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Hanne hat die Nase voll: von Hamburg, vom deutschen Schmuddelwetter und vor allem von Alexander. Also zieht sie nach San Francisco. Doch kaum hat sie amerikanischen Boden betreten, wirft ihre Mitbewohnerin sie aus der Wohnung, und der angeblich sichere Job ist auch weg. Aber so schnell lässt Hanne sich nicht unterkriegen – schließlich ist sie eine «mysteriöse Weltenbummlerin» ...
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Tatjana Greiner
Spring, Baby!
Ihr Verlagsname
Hanne hat die Nase voll: von Hamburg, vom deutschen Schmuddelwetter und vor allem von Alexander. Also zieht sie nach San Francisco. Doch kaum hat sie amerikanischen Boden betreten, wirft ihre Mitbewohnerin sie aus der Wohnung, und der angeblich sichere Job ist auch weg. Aber so schnell lässt Hanne sich nicht unterkriegen – schließlich ist sie eine «mysteriöse Weltenbummlerin» ...
Tatjana Greiner wurde 1969 in Köln geboren. Nachdem sie in Deutschland kreuz und quer gelebt, gearbeitet und studiert hat, zog es die Weltenbummlerin 1996 nach Kalifornien. Nach ihrem Studium in San Francisco und Los Angeles lebt sie heute in Los Angeles. Reisen waren und sind ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens, ihres Selbstverständnisses und ihrer Inspiration. «Spring, Baby!» ist ihr erster Roman.
Für all die anderen Hanne Petersens da draußen
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
HERMANN HESSE, STUFEN
Das war’s also. Die letzte Kiste ist gepackt und zugeklebt. Uff. Ich bin erstaunt, wie wenig Platz so ein Leben einnimmt, wenn man ihm erst einmal mit dem Edding und ein paar Kartons zu Leibe rückt. Achtundzwanzig Jahre, sortiert und gestapelt. Quadratisch, praktisch, gut. Jetzt bleibt nur noch eine Hürde zu nehmen: der Abschied von meinen Eltern. Das wird traurig, ich weiß. Aber wie sagt man? Keine Geburt ohne Schmerzen. Wer sein Leben verändern will, muss alte Zöpfe abschneiden. Oder so ähnlich. Deswegen habe ich die früheste Maschine von Hamburg über Frankfurt nach San Francisco gebucht. Das Gold der frühen Morgenstunde und des Halbschlafs nutzen und das Tränenaufkommen reduzieren (schlafende Menschen weinen nicht so oft wie wache Menschen – das hat sicher schon mal irgendein schlauer Mensch nachgewiesen). Ich drehe jetzt das Kellerlicht aus und gehe ins Bett. Mission: altes Leben beendet. Mission: neues Leben – about to begin.
Der Taxifahrer, dessen Lizenz am Handschuhfach ihn als Nikolas Papoudakis ausweist, betrachtet mich im Rückspiegel. Ich verstecke meine verheulten Augen hinter der großen, dunklen Sonnenbrille à la Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany’s. Von irgendwoher kommen undefinierbare Sauggeräusche. Ich hebe den Hintern, um zu sehen, ob etwas in den Ledersitzritzen klemmt, bis ich merke, dass es Nikolas ist, der an den Schnurrbarthaaren zuzelt, die über seine Lippen hängen. Ich weiche seinem Blick aus. Das Foto neben seinem Namen sieht ihm so ähnlich wie Audrey Hepburn der Dreihundertpfundfrau, die ich neulich auf SAT.1 gesehen habe. Der Nikolas Papoudakis auf dem Bild ist vielleicht gerade mal zwanzig und könnte froh sein, wenn ihm ab und an ein Härchen unterm Kinn wüchse. Aber vielleicht heißen ja alle Männer dieser griechischen Großfamilie Nikolas Papoudakis und können sich zusammen nur ein Taxi leisten. Liest man doch immer wieder, so was.
«Wohin Sie fahren?», fragt er. «Amerika? Isch habe gehört, als Sie gesagt haben auf Wiedersehen zu die weinende Eltern.» Na, Nikolas, das ist aber schön, dass du so gute Öhrchen hast.
«Entschuldigen Sie Frage, aber was Sie machen in Amerika? Sie wollen Filmstar werden?» Er lacht. «Isch dachte nur, wegen Brille.» Haha. Witzig bist du also auch.
«Wie lange Sie gehen weg?»
Uff.
Wieso muss ich ausgerechnet den einzigen Taxifahrer bekommen, der schon um fünf Uhr morgens hyperkommunikativ ist? Aber wenigstens ist er nicht schlecht gelaunt oder verraucht mir die Sicht mit griechischem Kraut. «Ich weiß nicht, für wie lange. Vielleicht für immer.»
Nikolas zieht die Stirn in Falten. «Sie werden bereuen.»
