Splitter der Unendlichkeit - C.I. Ryze - E-Book
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Splitter der Unendlichkeit E-Book

C.I. Ryze

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Beschreibung

»Die Menschheit hat das Recht verschenkt, auf dieser Erde zu leben!« Ein Dieb, ein Drache und Drachenmagie, die die Welt ins Chaos stürzen könnte. Gestaltwandelnde Drachen beherrschen die Welt, jeglicher Besitz von Metall ist illegal. Alveras Plan, einen Edelstein zu stehlen und zu Geld zu machen, geht gehörig nach hinten los. Aus dem vermeintlichen Stein schlüpft die Drachenprinzessin Isadara, Sprössling der mächtigen Drachenlady Tatsokaidah. Zwischen Dieb und Drachenprinzessin entsteht ein unzerreißbares Band, das schon bald auf die Probe gestellt wird. Von Drachenjägern verfolgt wird die Aufgabe, Isadara zu ihrer Mutter zurückzubringen, schwieriger als gedacht und eine Odyssee ungeahnten Ausmaßes beginnt. Erster Band der »Splitter der Unendlichkeit«-Trilogie.

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Splitter der Unendlichkeit 1

Christine Ina Ryze

Alea Libris Verlag

1.Auflage,2025

© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11,

72827 Wannweil

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Juno Dean

Korrektorat: Lisa Heinrich

© Cover- und Umschlaggestaltung: Juliana Fabula | Grafikdesign – www.julianafabula.de/grafikdesign

Unter Verwendung folgender Stockdaten: shutterstock.com: Kirill Kurashov, Kseniya Ivashkevich, artanchorage, Jojo Textures | freepik.com

ISBN: 9783988270498

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Personen und die Handlung des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Contents

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1

EinquälenderMixaus heißem Dampf und kalter Meeresbrise schlug gegen die schwarzen Felswände und umspielte die Säulen der alten Brücke. Unweit entfernt floss ein dünner Strom Lava über den Rand, erkaltete auf seinem Weg nach unten, bis der Tropfen im Nebelverschwand und mit einem lauten Knall die aufgetürmten Steine irgendwo im Schleier traf. Aus der dicken Suppe aus Wasser, Asche und Rauch stieg ein beißender, stechender Gestank nach oben, der sich schließlich in die Nasenlöcher einer vermummten Gestalt brannte. Auf den ersten Blick sah sie aus wie ein Mensch. Zwei Arme, zwei Beine, zwei nackte Füße auf heißem Stein, ein Kopf auf den Schultern; doch wie zwei Dolche bohrten sich die braunen Hörnerdurch den ebenso braunen Stoff der Kapuze gen Himmel. Die glühendgoldgelben Augen waren starr auf die marode Straße zu seinen Füßen gerichtet. Unter dem fein versäumten Umhang glänzten einzelne grüne Schuppen mit amateurhaft eingestanzten Überresten aus Silberrunen. Wie kleine Spritzer Farbe waren sie überall auf der sonnengebräunten Haut verteilt. Lediglich der peitschende Schweif war vollkommen mit grünen Schuppen bedeckt.

»Mein Meister«, flüsterte der sehr viel kleinere Begleiter, den Kopfgebeugt und den Rücken gekrümmt. »Wir erreichen bald das heilige Tor. Benötigt Ihr noch etwas?«

Endlich hob erden Blick auf das Kunstwerk am Ende der Straße, wo die Klippe zusammen mit der düsteren Stadt Calcita endete und der Weg auf die heilige Insel begann. Keinem Menschen war es erlaubt, dieses klar gezeichnete Ende zu passieren und so würde er seine Begleiter ebenfalls zurücklassen.

Sogleich löste er die kleine Tasche am ledernen Gürtel, nachdem er seinen zuvor raschen Schritt wieder aufnahm. Den darin befindlichen, handtellergroßen Stein umschloss er mit seiner Klaue, fühlte die schlagende Magie im Inneren. Hitze und Sturm waren nichts im Vergleich zum konzentrierten Unbehagen, welches von diesem kleinen Ding ausging. Seine ganze Reise von der Hauptstadt bis hierher hatte er es vermieden, es auch nur anzusehen. Niedere Drachen, so wie er einer war, brachten üblicherweise die Eier anderer Drachen zur Brutstätte.

Mit einer schnellen Bewegung klappte er die Tasche zu und befestigte sie mit einem lockeren Knoten am fein gearbeiteten Gurt. Die Kälte, die von diesem kleinen Ding ausging, biss sich fester durch Leder und Schuppen, als jeder seiner 200 erlebten Winter. Warum musste man auch unbedingt ihn auf diese wahnwitzige Reise schicken? Er war ein Wesender Ebenen, der Wiesen und der Erde, kein Kurier für einen Babydrachen! Er hatte ja nicht einmal Flügel! Statt sich im Gras der Ewigen Wiesen zu schlängeln und sich der Sonne zu erfreuen, trug er wochenlang einen Eisklotz in seiner Tasche durchs ganze Land!

»Beunruhigt Euch etwas, mein Meister?«, kam die erneute Frage des gezeichneten Menschen. Mit einer flüchtigen Handbewegung wedelte er diese ab, wodurch die Anhänger um ihn herum einen viel stärkeren Buckelmachten. So musste er sich wenigstens nicht das vernarbte, aufgerissene Gesicht seiner Begleiter ansehen. Er wollte, dass es schnell vorbei war.

Mit härteren Schritten, die aufgrund von Asche, Stein und Kies abgefedert wurden, bahnte er sich seinen Weg über den Platz vor der Brücke, die ihn auf die Insel führen würde, vorbei an Bettlern und betenden Menschen. Er konnte diese Gemeinschaft nicht auseinanderhalten. Für ihn sahen Sterbliche alle gleich aus. Ohne einen Blick zu verschwenden, zwang er sich weiter, die hölzernen, nahe des Lavastroms von Feuer und meerseitig von Salz zersetzten Statuen ignorierend, stieß unterwegs ein oder zwei Bettler unsanft auf dieSeite. Dieses elende Gestöhne nervte. Erst in der Nähe des heiligen Tors lichteten sich die Reihen deutlich und er konnte unter dem Torbogen durchatmen.

Der Anblick der goldenen Bögen, der eingelassenen Edelsteine, die vielen Gravuren und eleganten Windungen lösten in ihm ein angenehmes Kribbeln aus. Die Wärme von dieser Ansammlung aus Kostbarkeiten würde er noch über etliche Tagesmärsche hinweg spüren. Jeder Drache, sogar jeder Gwenja, der ein kleines bisschen Drachenblut besaß, fühlte die ungeheuer zufriedenstellende Anziehungskraft von Gold. Mit dem Edelmetall fanden sie ihre wichtigsten Orte in der Welt und dieser hier war auf der Rangliste ganz weit oben. Trotzdem wollte er so schnell wie möglich wieder weg. Die Wochen und Monate der Reise, die er bereits hinter sich gebracht hatte, lagen leider auch noch für die Rückreise vor ihm. Je schneller er seine Mission erfüllte, umso schneller konnte er zurück nach Hause.

»Ihr bleibt hier. Wartet auf meine Rückkehr«, befahl er harsch. So sehr er sich auch wünschte, mit einer Kutsche die Brücke passieren zu können, Pferde kamen nicht einmal in die Nähe der Brutstätte, ohne ihreReiter in Panik abzuwerfen. Daraus resultierten seine geschundenen Füße – Drachenfüße passten wegen der Krallen eben nicht in Menschenschuhe –, die für seine mehr als schlechte Laune sorgten. Es bedurfte zwar eines sehr viel festeren Materials als Stein, um sich in die winzigen Schuppen zu bohren, Druckstellen schmerzten trotzdem.

Umso glücklicher waren sie, als er endlich den unebenen Kiesboden verließ, die Steine aufhörten, sich zwischen seine Zehen zu bohren und er auf glattem Marmor die aufgeheizten Schuppen kühlen konnte. Ein etwas frischerer Luftzug umspielte seine Nase und ersetzte den unerträglichen Schwefelgeruch. Wie Feuerdrachen die Nase in Schwefelbäder stecken konnten, wie Menschen in diverse Arten von Blumen, war ihm schleierhaft. Jeder Schritt auf der blankpolierten Brücke reichte zwar nicht an das Gefühl von Gras, getränkt in süßem Morgentau, heran, aber auf jeden Fall besser als dieser Haufen Schutt, durch den er sich während der Reise im Reich der Feuerdrachen quälte.

Da fiel ihm ein, die Hohepriesterin hatte ihm aufgetragen, auf seinem Weg in die Brutstätte mit dem Ei zu reden. Warum auch immer das nötig war. Keiner hatte vor seinem Schlüpftag mit ihm gesprochen, nicht einmal sein Vater.

»Komm her, Kleines.« Seine Hand ging automatisch an seine Seite. Dann an die andere. »Was zum …« Er hob den Mantel an, klopfte seinen ganzen Körper ab.

Weg.

Die Tasche warweg.

Hastig drehte er sich um sich selbst, suchte mit weit aufgerissenen Augen den Boden ab. Hatte er den Knoten zu locker gemacht? Ein plötzlicher Rausch ging durch seine Adern. Mensch oder Drache, ein paar Emotionen hatten beide Rassen gemeinsam. Panik war definitiv eine davon.

