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In diesem Buch ragen die Figuren auf: Da ist Bill, mein Vater, von dem ich den Spiel- und Witzetrieb geerbt habe. Da ist Salvador Dali, der mir das ökumenische Ohr Johannes XXIII. erklärte. Da ist Margit, meine junge Geliebte, die mich zum Lyriker werden ließ. Sie und viele andere begegneten mir in den frühen Jahrzehnten meines Lebens.
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Seitenzahl: 242
Veröffentlichungsjahr: 2021
Schwäne schlafen auf geisternden Wellen.
Viele Länder und Stimmen im Wind.
Lebensfreude hat sich für die Nacht verkleidet.
Die Luft ist wie sachte Berührung.
In diesem Buch „Spielvogel“ ragen die Figuren auf:
Da ist Bill – mein Vater, von dem ich den Spielund Witzetrieb geerbt habe.
Da ist Salvador Dali, der mir das ökumenische Ohr Johannes XXIII. erklärte.
Da ist Margit – meine junge Geliebte, die mich zum Lyriker werden ließ.
Sie und viele andere begegneten mir in den frühen Jahrzehnten meines Lebens.
Wer in diesem neuen Buch auf eine Seite tippt, wird schnell Kontakt finden.
Seine Wortgebilde sind gehämmert, geglüht und ziseliert.
(Hamburger Abendblatt)
Was für sinnlich starke Arrangements.
Gerhard Zwerenz
Diese Dichtung hat etwas Besessenes, eine Tropik, wie sie überreife Früchte verströmen.
Peter Jokostra
Wir haben die gleichen Götter.
Peter Rühmkorf
Vor dem Mann muss man warnen.
Dietmar Bittrich
Mein Vater saß im Küchensessel und hielt die Neue Ruhrzeitung ausgespannt zwischen beiden Händen.
Wenn die Augen ihm zufielen, sackte der Kopf nach vorn. Lore und ich beobachteten ihn. Kurz bevor der Kopf nickte, sagte einer von uns: „Ein hoher Herr kommt!“, prompt machte Bill seinen Nickerich. Einmal schlief er im Sessel, als ich mit einem Buch über indische Tempelfriese nach Hause kam. „Das wird dich interessieren“, sagte ich. Er rührte sich nicht. Da schob ich ihm das aufgeschlagene Buch direkt vor die blinzelnden Augen. Er war mit einem Schlag hellwach und betrachtete die sonnenbeschienenen nackten Paare des Jagagamba Tempels. Er hing fest wie an einer Leimrute. Bill, der alte Genießer.
Er hatte erotische Storys, die uns immer wieder aufgetischt wurden. Ich hab den feinen Singsang seiner Vortragsweise noch im Ohr. Heute ist mir klar, wie oft ich in seine Fußstapfen trete. Und wie oft ich anderen meine favorisierten Verse und Witze erzähle. Verse naturgemäß seltener.
Aber dann wird's zum Ereignis mit lautmalerischen Ambitionen. Witze sehr häufig. Aber manchmal mit solch einem Tempo, dass keiner mehr mitkam. Bill hielt's ganz lässig. Er lächelte, wenn er mit einer altvertrauten erotischen Fabel anhob:
„Es saßen drei Nonnen an einem tiefen Bronnen und...?
…und?
...und täterätätä“, sagte mein Vater. Der alte Rätseltrick. Wir wussten ja seit langem, was kommen würde. Denn irgendwann hatte er es mal verraten.
„Da saßen die dreizehn Nonnen und...? Und?“
Nun muss es heraus: „...und wuschen sich die Wunden aus“
Was die Dreizehn sich im einzelnen erzählten, haben wir nie herausbekommen. Bei der zehnten aber wurde eine Ausnahme gemacht. Originalton Bill: „Und lächelnd sprach die zehnte – täterätätä…“ Da waren sie wieder: die Rätsellaute.
Doch was Bill durch seine imitierten Kindertrompetengeräusche schmunzelnd zu verdecken suchte, war uns längst durch seine gelegentlichen Indiskretionen bekannt: Erklang also sein Satz: „Und lächelnd sprach die zehnte...“, reimten wir in Gedanken weiter: „meine lässt sich dehnen, von Hamburg bis nach Bremen.“
Um sich vor Augen zu führen, wie Bill diese Sprachdarbietungen genoss, ist es nötig, sich einen pompösen chinesischen Glücksgott in einer gemischten Familienrunde vorzustellen. Bill hatte nicht ganz diese Abmessungen. Aber er war schon ein Berg von Mensch. In der Stadtlandschaft und in der Wohnung. Wenn er auf dem Sofa schlief – und ich habe das Bild einige Male gezeichnet – erinnerte er an den großen, mit dem Kopf auf der rechten Hand ruhenden, Buddha von Polonnaruwa.
Mit einer Allonge-Perücke ausgestattet, wäre er in wassermusikalischen Zeiten als Händels voluminöser Bruder durchgegangen. Denn in den Gesichtszügen besaß er eine auffällige Ähnlichkeit mit dem barocken Genius.
