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Julie hat einen schweren Verkehrsunfall, den sie nur überlebt, weil Philip ihr das Leben rettet. Was er ihr im Krankenhaus erzählt, versetzt sie aber in Panik. Später trifft sie ihn zufällig wieder und aus anfänglicher Abneigung wird nach und nach Liebe. Doch er hütet ein schreckliches Geheimnis. Haben sie eine gemeinsame Zukunft?
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Seitenzahl: 692
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gertrud Rust
Spitze Zähne
© 2025 Gertrud Rust
Coverdesign: Bild hergestellt durch oder mit Hilfe von KI
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, postalisch zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
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Peter Schub, der späte Fußgänger, kam aus einer Seitenstraße, ging dann zügig die breite Straße entlang. Kopfschüttelnd blickte er auf die Straßenlaterne ein Stück voraus: Diese Vandalen! Hatten mal wieder eine kaputt gemacht. Und natürlich nur aus purer Lust an der Zerstörung. Noch war es nicht ganz dunkel, er konnte seinen Weg auch so ganz gut sehen, aber trotzdem! Er war allein hier; war nicht böse darüber, dass diese randalierenden Jugendlichen, oder wer immer das war, wohl erst spät in der Nacht kamen – er hatte noch nie einen von ihnen gesehen. So konnte er sich hoffentlich hier recht sicher fühlen, auch wenn er allein zu Fuß unterwegs war – seine Frau Marga war immer sehr in Sorge, weil er durch diese einsame Gegend musste. ... Allerdings ... es war höchstens ein paar Minuten her, da hatte er einen Knall gehört. Waren die Randalierer doch schon da? Er sah sich um, doch ein wenig besorgt. Nein, niemand außer ihm war hier unterwegs. Rechts von ihm breiteten sich die Lagerhallen einer großen Getränkefirma aus, auf der linken Seite lagen Bürogebäude – dunkel, kein Fenster mehr erleuchtet jetzt am Abend. Schub sah ein Stückchen vor sich einen Transporter, der mit dem Heck zu ihm an einem der wenigen Bäume hier in der Straße stand. Ihm fiel auf, dass der Fahrer den Wagen so dicht an dem Baum geparkt hatte, dass er mit ihm in der zunehmenden Dunkelheit fast verschmolz. Warum nur? Dabei war doch die ganze Straße frei. Die Heckleuchten brannten auch noch. Na, der würde sich morgen ganz schön wundern, wenn dann die Batterie leer war – oder war der Fahrer am Steuer eingeschlafen? Plötzlich hörte Schub einen Ruf: „Hallo! Hilfe!“ Wo kam das her? Er sah sich um, konnte niemanden entdecken. Schon setzte er sich wieder in Bewegung, da erklang der Ruf erneut: „Hallo! Ich brauche Hilfe!“ Das kam vom Lieferwagen! Schub ging mit schnellen Schritten zum Wagen, blickte hinein: Merkwürdig, es saß niemand darin. Wo also war der Ruf hergekommen? „Hallo!“, erneut ein Ruf, lauter jetzt. Er kam von unten, von irgendwo unter dem Wagen, wie es schien. Schub trat verwirrt einen Schritt zurück. Jetzt sah er ihn: Auf dem Boden vor der Stoßstange, nicht sofort zu sehen, weil der Scheinwerfer nicht leuchtete, hockte eine Gestalt. Was machte der Fahrer dort vor dem Auto? Er blickte hoch, als Schub einen Schritt auf ihn zu trat. Der schrak zurück: Er blickte in das Gesicht eines jungen Mannes; doch wie sah der aus! Im schwachen Licht, das von den Laternen auf dem Parkplatz der Getränkefirma herüber leuchtete, sah Schub, dass das Gesicht, vor allem die Partie um den Mund herum, mit etwas Dunklem verschmiert war, das ihn an Schokolade erinnerte. Er sah jetzt auch, dass der junge Mann eine andere Gestalt auf seinem Schoß hielt. Überall waren dunkle Flecken, die im schwachen Licht teilweise leicht glänzten. War das Blut da auf den Körpern, den Gesichtern und auch auf der Kleidung der beiden? Für einen Augenblick durchzuckte ein Gedanke den Fußgänger: Er hatte einen Vampir vor sich, der eben sein Opfer ausgesaugt hatte. Wieso sollte er sonst Blut – keine Schokolade, sondern Blut – im Gesicht haben? „Bitte rufen Sie einen Rettungswagen!“ Schub schüttelte sich. Was hatte er für abwegige Gedanken – aber das viele Blut! Es war überall. Die Szene glich einem Horrorfilm. „Rufen Sie bitte einen Rettungswagen!“, wiederholte der jungen Mann drängend und fügte hinzu: „Ich kann ihren Arm jetzt nicht loslassen!“ Jetzt erst sah Schub, dass der andere tatsächlich beide Hände auf den blutverschmierten Arm einer jungen Frau drückte, die ohne Besinnung schlaff auf seinem Schoß lag. Schub blickte von den beiden auf der Erde zum Wagen und bemerkte jetzt erst, dass die Frontscheibe des Transporters zersplittert war. Ihn schüttelte es; er trat einen Schritt zurück, zog sein Smartphone aus seiner Tasche und wählte 1-1-2.
Nachdem Schub die nötigen Informationen durchgegeben hatte, räusperte er sich: „Äh, soll ... kann ich irgendwas tun?“, wandte er sich wieder an den Mann auf dem Boden. Der schüttelte den Kopf. „Was ist denn passiert?“ Schub trat noch einen Schritt zurück; das viele Blut, das er nun immer deutlicher wahrnahm, verursachte ihm Übelkeit. Er sah, dass nicht nur die beiden Menschen, die da kauerten, voller Blut waren; es befand sich auch auf dem Boden und es sah so aus, als gäbe es eine Spur, die sich im Schatten hinter dem Auto verlor.
„Die hatten einen Unfall“, erklärte der junge Mann, „Sie müssten den Knall doch auch gehört haben – als er gegen den Baum gefahren ist. Als ich ankam ... ich konnte sie nur noch raus ziehen und versuchen, die Blutung zu stoppen. … Wie gut, dass Sie gekommen sind.“
„Sie sind nicht der Fahrer?“, wunderte sich Schub. Der andere verneinte. „Wo ist der denn dann?“, der junge Mann hob die Schultern.
Eine Weile schwiegen sie, dann hörten sie eine Sirene und wenig später hielt der Rettungswagen am Straßenrand. Die Sanitäter eilten mit Tragbahre und Notfallkoffer herbei. Schnell hatten sie das Geschehen überblickt: „Die Frau zuerst“, befahl einer. Routiniert nahmen sie sie dem jungen Mann aus den Armen, legten sofort einen Druckverband an und hoben sie auf die Trage. Erleichtert streckte der junge Mann seine Arme, wischte sich kurz über das Gesicht und verschmierte dabei das Blut noch mehr. Die Sanitäter schoben die Trage in den Rettungswagen. Das letzte, was Schub sah, war, wie einer der Männer einen Infusionsbeutel an einem Gestell aufhängte. Dann wurden die Türen geschlossen und der Wagen fuhr davon. Inzwischen waren ein zweiter Rettungswagen und ein Polizeiwagen eingetroffen. Wieder eilten die Sanitäter herbei. Einer beugte sich über den jungen Mann: „Was ist mit Ihnen? Wie schwer sind Sie verletzt?“
„Ich bin nicht verletzt“, antwortete der.
Mit einem Blick auf Gesicht, Körper und Arme des jungen Mannes, die alle voller Blut waren, sagte der Sanitäter zu seiner Kollegin: „Nehmen wir ihn erst einmal mit zum Wagen. Dann sehen wir weiter.“ Er half dem jungen Mann auf, der, als er stand, die stützende Hand unter seinem Ellenbogen abwehrte und ohne Hilfe zwischen den beiden zum Wagen ging.
„Auf jeden Fall sollten wir Bauch und Brust untersuchen, wenn er gefahren ist ...“, begann die Frau.
Doch der blutverschmierte Mann sagte: „Ich bin nicht gefahren ...“, die beiden Sanitäter sahen sich zweifelnd an.
Während sein Kollege Thiel zum Unfallort ging und sich ein Bild von der Lage machte, war Polizeiobermeister Winter zu dem Fußgänger getreten.
„Ich habe die gar nicht gesehen. Wie gut, dass ich heute etwas später hier durch bin – sonst bin ich ja meist fast eine Stunde früher hier, aber heute … Ich hatte Überstunden, wissen Sie. Sowieso, wenn der nicht gerufen hätte – es ist so dunkel und der Wagen verdeckt sie. Wirklich, wenn er nicht gerufen hätte, hätte ich sie wohl nie gesehen. Als er gerufen hat, musste ich erst mal suchen, wo da wer ist. Können Sie sich vorstellen, wie ich mich erschrocken habe, als ich die beiden gesehen habe, da auf dem Boden, so voller Blut? ... Wissen Sie, ich habe den Knall wirklich gehört, aber ich habe gedacht, dass da wieder welche eine Laterne kaputt gemacht haben. Ich hatte mich schon gewundert, sonst kommen die nie so früh“, machte Peter Schub gerade seinem Schrecken Luft. Er fuhr fort, dass er auf seinem Heimweg zur Siedlung hinter dem Gewerbegebiet sei. Er käme hier jeden Abend durch, aber heute eben etwas später als sonst. Eigentlich war alles so wie sonst hier, er hätte sich heute nur gewundert, dass da ein Wagen so dicht an einem Baum stand, wo sonst doch nachts nie Autos hier auf der Straße standen – weil hier nachts niemand arbeitete und vielleicht auch wegen dieser Randalierer, die hier alles kaputt machten. Nein, den Unfall selbst habe er nicht gesehen.