So schnell er konnte, rannte er den bereits hinter sich gelegten Weg zurück, streckte dabei die Nase in die Luft, um eine Witterung aufzunehmen. Es musste nach ihm riechen, also nach Gras und Erde und dem Geruch von Tau am Morgen, gleichzeitig wurde ihm die Bedeutung des Spruchs der Menschen ›sich selbst nicht riechen können‹ sehr klar. Er konnte gar nicht einschätzen, wie er selbst roch. Nur der beißende Gestank von Asche und Lavadämpfen hing in der Luft, gemischt mit dem Gefühl, dass sich die Meeresluft in seine Nase presste und sie wie Meerwasser durchspülte. Sofort stieß er ein frustriertes, kehliges Brüllen aus, das die Menschen auf der anderen Seite des Tors erstarren ließ. Kaum hastete einer seiner Diener zu ihm, packte er das niedere Wesen am Kragen.

»Wo ist meine Tasche?!«, brüllte er ihm entgegen. Eine Mischung aus Spucke und Gift flog dabei aus seinem Rachen, die sich zischend in die weiche Haut in und um die rituellen Narben seines Gegenübers brannte. Das eingravierte Silber in den Schuppen des Drachens zischte.

»M-mein Herr, ich weiß nicht …«

»Die Tasche mit dem Ei darin! Wo ist sie?!«

»Ich … Ich…«

»Sucht sie! Sofort!« Mit einem Ruck schleuderte er den unnützen Haufen Fleisch zu den anderen seiner Reisetruppe, die sich wie ein hastiger Ameisenhaufen überschlugen, einen der Betenden anrempelten, bevor sie sich letztendlich in Bewegung setzten. Die aufkommende Paniksteckte auch die Unbeteiligten an, die der Gruppe erschrocken aus demWeg sprangen. Am Boden kriechend, erschrockenes Japsen und gequältes Stöhnen ignorierend, drehten sie jeden Kieselstein um, wischten Asche von jeder Erhöhung auf der Suche nach der Tasche. Der Erddrache stand rasend vor Wut und paralysiert vor Angst vor den Konsequenzen unter dem sonst so beruhigenden Bogen aus Gold und Edelsteinen.

Er hatte das Ei der Drachenprinzessin verloren.

Das Brüllen des Drachen rüttelte die wacklige Holzstruktur unter der Brücke durch. Da war jemand sauer. Aber sollten sie suchen, wie sie wollten; bis sie die Planken fanden, die er als Fluchtweg nutzte, war er schon längst in die ewigen Windungen unter der Stadt verschwunden. Alvera grinste, drückte sich weiter zwischen die beiden von Meerwassergeschundenen Säulen und in den engen Durchgang. Sofort wichen Salz und Rauch einer süßlichen Fäule aus Kadavern und Abwasser und seine Füße trafen auf die Überreste von etwas, das vermutlich mal ein Abendessen gewesen war.

»Lief ja besser als erwartet«, murrte er zu sich und zog die Kapuze von den schlammbraunen Haaren. Den groben Stoß des Drachen würde er zwar noch einige Zeit spüren, doch der Preis war es wert. Der kleine Edelstein brachte ihm sicher ein Vermögen ein. Behutsam verstaute erden Lederbeutel unter seinem löchrigen Überwurf am Seil, das seine Hose auf der Hüfte hielt, und bedeckte ihn zusätzlich mit dem abgetragenen, von Ruß und Asche getränkten Hemd. Asche war wirklich überall, auch in seinem Drei-Tage-Bart. In der Dunkelheit der muffigen Gänge leuchteten seine magischen, grünen Augen, die jeder Fremde vermutlich mit den herumfliegenden Glühkäfern verwechselte. Als Gwenja, in dessen Adern gleichermaßen Menschen- und Drachenblutfloss, machte ihm die stechende Hitze der aufgeheizten Steine nichts aus.

Während Alvera sich zwischen ihnen hindurchschob, dabei darauf achtete, nicht in noch mehr unnötig nasse Überreste zu treten, schnappte er sich eine Handvoll herumschwirrender Glühkäfer und schob sie sich in den Mund. Sie knackten so schön beim Draufbeißen. Der bittere Geschmackverscheuchte zudem den widerlichen Geruch, der sich in Nase und Augenbrannte.

Den Lärm von oben, der weiterhin am Eingang des Tunnels zu hören war, ließ er mit zügigen Schritten hinter sich. Wer wusste schon, ob der Drache nicht doch den Eingang fand und ihm womöglich folgte. Er nahm absichtlich den langen Pfad entlang der verschlungenen Wege, bei denen einen nur eine schmale Reihe erhöhter Steine entlang der Wand,die als Gehweg dienten, vom sumpfigen, abfließenden wortwörtlichen Mist trennte. Das Abwasser- und Abfallsystem der Stadt war nichts für schwache Mägen. Unter die manchmal nicht ganz verdauten Überrestemischte sich Asche und Schwefel, was zusammen einen so erdrückenden Geruch ergab, dass es Alvera manchmal fast die Nasenhaare wegbrannte. Seine schuppige Hochwohlgeboren würde allein von diesem Gestank so angewidert sein, dass er sicher erst einmal die ganze Stadt plättete, bevor er sich den unteren Ebenen widmete.

Endlich passierte er eine Abzweigung, die in einen größeren Platz unter dem Marktplatz mündete. Durch ein Gitter drang Licht von der Oberfläche nach unten und neugierig suchte Alvera jene Öffnungen ab. Manchmalwarfen die Bewohner von oben Essenreste herunter, oder eine Münze verirrte sich zwischen den Steinstäben nach unten. Diesmal hatte er kein Glück.

Auf dem Platz wich er den von der Luftfeuchtigkeit und Abfall aufgeweichten und triefenden Bewohnern aus, Menschen wie Gwenja gleichermaßen. Einige drängten sich um die wenigen improvisierten Stände aus umgedrehten Boxen und Decken, an denen Verkäufer, meist Menschen, für Wucherpreise Alltagsgegenstände oder Vorräte vertickten. Die beliebtesten Stände konnten sich Aufpasser leisten, die einem Diebschneller einen Fingernagel ausrissen, als man schauen konnte. Leider hatte Alvera auch schon Bekanntschaft mit jenen geschlossen. Zum Glück wuchsen seine Fingernägel dank seines Drachenblutes schnellnach.

Sein Weg führte ihn zu einer behelfsmäßig hochgezogenen Holzwand, die die Illusion eines respektablen Geschäfts vortäuschte. Bis hin zur Wand des Tunnels gab es keinen Schlitz, durch den man hineinsehen konnte. Der Besitzer hatte einfach einen Seitengang für sich beansprucht und ihn zu einem Raum umfunktioniert. Nur eine aus Baumfasern geflochtene und gehärtete Tür führte ins Innere. Alvera klopfte, und einekrächzende Stimme brüllte: »Herein!«

Drinnen begrüßte ihn ein vertraut gewordener Anblick: verlockend vollgestopfte Regale voller Essen, Werkzeug und Klunker, eine winzige Theke und der dahinter stehende Krüppel. Selbst die widerwärtige Luft, die durch das gestaute und zwangsläufig umgeleitete Abwasserentstand, konnte seinem Anblick nichts entgegenwirken. Ungeduldig kratzten die fehlgebildeten drei Krallen auf dem Holz vor sich.

»Alvera! Ich grüße dich. Was hast du heute für mich?«

Gierig streckte der Ladenbesitzer die Finger aus, kaum, dass Alvera den Beutel hervorholte. An diesen Anblick gewöhnte er sich wohl nie. Die Lippen des alten Mannes bebten lustvoll, sogar die andere, fingerlose Handreckte sich vor und die Nasenflügel zuckten. In dieser Hinsicht war der Ladenbesitzer viel mehr Drache, als Alvera es je sein könnte. Er überreichte sein Diebesgut.

»Was gibst du mir dafür?«

Der Beutel verschwand einen Moment in den pechschwarzen Klauen und Alvera spannte sich an. Er war bereits von diesem Mistkerl betrogen worden, hatte einen Edelstein gebracht und Glas zurückbekommen. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. Schattendrachen und damit auch Schattengwenja waren ein listiger Haufen.

Dem erregten Röcheln folgte ein Moment völliger Stille. Mit Entsetzen starrte der alte Schattengwenja auf das funkelnde, glatte Schmuckstück, das in dunkles Leder eingedeckt in seiner eigenen Welt lebte. Die konzentrierte Magie fühlte er schon, seit sie mit dem Erdrachen den Platz betreten hatte. Auf der dunkelblauen Oberfläche glänzten zarte, weiße Linien, die ein zu vertrautes Zeichen ergaben. Die Hände des Schattengwenja zuckten nach oben und beförderten die Tasche samt Inhalt zurück zum Absender.

»Was zum …«,begann Alvera.

»Du wagst es!« Während er mit zitternder Stimme zeterte, drückte er sich um seine Theke und packte den Feuergwenja mit den übrig gebliebenen Klauen. »Raus! Sofort raus!«

»Was? Wieso? Ich hab doch nichts …«

Wiederunterbrach er ihn: »Mit diesem Ding will ich nichts zu tun haben! Schlimme Dinge passieren, wenn man die Drachenlady bestiehlt! Schlimme, schlimme Dinge!«

»Ich hab das nicht von der Drachenlady! So dumm bin ich nicht!«

»Es trägt ihr Zeichen!« Er schubste Alvera in Richtung Tür. Panik machte sich in ihm breit. »Raus, raus, raus! Bring es zurück und bete, dass die Lady dich nicht persönlich dafür grillt!«

»Wir wissen beide, dass sie mich ertränken müsste.« Der Feuergwenja drückte sich mit Erfolg gegen ihn, sodass sein Rauswurf einen halben Schrittspäter endete. »Kennst du wenigstens jemanden, der es nehmen würde? Ich geb es dir für zehn Münzen. Wie wär‘s?«

»Nicht einmal, wenn du es mir schenkst!«

»Fünf! Billiger wirds nicht!«

»Ich sagte nein! Raus!«

»Eine! Nur eine Münze!«

Mit seiner letzten Kraft beförderte er Alvera schließlich doch durch die Tür. Schwer atmend starrte er den viel größeren Gwenja an. Der Junge war ein talentierter Dieb, aber sein Leben würde er nicht für ihn aufs Spiel setzen!