Wenn ich heute in meinem überlangen, senfgelben Trench an einer Schaufensterscheibe vorüberschreite und mein wandelndes Profil sehe, muss ich an ihn denken. Bilder überlagern sich. Wortzwänge auch.
Mit manchen seiner Sätze rief Bill eine ganze Szenerie vor Augen. Bei anderen hatten seine Zuhörer ein gutes Stück gedankliche Arbeit zu leisten.
Seine Mitteilung, „Nach ländlichen Festen legten die Hühner besonders große Eier“, leuchtete nicht jedem sofort ein.
Wer dachte denn auch schon an die verliebten Paare, die aus dem Trubel eines solchen Festes ins Freie strebten, um sich umhaucht vom Sommerwind, noch näher zu sein?
Da wurde mit Sicherheit beim Austausch der Gefühle hie und da mal ein Rückzieher gemacht.
Das aufmerksame Federvieh aber fand am nächsten Tag in Feld und Rain auch ungewohnte Zugaben zur üblichen Körnerkost.
Bill – das muss hier klar und deutlich gesagt werden – war auch ein früher Meister der Happenings.
Was sich da im dritten Stock seines Essener Wohnhauses zutrug, ist noch nicht in die Annalen der Kunstgeschichte eingegangen. Es fand schließlich auch in der Verschwiegenheit eines Toilettenraumes statt. Ungewöhnliches begab sich da in der Tiefe einer Porzellanschüssel: Festliches Licht flackerte auf.
Ein Berg, gespickt mit flammenden Streichhölzern, wies auf das Unwiederbringliche dieser Veranstaltung hin.
Dass Bill auch den peristaltisch gesteuerten Urlauten des menschlichen Körpers ein starkes Interesse zuwandte, nimmt nach den eben geschilderten Ereignissen nicht wunder.
Und auch hier meldete sich wieder der Drang, solche Vorgänge samt ihren Folgewirkungen zu zelebrieren. War es ihm in unserer Wohnung gelungen, die Luft eines Raumes mit körpereigenen Gasen anzureichern, ging sein ganzes Bestreben auch dahin, ein anderes Familienmitglied durch irgendeinen Ausruf in seine Nähe zu locken. Stand nun dieser arme Verführte in der höllischen Wolke, hörte man die Stimme des Wohnungsbesitzers:
„Nimm dir mal ein Näschen voll!"
Die entsetzten Aufschreie meiner Mutter genoss er mit besonderem Behagen.
Bill stand seinerseits in einer Tradition. Seine Brüder hatten die Späße mit dem eigenen Gebläse auch in ihrem Repertoire. Mein Onkel Hermann pflegte ahnungslosen Halbvertrauten seine rechte Faust mit dem vorragenden kleinen Finger entgegenzustrecken. Dabei sagte er: „Zieh mal dran!"
Meine Schwester und ich wussten, was geschehen würde, wenn man auf seinen Wunsch einging.
Bei diesem Onkel warteten gewaltige Entladungen. Die Sippe der „van Wells“ hatte schon immer einen Nerv für urwüchsige Scherze. Und so zieht sich von meiner badewannenwasserbrubbelnden Kindheit bis in die jüngste Zeit eine Kette von Anekdoten wie eine Reihe von Würzwinden. Ich erinnere mich noch genau an einen Redaktionsnachmittag, bei dem ich mir die Freiheit nahm, einige Gesprächspointen mit dramaturgisch genau gesetzten Krachern zu betonen.
Als ich beim Abschied noch mal einen knallen ließ, drehte sich mein wunderbarer Kollege W. S. in der Tür um und fragte: „Wer von euch beiden hat mich gerufen?"
Wenig bekannt ist, dass sich ein Darmwind mit der Hand fangen lässt. Schon in frühester Kindheit beherrschte ich die Kunst, den Darmflüchtling am Ausgang mit schnellem Griff zu umschließen und das in der Faust gefangene Faulgas unter der Nase eines Vertrauten in die Freiheit zu entlassen. Anrüchig oder nicht – Friedrich Schröder-Sonnenstern hätte seine Freude daran gehabt. Rabelais auch.
In der attischen Komödie waren Anspielungen auf die Darmhupe durchaus typisch.
Baldung Grien sah im Hexensabbat eine Gelegenheit, das Unsichtbare als brodelnde Rauchwolke ins Bild zu bringen.
Mächtig windet's auch auf Beardsley's Illustrationen zu „Lysistrata“. Und Goyas Höllengreisin packt in den „Capriccios“ einen blühenden jungen Cupido an beiden Beinen, um mit ihm als Blasebalg ein Feuer anzufachen. Gewaltig bläht sie die Nasenflügel.
Diese Naturdünste sollten ihr nicht entgehen.
(Verwunderlich eigentlich deshalb, weil man aller Erfahrung nach nur den eigenen Darmqualm mit Behagen inhaliert.)
Bill, der alte Schalk, hatte immer seinen Spaß an unbürgerlichen Aktionen. Und Lore, seine Tochter, steuerte eine unwiderstehliche Erzählung bei.
