Spielbeschreibung - Klaus Dieter Remus - E-Book

Spielbeschreibung E-Book

Klaus Dieter Remus

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Beschreibung

Als 1989 die Mauer fiel, hielt Edgar nichts mehr im Prenzlauer Berg. Nicht seine Freundin Antje, nicht die gemeinsamen Kinder, nicht die Freunde. Er musste raus, raus in die Welt, kostete es, was es wollte. Drei Jahre später kehrt er zurück. Sein alter Kiez versinkt in den Wirren wirtschaftlicher und politischer Begehrlichkeiten. Die Ornamente sozialer Beziehungen zerfallen. Der Mythos des Stadtteils verkommt zum Statussymbol für Zuziehende. Und die alten Freunde wandeln längst auf den Pfaden der Anpassung, des Einstieges oder der Verweigerung. Edgar ficht das nicht an. Unbeirrt stürzt er sich in das alltägliche Chaos und wird schnell wieder der, der er früher war: Edgar, der Macher, der Lebenskünstler. Der jede Situation als Spiel begreifen und sie so bewältigen kann. Aber der Schein trügt. Ihm fehlt die Erfahrung all jener, die hier blieben. Der Untergang der einen und die Auferstehung einer anderen Gesellschaft. Edgar begreift zu spät, dass er mit seinen Mitteln nichts dagegen auszurichten imstande ist. Er verliert einen Freund nach dem anderen und ist dabei, sich selbst abhanden zu kommen.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Heimkehr

Der Beamte hinter der Scheibe des Einreiseschalters sah so abgewetzt aus wie der Deutsche Demokratische Pass. Als er das Dokument mit müder Routine öffnete, fiel ein Foto heraus und holte ihn aus der blinden Routine der anstehenden Kontrolle. Es folgte ein müder Blick auf den Mann vor seinem Schalter, dann widmete er sich dem kleinen, durch vieles Ansehen etwas labberig gewordenen Karton. Er zeigte eine verwilderte Wiese und darauf den Mann neben einer jungen Frau stehend. Sie sahen aus, als wüssten sie noch nicht, dass Schloss Gripsholm nur ein altes Gemäuer und ein gut geschriebener Roman ist. Während er die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben hatte, hielt sie einen zappelnden Säugling auf dem Arm, und vor ihnen freundete sich ein etwa dreijähriger Junge mit einem viel zu großen Stofftier an. Es war einer jener Schnappschüsse, die auf dem ersten Frühjahrsspaziergang gemacht werden und die einander ähneln wie eine Waschmittelwerbung der nächsten.

Der Beamte schob das Foto durch den Schlitz unter der Scheibe zurück. Der Mann versenkte es in einer Tasche seiner Joppe, nahm nach einem erneuten, nun aber prüfenden Blick seines Gegenüber auch den Pass entgegen. Hörte den Beamten mit gelangweilter Bestimmtheit sagen, dass er sich einen neuen besorgen solle. Und dass Privatfotos nichts in einem Pass zu suchen hätten. Der Mann nickte und verließ wortlos den Schalter.

Er war etwa dreißig Jahre alt, trug das nackenlange, stufenlos geschnittene und leicht gelockte Haar glatt nach hinten gekämmt. Sein Gesicht hatte jene Kantigkeit, die Modefotografen glücklich macht. Leicht vorstellbar, dass er nach einer gründlichen Rasur und einem Besuch beim Herrenausstatter auch im Gewühl der Vorhalle einige Blicke auf sich gezogen hätte. Aber die grobe Leinenjoppe, deren ausgeleierte Taschen schlaff nach unten hingen, die an den Hosenbeinen vom vielen Waschen ausgefransten Jeans und die schiefen Absätze seiner klobigen Halbschuhe machten ihn höchstens für zwei herumlungernde Sicherheitsleute interessant. Nicht so sehr allerdings, dass sie ihren frisch gebrühten Kaffee dafür hätten kalt werden lassen.