»Hör mir genau zu, du undankbarer Bengel! Keiner, der noch bei Sinnen ist, wird dir dieses verfluchte Ding abnehmen! Einen Drachen zu bestehlen ist eine Sache, allerdings solltest nicht einmal du etwas stehlen, das das Zeichen der Drachenlady trägt!«

So kräftig es seine alten Arme erlaubten, warf er die Tür zu, dass die hölzerne Wand bebte, doch die Magie des Dracheneis lungerte weiter in seinem kleinen Laden. Schlimme Dinge, dachte er erneut. Die Stummel seiner Hand juckten.

Diese Wortehörte er noch einmal und noch einmal und dann noch ein weiteres Mal von anderen Hehlern, bis Alvera schließlich eine ungefähre Ahnung davon hatte, wie frustriert sich der bestohlene Drache fühlen musste.

Bevor er die Leiter zurück in den oberen Teil der Stadt erklomm, zog er wieder die Kapuze über den Kopf und tief ins Gesicht. Seine Schuppen, die er dank des geringen Anteil Drachenbluts in seinen Adern hatte, versteckten sich dankenswerterweise unter dem Stoff an seiner Brust und seinen Oberarmen, doch seine mit Magie leuchtenden Augen konnte er nicht einfach bedecken. Er konnte schon, aber es war schwierig, sich ausschließlich mit dem Geruchssinn zu orientieren, wenn die Stadt von Schwefel, verbranntem Fleisch von Dieben und Pilgern, Asche und Rauch zersetzt war.

Die engen Gassen der Oberstadt, in denen sich Kisten voller wertlosem Baumaterial und Leichenteile gleichermaßen stapelten, boten ihm genug Deckung. Auch die Aschewolken des Vulkans blockierten weitestgehend das Licht der Sonne, sodass Alvera leichtfüßig über den Teppich aus dünnem Schleim auf heißem Stein stieg. Manchmal fragte er sich, ob es hier oben oder unter der Stadt schlimmer war, doch in vielerlei Hinsicht glichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Die Wege waren eng, die Straßen voller Tod, und Licht war in dieser Gegend eine Seltenheit.

Der einzige Vorteil, den die oberen Slums gegenüber dem Untergrund besaßen, war die Taverne, die einigermaßen genießbares Essen hervorbrachte und die Alvera nun ansteuerte. Er passierte Bettler, die es nicht besserwussten, und solche, die auf eine Gelegenheit warteten, sich selbst an den Habseligkeiten einer weiteren Leiche zu bereichern. Im Untergrund warf man diese wenigstens noch ins Meer, nicht in das nächstbeste Leichenrohr, das in der Unterstadt endete. Alvera wusste, wen und was er meiden musste, sodass er die knorrige Holztür zur Taverne sicher erreichte.

Der muffige Geruch der Straße zog mit ihm zwischen die feiernde Gesellschaft au sAbenteurern, solchen, die welche werden wollten, und den Einheimischen. Das vergleichsweise großzügige Innere war, anders als viele Gebäude um sie herum, nicht ausschließlich aus harzverstärktem Holz, sondern aus widerstandsfähigerem Steinerbaut, von dem die Lieder der Feiernden zurückhallten. Eine dieser Stimmen zog Alveras Aufmerksamkeit auf sich, und ein breites Grinsen schob sich auf seine Lippen. Aber zuerst schnappte er sich die vorbeigehende Bedienung.

»Hey, Jori. Bringst du mir was zu trinken?«, fragte er den schmächtigen Jungen. Dieser musterte ihn mit gerunzelter Stirn.

»Entschuldige. Das musst du mit Kaschim besprechen. Sie ist sauer, weil du deine letzten Rechnungen nicht bezahlt hast.«

Alvera setzte sein bestes Schmollgesicht auf, das vermutlich nichts brachte, wenn man sein Gegenüber von oben herab anblickte.

»Komm schon. Nur ein Drink. Mehr verlange ich doch nicht.«

Wieder begegnete er einem Grinsen, bevor der kleine Mensch mit den magischen Augen sich von ihm abwandte.

»Ich kann nichts für dich tun.«

»Alvera! Kommzu uns! Trink mit uns!«, lallte eine weibliche Stimme.

Mit einem warmen Rausch in den Adern kam einem die Stadt des Vulkans gar nicht mehr so heiß vor. Sie feierten und lachten ausgiebig, und Nanya stieg auf den löchrigen Tisch, um dann ihren Krug zu erheben. Ihr Motto war, dass man Siege feiern und Niederlagen wegtrinken sollte. Deshalb war es kein Wunder, dass sie inzwischen noch betrunkener war als sonst. Ihre Laune stieg deutlich, nachdem sie eine vertraute Gestalt zwischen all den Fremden erblickte, die wohl glaubte, sich unbemerkt durch die Menge quetschen zu können.

»Alvera!«, rief sie laut. »Komm zu uns! Trink mit uns!«

Unter der Kapuze blitzte ein zufriedenes Schmunzeln hervor und Nanya lachte erneut. Sie kannte den Feuergwenja gut genug und bereute es, keine Wetten für sein Erscheinen entgegengenommen zu haben. Sie sprang vom Tisch, der knarzend unter ihren Lederstiefeln zitterte, stellte den Krug ab und schlang sogleich die Arme um den viel größeren Mann. Dieser hob sie herzlich hoch und drückte sie fest, sodass ihr die Luft wegblieb.

»Nanya! Wie schön, dich zu sehen. Was führt euch hierher?«, grinste er ihr ins Gesicht.

»Sicher nicht die frische Luft.« Sie zwinkerte, drückte ihm sogleich ihren halbvollen Krug in die Hand. »Wie geht‘s dir?«

Sie zog ihren Freund mit auf die Bank neben sich und winkte den Wirtsjungen für ein weiteres Getränk heran. Bei ihr stellte er sich nicht so an, aber sie überreichte ihm ja auch eine Münze aus einer der sorgfältig verarbeiteten Ledertaschen, die sie überall am Körper trug, manche offen an einem Gurt oder Gürtel, manche versteckt in der Kleidung eingenäht. Man konnte nie wissen, wann man schnell einen kleinen Gegenstand oder ein Messer verschwinden lassen musste.

»Es ändert sich nie etwas. Weißt du doch«, scherzte der Gwenja, der den Krug mit ihrem tauschte und einen kräftigen Schluck aus dem vollen Gefäßnahm. Jedem anderen hätte Nanya ihren Dolch in die Hand gerammt, aber bei Alvera machte sie mal eine Ausnahme. Er war niedlich. Für einen Gwenja zumindest.

»Hast du denn neuen Tratsch für mich?«

Schmunzelnd tippte Alvera mit dem Zeigefinger auf den Tisch vor sich. Er mochte Nanya. Irgendwie. Es war manchmal schwer zu glauben, dass sie kein Drachenblut in den Adern hatte. Die Narbe, die sich quer über ihr Gesicht und in den Haaransatz zog, wodurch ihr ein Teil der braunen Haarpracht fehlte, konnte die kantigen Züge nicht entstellen. Ironischerweise war diese Narbe nicht das erste, woran Alvera dachte, wenn ihm Nanya in den Sinn kam, sondern ihre magischen, braunen Augen. Ihre Iris schien nie völlig starr zu sein, sondern bewegte sich wie die Oberfläche von vernebeltem Wasser. Für jemanden, der von Drachenblut abhängig war, hatte sie sich erstaunlich gut im Griff. Er hatte schon Menschen gesehen, die nach einer zu hohen Dosis in unterschiedliche Richtungen blickten.

Am meisten mochte er sie, wenn sie ihm einen ausgab und eine Münze für seine Umstände auf den Tisch legte, die er sofort schnappte und drehte. Menschen konnten Fälschungen nicht sonderlich gut von echtem Geld unterscheiden, nicht einmal welche mit drachenblutinjizierten Augen. Diese Münze schien in Ordnung. Die Harzversiegelung war abgegriffen, aber intakt.

»Hier ist ein Drache aufgetaucht. Erddrache, glaube ich.«

Nanyas Lächelnschwand aus ihrem Gesicht.

»Ein … Erddrache? Wie sah er aus?«

»Grüner Schwanz, braune Hörner, Drachenfüße und komische Klamotten. Hab nicht so viel von ihm gesehen. Muss aber ein Niederer Drache gewesen sein.«

»Wie kommst du darauf?«

»Ein Hoher Drache hätte bemerkt, wenn man ihn bestiehlt.«

Einer von Nanyas Mitreisenden spuckte sein Getränk zurück in den Krug, hustete, und der Gesang um ihn herum wurde deutlich leiser. Alvera runzelte die Stirn. Sollte er weglaufen, bevor er von Nanya oderihren Kumpanen niedergestarrt wurde?

