Spielzeit - Michael Heuermann - E-Book

Spielzeit E-Book

Michael Heuermann

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Beschreibung

Spielzeit führt den Leser in die exotische Welt hinter dem Bühnenvorhang und erlaubt einen intimen Blick auf die Menschen und Geschehnisse im Theater. Es handelt von Triumph und Scheitern. Von der Passion für den Tanz, misslungenen Vorstellungen, den Sorgen des Ballettmeistern und den beglückenden und anstrengenden Momenten des Theateralltags. Dem Beginn und Ende von Karrieren, von Verletzungen und Enttäuschungen und dem Entstehen des Ballettabends Romeo und Julia. Eine Geschichte von manipulierter Kindheit, Gefühllosigkeit, Konkurrenz und Einsamkeit - aber auch vom Ballett als der „schönsten Sache der Welt.“

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Spielzeit führt den Leser in die exotische Welt hinter dem Bühnenvorhang und erlaubt ihm einen intimen Blick auf die Geschehnisse im Theater.

Eine Geschichte von manipulierter Kindheit, Gefühllosigkeit, Konkurrenz und Einsamkeit - aber auch vom Ballett als die „schönste Sache der Welt.“

Der Autor

Michael Heuermann, geboren 1952 in Berlin, studierte dort klassischen Bühnentanz an der Tanzakademie Tatjana Gsovsky / Gert Reinholm. Seine ersten Engagements bekam er am Staatstheater Wiesbaden/ am Nationaltheater Mannheim und an den Städtischen Bühnen Augsburg. Am Staatstheater Oldenburg arbeitete er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Theater als 1. Solotänzer, Trainingsleiter, Choreograph und Ballettmeister.

Es folgten Ausbildungen in Rhythmischer Erziehung sowie Ballettpädagogik.

Nach einem Studium der Erziehungswissenschaften und verschiedener therapeutischer Ausbildungen arbeitete er viele Jahre als approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut sowie als Tanztherapeut / Heilpraktiker.

Seit 2012 lebt er wieder in Berlin und ist Lehrbeauftragter an der Universität der Künste.

Nach seinen Fachbüchern Musik-Bewegung-Gestaltung, Geträumte Tänze - getanzte Träume und Aus der Reihe tanzen erschienen seine Dissertation Tatjana Gsovsky – Der Berliner Stil zwischen Der Idiot und Tristan sowie die Biografie Tatjana – Leben und Werk der Choreographin und Pädagogin Tatjana Gsovsky.

Für Ruth und Werner

"Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen." (Max Reinhardt)

Inhaltsverzeichnis

Das Theater geht wieder los

Aus der Theaterzeitung Nr. 1

Kantinengespräch

In der Fremde

Organisatorisches

Was man so erzählt

Irritierende Bekanntschaft in frustigen Zeiten

Wiederaufnahme des Ballettabends „Fundstücke“

Falsch gezählt

Auf die Plätze, fertig ... Vorstellung

Worte von oben

Neues Vertrauen

3 Orangen in der Endlosschleife

Notizen zum Thema: Ballett

Zum Ballett in Deutschland

Hinterlassenschaften

Eröffnungen im Schlosscafé

Allmählich geht ihm ein Licht auf

Fragen zum Verständnis

Aus der Theaterzeitung Nr. 4

Aus dem Amerikanischen übersetzt:

Notizen zu Tanz und Musik

Foto aus dem Schaukasten vor dem Theater

Ernsthaftes vor dem Tag X

Irgendwann ist es soweit

Unrühmlicher Tanz unter dem silbernen Stern

Ballettschul - Kritik

Gefühlsentwicklungen

Theaternotizen

Soweit – so schlecht!

Unter Vertrauten

Aus dem Amerikanischen übersetzt:

Aus dem Tänzeralltag geplaudert

Notizen zum Thema: Tanztechnik

Doppeltes Olé der Carmen

Da wäre dann noch…

Tänzerzweisamkeit

Protokoll der polizeilichen Befragung ‚

Zum ersten Mal in Einem durch

Aus dem Amerikanischen übersetzt:

Der langersehnte, große Tag ist da

Romeo und Julia Genialer Wurf eines zeitlosen Handlungsballettes

Hinterher wird viel geredet

Protokoll der polizeilichen Befragung

Am Ende seiner Weisheit

Jetzt ist es soweit

Ende eines Ballettraums

Glossar

Das Theater geht wieder los

Nach 12 Tagen Hitze hat Paul nun wirklich genug vom Sommer. Für heute, am 28. August 1975 sind schon wieder über 30 Grad vorhergesagt. Bei diesen Temperaturen, besonders wenn sie mit feuchter Luft daherkommen, wird Paul für alle Menschen mit denen er zu tun hat, ziemlich unerträglich. Hitze lähmt ihn. Würde man ihn schon normalerweise nicht gerade zu den Optimisten zählen, an solchen Tagen wird er wahrlich zum absoluten Schwarzmaler und hängt vorzugsweise apathisch herum. Und wenn sich dann Aktivitäten doch nicht ganz vermeiden lassen, sind es Strafen von ganz oben.

Doch Paul hat auch gelernt Unpässlichkeiten mit Disziplin zu meistern oder wie er immer sagt, „Alles eine Frage des Willens“. Nicht selten geht es für ihn um nichts anderes, als auf die Unübersichtlichkeiten des Daseins mit der genauen Umsetzung von gut durchdachten Plänen zu reagieren. Der Stratege gegen den Rest der Welt. Auch wenn er dafür oft belächelt wird, ohne eine gewisse Ordnung geht für ihn eben rein gar nichts. Das war in seinem Leben schon immer so, jedenfalls soweit er sich erinnern kann. Er gehörte zu jenen, bei denen man bereits im Elfjährigen den zukünftigen Mann mit all seinen Charaktereigenschaften genau erkennen konnte.

Paul ist als Tänzer am hiesigen Theater engagiert. Heute ist um 10 Uhr die Eröffnung der diesjährigen Spielzeit. Um halb zehn will er dort sein, selbstverständlich rechtzeitig, denn Pünktlichkeit, oder besser Verlässlichkeit, verlangt er von sich und von anderen. Deswegen: der Hitze trotzen und los! Mögen andere Entschuldigungen und Ausflüchte haben, auf ihn ist Verlass.

Die große Balletttasche mit sauberen Trikots und Handtüchern steht schon seit gestern Abend bereit. Jetzt noch die Kontaktlinsen einsetzen und dann am besten eine Straßenbahn früher, man weiß ja nie an solchen Tagen. Es ist nicht weit zum Theater und Paul geht die 15 Minuten normalerweise zu Fuß, aber da das Thermometer jetzt schon 24 Grad anzeigt, will er ausnahmsweise mal die Straßenbahn nehmen.

Gerade als er die Wohnung verlassen will klingelt das Telefon. Ja, es geht ihm gut. Ja, heute ist erster Tag. Danke, wird schon gut werden. Aha, sie hat einen Arzttermin. Es ist viel zu heiß, klar, er … Als er die Wohnung verlässt, hat er wie so oft nach den Anrufen seiner Mutter den Eindruck, dass es für sie nur darum geht, ihre Vorstellungen und Bilder, die sie von seinem Leben hat, zu bestätigen. Bloß keine Irritationen oder gar Veränderungen, die machen ihr Angst.

Auf der Straße verschlägt es ihm fast den Atem. Der Weg zur Haltestelle ist nur kurz, und doch läuft ihm schon der Schweiß den Rücken runter. Gott sei Dank ist die Bahn pünktlich, aber ziemlich voll, kaum frische Luft. Sein Hemd ist jetzt schon nass, seine Stimmung sinkt erheblich. Und dann soll er heute noch trainieren? Grässlicher Gedanke.

Nach vier Stationen darf er endlich aussteigen. Mit zügigen Schritten nimmt er den geschwungenen Weg durch die Grünanlage mit den Rhododendren und Weiden. Vorbei an dem kleinen See, geht er über die zierliche Steinbrücke der Auffahrt zu. Jetzt noch die große Freitreppe, die in einem großzügigen Halbkreis den Haupteingang umrahmt. Heute erscheint ihm der gewaltige klassizistische Bau aus gelbem Sandstein noch größer, die Fenster noch höher.

