12,99 €
Die Welt feiert den Eintritt in das 20. Jahrhundert, und Minke, einer der wenigen europäisch erzogenen Javaner, startet optimistisch in ein neues Leben in einer neuen Stadt: Batavia, dem heutigen Jakarta. Mit dem Beginn seiner Ausbildung an der Ärzteschule und der Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen, hat Minke alle Hoffnung, die Tragödien der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Aber er kann weder seine Geschichte noch die Realität fremder Herrschaft abschütteln. Als seine Welt in Stücke zu fallen beginnt, sammelt er eine kleine, aber leidenschaftliche Gruppe um sich, die mit ihm für die Unabhängigkeit kämpft. Minke erfährt Liebe, Freundschaft und Betrug - mit tragischen Konsequenzen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 812
Veröffentlichungsjahr: 2015
Die Welt feiert den Eintritt in das 20. Jahrhundert, und Minke, einer der wenigen europäisch erzogenen Javaner, startet optimistisch in ein neues Leben in einer neuen Stadt: Batavia, dem heutigen Jakarta. Aber er kann weder seine Geschichte noch die Realität fremder Herrschaft abschütteln.
Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.
Pramoedya Ananta Toer (1925–2006) ist der bedeutendste indonesische Schriftsteller. Während der Befreiungsbewegung gegen die holländische Kolonialherrschaft in Indonesien wurde er verhaftet. Im Gefängnis begann er zu schreiben.
Zur Webseite von Pramoedya Ananta Toer.
Giok Hiang Gornik wurde 1954 in Surabaya in Indonesien geboren. Mit siebzehn Jahren zog sie nach Deutschland, studierte Chemie in Heidelberg und ist seit 1986 freie Übersetzerin.
Zur Webseite von Giok Hiang Gornik.
Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)
Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.
Pramoedya Ananta Toer
Spur der Schritte
Roman
Aus dem Indonesischen von Giok Hiang Gornik
Die Buru-Tetralogie (Band 3)
E-Book-Ausgabe
Horlemann @ Unionsverlag
HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.
Dieses E-Book des Horlemann-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.
Die Originalausgabe erschien 1985 unter dem Titel Jejak Langkah bei Hasta Mitra Publishing House, Jakarta.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 im Horlemann Verlag.
Originaltitel: Jejak Langkah (1985)
© by Pramoedya Ananta Toer 1985
© by Horlemann Verlag 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30644-8
Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte
Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)
Version vom 28.05.2024, 05:59h
Transpect-Version: ()
DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.
Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.
Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.
Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.
Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:
Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und MacE-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.
Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.
Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags
Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
SPUR DER SCHRITTE
1 – Nun endlich konnte ich die Erde Batavias unter …2 – Ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mir über …3 – Partotenojo oder Partokleooo half mir eifrig, ohne eine …4 – In der Tat hielt van Kollewijn es für …5 – Als wir wieder in Batavia waren, wurde Mei …6 – Dr. van Staveren erklärte uns, dass die Erkenntnisse …7 – Ich stöberte noch einmal in meinen Tagebüchern …8 – Die Arbeit eines Sekretärs in einer Organisation gleicht …9 – Mama hatte sich mit Herrn Frischboten geeinigt …10 – Ein Abgesandter von Raden Tomo kam nach Bandung …11 – Das Gasthaus Bogowonto war voll belegt. Ich musste …12 – Auf meinem Tisch in der Redaktion der Medan …13 – Ich gehörte zu den wenigen Einheimischen Ostindiens …14 – Die Syarikat Dagang Islamiyah breitete sich explosionsartig aus …15 – Die Boedi Oetomo führte weiterhin ein ruhiges Dasein …16 – Meine Mutter kam aufgeregt in die Redaktion. »Was …17 – Robert Suurhof war nicht tot. Die Kugel hatte …WorterklärungenHinweis zur Aussprache von indonesischen EigennamenMehr über dieses Buch
Über Pramoedya Ananta Toer
Über Giok Hiang Gornik
Andere Bücher, die Sie interessieren könnten
Bücher von Pramoedya Ananta Toer
Zum Thema Indonesien
Zum Thema Asien
Zum Thema Geschichte
Nun endlich konnte ich die Erde Batavias unter meinen Füßen spüren. Tief sog ich ihren Duft ein. Leb wohl, du Schiff. Leb wohl, du Meer. Lebt wohl ihr alle, die ich hinter mir gelassen habe. All die bitteren Erfahrungen, lebt wohl.
Hinein in die Welt Batavias – ab in das zwanzigste Jahrhundert. Auch du, neunzehntes Jahrhundert! Leb wohl!