»Du hast einen Drachen bestohlen?«, zischte Nanya und wedelte mit einer Hand zu ihren Begleitern. Die drehten sich sogleich weg und fuhren lauter als nötig mit Gesprächen und Gesang fort. »Bist du wahnsinnig?«

»Du tust ja fast so, als wäre es das erste Mal.« Wieder schmunzelte er. Nanya tat manchmal so überaus dramatisch, doch wenn sie sich aufregte, wirkte sie wie eine Katze, die man baden wollte.

»Was hast du geklaut?«

»Nur so einen Stein. Eigentlich nichts Besonderes.« Bevor Nanya ihn fragen konnte, sprach er weiter. »Ich hab ihn verkauft.«

Er mochte Nanya. Wirklich. Noch mehr mochte er es aber, wenn er Profit aus etwas schlagen konnte. Trotz der Hitze und dem Alkohol, der ihr ins Gesicht geschrieben stand, fing sie an zu zittern. War sie auf Entzug?

»An wen?«

»Den alten Sack unten.« Er griff nach ihrem Arm, bevor sie aufsprang und aus der Taverne stürmte. »Nicht so hastig. Er hat ihn sicher schon verkauft. Schien ihm in den Kram zu passen.«

»Lass mich raten … Du kannst mir den Stein zurückholen.«

»Klar.«

»Wie viel?«

»Sagen wir …50.«

»15.«

»40.«

»25.«

»30. Letztes Angebot.«

2

Erwartot.Er war sowas von tot. Gab es einen Superlativ von ›tot‹? Wenn ja, dann traf dieser auf ihn zu. Den ganzen Platz rund ums Tor hatte er abgesucht, sogar die Meerestiefen unter der Brücke, soweit die dicke Nebelsuppe das ermöglichte. Nichts. Die Magie des Dracheneis war verschwunden.

Seine einzige Hoffnung bestand darin, dass der Hohe Drache des Feuers ihn bei der weiteren Suche unterstützte. Drachen in dieser Position besaßen einen festen, unerschütterlichen Griff um ihr Reich, Spione und Handlanger überall. Wenn jemand das Ei und damit die Drachenprinzessin finden konnte, dann die Personifikation des Feuers.

Mit zitternden Schritten stapfte er den Wartebereich vor dem Thronsaal auf und ab. Sogar die Hitze des Bodens unter dem tiefroten Teppich brannte sich in seine Fußsohlen, der Dampf über den blubbernden, dekorativen Wasserkelchen brachte ihn zusätzlich ins Schwitzen, und nicht einmal die goldenen Ornamente wehten die Nervosität fort. Wenn überhaupt, machten sie ihn nur noch nervöser. Durch das Metall pulsierte die Magie des Feuerdrachen und schnitt ihn von seiner eigenen ab. Das wenige Silber, das in seinen Schuppen war, reichte kaum dafür, den Wind eine Handvoll Staub aufwirbeln zu lassen. Im Drachennest des Feuerdrachens, das bis zum Rand mit Metall und Feuermagie gefüllt war, fürchtete man, spontan in Flammen aufzugehen.

»Meister Maeka«, rief der Mensch, der die schwere Tür aus Holz und Metall mit Leichtigkeit aufdrückte. »Der Hohe Drache verlangt nach Euch. Ihr dürft eintreten.«

Diesen herablassenden Tonfall duldete er sonst nicht von einem Menschen, aber der Anblick dieser grotesken Kreatur ließ seinen Magen auf unangenehme Weise krampfen. Gehört hatte er schon von Sterblichen, die lange von Drachenblut abhängig waren, doch gesehen hatte er bis zu diesem Zeitpunkt keinen. Das eine übrig gebliebene, magische Auge starrte ihn an, und die harte, unbewegliche Haut an den Armen brachunter der Anspannung der Muskeln. Maeka fragte sich, ob das andere Auge rausgefallen war und diese schwarze Augenhöhle zurückgelassen hatte, oder ob er es sich selbst rausriss.

Langsamer als nötig erklomm er die Treppen, drückte sich mit so viel Abstand wie möglich an dem Menschen vorbei, der unter der mit Salbe getränkten Robe nach verbranntem Fleisch stank, in die mehr als großzügige Halle. Wände, Boden, sogar die Decke waren über und über mit goldenen Verzierungen übersäht. Hinter dem unnötig großen Thronhäuften sich Gold, Silber, Edelsteine und andere Metalle, strengbewacht von ihrem Herrn und Meister: der Hohe Drache.

»Kommt näher.«

Maeka schluckte hart, spannte die Schultern und senkte den Blick. Stück für Stück schob er sich über den mit Goldfasern bestickten Teppich, der ihm auch keine Genugtuung gab. Er sollte sich den Stoff einfach schnappen, sich darin einwickeln wie in eine Decke und verschwinden.

»Ihr wünschtet etwas von mir.« Jedes Wort des Hohen Drachen schoss wie ein Blitzdurch ihn hindurch. »Ihr müsst mich dafür ansehen.«

Eingeschüchtert kam er dem Befehl nach, mit der Befürchtung, es würde seine letzte Tat sein. In all ihrer Pracht stand sie in ihrer humanoiden Form vor ihrem Thron; die Haut grau wie der Rauch und mit geschwungenen Hörnern wie verbranntes Holz, das jeden Moment zu Asche verfiel. Der Blick aus den brennend gelb-grünen Augen bohrte sich in ihn hinein, und nicht einmal ihr reich verziertes Erscheinungsbild lenkte nur ansatzweise davon ab. Nicht ein Rubin oder ein goldener Reif an ihr, keine Gravur der schwarz-türkis glühenden Schuppen war zu viel. Die schlanken Flügel hingen gelassen wie ein Umhang auf ihren Schultern. Ihr breiter Körperbau war in lockere Leinen und einen harten Lederbrustpanzer gehüllt. Die engen Bandagen, die um Füße, Beine und einen Teil der weiten Leinenhose gewickelt waren, ließen die definierten Muskeln lediglich erahnen.

»Hoher Drache Belkaydah«, stammelte Maeka verunsichert. Musste er sich dafür auf die Knie oder gar auf den Bauch werfen? Er war außer seinem Vater nie einem anderen Hohen Drachen begegnet. »Ich … Ich ersuche Eure Hilfe.«

»Das sagte man mir. Kommt näher. Ich verstehe Euch ja kaum.«

Er wusste, dass das eine Lüge war. Sie hätte ihn auch verstanden, wenn er hinter einer großen Steinmauer stünde und in den nicht vorhandenen Bart murmelte. Trotzdem lief er, bis er die untere der beiden Stufen zum Thron erreichte.

»Nun? Was kann ich für Euch tun?«, fragte sie, weiter auf ihn herabblickend. Er wünschte sich, dass sie sich wenigstens auf den verdammten Thronsetzen würde, damit sie ihn nicht mit der vollen Körpergröße übermannte.

»Ich … Also, die Drachenlady, Lady Tatsokaidah, Mutter und Herrscherin …« Der Hohe Drache unterbrach ihn.

»Ich bin mir des vollen Titels unserer Lady vollauf bewusst. Kommt zum Punkt. Ihr habt mich beim Essen gestört. Mein Geduldsfaden ist entsprechend kurz.«

Genau das, was er jetzt brauchte. Nicht. Ein hungriger Drache war ein ungnädiger Drache, und das Einzige, was schlimmer war als ein hungriger Drache, war ein hungriger Hoher Drache. Er atmete tief durch und hoffte einfach, spontan in Flammen aufzugehen.

»Die Lady schickte mich mit einem Ei zur Brutstätte. Ihrem Ei.«

»Auch dessen bin ich mir bewusst. Sie übersandte eine Nachricht, dass Ihr mit ihrem Ei und der ehrenwerten Drachenprinzessin darin reist. Wieso glaubt Ihr, ist auf Eurem Weg kein Vulkan ausgebrochen?«

Natürlich tat sie das. Der Hohe Drache Belkaydah war nicht nur Hoher Drache des Feuers, sondern auch noch engste Vertraute der Drachenlady. Vermutlich trafen sie sich regelmäßig zum Tee, wenn Belkaydah überhaupt wusste, was das war.

»Nun … Das Ei … Es … Es ist …«

»Was ist damit?«

»Es ist weg.«

In der darauffolgenden Stille hätte man die Ascheflocken vor dem Nestfallen gehört, wenn da nicht dieses vermaledeite Piepen seiner eigenen Nervosität wäre, das sich in seine Gehörgänge bohrte. Maeka knetete seine Finger, seine Knie zitterten und er ging alle möglichen Szenarien durch. In 3 von 4 Fällen endete sein Kopf dabei auf dem frisch polierten Boden.

»Weg? Was soll das heißen, weg?«, knurrte der Hohe Drache. Maeka musste nicht aufsehen. Er spürte, wie das Gold in ihren Schuppen und die unzähligen Ketten, Knöpfe und Ringe an ihr anfingen zu glühen. Die Magie ging schnell in alles Metall in der Umgebung. Es kratzte sogar an der magischen Signatur seines eigenen Silbers in seinen Schuppen.

»Man hat es gestohlen! Ich habe alles abgesucht, aber der Dieb war bereits verschwunden!« Panisch hob er die Arme über den Kopf, fiel nun doch auf die Knie und presste schließlich die ganze Vorderseite auf den Boden. »Ich weiß nicht, wie es passieren konnte! Das Ei war sicher in seinem Beutel!«

Er rechnete mit allem. Abgetrennte Körperteile, seine Hörner an irgendeiner Wand als Trophäe oder seine Schuppen dekorativ an einer Kette, während der Rest von ihm in einer Ecke verglühte. Plötzlich schwand die Hitze aus seinem Körper. Auch das Beben des Metalls klang ab, wodurch er verdutzt und mit aufgerissenen Augen zum Hohen Drachen sah. Aufgrund der eigenen Instinkte vor Angst bewegungsunfähig zuckte Maeka nicht zurück, als sie die Treppe hinabstieg und sich soweit zu ihm hinunterbeugte, dass sie an seinen Haaren riechen konnte. Heißer, schwefliger Atem schlug gegen seine Locken, und ein abwertendes Schnauben kam ihm entgegen.