„Haben Sie gesehen, wer am Steuer saß?“, fragte Polizeiobermeister Winter.
Schub verneinte: „Da war niemand – außer den beiden da. ... Der da war das aber auch nicht“, sagte er, zeigte auf den Rettungswagen, wo der junge Mann auf einer Trage saß und untersucht wurde, und erklärte, was der ihm gesagt hatte. Nachdem der Polizist seine Daten aufgenommen hatte, durfte Schub endlich nach Hause. Schwankend zwischen Erleichterung und einem gewissen Bedauern, einfach weggeschickt zu werden, wandte er sich ab. Zumindest Marga würde er heute etwas zu erzählen haben, dachte er. Bald war er in der Dunkelheit verschwunden.
Polizeiobermeister Winter trat nun auch an den Lieferwagen. Er sah einige Blutflecke auf dem Boden. Thiel hatte inzwischen eine Halterfeststellung angefordert und seine Lampe aus dem Polizeiwagen geholt. Nun betrachteten die Beamten die Spuren. Vor dem Transporter war ein deutlicher, unregelmäßiger Fleck – hier hatten die beiden gesessen und dort, dort führte eine Spur unter den Baum. Mit ernstem Gesicht folgten sie ihr. Die Frontscheibe war zerborsten; Unmengen von Glassplittern lagen auf dem Armaturenbrett und vor dem Wagen. Die Scheibenwischer ragten drohend nach oben, einer war in den Innenraum gebogen. Hier vor dem Wagen war nicht viel Blut zu sehen, nur am Boden blutige Fußabdrücke – wohl von dem jungen Mann – und einige Tropfen. Winter und Thiel gingen weiter, mussten sich unter einem Ast hindurch ducken, der tief über der Beifahrerseite hing und sie verdeckte. „Pass auf!“, vorsichtig stieg Winter über einen weiteren Fußabdruck. Als er auf der anderen Seite des Wagens stand, musste er tief durchatmen. Die Tür war halb geöffnet, ließ sich nicht weiter aufziehen, da ein Ast des Baumes sie blockierte. Die Seitenscheibe war ebenfalls zersplittert. Überall lagen Scherben, auch im Wagen – und alles war voller Blut: der Beifahrersitz, der Boden im und neben dem Wagen. Dort fanden sich weitere Fußabdrücke, zum Teil in der Blutlache. Kein Wunder, dass der junge Mann, der offensichtlich die Frau aus dem Wagen gezogen hatte, so voller Blut war. Es war ein Wunder, dass die noch am Leben war – falls sie wirklich noch am Leben war – bei dem vielen Blut, das sie verloren hatte. ... Wenn denn alles von ihr war! Der junge Mann hatte ja auch überall Blut gehabt – war er also nicht doch der Fahrer und ebenfalls verletzt?, fragte Winter seinen Kollegen. Der hob ratlos die Schultern; sie würden es wissen, wenn sie den Fahrer gefunden hatten. Denn der junge Mann hatte schließlich noch selbst zum Rettungswagen gehen können, hatte nicht einmal gestützt werden müssen. Das konnte aber auch vom Schock sein, der einen Verletzten oft kaum etwas spüren ließ, wie Winter gelernt hatte. Er trat aufatmend einen Schritt zurück, sah sich um. Hier konnten sie ohne Hilfsmittel nichts mehr entdecken. Sie wandten sich ab, gingen einmal um den Wagen herum. Wenn der junge Mann nicht der Fahrer war, wo war der denn dann? Winter sah sich das Fahrzeug noch einmal genau an. Merkwürdig, die Fahrertür war geschlossen. Er öffnete sie vorsichtig, leuchtete hinein und sah sich um: Soweit er erkennen konnte war kein Blut am Türgriff, kein Blut am Lenkrad, auf dem Sitz oder am Sicherheitsgurt. Auch das Armaturenbrett war zwar von Glassplittern bedeckt, aber nicht blutig. Der Schlüssel steckte noch im Zündschloss. Die Frau hatte auf dem Beifahrersitz gesessen; sie konnte nicht gefahren sein. Wo aber war der Fahrer? Winter leuchtete in den Laderaum, doch der war leer bis auf zwei schwarze Koffer, einer umgekippt und offen mit einigen Kabeln, die heraus gefallen waren, und einer Kameratasche. Winter wandte sich wieder ab, da sah er aus den Augenwinkeln etwas grün aufleuchten. Er richtete die Lampe auf die Stelle, zog dann vorsichtig eine grüne Karte unter den Glassplittern hervor. Auf dem Armaturenbrett lag ein Presseausweis. Stirnrunzelnd sah sich Winter das Foto an: Es zeigte einen Mann von sicherlich vierzig, fünfundvierzig Jahren mit schütteren Haaren – deutlich älter als der blutverschmierte Mann, soweit er hatte erkennen können. „Der Fahrer?“, fragte er.
Thiel, der wieder zu ihm getreten war, nickte: „Wahrscheinlich. Wir müssen ihn finden!“, beide Polizisten sahen sich sorgfältig um: blickten selbst unter den Wagen, sahen beim Baum nach, bogen die Äste auseinander und weiteten schließlich ihre Suche in die nähere Umgebung aus. Sie forderten Verstärkung an.
„Kannst du mal eben kommen? Das ist merkwürdig“, bat Dr. Kapoor in der Notaufnahme der Sophienklinik seine Kollegin zu sich, die gerade einen Patienten versorgt hatte und sich nun die Hände wusch. Er ging mit ihr in den Schockraum, zeigte auf die junge Frau, die vor ihm auf der Untersuchungsliege lag: „Sieht dir diese Wunde an – die müsste stark bluten, aber sieh, kein Tropfen – das kann doch nicht sein. Und dann: den Verletzungen nach ist der Blutverlust im kritischen Bereich – aber irgendwie scheint sie ... ich weiß, dass das jetzt albern klingt, aber irgendwie scheint sie ... ja, sie scheint den Blutverlust zumindest teilweise ausgeglichen zu haben. Jedenfalls hat sie deutlich weniger Volumenmangel als nach dem Unfallhergang zu erwarten wäre. ...“
Dr. Meyer blickte auf die große, klaffende Wunde am linken Arm der jungen Frau. Der Schnitt war tief und lang, aber die Blutung schien tatsächlich vollständig gestoppt, die Wunde sauber und trocken. „Wie hast du das geschafft? Was hast du ihr da reingetan?“
„Noch gar nichts“, Dr. Kapoor zuckte mit den Schultern, „Das war schon so, als sie kam. Peters und Arabi haben gesagt, dass sie auch nichts gemacht haben – nur den Zugang gelegt und Flüssigkeit gegeben – und einen Druckverband gelegt. ... Also, ich verstehe das nicht. Das müsste doch bluten – hat es ja auch; sieh sie dir nur an. Das hört doch nicht einfach so auf, oder? Und die anderen Verletzungen, die kleineren Schnitte da überall, die bluten ja auch.“
Beide Ärzte untersuchten die junge Frau noch einmal gründlich, doch sie konnten nichts finden, nur einige weitere kleine Schnittwunden am Oberkörper und an der Schulter, aber nichts, das die unnatürliche Blutstillung ebenso wie den geringen Blutvolumenmangel erklären konnte. Die Patientin lag mit blassem Gesicht bewusstlos vor ihnen. Also leitete Dr. Kapoor alle Untersuchungen ein: Traumaspirale im CT, Herz- und Bauch-Ultraschall, ordnete eine Blutabnahme an. Mehr konnte er im Moment nicht tun. Die beiden Ärzte sahen sich die Frau noch einmal an – beide hatten so etwas noch nie erlebt – dann wandte Dr. Meyer sich wieder ab, um den nächsten Patienten, der gerade in ihren Notaufnahmeraum gebracht wurde, zu behandeln. Dr. Kapoor nickte der Pflegekraft zu, die den Arm der Patientin desinfizierte, dann griff er zum Nahtmaterial und verschloss die Wunde. Er seufzte: Er würde nachher noch einen ausführlichen Bericht schreiben müssen. In Gedanken überlegte er schon einmal, wie er ihn formulieren sollte. Endlich war die Wunde vernäht und neu verbunden. Ein Pfleger schob die Patientin auf die Intensivstation. Dr. Kapoor rieb sich das Gesicht – es war jetzt Mitternacht durch und im Warteraum saßen noch etliche Patienten. Er fand es schwierig, sich auf sie zu konzentrieren, musste immer an die junge Frau denken.