Ach, ja? Und wer hat dich zum Fachmann für Hanne Petersens Leben erklärt? Ich zucke die Schultern und fange an, bis zehn zu zählen (sagt man doch immer, dass das hilft), während ich mir meine neue Devise auf der Zunge zergehen lasse: Ich bin eine unabhängige, mysteriöse Weltenbummlerin mit einem grenzenlosen Vorteil gegenüber neunundneunzig Komma neun Prozent aller Frauen: Ich bin nicht verliebt! Ich befinde mich weder in einer glücklichen noch einer unglücklichen Beziehung und habe auch nicht die Absicht, mich auf eine glückliche oder unglückliche Beziehung einzulassen. Hurra! Ich bin frei. Es gilt nun, diesen Zustand so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Endlich Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Hanne Petersen, moderne Frau, die von jetzt an ihr Leben unter Kontrolle hat, alleine durchaus glücklich sein kann und Erfüllung findet in Beruf und vielschichtigen Lebenserfahrungen.
Man muss schließlich irgendwann mal Prioritäten setzen.
«Wer hat Sie denn überhaupt nach Ihrer Meinung gefragt?», blöke ich Nikolas an. An der Zen-Gelassenheit werde ich halt noch arbeiten. Nachdem ich es erst einmal geschafft habe, bis zehn durchzuzählen.
Schweigend biegen wir in das Fuhlsbüttler Flughafengelände ein. Während ich mein Kleingeld abzähle, hält er vor dem Abflugterminal. Ich bin schon halb aus der Tür, als er sagt: «Isch auch von zu Hause weg. Habe Familie zurückgelassen. Habe gedacht, deutsche Land bessere Land. Ist jetzt über zwanzig Jahre her und bereue immer noch.»
Muss der denn jetzt auch noch sentimental werden? Nikolas steigt aus, hievt mein Gepäck aus dem Kofferraum und schüttelt mir die Hand. «Passen Sie gut auf, ja?» Na, klasse. Als ob eine weinende Mutter und ein weinender Vater nicht reichten für einen Tag. Jetzt aber nichts wie weg. Nikolas ist ja nur neidisch. Typisch deutsch eben. Ist er wohl doch schon lange genug hier, um sich eingelebt zu haben.
Ich kann es irgendwie selbst kaum glauben. Ich bin eine unabhängige, mysteriöse Globetrotterinnengöttin und habe vor fünf Minuten meinen Tempel betreten. Dies ist der Ort, der mich in die Abenteuer der Zukunft katapultieren wird. Halleluja, Welt, ich koooommmmme!
Uff. Eins steht fest. Nie mehr am frühen Morgen fliegen, wenn Geschäftsmänner noch jagdgeil sind auf ihren Deal des Tages. Kann mir gut vorstellen, wie der Typ, der mich eben angerempelt hat, heute Abend irgendeine Frau an einer Hotelbar als Ersatztrophäe für die nächste unbedeutende Nacht seines Lebens ins Visier nehmen wird. Ich muss es ja wissen! Hatte schließlich genug BWLer in meinem Bett. Eine Zeit lang hätte man fast meinen können, es gäbe in Deutschland keine anderen Männer mehr. Ich habe mich schon oft gefragt, ob es geheime Handbücher für Geschäftsmänner gibt: Heb dir das Beste am Mann (du weißt schon: Das Beste am Mann, aus der Gilette-Werbung) fürs Geschäft auf, nachts mit den Weibern tut’s auch die Routine. Tussis, die frühmorgens träumerisch in der Mitte der Flughafenhalle stehen und mit offenem Mund an die Decke glotzen, kannst du ruhig aus dem Weg schubsen. Wenn dein Handy gerade in dem Moment klingelt, brauchst du dich auch wirklich nicht zu entschuldigen. Soll die doch den Scheiß, der aus ihrer Handtasche gefallen ist, selbst wieder aufsammeln. Wieso schleppen Tanten auch immer so viel Zeug mit sich rum? Lass dich nicht beirren, wenn dieselbe Tussi dann vor dir in der Schlange am Eincheckschalter steht und du dich vor sie drängeln musst, weil die einzige gut aussehende Stewardess vom Bodenpersonal gerade frei wird. Die würdest du gerne mal vögeln. Die Schalterbraut, nicht die Tussi, obwohl, die tät’s auch, wenn du mal wieder so einen richtigen Scheißtag hinter dir hast, an dem gar nichts läuft, auch schon frühmorgens am Flughafen nicht.
Der Deckel von meinem Shampoo ist weg, und alles, was ich anfasse, ist klebrig feucht. Meine Handtasche, die ich letztes Jahr auf einem Flohmarkt in Berkeley gekauft habe, ist mit indianischen Zeichen bestickt. Jede Weltenbummlerin braucht einen Talisman. Diese Tasche ist mein Talisman. Sie regt Männer auf. Vielleicht, weil sie den Wunsch nach Freiheit spüren, der in ihr Muster verwoben ist. Alexander hat die Tasche geradezu wahnsinnig gemacht. «Lass doch das scheußliche Ding zu Hause», pflegte er zu nörgeln. «Wie sieht das denn aus?» Ich muss mich bei Gelegenheit mal fragen, was ihm eigentlich während unserer so genannten Beziehung überhaupt an mir gefallen hat. «Deine Ohrläppchen sind süß», hat er mir mal zugeraunt. Kann eine Frau eine substanzielle Beziehung auf einem Ohrläppchenkompliment aufbauen?