Mit großen Schritten nähert er sich dem eintönigen und leblosen zweigeschossige Neubau, der erst vor kurzem seitwärts an das alte Theater angebaut wurde. Doch kaum um die Ecke gebogen, trifft Paul der Schlag. Er steht vor einer schwatzenden, gestikulierenden und sich umarmenden Menschenmenge. Unüberhörbare Begrüßungsfloskeln und intime Urlaubsgeständnisse. Warum stehen die hier alle in der Hitze? Ihm ist überhaupt nicht nach Reden, schon gar nicht nach Umarmungen. Zu heiß, zu klebrig. Also, Kopf gesenkt und durch. Es dauert eine Weile, bis er die Pforte erreicht. Leider doch nicht ohne ein „Mensch, Junge, wie geht’s denn?“ und ein „Na, auch wieder hier?“. Er wird freundlich geschubst, bekommt einen Klaps auf die Schulter Herzliche Zuneigungen halt ... Er könnte aus der Haut fahren.

Würdest du bitte diese neue Kollegin da drüben mitnehmen? Sie weiß nicht wohin. Lotte, die immer freundliche Pförtnerin hinter der Glasscheibe weiß, dass sie sich gerade dafür an Paul wenden kann. Natürlich wird er. Aber wo ist sie? Sie weist mit der Hand, dort! Wo? Oh Gott, dieses schreckliche Gewühl und dieser Lärm. Warum müssen die hier alle in diesem kleinen Vorraum …? Paul kann kaum noch atmen. Wer könnte es sein? Vielleicht die junge Frau? Ja, das ist mit Sicherheit eine Tänzerin, die da den Aushang im Schaukasten studiert.

28. August 1975

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen!

Ich freue mich, Sie alle zum Beginn der Spielzeit 1975/76 mit ihren vielfältigen Aufgaben begrüßen zu dürfen. Wenn Sie für kommende Theatersaison neu an diesem Haus engagiert sind, so heiße ich Sie recht herzlich willkommen!!

Wir können uns gemeinsam auf die vielseitige Arbeit der nun beginnenden Spielzeit freuen, die zahlreichen Zuschauer sind für uns Unterstützung und Ansporn zugleich.

Ein besonderer Dank geht noch einmal an alle für ihr großes Engagement, das zum Gelingen des in der vergangenen Spielzeit festlich begangenen 100jährig-en Eröffnungsjubiläums beigetragen hat.

Es gibt andere, moderne Beispiele aus Beton und Glas in unserer Republik, unser ehrwürdiges Haus ist mit viel Aufwand und Liebe zum Detail in seinem hundertjährigen Bestand restauriert worden und erhielt einen modernen Anbau. Nicht alles konnte termingerecht vollendet werden. So konnten zum Beispiel die roten Samtpolster der Sitze im Zuschauerraum erst im Dezember 1974 angefertigt werden. Ebenso wurden die goldenen Engel bzw. aufwendig gearbeiteten Lampen der Logen im ersten und zweiten Rang erst im Januar darauf restauriert. Das hat allen hier im Haus während des laufenden Spielbetriebes große Disziplin abverlangt – dafür meinen Respekt!

Dass der neue Kristallleuchter nun wieder die Blicke der Zuschauer nach oben in das Gewölbe der Kuppel auf die Malereien lenkt, war für uns alle rechtzeitig zur Jubiläumsveranstaltung ein schönes Geschenk für die Anstrengungen und entstandenen Ärgernisse. Da sind wir uns wohl alle einig: Damit ist unser „Zuhause“ wieder fertig.

Wie schön, dass unsere Produktionen weiterhin sowohl großen Beifall finden als auch zu fruchtbaren kontroversen Diskussionen führt. Ich vertrete weiterhin die Auffassung, dass Theater gar nicht anders kann, als politisch zu sein, die Thematisierung aktueller politischer Themen darf kein Tabu sein. Das Schauspiel hat mehr zu bieten als kunstfertige Sprache, die Oper mehr als schönen Gesang und das Ballett mehr als edle Schönheit in der Bewegung.

Dieses ehrwürdige Theater mit seiner treuen Anhängerschaft hat schon so viele stürmische Spielzeiten erlebt, die nun beginnende lässt wieder auf einige wirkliche Programmhöhepunkte hoffen: Puccini, Verdi, Kálmán, Prokofieff, Kleist, Schiller und Goethe. Nicht zu vergessen die erfolgreichen Vorstellungen vergangener Jahre, die inzwischen erfolgreich ihren Platz in unserem Repertoire gefunden haben, oder diejenigen, die aus der letzten Spielzeit bald wiederaufgenommen werden. Allen Mitgliedern für die kommenden Premieren von Oper, Operette, Ballett, Musical und Schauspiel ein herzliches Toi, Toi,

Toi!!!

Ihr Hardy Hausmann

Als Paul hinter ihr steht, dreht sie sich um. Ballett? fragt er. Sie nickt. Deutsch? sie nickt.

Der Gegensatz zwischen den beiden kann kaum größer sein. Er, Mitte zwanzig, mit müden blauen Augen in einem schön geschnittenen, vielleicht etwas zu kantigen Gesicht, kurze blonde, modisch frisierte Haare. Sein gut geformter, leicht athletischer 180cm großer Körper steckt in ordentlicher Kleidung. In seiner grauen Hose mit Bügelfalte, seinem kurzärmeligen karierten Hemd und diesen Sandalen könnte man ihn auch für einen Sparkassenangestellten halten. Seine Devise: bloß nicht auffallen! Wohl niemand würde ihn in dieser Bekleidung als erotisch bezeichnen.

Das genaue Gegenteil ist diese junge zierliche Frau ihm gegenüber. Nicht sehr groß, kaum zwanzig, jedoch sehr verführerisch. Eine auffallende Erscheinung mit einem sehr offenen, entspannten Gesicht. Rote sinnliche Lippen, große dunkelbraune, interessiert blickende Augen. Augen, die Lebenserfahrung offenbaren. Sie trägt eine moderne Frisur aus kurzem, dunklem Haar, das ihr fransig ins Gesicht fällt, und ihre Anmut mit einer überraschenden Kindlichkeit unterstreicht. Kleine Hände, die Nägel unlackiert, halten die Henkel einer großen, weichen Tasche über ihrer Schulter. Paul bemerkt, wie er sie länger als gewohnt anschaut. Der weiche Stoff eines schlichten, ungemusterten dunkelroten Kleides verhüllt und präsentiert zugleich ihre idealen, ausgewogenen Körperproportionen. Weiches Jersey auf scheinbar nackter Haut, umspielt kleine, wohlgeformte Brüste. Er ist sich sicher, dass viele sie so betrachten, weil sie … ja, warum eigentlich? Weil sie eine völlig verblüffende, fast kindliche Aufbruchstimmung vermittelt. Welt, hier bin ich!

Es ist zwar noch viel Zeit, sagt Paul hastig, aber ich gehe schon mal in den Zuschauerraum, denn hier draußen … wenn du mitkommen willst? Sie nickt. Warum spricht sie nicht? Aus Prinzip? Zu stolz, zu dumm?

Er wird später in Erinnerung an diese erste Begegnung sagen, er habe sich nach diesem ersten Zusammentreffen mit Rosalinde an die Worte eines Ballettlehrers erinnert: Tänzer, die viel schwatzen, haben oft auf der Bühne nicht viel zu erzählen.

Paul geht voraus durch die verschlungenen Gänge des Theaters, über die Seitenbühne und durch eine kleine Tür ins Foyer. Ich bin Paul. Rosalinde, hört er sie nun energisch sagen. Na also, sie kann also doch sprechen. Sie schieben sich in eine der hinteren Reihen und setzen sich.

Noch ist das Parkett nicht gefüllt. Die cremefarbenen Flügeltüren des Zuschauerraums mit ihrer unlängst erneuerten Goldbemalung stehen weit offen und lassen mit den Menschen auch die warme morgendliche Spätsommerluft in die Stuhlreihen. Woge auf Woge schieben sich die Menschen aus dem Foyer durch die Türen, von der einen Seite als schwarze Silhouette mit gleißendem Sonnenlicht im Rücken und von gegenüber, angestrahlt, einem Auftritt auf einer Bühne gleich. Wellen von Menschen, Worten und Düften schwappen wie an einen Strand und versickern in den Stuhlreihen.

Es gibt wahrscheinlich wieder nichts Wichtiges mitzuteilen, raunt Paul ihr zu, aber es ist eben der gemeinsame Auftakt in die neue Theatersaison und der Intendant lädt ein. Sie nickt.

Er schaut auf die Uhr, 9 Uhr 45. Er fühlt sich etwas entspannter. Das mag auch daran liegen, dass es hier drinnen nicht ganz so heiß ist. Oder ist es auch einfach wieder schön hier zu sein? Zurück in der Familie? Na ja, nun mal keine Rührseligkeiten!