Es war Vormittag des nächsten Tages. Die zwei Neueingänge, die in der Nacht auf die Intensivstation gekommen waren – eine junge Frau und ein junger Mann – sorgten für erregte Diskussionen im Ärztezimmer, wo die Mediziner in kleinen Gruppen beisammen standen. Das, was die aufnehmenden Ärzte und die Rettungssanitäter über die beiden zu den Akten gegeben hatten, brachte ihr gesamtes medizinisches Weltbild durcheinander. Da war einmal die junge Frau, deren hoher Blutverlust infolge des schweren Unfalls bei der Aufnahme in der Klinik deutlich verringert war – keiner wusste wie und woher. Auf der anderen Seite war da der junge Mann, der, nachdem das ganze Blut, das ihn bedeckt hatte, abgewaschen worden war, nur eine kleine Bissverletzung, zwei Einstiche am linken Handgelenk, hatte. Trotzdem zeigte er einen hohen Blutvolumenmangel – doch wieso? Er hatte außer den Einstichen keine äußeren, aber auch keine inneren Verletzungen und dennoch hatte er offensichtlich viel Blut verloren und seine Werte waren insgesamt dramatisch schlecht. Wie konnte das sein? Die Ärzte konnten sich keinen Reim darauf machen. Vermutungen schossen hin und her; alle sprachen wild durcheinander.
„Zwei Einstiche am Handgelenk?“, spottete ein junger Arzt, „Den hat bestimmt ein Vampir gebissen“, er lachte. Einige Kollegen lachten mit.
„Vampire?“, schimpfte Professor Dr. Robert, der grauhaarige Chefarzt, „Sie sehen zu viele schlechte Filme, Jonas.“
Eine Assistenzärztin hob die Brauen: „Aber es ist schon merkwürdig, nicht wahr? Wie soll man so so viel Blut verlieren? Er hat wirklich nur die zwei kleinen Löcher, keinen einzigen Kratzer sonst, und die bluten auch noch nicht einmal. Der brauchte nicht mal ein Pflaster. ... Und trotzdem ist sein Puls bedrohlich schwach.“
„Ich werde mir gleich noch mal alle Berichte kommen lassen“, unterbrach Dr. Palmer, der Stationsarzt, „Und dann werde ich den jungen Mann aufsuchen. Er ist tatsächlich vor Kurzem aufgewacht. Ich denke, dass wir dann mehr erfahren.“
Die Tür öffnete sich und ein Polizist trat ein. Die Beamten, suchten immer noch nach dem Fahrer des Unfallwagens und hofften, von den beiden Betroffenen hier auf der Intensivstation Auskünfte bekommen zu können.
Wenig später betrat Dr. Palmer in Begleitung seiner Kollegen Dr. La, einer jungen Ärztin, und Dr. Jonas und gefolgt von einem Pfleger das Krankenzimmer. Der junge Mann, den seine Papiere als Philip Jäger auswiesen, saß aufrecht im Bett. Der Tropf an seinem Gestell war leer und der Pfleger schloss die Kanüle im Handrücken des jungen Mannes, nahm den Beutel gewohnheitsmäßig ab. Kabel verbanden den Patienten mit weiteren Geräten und ein Monitor zeigte leise piepend wandernde Kurven. Er sah noch etwas blass aus, doch er war offensichtlich hellwach. Mit gehobenen Brauen sah er den Eintretenden entgegen. Der Arzt blickte auf den Monitor, dann wieder zum Patienten. Wie konnte der bei den Werten wach sein? Er schüttelte den Kopf, grüßte den jungen Mann und fragte: „Wie geht es Ihnen?“ Der zuckte mit den Schultern. „Ich ... wir haben einige Fragen an Sie“, Dr. Palmer zeigte auf eine dicke Mappe in den Händen seiner Kollegin. Ergeben seufzte Philip Jäger.
Bevor der Arzt aber noch etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und Polizeimeister Hoppe trat ein. „Ist er vernehmungsfähig?“, erkundigte er sich.
Zögernd bejahte Dr. Palmer, wies ihn darauf hin, sich kurz zu halten: „Schließlich sind wir hier auf der Intensivstation. Maximal fünf Minuten, ja!“
Hoppe schickte ihn, seine Kollegen und den Pfleger aus dem Raum. Dann zog er ein Notizbuch und einen Stift aus seiner Tasche, wandte sich an den jungen Mann und nahm zunächst einmal dessen Daten auf. „Ich habe da noch einige Fragen zum Unfallhergang“, fuhr er dann fort, „Der Herr, der den Rettungswagen gerufen hat, hat ausgesagt, dass Sie ihm gegenüber geäußert hätten, dass Sie den Wagen nicht gefahren sind ...“, begann er.
„Bin ich auch nicht“, entgegnete Philip, „Ich habe das Quietschen der Bremsen und den Knall gehört und bin da hingelaufen, weil mir klar war, dass da ein Unfall passiert sein musste. Der Wagen hatte den Baum gerammt, die Scheibe war kaputt ... einen Fahrer habe ich aber nicht gesehen. Auf dem Beifahrersitz saß die Frau; sie war verletzt.“
„Sind Sie ganz sicher, dass nicht Sie gefahren sind? Schließlich ist der Fahrer spurlos verschwunden.“
„Natürlich. Ich sagte doch schon, ich bin nicht gefahren, sondern später dazu gekommen. Fragen Sie doch die Frau.“
„Das werden wir. Im Moment können wir sie allerdings noch nicht befragen. Deshalb frage ich Sie. Also, Sie sagen, Sie sind nicht gefahren. Haben Sie den Fahrer dann vielleicht gesehen? Auf der Straße oder vielleicht auch hinter dem Wagen, am Baum, oder ...?“
Philip schüttelte den Kopf.
„Sie haben die Frau aus dem Wagen geholt“, es klang wie eine Frage und der junge Mann nickte. „Wie kam es, dass Sie Blut sogar in ihrem Gesicht hatten, wenn Sie nicht mit dem Kopf gegen die Scheibe geknallt sind? – Oder sind Sie vor den Wagen gelaufen und wurden getroffen?“
„Warum sollte ich da vor den Wagen laufen?“
„Sagen Sie mir, warum.“
„Quatsch. ... Ich bin da hingekommen, als der Unfall schon passiert war. Der Fahrer war weg und nur die Frau war da und sie war verletzt. Das Blut, das war überall und lief und ich musste mich über sie beugen, um sie aus dem Wagen zu kriegen; sie hatte ja noch den Gurt um. Ich habe überall Blut hin gekriegt – an die Hände, an meine Sachen. Na und irgendwie ist das wohl auch in mein Gesicht gekommen; und in meine Haare – das weiß ich aber nicht mehr. Denn sobald ich sie raus hatte, habe ich nur versucht, die Wunde zu schließen, damit sie nicht verblutet. Da war ja schon so viel Blut und es lief immer noch.“
Der junge Mann schnaubte: „Verdammt, sie war am Verbluten. Haben Sie die Schweinerei da gesehen? Ich habe sie losgemacht, rausgezogen und ... dann habe ich ihr den Arm abgedrückt. Wie sollte ich da das Handy aus der Tasche holen. Meine Hände waren ganz glitschig vom Blut und die Wunde war so groß.“
„Ja, gut. ... Sie haben dann ja immerhin einen Passanten um Hilfe gebeten. ... Ach, wie sind Sie eigentlich an Ihre Verletzung gekommen?“, mit einem Ruck beugte Polizeimeister Hoppe sich zu dem jungen Mann vor.
Der aber zuckte nur mit den Schultern: „Keine Ahnung. Wissen Sie, wie das da aussah mit all dem Glas überall?“
Noch einmal blickte der Polizist Philip scharf an, doch der blickte ausdruckslos zurück.
„Nun gut. Wir werden sicherlich noch weitere Fragen haben – Ihre Adresse haben wir ja“, Hoppe steckte sein Notizbuch ein und verließ mit einem knappen Gruß das Zimmer. Er war absolut nicht zufrieden mit den Ergebnissen seiner Befragung, doch er sah, dass er im Moment nicht weiter kam. „Glas!“, knurrte er verärgert, als er an den Ärzten vorbei ging, „Am Glas verletzt …“
Dr. Palmer sah ihm kurz nach, dann traten die vier wieder in das Krankenzimmer. Der Blick der Ärzte ging zum Monitor – keine Veränderung. Wie war das möglich? Dr. Palmer wandte sich seinem Patienten zu, der ebenfalls unverändert aussah, kein bisschen erschöpft von der Befragung, und setzte zunächst an der Aussage des Polizisten an: „Glas? Wollen Sie sagen, dass Sie sich an den Scherben verletzt haben?“, der junge Mann hob nur die Braue, „Das können Sie einem medizinischen Laien vormachen, aber nicht mir. Ihre Verletzungen sind eindeutig Einstiche, keine Schnitte, hervorgerufen von einem spitzen, eher runden Gegenstand, wahrscheinlich Zähnen oder etwas Ähnlichem. Dem Abstand der beiden Einstichstellen nach würde ich auf einen Hundebiss tippen – wenn nicht der Gegenbiss der unteren Zähne und die Abdrücke der Incisivi, der Schneidezähne, fehlen würden. Also, wo haben Sie diese Verletzung her? Erzählen Sie nichts von Glasscherben.“
Philip guckte grimmig: „Ich habe nicht behauptet, dass das Scherben waren – ich sage dazu nichts mehr ...“, er legte sich hin und zog sich die Decke bis zum Kinn. Verärgert verließen die Ärzte den Raum.