Zum Glück ist die Tasche innen mit Plastik bezogen. Ich kann das Klebrigfeuchte abwischen. Ist eben ein guter Talisman. Er beschützt seine Trägerin vor Angriffen auf ihr Glück und Männern wie Alexander, den sie jahrelang angebetet hat, obwohl er sich nie entscheiden konnte, ob «eine Freundin jetzt das Richtige» für ihn sei. Der Talisman lässt sie auch die richtigen Entscheidungen im Leben treffen, wie zum Beispiel ihm endlich die rote Karte zu zeigen. Und ein neues Leben in San Francisco anzufangen, mit einem Job als Journalistin bei der lokalen Wochenzeitung California Sun mit Aussichten auf eine Greencard.
Die Talismantasche vom Flohmarkt ist aber noch viel mehr wert. Sie macht Träume wahr. Heilt Fernweh. Ich habe seit meinem fünfzehnten Lebensjahr die Erlöse aus Jobs wie Babysitten, Kellnern oder dem Verleasen von Hydrokulturpflanzen übers Telefon angespart für Flugtickets um die Welt, Jugendherbergen und Landkarten. Habe mir, sobald ich den ersten Fuß in ein neues Land setzte, immer ausgemalt, wie ich dort leben würde. Ich habe die neue Luft eingesaugt, die Farben des Himmels, die Gesichter der Menschen. Ich habe Wohnungen, Straßen, Verkehrsmittel, Märkte, Bars und Ruinen bestaunt, Geräusche und Düfte in mir aufgenommen. Ob in portugiesischen Bergdörfern oder den Armenvierteln von Hongkong, in meiner Phantasie konnte ich mir überall ein Leben vorstellen, in dem ich Ziegen trieb, in exotischen Nachtclubs tanzte, an fremden Börsen spekulierte, kochte, verführte, alt wurde.
In vierzehn Stunden werde ich, in Hamburg nur eine Deutsche unter Deutschen, als Fremde aus dem Flugzeug aussteigen. Ich werde eine mysteriöse, unabhängige Globetrotterin sein, frei von Ballast, offen für Abenteuer. Die geometrischen Linien der Skylines Amerikas werden meinem Leben eine neue Ordnung verleihen.
Irgendjemand hat mal gesagt, dass die Ernsthaftigkeit der Seele unser Tod ist. Und so werde ich mich auf den Flügeln des amerikanischen Optimismus nicht nur meinem alten Leben, sondern auch der deutschen Schwere ein Stück entziehen, in einem Land, das Leichtigkeit nicht mit Oberflächlichkeit verwechselt. Viele Bilder von Amerika sind für mich der Inbegriff von Romantik geworden. Der schwarze Saxophonspieler, der an einer nächtlichen Straßenecke schimmernde Pfützen auf dem Asphalt beseelt, Hippies und Intellektuelle in verstaubten Buchläden, Taxihupen, schrille Gegensätze, Überfluss, der Mix der Kulturen, ich will diesen Bildern auf den Grund gehen, sie aufleben lassen.
«Aufruf an alle Passagiere für den Lufthansaflug 762 nach Frankfurt. Die Maschine ist jetzt am Ausgang B fünfzig zum Einsteigen bereit.»
Hurra. Auf geht’s. Die Freiheit ruft.
Mir ist schlecht. Es liegt nicht am Flugzeugessen, obwohl es scheußlich ist. Auch nicht an der Turbulenz, die wir gerade durchflogen haben, oder der Angst, in den Atlantik abzustürzen und von Haien gefressen zu werden. Schuld ist auch nicht die Vorstellung, einer der netten alten Leute aus der Reisegruppe auf den mittleren Sitzen sei ein sleeper agent. Vielleicht der Mann mit den weißen Haaren und den buschigen Augenbrauen, der seiner Frau soeben guten, hausgemachten Kaffee aus einer Thermoskanne einschenkt. Nennen wir ihn Arnold. Arnold hat ein gutes Leben geführt, ein bürgerliches, ehrliches Leben. Er hat seine Jugendliebe zu seiner Frau gemacht und mit ihr zwei gesunde Kinder gezeugt, die ihn heute stolz machen. Doch hinter Arnolds wässrig blauen Augen verbirgt sich ein Geheimnis, das niemand kennt, nicht einmal er selbst. Arnold, Agent des Terrors. Die Information wurde in sein Unterbewusstsein gepflanzt, als er in jungen Jahren mit dem Kirchenchor in der Türkei war und dort wegen Verdacht auf Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Er ist einige Minuten bewusstlos gewesen. Fatale Minuten. Denn wenn man den Befehl, den kriminelle Köpfe damals in ihn gepflanzt haben, auslöst, wird der ehemalige Postbote, heute Pensionär, aus Würzburg zur Killermaschine. Könnte passieren. Liest man doch immer wieder, so was.
