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Können Sie sich vorstellen, Ihr bisheriges Leben zu verlassen, sich völlig zu lösen, alles, auch sich selbst in Frage zu stellen und einzutauchen in fremde Welten, die einen anderen Menschen von Ihnen verlangen? Überleben in einer alles fordernden Umwelt muss neu gelernt werden, und so entsteht ein Anderer in Ihnen. Die Autorin, ein 'Wanderer', erläuft und erfährt die Welt der afrikanischen Muslime, der Mauren, der Tuareg, der Araber, der iranischen Shiiten, der Kurden, taucht ein in ein anderes Leben und erarbeitet sich Gefahr und Glück von Freiheit, den Schatz vorbehaltloser Zu-Neigung - ein langer Weg, der in der Fülle der Begegnungen doch zeitlos erscheint und hinter der Fassade zivilisatorischer Errungenschaften und politischer Systeme ein Kaleidoskop menschlicher Lebensformen zeigt. Konzipiert als Arbeit in den Islamwissenschaften geraten ihre Aufzeichnungen zu einem Dokument der Verwunderung, des Schocks, des Lernens in Freiheit, der Erfahrung von Reichtum ganz anderer Art - ein Gegenentwurf zum Thema 'Leitkultur'.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Birgit Biehl
Splitter im Sand
Lektionen am Wege
ATHENA
edition exemplum
Umschlagabbildung: Collage der Autorin
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
1. Auflage 2013
Copyright © 2013 by ATHENA-Verlag, Mellinghofer Straße 126, 46047 Oberhausen www.athena-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN (Print) 978-3-89896-78-7 ISBN (ePUB) 978-3-89896-830-3
Meiner Mutter
aus einem anderen Leben
Der Wanderer. – Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer, – wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen dafür offen haben, was alles in der Welt eigentlich vorgeht; deshalb darf er sein Herz nicht allzu fest an alles Einzelne anhängen; es muß in ihm selber etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.
Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches I – Ein Buch für Freie Geister –, IX., Nr. 638
Spiegel
wenn sie denn fallen müssen
zerspringen
blitzartig die Erhellungen
im Licht der kleinen und großen Splitter
jeder von ihnen eine Welt
*
Splitter im Sand aber
sind tückisch
glänzen
wie die Kristalle der Sandkörner auch
die winzigen sind die gefährlichsten
Sie vernarben unter der Haut und
ziehe ich weiter
schmerzen
ständig
Sicherlich bin ich eine ganz typische Lehrerin, nicht ganz freiwillig in diesem Beruf, der sich aber doch anbot für eine Frau Anfang der Siebziger, engagiert, immer bemüht, mehr zu wissen, und darum stets in der Gefahr, sich selbst für besser zu halten als andere in dem Bestreben, ›gut‹, wenn nicht gar ›perfekt‹ zu sein, immer neugierig auf Fremdes, um es in das eigene Weltbild einzuordnen – eben eine richtige Lehrerin. Und nun, nach fast 30 Jahren? Ein tiefsinniges, überaus vielschichtiges Weltbild, hart, massiv, schön gezeichnet wie eine geschliffene Marmorplatte, in der man sich wohlgefällig spiegeln kann: Das war’s, noch ein wenig der Vorlieben frönen, die Platte immer mal ein wenig polieren, gut nach außen kehren wie einen Schild, seht, wie ich glänze! Die Rückseite des Spiegels zeigt schon eher, wie es wohl wirklich aussieht, Risse, Schrunden, Verwerfungen, kein Schliff, keine Politur …
Ein Jahr Afrika, Arabien, Mittlerer Osten, ein Jahr Rucksack und Stiefel – zersplittert ist der Spiegel, hart die Lektion, aufgebrochen das Weltbild, zerronnen das Bild der eigenen Rolle wie der ständige Sand unter den Füßen, freigelegt ganz Anderes, lange Verschüttetes, eine harte, doch ersehnte Lektion in Demut. Oh ja, erst kommt das Fressen und dann die Moral, erst musst du fertig werden mit Hunger und Durst, Schmerz, Alleinsein, Fremdsein, Schuld und Scham, mit dem Versagen der eigenen Maßstäbe unter dem vielbesungenen afrikanischen Sternenhimmel. Aber ich wollte das ja so, wollte, ein Sabbatjahr nutzend, ausziehen in die Fremde und alles auf die Probe stellen, dabei mitbringen das Material für eine Arbeit in der Orientalistik, der ich mich seit Jahren verschrieben habe. Wie fadenscheinig ist mir heute mein Anliegen, vorgetragen bisweilen nur des schnellen Vorteils, der ersehnten Profilierung wegen, wie viel mehr lernte ich durch den freien Blick, den Blick der Zuneigung, nicht den des Pathologen mit Arbeitshypothese! Und so ist quasi unter der Hand etwas ganz Anderes daraus geworden als geplant, war dies doch ein Weg barfuß über die Splitter der eigenen Überheblichkeit hin zu Bescheidenheit, zu ganz anderem Wissen, das die Lehrerin in mir nicht zurückhalten möchte. Für diesen Weg bin ich vielen Freunden zu Dank verpflichtet, gerade auch den Menschen, die mir Steine in den Weg gelegt und mich von meinem Sockel herunter geholt haben.
