie mit einem kleinen Kind und Elies hasste in diesem Moment alles an ihm. Seine quietschende Stimme, seinen wabbelnden Bauch und die bunten Krawatten. Jeden Tag trug er eine andere und sah damit aus wie ein Clown in einem weißen Kittel. Allerdings musste sich Elies eingestehen, dass seine Argumentation durchaus nachvollziehbar klang. Sie hatte seit Tagen nicht ordentlich gegessen, konnte kaum schlafen und sah niemanden in die Augen. Teilweise antwortete sie nicht einmal mehr auf einfache Fragen. Für jeden musste es so wirken, als hätte sie das Feuer, ihre eigenen Verletzungen, die nie ganz verheilen würden, und der Tod ihres Partners emotional in Mitleidenschaft gezogen. Also ging es für eine Woche zum Monitoring auf die psychologische Station. Dabei wollte Elies nur von Gott und der Welt in Ruhe gelassen werden.
Eine Krankenschwester packte die Geschenke, die Elies von ihren Eltern und Arbeitskollegen bekommen hatte, behutsam ein, verfrachtete Elies in einen Rollstuhl, legte ihr eine wollene Decke über und schob sie langsam auf ihre neue Station. Lediglich eine matte Glasscheibe, auf der mit schwarzen Buchstaben „Psychologische Abteilung“ stand, trennte diese Station von den anderen. Überraschenderweise war es nicht unangenehm in ihrer neuen Umgebung. Die Wände des Korridors waren in einem hellgrünen Ton gehalten, der an die Wiese eines ausgeblichenen Gemäldes erinnerte. Hin und wieder standen kleinere und größere Vasen mit frischen Blumen auf Tischchen verteilt. Es gab mehrere Zimmer. Bei den meisten waren die Türen geschlossen, doch einige standen offen und die Patienten konnten sich frei bewegen. In einer Art Gemeinschaftsraum saßen ein paar Leute zusammen. Einige lachten laut über etwas, das im Fernsehen lief. Eine andere Frau, nicht älter als Elies selbst, saß beim Fenster. Sie hatte eine große Stoffpuppe an sich gedrückt und weinte bitterlich. Niemand schien sonderlich Notiz von ihr zu nehmen.
„Das ist nur Alice“, erzählte ihr die Krankenschwester, die ihren Rollstuhl schob, flüsternd, als sie Elies’ Blick bemerkte, „sie ist ganz harmlos, weint aber leider die meiste Zeit. Sagt immer, jemand hätte ihr Kind weggenommen, dabei hat sie nie eines gehabt.“
Die Schwester schüttelte mitleidig den Kopf, aber Elies fand dennoch, dass sich jemand zu ihr setzen und versuchen sollte, sie zu beruhigen.
Elies kam in ein kleines Zimmer, in dem nur drei Betten standen. Alle waren leer und sie konnte sich eines aussuchen. Sie nahm das beim Fenster, von welchem aus sie den kleinen Garten des Krankenhauses überblicken konnte. Einige Leute spazierten umher. Als die Krankenschwester gegangen war, rollte sich Elies in ihrem Bett zusammen und schloss die Augen. Wieder sah sie Matts verzerrtes Gesicht vor sich. Sie fühlte sich schuldig. Nicht für seinen Tod selbst, aber dafür, dass ein kleiner Teil von ihr froh darüber war, endlich von ihm getrennt zu sein. Losgekommen zu sein. Er hatte sie so lange unterdrückt. Sie hatte sich stets nach ihm gerichtet und nach einer Zeit waren ihr die Opfer, die sie für ihn erbracht hatte, überhaupt nicht mehr aufgefallen. Als hätte sie nur für ihn gelebt. Elies versuchte, sich auf das Weiß der Zimmerdecke zu konzentrieren. Sie versuchte, alles andere auszublenden, doch das bitterliche Weinen der Frau im Aufenthaltsraum brachte sie zur Verzweiflung. Am liebsten hätte Elies einfach mitgeweint. Stattdessen stand sie auf und ging langsam zur Tür. Vorsichtig blickte sie hinaus, noch immer saß Alice allein beim Fenster und niemand sah so aus, als würde er sich an ihrem Geflenne stören oder versuchen, die Frau zu trösten. Also tat Elies einige Schritte aus ihrem Zimmer hinaus. Dann tat sie noch weitere. Schließlich stand sie vor der Frau. Diese hörte für einen Moment auf laut zu schluchzen, hob den Kopf und sah Elies mit ihren großen, runden Augen an. Dicke Tränen rannen über ihre Wangen. Elies starrte sie für einen Moment an. Sie wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte.