Aber mir ist ja nicht schlecht wegen Arnold, der sich gerade von seiner Frau ein Kissen in den Nacken klemmen lässt. Mir ist schlecht wegen Alexander.
Rewind zum Fuhlsbüttler Flughafen. Ich bin, Bordkarte gezückt, schon fast durch die erste Kontrolle, als mich jemand am Arm packt und herumreißt.
«Alexander», höre ich mich fast seufzen und könnte mich dafür ohrfeigen. «Was machst du denn hier?» Ich nehme, ohne es zu wollen, aber irgendeinem Impuls folgend, die rote Rose, die er mir entgegenstreckt, und finde mich kurz darauf an seine Brust gedrückt.
«Ich musste dich einfach nochmal sehen.» Und mir das mit einem feuchten Kuss ins Ohr raunen?
«Ja, aber musst du denn nicht ins Büro?» Und wieso höre ich mich jetzt schon wieder an wie ein Heimchen am Herd anstatt einer unabhängigen Frau, die ihr Leben in der Hand hat?
«Meine große Liebe verlässt mich nur einmal. Da kann ich mir schon mal einen Tag freinehmen.»
Große Liebe. Alles klar. Jetzt muss ich aber wirklich gleich heulen. «Hättest du dir das nicht ein bisschen früher überlegen können?» Meine Stimme wird laut und schrill, und mehrere Leute drehen sich nach mir um. Sollen die doch glotzen. Drei Jahre habe ich gelitten um diesen Mann, und jetzt, nachdem ich nicht mehr will, will er, was ich mal wollte. Hätte ich wirklich selber drauf kommen können, dass er mir mein neues Leben jetzt auch noch vermiesen will. «Find ich ganz schön gemein, dass du hier einfach so auftauchst.»
«Okay, okay», sagt er und hebt abwehrend die Hände. «Wenn das so ist, kann ich ja wieder gehen.» Klar, jetzt die Manipulationsnummer.
«Wie du meinst, Alexander.» Ich drehe mich um und gehe mühsam, als müsste ich gegen die Schwerkraft arbeiten, weiter. Wieder hält er mich fest.
«Bitte, Hanne, du kannst mich doch nicht einfach so stehen lassen.»
«Mein Flug ist zum Einsteigen bereit.»
«Fünf Minuten. Bitte.» Er sieht mich flehend an. «Ich muss dir was sagen.»
Ich folge ihm zu einer Sitzreihe am Rand der Halle, setze mich auf die äußerste Sitzkante, die Fluchtrichtung Bordkartenkontrolle fest im Blick. Er starrt auf seine Schuhe und knackt mit den Fingergelenken. Er hat mir mal gesagt, dass Frauen das sexy fänden. Ist so ziemlich das Einzige, was ich nie sexy an ihm fand. «Hör doch auf damit.»
«Tut mir Leid.»
Mann, ich muss los, und der starrt auf seine Schuhspitzen. Das ist doch albern. Ich stehe auf.
«Ich komme nach», sagt er, ohne mich anzusehen.
«Was?»
«Ich komme dir nach. Nach San Francisco. Ich hab … der Job … es ist alles geregelt. In drei Wochen ungefähr.»
«Aber das ist doch total verrückt! Du kannst doch nicht … und deine Arbeit hier?» Ich fühle mich plötzlich wieder so klein, so wie im alten Leben.
«Volker und ich brauchen sowieso mal ’ne Pause voneinander im Büro», erklärt er.
Ich erwidere nichts, schnappe nach Luft wie eine, die ertrinkt.
«Freust du dich denn gar nicht?»
Freuen?! Nach mehreren Therapieversuchen und fast verschlissenen Freundschaften mit Maren und Anneke, die mich zum Schluss schon von unseren sonntäglichen Teerunden ausgeschlossen hatten, weil sie meinten, dass das Thema ALEXANDER sie zu aggressiv mache, soll ich mich da freuen? Wo ich es gerade geschafft habe, ihm einen erträglichen Stellenwert zuzuweisen? Wie eine Drohung hört sich das an: Ich komme dir nach und finde dich. Ich Tarzan, du Jane.
Ich lasse die Rose fallen und renne. Bevor ich durch die Kontrolle in die Abflughalle verschwinde, drehe ich mich nochmal um. «Nein», schreie ich ihn an, «ich freue mich nicht!»
Der Typ, der mich vorhin angerempelt hat, geht an mir vorbei und schüttelt den Kopf. Dann klingelt sein Handy, und ich höre die Worte «bescheuerte Tussi», gefolgt von einem Grunzlaut, der wohl ein Lachen darstellen soll.
Die Amerikanerin in Schwarz neben mir bestellt sich noch eine Runde Johnny Walker auf Eis und reiht laut klappernd das halbe Dutzend Flugzeugwhiskeyfläschchen vor sich auf. Wieder sehe ich aus dem Fenster. Unter uns liegt die Eiswüste Grönlands, die größte Insel der Welt. Ich denke dem Stimmungstief seit Abflug entsprechend an meine Mutter, wie sie, nachdem Nikolas Papoudakis mit mir um die Ecke gebogen war, vielleicht in mein altes Zimmer ging, sich auf mein gemachtes, noch warmes Bett setzte und eine nicht vorhandene Falte glatt strich oder imaginären Staub von den Büchern wischte.