Der Mann passierte die Uniformen unbehelligt und lief quer durch die Halle zu den automatischen Türen. Wie vor jedem anderen öffneten sie sich lautlos und er ging hinaus in einen für die schwere, schwüle Luft viel zu dünnen Spätsommerregen. Blieb mit einem vorwurfsvollen Blick in den Himmel stehen, trat dann zurück unter das Vordach und betrachtete von dort aufmerksam den betonierten Vorplatz der Schalterhalle. Dass er nebenbei den Pass langsam in kleine Stücke riss, fiel lediglich einer dicken Frau auf, die mit Besen und Schaufel bewaffnet, zunehmend empört zusah, wie ihm die Schnipsel aus der Hand glitten und zu Boden torkelten. Als die Frau sich entschloss, ihre zweieinhalb Zentner Lebendgewicht über den Beton zu schleppen und dem jungen Mann die Leviten zu lesen, hatte der sich ebenfalls entschlossen. Er schnippte das letzte Stück des Passes von sich und ging auf das erste Taxi zu. Die Frau lief schwungvoll ins Leere.  

Der Taxifahrer hob mühsam die Lider als die Beifahrertür geöffnet wurde. "Steht der Prenzlauer Berg noch?"

 "Ist gestern abgerissen worden."

 "Dann zeigen Sie mir die Trümmer."

Der Fahrer hatte keine Lust oder keine Kraft, seinen Fahrgast in den Fond zu verweisen. Er startete den Motor, wartete, bis der Störenfried angeschnallt war und fuhr resigniert mit ein wenig zu viel Gas an.

Als der junge Mann aus dem Dunkel des Durchganges zur Straße in den Hinterhof trat, tauchte eine lustlos mit den Wolken ringende Sonne die Mietskaserne in schmutziges Licht. Die Fassaden waren immer noch grau und fast vollständig vom Putz befreit, die Mülltonnen immer noch rostig. In einer Ecke stand wie eh und je das Simson Duo. Es stand, von Wind und Wetter der letzten drei Jahre eingemottet, auf kläglich platten Reifen.

Er lief um das Fahrzeug, trat wohl auch liebevoll gegen eine der Felgen, betrachtete dann ohne erkennbare Aufregung die Fassaden des Hinterhauses und der Seitenflügel. Er wähnte sich wieder zu Hause, legte die Hände an den Mund und tat dies kund.

"Edgar ist wieder da!"

Im zweiten Stock wurde ein Fenster heftig geöffnet und ein igelgesichtiger Mann mit runder Nickelbrille brüllte kühl zurück. "Na und? Wir sind schon lange wieder da!"

Dann schloss er das Fenster, wie er es aufgerissen hatte. Raschelnd rieselten einige Körnchen des verbliebenen Putzes nach unten. Ansonsten regte sich nichts. Auch Edgar regte sich nicht. Er war auf alles gefasst, nur nicht auf einen solch desinteressierten Gegenüber. Da er aber nicht bereit war, die Situation anzunehmen, unternahm er noch einen Versuch, sich, und sei es nur vor sich selbst, zu behaupten. Er brüllte nach oben. "Was heißt denn hier na und?!"

Vergebens. Das Igelgesicht reagierte nicht. Niemand reagierte. Der Hinterhof brütete still wie ein leeres Fußballstadion vor sich hin. Edgar glotzte in das Stück Himmel über sich, wartete noch einige Sekunden unschlüssig. Dann ging er ins Haus.

Drei Treppen höher vor seiner Wohnungstür, den Geruch des offenen Beines der alten Frau Fassbinder aus der vierten Etage in der Nase, überkam ihn so etwas wie Rührung. Vorsichtig zog er den Streifen Pflaster, der über das Plasteschild mit seinem Namen geklebt war, ab, und klebte ihn darunter. Wenn schon der Empfang wenig Offizielles hatte - diese Klarstellung der Besitzverhältnisse war für ihn der erste bemerkenswerte Akt seiner Heimkehr. Der zweite bestand im Einführen des drei Jahre nicht benutzten Schlüssels und im Geräusch, welches dieser verursachte, als er ihn vorsichtig drehte und die Tür öffnete.