Langsam kam die junge Frau zu sich, nahm nach und nach ihre Umgebung wahr. Da waren ein leises Piepen und Summen, ein Geruch, der ihr fremd war. Sie öffnete ihre Augen: Wo war sie? Verwundert sah sie sich um: Wieso war sie in einem Krankenzimmer? Als sie sich bewegte, stellte sie erschrocken fest, dass in ihrem rechten Handrücken eine Kanüle steckte, an der ein Infusionsschlauch hing. Ihr linker Arm war vom Handgelenk bis über den Ellenbogen bandagiert; an beiden Händen und Oberarmen klebten Pflaster. Überall hingen Kabel, verbanden sie mit mehreren Geräten und einem Monitor, die am Kopfende standen. Die Tür ging auf, eine Pflegerin eilte herbei. Heiter begrüßte sie die junge Frau, freute sich, dass sie das Bewusstsein wieder erlangt hatte: „Das wird die Doktoren freuen“, rief sie und lief davon. Wenig später trat sie wieder in das Zimmer, in ihrer Begleitung gleich vier Ärzte.
„Wie schön, dass Sie aufgewacht sind, Frau Anderson“, sagte einer, der laut seinem Namensschild Dr. Palmer hieß. Die anderen nickten, dann blickten sie auf die Monitore und in die Patientenakte, die einer von ihnen in den Händen hatte, sprachen leise miteinander. Julie Anderson verstand nur wenig von dem, was sie sagten, hatte das Gefühl, noch immer nicht ganz klar zu sein. Doch offensichtlich waren die Ärzte zufrieden und sie musste sich keine Sorgen machen, oder? Eben gerade hatte eine Ärztin, eine kleine, zierliche Asiatin, „ungewöhnlich“ gesagt und alle hatten genickt; ein anderer hatte dann von „merkwürdigen Besonderheiten“ gesprochen. Und dann, wieso waren so viele Ärzte hier im Zimmer – das war doch auch nicht normal.
„Was ist denn los?“, Julie war besorgt.
„Sie erinnern sich, dass Sie einen Unfall hatten?“, fragte Dr. La.
Julie runzelte die Stirn, schloss die Augen und überlegte. Dann sagte sie vage: „Ja ... ich glaube“, sie dachte wieder nach, nickte dann, energischer, „Ja. David ... David, das ist unser Fahrer, mit dem war ich unterwegs. Ich hatte ein Interview und wir waren auf dem Weg zurück. ... Und dann ... hm, da ist doch was passiert, das weiß ich“, sie grübelte, sprach dann langsam weiter, „Ich ... nein, das ist alles weg. Aber ich ... nein, ich weiß nicht mehr, was da passiert ist. Ich kann mich nicht erinnern. ... Doch! Oh ja: Es war dunkel in der Straße da und keine Autos. Und dann hat David plötzlich geschrien: ‚Scheiße, was soll das denn!‘, und dann, dann hat es geknallt und dann, ... plötzlich ein ... es hat so weh getan – und ... Blut! Überall war Blut. Ich konnte fühlen, wie es ... wie es aus meinem Arm gelaufen ist. Es war so schrecklich! ... Mir wurde kalt und mir ist ganz schwindelig geworden ... und dann ist mir schwarz vor Augen geworden“, sie schwieg lange Zeit, die Augen geschlossen, die Stirn gerunzelt. Ein Arzt setzte zum Sprechen an, da öffnete Julie die Augen wieder und sagte: „Oh, und dann, da war dann noch jemand – ich erinnere mich. Jemand hat mit mir gesprochen. Ich weiß nicht, was er gesagt hat, aber da war wer, der gesprochen hat. Das war nicht David, das war eine andere Stimme ... und ... und er hat ... ich glaube, er hat den Gurt los gemacht und mich aus dem Auto geholt.“
Die Ärztin nickte: „Ja, da haben Sie Glück gehabt. Der Mann, der Sie aus dem Wagen gezogen hat, hat Ihnen das Leben gerettet.“
„Wieso?“
„Sie wären sonst verblutet.“
„Was?“, Julie wurde blass vor Schreck.
Ein anderer Arzt beruhigte Sie: „Machen Sie sich keine Gedanken. Sie haben eine ...“, er stockte kurz, „äh, eine Bluttransfusion erhalten. Die Wunde ist genäht – Sie müssen sich also keine Sorgen machen. Sie sind noch etwas schwach, aber das wird sich auch bald geben.“
Professor Robert, der inzwischen hinzu gekommen war, schaltete sich ein, erklärte ihr in groben Zügen, was vorgefallen war und fragte sie dann, ob sie sich jetzt vielleicht an weitere Einzelheiten erinnern könnte. Doch Julie schüttelte den Kopf. Vielleicht würden die Erinnerungen ja irgendwann später noch kommen, aber im Moment konnte sie an nichts anderes denken, als dass sie bei einem Unfall schwer verletzt worden war. Schließlich gaben die Ärzte ihre Befragung auf und verließen das Zimmer. Julie sah ihnen nach, immer noch erschüttert. Deshalb also so viele Ärzte! Sie konnte es nicht fassen: Sie wäre also gestorben, wenn ihr nicht jemand das Leben gerettet hätte! Wer war das gewesen? Auch daran konnte sie sich nicht erinnern. Wieder grübelte sie, doch das ermüdete sie. Sie schloss die Augen und döste.
Es war früher Nachmittag. Wieder standen die Ärzte im Stationszimmer der Intensivstation um die Patientenakten der beiden Neuzugänge der Nacht herum. Weitere Laborberichte und Befunde waren eingetroffen. Sie füllten zusammen mit den Untersuchungsergebnissen und den Berichten, die sie von den Rettungssanitätern bekommen hatten, zwei dicke Mappen. Julia Anderson, war stabil. Aufgrund der merkwürdigen Begleitumstände war sie aber auf die „Intermediate Care“ verlegt worden. Einige Fakten in ihrem Fall waren sehr seltsam – und interessant. Doch der Fall von Philip Jäger war bei weitem aufsehenerregender. Immer wieder waren die Ärzte, einzeln oder auch zu zweit oder dritt, in sein Zimmer gegangen, hatten verwundert gesehen, dass der junge Mann trotz der extrem schlechten Vitalwerte munter und wach in seinem Bett saß – und sie zunehmend genervt anblickte. Ein Arzt griff nach der Patientenakte, blätterte sie durch und legte sie wieder auf den Tisch. „Sono, CT, EKG … sehen Sie sich die Befunde an!“, keiner konnte glauben, was die Ergebnisse erzählten.
„Ergebnisse der Blutuntersuchung?“
„Stehen noch aus.“
„Also, das ist doch nicht möglich! Wieso hat der so gut wie keinen Herzschlag – und ist wach?“
„Wir müssen noch einmal mit beiden sprechen“, sagte eine Ärztin.
Eine Pflegekraft war ins Ärztezimmer gekommen, hatte Dr. Palmer leise angesprochen. Nun sah er ihr mit gerunzelter Stirn nach, als sie den Raum wieder verließ. Philip Jäger hatte dringend darum gebeten, mit ihm zu sprechen. Was sollte das denn? Vor gut einer Stunde hatte er noch jede Kooperation verweigert und jetzt wollte er ihn sprechen – dringend sogar? Auf der anderen Seite aber war Dr. Palmer neugierig, was dieser merkwürdige Patient von ihm wollte und so trat er etwas später, nur von einem Pfleger begleitet, in dessen Zimmer. Sein Blick wanderte wie von selbst zum Monitor, sah das gleiche Bild wie zuvor. Er wandte sich an den jungen Mann: „Wie kann das sein, dass Herzschlag und Atmung bei Ihnen derartig verlangsamt sind? Sie müssten ohnmächtig sein, bei dem schwachen Blutdruck!“
Philip zuckte mit den Schultern. Dann fragte er: „Die Frau, die ich gerettet habe. Sie ist auch hier im Krankenhaus, ja?“
„Hm, ja, natürlich. … Aber ich darf und werde Ihnen keine Auskünfte über sie geben“, stellte Dr. Palmer klar.
„Bitte, ich muss zu ihr – ich muss unbedingt mit ihr sprechen“, forderte der junge Mann.