Uff. Heute ist wohl der längste Tag meines Lebens. Ich weiß nicht, ob es sich schon um mein neues oder immer noch mein altes Leben handelt, weil mein Weltenbummlerinnengefühl im Moment total nicht existent ist. Ich sitze im Shuttlebus vom San-Francisco-Flughafen nach Hause, das heißt Carmens Wohnung in North Beach, wo ich das spektakuläre Zimmer vom letzten Jahr mit dem Blick auf Alcatraz wieder gemietet habe. Die Vorfreude auf durchfeierte Nächte mit Carmen, selbst gemachten Sushi und eisgekühltem Sapporo auf dem Dach des Hauses, mit dieser glitzernden Traumstadt zu Füßen, wird gedämpft durch die Shuttlebus-Chaosaktion der letzten zwei Stunden, hervorgerufen von der Amerikanerin in Schwarz.
Die Amerikanerin in Schwarz heißt Lilly und ist meine ehemalige Sitznachbarin, die mit den aufgereihten Whiskeyfläschchen. Im Flieger hat sie mir erzählt, dass sie fünfmal verheiratet war. Dabei hat sie ein bisschen gelallt. Ich habe ihr altes, aber schönes Gesicht bewundert. Mit jedem Mann hatte sie ein neues Leben begonnen, wie eine Muse oder eine Frau, die sich selber kaum kennt oder schätzt und sich den jeweiligen Gewohnheiten und Ansprüchen ihrer Männer anpasst. Für Victor, den Industriellen und Golfer, war sie dick geworden. Um seinem Ideal einer Rubensfrau zu entsprechen und ihrer Konkurrenz, den echten Rubensfrauen über seinem Sofa, gewachsen zu sein, aß sie Schokolade, von der sie nach Victors tödlichem Infarkt für Eddy nicht mehr runterkommen konnte. Sowohl Eddy als auch sein Nachfolger Glenn, der Kunsthändler und Genießer, starben wie Victor viel zu früh und tragisch. Eddy bei einem Autounfall und Glenn durch eine Versacekordel um seinen Hals, mit deren Hilfe er, von den Dachgiebeln seines Warenlagers baumelnd, seinen Schulden und Gläubigern entfloh. Drei Männer und drei Todesfälle brachten selbst ein lebensbejahendes Chamäleon wie Lilly um den Verstand. Erst Dr. Richard in der Betty-Ford-Klinik, Rickie Dickie, wie sie ihn immer noch zärtlich nennt, konnte ihrer hoffnungslosen Seele wieder Leben einhauchen. Eine Zeit lang. Rickie Dickies Tod bestätigt das alte Sprichwort: Doktor, heile dich nie selbst. Rickie Dickie, Nummer vier, «ein Bär von einem Mann», war für sein selbst verabreichtes Morphium nicht stark genug gewesen.
Es stimmt: Reisen lehrt das Leben. Man lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen, und oft hinterlassen gerade die kurzen Begegnungen tiefe Eindrücke in uns. Wir können weit weg von allem Vertrauten kurze Momente von großer Bedeutung erfahren. Lilly ist wie eine Botin mit einer Nachricht aus meinem alten Leben. In ihrem schwarzen Kleid und mit den glasigen, bernsteinfarbenen Augen, in denen sich das Sonnenlicht bricht und die niemals Ruhe finden, scheint sie wie aus einer Halbwelt gekommen, um mich zu warnen. Noch vier weitere Alexanders in meinem Leben, und ich finde mich vierzig Jahre später einsam wie sie in einem Flugzeug wieder, im Delirium irgendeiner jungen Frau neben mir mein gescheitertes Leben ins Ohr lallend.
Lillys schwarzes Kleid war mir allmählich plausibel erschienen, doch da hatte Lilly geschnaubt: «Mein fünfter Ehemann ist nicht tot, falls Sie das denken.»
«Oh, Sie tragen also keine Trauer?»
«Natürlich trage ich Trauer. Zum ersten Mal. Bei den Beerdigungen meiner ersten vier habe ich nie Schwarz getragen. Eine scheußliche Farbe. Aber Sam, mein Fünfter, hat mir keine andere Wahl gelassen. Er ließ mich sitzen für eine Kellnerin, die mindestens dreißig Jahre jünger ist als ich. Das ist die größte Tragödie von allen.» Dann hatte sie ihr letztes Glas in einem Zug geleert und war, Kinn aufs leberfleckenübersäte Dekolleté gestützt, eingeschlafen.
Und ist eigentlich bis jetzt nicht wieder richtig aufgewacht. Lilly befindet sich nämlich mit mir im Shuttlebus und streitet lauthals mit dem Shuttlebus-Fahrer, einem untersetzten Schwarzen. Gerade fahren wir die Golden-Gate-Brücke zurück, inzwischen wieder stadteinwärts.