Ich kam, um Ruhm, Glanz und Erfolg zu ernten. Nichts konnte mich daran hindern. Für mich galt die Parole veni, vidi, vici nicht. Ich kam nicht, um zu siegen, auch war es nie mein Ziel gewesen, über meine Mitmenschen zu herrschen. Jene, die Caesars Worte auf ihrem Banner trugen – sie hatten noch nie gesiegt. Sie gingen unter mit fliegenden Fahnen, als sie versuchten, das Reich der Glorie in nur einer Nacht zu errichten, wie einst Bandung Bondowoso die Tempelanlage Prambanan.
Es war niemand da, der mich abholte. Na und? Man sagt, dass nur der moderne Mensch in diesem Jahrhundert weiter kommen kann, in seinen Händen liegt die Zukunft der Menschheit. Wehrt man sich gegen die Moderne, wird man von allen Mächten dieser Welt unterworfen werden. Ich war nun ein moderner Mensch. Ich hatte mich befreit von allen alten Äußerlichkeiten und Ansichten.
Modern sein heißt aber auch einsam sein, die Einsamkeit eines Weisen, verurteilt, sich von allen überflüssigen Fesseln zu befreien: von der Sitte, vom Blut und vom Boden, wenn nötig, sogar von den Mitmenschen.
Was brauchst du einen, der dich abholt? Tu alles Notwendige ohne Hilfe! Wer Hilfe braucht, macht sich immer von anderen abhängig. Frei sein! Ganz frei. Nur die eigenen Belange werden einen binden.
Mit freiem Herzen, freiem Körper und freier Seele saß ich nun in einer Ecke der Straßenbahn. In Surabaya gab es so ein herrliches Fahrzeug noch nicht. Es fuhr auf Schienen. Das Gebimmel seiner Messingglocke trieb einem die Müdigkeit aus. Die grüne Klasse war völlig überfüllt, während die weiße Klasse, die erste Klasse, in der ich fuhr, nahezu leer war. Ich hatte nicht viel bei mir: einen alten Koffer, verbeult an vielen Stellen, eine Tasche und das Portrait einer Frau, in einer samtenen weinroten Hülle, die zusätzlich in ein Leintuch geschlagen war.
Die Straßenbahn glitt ruhig dahin. Ich hatte noch das Schaukeln des Schiffes in mir, als ob ich auf tausend Wellen reiten würde. Es wurde gemunkelt, dass die Straßenbahn demnächst mit elektrischer Kraft betrieben werden solle. Was für ein Unsinn! Wie sollte Elektrizität eine Straßenbahn in Bewegung setzen können!
Das Hafengebiet verlassend, schien die Straßenbahn sich in einem Sumpfgebiet zu verfahren. Hier und dort waren Unterholz und Gestrüpp zu sehen. Die Luft war mit dem Geruch faulender Blätter geschwängert. Affen schaukelten an den Ästen, ohne Furcht vor dem Gebimmel der Messingglocke zu haben. Einige sprangen fröhlich herum, während andere mit Zweigen auf mich zeigten. Wahrscheinlich hatten sie sich geeinigt, meine Erscheinung genauer unter die Lupe zu nehmen. In ihrer eigenen Sprache riefen sie sich zu: Da ist er, der Minke, der sich als moderner Mensch fühlt! Ja, das ist er, allein in der Ecke sitzend. Einen Schnurrbart hat er ja schon, aber sein Kinn ist noch ganz glatt! Ja, das ist er, der Einheimische, der sich lieber europäisch kleidet und sich als Europäer aufspielt. Auch in der Straßenbahn wählt er die weiße Klasse. Die erste Klasse!
Puh!
Das musste die Villa »Goldener Stern« sein, berühmt aus den Geschichten über das Leben von Sklaven in der Zeit der V.O.C.
Vielleicht ergäbe sich eines Tages eine Gelegenheit für mich, über einen von ihnen zu schreiben. Die Villa schien das einzige Schmuckstück in diesem Sumpfgebiet zu sein. Alles andere war langweilig und schien gänzlich uninteressant. Aber es waren diese Sümpfe, die einem Drittel der holländischen Truppen am Anfang ihrer Kolonialherrschaft das Leben gekostet hatten. Die Sümpfe hielten sich lange auf der Seite der Einheimischen. Aber sie waren es auch, die sechzigtausend Einheimische getötet hatten, die beim Bau der Stadt Batavia eingesetzt worden waren. Ein großer Teil davon Kriegsgefangene. Auch der berühmte Kapitän Bontekoe, der Sand und Steine von Tanggerang nach Batavia transportieren ließ, wäre fast am Sumpffieber gestorben.
»Wie heißt denn dieses Gebiet?« fragte ich den Schaffner auf malaiisch. Er war ein Indo, ein Eurasier.
Verärgert antwortete er: »Ancol.«
»Können diese Boote bis Batavia fahren?« fragte ich ihn auf holländisch.