»Die Lady selbst gab Euch den Auftrag, nehme ich an?«

»J-Ja«, fiepte er zurück.

»Dann liegt es an Euch, das Drachenküken zu finden. Ich habe wahrlich Wichtigeres zu tun, als mich um Eure Probleme zu kümmern.«

»Aber … Aber…«

Belkaydah packte ihn am Arm, zerrte ihn nach oben und legte damit einen enganliegenden Goldreif frei, der an seinem Oberarm kurz über dem Gelenk festgemacht war. Dieses Ding hatte er völlig vergessen.

»Die Lady Tatsokaidah übergab Euch diesen Reif. Oder liege ich falsch?« Er nickte hastig und sie brüllte ihm ins Gesicht. »Drachenküken binden sich an das erste Drachenblut, das Gold an sich trägt, du jämmerlicher Abklatsch eines höheren Wesens! Wie häufig kann das schon geschehen?! Sorg dafür, dass du das bist! Nach dem Schlüpfen wird es Gold suchen!«

Erneut nickte Maeka so heftig, dass ihm seine Haare ins Gesicht flogen. An diese Kleinigkeit hatte er gar nicht gedacht.

»Danke, Hoher Drache. Ich danke Euch.«

So schnell seine Puddingbeine es zuließen, machte er auf dem Absatz kehrt, stolperte über eine Falte des Teppichs und fiel fast mit dem Gesicht gegen die Tür, passierte den dämlich grinsenden Diener und hastete mit einem Anflug von Panik nach draußen. Dort begrüßten ihn erneut der düstere Himmel und der aschebedeckte Vorplatz, auf dem er sicher laubte durchzuatmen.

Gold. Natürlich. Sein Schlüpftag war so lange her, dass seine Erinnerung daran fast verblasst war. Drachenküken waren Wesen einfacher Magie, die nach etwas Stärkerem suchten. Da Metall, insbesondere Gold, als Katalysator für Drachenmagie am besten funktionierte, hielten sie danach Ausschau, spürten es auf und warteten geduldig auf das erste Wesen mit Drachenblut, das damit in Verbindung stand. Drachenbeherrschten das Metall der Welt, weshalb das Kleine auf jeden Fall entweder nach ihm oder dem Hohen Drachen suchen würde. Einmal durch das Gold an Drachenblut gebunden, verließen die Kinder erst dessen Nähe, wenn sie flügge wurden, was an sich schon eine Ewigkeit dauerte. Ein Grund mehr, wieso Drachen es hassten, Kinder zubekommen. Diese anhänglichen Quälgeister.

»Meister Maeka!« Sein Diener eilte zu ihm, wobei Maeka sich schüttelte, nachdem er seine Beine wieder fühlte. »Seid Ihr in Ordnung? Habt Ihr die Unterstützung des ehrenwerten Hohen Drachens?«

»Ich will, dass ein Haus nahe des goldenen Tores geräumt wird. Ich werde dort verweilen.«

»Herr?«

»Die anderen durchkämmen weiter die Stadt. Entweder finde ich mein Hab und Gut, oder es kommt zu mir. Beides akzeptabel. Besorgt etwas zu essen.«

Sein ganzes Inneres war durchgerüttelt, und er fürchtete, sich jeden Moment in die feinen Seidenhosen zu machen, aber vor allem war er hungrig. Zugegebenermaßen hatte er nicht geplant, länger als nötig in dieser Stadt zu bleiben, doch jetzt blieb ihm keine Wahl. Er musste darauf hoffen, dass das Drachenei den Weg zum goldenen Tor fand, wobei er sich vornahm, zwischen dem Tor und der Brutstätte zu pendeln. Die Nester für die Drachenküken waren mit Unmengen feinstem Gold, Silber und Edelsteinen ausgeschmückt. Kein Drache der Welt widerstand einer solchen Versuchung, wenn er in einem Haufen Müll aus Erde, Abfall, Stein und Holz schlüpfte. Außerdem benötigte es die Energie des Lebens, die ausschließlich in den Nestern der Brutstätte war, um das Ei endgültig zum Schlüpfen zu verleiten. Zumindest, soweit er sich an die zahllosen Lektionen seines Vaters erinnerte. Vielleicht legte er sich selbst ein bisschen in eins der Nester und beruhigte so sein wild pochendes Herz.

Belkaydah sah dem jungen Drachen hinterher, wie dieser fluchtartig ihr Nest verließ, und spürte ihn vor ihren Toren stoppen. Das war Wahnsinn. Sie hatte schon viel in ihrem Leben gehört, aber nie, dass jemand ein Drachenei verlor. Einmal hatte eine Gruppe Fanatiker und Rebellen es geschafft, das Ei des Hohen Drachens des Smaragdwaldes zu zerstören, doch diese Gefahr hatten sie anschließend sofort mit Feuer und absoluter Vernichtung der Verantwortlichen gebannt. Etwas resigniert stieg sie die Stufen empor und ließ sich auf ihren Thronfallen, liebkoste mit den Fingerspitzen die natürlichen, goldenen Einschlüsse im Stein. Die Situation war … beunruhigend. Wenn man es harmlos ausdrückte.

»Herrin?« Ihr treuer, einäugiger Diener buckelte in ihrer Nähe. »Kann ich etwas für Euch tun?«

»Hol mir meinen Bartgeier.«

Sie ignorierte ihren Diener, der aufgescheucht zu einer kleinen Tür in der Eckerannte, und erhob sich. Ihr Weg führte sie zu dem Haufen an Gold, den sie in ihrem Nest hortete; sie nahm eine Handvoll davon und atmete tief ein. Alles an ihr glühte auf, die Oberfläche färbte sich mit roten Zeichen, und sanft blies sie eine giftgrüne Flamme auf den kleinen Haufen aus Gold. Mit eigener Magie konnte ein Drache sich nicht schaden, weshalb lediglich das Metall in ihrer Handschmolz und als dünne, flache Scheibe verhärtete. Die Spitze ihrer Krallen huschte über die warme, aber biegsame Oberfläche, der sie die eben zugefügte Hitze wieder entzog, um sie schneller zu erkalten. Die Nachricht war unmissverständlich.

Euer Ei wurde entführt.Erbitte Unterstützung des Schattens.

Es gab keinen Grund, die Nachricht zu unterzeichnen, so wie es die Menschen taten. Drachenmagie war bei jedem Drachen markant, selbst bei Gwenja. So wie jeder Mensch einen eigenen Geruch hatte, so hatten Drachen ihre eigene Magie.

Der Diener kam mit einem großen Vogel zurück, der die Krallen in seinen Arm und seine Schulter bohrte. Belkaydah liebte dieses Tier fast so sehr wie Lady Tatsokaidah, behängte es mit kleinen Edelsteinen und füllte seinen Körper mit Magie, was das schwarz-weiße Gefieder in blutiges Rot färbte. Lange Strecken und Geschwindigkeit waren daher kein Problem mehr, und auch diese lästige Angewohnheit, dass die Menschenhin und wieder Boten abschossen, war gelöst. Ihr Liebling fraß diese Verräter einfach auf. Sie hängte ihrem Vogel die eben gegossene Marke an die Kette um seinen Hals.

»Bring die Nachricht Ihrer Majestät, der Drachenlady. Fliege schnell und mach keine Pause. Sie wird sich um dich kümmern.«

Der gigantische Vogel, der einem Drachen ähnlicher war als mancher Gwenja, breitete die kräftigen Flügel aus und erhob sich mit wenigen Schlägen in die Luft. Sie sah ihm nach, bis er das Fenster hoch über ihnen erreichte und dann das Nest hinter sich ließ.

Den Kopf in den Nacken gelegt winkte sie ihren Diener zu sich. Maeka hatte sie wütend gemacht. Wut machte hungrig. Oder gelangweilt. Drachen brauchten streng genommen keine Nahrung, da sie sich von der Magie der Erde ernährten, also war Fressen eher ein Akt der Langeweile oder zum Stressabbau.

Bei ihr angekommen packte sie das Handgelenk des Dieners, zog ihn weit genug nach oben und biss herzhaft in das Fleisch am Unterarm. Er hielt tapfer den Mund, selbst als sie das rauchig schmeckende Stück mit einem Ruck vom Knochen zog und als Ganzes hinunterschluckte. Nicht gut, aber sie fühlte sich etwas besser. Der Geruch von Blut erfüllte den Raum.

»Geh dich waschen und schick jemanden, der hier saubermacht.«

Humpelnd und schwankend, den Rücken krumm, wackelte er hinaus. Er würde an dieser kleinen Wunde nicht sterben. Das taten sie nie. Dazu gehörte er schon zu lange ihr. Ihr Blut in seinem Bauch würde ihn leben lassen, bis man ihm das Herz aus der Brust riss.

Noch einmal nach oben blickend drehte sie der Tür den Rücken zu, trat am Thron in der Mitte des Raums vorbei und starrte auf das, was im Leben eines jeden Drachen das Wertvollste war: ihren Hort aus Kostbarkeiten. Menschen konnten diese Schönheit gar nicht fassen oder verstehen, was dieses Metall auslöste. Nur gut, dass sie es ihnen wegnahmen.