Ein schmaler Lichtstreifen aus dem Wohnzimmer flegelte im Korridor. Edgar stieg darüber hinweg, ließ den Rucksack auf den Boden gleiten, ging zur angelehnten Tür und drückte sie behutsam weiter auf. Dahinter schien wenig verändert. Lediglich ein aufrecht stehendes Skelett aus den Beständen eines unrechtsstaatlichen Biologiekabinetts, jede Menge Papier und einige abenteuerlich aussehende, elektronische Geräte waren zu dem gekommen, was er vor einer Ewigkeit verlassen hatte. Im zerschlissenen Ledersessel neben dem Ofen saß ein Dreißigjähriger und rezitierte ein Gedicht. Das Licht der alten Stehlampe hinterließ einen Reflex auf seinem schulterlangen Haar. Auch die Gläser der Brille schimmerten in allen Regenbogenfarben. Brechung an dünnen Schichten hieß das in der Physik und der Mann in der Tür verzog die Lippen zu einem schwachen Grinsen. Die Brechung an dünnen Schichten. Alles Mögliche hatte er sich als seine erste Reaktion auf das Wiedersehen mit dem Dichter Jan vorstellen können, nicht aber den Gedanken an einen physikalischen Vorgang. Immerhin verband sie eine langjährige Freundschaft, wenngleich erst in den nächsten Tagen und Wochen, vielleicht auch nur Minuten herauszufinden war, was sie noch taugte.

Der dem Dichter zuhörte, lag mit geschlossenen Augen auf dem einzigen relativ neuen Möbel, einer Klappcouch, hatte eine rabenschwarze, müde aussehende Katze auf dem Bauch und streichelte sie unentwegt. Über seinem angeknitterten weißen Hemd glänzte ein gelockerter Schlips, dessen Ende unter der Katze verschwand. Aus einer Tasche der dunkelblauen Anzughose waren einige Münzen zu Boden gefallen und die hochgelegten Füße ließen kaum abgetretene Etiketten auf den Sohlen der feinledernen Halbschuhe erkennen. Die zur Hose gehörende Jacke diente, sauber zusammengerollt, als Kopfkissen. Der Zuhörer war etwas jünger als der Dichter und Edgar kramte in seinem Kopf nach einem Namen für das Gesicht. Es wies weiche, regelmäßige Züge auf, eine Spur zu weich vielleicht, wurde von halblangem, sachkundig geschnittenem Haar umrahmt und strahlte eine zurückhaltende, beinahe kindliche Seriosität aus, für die jeder Staubsaugervertreter sein Adressbuch gegeben hätte. Vor der Couch stand ein Monster von Funktelefon und blinkte nervös vor sich hin. Weder der auf der Couch noch Jan noch die Katze bemerkten Eindringling. Der stand immer noch in der Tür und hörte das nächste Gedicht. Ob es ausgerechnet dieses war, ist nicht verbürgt, es sei aber hier als Beispiel für Jans Dichtkunst öffentlich gemacht.

 Wohin, wenn nicht in fest Gefügtes?

 Der Stuhl, auf dem ich sitze, ist noch frei.

 Den Himmel unter meiner Zimmerdecke

 Frage ich meine Schreibmaschine.

 Wer bin ich?

Jan lauschte seinen Worten nach, der andere streichelte weiterhin die Katze. Edgar nutzte die noch im Zimmer schwebende Frage, um sich bemerkbar zu machen, indem er eine Antwort versuchte.

 "Der letzte der großen Dichter."

Katze, Zuhörer und Dichter starrten ihn in dieser Reihenfolge an. Er trat zwei Schritte in Zimmer und Licht und wartete, dass er erkannt würde.

 "Edgar?"

 "Ja?"

 "Mensch, Edgar."

Die Katze floh, der Zuhörer erhob sich und ging auf Edgar zu. Nun passte auch ein Name zu dem Gesicht.

 "Frank? Das gibt`s doch nicht."

 "Das gibt´s, wie Du siehst."

Sie umarmten sich, hielten sich an den Oberarmen und schüttelten einander.