«Ich hab’s Ihnen gleich gesagt, Ma’am, dass wir anders fahren müssen.» Er fuchtelt wild mit den Händen, vielleicht, um böse Voodoogeister abzuwehren, die Lilly mit ihrer Feuerwasserfahne im Taxi verteilen könnte.
«Sei still und bring mich nach Hause», grunzt Lilly unwirsch in einem Ton, der verrät, dass Farbige als Bedienstete in ihrem Leben nichts Unbekanntes waren.
Ich wünschte, ich könnte endlich für mich allein sein und die Aussicht genießen auf die pastellfarbene Stadt, die im Licht der untergehenden Sonne, halb in Nebel getaucht, vor uns liegt. Trotz eines Gefühls der Vertrautheit, das sich während des Flugs zwischen Lilly und mir eingestellt hat, sind wir uns, wie das in solchen Situationen oft ist, schon wieder fremd geworden. Vor ein paar Stunden noch seelenverwandt, sind wir jetzt nur noch zwei müde Reisende mit unterschiedlichen Zielen, ungeduldig anzukommen.
Ich öffne die Wohnungstür nicht in ein Meer von Konfetti und Girlanden, sondern Stille.
«Carmen?» Ich lausche. «Carmen, bist du da?» Ich stelle meine Koffer in dem schmalen Gang ab, schließe die Augen und atme ein. Endlich am Ziel. Carmen hat angekündigt, sie würde eine Party für mich schmeißen, aber die Wohnung ist leer, die Küche unbenutzt. Ungewöhnlich für meine spanische Vermieterin und Mitbewohnerin, die eigentlich immer irgendwas backt oder brutzelt. Ich scanne den Kühlschrank nach einer Nachricht. Letzten Sommer wurden Carmen und ich schnell zu einem eingespielten Team. Da Carmen nachts in Salsaclubs tanzte und kellnerte und ich tagsüber in Kursen der University of Berkeley mein Englisch aufbesserte, sahen wir uns unter der Woche selten. Die meiste Zeit kommunizierten wir über Buchstabenmagnete am Kühlschrank miteinander. Gehe heute einkaufen. Samstag Stinson Beach? Arturo hat angerufen. Aber heute steht außer Buchstabenwirrwarr nichts da. Noch nicht einmal ein Welcome home.
Ich gehe zurück in den Flur, nehme die Koffer und bewege mich auf die zweite Tür auf der linken Seite zu. Meine Tür. Ich habe sie oft vor Augen gehabt, als ich in Deutschland im Bett lag und versuchte, mir mein schlechtes Gewissen meinen Eltern und Freunden gegenüber wegzudenken. «Hinfahren ja», lautet Annekes Meinung zu Amerika, «aber da leben? Nein, danke.» Maren hält es für eine Flause, ein Hirngespinst, das ich mal ausprobieren soll, aber das sowieso nicht lange anhalten wird. Sie hat mir versichert, dass ich in spätestens einem Jahr wieder zu Hause sein werde. Und ich glaube, dass sie hinter meinem Rücken angefangen hat, Wetten entgegenzunehmen. Der Einzige, der mich in meiner Entscheidung unterstützt hat, war mein Vater. Ich glaube nicht, dass es ihm leicht gefallen ist, aber er hat intuitiv gewusst, wie wichtig mir dieser Schritt ist. «Leben heißt Träume wahr machen», hat er immer gesagt. «Alles andere ist Fristen.» Ein Motto, das er als Angestellter einer kleinen Druckerei in Othmarschen in einer nicht gerade glücklichen Ehe selber wohl nie ganz verwirklicht hat.
Mein Zimmer mit dem Fenster zum Meer. Lange ersehnt, liegt es nun vor mir. Von meinem Bett aus werde ich ein Stück der Golden Gate sehen können. Ich drücke die Türklinke nach unten.
«Arriba!» Die Tür fliegt auf, und ein Zug von Menschen strömt mir entgegen. In einer Polonaise tanzen sie, Kerzen und Margheritas schwenkend, an mir vorbei. «Arriba, Hanne! Willkommen!»
Einer nach dem anderen küsst mich im Vorbeiziehen. Einige der lachenden Gesichter erkenne ich. Da ist Arturo, Carmens Freund, ein schlanker Spanier mit traurigem Blick. Mit seinem dünnen schwarzen Schnurrbart, den hageren, markanten Gesichtszügen und durchdringenden kleinen Augen erinnert er mich an einen alternden Torero, dem in der Welt der Fast-Food-Restaurants und Shopping-Malls die Arena genommen wurde.
«Willkommen zu Hause, Baby», raunt Carmen mir mit ihrer tiefen Stimme zu und löst sich aus der Schlange. Sie ist in Leinen und Seide gehüllt, in Erdfarben und einem Rot, das dem Leben selbst gleicht. Fast sieht man sie durch die staubige Steppe Kastiliens daherschreiten, einem edlen Ruf folgend, der sie überall und nirgends hinführt.