Der Arzt schüttelte den Kopf: „Das geht nicht. Sie liegen auf der Intensivstation und die Patientin …. Ihre Werte sind dramatisch schlecht; es ist ein Wunder, dass Sie überhaupt bei Bewusstsein sind. Da können Sie nicht einfach Ihr Bett verlassen und herum wandern, zumal die Patientin ohnehin keinen Besuch empfangen darf. Wir sind hier schließlich in einem Krankenhaus.“
„Darum geht es ja – ich meine, um die Frage, wie es mir geht. Das hängt alles zusammen. Ich muss unbedingt mit ihr sprechen. ... Und, ja, ich kann aufstehen – Sie sehen ja, dass ich wieder völlig wach bin. Meine Werte werden sich nicht verbessern, glauben Sie mir. Deshalb ist es nicht nötig, mich im Bett zu halten – und all die Kabel und Schläuche können auch ab. ... Ich muss mit ihr sprechen, dringend.“
„Junger Mann, das geht nicht. … Selbst, wenn Sie selber das Gefühl haben, dass es Ihnen wieder gut geht, ist das trügerisch. Als Arzt kann ich Ihren Zustand besser beurteilen als Sie und Ihre Vitalwerte lassen ein Aufstehen auf keinen Fall zu.“
Philip argumentierte, dass er seinen Zustand sehr wohl selbst beurteilen könne, wirkte dabei tatsächlich wach und rege, doch Dr. Palmer beharrte auf seiner ärztlichen Erfahrung. „Ich wiederhole es noch einmal: Sie sind hier auf der Intensivstation. Hier bleiben alle Patienten in ihren Betten, bis sie auf eine Normalstation verlegt werden. Hier wird nicht herumgewandert und schon gar nicht werden Patienten in anderen Zimmern besucht. Sie sind hier, weil es um Ihre Gesundheit, Ihr Leben geht. Niemand steht hier auf und wandert herum.“
Der junge Mann senkte den Kopf, legte die geschlossenen Handflächen an die Stirn und schloss einmal kurz die Augen: „Trotzdem. Ich möchte aufstehen … ich werde aufstehen.“
„Das können Sie nicht“, erklärte Dr. Palmer verärgert.
„Doch. … Hören Sie, ich beweise es Ihnen. Lassen Sie mich doch einfach aufstehen – jetzt, hier“, er beharrte darauf und nach kurzer Diskussion willigte der Arzt ein. Der Patient wirkte erregt, obwohl sein Puls immer noch nicht schneller schlug. Trotzdem: Wenn er den Versuch zuließ, würde sich der Patient vielleicht beruhigen. Auch der Pfleger unterstützte dessen Wunsch; er war neugierig auf das Ergebnis. Noch ein Blick auf den Monitor, dann wurden die Geräte ausgeschaltet, Kabel und der Tropf entfernt. Beide, Arzt und Pfleger standen bereit ihn aufzufangen, als der der junge Mann seine Beine aus dem Bett schwang, sich hinstellte und leichtfüßig, ohne Schwanken oder Taumeln einige Male zügig und mit sicheren Schritten im Zimmer auf und ab ging. Am Ende stellte er sich sogar auf ein Bein, stand dabei ruhig und ohne zu wackeln. Dann kam er wieder zum Bett zurück.
Zur Verwunderung Dr. Palmers schlug der Puls auch nach diesen Aktivitäten nicht ein bisschen schneller. „Das verstehe wer will“, murmelte er, „Das ist äußerst ungewöhnlich, mehr als ungewöhnlich, aber Sie scheinen tatsächlich stabil zu sein. Trotzdem können Sie hier nicht in den Gängen herum wandern und andere Patienten besuchen. ...“
„Nur die Frau ...“, fiel ihm Philip ins Wort, „Ich will keine anderen Patienten besuchen. … Hören Sie, ich muss mit ihr sprechen, sie muss ...“, er brach ab, fuhr dann aber energisch fort, „Sie wollen doch auch wissen, was los ist: Woher sie das Blut hat, das sie gekriegt hat, obwohl sie so viel verloren hat und wieso ihre Wunde nicht mehr blutet. ... Und auch, was mit mir ist. Lassen Sie mich mit ihr sprechen – das ist ganz wichtig! Und Sie bekommen dann auch die Antworten. ... Sie können doch dabei sein und zuhören, wenn ich mit ihr spreche ... und hinterher erkläre ich Ihnen alles, das verspreche ich Ihnen. Sie sind doch garantiert alle neugierig – sonst hätten mich nicht die ganze Zeit ständig irgendwelche Ärzte besucht. Ich werde Ihnen alle Fragen beantworten – aber erst muss ich mit ihr sprechen!“
Der Arzt hatte ihm mit zunehmendem Erstaunen zugehört. „Ich wiederhole es: Das geht nicht. Allein aus datenschutzrechtlichen Gründen dürfen Sie andere Patienten nicht besuchen – das dürfen nur enge Angehörige. … Ich werde mich mit meinen Kollegen besprechen. Sie bleiben so lange hier – in diesem Zimmer!“, damit wandte er sich ab und ging.
Philip grübelte. Verdammt, sie hatten ihm schon wieder eine Infusion angelegt. Er fühlte sich leicht schwindelig – oder nein, eher high, wie unter Drogen. Dabei hatte er ihnen doch gesagt, dass er das Zeug nicht mehr brauchte. Leider konnte er nicht einfach den Zugang schließen, dann würden sie ein Mordstheater machen und das konnte er im Moment nicht brauchen. Na ja, es schadete ihm ja nicht wirklich, war einfach nur etwas viel. … Irgendwie musste er es schaffen, mit der Frau zu sprechen, die er gerettet hatte, aber er wusste ja nicht einmal, wo sie hier auf der Intensivstation war – war sie überhaupt noch hier? Dr. Palmer hatte nur bestätigt, dass sie hier im Krankenhaus war … auch auf der Intensivstation, oder hatte er das falsch verstanden? Wo sollte er sie finden? Es gab hier sicherlich mehrere Räume. Vielleicht waren ja in der Nacht weniger Leute hier und er konnte es wagen, sein Zimmer zu verlassen … nur war da dann noch das Problem mit den ganzen Geräten, an die er angeschlossen war. Mist! Wenigstens aber hatte eine niedliche junge Pflegerin ihm tatsächlich einen dünnen weißen Bademantel gebracht, der jetzt über dem Fußende seines Bettes lag, und ein paar von diesen Schlappen, wie es sie auch in Hotels gab. Er hatte die Frau überzeugt, dass er wenigstens ein bisschen Bewegung brauchte und natürlich nicht nur in diesem Krankenhaushemd, das hinten offen war, herum laufen mochte, auch wenn er das Zimmer ja sowieso nicht verlassen konnte. Hoffentlich würde sie keinen Ärger bekommen, sie war wirklich nett, hatte seine Bitte nicht hinterfragt.
Die Sonne schien. Julie streckte vorsichtig ihre Arme und fuhr das Kopfteil ihres Bettes ein wenig höher. Sie blickte zum Fenster. Dort sah sie den Himmel, einige Wolken. Ganz außen, am Rand konnte sie den Teil einer Baumkrone sehen, kahle Äste. Sie gähnte. Eben war sie aus einem tiefen Mittagsschlaf aufgewacht. Nun hatte sie das Gefühl, dass es ihr viel besser ging. Jetzt fiel ihr auch wieder ein, warum sie hier im Krankenhaus war. Sie erinnerte sie sich wieder an den Unfall – zumindest an den Knall, den plötzlichen Ruck, den Druck durch den Gurt. Wie sie den Arm schützend hochgerissen hatte und dann den Schmerz. Dann war ihr immer kälter geworden, auch daran erinnerte sie sich. Sie versuchte die Gedanken abzuschütteln. Sie war, so hatte es die Pflegerin gesagt, bewusstlos gewesen, hatte Transfusionen bekommen. Ja, und heute Vormittag dann hatte sie den Professor und weitere Ärzte kennengelernt, die ihr viele Fragen gestellt hatten. Sie fühlte immer noch eine leichte Besorgnis: Irgendwie passte das hier alles nicht zusammen. Wenn sie so in sich hinein fühlte: Ihr ging es eigentlich gut, sie hatte auch keine Schmerzen, auch kaum noch Kopfschmerzen, konnte den linken Arm sogar schon wieder normal bewegen, auch die Hand drehen, obwohl die Ärztin ihr gesagt hatte, wie schwer die Verletzung war. Auf dem Nachttisch stand ein Tablett mit einer Tasse Kaffee und einem Muffin – sie durfte also wieder essen; den Schlauch hatte man ihr entfernt, als sie aufgewacht war. Warum also machten die Ärzte so einen Aufstand? Sie konnte sich erinnern, dass sie ihre Mutter einmal im Krankenhaus besucht hatte. Da war der Arzt nur zur Morgenvisite gekommen. Sie fuhr das Kopfteil ihres Bettes in die aufrechte Position, griff nach der Kaffeetasse und trank einen Schluck. Das tat gut. Jetzt hatte sie fast drei Stunden mal Ruhe gehabt und hatte gut schlafen können. Sie trank noch einen Schluck, biss ein Stück von dem leckeren Heidelbeermuffin ab. Ja, sie fühlte sich wieder gut und hatte das Gefühl, die ganzen Schläuche und Kabel eigentlich nicht mehr zu brauchen.
Dr. Palmer wandte sich an seine Kollegen und erzählte ihnen, dass Philip Jäger aufgestanden war und sogar im Zimmer hatte herumgehen können und seine Vitalwerte auch dann, nachdem er wieder an die Geräte angeschlossen war, keinerlei Veränderung zeigten, „… nicht die Geringste“, die Kollegen staunten. Dann berichtete er von dem Wunsch des jungen Mannes, mit der Frau zu sprechen: „Er hat sich ziemlich deswegen aufgeregt, wollte unbedingt zu ihr …“, und dass der Patient behauptet hatte, dass er ihnen sowohl die Blutstillung und die Verringerung des Volumenmangels durch eine Bluttransfusion bei der jungen Frau, als auch die Diskrepanz zwischen seinen Vitalwerten und seinem tatsächlichen Zustand erklären könne.