Frank trat zurück, einen Schritt, noch einen, dann setzte er sich wieder auf die Couch. Jan war sitzen geblieben. Hatte sich die Begrüßung der zwei ohne eine Regung angesehen. Nun also war er an der Reihe. Edgar trat heran, reichte die Hand zum Gruß. Jan hielt sie fest. Sie sahen sich in die Augen und schwiegen. Vier Sekunden, sechs, dann löste Jan seine Hand aus der Edgars.

 "Ich koche einen Kaffee."

Er ging in die Küche. Frank hatte schon den Hörer des Telefons am Ohr.

 "Ich ruf' die anderen."

Er wählte eine zehnstellige Nummer. Edgar steckte die Hände in die Taschen seiner Jeans und sah zu.

 "Wo ist die ganze Bagage?"

 "In Suses Cafe, nehme ich an."

 "Suse hat ein Cafe?"

 "Ich habe ein Telefon."

 "Und Antje?"

 "Die hat eine Kita."

 "'Ne was?"

 "Einen Kindergarten."

Edgar schien beeindruckt. Auf die elektrischen Geräte weisend, die in einer Ecke des Zimmers gelagert wurden, folgerte er selbst.

 "Und Jan repariert Radios und Computer."

 "Das Zeug gehört Kutulas. Der wohnt auch hier."

Ahja, nickte Edgar und betrachtete das Gerippe. Über die leeren Augenhöhlen unter der schlapp sitzenden Baskenmütze hatte jemand eine Brille geschoben, hinter deren Gläser zwei Pappaugen klebten und Interesse heuchelten. Edgar drehte dem abgemagerten Mann den Kopf herum und schob ihn weiter in die Ecke. Die Knochen kamen in Bewegung und für einen Moment sah es aus, als wolle der tote Herr Widerspruch anmelden. Edgar fasste nach dem Kinn und stellte ihn ruhig.

Frank hatte noch keinen Anschluss. Nach dem fünften Versuch nahm er den Hörer vom Ohr.

 "Da quatscht wieder mal jemand ewig. Ich schalte die Automatik ein."

Edgar hatte nichts dagegen einzuwenden. Er ließ sich in den Sessel fallen und sah zu, wie Frank drei Tassen aus der Küche holte, sie auf den Tisch stellte, dann auf einen der Stühle, um den Tisch abzuwischen. Erst sehr feucht, nach einem nächsten Gang in die Küche sehr trocken. Edgar betrachtete die Geschäftigkeit, die seine Ankunft ausgelöst hatte, mit leerem Blick. Es war nicht so, wie er sich seine Rückkehr vorgestellt hatte. Frank erinnerte ihn eher an seine Mutter denn an einen seiner Freunde. So wunderte es ihn auch nicht, dass er den Staub auf den Möbeln registrierte, das Paar dreckiger Socken unter der Couch und dass Frank tatsächlich Untertassen auf den Tisch stellte.

Die Rufwiederholung des Telefons tutete gleichmäßig vor sich hin. Bei Suse wurde offensichtlich immer noch gesprochen und es schien Edgar, als wollte niemand wissen, dass er wieder zurück war.

Gegen zehn stand noch niemand in der Küche und die Feier drohte langweilig zu werden. Knapp zwanzig Leute bevölkerten den Rest der Wohnung. Edgars Heimkehr war lange als erledigt abgehakt. Das Gros der Gäste unterhielt sich vor einer provisorisch gemalten Zielscheibe, man spielte Dart und versuchte ansonsten, den Abend so unaufwändig und routiniert wie möglich über die Runden zu bekommen. Edgar überbrückte die Zeit bis zum nächsten Wurf, indem er aus der Traube herausgetreten war und zwei ihm unbekannten Mädchen von Amerika erzählte.

 "Route 66. Chicago Los Angelos. Quer durch die Rocky Mountain. Der Bus randvoll. Greyhound. Und auf halber Strecke steigt dieser Sheriff ein. Colt an der Seite, Hut, wie aus dem Film. Schweißnasse Achseln. Baut sich neben dem Fahrer auf und verlangt die Ausweise. Also irgendetwas, womit man beweisen kann, wer man ist. Die meisten zücken ihre Führerscheine, also hole ich meinen auch raus. Der Sheriff sieht sich das Ding an, überlegt einen Moment, dreht und wendet das gute Stück, dann sieht er mich an, als wolle er mich verhaften und fragt: DDR, Mister? It´s a club, isn´t it?"