Sie umarmt mich und lacht. «Hast du wirklich geglaubt, Carmen würde dich ohne eine Party ankommen lassen?»
Sofia, eine Italienerin, der Carmen Spanisch beibringt und die mit Carmens Wissen mit Arturo schläft, legt ihren Arm um meine Taille. Und Arturo, der im lila Licht einer Lavalampe in einem Plastikbecher Margheritas mixt, hat plötzlich alles Noble verloren und ist wieder nur ein Mann, der eine Frau betrügt, die ihn liebt.
Sofia legt ihren anderen Arm um Carmens Schultern, und die beiden Frauen lachen. «Hanne, Bambina», sagt Sofia, «willkommen.» Sofia und Carmen nennen mich Bambina, weil sie behaupten, dass das Leben einer Frau erst mit dreißig beginnt. Sie lächeln sich wissend an, wenn sie mir meinen nächsten runden Geburtstag in zwei Jahren schmackhaft machen. Ich weiß natürlich, dass die beiden guten Sex meinen. «Ab dreißig wird eine Frau erst zur Frau», behaupten sie. Eine durchaus nette Alternative zu der üblichen Schwarzmalerei von ersten Falten, Orangenhaut und tickenden biologischen Uhren. Ich frage mich allerdings, ob sie Betrogen-Werden auch zu einem erfüllten Leben zählen. Carmen hat mir letztes Jahr beim Parkplatzsuchen vor einem Restaurant in der Innenstadt einmal ganz beiläufig erzählt, dass Arturo mit Sofia schläft. Ich starrte meine Freundin an und suchte nach einer Reaktion, irgendeiner Reaktion in ihrem Gesicht oder ihren Gesten, die den Schmerz und die Enttäuschung verrieten. Aber ich hatte nichts gefunden, auch nicht, als ich ihr den Betrug im Detail vor Augen führte und somit den ersten deftigen Streit zwischen uns entfachte. Carmen konnte meine Entrüstung nicht verstehen. Sie liebt Arturo, und wenn er Sofia braucht, dann soll er, so viel er will, von Sofia haben. Sofia, sagt Carmen, kann ihr weder Arturos Liebe noch Arturos Leidenschaft, noch Arturo selbst wegnehmen. Sofia kann ihn für sie nur vertiefen. Sind Beziehungen nicht so schon herausfordernd genug? Carmen meint, dass es keine allgemeinen Maßstäbe für individuelles Glück gibt. Meine neue Lebensphilosophie ist: Jedem das seine. Deswegen bin ich ja hier. Horizonte erweitern und so. Und heute ist sowieso kein Tag zum Grübeln. Heute wird gefeiert.
Ich grinse beide Frauen an und küsse sie. «Danke.» Carmen greift in einen Strauß Blumen, den sie mir ins Regal gestellt hat, und steckt mir eine Margerite ins Haar. Wir schließen uns der Menschenschlange an, die sich durch unser kleines Apartment in North Beach hoch über der Bay schlängelt, und tanzen in die Nacht.
Eben habe ich unsere letzten Gäste zur Tür gebracht. Carmen und Sofia haben sich schon vor einer Weile mit Arturo verzogen, nachdem sie stundenlang mit ihm um die Wette geturtelt hatten.
Nach der langen Nacht sind meine Füße müde. Ich lasse mich voll Vorfreude auf einen erholsamen Schlaf in voller Montur auf mein Bett fallen, als die Tür zu meinem Zimmer geöffnet wird.
«Hallo.» Im Türrahmen steht George.
«George, was machen Sie denn noch hier?», entfährt es mir mit einem überraschten kleinen Schrei. Schließlich sind wir uns heute Abend erst vorgestellt worden und haben, wenn es hochkommt, drei Worte miteinander gewechselt. «Sie waren so plötzlich verschwunden. Wir dachten, Sie seien schon längst nach Hause gegangen.»
George ist Sofias Boss in einer Computerfirma im Financial District. George ist außerdem frisch geschieden, Mitte fünfzig, hat einen Femel für Brünette und wählt republikanisch. Wenn er sich aufregt, was selten vorkommt, sagt Sofia, verfärbt sich seine walweiße Haut pink-rosa. George hat eine Glatze, um die sich ein Kranz aus rötlichem Flaum schmiegt. Seine Frau hat ihn für einen fünfzehn Jahre jüngeren Brasilianer verlassen.
«Ich bin auf der Toilette eingeschlafen», sagt er und sieht mir dabei tief in die Augen.
Soll mich das nun anmachen oder mütterliche Gefühle wecken?
«Darf ich reinkommen?», fragt er und schließt die Tür hinter sich, bevor ich antworten kann.
«Ich mag dich», sagt er und sieht verlegen auf seine Hände. Sein Nacken verfärbt sich dunkelrosa. Ob ihm die Idee, mich in meinem Zimmer zu besuchen, während seines Nickerchens auf dem Klo gekommen ist?