„Transfusion? Sie hat eine Transfusion erhalten? Wie das denn?“, fragte ein Arzt skeptisch, „Wie kann er davon wissen? Da hat doch niemand drüber gesprochen – nicht außerhalb dieses Zimmers und auf jeden Fall nicht in seiner Gegenwart.“
Ein Kollege stimmte ihm zu: „Ja. Und woher weiß er davon und dass ihre Wunde nicht blutet? Das kann ihm doch erst recht niemand gesagt haben.“
„Ja aber, … also, der Patient hat Recht“, sagte eine Ärztin, „Wir – ich will zu gerne wissen, wie das alles möglich ist.“
„Ja, unbedingt. ... Und wenn er uns erklären kann, was hier los ist ...“
Die Ärzte diskutierten eine ganze Weile. Schließlich beschlossen sie, den jungen Mann noch einmal aufzusuchen und eindringlich zu befragen. So machten sich Professor Robert, Dr. Palmer und vier weitere Kolleginnen und Kollegen auf den Weg. Philip setzte sich mit einem Ruck auf, als die geballte Ärzteschar sein Zimmer betrat. „Oh nee, echt?“, stöhnte er. Alle blickten auf den Monitor. Dr. Jonas drückte einige Knöpfe. Einen Augenblick erschienen Nulllinien, dann wanderten die Kurven über den Bildschirm, mit ebenso langen Abständen wie vorher. Nun blickten die Ärzte auf den jungen Mann, der die Stirn runzelte.
„Sie haben Dr. Palmer gegenüber einige Behauptungen aufgestellt. Erzählen Sie uns doch bitte, wie Sie dazu kommen“, begann Professor Robert, und fragte ihn, woher er zu wissen glaubte, was mit den Verletzungen der jungen Frau war. Als Philip nicht gleich antwortete, wiederholte Dr. Palmer, was er ihm gesagt hatte und fügte hinzu, was er über sich selbst angedeutet hatte. Gespannt wandten sich alle Ärzte dem jungen Mann zu. Der blickte sie nur finster an.
Dr. Jonas wurde ungeduldig: „Nun erzählen Sie schon. Sie können nicht einfach Behauptungen aufstellen und dann nichts dazu sagen. Also Mann, sprechen Sie“, einige seiner Kollegen nickten.
Philip schloss die Augen. Er fühlte sich zunehmend genervt von dem ganzen Aufstand, den sie machten. Mit gerunzelter Stirn hob er den Kopf, blickte Professor Robert an: „Ich erzähle Ihnen was Sie wissen wollen, aber erst, wenn Sie mich mit der Frau sprechen lassen.“
Der Professor schnappte nach Luft, Dr. Palmer lief rot an. Empört redeten die Ärzte auf Philip ein, drängten ihn, endlich zu erzählen. Der junge Mann aber beharrte darauf, erst mit der jungen Frau sprechen zu wollen. Wütend blaffte ihn Dr. Palmer an: „Verdammt, nun reden Sie schon. Was soll das denn werden? Sie wollen mit uns verhandeln? Das kommt nicht in Frage. Sie sind hier auf der Intensivstation im Krankenhaus! Sie sagen uns jetzt, was hier vorgeht, ohne Wenn und Aber, verstanden! Und dass Sie die junge Dame besuchen, können Sie sich abschminken. … Erzählen Sie uns also, was Sache ist, wenn Sie es denn können und lassen Sie uns unsere Arbeit tun …“, er wurde unterbrochen. Die Tür öffnete sich und Polizeimeister Hoppe trat ein, gefolgt von zwei Pflegerinnen. Wütend starrte Dr. Palmer ihn an: „Was wollen Sie denn schon wieder hier?“
Auch Philip platzte jetzt der Kragen. Er machte sich den Moment der Unruhe zunutze. Blitzschnell, bevor irgendjemand reagieren konnte, schwang er seine Beine aus dem Bett, schlüpfte in die Schlappen, riss sich gleichzeitig die Klebeelektroden ab und zog die Infusion vom Haken. Dann schnappte er sich den Bademantel vom Fußende und bevor ihn jemand aufhalten konnte, war er aus dem Zimmer. Vor der Tür zögerte er einen Moment. In welche Richtung sollte er gehen? Er hatte keine Ahnung, wie die Intensivstation aufgebaut war und wo sein Zimmer lag. Wie kam er von der Station runter? Er entschied sich für rechts, lief einen Gang entlang, zog sich dabei den Bademantel über und stopfte den Infusionsbeutel in die Tasche. Eine Tür öffnete sich und eine Pflegerin trat aus einem Zimmer. Erschrocken starrte sie ihn an, stellte sich ihm aber nicht in den Weg. Er eilte an ihr vorbei.
Die Ärzte hatten inzwischen ihren Schreck überwunden. Sie drängten sich zur Tür hinaus, liefen in den Gang. Wo war ihr Patient? Dr. La sah die Pflegerin, die immer noch wie erstarrt in der Tür stand. „Wo ist er hin?“, rief sie, „Der junge Mann, wo ist er hin?“, endlich reagierte die Frau und zeigte den Gang entlang.
Philip war um eine Ecke gebogen. Er atmete erleichtert auf: Ein Stück entfernt sah er schon die Glastüren, durch die er, so nahm er zumindest an, von der Intensivstation kommen würde. Schon lief er darauf zu, da sah er mehrere Personen vor der Tür, die auf sie zugingen. Noch hatten sie ihn zum Glück nicht gesehen, aber er wollte ihnen auf keinen Fall begegnen. Schnell sah er sich um. Ha, links, nur ein paar Schritte entfernt, sah er zu seiner Freude eine weitere Tür – hoffentlich ein Lagerraum oder so etwas. Er riss sie auf, trat mit schnellem Schritt hinein und … blieb völlig verdattert stehen.
Vor ihm saß die Frau, die er suchte, in ihrem Bett, blickte ihn überrascht an. Philip setzte zum Sprechen an, doch in diesem Moment wurde die Tür erneut aufgerissen und zuerst Polizeimeister Hoppe, dann die Ärzte und die beiden Pflegerinnen drängten keuchend in den Raum. Der Polizist machte einen Schritt auf Philip zu, blieb dann aber stehen.
Dr. Palmer fasste sich als erster: „Was soll das! Machen Sie, dass Sie hier rauskommen. Sofort! … Herr Wachtmeister …“
Professor Robert hielt den Polizisten mit einer Handbewegung auf. Er blickte auf die Frau im Krankenbett, schien sie jetzt erst bemerkt – und erkannt zu haben: „Ja, was ist das denn jetzt hier? … Frau … Frau Anderson? … Hier haben wir Sie also“, mit einem kritischen Blick auf Philip, „Woher wussten Sie …? Na gut. … Also, guten Tag, Frau Anderson. Wir müssen uns entschuldigen, dass wir so einfach bei Ihnen hereingeplatzt sind. Zum Glück sind Sie nur noch zur Beobachtung hier; sind ihre Werte stabil und vielleicht schon morgen können Sie auf die Normalstation verlegt werden. … Hm, wie geht es Ihnen? Sie haben gut schlafen können?“, Julie bestätigte und er fuhr fort: „Ja? Wie schön! Wie fühlen Sie sich jetzt?“
„Gut!“, erklärte sie mit fester Stimme, hob aber verwundert die Brauen.
„Auch gut! Ja, das ist schön“, er wandte sich an Philip, „Aber bevor wir fortfahren, zu Ihnen. Wie schon gesagt, haben Sie hier nichts zu suchen. Das Gespräch mit Frau Anderson ist ein Patientengespräch und daher nicht für Ihre Ohren bestimmt. Sie verlassen jetzt dieses Zimmer – sofort!“
Verblüfft sah sich Julie die Szene an, die sich vor ihrem Bett abspielte. Sechs Ärzte standen mehr oder weniger im Halbkreis um diesen Pfleger oder Praktikanten, oder was immer er war, herum, der eben ohne Anklopfen hier herein gekommen war und offensichtlich nicht hier sein durfte, dazu noch zwei Pflegerinnen und ein Polizist, der jetzt den Arm des Praktikanten packte.
„Lassen Sie mich los“, fauchte der und griff nach der Hand des Beamten.
Julie setzte sich gerade auf. „Halt!“, rief sie und tatsächlich hielten alle bei diesem energisch vorgebrachten Befehl inne, sahen sie erstaunt an, „Was ist hier los? Warum sind Sie alle hier? Ich verstehe das alles nicht. Aber ich will es wissen. … Bevor hier irgendwer wieder rausgeht, will ich erst mal wissen, was das soll. Sagen Sie mir jetzt endlich, warum Sie alle hier in meinem Zimmer sind“, forderte sie.