Mit ihrem zweiten Kind schwanger, saß sie eines Tages mit Lachanfällen im Bus. Sie kam eben vom Gynäkologen und sah in Gedanken den Kopf des untersuchenden Mediziners zwischen ihren Schenkeln. Wenn da die Darmtrompete einen Ton gegeben hätte. Vielleicht hätte er ja auch ein paar Lachfältchen bekommen, der Frauenarzt, für dessen heikle Situation man bei einem von Arno Schmidt zitierten Kalauer noch mehr Verständnis hat.
Denn da heißt es:
Zwischen zwei Bergen brummt ein Bär.
Deftige Tochter.
Deftiger Vater.
In ihrer Verlobtenzeit erhielt Trüdchen, meine Mutter, einen Brief, in dem Bill kurz und bündig schrieb:
Ziehe bitte Deine schwarze Unterwäsche an. Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzuteilen. An Selbstbewusstsein hat es dem Scherzbold nie gefehlt.
Auch als er längst in die Rolle des Super-Schwergewichtlers hineingewachsen war, änderte sich nichts daran. So kam er eines Tages nach Hause und erzählte von einem Erlebnis in der City: „Ich hab' da heute einen schönen Kerl gesehen", sagte er. „Und?", fragten wir. „Na, ich bin auf ihn zu und wollte ihm die Hand schütteln." „Und dann?"
„Ich bin glatt gegen eine Glastür gerannt", sagte Bill.
Stoff zum Lachen gibt's auch, wenn ich in den Frühzeiten meiner Existenz herumgründele. Zeugnisse aus fremden Mündern kommen mir da grade recht. Was hab ich angerichtet als Mini-Mensch?
Offenbar eine junge Mutter in gute Laune versetzt.
Die sah, wie ich als kleiner Bub an ihren Kinderwagen trat und ihren Sprössling betrachtete. Ähnliche Vorgänge sieht man tausendmal auf den Straßen. Aber der Bub sagte etwas. Und da lachte die Mutter. Sie ging zu meiner Mutter und berichtete.
„Was ist denn das für 'ne Spinatwachtel?", hatte ich gefragt. Eine seltene Bezeichnung, sicher. Aber nicht für die van Wells. Bei uns zu Hause fielen solche Worte. Ich hätte auch „Schlingenfittich“ sagen können. Ulkige Typen waren damit gemeint.
Damals lag die Zeit des „Eine-ka-beine-kabupps“ wohl schon hinter mir. Ich erinnere mich, dass ich als Kleinling beim Spaziergang beide Arme ausstreckte, links Trüdchens und rechts Bills Hand ergriff. Nun setzten sich meine Erzeuger in einen leichten Trab und riefen „Eine-ka-beineka…“ und dann geschah's: Bei dem Wort „bupps“ schwebte ich in der Luft, von beiden Händen festgehalten. Es war nur ein kurzes Schweben.
Aber es war ein Schweben. Und es wiederholte sich. In jenen fernen Tagen stand ich einmal in der Haustür und rief einem vorbeilaufenden Rothaarigen „Rotfuchs, Rotfuchs!“ hinterher. Das Schöne daran: ich war selbst ein Rotfuchs.
Um die frühe Fixierung des Knaben Manfred auf das weibliche Geschlecht ging's in einer anderen Geschichte. Ich muss da erst drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Wir fuhren im Zug. Uns gegenüber saß ein schönes Mädchen, das plötzlich zu lächeln begann. „Kneif ihr doch mal ein Äugsken zu!", sagte mein Vater zu mir. „Hab ich doch gerade getan", sagte der jugendliche Hoffnungsträger.
An Eisenbahnabteile knüpfen sich für mich auch andere Geschichten aus meiner Kindheit. So war es bei Zugfahrten für uns durchaus üblich, Nachbarn beim Bonbonverteilen zu berücksichtigen.
Getreu dem Motto: KEIN HERZ SOLL BLUTEN.
Heute gehört es zu meinen Gepflogenheiten, sympathische oder gefällige Zeitgenossen – wo immer ich sie treffe – mit kleinen Geschenken zu überraschen. Das können chinesische Mini-Autos, opalene mexikanische Glasmurmeln, farbige Flummi- Gummikugeln, Schüttelspielzeuge oder Vogelzwitscherdöschen sein. Diese Schenkbesessenheit hat mir von Seiten einer amerikanischen Bekannten den Beinamen „Santa Claus“ eingebracht.
Kurz: Die Taschen meiner Popelinemäntel sind immer schwer von allerlei Krimskrams. Kommt es nun irgendwo zu einer Übergebe-Zeremonie, werden Augenzeugen, die den Vorgang wohlwollend beobachten, mit ins Spiel gezogen. Getreu dem Motto: KEIN HERZ SOLL BLUTEN.
Dieser Tage gingen englische Glaskugeln der Marke „Sternenflimmer“ an mehrere U-Bahn-Fahrgäste. Ich sah beim Aussteigen in einige lächelnde Gesichter.
Doch nun zurück zu Bill, dem alten Lustmolch, der sich auch konsequent zeigte, wenn es darum ging, den Filius vor einem Störenfried zu beschützen. Wie mir später berichtet wurde, hat der dem langjährigen Daumenlutscher Manfred einmal einen guten Dienst erwiesen.