Während sie den Berg aus Gold erklomm und sich im gemachten Nest einrollte, hoffte sie für den Niederen Drachen, dass er das Drachenei fand, bevor der Schatten es tat. Wenn nicht, würde nicht viel von ihm übrig bleiben. Am Ende stand jeder Drache für sich selbst, und Belkaydah würde sich ihre Position mit ihrer Herrin nicht verscherzen. Die Drachenlady war nicht für ihre gutherzige Ader bekannt.

3

DaszufriedeneGrinsenklammerte sich an Alveras Lippen, verschwand auch nicht, als er in seine Bruchbude von Zuhause zurückkehrte. Der unbenutzte Keller unter dem abgebrannten und verlassenen Haus war zwar nicht schön, aber es war sein Reich. Er drückte sich zwischen zweiheruntergefallenen Balken hindurch, an der Wand entlang, bis sich die übergroße Abstellkammer vor ihm erstreckte. Bevor er über den letzten umgekippten Holzbalken stieg, den er als Grenze zwischen seinem persönlichen Raum und dem Rest der stinkenden Umwelt nutzte, entfernte er einen kleinen Holzstift und den daran gesicherten Ring. Es wäre ja noch schöner, wenn er jetzt von seiner eigenen Falle ausgeknockt würde. Die in einer Box an der Decke gehaltenen Steine polterten lautstark, während Alvera sich penibel in exaktem Abstandhielt, darauf achtete, die daran befindliche, hauchzarte Schnur nicht zu berühren. Lockerte er die Spannung auf der Schnur, dann löste erden Mechanismus aus, und die Steine würden ihm vermutlich eine ordentliche Gehirnerschütterung verpassen, wenn sie ihn nicht gardirekt umbrachten. Zog er die Schnur zu stark an, würde sie einfachreißen. In beiden Fällen war das Ergebnis das gleiche: Ein schwerverletzter oder gar toter Alvera. Nachdem er seine eigene Falle überwunden hatte, befestigte er den Ring hinter sich, als würde er die Tür abschließen. Der erste Blick gab nicht viel her: ein Tisch, ein kleiner Hocker, eine Truhe. Wie in der ganzen Stadt waberte die Luft stickig und schwül zwischen den unbewegten Mauern. Einzelne Glühkäfer klebten in den Ritzen der Steine.

Lampe entzünden, Kleidung ablegen, etwas essen. Über die Routine dachte er gar nicht mehr nach. Zu sehr freute ihn sein kleiner Deal mit Nanya. Wenn sie wüsste, dass sich der Stein in greifbarer Nähe befand, hätte sie ihn ausgelacht und verprügelt. Dank des Drachenbluts in seinen Adern wäre er im Vorteil, doch riskieren wollte er nichts. Die dicke Narbe im Gesicht hatte sie schließlich nicht, weil sie so leicht aufgab. Wenn er es richtig anstellte, schlug er vielleicht sogar noch einen etwas höheren Profit aus der Sache. Er würde sich eine waghalsige Geschichte ausdenken, wie erden Stein aus den gierigen Klauen eines Käufers entriss. Es würde seine Gute-Nacht-Geschichte sein.

Das Hemd über den Kopf gezogen und mit einem Stück Trockenfleisch im Mund, setzte sich Alvera auf die durchgelegene Matte aus grob gewobenem Stroh, presste den Stoffberg aus abgetragenen Wechselklamotten in den Rücken und lehnte sich an die dunkelgraue Steinwand. Frieren gehörte nicht zu den Dingen, die ein Feuergwenja beherrschte, weshalb es ihm nichts ausmachte, nur in Hose und seiner Halskette die vergleichsweise kalte Wand zu spüren. Den blauen Stein fischte er aus seiner Tasche. Im Glanz der alten Lampe glühten die fein geschwungenen weißen Linien auf seiner Oberfläche, ganz im Gegensatz zu den trüben, dunkelroten Schuppen an seinem Oberkörper.

Niemand bestiehlt die Drachenlady. Angeblich. Ein paar Zweifel hatte er, ob es so eine gute Idee war, aber welchen Schaden konnte das Verschwinden eines so kleinen Steins der mächtigen Herrscherin der Drachen schon zufügen? Er hatte bereits einige Niedere Drachen um das ein oder andere Stück erleichtert, allerdings handelte es sich meistens um Kleidung. Dumm genug, Gold oder Metall zu klauen, war er nicht, egal, wie sehr es ihn anzog. Das Drachenblut in ihm wünschte sich einen großen Haufen Edelmetall, auf dem er sitzen und den Restseiner Tage verbringen konnte, doch fürs Erste war er bedient. Den Stein würde er nächste Woche an Nanya weitergeben, und dann war es ihr Problem.

Alvera gähnte. Der lange Tag hinterließ seine Spuren. Mit einer Hand löste er den Knoten seiner Halskette und rollte die Schnur mit den kleinen Holzperlen um seine Hand, sodass der winzige, runde Anhänger in seiner Handfläche eingeschlossen war. Diese Kette stand zwischen ihm und dem Tod, wenn es darauf ankam. Seine Mutter hatte ihm einmalerzählt, dass das Drachenblut in ihm im Falle seines unausweichlichen Todes wissen würde, wie man das Gold nutzte, und ihn retten würde. Eine Theorie, die er ungern ausprobieren wollte, wenn es sich vermeiden ließ.

Sein Körperrutschte so schnell in diesen watteweichen Zustand irgendwo zwischen Realität und Traum, dass er es nicht verhindern konnte. Sein Geistverließ seinen Körper, und nur das sanfte Pochen in seiner Handerinnerte ihn daran, dass er nicht wirklich schlief. Unfähig, sich zu bewegen, die Augen zu öffnen oder sich zumindest hinzulegen, stierte er durch seine Augenlider in das Halbdunkel, das nach einer schieren Unendlichkeit verschwamm und einer wohltuenden Dunkelheit wich.

»Hast du das schon gehört?«

Irritiert drehte er den Kopf. Plötzlich war Alvera nicht mehr in seiner kleinen Höhle aus muffigem Dampf, sondern stand in Sonnenstrahlen auf einem blank polierten, grauen Granit. Vier winzige Tische für jeweils ein bis zwei Personen befanden sich in großzügigem Abstandzueinander verteilt und der Geruch von frischem Gebäck hing in der Luft. Große, bodentiefe Fenster ließen Licht ins Innere, spiegelten sich an der ebenso geraden und sauberen Theke. Hinter einer Glasscheibe ausgestellt warteten bunte Kuchen in allen Formen und Farben auf jemanden, der sie in sich reinschaufelte.

Alvera lief das Wasser im Mund zusammen. Der süße Geruch weckte seinen lautknurrenden Magen und doch war er immer noch unfähig, sich zu bewegen. Er stand in der Mitte des Raums, beobachtete zwei Menschen, einen dunkelhaarigen Mann und eine ebenso dunkelhaarige Frau, die sich an einem Tisch gegenübersaßen und auf gläserne Kästen in ihren Händen starrten. Das bunte Licht, das von ihnen ausging, reflektierte in deren Augen.

»Mein Professor hat gesagt, dass das unsere ganze Geschichtsschreibung verändert. Ich meine, stell dir mal vor, da kommt tatsächlich noch etwas raus!«

»Ach, Quatsch. Diese Eier sind hunderte Jahre alt. Die Geräte funktionieren einfach nicht. Nach all der Zeit kann man keinen Herzschlag feststellen.« Der Mann lehnte sich zurück und rief laut. »Wo bleibt denn jetzt mein Kaffee? Ich warte hier schon ewig!«

Erst dann fiel Alvera die kleine Blondine auf, die hinter der Theke in leichtgekrümmter Haltung stand, wodurch sie fast auf die Höhe besagter Theke schrumpfte. Ihre Haare und ihre Kleidung tarnten sie perfekt vor dem hellen Hintergrund. Sie platzierte zwei Tassen auf einem Tablett, welches sie anschließend zum Tisch brachte. Ein Detail sprang ihm ins Auge, was ihn davon überzeugte, dass es sich um einen merkwürdigen, verdrehten Traum handelte: Metall überall. An den Decken hingen eiserne Kronleuchter, an den Wänden bronzene Verzierungen, Stühle aus Eisen, sogar die Kästen, aus denen die Blondine das schwarze Gesöff zapfte, waren vollständig aus spiegelndem Metall.

Irgendwie schaffte er es, sich ein wenig nach vorne zu bewegen und neben dem Tisch stehenzubleiben. Über die kleinen Glaskästen der Menschen sprangen wie wild Bilder, was ihm Schwindel bereitete.

»Entschuldigen Sie«, flüsterte die Blondine peinlich berührt. »Ich … Ich habe zufällig mitgehört. Man hat Leben in den Eiern gefunden?«

Die Frau ignorierte sie, aber der Mann hob beide glänzenden Tassen vom Tablett, schob seiner Partnerin eine davon zu. Der süße Geruch von warmer Milch stieg auf.

»Angeblich. Bestimmt ein Werbegag.«

»Die Schalen sind aus Edelsteinen, nicht aus Plastik. Wer würde sich schon diese Mühe machen, nur für einen Scherz?«, murrte die andere Frau, ohne den Blick zu heben. »Nächste Woche ist eine große Ausstellung mit allen Fundsachen aus dieser Ruine. Den Schmuck will ich mir ansehen. Es heißt, das Zeug ist aus Feingold.«

Ein Schmerz riss ihn aus dem Traum und mit spastisch zuckenden Muskeln verfrachtete er seinen Körper ungewollt quer über die Matte, blieb dabei unglücklich zwischen einigen Fasern hängen und knallte mit dem Rücken auf dem blanken Stein auf. Wieder zuckte ein Blitz durch seine Hand, mit der er fest seinen Kettenanhänger umklammerte. Tausend Nadelstiche bohrten sich in seine Finger und den Handrücken.