So streben denn diese Aufzeichnungen keinerlei Ausgewogenheit an, Orte, Personen und Ereignisse sind durchaus nicht frei erfunden. Das Nach-Denken ist bestimmt von Begegnungen mit Lebenden und Toten, mit Göttern und Tieren, nicht mit Büchern, ist zudem wertend, noch dazu, da oft mit einem Schock verbunden, unvernünftig emotional wertend. Die Fülle der Begegnungen lässt aber doch erwarten, dass viele Splitter ein lebhaftes Kaleidoskop ergeben, und, liegt dieses erst einmal ruhig auf dem Tisch, so ist das Bild doch auch ein mögliches, ein richtiges von dieser Welt.
Herbst 2000
»Wenn der eigene Richtungssinn dem Kompaß widersprechen sollte, wiederholt man lieber die Messung. Daß der Kompaß mehr Vertrauen verdient als das Gefühl, merkt man überzeugend, wenn man einem Weg folgt, der sich unmerklich krümmt …« Wolfgang Linke, Orientierung mit Karte, Kompaß, GPS
Nach Tagen quälender Schwüle gottlob ein kühlerer Morgen, ein Aufbruch zitternd vor Neugier, mit viel zuviel Gepäck, wie immer weiß ich, dass es sich schon in nächster Zeit wundersam reduzieren wird. Mann und Sohn sind nicht glücklich, haben sich lediglich abgefunden. Entschlossene Umarmung am Bahnhof, hinter den guten Wünschen kommt keine Trauer auf, nur Spannung. Der ›Traumpfad‹ beginnt mit den entscheidenden fünf Minuten Verspätung, beim Umsteigen in Viersen ist es schon passiert, der Zug nach Venlo fährt an, eine Stunde Wartezeit. Am Nachmittag in Antwerpen entscheide ich mich schnell für ein billiges Hotel im Zentrum, noch ungewohnt ist die Last auf dem Rücken, ›Hôtel Billard‹ an Astrid Plein, na ja. Im Schritttempo ist die Stadt lebendig, mitteilsam, gelassen. Ausmeldung am Hafenamt, schauerlich die fratzenhaften Steckbriefe von gesuchten Arabern auf den Plakaten, noch einmal richtig mosselen essen, dann los mit dem Taxi an Kai 738, ich habe noch nie einen so großen Hafen gesehen. 15 Uhr: keine ›MV Kaduna‹, Anruf bei der Reederei: Sie kommt erst morgen Abend, also zurück, ›Hôtel Billard‹, umso besser, Antwerpen feiert van Dyck.