Ich besaß damals ein Schmusekissen, über dessen Zipfel ich beim Daumennuckeln mit dem Zeigefinger ging. Genussverdoppelung, würde man heute sagen. Der Spielverderber, ein Freund der Familie, aber zerrte mutwillig an diesem Kissen. Er wollte sich einen Spaß machen. Da bekam er es aber mit Bill zu tun. Was die streichelbaren Gegenstände angeht, hatte ich im Laufe der Zeit die verschiedensten Vorlieben.
So machte es mir in der Menzelstraße 26 morgens im Bett ein großes Vergnügen, mit den ersten beiden „kneifenden Zehen“ des rechten Fußes am Schlitz des Oberbetts entlang zu fahren, bis ich auf einen Mangelknopf traf. Ich genoss es, die Glätte der Stoffbespannung zu fühlen und den Knopf, der nicht die Härte eines Horn- oder Metallknopfs hatte, schmerzlich süß zwischen die Zehengabel zu pressen.
Angenehm war es auch, mit Daumen und Zeigefinger über die polierte Rundfläche zu gehen. Aber schließlich genügte mir das alles nicht mehr, und ich zerkaute die aus Stoff und dünnem Blech bestehenden Mangelknöpfe zu Klumpen.
Bemerkenswert an diesen Vorgängen ist auch, dass Trüdchen sich nie über die vielen verklumpten Mangelknöpfe beklagte.
Ich bin auch heute noch ein leidenschaftlicher Kauer. Die Fingernägel wachsen ja immer wieder nach. Die Fußnägel auch.
Kaugummis waren schnell fade gekaut. Speckschwarten und Pfirsichkerne irgendwann langweilig. Aber auch die Bleistifte kamen dran. Die Handschwielen. Die Nagelränder. An einem abstehenden Hautzipfelchen zupfte ich mit einem schmerzenden Ruck, bis Blut floss. Glasig rot war die Unterhaut. Ich hustete einen Nagelrand aus.
Bill schnitt sich die Fußschwielen mit der Rasierklinge ab. Es ging mir durch und durch. Bill verblüffte uns, wenn er mit dem Daumen von unten gegen seine Nase drückte und weiße Talgwäldchen aus dem Nasenflügel sprossen. Bill der Entdecker.
Er kannte auch den Geschmack von Trüdchens Muttermilch.
Er saß manchmal im dunklen Wohnzimmer, sog an der Zigarette, dass nur ein Glühpunkt sichtbar war und erzählte Lore und mir Märchen. Die Geschichten übten einen großen Sog auf uns aus.
Denn nicht selten wurden wir als Akteure selbst in die Handlung einbezogen.
Bill war wie ein Altvogel, der vorverdautes deutsches, griechisches und orientalisches Sagen- und Märchengut aus seinem Kropf herauswürgte und uns Jungvögel damit fütterte. Die Winde sausen um das Haus. Der Vater erzählt vom Nikolaus.
Nein, vom Nikolaus erzählt er nicht. Aber eine andere alte Formel ließ Bill gelegentlich aufleben.
Und dann hob er an: „Es war einmal ein Vater, der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sagten: ‚Vater, erzähl' uns eine Geschichte.‘ Da sagte der Vater: ‚Es war einmal ein Vater, der hatte sechs Söhne.‘ Und die sechs Söhne sagten: ‚Vater, erzähl' uns eine Geschichte.‘ Da sagte der Vater: ‚Es war einmal ein Vater, der hatte fünf Söhne.‘ Und die fünf Söhne sagten: ‚Vater, erzähl' uns eine Geschichte.‘ Da sagte der Vater: ‚Es war einmal ein Vater, der hatte vier Söhne.‘ Und die vier Söhne sagten: ‚Vater, erzähl' uns eine Geschichte.‘ Da sagte der Vater:‚Es war einmal ein Vater, der hatte drei Söhne.‘ Und die drei Söhne sagten: ‚Vater, erzähl' uns eine Geschichte.‘ Da sagte der Vater: ‚Es war einmal ein Vater, der hatte zwei Söhne.‘ Und die zwei Söhne sagten: ‚Vater, erzähl' uns eine Geschichte.‘ Da sagte der Vater: ‚Es war einmal ein Vater, der hatte einen Sohn.‘ Und dann erzählte der Vater die Geschichte.“ Der Vater hieß Bill. Das war schon eine harte Geduldsprobe für Lore und mich. Bills Erzählungen rumorten in mir. Sie mussten heraus.
Und sie kamen auch heraus. In meiner Art natürlich. Meine Zuhörer waren kleinere Buttjes aus der Nachbarschaft. Und der Sog der Geschichte hielt sie bis zum Schluss.
Traditionen vererben sich. Als Lores Sprösslinge Ute und Frank – Jahrzehnte später – ins Märchenalter kamen, saßen sie – meist an den Weihnachtsfeiertagen – auf meinen Knien und gerieten nach dem Willen der Regie in schwere Schneestürme, bis Ute eines Tages von meinem Knie herabglitt.
Aus dem Kind war ein Mädchen geworden.
Onkel Manfred war nicht länger nur ein Onkel.
O wie kalt ist es geworden.