„Hallo Alice.“
Noch immer starrte die etwa gleichaltrige Frau Elies an, ohne ein Wort zu verlieren. Seufzend zog sie einen zweiten Stuhl zu sich und setzte sich Alice gegenüber.
„Eine hübsche Puppe hast du da“, Elies versuchte sie anzulächeln, aber es wollte ihr nicht so ganz gelingen. Wann hatte sie selbst eigentlich das letzte Mal von Herzen gelacht? Es wollte ihr einfach nicht einfallen.
Alice hatte hellbraune, lange Haare, die ihr strähnig ins Gesicht fielen. Eine letzte Träne lief über ihre Wange, ohne dass sie sie wegwischte. Aber immerhin hatte sie aufgehört zu weinen.
„Wollen wir ein Spiel spielen?“, fragte Elies freundlich, doch aus Alice war kein Wort herauszubekommen. Stattdessen nickte sie. Als sich Elies nach Spielen umsah, musste sie feststellen, dass sowohl das Schachbrett als auch die Dominosteine gerade in Verwendung waren. Als sie nach dem Mensch-Ärgere-Dich-Nicht Spiel greifen wollte, schnappte es ihr ein etwa fünfzehnjähriger Junge vor der Nase weg. Blieb nur mehr ein Puzzle, das nachlässig in ein schmutziges Säckchen gestopft war. Es war kein Bild dabei, sodass man nicht wusste, was am Schluss herauskommen würde. Aber es würde groß werden. Elies schätzte es auf etwa tausend Teile. Als sie sich damit wieder Alice zuwandte, hatte sich diese bereits an den großen Tisch gesetzt und deutete aufgeregt auf den Platz neben sich. Zum ersten Mal sah Elies eine Art Lächeln auf ihrem Gesicht. Die Puppe hatte den Platz rechts von Alice erhalten.
Die beiden Frauen hatten wohl bereits zwei Stunden gearbeitet, als Elies aufblickte. Ein Mann hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er hatte sie schon länger beobachtet, doch es war ihr erst jetzt aufgefallen. Als er schließlich dabei ertappt wurde, ruhte sein Blick noch einen Moment zu lang auf Elies, bevor er sich umdrehte und langsam den Gang entlangging. Er musste wohl ein Besucher sein. Er war nur wenig größer als Elies selbst, hatte dunkelbraune Haare, die wirr von seinem Kopf abstanden. Er trug eine dunkelgraue Anzughose mit einem passenden Gilet und ein weißes Hemd darunter.
Wen er hier wohl besucht hatte?Alice zupfte an Elies’ Weste, um ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen, schließlich galt es noch einiges an Arbeit zu investieren, bevor ihr Puzzle fertig sein würde.
Am nächsten Tag bekam Elies Besuch von ihren Arbeitskollegen. Sie versuchten aufmunternd zu klingen, jedoch zuckten ihre Blicke immer wieder unruhig zwischen den anderen Patienten dieser Abteilung und Elies hin und her. Zähneknirschend schickte Elies sie schließlich nach Hause, ihr war ohnehin nicht nach Gesellschaft.