»Au! Was bei allen …! Autsch!!«

Er versuchte, den Schmerz abzuschütteln. Dabei flog ein kleines, weißes Etwas hin und her, biss immer energischer in seine Haut. Stücke des zerbrochenen Steins rollten klappernd über den Boden, als er das Insekt am Schwanz packte.

»Loslassen!«

Es knurrte und Alvera kämpfte sich durch den Schmerz, hielt still, damit er endlich sah, welches Ungeziefer ihm fast die Haut vom Knochen riss. Der kleine, geflügelte Wurm biss weiter fröhlich an ihm herum, die Vorderkrallen in seinen Fingern, die Hinterkrallen im Handgelenkvergraben und aufgrund des heraustropfenden Blutes inzwischen rotverfärbt. Darunter glitzerten die perlmuttfarbenen Schuppen und außer den grellblauen Augen funkelten nur ein paar kleine blaue Punkte wie Edelsteine an der Stelle, an dem die feinen tiaraförmigen Hörner in den Kopf übergingen.

»Was …?«

Atemlos öffnete er endlich die Hand und der kleine Drache umfasste den Anhänger, der die Größe seines Kopfes besaß, drehte ihn auf die Vorderseite und drückte das Gesicht fest an die unscheinbar eingelassene, winzige Goldflocke. Mit zufriedenem Quieken kletterte der Drache in seine Handfläche, den Schatz beschützend an sich gepresst und rollte sich zu einem kleinen Ball zusammen. Alvera starrte darauf und vergaß sogar die Schmerzen, die sich seinen Arm hinaufzogen.

»Ein Drache??«

Kein Wunder, dass der Niedere Drache so außer sich war! Der Schwanz des Drachenbabys schlang sich um sein Handgelenk und es schnurrte entspannt gegen seine Haut. Ein warmes Gefühl machte sich tief in ihm breit, das er beinahe vergessen hatte. Wie eine sanfte, kühle Brise beruhigte es die aufgeheizten Wunden, sodass das unangenehme Pochen abebbte.

»Scheiße«, fluchte er leise. »Du musst zurück.«

Einen Drachen zu beklauen war eine Sache, aber ein Drachenbaby zu kidnappen, war selbst über seiner Toleranzgrenze. Er setzte regelmäßig sein Leben aufs Spiel, das hier sicherte ihm in jedem Fall einen grauenvollen Tod im tiefsten und kältesten Loch voller Wasser, das ein Drache nur finden konnte.

Panisch sprang er auf, krallte sich sein Hemd und starrte etwas überfordert auf das kleine Lebewesen. Es kam selten vor, diese übergroßen Salamander nicht in menschenähnlicher Form zu sehen, sofern man Schwanz, Hörner und Flügel und so ignorierte, aber wie behandelte man einen, der so winzig war? Alvera hielt die Hand weg von sich und an die Tischkante.

»Na los. Runter.« Das Wesen blickte ihn fragend an. »Auf den Tisch. Geh schon. So kann ich mich nicht anziehen.«

Den Anhänger zwischen den Klauen haltend legte der kleine Drache den Kopf schief. Super. Der Drache verstand ihn nicht. Das war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Diesmal versuchte er, ihn von sich zu pflücken, da riss das weiße Wesen das Maul auf und begann bitterlich zu wimmern und zu fauchen. Es schnappte nach seinem Daumen.

»Au! Okay, okay! Ist ja gut!«, brüllte er dem Baby fluchend entgegen. »Einfach loslassen, in Ordnung?!«

Endlich gab das Kleine ihn frei, wobei Alvera sich auf den Stuhl fallen ließ, während das Baby sich schnurrend zurück in seine Hand rollte. Und was jetzt? Er konnte diesen schlechten Abklatsch eines Salamanders nicht einfach behalten wie ein Haustier.

»Wie heißt du?«

Jeder Drache wurde mit einem Namen geboren, sogar Gwenja mit ihrem verschwindend geringen Anteil an Drachenblut. Im Gegensatz zu vollblütigen Drachenschlüpften Gwenja nicht aus Eiern. Gwenja wurden geboren wie Menschen, lebten und starben wie sie. Sie unterschieden sich lediglich durch ihre natürliche Anziehung zum Element, dem sie zugehörig waren, den damit verbundenen körperlichen Vorteilen und dem – wie er fand – besseren Aussehen. Zu gut erinnerte er sich an Vaters Frustration und Mutters ewig beruhigende Worte, dass er ihnen seinen Namen irgendwann verraten würde. Konnte ein so kleiner Drache überhaupt sprechen? Bisher hatte er nur Schnurren, Fauchen und Wimmern gehört, aber er war bis heute auch davon ausgegangen, dass Drachen in der Größe eines Berges aus ihren Eiern explodierten.

Resigniert seufzte er, warf das Hemd zurück an seinen Platz. Mit einem Zögern kraulte er den Kopf des kleinen Wesens mit dem Zeigefinger, genau zwischen den schmalen Hörnern, von denen er fürchtete, sie mit etwas zu viel Druck abzubrechen. Es schnurrte lauter und drückte sich gegen seine Berührung. Die eng an den Körper geschmiegten, federbesetzten Flügel zuckten leicht. Sie waren von einer dünnen Haut bedeckt. Alvera lächelte unweigerlich. Er hatte noch nie einen Drachen mit gefiederten Flügen gesehen.

»Und wie nenne ich dich in der Zwischenzeit, hm?« Das Drachenbaby rollte sich auf den Rücken, den Anhänger auf Bauch und Brust und die Hinterbeine von sich gestreckt. »Wie wäre es mit ›Würmchen‹?«

Es war nicht mehr als ein kleiner weißer Wurm, aber die Aussage ließ den winzigen Kopf entrüstet nach oben schnellen. Eine Wolke aus kalter Luft puffte aus den Nüstern, gepaart mit dem Wutausbruch eines Kleinkindes.

»Gefällt dir nicht?«, lachte er, kitzelte es unterm Kinn und an den Füßen. Mehr als einen Finger brauchte er dafür nicht. »Wie wäre es dann mit ›Gürkchen‹ oder ›Bandwurm‹? Oder ›Fischköder‹?«

Der Babydrache quietschte und scheiterte kläglich am Versuch eines Knurrens, das glucksend als »Orsa« aus dem Mäulchen hallte. Nachdem sich dieser Laut ein paar Male wiederholte, glaubte Alvera nicht, dass das ein Zufall war.

»Versuchst du gerade, mir deinen Namen zu sagen?« Also verstand das Drachenbaby ihn doch! »Orsa?«

Der kleine Lindwurm rollte sich zurück auf die Vorderseite, sah Alvera mit großen, blauen Augen an. Etwas in seinem Hinterkopf regte sich. Vielleicht war es sein Drachenblut, allerdings konnte und wollte er sich gar nicht bewegen. Wieder fühlte er sich, als würde er einschlafen. Sein Körper blieb still, während sein Geist weiter Salti schlug. Ein kleiner Funke hüpfte in seiner Brust hin und her. Magie vielleicht? Es war dieses heiße Gefühl von blubbernder Lava, das durch seine Adern schoss, nur diesmal begleitet von einemeiskalten Luftzug. Es berührte sein schlagendes Herz und hielt es einen Moment im eisernen Griff.

Isadara.

Das Gefühl verflog schlagartig. Alvera blinzelte benommen und schloss die Hand etwas fester um das kleine Wesen, das fröhlich anfing zu fiepen.

»Isadara«,murmelte er. »Richtig?«

Aufgeregt vibrierte der kleine Körper, und die glänzenden Augen brachten Alvera zum Schmunzeln.

»Isa sollte okay sein, oder? Isadara ist ein bisschen zu lang für so ein Würmchen wie dich.«

Wieder erntete er ein aufgebrachtes Quietschen, das man einfach zu »Hey!« übersetzen konnte, und er lachte. Niedlich war es ja schon und eigentlich war Alvera zu erschöpft, um den Wurm gleich nach oben zubringen. Ob er es jetzt zurückbrachte oder später, würde sein Problem nicht kleiner werden lassen. Erst einmal brauchte er dringend eine Mütze Schlaf.

Der Meinung war Isa ebenso. Ein leises Gähnen kam aus dem weit aufgerissenen Maul und Alvera nahm seinen Anhänger erneut zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Hör mal, du kleiner Quälgeist, das bedeutet mir furchtbar viel. Du kannst bei mir schlafen, wenn du es zurückgibst. Ansonsten suche ich irgendeine Box und pack dich da rein.«

Wieder zuckten die Nüstern aufgebracht, doch Isa gab den Anhänger frei und Alvera konnte sich die Kette zurück um den Hals legen. Mit der kleinen Goldflocke an der Haut fühlte er sich deutlich besser, weshalb erden Drachen durchaus verstand. Das Hemd legte er wie ein Nest in seinen Arm, platzierte das schneeweiße Wesen darin und plumpste auf den Boden. Morgen war auch noch ein Tag. Blieb die Frage, wie er am besten vorging: Das Baby zurück zum Drachen bringen, auf die Gefahrhin, ertränkt oder unter der Erde begraben zu werden, oder zu Nanya gehen und sie um Rat bitten. Beides fühlte sich wie eine beschissene Idee an.