Zwischen Museum und St. Pauluskirche die Mannschaften englischer und griechischer Kriegsschiffe, überall sieht man in kleinen Gruppen Matrosen mit Sony-Kartons unter dem Arm durch die Stadt laufen, friedliche Zeiten. Im Paulus-Viertel überraschen schon vormittags die Nutten hinter den kleinen Fenstern, eine von ihnen mit einer breiten Laufmasche in ihrem schwarzen Strumpf. Überall Musik auf den Plätzen, ich habe viel Durst und kein belgisches Geld, stoße auf den kleinen Trinkwasserbrunnen vor dem Rubens-Haus, ein gutes Omen. Ganz langsam wächst es heran, keine Bleibe, kein Geld, sofort wachsen dem Überlebenswillen Flügel, bei C&A finde ich, Einkauf mimend, eine Toilette und eine neue Plastiktüte, ich weiß, so fängt alles an. Immer wieder treffe ich auf Monsieur Moussa in seinem farbigen Boubou, Dauergast im ›Hôtel Billard‹, nicht einmal der einarmige Rezeptionist weiß etwas über ihn. Um 21 Uhr an Pier 738 kein Schiff, niemand an den Kränen weiß Bescheid, zu allem entschlossen lege ich mich im Schlafsack unter einen Kran. Gegen zehn erscheint ein Lastwagen aus Hamburg mit Material für ›MV Kaduna‹, gemeinsam warten wir im Führerhaus. In der anbrechenden Dunkelheit legt riesengroß das Containerschiff an der Pier an, ich stapfe im Dunkeln die schwankende Gangway hoch, ein Steward zeigt mir meine Kammer, owner’s appartment direkt unter der Brücke mit überwältigender Aussicht. Die ganze Nacht durch wird im Akkord ent- und beladen, eineinhalb Schichten lang. Über den Containern wird eine Lage Gebrauchtwagen verladen und verzurrt, viele Mercedes 200 D, etliche schrottreif, einige offensichtlich geklaut, die meisten für Nouakchott, faszinierend ist die schnelle, präzise Arbeit mit den mobilen Kränen. Am nächsten Abend legen wir ab, drehen mit Schlepperhilfe im Hafenbecken, dann mit slow ahead in die Schleuse, verheißungsvoll das gleichmäßige Maschinengeräusch unter mir. Im kleinen Salon nebenan finde ich einen Martha Grimes, den ich noch nicht kenne.
›MV Kaduna‹, benannt nach der Stadt, dem Fluss, der Provinz in Nigeria, Schiffsregister CCNI Anakena, Kvaerner Warnow 1995, Reederei Transeste, im regelmäßigen Westafrika-Dienst, in der Mannschaftsliste werde ich als stewardess geführt. In der Nacht verlassen wir die Scheldemündung, fahren am Morgen mit 17 Knoten durch die Straße von Dover, Hovercraft und P&O-Fähren kreuzen den Kurs, in der Morgensonne glänzen die Kreidefelsen, an Backbord die Fähre von Roscoff. Ich habe mich im Brückeneck eingerichtet und mir einen souveränen Arbeitsplatz für die nächsten 11 Tage geschaffen. Die See ist glatt, sehr blau, ich erarbeite mir das Kapitel ›Orientierung‹ für Karten- und Kompassstudium. Die nächsten Tage bringen Arbeit im Office, an Telefon und Telex, Schulungsmaterial ist zu kopieren, englische Berichte von Schiffsunfällen sind zu übersetzen, für den Master arabische Standardsätze für die Kommunikation mit Zoll, Polizei und Hafenbehörde in Mauretanien zu erarbeiten, wir üben die Aussprache ein. Während der langen Brückenwachen kreisen die Geschichten: Vor sechs Monaten hat es auf dem Schiff eine Meuterei gegeben, ein Seegerichtsprozess steht an. 1998 sind weltweit 57 deutsche Seeleute auf Schiffen ermordet worden … An Bord hört man auf allen Stationen unsägliches englisches Kauderwelsch, in der Mannschaft ist kein Deutscher mehr, so entstehen erhebliche Verständigungsprobleme. Leicht rollende See, ich erarbeite die Unterlagen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie über Missweisungen in West-Afrika, das Wiegen wird zum Lebensgefühl. Immer wieder die Treppen, poop deck, 2nd bridge deck, boat deck, superstructure deck, klar ist diese Welt der Schiffe, unabweisbar die Hierarchie, geregelt die Konflikte fern der Welt an Land, hier gibt es Muße, sich selbst in den Blick zu nehmen. Arbeit mit dem Kompass, Orientierung am Kreuz des Südens, noch ist es Übung, noch ist es Spiel. Den ganzen Tag begleiten uns Walschulen, die Atemfontänen sprühen dicht neben dem Schiff. 12 Uhr La Rochelle, Kurs 202, 15 Uhr Bordeaux, ein großes Segelschulschiff an Backbord, Radio Finisterre meldet sich, 19 Uhr La Coruña, Kurs 209.