Außerdem musste sie mit einem Psychologen sprechen. Er hatte blasse Lippen, die er anhaltend zu einem dünnen Strich zusammenpresste und kalte, graue Augen. Der Mann hatte keinen Bartwuchs und schütteres Haar, obwohl er noch nicht sehr alt zu sein schien. Er führte sie in ein kleines Büro, nahm auf einem gepolsterten Sessel Platz und deutete auf die kleine Bank gegenüber von ihm. Lange starrte er sie wortlos an, schien sie zu studieren. Nervös rutschte Elies auf ihrem Platz herum, wich seinem stechenden Blick aus und sah stattdessen aus dem Fenster. In ihren Augen hatten diese Sitzungen nicht sonderlich viel Sinn. Der Psychologe fragte Elies nie direkt nach jenem Abend, sondern vermehrt über ihr alltägliches Leben. Ihre Arbeit, Hobbys, nur nicht zu tiefgründig. Nur einmal sprach er gezielt ihre Gefühle bezüglich Matt und dessen Tod an. Mehr als dieselbe Geschichte, die sie bereits der Polizistin erzählt hatte, erfuhr er aber auch nicht. Elies war von der gesamten Situation frustriert und auch der Psychologe schien unzufrieden zu sein. Nach einer weiteren mühevollen Sitzung ging Elies in den kleinen Garten des Krankenhauses. Sie brauchte dringend frische Luft, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Trotz der Kälte herrschte ein buntes Treiben. Vor allem ältere Leute drehten in Begleitung ihrer Kinder und Enkel kleinere Runden. Elies setzte sich auf eine schmale Holzbank, die zwischen zwei abgestorbenen Rosensträuchern stand. Die Sonne war bereits dabei unterzugehen und Elies’Atem bildete kleine Wölkchen in der kalten Luft. Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete tief durch. Sie musste sich wieder zusammenreißen. Ihr Leben in geregelte Bahnen bringen und nach vorne blicken. Sie konnte nicht ewig so vor sich hinvegetieren, wie sie es die letzte Zeit getan hatte. Nächste Woche wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen. Dann würde sie sich die Ruine, die einst ihr zu Hause gewesen war, persönlich ansehen. Ihre Mutter hatte sie bereits vorgewarnt, dass nichts mehr zu retten wäre. Alles war verbrannt und zerstört worden. Unwiederbringlich verloren. Elies hatte sich noch keine Gedanken darüber gemacht, doch vermutlich würde sie in der Zwischenzeit, bis sie eine neue Wohnung gefunden hatte, wieder bei ihren Eltern einziehen. Sie wollte auch Matts Grab besuchen. Sie musste mit ihm abschließen. Ihre Beziehung war schon lange vorüber gewesen, damals hatte sie es sich nur noch nicht eingestehen wollen. Diese ganzen Streitereien waren bereits der Anfang vom Ende gewesen.
Mit geschlossenen Augen genoss Elies die Kälte um sich herum. Es war Zeit für einen Neuanfang.
„Es war sehr freundlich von Ihnen, Alice für eine kurze Zeit von ihrem Elend abzulenken. So glücklich habe ich sie seit langem nicht mehr gesehen.“
Elies sah auf. Ein Mann war vor sie getreten. Die Strahlen der untergehenden Sonne blendeten sie, sodass sie etwas brauchte, um die Gestalt vor sich richtig einordnen zu können. Es war derselbe Mann, der sie vor ein paar Tagen mit Alice beobachtet hatte. Seitdem hatte sie ihn bereits einige weitere Male gesehen, doch immer nur aus der Ferne. Seine kurzen, dunkelbraunen Haare standen erneut zerzaust von seinem Kopf ab. Es sah nicht ungepflegt aus, die wuscheligen Haare passten irgendwie zu ihm. Über seiner braunen Anzugjacke trug er nichts, Elies war hingegen in einen dicken Schal eingewickelt, der ihr halbes Gesicht verdeckte. Hätte sie eine Mütze gehabt, hätte sie diese auch noch aufgesetzt, so kalt war es an diesem frühen Abend. Doch dem Fremden vor ihr schien die Kälte nicht im Geringsten etwas auszumachen.
„Darf ich mich setzen?“, fragte er und deutete neben Elies auf die Bank. Sie rutschte etwas beiseite, um ihm Platz zu machen. Als er sich setzte, wandte er sich wieder zu ihr. Elies blickte aber weiterhin nach vorne.
„Arbeiten Sie hier oder besuchen Sie jemanden?“, fragte sie, ohne ihn dabei anzusehen.
„Ein bisschen von beidem“, antwortete er achselzuckend und lehnte sich an der Sitzbank zurück.