Die beiden Mädchen lachten wie erwartet. Ein dank seines exakten Haarschnittes seriös wirkender Mann in Edgars Alter kam heran, wartete höflich, bis das Lachen der Mädchen verebbte. "Suse kommt in zehn Minuten."

Edgar nickte und sah zur Uhr. Die Mädchen konnten nicht anders. Sie sahen auch auf ihre Uhren. Dann setzten sie nach. "Und was hast Du gesagt?"

 "Yes, Sir."

Vor der Zielscheibe wurde nach Edgar und Frank gerufen. Sie gingen hinüber und Frank ließ sich die Pfeile geben.

Jan hatte den Ledersessel in die Ecke an der Fensterfront geschoben und saß darin wie weiland Marlon Brando in Coppolas Film. Auf der Lehne hockte Raffaela. Sie genoss wortlos die Nähe des Dichters und ging dabei etwas sorglos mit ihrem kurzen Rock um. Außer einem spillerigen Kerlchen in hautengen Jeans und Rolling-Stones-T-Shirt achtete niemand darauf. Er starrte auf den Streifen weißer Haut, der den Rand ihres Slips säumte, als habe man ihn gerade vom grünen Star geheilt, war nicht älter als siebzehn und würde wohl auch in den nächsten zwanzig Jahren nicht älter werden. Und auch dann noch so auf Mädchen wie Raffaela starren.

Sie und Jan verfolgten derweil, wie Frank mit den drei Wurf 180 Punkte erreichte und die zwei Mädchen Edgar  hinterherhimmelten. Raffaela bot Zigaretten an, Jan lehnte ab, aber Kutulas nutzte die Gelegenheit.

Er riss sich vom Fenster los, aus dem er zwanzig Minuten zum Seitenflügel des Hauses gesehen hatte. Nahm die Zigarette, ließ sich Feuer geben, ging zurück zum Fenster, blies den Rauch gegen die Scheibe, sah zu, wie Monike sich zwei Etagen tiefer in gymnastischen Übungen vor dem Spiegel erging. Es war immer das gleiche Spiel. Monike wusste, dass Kutulas sie verehrte und zu jeder Gelegenheit beobachtete, Kutulas wusste, dass Monike das wusste und sie wusste, dass er wusste, dass sie es wusste. Sie taten es trotzdem. Beide.

Als Edgar vor die Dartscheibe trat, siegte Raffaelas Neugier Edgar betreffend über ihr Interesse an Jans nachdenklichem Blick. Der erste Wurf ging daneben. "Warum ist er zurückgekommen?"

Jan fühlte sich aus seinen Gedanken gerissen. Er sah das Mädchen leicht verstimmt an, ehe er sich zu einer Antwort bequemte. "Er hatte noch ein Paar Schuhe beim Schuster."

"Nein, ernsthaft."

"Weißt Du einen besseren Grund, hierher zurückzukommen?"

Raffaela dachte nach, Jan sah ihr dabei zu, sie bemerkte es und fühlte sich ertappt. "Ach, du."

In den Korridor kam Bewegung, dann war Marcus' betrunkene Stimme zu hören. "Ich bin blau, Freunde. Aber ich bin satisfaktionsfähig. Für jeden."

"Schnauze Marcus. Nehmt mir doch den Kerl mal ab."

Suse war gekommen. Frank half, den Betrunkenen ins Zimmer zu schleppen und auf der Couch abzulegen, wo er sofort einschlief. Suse wischte kurz mit den Handflächen über ihre Jeans.

„Er hat mit dem Ami Schach gespielt. Um den Doppelten für jede Figur."

Belustigt standen alle um die Couch und den Schlafenden herum. Nur Edgar lehnte an der Wand neben der Tür. Suse sah sich um. "Wo ist er denn?"

Man trat auseinander, es entstand eine Gasse, an deren Ende stand Edgar. Sie fielen sich um den Hals. "Du hast uns die Schuhe nicht gegönnt."