Aber es stimmt schon, er fühlt, dass dieses Haus mit warmer Atmosphäre empfängt, einem Flair, das es gerade auch den neu Engagierten leicht macht, sich schnell aufgenommen zu fühlen. Er weiß inzwischen, ein gutes Klima entsteht erst durch die Menschen, auch wenn sich die Kollegen häufig hinter Figuren, Charakteren und Rollen verstecken. Und eines hat Paul ganz sicher gelernt, nämlich schnell, wie mit großen Antennen, die Umgebung und die Menschen abzutasten, um die Stimmungen zu sondieren. So kann er stets ergründen, ob die Menschen nun auf der Bühne stehen oder in zivil sind, wie er es gerne ausdrückt, und wie er ihnen begegnen kann. Bloß keine Überraschungen!

Von der neuen Kollegin neben ihm kann er sich allerdings immer noch kein rechtes Bild machen. Aber was soll's, Tänzerinnen sind auch nur Menschen, und wenn sie neu sind an einem Haus, verstecken manche ihre Angst hinter Allüren.

Paul bemerkt Rosalindes aufmerksamen Blick auf die Menschen in den Reihen. Mach dir nichts draus, die sind immer so, kommentiert er das turbulente Geschehen. Er hat keine Ahnung, warum er das jetzt sagt. Warum glaubt er immer, sich um andere kümmern zu müssen? Rosalinde jedenfalls scheint eher amüsiert über die unterschiedlichsten Szenen.

Eine Menschenmenge ziemlich unterschiedlichen Alters belebt inzwischen die vorderen Reihen. Einige Männer, Schauspieler, hängen mehr in den Reihen, als dass sie sitzen. Sie tun, was sie meistens tun, sie reden, ihre lautstarken Stimmen zeichnen sie aus, ihre Körpersprache weniger. Einige Schauspielerinnen in ihrer Nähe, teils schöne, teils charaktervolle Frauen, unterhalten sich da schon etwas verhaltener. Dahinter die Regieassistenten neben dem Oberspielleiter.

Er erkennt Frauen und Männer vom Chor, einige Sängersolisten. Bühnenarbeiter in blauen Anzügen. Ein Ruf von dort, ein Gruß von hinten, nervöse Satzfetzen, die sich in den unruhigen Klangteppich einweben, der sich inzwischen über den gesamten Zuschauerraum legt.

Viele der Anwesenden kennt Paul auch nach mehreren Jahren noch nicht. Sicher, da sind einige Damen und Herren der Schneiderei, daneben Mitarbeiter aus der Maskenbildnerei, auch die Damen von der Kasse und die zwei Herren der Requisite, dahinter einige aus den Werkstätten, aus der Schreinerei, Tischlerei, Malerei, Schlosserei. Und, klar der Schuster, der hat ja am selben Tag wie er Geburtstag. Von ihm holt er sich immer seine Ballettschläppchen und wunderbare, maßgeschneiderte Stiefel ab. Er sieht einige Beleuchter neben Damen und Herren des Orchesters, und erkennt, etwas weiter weg, den Generalmusikdirektor. Ein sehr großer hagerer Mann mit großer Brille, der im Orchestergraben immer so deutlich zu sehen ist, auch für Kurzsichtige. Und Paul erkennt einige Frauen und Männer aus dem Chor. Er winkt zur Begrüßung.

Nicht weit weg von ihm kommt eine Gruppe junger Frauen durch die Türen, alle sehr schlank, leger und luftig bekleidet. Einige von ihnen haben Gesichter, als wären sie Modemagazinen entsprungen, grüßen auffällig und setzen sich schließlich wie Püppchen nebeneinander. Ihre Haare sind zu einem strengen Knoten gebändigt, oder fallen weit über die Schultern und umrahmen eingefallene Wangen. Tänzerinnen. Die Mehrzahl von ihnen ist sprachlos und wirken steif. Internationalität führt außerhalb des Ballettsaals mitunter zur Sprachlosigkeit, dass hat er schon oft bemerkt. Er geht die Reihe durch: Claudia, Simone, Karla, Anita, Jasmin, Pascale, Beata, Rieko, Lesley, Deborah, Jenny, Louisa, ein neues Gesicht ohne Namen - Deutschland, Frankreich, Polen, Japan, England, Amerika, Südafrika, Niederlande. In ihrer Bewegungslosigkeit erscheinen einige von ihnen in einem merkwürdigen Widerspruch zu all dem, was sie umgibt. Etwas Einheitliches, fast Normiertes geht von den sehr jung aussehenden Frauen aus. Wie bei vielen klassischen Tänzerinnen, scheint ihnen ihre Persönlichkeit abhanden gekommen zu sein. Fast als benötigten sie ihre Ballettschritte, um wer zu sein oder um auszudrücken, dass sie überhaupt lebendig sind. So sitzen sie regungslos, manchmal mit einem Lächeln antwortend.

Ein junger Mann mit einem schönen, harmonisch geschnittenen Gesicht und sehr knabenhaften Figur, fast androgyn, nähert sich ihnen, Küsse rechts und links. Sein Alter - schwer einzuschätzen. 19? 25? Braune Augen unter einer hohen Stirn zeigen südliches Feuer, mindestens ein Elternteil muss Italiener sein. Sein glattes, sehr dunkles Haar ist über dem schmalen Gesicht nach hinten gekämmt. Paul erinnert sich, dass er vor einigen Monaten hier vorgetanzt hat und André heißt. Aber wieso sind sie so vertraut miteinander? Würde er es nicht besser wissen, so könnte er glauben, sie würden sich schon eine Ewigkeit kennen. Alles nur gespielt? Sichtlich nervös hat er sich neben eine der jungen Tänzerinnen gesetzt und redet fast pausenlos, erzählt von seiner Ausbildung in der Schweiz.

Allmählich wird es auch im Zuschauerraum wärmer und Paul wird es langsam ungemütlich hier. Wann geht es endlich los? Warum hatte er nur diese blöde Tasche nicht wie geplant in die Garderobe gebracht? Ach, richtig, Rosalinde. Er schaut sie an und ist erneut beeindruckt von diesem jungen, unschuldig dreinschauenden Gesicht. Das erste Mal in so einem Theater? Sie schüttelt den Kopf, sagt kein Wort. Na, dann nicht, denkt Paul und wischt sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, das er bei Hitze immer in seiner Hemdtasche bei sich hat. Er schlägt die Beine übereinander und rutscht etwas tiefer ins Polster. Wieder einmal stellt er fest, dass er nicht bei den anderen der Ballettgruppe sitzt. Dass die Männer vom Ballett selten ein einheitliches Bild abgeben, dass sie schon rein äußerlich sehr unterschiedlich sind, ist für ihn keine ausreichende Erklärung dafür. Wieso fühlt er sich neben ihnen oft so fremd? Na gut, dann sind es eben einfach nur Kollegen, nicht mehr als das, muss ja auch gar nicht sein. Doch manchmal hat er schon den Wunsch nach etwas Vertraulichkeit. Liegt es an der Sprache? Oder daran, dass kaum jemand länger als eine oder zwei Spielzeiten bleibt? Warum gibt es eigentlich nur so wenig deutsche Tänzer? Er war damals der Einzige, der in Frankfurt die Abschlussprüfung gemacht hatte. Vielleicht stirbt Ballett in der BRD bald aus? Quatsch, es gibt so viele ausländische Männer, die tanzen wollen. Rumänen, Franzosen, Engländer … Nur wenige Reihen von ihm entfernt hört er lebhafte Diskussionen auf Polnisch, auffallend intensives lautes Lachen. Er hat den Eindruck, dass sie gar kein Interesse daran haben, ihn an ihrem Gespräch teilhaben zu lassen. Und dann ist da noch Jens, sehr groß, mit einer für seine Jugend erstaunlich spärlichen Frisur, unterhält sich mit Waast, einem ziemlich kleinen Kollegen. Beide haben einen starken Akzent. Paul muss plötzlich schmunzeln. Dänisch klingt immer so, als hätte der Sprecher eine heiße Kartoffel im Mund – holländisch, als hätte er sich den Rachen verbrannt. Wer hatte ihm das vor kurzen doch noch gesagt?

Wir sind schon ein ziemlich merkwürdig zusammengewürfeltes Völkchen beim Ballett, geht ihm nicht zum ersten Mal durch den Kopf. Bei gegebenem Anlass betont er stets: wir sind eine ganz eigene Gattung, ewig jung, denn in unseren vollendet durchtrainierten Körpern ist uns eine Zeitaufschiebung in der Abfolge von Jugend und Alter gewährt. Er ist sich sicher, dass es dieses faszinierende Zusammenspiel von Körperbeherrschung und bewusster Ausstrahlung ist, das den meisten vom Ballettensemble ein Flair von Zeitlosigkeit im Alterungsprozess verleiht. Aber eben doch nur leiht, denn manchmal, da spürt er seine Knochen doch sehr.