Und die Sonne scheint nicht mehr.
Aus alten Zeiten kommt es heran.
Ein Winterlied der öden Horizonte.
Wenn ich bei offenem Fenster an meiner Schreibmaschine sitze und die Knie kalt werden, hat es auch heute noch seinen Auftritt.
In der Wundkrustenknibbelzeit der frühen Jugend war der Kruppsche Wald auch im Sommer ein Abenteuer-Wald.
Mit Brennnesseln, Schneebeeren, Holunderblasröhrchen, Kaulquappen im Waldteich, Waldklos und Scheißhaufen, dicken Bohnen vom benachbarten Feld, Apfelbäumen an den Asphaltwegen und matschigen Uferzonen für den Start der langen Pfähle, die wir „unsere Schiffe“ nannten. Aber es konnte auch alles ganz feierlich sein. Feierlichsonntäglich. Sonnenlichtgeflimmer auf den Wanderwegen des Kruppschen Waldes.
Die Familie van Well unterwegs.
Dann die Waldwirtschaft und die üblichen Spiele.
Limonadeflaschen auf dem Tisch. „Wie viele Schlucke?", fragte ich. „Drei", sagte Bill. Er hätte auch sagen können: ein großer Schluck. Oder: drei kleine Schlucke. Aus der Zeit der Sandkastenspiele war ich damals schon lange heraus. Aber ich erinnere mich noch genau, dass es mir Triumph war, die Umfassungsmauer mit einem Schüppchen zu untergraben. Dann konnte man kleine Wagen durch die so entstandene Öffnung von drinnen nach draußen schieben. In jenen frühen Tagen gab's den Brauch, einen Birnenstiel mit ausgekauten Fasern als „Malerpinsel“ anzubieten. Auch mit einem Sträußchen war rasch gedient. Man musste da nur mit festem Kneifdruck an bestimmten Grashalmen hochfahren und hatte schon ein kleines Bukett aus Rispen zwischen den Fingern. Dass wir uns von Brennnesselblättern nicht mehr beißen ließen, dafür sorgte schon ein entschlossener Zugriff der Daumen-Zeigefinger-Zange.
Das alles lag schon einige Zeit zurück. Jetzt kamen auch neue Schnupper-Erfahrungen hinzu. Ich knibbelte von Bauzäunen Fichtenharz ab, formte kleine Kügelchen und ließ sie unter der Nase rotieren, um den würzigen Duft zu inhalieren.
Zugegeben, ich kannte noch nicht den süßen Hauch der Schlüsselblumen und nicht den narkotischen Ruch, der von den Blüten und Blättern der wilden Johannisbeere ausging.
Doch im Reich der Gaumenfreuden hatte ich schon so manches erlebt.
Zumal, was die Süßigkeiten betraf.
Da waren Lakritzstangen, Lakritzpfeifen, Lakritzrollen, Frigeo-Brausepulver-Tütchen, Salmiakpastillen-Muster auf dem Handrücken, Hustelinchen, Rheilaperlen, Brotbonbons, Süßholzstangen, Veilchenpastillen, silbern überzuckerte Salmiakpastillen, säuerliche Mille-Fiori-Bonbons, Dragee-Eier, Fondant-Eier, Schokolade-Osterhasen, puderzuckerbestäubte Rondonkuchen, marmorierte Kuchen, saftige Pflaumenkuchen.
Aus der Erfrischungsbude am Ende der Jansenstraße holten wir uns waldmeistergrüne und erdbeerrote Brausegetränke. Dort gab's auch Wundertüten, die Vorläufer der späteren Überraschungseier.
Die frostkalten, gletscherwassergrünen, knuddeligen, kleinen Selterswasserflaschen konnten erst getrunken werden, wenn der Kioskbesitzer die Glaskugeln im Flaschenhals mit einem Holzpflock in die Tiefe gedrückt hatte. Bis zum Pavillon an der Brücke zur Kruppschen Siedlung Margarethenhöhe war's noch ein ganz schöner Spaziergang. Im Inneren des kleinen Baus warteten auf der Theke viele mit Bonbons gefüllte Glasgefäße. Eines Tages wollte Trüdchen uns eine Freude machen und nahm Hannelore und mich mit in den Pavillon.
Wir durften selbst die Bonbons zusammenstellen.
„Soll ich verschiedene Tütchen nehmen?", fragte die Verkäuferin. „Nein das ist nicht nötig", sagte Trüdchen. Und dann ging's los. Wir beide zeigten auf die bunt gefüllten Glastöpfe.
Davon. Davon. Davon. Ach vielleicht noch zwei davon. Und vier von diesen.
Auch Trüdchen hatte Wünsche. Dann redeten wir wieder. Irgendwann war die große Tüte voll. Trüdchen suchte die Börse. Hatte sie aber nicht dabei.
Entschuldigte sich. Wir gingen.
Und die Verkäuferin frönte nun dem alten Märchenspiel: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Köpfchen. Auch daheim ereigneten sich fröhliche Dinge. Trüdchen hatte mit viel Liebe und unter Beihilfe ihrer Sprösslinge eine Schwarzwälder Kirschtorte gefertigt. Essen durften wir noch nichts. Nicht das kleinste Stückchen.