"Ich hab das Licht brennen lassen."

Suses Miene wurde eine Spur ernster. "Das hat Antje für dich erledigt."

Für einen Moment war aller Spaß vergessen. Edgar versuchte, die Bemerkung zu übergehen. "Gut siehst du aus."

 "Sie kommt nicht. Der Kinder wegen. Aber ich soll dich grüßen."

Suse wollte Edgar zwingen. Er wich aus, griff nach einer Flasche Wein und zwei Gläsern. "Was trinkst du?"

 "`Was Hartes."

Edgar goss Wein in die Gläser. "Whisky." Suse bestätigte es. "Whisky. Wie heißt das Spiel?" Edgar hielt sein Glas gegen das Licht. "Scherben?"

Suse nickte und trank.

 "Keine Scherben."

Sie ließen die Gläser auf den Teppich fallen. Keines zerbrach. Edgar hob sie auf, wollte nachschenken. Die Flasche war leer.

Er ging in die Küche. Fand auch dort nur leere Flaschen, wühlte in den Schränken und hatte plötzlich eine abgeschnittene Verlängerungsschnur in der Hand. Er drehte die bloß liegenden Drahtenden zusammen, drückte den Stecker in die Dose. Im gleichen Moment brannte die Hauptsicherung durch. Marcus wachte auf. "Die Fassbinder hat ihre Waschmaschine immer noch nicht reparieren lassen."

Niemand hörte ihn. In der Tür leuchtete Edgars Gesicht. Er hielt eine Taschenlampe unters Kinn und flüsterte.

 "Was wollt ihr im Licht, Freunde? Es herrscht Finsternis."

Er löschte die Lampe. Augenblicklich begann der Sturm auf die Wohnungstür. Wie auf eine Verabredung hin versuchten die Wissenden, die Wohnung auf schnellstem Weg zu verlassen. Selbst Marcus reagierte. Er rappelte sich auf und stieg mehrmals aneckend den ersten hinterher. Zehn, zwölf Uneingeweihte standen im Schein ihrer flackernden Feuerzeuge hilflos herum, bis sich einer von ihnen zu der Erkenntnis durchrang, dass er fehl am Platze war. "Ich hau ab. Die sind doch nicht ganz dicht hier."

Mit ihm ging der Rest. Der letzte schlug die Tür zu.

Oben lag Kutulas schon rücklings auf dem Dach und streckte die Arme empor. "Diese Weite. Wenn man sich vorstellt, dass Stromausfälle die Geburtenrate steigen lässt."

Raffaela wisperte in Jans Ohr. "Es heißt lassen, ja? Stromausfälle lassen die Geburtenrate steigen." Jan gab ihr recht, Kutulas ließ die Arme sinken. "Wir sollten uns beteiligen. Ich stehe zur Verfügung. Will mich jemand? Niemand?" Er sah sich um, soweit das seine Lage zuließ. Setzte sich auf, rutschte an den Rand des Daches, um in Monikes Wohnung zu sehen. Suse zog ihn zurück. "Ich nehm dich." Mit einem Blick zu Edgar, der einige Meter entfernt in den Himmel sah, setzte sie sich neben Kutulas.

Raffaela zitterte vor Höhenangst. Sie krallte ihre Finger in Jans Arm. Er löste ihre Hand behutsam, führte Raffaela zu Suse und Kutulas und sie setzten sich daneben. Raffaela war zufrieden, lehnte den Kopf an Jans Schulter und schloss die Augen. Kutulas sah es und legte seinen Arm um Suses Schulter. Frank sah es und setzte sich neben Suse. Die drehte sich zu Edgar um.

 "Edgar?"

Edgar starrte in den Himmel. Er starrte so lange, bis man ihn anstarrte. Dann zeigte er nach oben. "Supernova schlägt Cassiopeia."

Er meinte die Begrenzungsleuchten eines Flugzeuges auf dem Weg zum nahen Flughafen. Es flog beängstigend tief. Kurz darauf versank alles im Lärm der Maschine. Edgar sprang hin und her und drohte nach oben.