Professor Robert schnaufte empört, nickte dann aber und gab einer der Pflegerinnen ein Zeichen. Sie verließ kurz den Raum und kam wenig später mit zwei Stühlen zurück.
„Nun gut, wir sind Ihnen eine Erklärung schuldig“, gab der Professor zu und setzte sich neben ihren Nachttisch. Er drehte seinen Stuhl ein wenig, so dass er alle Personen im Raum im Blick hatte. Ihm gegenüber, auf die andere Seite des Bettes, setzte sich die Ärztin, die Julie am Morgen schon kennengelernt hatte. Die anderen vier Ärzte stellten sich an den Seiten des Bettes auf. Die beiden Pflegerinnen blieben rechts und links neben dem Praktikanten am Fußende des Bettes stehen, der Polizist nahm an der Tür Aufstellung. Julie kam das Ganze absurd vor, es erinnerte sie an ein Theaterstück, das sie einmal gesehen hatte.
„Aber ich betone noch einmal, dass dieser Herr hier eigenmächtig gegen unsere ausdrückliche Anordnung – und ärztlichen Rat – sein Krankenbett verlassen hat und hier bei Ihnen eingedrungen ist“, Julie zog die Brauen hoch. Was hatte er gerade gesagt? Wieso Krankenbett? Verwirrt schüttelte sie den Kopf, wollte nachfragen, aber der Chefarzt fuhr schon fort: „Außerdem möchte ich zu den Akten genommen haben, dass Sie, Frau Anderson, ausdrücklich darauf bestanden haben, dass dieser Herr hier in Ihrem Zimmer bleibt. Ist das richtig so?“, mehr denn je verwirrt, nickte Julie zustimmend. Konnte er nicht endlich zur Sache kommen? Sie wusste immer noch nicht, worum es ging und was das Besondere an diesem Mann war.
Professor Robert wandte sich an seine Zuhörer: „Werte Kollegen, Sie haben ja die Patientenakte gesehen. Es ist absolut erstaunlich, wie schnell sich der Zustand der Patientin verbessert hat …“
„Ja, wirklich erstaunlich“ – „Beachtlich“ – „Das hätte ich nicht erwartet“, Kommentare wurden gemurmelt. Julie schluckte. Es war verwirrend, ärgerte sie aber auf der anderen Seite auch. Sie wollte endlich erfahren, was das alles hier sollte.
„Kollegen“, mit einer Geste sorgte Professor Robert wieder für Ruhe und fuhr fort: „Frau Anderson, fühlen Sie sich in der Bewegung eingeschränkt? Nein? … Haben Sie Schmerzen, wenn Sie Ihren Arm bewegen, ihn drehen oder die Hand bewegen?“, Julie hob den linken Arm, blickte ihn prüfend an. Sie drehte ihn hin und her und beugte auch das Handgelenk, verneinte dann. Der Professor war zufrieden, fuhr fort: „Sehr gut. … Sie sehen also, die Patientin ist stabil, die Verletzung trotz ihres Umfangs unauffällig. Nur aufgrund dieser positiven Entwicklung und weil es die Patientin ausdrücklich so möchte, können wir einmal von den Regeln abweichen. …“, er wandte sich ihr zu, sah sie bedeutsam an. „Frau Anderson, wie Sie sehen, sind hier nicht nur einige Kollegen bei mir ... sondern auch ein … äh, ein … ein Patient. Der Herr hier, der gegen unseren Willen und Befehl in Ihr Zimmer gekommen ist, wollte unbedingt mit Ihnen sprechen. Ich weiß nicht, ob Sie sich an ihn erinnern. Er hat Sie aus dem Wagen gezogen und Erste Hilfe geleistet, bis die Rettungskräfte da waren. ... So junger Mann, Sie können ...“, der Angesprochene löste sich vom Fußende des Bettes und Julie erkannte, dass er nicht, wie sie angenommen hatte, ein Pfleger oder Praktikant war. Als er sich an den Pflegerinnen vorbei schob, konnte sie sehen, dass das, was er trug, kein Kittel war, sondern ein weißer Bademantel mit der Stickerei Sophienklinik auf der linken Brust. Außerdem sah Julie darunter das Krankenhaushemd, wie auch sie es trug. Er kam auf sie zu. Immer noch blickte sie neugierig zu ihm hin. Er war vielleicht so alt wie sie selbst, hatte dunkle Haare. Die Ärzte machten ihm Platz und sie sah, dass seine Waden bloß waren und er an den Füßen dünne weiße Pantoffeln trug, wie sie sie aus Hotelzimmern kannte. Nun war er bei ihr. Professor Robert blickte ihn grimmig an, machte dann aber eine auffordernde Geste: „Setzen Sie sich, junger Mann; Sie sind ja auch noch Rekonvaleszent“, er wedelte mit der Hand und die Ärztin machte ihren Stuhl für ihn frei, lehnte sich an die Fensterbank. Der junge Mann setzte sich. Er hatte ein ebenmäßiges Gesicht und dunkle Augen. Julie starrte ihn verwirrt an: Dieses Gesicht hatte sie noch nie gesehen.
Professor Robert nickte dem jungen Mann zu: „Fangen Sie an.“
Jetzt richtete Julie ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn. Die Situation machten sie nervös. Was war hier los? Was würde jetzt passieren? Etwas Schreckliches? Sie presste ihre Hände unter der Bettdecke zusammen, bemerkte nicht, dass auch die anderen Ärzte und sogar die beiden Pflegerinnen und der Polizist alle voller Spannung auf den jungen Mann blickten, der ja selber auch ein Patient war. Er richtete sich auf, schloss kurz die Augen, nickte dann.
„Ich freue mich, dass es Ihnen wieder gut geht“, begann er, „... und dass ich Ihnen helfen konnte. Es war gut, dass ich in der Nähe war. ... Ich muss Ihnen etwas Wichtiges sagen. Es ist wirklich ganz wichtig ... und es wird Sie vielleicht – wahrscheinlich – erschrecken. Aber bitte, geraten sie nicht in Panik. Sie müssen keine Angst haben, wirklich nicht. Es ist alles in Ordnung ... wirklich alles in Ordnung“, Julies Anspannung stieg. Konnte er nicht endlich sagen, was los war? Der junge Mann wirkte auch nervös, angespannt und das machte ihr Angst. Er fuhr fort: „Ich weiß nicht, ob die Ärzte es Ihnen schon gesagt haben – wahrscheinlich nicht“, ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht, „aber ich denke mir, dass es hier in der Klinik ganz sicher schon jede Menge Gerede und Gerüchte gibt. Und Sie werden es auf jeden Fall irgendwann auch hören – da ist es besser, wenn ich es Ihnen selbst erzähle, denn die Ärzte können ihnen das nicht erklären. Die wissen selbst nicht, was los ist. ... Also, erst mal die Tatsachen: Ich habe mit dem Unfall nichts zu tun, egal was die Ihnen sagen. Ich bin erst angekommen, nachdem er passiert war. Sie hatten sich den Arm aufgeschnitten – tief ...“
„Kommen Sie endlich zum Kern der Sache“, unterbrach ihn einer der Ärzte.
Philip blickte ihn verärgert an, fuhr fort: „Es war eine ziemlich große Wunde, die Sie hatten und Sie hatten schon viel Blut verloren – sehr viel Blut. Ich habe Sie aus dem Wagen gezogen und die Blutung gestoppt. … Ich weiß, das klingt unwahrscheinlich, aber es ist wahr. Ich konnte Ihre Blutung stoppen und Sie vor dem Verbluten retten. Das ist die Wahrheit! ... Der Grund dafür ist: Ich bin ein Vampir!“
Der letzte Satz schlug ein wie eine Bombe. Julie starrte erschrocken auf den jungen Mann. Sie wurde blass, ihr wurde übel vor Schreck. Professor Robert sprang auf, alle schrien. Einer der Ärzte lachte, doch es war eher ein hysterisches Lachen.
„Das ist ja wohl die Höhe!“, blaffte der Professor, der sich wieder gefangen hatte, „Was erlauben Sie sich!“
Dr. La schrie: „Was soll das! Welchen Streich wollen Sie der Patientin spielen!“
Ein anderer stöhnte: „Ist der jetzt total durchgedreht?“, ein weiterer: „Was für eine Behauptung! Widerlich!“
Der Polizist hatte sich von der Tür gelöst, seine Hand auf seine Pistole gelegt; Dr. La stieß sich vom Fensterbrett ab und kam näher.
Alle traten jetzt auf den jungen Mann zu, umstanden ihn schnell. Julie sah nur noch die Körper der Ärzte vor sich. Philip war aufgestanden, setzte zum Sprechen an, doch er kam nicht zu Wort. Immer noch schrien und redeten alle zornig durcheinander, einer drohte ihm sogar. Schließlich richtete er sich auf, nahm die Finger zum Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Überrascht unterbrachen alle ihr Geschrei.