Dienstag, Kurs 198, seit Stunden außer uns kein Schiff mehr, ich erledige Übersetzungen von Prozessfällen, schreibe am Computer. 10 Uhr Peniche, die Berlengas! 1973 haben wir hier, kurz vor der Revolution, Urlaub gemacht, seltsam der Blick von See aus. Der chief engineer und ein philippinischer Matrose haben Geburtstag, am Nachmittag zaubert der Steward eine schauerlich süße Nutellatorte, abends gibt der Master für jeden zwei Flaschen Bier aus, tatsächlich Holsten Edel, Alkohol ist streng unter Verschluss, dann Party in der Mannschaftsmesse, das bedeutet Karaoke aus 15 Filipinokehlen.
Kurs 198, seit gestern keinerlei Schiffsbegegnung mehr, gegen Mittag ein leerer Tanker Richtung Libyen, Sturmtief 9–10 über dem Atlantik, wir sind gerade aus der Zone heraus, sehr ruhige See, warm, 18 Knoten. Herrlich das Baden im pool, einem aufgeschnittenen Container, vier Züge hin, vier Züge zurück. Casablanca! Der chief engineer nimmt mich mit in die Maschine, vier Decks tief bis zur Nockenwelle, eine heiße, laute Konstruktion, die täglich 350 l Schmieröl frisst, faszinierend Kessel, Pumpen, Generatoren, Wasserentsalzung, Schmutzwasseraufbereitung, Computerkontrollprogramme für Maschinen und Elektrik. Nachmittags Rost kratzen, schleifen, schmirgeln, reinigen, fegen als Vorbereitung für das Streichen, Kopieren von Zollpapieren; Kompass-Übungen, als ich mit allem fertig bin, magnetisch-Nord, geographisch-Nord, Seekarten-Nord.
Donnerstag, den ganzen Tag nur zwei Schiffe gesehen, Zeit zum Erzählen von Schauergeschichten. Alle waren sie dabei, der Master, der chief engineer, Cuba während der Revolution, Kneipen am Amazonas, Brutalitäten in Nigeria. Wilder arabischer Seefunk aus dem Lautsprecher, ein Fax aus London über die Seegerichtsverhandlung. 4 Uhr früh: Ich habe mir den Wecker gestellt, um die Durchfahrt durch die Canaren zu sehen, nach all der Einsamkeit lange Lichterketten auf beiden Seiten mitten im Meer. Verdrängte Bilder tauchen auf, mein Vater bei seiner Verhaftung wegen Beihilfe zum Mord an Juden, um 4 Uhr morgens in unserer Wohnung in Hamburg, auf der Toilette bewacht von einem dunklen bleichen jungen Mann, das Hosenträgerkreuz auf dem Rücken meines Vaters, der bei offener Tür vor der Toilettenschüssel steht, ich, 16-jährig, entsetzt in der Tür meines Zimmers gegenüber. Jahrzehntelang habe ich dieses Bild vergraben, ich muss es zulassen, damit es vergehen kann.
Den ganzen folgenden Tag arbeiten wir daran, das Schiff von außen unzugänglich zu machen, die Außentreppe zur Brücke wird abgeschraubt und hochgezogen, Piraten haben in diesen Breiten Schiffe geentert. Ich bekomme Order, die Fenster in meiner Kammer zu schließen und unter keinen Umständen die Tür zu öffnen. Mittags ad-Dahla, Kurs 192, erheblicher Schwell, das Schiff rollt deutlich, wir fahren full speed, um bis 18 Uhr im Hafen von Nouakchott zu sein, da wir nur bei Flut die nötigen 55 cm unter dem Kiel haben werden. Da liegt das Fischerdorf Tiouilît, vor einem Jahr habe ich hier am Strand gestanden und auf die See geschaut. Die Schwüle der Regenzeit ist spürbar, das Schiff hat einige Krängung, wir wirbeln schon Sandbänke auf. Nouakchott ist nur als weiße Dünenlinie zu ahnen, wir müssen bis morgen im stand by vor der Küste treiben, an die Mole passen nur zwei größere Schiffe, einige Frachter sind vor uns dran. Starkes Rollen, manchmal schlägt das Schiff auf, die Filipinos haben Angeln ausgeworfen. Beim Abendessen in der Messe erzählen Master und chief engineer von in starker Strömung hier an den Kai gesetzten Schiffen, die Risse gingen bis zu den Hauptkabelsträngen, von einem im Dock explodierten Tanker, dessen Hauptdeck wie ein Dosendeckel hochgeklappt wurde, morgen könne ich mir das Wrack ansehen.