Plötzlich fängt er an zu schluchzen. Erst leise, dann immer lauter. «Als ich dich heute Abend habe tanzen sehen, musste ich an Joanne denken.» Er setzt sich zu mir auf das Bett, zieht ein zerknittertes Taschentuch aus seiner Cordhose und putzt sich die Nase. Ich bin zwar eine mysteriöse, unabhängige Weltenbummlerin, die nicht mehr die Seelsorge spielt, aber er ist offensichtlich betrunken und tut mir irgendwie Leid. Ich lege meine Hand besänftigend auf seine Schulter.
«Joanne ist meine Frau.» Er schluchzt. «Das heißt: war.»
Er ist wirklich in einer miesen Verfassung. Ich stehe auf und schenke ihm ein Glas Wasser ein.
Als ich es ihm hinhalte, greift George nach meiner Hand und hält sie fest in seiner, die warm und feucht ist. Ich muss unwillkürlich an die Kaulquappen denken, die wir als Kinder immer gefangen und unseren Eltern als Überraschung beim Aufwachen in Wassergläsern ans Bett gestellt haben.
«Du bist so schön», sagt er und festigt seinen Griff. «Ich sehe dir an, dass du eine sinnliche Frau bist.»
Oha. Mädels, aufgepasst! Verzweifelte, allein stehende Männer im Chefalter, die sich auf Partys, zu denen sie normalerweise nicht mehr eingeladen werden, mehr Alkohol gönnen, als sie vertragen, sollte man mit Vorsicht genießen.
Er fängt an, meine Handflächen zu streicheln. Ich nehme die Tür ins Visier. Schnelligkeit ist in Situationen wie dieser das A und O. Hab ich in einem Selbstverteidigungskurs gelernt, den die Dresdner Bank damals ihren weiblichen Auszubildenden spendiert hat. Dabei mussten wir eine Woche lang zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit durch den Jenischpark gehen und uns gegen Männer verteidigen, die unerwartet aus den Büschen sprangen. War so ziemlich das Einzige, was ich aus dieser Lehre, die ich nach einem Jahr zur Schmach meiner Eltern abgebrochen hatte, für mein Leben behalten habe.
Aber George ist schneller als ich. Er zieht mich zu sich aufs Bett.
«Oh», stöhnt er und schickt dabei seinen säuerlichen, mit Alkohol angereicherten Atem über mein Dekolleté. «Du bist eine Wildkatze. Joanne war auch eine Wildkatze.»
Bevor seine Hände ihre diversen Ziele erreichen können, stoße ich ihn mit aller Kraft von mir. George ist kein leichter Mann. Er poltert rücklings zu Boden und stößt dabei seinen Kopf an die Kante meines unausgepackten Koffers.
Was normalerweise jede Stimmung tötet, hat auf George den umgekehrten Effekt. Er sieht mich lustvoll an.
«Du bist eine Göttin», raunt er erregt.
Was ist aus der Idee geworden, dass Männer unsere Felsen in der Brandung des Lebens sind? Wie soll ein George uns wirklich beschützen? Vielleicht hat seine Joanne ja jetzt mehr Glück. Vielleicht ist ihr Brasilianer noch ein Mann, den das Leben nicht ständig überfordert. Auch Alexander kam mit dem Leben schlechter zurecht als ich, auch wenn er immer meinte, das Gegenteil sei der Fall. Ich habe ihn geliebt und bin in die klassische Falle getappt: Ich glaubte, dass ich ihn aus seiner Zerrissenheit retten könnte. Habe mal gelesen, ich glaube, es war in dem Ratgeber Zauberei der Liebe – Ein Hut voller Tricks für Frauen, dass wir uns so oft auf komplizierte Beziehungen einlassen, weil sie uns unsere Magie spüren lassen. Komm her, Süßer, an meine Brust. Mach die Augen zu, und, Abrakadabra, es wird alles wieder gut.
Als George erneut Anlauf nimmt, wird meine Tür aufgerissen und Michael, ein Freund von Carmen, steckt den Kopf herein. «Störe ich?», grinst er.
«Wo kommst du denn her?», frage ich erleichtert. Michael ist groß, schön und schwul.
«Hab was vergessen», sagt Michael und zeigt auf einen Schlüssel zu unserer Wohnung, der an einem Lederband um seinen Hals hängt. «Und dann habe ich ein dumpfes Geräusch hier drinnen gehört und gedacht, ich schau mal besser nach.»
Er greift George unter die Arme. «Ich glaube, für dich ist es Zeit, nach Hause zu gehen.»
Nachdem Michael und George gegangen sind, kehre ich in mein Zimmer zurück und ziehe mich im Dunkeln aus. Auf dem Fenstersims gurren die Tauben. In der Ferne tutet eine Sirene, gefolgt von einer zweiten, die beide nach einer Weile verstummen. Ich lege mich aufs Bett und schließe die Augen. Durch das offene Fenster dringen Geräusche der amerikanischen Nacht. Kühle Luft strömt herein. Gleich werde ich in die erste Nacht meines neuen Lebens schlafen.