„Warten Sie! Bitte! Machen Sie Platz. Lassen Sie mich erklären, bitte! … Ja, ich bin ein Vampir – eigentlich ein Halb-Vampir. Also, nur meine Mutter ist ein Vampir, mein Vater war ein Mensch“, er schob einen Arzt, der immer noch dicht vor ihm stand, zur Seite, setzte sich wieder und wandte sich direkt an Julie, „Es tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe. Wirklich. Aber ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sonst hätte erklären sollen. ... Ich habe schon gesagt: Es ist alles in Ordnung und Sie müssen keine Angst haben. Ich habe Sie nicht in einen Vampir verwandelt. Ich erkläre es noch einmal: Sie waren am Verbluten, Sie waren schon ohnmächtig. Da habe ich Ihnen ... ja, Blut gespendet, so viel, dass Sie nicht sterben, Ihr Kreislauf nicht zusammen bricht. Ich habe Ihnen von meinem Blut gegeben, nicht umgekehrt. Sie wären sonst verblutet!“
„Blut gespendet? Ha, wie das denn?“, wandte einer der Ärzte ein, „Wohl eher haben Sie sie ausgesaugt ...“
Der junge Mann fauchte den Arzt wütend an: „Ich habe von ihrem Blut nicht getrunken. Sind Sie irre? Nein, natürlich nicht“, dann wandte er sich wieder Julie zu: „Sie hatten ohnehin schon so viel Blut verloren – was soll der Quatsch, ich hätte sie ausgesaugt? Dann hätte ich Sie umgebracht.“
Julie war in die Kissen zurück gesunken. Sie wusste nicht, was sie denken, was sie glauben sollte. Das war doch nicht möglich! Es gab keine Vampire.
„Es tut mir leid, dass ich ... dass ich Sie damit überrumpelt habe, aber ich musste es Ihnen sagen – jetzt. Bitte, seien Sie mir nicht böse, ich wollte nur Ihr Leben retten. ... Und glauben Sie mir, ich würde Sie niemals gegen Ihren ausdrücklichen Willen zum Vampir machen – niemals. ... Und übrigens auch sonst keinen Menschen. ... Entschuldigen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe, aber glauben Sie mir, es ist wahr, was ich Ihnen gesagt habe“, damit stand er auf, drehte sich um, schob sich durch die verblüfften Mediziner und verließ das Zimmer. Der Polizist reagierte als erster und rannte hinter ihm her. Auch die Ärzte, immer noch erschrocken und verunsichert, folgten ihm nur wenig später.
Julie war wieder allein in ihrem Zimmer. Sie drehte sich auf die Seite, zog die Beine an. Das Gesagte eben hatte sie völlig verstört. Sie wusste nicht, was sie denken sollte; fühlte sich missbraucht aber auch angewidert und nahezu panisch. Zwei Gedanken kämpften in ihr miteinander: Erstens, er hatte ihr das Leben gerettet. Dieser Gedanke sollte ihr eigentlich Sicherheit geben, denn es stimmte, die Ärzte hatten es bestätigt. Doch es war auch ein schrecklicher Gedanke, war er doch mit dem Wissen verbunden, dass sie einen furchtbaren Unfall gehabt hatte. Zum Zweiten, es gab keine Vampire. Was immer dieser seltsame Mensch gesagt hatte, es konnte nicht stimmen. Wenn es aber doch stimmte und er ihr irgendwie von seinem Blut etwas gespendet hatte – nur, wie sollte das möglich sein? Wenn sie also von ihm Blut erhalten hatte, musste sie dann nicht fürchten, auch ein Vampir zu werden? Egal, was er gesagt hatte. Was für eine grauenvolle Vorstellung. Ihre Kopfschmerzen wurden wieder stärker. Sie würgte; starrte angewidert auf den Verband um ihren Arm.
Eine Pflegerin kam herein. Sie war sichtlich erschüttert – und voller Mitleid: „Ach Gott, ist das alles schrecklich. Dass die so etwas mit Ihnen gemacht haben. Ich bringe Ihnen gleich Ihr Abendessen und hier, die hier helfen Ihnen, heute Nacht besser zu schlafen“, damit legte sie einen Tablettendispenser mit zwei Tabletten auf den Nachttisch, strich noch einmal die Bettdecke über Julie glatt und ging wieder. Julie mochte nichts essen, ließ das Tablett unberührt. Doch sie schluckte die Tabletten. Ihre Gedanken verschwammen. Sie war gerade am Einschlafen, als sie plötzlich zusammenfuhr: Die Stimme! Jetzt erinnerte sie sich wieder: die Stimme von dem Typen, der behauptet hatte, ein Vampir zu sein – sie hatte die Stimme vorher schon einmal gehört. Er hatte sie aus dem Auto geholt, hatte mit ihr gesprochen. Sie stöhnte auf, doch bevor sie noch weiter grübeln konnte, schlief sie ein.
Der Polizist marschierte neben ihm, mit misstrauischem Blick, die Hand an der Waffe. Philip seufzte. Was dachte der Typ, was er tun könnte – ihn anspringen und beißen? Oder davon fliegen? Er hörte jetzt auch die Stimmen der Ärzte hinter sich, das Knatschen der Schuhe auf dem Linoleum. Sie bogen um eine Ecke und er versuchte, all die Leute auszublenden. Langsam legte sich seine Anspannung. Er war so nervös gewesen, hatte sich wirklich vor dem Gespräch mit ihr gefürchtet. Das, was er befürchtet hatte, war dann auch tatsächlich eingetreten: Sie hatte Angst vor ihm bekommen; ihm nicht geglaubt – er konnte es ihr nicht verdenken. Er versuchte, sich genau an das Gespräch zu erinnern. Nein, er hätte nicht anders handeln, hätte die Tatsache nicht anders beschreiben können – wie denn auch? Als sie bei seinem Zimmer ankamen, hatte er sich wieder beruhigt und sah der Befragung, die ganz sicher kritisch werden würde, gelassener entgegen. Was konnten sie ihm schon tun?
„So, dann wollen wir mal“, begann Professor Robert und zog sich einen Stuhl heran, „Sie haben ja einige ... äh, einige fantastische Behauptungen aufgestellt. Dr. Palmer gegenüber haben Sie eine Aufklärung zugesagt. Nur deshalb haben wir einem Gespräch mit der Patientin zugestimmt – unter größten Bedenken! Das Ergebnis haben wir ja gesehen. Sie haben nicht nur die Patientin sehr erschreckt, sondern auch uns gegenüber mit ihren Aussagen mehr für Durcheinander als Klarheit gesorgt. Sie sind uns also unbedingt eine Erklärung schuldig. … Nun, da Sie nicht nur das Bett verlassen konnten, sondern auch sich auch noch eine Verfolgungsjagd mit uns liefern konnten, benötigen wir das ja wohl nicht mehr …“, er blickte auf die Geräte neben dem Bett und den Monitor, der jetzt dunkel war. „Bevor Sie uns Ihre Erklärungen liefern, möchten wir Sie noch einmal gründlich abhorchen. Machen Sie sich bitte frei.“
Mit einem erneuten Seufzen zog Philip den Bademantel aus, warf ihn auf das Bett, streifte dann auch das Krankenhaushemd ab. Sie waren gründlich. Obwohl er schon mehrmals untersucht worden war, auch ein Ultraschall und Röntgenaufnahmen angefertigt worden waren, maßen sie jetzt noch einmal Blutdruck, Puls und Temperatur, horchten ihn ab. Dr. Jonas untersuchte besonders intensiv Philips Kopf, forderte ihn auf, auch den Mund zu öffnen, schaute in seinen Rachen und nahm einen Abstrich von der Wangenschleimhaut. Doch es ergab sich nichts Neues.
„Das hätten wir uns auch sparen können“, knurrte der Arzt.
„Was hatten sie erwartet?“, schnaubte Philip, der inzwischen mit gekreuzten Beinen auf seinem Bett saß.
Bevor Dr. Jonas eine gereizte Antwort geben konnte, schaltete sich der Chefarzt ein: „Sie haben gesagt, dass Sie die Blutung bei der Patientin gestillt haben. Das müssen Sie uns belegen.“
„Ich – Vampire haben die Fähigkeit, den Blutfluss zu stoppen und Wunden zu verschließen“, begann Philip. Einer der Ärzte setzte zu einer Frage an, doch der junge Mann hob die Hände: „Können Sie nicht warten, bis ich fertig bin mit meinen Erklärungen? Wenn Sie mich ständig unterbrechen, kommen wir nie zum Punkt. Hören Sie mich doch erst mal an. Am Ende können Sie immer noch Fragen stellen“, alle nickten zustimmend, aber ein empörtes Raunen war zu hören. Es war deutlich, dass einige Ärzte sich schwer damit taten, dem jungen Mann die Gesprächsführung zu überlassen.
„Also, Vampire können in ihrem Speichel einen Stoff produzieren, der die Blutplättchen sich sofort verkleben lässt – eine Hämostase im Blitztempo also, wodurch sich die Wunden schnell verschließen und nicht mehr bluten. Ich habe bei ihr, der Frau, meine ich, also ... Speichel auf die Wunde gebracht, ihr über ihre Wunde am Arm geleckt. Sie hat ja richtig stark geblutet, deswegen musste ich das mehrmals machen, aber dann hat es einfach aufgehört zu bluten. ... Deswegen hatte ich auch das ganze Blut im Gesicht. ... Sie haben ja selbst gesehen, dass sie nicht mehr geblutet hat – das ist