Samstag, wir dümpeln noch immer vor der Mole, dann die Meldung des chinesischen pilot, alle Maschinenmanöver werden getestet. Als der Lotse endlich kommt, fahren wir in die Bucht ein, das Anlegemanöver mit den Bugstrahlrudern ist bei diesem Wellendruck spannend, der Master schreit den Lotsen, der den Charakter der ›Kaduna‹ nicht kennen kann, an, als wir in allzu steilem Winkel auf den Kai zufahren. Liegezeit 24 Stunden, drei Schiffe warten auf unseren Platz. Polizei, Zoll, Einwanderungsbehörde, der Agent der Reederei strömen auf das Schiff, jeder bekommt eine Fanta, Pralinen und eine Stange Zigaretten. Ich wandere über Mole und Strand zu dem grausam explodierten, jetzt mit Rostbeulen bedeckten Schiff, das quer über den Strand liegt. Es ist heiß, der Sand tief und weich, verstreut liegen Korallen und angeschwemmte Kugelfische. Am nächsten Morgen verlaufe ich mich auf der anderen Seite der Bucht in ein Militärareal, fotografiere in aller Unschuld, das ist die erste von zahlreichen Verhaftungen, ich rede mich heraus, je ne pouvais pas le savoir.
Nun rückt Dakar wirklich näher, Ausgangspunkt meines Wegs durch Afrika, auf den ich mich noch einmal habe vorbereiten können, Kompassberechnungen mit dem Master und dem 1. Offizier, es erscheint mir als gutes Omen, Orientierung in der Wüste beherrschen, Missweisungen kalkulieren zu können, als seien Wege durch die Wüste wirklich berechenbar. Wir kreuzen einen Zug von Hunderten von Delphinen, die unbeirrbar ihren Weg zum Kreuz des Südens finden, lange begleiten sie uns springend und spielend, dann weicht unser Kurs ab.
Montag, ich sitze allein im Brückeneck, bin zu aufgeregt, als dass ich schlafen könnte, bin aufgenommen in den Sternenhimmel. Kaffee für den Master und mich auf der dunklen Brücke, fahles Licht nur vom Kartentisch, um 2 Uhr kommt Cap Vert in Sicht, Yoff, N’Gor, Cap Manuel, das Panorama des nächtlichen Dakar, Schleichfahrt in den Hafen, 3.45 Uhr vessel in position. Nach herzlichem Abschied von der Mannschaft fährt mich der Agent in die rue Félix Faure.
Auf der Suche nach den Vätern, der Mutter
Dakar Plateau, wieder kann ich hier wohnen, wieder besticht der Zauber der alten Viertel mit ihren niedrigen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, Handwerker, Schneider, Antiquare leben hier. In den kleinen Werkstatträumen stehen die Leitern, auf denen man in den einzigen winzigen Wohnraum gelangt. Zahllose Restaurants mit einem oder zwei Tischen bieten ihre Hausspeise an, in den Innenhöfen gibt es Obst, Gemüse, frischen Fisch aus dem nahen Hafen, in den unüberschaubaren Winkeln leben große Familien in überlieferter Ordnung um die Brunnen herum, Frauen singen bei der Zubereitung der Mahlzeiten, Kinder eilen schwer beladen umher, bringen Vätern, Onkeln, Brüdern Material, tragen die fertigen Waren aus. Alle Bücher, mit denen ich mich auf dem Schiff noch einmal beschäftigt habe, schicke ich nach Hause, will mich nur noch auf mich selbst verlassen, ich fühle mich entlastet, die Nabelschnur ist durchgetrennt. Am Rond Point de l’Indépendance, dem geschäftigen Viertel der Banken und Hotels, muss ich Francs CFA eintauschen, die Automaten verweigern die Visa-Karte, also Barumtausch, auch das eine Abnabelung. Einige Stunden Fußmarsch durch die Stadt machen wieder heimisch in den Vierteln der afrikanischen Fischer und Händler, am Abend kann ich Ahmadou, den Freund, wiedersehen, die ersehnten Jeans passen genau.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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