Plötzlich schmiegt sich jemand an Pauls Seite, sanft, bestimmend und fordernd. Martina. Oft schon ist sie in den vergangenen Spielzeiten zu ihm gekommen, sie haben geredet, sich gegenseitig aufgebaut und unterstützt. Sie, die Ballettassistentin, die ewig müde, die kaum Zeit für sich hat. Er, der im Durcheinander des täglichen Theaterbetriebes oft Orientierungslose. Auch wenn sie überarbeitet erscheint, hat sie doch immer ein offenes Ohr für ihn. Sie verstanden sich in den vergangenen Jahren oft auch ohne Worte, waren sich häufig sehr nahe, ohne jedoch voneinander mehr zu wissen, als für die Arbeit im Ballettsaal notwendig ist. Nur einmal, kurz vor Ende der letzten Spielzeit, haben sie den ganzen Abend lang in der Kantine gesessen und erzählt. Da erfuhr Paul, dass Martina selbst nie Tänzerin gewesen war, dass sie mit 13 die bittere Wahrheit akzeptieren musste, für den Tanz nicht die richtigen Voraussetzungen zu haben. Sie hatte ihm mit Tränen in den Augen davon erzählt, dass ihr das bei einer Eignungsprüfung mitgeteilt worden war. Zu klein war sie, der Körperbau zu stämmig und für eine Tänzerin nicht schlank genug. Ihr Gesicht war ideal für die Bühne, ja, ihre Ausstrahlung einzigartig. Auch ihre Tanztechnik hatte schon ein außerordentliches Niveau erreicht. Ihre Bewerbungsmappe, erzählte sie ihm, listete damals eine stattliche Anzahl von Schüleraufführungen auf, erste Rollen in Schwanensee, Das schlecht behütete Mädchen und Die Puppenfee. Alles sehr beeindruckend. Aber eine berufliche Karriere als Tänzerin? Sie solle sich doch das Ballett als ihr Hobby erhalten. Zynismus oder Mitleid?

Aber dann hatte sie nach dem Realschulabschluss die Ausbildung zur Ballettpädagogin gemacht. Nachdem sie einige Jahre an der Ballettschule des Theaters gearbeitet hatte, wurde sie von Helmut, dem Ballettmeister, gefragt, ob sie nicht seine Assistentin werden wollte. Natürlich hatte sie die Chance ergriffen -Sie ist ihm sehr dankbar. Das leuchtete Paul ein.

Und Paul hatte daraufhin erstmals jemandem etwas von seiner Vergangenheit, von seinem Weg bis hierher an dieses Theater erzählt, von seinem Gefühl der Enge, der Aussichtslosigkeit seines Tänzerlebens. Und sie haben über den Ballettmeister gesprochen.

Paul löst sich aus Martinas Nähe, Mann ist mir heiß! Ich geh' kaputt! Wo ist Helmut überhaupt? Martina lächelt, nickt Rosalinde zu und zeigt dann auf den Platz neben dem Generalmusikdirektor. Ich weiß nicht, was der schon wieder hat, flüstert sie ihm zu, er ist jetzt schon wieder in heller Aufregung, dabei hat doch die Spielzeit noch gar nicht begonnen.

Endlich, seufzt Paul, setzt sich abrupt auf und weckt damit Rosalinde aus ihren Personenbeobachtungen.

Ein sympathischer Mann, ungefähr 55 Jahre, betritt dynamisch die offene, nur mit einem langen Tisch und drei Stühlen ausgestattete Bühne. Der Intendant. Leicht angegrautes Haar über einem braungebrannten Gesicht, hellblaues, kurzärmeliges, offenes Hemd. Er lächelt, schaut liebevoll in den Zuschauerraum. Eine Frau mit Knotenfrisur und obligatorischer Brille, sehr ordentlich und altmodisch gekleidet, seine Sekretärin und rechte Hand, folgt ihm. Eine Altersbestimmung würde ihr unweigerlich ihren Charme nehmen. Sie setzen sich.

Die Bühne, ohne schwarze Stoffbahnen oder Bühnenbild an den Seiten, schafft keine besondere Atmosphäre. Fast werden die beiden Menschen vom schwarzen Samt der Rückwand verschluckt. Der freie Blick rechts und links auf die weißen Steine und die Scheinwerfer, das alles steht im großen Kontrast zum Zuschauerraum. Ernüchternd, wenig suggestiv und fantasievoll. Verkehrte Welt. Der Intendant mit seinen Fakten und Zahlen da oben, theatraler Glanz, Entertainment und die Stars da unten.

Die Sekretärin legt ihm einige Bögen Papier hin, während er versucht das Mikrofon in Betrieb zu nehmen. Schließlich gibt er auf und benutzt seine eigene, ehemalige Schauspielerstimme: Begrüßung der Anwesenden, Begrüßung der neu engagierten Mitglieder. Ein paar Anmerkungen zu den ersten Premieren dieser Spielzeit und den zu erwartenden Problemen mit den Probenräumen, Probezeiten. Einige Worte über die vergangene Spielzeit. Und dann die Bitte, ihn doch mit Inszenierungen, die die guten Bürger der Stadt verschrecken, zu verschonen. Das erspare ihm die Flut unzähliger Briefe von aufgebrachten Zuschauern. Alles mit gespielter Ernsthaftigkeit, dabei schmunzelnd. Er sei doch schon ein alter Mann und vertrage nun einmal diese Fanpost nicht mehr. Ein Schmunzeln und Kichern in den Reihen. Und die Mitarbeiter mögen in der nächsten Zeit bitte von irgendwelchen separatistischen Aktivitäten absehen. Obwohl er ja sehr viel Verständnis für die Autonomiebestrebungen der Kapverdischen Inseln habe, die neuerdings unabhängig von Portugal seien. Lautes Lachen. So lieben sie ihren Intendanten. Und schließlich die Nachricht über den Unfall einer Theatermitarbeiterin aus der Requisite und dass er deshalb die Vorstände und den Verwaltungsrat zu sich bittet. Er möchte diese junge Mitarbeiterin und ihre Familie mit all den Problemen nicht allein gelassen wissen.

Bei diesen Worten kann jeder im Zuschauerraum, eine deutliche Betroffenheit in der Stimme des Intendanten wahrnehmen. So ein Geschehen geht ihm sehr nahe. Da ist plötzlich nichts mehr zu spüren von Routine und "The Show must go on", nicht bei ihm. Das leichte Vibrieren seiner Stimme in den wenigen Worten lässt spüren, wie er dieses Theater leitet. Für viele ist er so etwas wie eine väterliche Figur, für die Meisten einfach nur sehr menschlich. Das ist in einem Theaterbetrieb von heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Viele empfinden große Sympathie für diesen Mann, der da oben auf der Bühne seine Betroffenheit nicht verbirgt und mit seinen Augen Fragen in den Zuschauerraum sendet. Wie können wir ihr helfen? Wie können wir einfach weiter machen, wo uns doch ein Mensch aus unserer Theaterfamilie braucht? Er bittet um Ideen und lädt dazu in sein Büro ein. Nach einigen Minuten lädt ein betagter Schauspieler zur nächsten Gewerkschaftsversammlung ein. Dann noch ein paar Mitteilungen, Informationen, das war es. Der Intendant wünscht allen eine schöne und erfolgreiche Spielzeit, drückt seine Freude darüber aus, dass so viele weibliche Mitarbeiter an diesem Haus arbeiten, weil wir doch 1975 das internationale Jahr der Frau haben.

Und dafür die ganzen Umstände, spöttelt Paul und steht auf. Sein Hemd ist durchnässt, seine Stimmung miserabel. Am liebsten würde er … er nimmt seine Tasche und folgt Martina. Wir sehen uns ja gleich, ruft sie ihm mit einem Lächeln zu, ich zeige Rosalinde noch ihre Garderobe.

Die Patchworkdecke im Zuschauerraum löst sich auf. Die Farben und Geräusche werden von dem hellen Sonnenlicht im Foyer aufgesogen. Jeder strebt seiner Tätigkeit in diesem Hause zu.

Das Ballett wird sich um 11 Uhr 30 Uhr im Ballettsaal zum ersten Training treffen.

Aus der Theaterzeitung Nr. 1

Spielzeit 75/76 -September/Oktober

Die neue Spielzeit

Neben den vielfältigen Aufgaben, die das Ballett in der Oper, der Operette und dem Musical übernehmen wird, haben die Damen und Herren des Balletts unter der Leitung von Helmut Diers in der gerade begonnenen Spielzeit zwei Ballettabende geplant:

Am 19. Oktober die Wiederaufnahme des erfolgreichen vierteiligen Abends

Fundstücke

aus der letzten Spielzeit mit den Balletten Sonatine (Musik: Streicherserenade von A. Dvorak), 19 + 3 (Musik: Romanzen und Balladen von R. Schumann), Bolero (Musik: Maurice Ravel) und Der wunderbare Mandarin Musik: B. Bartok)

Die Premiere des abendfüllenden Ballettes

Romeo und Julia

(Musik: Sergej Prokofjew) im Frühjahr des kommenden Jahres.