Durch irgendeinen Umstand – ich weiß nicht mehr, wer seine Hand im Spiel hatte – klatschte das sandige Meisterwerk aus einiger Höhe auf den Boden. Und Bill sagte: „Jetzt könnt ihr soviel essen wie ihr wollt!" Starkes Wort von Bill. Ganz sicher. Es gab auch Worte, die uns nicht gefielen.
Wir sollten nicht mehr sagen: Ich will! Wir sollten sagen: Ich möchte. (Wie oft hatten wir uns eigentlich daran gehalten? – ich weiß es nicht.)
Vom Pharisäer-Gleichnis in der Kirche blieb ein mulmiges Gefühl zurück. Ähnlich ging's mir bei Bills Worten: „Entschuldige dich bei Mutter!"
Nur gut, dass Trüdchen nichts von solchen Entschuldigungen hielt. Drastische Witze trafen den Nerv.
Wenn sie Tabuzonen berührten, dann wurden auch kleine Unverständlichkeiten hingenommen.
Die Story von dem gierigen Dienstmädchen gehört hierher. Ich glaube, die Sache hätte auch Arcimbol gefallen. Sie war scharf auf Flammkuchen, die junge Hausangestellte. Und sie wusste, dass eine sauersüßsaftigzuckrige Kuchenpyramide in der Speisekammer wartete. Da kam ihr eine ungewöhnliche FKK-Idee. Um von keinem erkannt zu werden, kroch sie, den nackten Arsch vorgestreckt, rückwärts auf die verbotene Kammer zu, öffnete die Tür, grapschte sich schnell ein großes Stück Pflaumenkuchen, schloss die Tür und kroch eilig wieder davon. Gab's Zeugen? Leider ja. Der kleine Bub des Hauses hatte die Mundräuberin vom Fenster aus beobachtet. Mit seinen Mitteilungen konnte man allerdings nicht viel anfangen. Er sagte immer nur: „Dicke Backen, keine Näs." Da freuten wir kleinen Spechte uns.
Es durfte wohl noch etwas deftiger kommen. Eine Scherzfrage war sehr beliebt:
Hast du Durst?
Dann geh zu Frau Wurst.
Die hatten klein Hünneken.
Dat pinkelt dir int Münneken.
Aus dem Kölner Raum kam ein Lied, bei dem es vor allem darum ging, den rheinischen Dialekt nachzumachen:
Bei Palms, da ist die Piep kapott.
Die Piep kapott.
Die Piep kapott.
Da hat die arm' Frau Palm
die ganze Stub' voll Qualm…
Auch das Märchen hielt Einzug in der Jansenstraße. Zwei von uns fassten sich an den Händen und bildeten mit erhobenen Armen einen Tordurchgang.
Dazu sangen wir:
Macht auf das Tor.
Macht auf das Tor.
Es kommt ein goldener Wagen.
Nun gingen die Spieler gebückt in einer Reihe immer wieder unter dem Torbogen der Arme durch und sangen:
Was will er, will er denn?
Was will er, will er denn?
Er will die Christel holen.
Dann senkten sich die Arme. Christel war gefangen.
Viel weiter ging's dann nicht mit der Geschichte.
Eine Art Spottvers galt einem Mädchen, dass irgendetwas falsch gemacht hatte. Aber der Vers war gleichzeitig so nett, noch ein paar Tipps zu geben. Die Gruppe sang:
Da steht sie nun
Und hat kein' Mann
Und ärgert sich zu Tode.
Ein andernmal fang's besser an
Und mach' es nach der Mode.
Ein unbeschwert tänzelnder Klang kam auch aus dieser Zeit. Eine Zauberformel übrigens:
Simsalabimbambasaladusaladim…
In dem Lied, das dazugehörte, ging es um einen Kuckuck und einen Jäger. Aber im Kopf hatten wir immer das:
Simsalabimbambasaladusaladim…
Im Text war Trauriges und wieder Nettes. Aber unsere Gedanken hüpften auf den bunten Tonspuren herum:
Simsalabimbambasaladusaladim…
Nach vielen Jahrzehnten würde ich das Lied wiedererkennen. Ich freute mich, als die Mädchen aus dem Kindergarten den Refrain sangen:
Simsalabimbambasaladusaladim…
Für Spannung sorgten damals die Versteckspiele.
Einer von uns stand vor einer Mauer, legte einen Unterarm gegen die Wand, bettete den Kopf darauf und rief:
Eins, zwei, drei, für Eckstein. Alles muss versteckt sein. Hinter mir da geht es nicht. Eins, zwei, drei, ich komme!
Die ganze sommerliche Herumrennerei war in diesen Versen. Wir spielten auch Fangen. Max, mein Neffe, erklärte mir dieser Tage kurz und bündig, worin der Reiz der Verfolgungsjagden lag.
„Mädchen haben das gern," sagte der fünfjährige Freund des weiblichen Geschlechts.