 "Denkt nicht, ihr seid die Einzigen!"

Die Maschine verschwand. Plötzlich herrschte über den Dächern eine unglaubliche Ruhe. Edgar sah immer noch nach oben.

 "Was für ein Zug. Was für ein Spiel."

Er sah zu den Freunden. Er wollte herausfinden, ob sie ihn verstanden. Die fünf sahen zurück und versuchten es, wie man versucht, die Namen in alten Taschenkalendern mit einer Nacht zu verbinden.

Der Versuch endete abrupt mit einem inbrünstigen Stöhnen aus der Dachluke.

Marcus hatte es endlich auch geschafft. Er zog sich an die frische Luft. Edgar schleppte ihn zu den Freunden, setzte sich neben ihn. So saßen sie wie früher. Nur dass sie auf diesem Dach dem Himmel etwas näher waren. Edgar brach das Schweigen.

 "Wie hieß dieses Lied, das wir immer singen mussten? Das mit den Sternen."

 "Das Lied von der unruhevollen Jugend."

 "Wie fing das an?"

 "Ich konnte nie singen."

 "Das ist doch egal."

 "Ich kann´s nicht."

 "Ich hab´s auf der Zunge."

Edgar summte einige Takte, bekam die Melodie aber nicht zusammen und schwieg.

Da begann Suse. Sie begann leise und suchend, tastete sich an die Melodie, den Text, sang lauter. Nacheinander fielen sie ein. Der Refrain klang weit über die Dächer.

 "Durchstreift die Fernen, kein Sturm hält uns zurück. Im Flug zu den Sternen, bau´n wir unser Heimat Glück."

Auch in der Wohnung unten war der Gesang zu hören. Die Katze saß vor dem piepsenden Funktelefon und fauchte es an. Als der Gesang endete, fiel ein Stück Stuck von der Decke. Die Katze floh unter die Couch.

Antje

Edgars Heimkehr schien nichts zu ändern. Die nächsten Tage liefen ab wie sie seit geraumer Zeit abliefen. Kutulas saß, wenn er nicht gerade wieder in Schlips und Kragen gehüllt auf der Suche nach einer Anstellung war, über dem Durcheinander seiner elektronischen Geräte oder spähte hinunter in Monikes Wohnung. Jan malträtierte abwechselnd die für ihn zuständige Beamtin des Arbeitsamtes oder seine Schreibmaschine, Suse arbeitete rund um die Uhr, weil sie immer noch keine zuverlässige Kraft für den Tresen gefunden hatte, Frank schleppte sich und das Telefon von einer Immobilie zur anderen, Raffaela saß von einem sie auslösenden Prinzen träumend ihre Bürostunden ab und Marcus pflegte, wie seit seinem Coming Out üblich, entweder die Trauer um eine gerade beendete Affäre oder die Lust auf eine neue in aller Öffentlichkeit. Sah man davon ab, dass der Schreibtisch zwei Meter zur Seite geschoben worden war, um für Edgars Luftmatratze Platz zu schaffen und Jan fortan nicht der einzige, der sich um einen halbwegs gefüllten Kühlschrank bemühte, so blieb alles beim alten. Und dennoch war nichts wie vorher. Überall, wo Edgar auftauchte, kroch aus jeder Dielenritze, jedem Glas Bier und jedem noch so schalen Witz ein leiser Hauch. Kaum spürbar streifte er da ein Gespräch, legte sich dort über einen hungrigen Blick oder wehte feinen Staub aufwirbelnd über den Hinterhof. In dem saß Edgar die ersten Tage nach seiner Rückkehr und widmete sich mit aller Gründlichkeit dem Simson Duo. Er zerlegte es in seine Einzelteile, rettete die, die zu retten waren, besorgte Ersatz für die vollends unbrauchbaren. Wer über den Hof kam, musste an ihm vorüber. Edgar erntete am ersten Tag mitleidige, am zweiten interessierte, am dritten staunende Blicke und Bemerkungen. Dann stand das gute Stück in aller noch möglicher Pracht da und funkelte wie ein Kandiszucker in der Abendsonne. Als Edgar zum ersten Mal den Motor startete und das Geräusch des kleinen Zweitakters die Fassaden hinauf kroch, hätte man ein Papierflugzeug darauf fliegen lassen können. Ringsum wurden Fenster geöffnet und bis auf den BWL-Studenten aus dem Seitenflügel, der nach kurzem Blick auf Edgar und das knatternde Gefährt kopfschüttelnd hinter seinen frisch geputzten Scheiben Deckung suchte, brachte man Edgar wenn schon nicht Zustimmung so doch aber Anerkennung entgegen. Edgar winkte huldvoll nach oben und setzte eine alte Lederschutzkappe auf. Er fuhr vom Hof wie El Cid in die Schlacht.