Auch in dieser Spielzeit können wir wieder einige neue Mitglieder im Ballettensemble begrüßen.

Rosalinde Wiesrich kommt direkt nach dem Abschluß ihres Ballettstudiums aus München, das sie mit Auszeichnung abgeschlossen hat, in unser Ensemble als Gruppentänzerin mit Soloverpflichtungen.

Deborah Redhouse, ist neues Mitglied in der Gruppe und war zuvor in Ulm, Krefeld und Braunschweig engagiert.

André Zurbriggen, hat gerade seine Ausbildung am Konservatorium in Lausanne absolviert und ist Tänzer in der Gruppe.

Im November wird der Solotänzer Bernd Twolle mit dem Ballett Bolero im Rahmen des Festivals „Hispania“ in Maastricht gastieren.

9. September 1975

Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Nun sind es schon wieder vier Monate her, dass ich hier vortanzen war.

Damals war ich so aufgeregt und hatte völlig vergessen alles aufzuschreiben. Nun habe ich mir ein neues Tagebuch gekauft – weil ja ab jetzt alles neu wird in meinem Leben! Auf dem Deckel steht groß :

ROSALINDE 1975

und das ist die erste Seite.

Also beginne ich mal mit meinem Vortanzen hier. Es war damals ja schon Mai!

Ich wusste, dass es an sich viel zu spät war für ein Vortanzen. Die Verträge werden doch immer im Oktober abgeschlossen. Meine Mutter meinte noch, ich sei doch noch gar nicht fertig! Der Anruf von der zentralen Bühnenvermittlung in Frankfurt kam am Abend vorher. Eine Tänzerin wollte heiraten und ihren unterschriebenen Vertrag zurückgeben. Schwanger, wollte heiraten!!! Den Vertrag zurückgeben wegen einer Hochzeit? Ich versteh so etwas nicht. Wie kann man einfach so mit dem Tanzen aufhören? Wie kann man sich ein Kind andrehen lassen. Wie kann man überhaupt wegen einem Mann?

Ich also in den Zug, unglaublich früh. Dem Mann an der Pforte, der mir so dämliche Fragen stellte, hatte ich gesagt, dass ich keine neue Schülerin an der Theaterballettschule bin, dass ich Rosalinde Wiesrich heiße und gebeten wurde, für die Compagnie vorzutanzen. War ich doch auch, man hatte mich doch angerufen und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, schon morgen an diesem Haus vorzutanzen. Also!

Ich bemerkte sehr genau, wie er mich eingehend betrachtete. Der hat mich wahrscheinlich mit so einem mitleidigen Blick angeschaut, weil ich so jung aussehe, dabei bin ich schon 19. Ich bin kein Kind mehr! Gott sei Dank! Jetzt entscheide ich selber, was ich tue und lasse. Ich bin nicht durch all die Scheiße gegangen, damit man Mitleid mit mir hat. Die Vergangenheit zählt nicht mehr. Sie ist abgeschlossen. Ich will am besten überhaupt nichts mehr damit zu tun haben. Nicht mit der immer nörgelnden Mutter und schon gar nicht mit E. Was vergangen ist, ist ein für alle mal vorbei. Die Zukunft ist es, worauf es jetzt nur noch ankommt! Sie liegt zwar noch im Nebel, doch ich sehe alles deutlich vor mir: große Theater, Premieren und Erfolge.

Ich sollte um 16 Uhr da sein. Ich war zu früh, vorher gab es noch ein Eleventraining, da habe ich einfach zugeschaut. Das war schrecklich! Die armen Mädchen. Sie wurden angeschrien und herumkommandiert. Sie hatten nur Angst in den Augen, Spaß hat ihnen das sicherlich nicht gemacht. Wieso ist der Mann so wütend auf sie, dachte ich sofort. (Ein Mädchen musste als Strafe 5 Minuten hinten im Saal wie eine Säule in der 5.Position stehen und durfte sich nicht bewegen.) Ich hatte ja keine Ahnung, dass es derselbe war, der zwei Stunden später mit einem Lächeln zu mir sagte: „ Ich glaube, sie passen gut in meine Mannschaft“ - als ob wir beim Fußball wären! Nach diesem Eleventraining hatte ich ein kleines Exercice für mich gemacht und danach für den Ballettmeister und seiner Assistentin drei einstudierte Variationen getanzt. Dornröschens Auftritt aus dem 1. Akt und danach einen Czardas und eine Carmenphantasie (von einem Lehrer der Ballettakademie choreographiert):. Der Pianist war wirklich toll! und ich war einfach gut! Bei Carmen habe ich ihn so was von angemacht, nun ja, gelernt ist gelernt. Als er dann fragte, ob ich mit einem Gruppenvertrag mit Solo einverstanden sei, muss ich ihn wohl sehr seltsam angeschaut haben, denn dann meinte er: Er glaube, es würde da sicherlich wohl häufiger für mich was Solistisches rausspringen. Klar war ich zufrieden. Ich hatte zwar keine Ahnung, an was für einem Haus ich gelandet war, was für Kollegen ich haben würde und welche Ballette überhaupt getanzt werden sollten. Heute weiß ich, dass dazu auch Operetten und Opern gehören. Auch Musicals, aber die gehen ja noch. Hoffentlich nicht soviel Zeug halbnackt und in Bikinis! Damals wusste ich nur eins, dass es jetzt losgehen würde.

Mein 'Triumphblick' für den Pförtner war gekonnt. Ich habe meine Ballettasche mit einem Schwung über die Schulter geworfen und ihn fast übersehen. Er tat mir leid, so als Pförtner immer in diesem Glaskasten zu sitzen.

Inzwischen habe ich schon eine kleine Wohnung mit Bett, Tisch und Stühlen. Ein richtiger Schrank fehlt noch. Was brauche ich denn schon? Ich werde doch hauptsächlich im Theater sein. Und für mich reicht das. Einmal durch die Innenstadt gehen und schon bin ich da.

Ich werde hier jeden Tag am Hallenbad vorbeikommen - Erinnerungen an E., auch schöne, ich war ja immer sein Goldstück, dass irgendwann mal ziemlich viel wert sein würde – so hat er ja immer gesagt.

Ich habe nur ein einziges Buch mitgenommen, Ballett in Deutschland, mit den vielen tollen Fotos. Ich habe sofort alle anderen weggeworfen, als wir sie in der Schule nicht mehr brauchten. Was soll ich denn auch hier mit Büchern? Ich will hier tanzen und nicht lesen.

Ach ja, dann der große Abschied! Na ja, nichts Besonderes. Viele Tränen von meiner Mutter, drückte mir das x-te Bild der heiligen Jungfrau in die Hand, zum Schutz und zum Drandenken. Und davor einige wohlmeinende Worte und Ermahnungen von der Ballettschulleitung. Und dann war es so weit ist. Die anderen in der Klasse konnten es sowieso nicht fassen, dass ich ein Engagement habe und eine richtige Tänzerin sein werde. Nicht mehr eine Schülerin, mit der man machen kann, was man will.

Dann habe ich gemacht, dass ich in den Zug kam und erst mal durchgeatmet! Was war das für ein befreiendes Gefühl, als der Zug dann aus München rausfuhr. Bis Augsburg habe ich nur da gesessen und gesehen, wie alles an mir vorbeiflog und hinter mir blieb - Neue Welt, ich komme!!! Fast alle Sachen von E. weggeworfen.

Das erste Training war ganz gut, habe eine ganz gute Figur gemacht. Auch schon einige Vorstellungen von Bettelstudent hinter mich gebracht – waren nur einige Tänze in der Gruppe.

Die Assistentin ist manchmal sehr freundlich, dann wieder sehr schwer einzuschätzen. Einige in der Gruppe sind ganz nett. Aber eine Jenny werde ich beobachten. Die ist ein Biest. Aber mit Konkurrenz weiß ich ja umzugehen. Die Männer interessieren mich nicht.

Habe schon Czardas und einen Walzer gelernt – ist aber wieder nur was in der Gruppe zu tanzen.

Kantinengespräch

Sie suchen mich?

Ja, ich heiße Dimitris. Klar können Sie sich zu mir setzen. Is' ja gerade nicht so viel los hier in der Kantine und da freue ich mich über jedes Gespräch. Hab schon gehört, dass Sie mich wegen der Geschichte mit Rosalinde sprechen wollen.