„Alice ist schon sehr lange hier“, begann er zu erzählen, „das Puzzle, das ihr letztens gemacht habt, habe ich bereits drei Mal mit ihr aufgebaut. Die Ärzte sind darum bemüht, einen Heimplatz für sie zu finden.“
Elies drehte sich leicht in seine Richtung und versuchte, ihn unauffällig zu mustern. Er hatte irgendetwas an sich, das sie faszinierte. Oder waren es schlicht seine graublauen Augen? Sie wirkten nicht unangenehm stechend wie die des Psychologen, aber doch so, als könnten sie direkt in die Seele eines Menschen blicken. Er wirkte so selbstsicher und hatte gleichzeitig etwas Sensibles an sich. Er drehte sich Elies zu und für einen Moment verlor sie sich in seinem Blick. Dann streckte er ihr seine Hand entgegen und stellte sich als Niko vor.
„Niko, und weiter?“, fragte Elies.
„Einfach nur Niko“, erwiderte er schmunzelnd.
Seit diesem ersten richtigen Aufeinandertreffen waren einige Tage vergangen, übermorgen würde Elies aus dem Krankenhaus entlassen werden. Inzwischen hatte sich eine rege Freundschaft zwischen ihr und Niko entwickelt. Oft saßen sie mit Alice zusammen und bauten ein Puzzle oder spielten Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, manchmal spazierten sie durch den Garten. Der erste Frost hatte bereits eingesetzt und die Tage wurden immer kälter. Einmal war Elies ausgerutscht und wäre fast zu Boden gestürzt, hätte Niko sie nicht aufgefangen. Er setzte sich zu ihr, wenn es Mittag- oder Abendessen gab, er sorgte dafür, dass sie endlich wieder vernünftig aß und unterhielt sich mit ihr. Oft aber saßen sie auch nur schweigend nebeneinander und Elies war dankbar für seine Gesellschaft, die nichts Erzwungenes an sich hatte. Obwohl Niko ihr nur wenig über sich selbst erzählte, schaffte er es, dass Elies ihm sehr viel von sich erzählte. Da sie noch immer nicht gerne mit ihrem Psychologen sprach, erzählte sie Niko von ihren Albträumen, von der Wut und Trauer. Darüber, dass sie so verwirrt über ihre eigenen Gefühle war und, dass sie Angst hatte, was die Zukunft für sie bereithielt. Dass sie sich fragte, ob sie überhaupt eine Zukunft hatte. Dies alles erzählte sie ihm, obwohl er nie aktiv danach fragte, oder sie dazu drängte, sondern einfach, weil er ihr zuhörte, wenn sie über etwas reden wollte und wenn nicht, einfach schweigend bei ihr saß. Elies konnte in seinen graublauen Augen sehen, dass sie ihm vertrauen konnte. Dass er ihr helfen wollte, aber auch, dass er es verstand, wenn ihr einmal nicht nach einem Gespräch der Sinn stand.
Es war der Abend vor Elies’ Entlassung, als sich Niko zu ihr in das Krankenzimmer schlich. Die Besuchszeit war schon lange überschritten und unweigerlich fragte sie sich, wie er es geschafft hatte, nicht hinausgeworfen zu werden. Die anderen beiden Betten in dem Krankenzimmer waren zurzeit belegt. Eines von einer Frau, die vielleicht um die zwanzig war und bereits schlief und zum anderen von einer älteren Dame, die ihr Bett nie verließ und alles um sich herum ignorierte. Sie sah nicht einmal auf, als Niko die Zimmertüre öffnete und Elies zu sich auf den Gang hinauswinkte. Ohne zu zögern, kam sie seiner Aufforderung nach. Etwas war heute anders, sie spürte es ganz deutlich. Nikos Haare waren noch unordentlicher als sonst und seine Augen leuchteten vor Aufregung. Als Elies nach dem Grund seiner Erregung fragte, gab er nur kryptische Satzbruchstücke als Antwort von sich. Elies eilte ihm hinterher und musste sich hüten, um Niko nicht zu verlieren, so schnell lief er durch die verwaisten Korridore des Krankenhauses.
„Wo willst du mit mir hin?“, fragte Elies und als sie noch immer keine deutliche Antwort erhielt, schrie sie laut: „Niko!“, und blieb einfach stehen.