Ich selbst erinnere mich noch gut an ein Mädchen, dass sich beim Laufen immer gleich fallen ließ, wenn es die Hand des Jägers auf der Schulter spürte. Es war wie Magie. Und Magie war es auch – liebes rheinisches Schiefergebirge – mit einem Schiefergriffel kreischend auf einer Schiefertafel zu schreiben. Auf-ab-auf-I-Pünktchen-drauf. Unsere Schreibgeräte mussten immer schön spitz sein. Dafür gab's eine Griffel-Feile – ein schmales Holzblöckchen mit zwei zueinander gekippten, geriefelten Eisenflächen. Und wenn man von einer Fingernagelfeile Fingernagelstaub wegblasen konnte, so war es bei einer Griffel-Feile eben rheinischer Schieferstaub.
Während der Schulstunde hatte ich meine zusätzlichen kleinen Räusche. Ich drückte die Nase in mein rotporöses nasses Tafelschwämmchen. Raum und Zeit verschwanden: Ich roch feuchten Waldboden. Auch vorn an der großen Tafel kam man nicht ohne Wasser aus. Dem vollgesogenen, wasserschweren Badeschwamm hatten die weißen Kreideschriftkolonnen nichts entgegenzusetzen.
Im ersten Lesebuch wirkte einiges fremd. Keiner von uns wäre auf den Gedanken gekommen, in einer Apotheke nach Haumichblau oder Mückenfett zu fragen. Dann wieder gab es Seiten, die ich häufig mit Behagen aufsuchte. Eine mit einem Holzschnitt von Ludwig Richter. Ein Häuschen, ein Berghang und eine friedliche, kleine Gesellschaft.
Offensichtlich fühlten sich alle wohl: Die spielenden Kinder, die Lämmchen, der Alte mit der Pfeife, die junge Mutter mit ihrem Säugling.
Schönwetterwölkchen trieben am hellen Himmel.
Im Giebelbalken des Häuschens las man den Leitspruch des Bauherren: Mein Nest ist das best. Da hatte ich sie also für mich entdeckt, die deutsche Lust am gemütlichen Winkel, die ich später auch in den Werken von Dürer, Cranach, Elsheimer, Spitzweg und Menzel wiederfand.
Aus der Ferne kamen winterliche Klänge:
Kling Glöckchen Klingelingeling Kling Glöckchen kling…
Die Adventszeit begann für uns gegen alle kalendarischen Regeln bereits mit dem 1. November.
Am Allerheiligentag besuchten wir abends den Rühle-Friedhof in Essen-Holsterhausen.
Weihnachtlich glänzet der Wald. Freue Dich, Christkind kommt bald.
In der Adventszeit wirkte es wie Christbaumzauber, wenn ich eine Wunderkerze mit einem Streichholz entzündete und die allseits absprühenden Blitze des kleinen Feuerwerks beobachtete.
In den Schaufenstern der Bäckereien hatten sich um diese Zeit – wie auf eine allgemeine Verabredung – ganze Heerscharen von großen und kleinen goldgelb gebräunten Stutenkerlen mit Rosinenaugen und weißen Tonpfeifen versammelt.
Die Stimmung kulminierte in mir zu einem einzigen Lied, vielleicht dem intensivsten Lied meiner Kindertage. Man brauchte es nur zu summen, um wieder in den adventlichen Sog zu kommen. Noch schöner war es, die Verse langsam bedächtig mit auskostendem Genuss zu singen:
Nikolaus komm in unser Haus,
pack die großen Taschen aus,
stell dein Schimmelchen untern Tisch,
dass es Heu und Hafer frisst.
dass es Heu und Hafer frisst.
Der heilige Mann war allgegenwärtig.
Ich saß mit meiner Schwester Lore in der Badewanne. Wir hatten wieder mal Streit. Von irgendwoher sprach eine Nikolausstimme zu uns, in der ich damals nicht die Stimme meines Vaters erkannte. Lore sagte zu mir: "Manfred, lieber Manfred, lässt du mich weiter hinten sitzen?" Ein andernmal hatten wir im Bett Streit miteinander.
Diesmal sprach der Nikolaus hinter der Schlafzimmertüre. Wir sagten hinterher zu meiner Mutter:
„Da war gerade ein anderer Nikolaus, der hatte genau deine Stimme."
Ja, ich habe sie erlebt, die schöne Zeit der Weihnachtsbäckerei. Wir standen abends vor dem bemehlten Küchentisch und hatten unseren Spaß daran, akkurate Figuren aus dem ausgerollten Teig herauszustanzen. Außerdem gab's Honigkuchen, Spritzgebäck & Teigmännchen mit Rosinenaugen.
Was zu hell und zu dunkel geraten war, konnten wir gleich aufessen. Bei einer Übung, die mir besonders gefiel, drehte Trüdchen Teig durch einen leicht umgerüsteten Küchenwolf, und ich fing die dünnen, gerillten Teigstreifen, die vorne herauskamen, mit einem breiten Messer auf und legte sie auf ein Backblech. Dass sich mit Dr. Oetkers dünnen Backaromen-Fläschchen Schnokus treiben ließ, war Lore und mir schnell aufgefallen. Man konnte die Glasröhrchen ansaugen und dann standen sie von der Zunge ab. Draußen, in der dunklen Stadt, warteten neue Anziehungspunkte. Das waren die Schaufenster der großen Kaufhäuser, in denen Märchenfiguren, Zwerge und Bären mit ruhigen, wiegenden Bewegungen ihren Tätigkeiten nachgingen.