Isa rollte sich zufrieden in seinem Arm ein. Alvera seufzte. Er mochte keine Kinder, wirklich nicht, aber dieses Baby war hinreißend. Vielleicht war das alles weitaus weniger schlimm, als er es sich ausmalte.

4

DieKapuzetiefins Gesicht gezogen lauerte Nanya an der Ecke der Straße, die zum Platz vor dem goldenen Tor führte. Die innere Unruhe setzte ihr mehr zu als die Hitze der Stadt. Mit weit aufgerissenen Augen huschte ihr Blick von einem Individuum zum nächsten. Bei einem blieb sie unweigerlich hängen. Von ihm ging eine völlig andere Aura aus und wenn sie sich darauf konzentrierte, umspielte der Gestank von Schatten die eingewickelte Gestalt.

Einen Wimpernschlag später sah sie alles, was ihn ausmachte: Den durch Narben gebeugten Rücken, der von jahrelanger Misshandlung herrührte, die schmerzenden Beine, in die sich die eingewachsenen Schuppenbohrten, sowie der unbändige Zwang in seinem Inneren. Seine Gier war ihr völlig egal. Nanya widerstand dem Drang, nach vorne zu preschen und die Zähne in dieses ekelhafte Wesen zu schlagen. Gwenjablut war nicht so potent wie das von reinen Drachen, doch beruhigte es das Verlangen im Bauch. Über die Jahre hatte sie gelernt, die Sucht zu unterdrücken, die Hand in Hand mit dem Konsum von Drachenblut ging.

Ein anderer, viel intensiverer Geruch lenkte sie von dieser Figur ab und ihre Muskeln verspannten sich. Der Schattengeruch wich dem von Erde und feuchtem Gras. Kurz darauf schlich eine weitere vermummte Gestaltzwischen den Betenden umher, die Nüstern zuckend und den Kopf hastig hin und her drehend, nackte Füße auf blankem Stein. Das war dieser Drache, von dem sie schon hörte. Einige Bettler lehnten sich zu ihm, streckten die Hände aus, die von ihm aber völlig ignoriert wurden.

Nanya setzte sich ebenfalls in Bewegung, folgte seinem Weg über den Platz und in Richtung eines kleinen Hauses, nahe des Tors. Sie blieb im Schatten, den Umhang auf die verschwitzte Ledermontur gezogen. Dabei musste sie nicht aufsehen, sondern folgte der dünnen Spur aus Magie, die der Drache bei jedem Schritt hinterließ. Ein Erddrache im Feuerreich war so einfach zu bespitzeln wie ein Glühkäfer im Dunkeln.

Die Tür hinter ihm krachte ins Schloss, doch das sollte sie nicht aufhalten. Ohne zuhalten, huschte sie an der Tür vorbei und bog in die nächste Seitengasse. Der modrige Geruch schlug ihr entgegen. Ihr war das gerade recht. Je unappetitlicher die Gasse, umso geringer die Chance, dass man ihr im Nacken hing.

Unter dem Umhang fischte sie ihre Lieblingswerkzeuge heraus: Kletterkrallen. Die ausgebleichten Haken aus Knochen und Krallen klemmte man an den Handgelenken und Fingern fest, sodass man die Spitzen in den Steinschlagen und mit Hilfe der Widerhaken die steilsten Wände nach oben klettern konnte. Damit stellten die löchrigen Mauern des Gebäudes kein Hindernis für sie dar. Die flachen Dächer führten sie direkt zu dem Haus, in welches der Erddrache verschwunden war.

Mit jeder vergehenden Minute stieg das Risiko, dass das Drachenküken schlüpfte, weil irgendein Idiot zu nahe am Ei mit gestohlenem Goldherumlief. Die Zeit rannte ihm nur so davon. Das Wissen war keineswegs beruhigend, sondern vielmehr ein Grund zur Panik. Unter dem aschebedeckten Himmel und den unstimmigen Lichtverhältnissen war es schwer, eine Tageszeit auszumachen, aber Maeka war sich verdammt sicher, dass die Stunden der Suche langsam zu Tagen wurden. Er musste irgendetwas tun.

»Gibt es schon Neuigkeiten?«, rief er, bevor er gänzlich in den Hauptraum deskleinen Hauses huschte. Der wartende Diener schreckte hoch, wirbelte herum und verbeugte sich so tief, dass seine Stirn fast den Bodenberührte.

»Nein, mein Herr.« Seine Stimme war dünner als die Suppe, die man ihm hierservierte. »Die Spione fanden eine Spur im Untergrund, doch diese verlief leider ins Leere.«

»Nicht gut genug!« Frustriert schleuderte er einen Stuhl gegen die nächste Wand, der unter der Wucht zerbarst. Kleine Holzsplitter regneten auf den abgetretenen, braunen Teppich. Schützend hob der Diener die Arme über den Kopf.

»Verzeiht!«

Maeka schnaubte. Langsam aber sicher manövrierte er sich in eine Sackgasse. Dabei wusste er gar nicht, vor wem er sich am meisten fürchtete: Dem Hohen Erddrachen oder der Drachenlady. Der Herr der Ewigen Wiesen hatte sonst ein gnädiges und ausgeglichenes Gemüt, doch zu hören, welche Schande sein Sohn über das Reich brachte, würde das auf die Probe stellen. Ganz zu schweigen von der Wut, den die Lady auf sie herabregnen ließ, wenn ihr Küken weg war.

»Findet dieses Drachenbaby!«, fauchte Maeka mit Nachdruck. Ungewollt spürte er, wie ein Stück Magie durch ihn hindurch und in das Silber seiner Schuppen schoss, wo er es abwürgte. »Egal, was es kostet! Findet es, bringt es zu mir! Das Kind der Lady muss zurück nach Upala!«

Über den kaputten Stuhl stolpernd, hastete sein Diener hinaus. Maeka bebte und der Stein unter ihm schien zu vibrieren. Alles, wirklich alles hing von diesem Drachenbaby ab. Seine Stellung, seine Zukunft, sein Hab und Gut und sogar sein Leben. Vielleicht war er lediglich ein Niederer Drache, seine Innereien hatte er jedoch gerne beieinander. Eines Tages sollte er den Titel und Rang seines Vaters als Hoher Drache erben. Bis dahin würde er, wie die meisten aller lebenden Vollblutdrachen, ein Niederer Drache bleiben. Nur die Anführer ihrer Gebiete durften den Titel des Hohen Drachens tragen, bis diese irgendwann verstarben und die Drachenlady einen Niederen Drachen zu einem Hohen Drachen erhob. Gwenja gab es im Reich viele, aber reine Drachen wurden einmal alle hundert Jahre geboren. In Gedankenversunken steuerte er nochmals die Tür an. Ruhe würde er keine finden, da konnte er auch weitersuchen. Vielleicht fand das Junge ja ihn.

Nanya hielt den Atem an, den Dolch fest gegen ihre Brust und den Körper in den Schatten unter dem Beistelltisch gedrückt. Die grün-braunen Salamanderfüße huschten an ihr vorbei, doch nach den schier endlosen Momenten der Ruhe blieb ihr Körper paralysiert.

Ein Drachenjunges. Nicht nur irgendein Drachenjunges, das Junge der Drachenlady. Das bisschen Drachenblut in ihrem Bauch tobte vor Aufregung. Ihr purer Wille hinderte sie daran, aus dem Haus zustürmen und durch den Gully den Unterschlupf des nächsten Informationshändlers heimzusuchen. Sie wusste genau, wohin ihr Weg sie führte.

Sanft steckte sie den Dolch zurück an seinen Platz unter ihrer Lederpanzerung nahe am Herzen und streckte den Kopf aus der Deckung. Keiner mehr da. Der Drache war nicht gerade aufmerksam oder vorsichtig. Ihr kam es zugute. Der Weg hinaus gestaltete sich so viel einfacher. Auf der Treppe nach oben musste sie auf keine unnötigen Laute achten, das Fenster stand sperrangelweit offen, und auf den Dächern gab es sowieso keine Drachen oder Wachen.

So schnell und ungesehen, wie es ihr möglich war, bahnte sie sich ihren Weg zurück in die sicheren Seitengassen, in denen sie Zugang zum Untergrundbekam. In ihrer Lage, zitternd vom Entzug und mit allem, was sie somit sich herumschleppte, blieb man besser von jeder Art von Drache oder Gwenja weg. Dank des weitreichenden Systems der Kanalisation erreichte sie schnell ihr Ziel, verließ die stinkende Kloake und öffnete die Tür zum Hintereingang der vertrauten Taverne.

Die Stimmung änderte sich nie. Egal, wie häufig und wie lange sie weg war, die Zeit in diesen vier Wänden blieb stehen, wenn die Tür hinter einemzuschlug, und lief weiter, sobald man die Räumlichkeiten aufsuchte. Doch sie ignorierte die Zurufe ihrer Kameraden und flüchtigen Bekanntschaften, der Söldner, die sie unterwegs anheuerte und sogenannten Freunden. Zwischen den betrunkenen, feiernden Menschen hindurch, vorbei an einem Schrank von Mann, den man zunächst für eine Statue halten konnte. Die kleine Tür hinter ihm führte in eine unscheinbare Abstellkammer, die auch als solche genutzt wurde. Ein lange unbenutzter Mopp im Eimer, fleckige Wischlappen und eingestaubte Poliertücher, Seife, Klopapier stapelten sich feinsäuberlich im holzwurmzerfressenen Regal.