Nee, macht mir nichts aus, ich unterhalte auch gerne mal mit einem Polizisten. Also, was wollen Sie wissen?

Das erste Training der Spielzeit 1975/76? Äh … Warum fragen Sie denn danach?

Wandelndes Lexikon? Ich? Wer hat das denn gesagt? Na ja, is' ja auch egal … Das erste Training, warten Sie mal … Ja, ich kann mich erinnern ... Das war am 28. August, ziemlich heißer Tag damals.

Ja, welche Uhrzeit? Es fing nicht wie an normalen Tagen vormittags um zehn Uhr an ... nein, sondern um 11 Uhr 30, wegen der Begrüßung des Intendanten im Zuschauerraum. Als ich in den Ballettsaal komme, ist Simone schon da und ein neuer, André, wie sie mir zuflüstert. Sie weiß immer alles. Woher? Keine Ahnung. Sie weiß alles und ich merk mir alles. Ach ja, Paul kommt auch einige Minuten später.

Das da drüben? Das ist unser Fotograf. Hat immer viel zu tun, aber ich verrate ihnen was: wenn er Zeit hat, dann vergrößert er seine Familie.

Nicht witzig? Na dann. Wo waren wir?

Ach ja. Haben Sie überhaupt Ahnung vom Ballett?

Klar, kann ich mir vorstellen, dass Sie von der Polizei nicht alles wissen. Ich frag ja nur … Vor dem Training … Ich brauche morgens immer viel Zeit und Ruhe, am Boden liegen, die Beine dehnen, den Körper aufwecken ... So in letzter Minute oder gehetzt zu kommen, find' ich eigentlich nicht so gut.

Ja, klar, immer, jeden Tag. Außer … Haben Sie schon mal versucht sich nach einer Nacht mit ausreichend Bier um 10 Uhr morgens intensiv zu bewegen? Nein? Ich kann Ihnen sagen …

In Ordnung … Also, es ist heiß, ich liege da so auf dem Boden und massiere meine Beine, denke ich noch viel an zuhause, wie gesagt, das ist auch immer noch Thessaloniki, obwohl ich jetzt schon über 16 Jahre in der BRD lebe. Ich habe da meine Schwester, ihre Kinder, meine Mutter, die is' vor 4 Jahren wieder zurück. Sie fehlen mir hier manchmal sehr. Von dort wegzufahren ist jedes Mal nicht so leicht. ... Mein Körper ist zwar entspannt, weil ich viel in der Sonne gelegen habe, aber die ersten Bewegungen … Ich muss also die Muskeln und Sehnen sehr vorsichtig lang ziehen … is' jedes mal viel Arbeit, damit mein Körper macht, was ich will …

Ich glaube, das ist bei Frauen und Männer genau so. Ohne Vorbereitung geht nichts. Besonders nach einer so langen Pause. Für mich gilt immer die Regel: Ich brauche doppelt so lange um wieder in Form zu kommen, wie ich pausiert habe. Na ja, vielleicht nicht ganz so lange. Aber nach den sechs Wochen im Sommer dauert es schon etwa vier bis fünf Wochen, bis alles wieder so selbstverständlich läuft. Bei mir jedenfalls. Und dann die Nacht nach dem ersten Training. Irgendwie gruselig … alle Muskeln bewegen sich noch von ganz allein weiter.

Ja, da haben Sie Recht, keine Ferien sind da auch kein guter Ratschlag.

Jenny? Warum fragen Sie soviel, haben Sie es eilig? Siga, Siga, immer langsam. Ja, Jenny ist um kurz nach 11 Uhr auch schon da und viele von den anderen ... Helmut und Martina ...

Ach, Helmut, was gibt's schon von ihm zu erzählen? … Ich kann Ihnen ja verraten: schlecht hören kann er gut, aber gut sehen kann er schlecht … Was soll ich groß sagen? Er ist da und dann auch wieder nicht ...

Martina, … was für'ne Frau? Wie meinen sie das?

Na, war sicher früher mal Tänzerin, nehm' ich an, hat wohl nicht gewusst, was sie nach dem Tanzen machen sollte und is dann wohl Assistentin geworden. Was weiß ich?

Hübsch? Na ja, an sich etwas klein für 'ne Tänzerin, 'n bisschen mollig, aber ziemlich gelenkig für ihr Alter, macht noch alles vor. Wenn Sie mich fragen, steht sie hart an der Grenze eines erlaubten Alters für 'ne Frau. Vor 2 Jahren war sie 37 ... Hat es oft auf die Frauen hier abgesehen.

Nee, nich' was sie denken, sie hat oft einige Kolleginnen auf 'n Kieker und ist dann besonders streng.

Unberechenbar? Wie kommen Sie denn darauf? Das kann ich nun eigentlich nicht von ihr behaupten.

Gut, also weiter. Das erste Training. Einige sitzen auf dem Boden und versuchen ihre Beine in Positionen zu bringen, die vor den Ferien noch möglich waren, strecken sich, gleiten in den Spagat, nach vorn oder zur Seite, Beine geklopft. Andere lehnen an der Stange und unterhalten sich. Alle sind richtig freundlich – na, ja, es sieht so aus … Sie erzählen sich, wo sie im Urlaub waren, was sie Tolles erlebt haben, neue Wohnungen, neue Freunde ... Vieles von dem interessiert mich nicht. Und dazwischen zwei neue Kolleginnen …

Ja, Rosalinde ist eine von ihnen, aber eher einsilbig. Keiner kennt sie, aber kaum einer geht da mal hin und fragt sie nach ihrem Namen … ich auch nicht ... Es erinnert mich etwas an einen ersten Schultag in einem Internat. Es ist eine komische Spannung in der Luft, sag ich Ihnen, Misstrauen, Neid, viel künstliche Herzlichkeit.

Wieso? Tänzer sind halt auch nur Menschen, die Theater spielen.

Tonband? Nein! Für haben einen Pianisten. Der klimpert schon auf dem Klavier bevor es losgeht. Der is' gut, sag ich Ihnen, kommt aus Warschau, so um die 40 Jahre alt, nicht groß. Ein blasser Typ, mit markantem Kinnbart. Überhaupt, sein Gesicht, wenn's denn zu sehen ist hinter den vielen Notenblättern, zeigt selten irgendein Gefühl. Man hört höchstens ein „Mmh“ wenn mal wieder ein Tänzer vorbei springt und alle Noten zu Boden segeln. Da kommt dann kein Fluch, kein Wutanfall, was Sie vielleicht erwarten würden. Jerzy spielt einfach weiter, wissen Sie, auswendig, ob Schubert, Beethoven, Strauß oder Chopin, alles auswendig! Wozu der überhaupt die Noten hat, frag ich mich oft?

Ach woher, der ist dann nicht sauer. Der tut keinem was. Ungarn sind wie die Griechen, sensibler als viele so denken, können's aber nicht immer zeigen ... Aber ab und zu streichelt er liebevoll die Tasten oder bearbeitet sie wie besessen mit heftiger Leidenschaft ... und können sie bei Freude sehen, aber auch Gequältes, Melancholisches und Ekstatisches... Er ist schon wirklich was ganz Besonders...

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weiß ich auch nicht. Er ist halt anders als wir Tänzer. Musik ist sein Leben, nicht Bewegung.

Nein, der ist nicht verheiratet. Er wirft auch gern mal ein Auge auf die Frauen. Warum auch nicht, nur immer so allein hinter dem Klavier, und die schönsten Körper springen pausenlos an ihm vorbei, da kommt man schon mal auf Gedanken und kriegt Gefühle. War auch schon mal mit Maggie verheiratet, der Solistin, wissen Sie?

Gut, wissen Sie. Is' ja schon einige Jahre her. Er hat sich damals um sie gekümmert, als sie ganz allein aus dem fremden England hierher kam.

Ich weiß nicht, ob er sich an alle neuen Frauen so ran macht. Vielleicht gibt er ja 'ne gute Einführung ... in dieses unbekannte Land Theater und dessen Gebräuche. Is' halt immer schwierig, so am Anfang. War ja auch schwer für ihn am Anfang. Als er hier vor fünf Jahren als Ballettrepetitor anfing, hatte er wirklich große Schwierigkeiten, hatte echt gelitten.

Übrigens, ich hol mir ein Bier, wie is mit ihnen? Nein? …

Gut … das erste Training der Spielzeit, wie gesagt, es war heiß damals ...

Wieso ich das noch so genau weiß? Ganz einfach. Es dauert genau 10 Minuten, alle schmeißen ihre Wollteile von sich, und ich kann ich die braungebrannten Körper meiner Kolleginnen bewundern. Das vergesse ich nicht so schnell … Aber Spaß beiseite, es war wirklich eine sehr angespannte Atmosphäre, knisterte richtig. Obwohl ich dieses erste Training nun schon einige Male erlebt habe, ich kann mich nicht daran gewöhnen. Wissen Sie, jeder beäugt jeden.