Die Theater-Plakate waren endlich auch für Kinder interessant. So viele Märchen wurden das ganze Jahr über nicht gespielt. In allen Geschäftsstraßen hörte man Weihnachtsmelodien. In meiner Kirche, der Stephanus-Kirche in Essen-Holsterhausen, ging mir ein Adventslied nicht mehr aus dem Kopf:
Tauet, Himmel, den Gerechten.
Wolken, regnet ihn herab.
Was wirklich in dem Text beschrieben wurde, habe ich damals gar nicht wahrgenommen. Aber ich fühlte die Erwartung in den Worten und den lang gezogenen, schweren Klängen.
Meist schneite es um diese Zeit noch nicht oder hatte schon mal kurz im November geschneit. Unser Adventskalender aber glänzte wie eine schneeige Mondnacht. Und Silberflimmer hatten wir manchmal auch an den Fingern. Überall auf den Straßen und Plätzen gab's jetzt Fichtenschonungen.
Wir sangen:
Leise rieselt der Schnee.
Still und starr liegt der See.
Weihnachtlich glänzet der Wald.
Freue dich, Christkind kommt bald.
Sehr gegenwärtig und doch fern wie im Märchen war uns auch ein Mädchen, das mit verschwörerischer Stimme erzählte:
Von drauß' vom Walde komm ich her.
Ich muss euch sagen:
Es weihnachtet sehr.
Tannennadeln verbrannten knisternd auf den heißen Ofenringen. Mit einer Füllung von Butter und Zucker schmorten und schmurgelten Bratäpfel im Ofen.
Die Stimmen sangen:
Morgen Kinder wird's was geben.
Morgen werdet ihr euch freuen.
Und dann schwang eine Ahnung von Glück durch den Raum. Die Stimmen sangen:
Einmal werdet ihr noch wach.
Heißa, dann ist Weihnachtstag.
Einen halben Tag vor der Bescherung gaben gewisse verstaubte Pappkartons aus den Kellerräumen ihre Schätze frei. Da waren sie wieder: Die Weihnachtssilberkugeln, die Silberglasvögel mit den Feenschwänzen, die silbernen Trompeten und Tannenzapfen und die silberne Pickelhaubenspitze des Baumes. Ausgepackt wurden auch die talgverkrusteten Kerzenhalter und die klumpig zusammengepressten Lamettabündel aus dem Vorjahr.
Und schon stellte sich für die Baumschmückenden die Frage: Sollte man die alten Lamettabündel auseinanderfieseln oder schon die schmalen Tüten mit dem neuen, frischsilbernen Lametta öffnen?
Am Nachmittag des Heiligabends warteten wir auf das Dunkel.
Der Opa väterlicherseits war Kaufmann. Er hatte sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet und besaß sechs Häuser. Von einem Grundstück habe ich später auch Geld geerbt. Er hatte die Angewohnheit, bei Festen Geld aufs Sparkonto zu überweisen. Das wurde 1948 bei der Währungsreform im Verhältnis eins zu zehn abgewertet. Der Opa mütterlicherseits wohnte auf der Margarethenhöhe. Der Gang dahin führte am Kruppschen Wald vorbei. Und dieser Gang war unser Horsd o'euvre.
Denn zu Hause sollte es ja erst richtig losgehen.
Wenn wir wieder nach Hause gingen, waren die Straßen voll vom melodischen Metall-Klang vieler Glocken. Als traditionelles Heiligabendessen gab's wie immer Räucheraal. Dann klingelte das Glöckchen.Wir gingen hinüber ins Wohnzimmer mit dem strahlenden Lichterbaum.
Im Halbdunkel
überall Geschenke.
Heiligabendstille.
Silberspiegelkugeln
und glitzernde Zweige.
Regenbogenkreise
leuchten aus der Dunkelheit.
Diamantstaub
glänzt
im flackernden Licht.
So flimmert
ein Tännchen
im rieselnden Schnee
einer Winternacht.
Wir sangen:
O du fröhliche
O du selige,
gnadenbringende
Weihnachtszeit!
Danach stand ich bereit.
Bill zündete
ein Blitzlicht an,
kam vom Baum zurückgerannt,
nahm mich
auf den Schoß
und
Wufff!
Das aktuelle Weihnachtsfoto war entstanden. Im Licht des Tannenbaumes begann die Suche nach den Geschenken.
Ich sah vor mir auf dem Weihnachtstisch das blaulackglänzende Schuco-Rennauto mit dem drehbaren Lenkrad und den abnehmbaren Gummireifen.
Die wunderbaren Gefühle bei der Bescherung kann man nicht beschreiben.
Bei einem kleinen magischen Spiel lassen sie sich vielleicht erahnen. Es gab damals Glanzpapierhefte mit weißen, unregelmäßig aufgerauten Seiten. Rubbelte man mit einem Farbstift darüberhin, kamen plötzlich bunte Märchenfiguren aus dem Nichts heraus. So ungefähr war's.