Dass Edgar tatsächlich nicht umhin konnte, eine Schlacht zu schlagen, war allen am ersten Abend klar. Lediglich Raffaela hatte wieder einmal nichts bemerkt. Edgar war wegen Antje zurückgekommen und nur ihretwegen. Niemand außer Suse hatte die Chance, ihn  danach zu fragen, aber selbst sie bekam keine Antwort. In den drei Tagen tat niemand dergleichen, jede Anspielung auf Antje wurde vermieden und man wartete, wie die Leute in Los Angelos aufs nächste Erdbeben warten.

Edgar war schneller als der Andreasgraben.

Er traf Antje am nächsten Mittag. Kurz nach eins betrat er den Flur des völlig vergammelten Hauses, in dem sie tagsüber mit zwei Freundinnen bis zu zehn Kinder betreute. Er hatte einen Blumenstrauß gekauft und öffnete ohne zu klingeln die zweckentfremdet genutzte Wohnung im Parterre.

Die vier Zimmer waren erstaunlich gut erhalten, die Wände farbig getüncht und die Türen entfernt worden. Edgar stieg über Spielzeug hinweg und sah in das erste Zimmer. An den Wänden standen sechs verschiedene Kinderbetten, in der Mitte des gemütlich weich aussehenden Teppichs ein Laufgitter. Antje hockte mit dem Rücken zur Tür am Boden und richtete dem dreijährigen Mädchen vor dem Gitter die Sachen. Daneben saß Benno und steckte bunte Plastesteine ineinander.

 "Entschuldigung. Ich komme von Fleurop. Ich suche eine Frau...Jetzt hab ich den Namen vergessen.

Benno sah auf, Antje drehte sich nur kurz herum, dann widmete sie sich ohne erkennbare Überraschung wieder dem Kind. Nur Benno zeigte deutliche Erkennungszeichen. Er ließ die Plasteteile fallen und kam heran.

 "Rückwärtsschlagen geht vor Vorwärtsschlagen."

Edgar hockte sich vor den Jungen. "Sag bloß, das hast du dir gemerkt?"

 "Klar, aber die spielen das alle anders."

 "Dann spielen sie es nicht richtig."

 "Spielen wir jetzt wieder zusammen?"

 "Vielleicht."

Er wickelte den Strauß aus und wartete, dass Antje mit dem Kind fertig wurde. Schließlich stand sie auf und Edgar gegenüber. Sie hatte in den drei Jahren nichts außer den letzten Spuren ihres Mädchengesichtes eingebüßt. Das der Frau stand ihr besser. Das mittelblonde Haar war immer noch schulterlang und lag immer noch so, als habe sie es gerade mit der Hand nach hinten gestreift. Die hohe Stirn war ohne Falten, die Wangenknochen traten stärker hervor und betonten das etwas zu breite Kinn und die gerade, schmale Nase. Und wie früher auch entschieden die tiefgrünen Augen allein, ob sie unnahbar und kalt oder weich und offen wirkte. Dazwischen gab es unzählige Schattierungen. Die, mit der Edgar konfrontiert wurde, war ihm neu. Er hielt den Strauß am ausgestreckten Arm. Beide bewegten sich nicht. Was zwischen ihnen in diesen Sekunden vorgegangen sein muss, lässt sich nur vermuten. Keiner verzog eine Miene, kein Wort fiel, und wenn da etwas lief, lief es irgendwo hinter den sieben Bergen.