Klar doch, Rosalinde habe ich auch bemerkt. Wer konnte die schon übersehen? Is einfach da, wie ein aus den Wolken gefallener Engel. Keiner wusste von ihr. Wenn ich es jetzt recht bedenke, war sie wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert von Helmut. Recht klein, aber mit einem sehr schönen Gesicht. Dunkle Haare, kein Knoten, Kurzhaarfrisur. Sehr ungewöhnliche Erscheinung ... Schöne Füße ... Und dünn, echt dünn. Mir war aufgefallen, dass sie überhaupt niemanden ansah, irgendwie sehr selbstbewusst, na, ja, vielleicht auch etwas arrogant, aber sehr reizvoll. Wenn sie nicht so jung gewesen wäre … ich steh nicht auf so junge … später hab' ich erfahren, dass sie irgendwo aus dem Süden is' ...

Nein nicht Mittelmeer, Süden der BRD und direkt von der Schule hierher. Sie hat sich dann auf den Platz von Paul gestellt. Ich denk' sofort: Oh! Oh! Der is' halt so, bloß keine Veränderungen, und fährt sie deshalb gleich kräftig an. Doch sie lässt sich nichts anmerken, nimmt ihr Handtuch und rückt einfach einige Meter nach links. Da steht aber immer Jenny, die, wie 'nen Blitz vom Boden hoch. Ich sag Ihnen, das hätte beinahe heftig gekracht, am ersten Tag …

Ja, Ja, Jenny und Rosalinde, die waren von Anfang an wie zwei Raubkatzen ... Doch Rosalinde hat sofort kapiert, mit der is' nicht zu spaßen, nimmt ihr Handtuch von der Stange und geht mit einer Selbstverständlichkeit Martina hinterher, die zeigt ihr einen anderen Platz. Ja, ja, die Rosalinde, den Kopf hoch wie eine Prinzessin, die Augen unschuldig wie ein Kind. Alle sind begeistert. Endlich mal eine, die Jenny Kontra gibt.

Nein, natürlich trainiert nicht jeder für sich allein. Helmut hat das erste Training gegeben. Vielleicht wollte er gleich demonstrieren, wer hier der Herr im Hause ist, nur keiner glaubt's ihm. Seine Choreographien sind …

Gut, Training ... Es gibt den ersten Teil an der Stange, so ungefähr 20 Minuten und dann die Mitte, ohne Stange, 'ne Stunde. Der erste Teil, sagen wir, ist zum Warmwerden und im Freien dann auch mal längere Schrittkombinationen ...

Spaß? Na hören'se, ein Training ist an sich dazu da, die Muskeln nach und nach in Aktion zu bringen, so dass sie dann alle gut zusammen spielen. Man schickt ja auch nicht alle Spieler beim Fußball mal eben auf den Platz. Das muss auch vorbereitet sein. Und nach 6 Wochen Sommerpause sollte an sich leichtes Ballspiel angesagt sein. Stattdessen … alles viel zu langsam, endlos langes Beinhalten in der Luft. Ich schüttel' schon nach 15 Minuten meine Beine und denke: gleich fallen sie ab. Manchmal macht Helmut eine Kombination acht oder sechzehn Mal hintereinander, meine Muskeln verkrampfen sich … Klar sind viele auf ihn nicht gut zu sprechen. Es gibt immer wieder Ärger wegen seines Trainings.

Ja, er macht vor …

Nein, nein, die neuen Kollegen wissen schon, wo es lang geht. Das Training is' ja auf der ganzen Welt ähnlich.

Nein, die Kombinationen werden immer von dem ausgedacht, der das Training gibt.

Ich dachte, sie wollten was vom Training wissen? … Wie, mehr von der Atmosphäre? Davon red' ich doch die ganze Zeit.

Rosalinde? Gut, … Ich denke sofort, wie es wohl den Neuen geht mit diesem Training? Beim ersten Mal in einem neuen Theater möchte man es besonders gut machen, wissen Sie, weil jeder jeden beobachtet. Wie hoch kann die da ihre Beine wohl halten? Wie viele Drehungen schafft wohl der Neue? Hat die Neue schöne Füße? Is' sie dünner als ich? Kann der höher springen als ich? Was kriegt die wohl zu tanzen im neuen Ballettabend? Ich kenne diese Gedanken auch bei mir. Der Druck ist manchmal unglaublich, und je älter ich werde, umso stärker wird er, aber auch lächerlicher. Manchmal denke ich dabei an einen Hühnerhof, wo es gleich am ersten Tag um Klärung der Rang- und Hackordnung geht. Aber nu' ändere mal was ... geht nich'.

Selbstverständlich muss man so ein Training durchhalten, is ja für die Kondition.

Also, ich weiß noch, vier Kollegen haben damals nach gut einer halben Stunde den Ballettsaal verlassen. Karla, weil sie noch einige Stachel von einem Seeigel im großen Zeh hat, Simone, die schon seit der letzten Spielzeit mit ihren Knien große Probleme hat. Und dann Peter und Jurek aus Protest gegen das Training. Aber das ist ja nichts Neues, machen die immer so. Einfach aufhören. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte das auch, aber dann denke ich wieder, Trainieren ist wichtig. Ich muss da irgendwie mit klarkommen, dass das Training eben nicht immer so ist, wie ich es brauche.

Nein, Rosalinde war nicht aus dem Saal gegangen. Die hat sich wohl nichts anmerken lassen. Eher im Gegenteil. Die war in Höchstform. Ich glaube niemand konnte fassen, wie leicht sie drehen und springen konnte. Hat ja auch bei ihrer Mutter trainiert, wie ich später gehört habe, die hat eine Ballettschule irgendwo in Süddeutschland

Merkwürdiges Verhalten? Nein, kann ich nicht sagen ... ich denke sofort: die ist ein wirkliches Talent … Aber jetzt wo sie's so sagen … es ist, als ob sie ganz da und dann plötzlich irgendwie doch nicht mehr. Ich weiß nicht wie ich das ausdrücken soll. … So als ob sie manchmal hinter so 'ner Wand steht.

Ja, genau, das fand ich damals schon etwas auffällig. Und dann dieser Drang … Ich dachte: die tanzt sich was von der Seele, so als ob sie unter Druck steht … eine unglaubliche Energie. Noch heute denke ich, die wirkte schon ein bisschen so, als ob sie sich immer wieder in den Vordergrund drängen will ... war dabei nicht unangenehm … Energie bis zum Schluss. Und ich dachte damals, wie lange das wohl gut geht?

Warum? Nur so 'ne Idee. Welcher Motor läuft schon immer auf volle Umdrehungszahl ohne …

Nee, der Tag war damit nicht zu Ende. Am Ende sagte Martina noch an, welche Proben nach der Pause stattfinden. Ich glaube es war Bettelstudent … oder Czardasfürstin, Operette, eine von beiden.

Ja, Operetten haben wir viele. Aber auch Opern und Musicals, und manchmal auch was im Schauspiel. Andere meinen, wir seien doch keine Showgirls. Ich mag Operetten, weil das immer entspannter ist und man viel mehr Spaß haben kann. Is' nicht alles so ernst. Czardas, Mazurka, Polka, Walzer. Manchmal ein Troll hier und 'ne Eule da.

Nein, kein Zooballett, in der Oper Hänsel und Gretel. Oft auch eine Sopranistin in den Arm nehmen und mit ihr … oder sich hinter den Tenor stellen, als Staffage halt. Macht Laune, is' aber auch manchmal langweilig. Je nach dem... Jetzt weiß ich's wieder: Bettelstudent war die erste Aufführung der Spielzeit, danach bald Czardasfürstin, und ich weiß noch, wir hatten acht Tage, um mit den Neuen vier Tänze und drei Szenen einzustudieren. Deshalb gleich die Probe nach dem ersten Training.

Ja, ja. Doch, da haben Sie Recht. Ich weiß noch, dass alle ziemlich erstaunt waren, dass Rosalinde gleich für ein kleines Solo eingeteilt war, obwohl sie doch noch Anfängerin ist. Na ja, wird sicher seinen Grund haben, dachte ich, aber das war schon so eine kleine Zeitbombe, die Helmut da geworfen hat.

Ja, nach dem Training ist zwanzig Minuten Pause. Wir also alle runter in die Kantine. Eine rauchen, was trinken, quatschen, was man halt so macht, gerade wenn man sich so lange nicht gesehen hat.

Nee, Rosalinde is' nicht dabei. Ich weiß das deshalb so genau, weil alle sich über sie ausgelassen haben, und das hätte wohl keiner gemacht, wenn sie dabei gewesen wäre. Na, klar war sie sofort Thema Nummer eins. Eine, die sich so toll nach den Ferien präsentiert und dann auch noch sofort ein Solo kriegt, das bleibt nicht unkommentiert.

Keine Ahnung wo sie war, in der Garderobe?

Reicht für heute? Na gut, wenn sie heute keine Zeit mehr haben...

Selbstverständlich können Sie mich wieder sprechen. Sie finden mich oft hier in der Kantine. Aber so ganz verstehe ich Ihre Fragen immer noch nicht. Aber wenn Sie meinen, das mein Geschwafel Ihnen etwas weiterhilft … Wie war noch Ihr Name? Kühl? So wie kalt? Also, tschüss Herr Kühl.

In der Fremde

Nun geht es also wieder los, sagt Paul, nachdem er Lotte in der Pförtnerloge begrüßt hat. Kaum laufen die ersten Vorstellungen nach der Sommerpause, schon werden wir wieder auf große Reise geschickt. Er lehnt sich an die Glasscheibe und flüstert durch die kleine runde Öffnung im Glas: Andere können ja behaupten, dass es eine sehr ehrenvolle Aufgabe ist, die Provinz mit unserer Kunst zu beglücken. Aber weißt du was? Ich finde, es ist einfach nur nervig und anstrengend. Einerseits bin ich ja froh, dass die Spielzeit endlich in Gang kommt und gewohnte Zeiten anbrechen, aber auf diese Extratouren kann ich glatt verzichten. Dabei macht er ein Gesicht, als hätte seine Mutter ihn gefragt, im Dunkeln den Müll runter zu tragen. Wie immer weiß Paul nicht, ob Lotte aus Zustimmung oder aus purer Höflichkeit nickt.

Na dann los, die Sachen zusammensuchen und runter in den Bus, der schon vor dem Bühneneingang wartet. Paul schmunzelt, als er einsteigt, denn „Madame la Chanteuse“, die Operettendiva, sitzt wie immer ganz vorn. Alle Einsteigenden müssen sich an ihr und insbesondere an ihrem riesigen Hut mit einer enormen Krempe vorbei zwängen. Und das alles nur, damit sie bei jedem sagen kann: „Voilà, ein Tölpel!“

Bühnenbild und Kostüme sind schon am Mittag transportiert worden. Nun folgen die Musiker, Sänger und Tänzer. - Alle bereit für Czardasfürstin? Der Busfahrer versucht gute Laune zu verbreiten.

So ein Mistwetter!, Martina kommt fluchend angerannt. Schon in der vergangen Nacht hatte das Gewitter sie nicht schlafen lassen, und nun schüttet es immer noch wie aus Kübeln. Sie ist richtig mieser Stimmung, lässt sich auf den leeren Sitz neben Paul fallen, und schmeißt ihre Tasche in einem hohen Bogen über sich auf die Ablage. Zwei Schlechtgelaunte nebeneinander. Ihre Stimme ist lauter als sonst: toller Auftakt in die diesjährige Gastpielsaison! Herzlich Willkommen zur Unterwassertour 1975!

Sie schaut kurz durch die Sitzreihen, überprüft, ob alle Tänzer anwesend sind. Sind sie. Wir können!! schreit sie nach vorn zum Busfahrer, „Madame la Chanteuse“ verzieht schmerzerfüllt ihr Gesicht.

Paul überprüft noch einmal den Inhalt seiner Tasche, findet seinen Kalender und schreibt eine Zahl auf die aktuelle Seite. Weißt du was?, heute ist mein 50ster Abstecher, und ich weiß immer noch nicht, wieso diese blöden Vorstellungen, die wir ständig in den verschiedensten Orten geben, überhaupt Abstecher heißen.

Wie, du zählst sie? Oh, Gott! Wenn ich auch das noch aufschreiben sollte … Ich hab' auch keine Ahnung, wieso die so heißen. Vielleicht … nun, ich hätte so manches Mal jemanden abstechen können, das schon. Wenn zum Beispiel die Bühne zu klein war … Oder als Juri mit seinen Kollegen mal eben in die Innenstadt auf dem Weihnachtsmarkt gehen mussten, weißt du noch? Er kam doch dann zu spät und angetrunken auf die Bühne … Das waren durchaus Mordgedanken …

Der Bus bewegt sich im Schneckentempo auf den regennassen Straßen durch den Berufsverkehr. Außerhalb der Stadtgrenze versuchen Sänger im hinteren Teil des Busses eine heitere Stimmung zu verbreiten. Der Herr Tenor und der Herr Kammersänger mit tiefer Bassstimme im Wettstreit, auf „Singing in the rain“ folgt „Schütt' die Sorgen in ein Gläschen Wein!“. Hier und da liegen Tänzerinnen auf den Sitzen und versuchen zu schlafen, die Beine über die Rückenlehnen der Sitze vor ihnen gelegt.

Auch Martina macht es sich in ihrem Sitz bequem, versucht sich zu entspannen, schaut gedankenverloren an Paul vorbei nach draußen: Ich bin ja wirklich froh, dass wir alle Stücke einstudiert haben, die neuen Kollegen sind ja richtig schnell reingekommen. Dadurch haben wir keine Eile und können schön gemütlich für die Wiederaufnahme des Ballettabends proben. Das ist doch mal was, oder? Als Paul nicht antwortet schaut sie ihn an: Dir geht’s nicht so besonders, oder täusch' ich mich da? Ihre nassen Haare umrahmen ihr fragendes Gesicht, sie sieht aus wie eine Badenixe.

Paul zuckt mit den Schultern, ich weiß auch nicht. Irgendwie ein blöder Tag. Ich mag es nicht, wenn das Training kürzer ist, weil wir für den Abstecher noch Proben müssen, weil wir dann früher Schluss machen müssen, weil wir ja um fünf Uhr schon losfahren müssen, weil, weil, … eben weil.

Martina nimmt Spiegel und Kamm aus ihrer Tasche und versucht ihre Haare in eine ansehnlichere Form zu bringen. Da hast du wirklich recht, du Armer und das zu einer Zeit, da die Zeugen Jehovas zum vierten Mal das Jahr des Weltuntergangs angesagt haben, es ist wirklich ein einziges Drama. Das bringt selbst Paul aus seinem Selbstmitleid. Ihr Lachen lässt die Sänger verstummen, und ein zweiter verächtlicher Blick trifft sie aus der ersten Reihe.

Ach, ich weiß auch nicht, sagt Paul, als er endlich wieder sprechen kann. Er schiebt sich tiefer in seinen Sitz hinein, sag du mir, was mit mir los ist!

Was soll ich dazu sagen? Martina schüttelt den Kopf in gespielter Unwissenheit oder vielleicht auch, um ihre Haare neu zu ordnen, ich habe keine Ahnung. Es geht dir doch gut. Du hast eine tolle Arbeit am Theater, musst nicht um deine Position als Mann in der Welt kämpfen. Schau mich an, stupst sie an, ihr Gesicht mit gespielt mädchenhaften Ausdruck, ich gehöre zu denen, die in diesem „Jahr der Frau“ um so etwas wie Gleichberechtigung ringen. Sie senkt ihren Blick, hält kurz inne und schürzt die Lippen, aber ich muss dir sagen, ich weiß nicht so genau, was damit alles gemeint sein könnte... Vielleicht, dass ab sofort die Männer die Spitzenschuhe anziehen müssen?

Paul starrt sie an. Du spinnst wohl, das fehlte mir noch! Wie immer fällt es ihm schwer Ironie zu erkennen. Außerdem kann er Frauen nicht ausstehen, die auf naiv machen. Er dreht sich zur Scheibe, schaut aus dem Fenster und betrachtet die vorbeifliegenden dampfenden Felder. Der Regen hat aufgehört, Sonnenflecke hier und da bringen die leuchtenden Farben des Spätsommers zum Vorschein. Die Stimmung im hinteren Busteil steigt hörbar. Der Chor hat wohl wieder ein Fläschchen dabei, murmelt Martina, ich kann das wirklich nicht ausstehen!

Dann plötzlich Blitze, starker Donner. Ein unglaublicher Sturm. Der Bus schwank hin- und her, starker Regen setzt ein. Nach ungefähr zehn Minuten bleibt der Bus ruckartig auf freier Strecke stehen.

Ein gewaltiger Schrei aus der ersten Reihe, als hätte Tosca den Tod ihres Caravadossi entdeckt und augenblicklich sind alle im Bus wach. Sie stehen im Gang, schauen nach vorn auf die versperrte Straße und reden durcheinander, „Madame la Chanteuse“, der Herr Kammersänger, alle vom Chor, und auch die Tänzer, Damen wie Herren.