»Natürlich, Tuan, wenn sie den Ci Liwung hinauffahren.« Er ging weiter Fahrscheine verkaufen.
Dann fuhr die Straßenbahn in die Stadt Batavia ein. Die Straßen waren genau so schmal wie in Surabaya, auch hier waren sie mit den gleichen weiß-gelben Sandsteinen gepflastert. Alte Gebäude aus der Zeit der V.O.C., manche fast zweihundert Jahre alt, säumten die Straßen. Die Straßenbeleuchtung wurde auch hier mit Gas betrieben. Die Gerüchte, dass Batavias Straßen schon asphaltiert seien, waren offensichtlich an den Haaren herbeigezogen. Wie viele Gerüchte wurden doch in dieser Welt in Umlauf gesetzt.
Batavia-Kota! Dies war also die Hauptstadt Ostindiens, von Generalgouverneur Jan Pieterz Coen erbaut. Auf Kosten von sechzigtausend Einheimischen. Wer hatte denn die Toten gezählt? Die Stadt, die einmal von den Soldaten Sultan Agungs umzingelt und angegriffen wurde, im Jahr 1692. Meine holländischen Schulkameraden hatten mich während des Geschichtsunterrichts über Ostindien öfter verspottet: Wie viele Soldaten von Sultan Agung waren bei dem Angriff dabei? Zweihunderttausend? Und wie viele hatte die V.O.C. gehabt, um Batavia zu verteidigen? Fünfhundert! Die Holländer hatten Kanonen. Agung auch! Warum haben dann die Soldaten deines Königs doch verloren? Ja, sie hatten tatsächlich verloren. Denn offensichtlich steht bis heute alles noch unter holländischer Herrschaft. Bis heute! Auch wenn Coen selbst während der Verteidigung der Stadt, die er gebaut hatte, an einer Krankheit gestorben war und sein Heimatland nie wieder gesehen hatte.
Zweihunderttausend Soldaten, sagten meine Schulkameraden. Noch dazu mit Kanonen! Ich glaubte, dass Agung sie tatsächlich benutzt hatte. Aber zweihunderttausend! Wer konnte das Gegenteil beweisen? Auch dafür sprechende Beweise wurden nicht geliefert. So blieb alles nur eine ungewisse Tatsache, mit der man andere erzürnen konnte.
Batavia, auch Betawi genannt, war in der Tat nicht so geschäftig wie Surabaya. Aber sauberer. An vielen Stellen standen Mülltonnen aus Holz, in die die Leute ihre Abfälle werfen konnten, anders als in Surabaya. Hier gab es auch überall kleine gepflegte Gärten mit Blumen, die das Leben mit ihrer Farbenpracht fröhlicher machten. So etwas gab es in Surabaya kaum, dort sah man nur Bambushäuser, die sehr eng beieinander standen, ständig in Feuergefahr. Überall lag Müll herum.
1901.
Die Zeitung, die ich noch am Hafen gekauft hatte, berichtete über Frauen aus Priangan, die nach Singapur, Hongkong und Bangkok verkauft wurden. Einen Augenblick fielen mir die Preise der Frauen wieder ein, die Maiko vor dem Gericht genannt hatte, worüber ich in »Garten der Menschheit« schon berichtet habe. Ich befreite mich sofort wieder von dieser Erinnerung. Wozu noch über die Vergangenheit nachdenken? Sie soll mir keine Last mehr sein. Helfen kann sie mir auch nicht mehr.
Ein anderer interessanter Bericht: Die chinesisch-malaiischen
Zeitungen reagierten nach wie vor nicht auf die Forderung des
Gouvernements, die neu eingeführte malaiische Rechtschreibung von Ch. van Ophuyzen zu verwenden. »Wir benutzen kein Schulmalaiisch, sondern Hochmalaiisch«, sagten sie. »Unsere Leser haben keine Gouvernementschule besucht. Dieses Konkursrisiko wollen wir nicht eingehen.«
Es wurde ebenfalls berichtet, dass die Anordnung der Post, welche die Anwendung der neuen Rechtschreibung bei malaiischen Briefen vorschrieb, zu Beschwerden führte. Keiner kümmerte sich um die Anordnung. Daraufhin drohte die Post, Sendungen, die der Anordnung nicht folgten, nicht mehr zu befördern. Es war wie der Versuch, das Meerwasser mit bloßen Händen aufhalten zu wollen.
Erst dann fiel meine Aufmerksamkeit auf den Leitartikel mit der riesengroßen Schlagzeile: »Japan fordert die Insel Subang samt ihrer Kohlegrube.« Unglaublich! Japan machte Aufsehen erregende Sprünge. Hatte dieser Bericht wirklich Hand und Fuß? Dann ein Kommentar folgenden Tenors: Diese Witzfiguren werden langsam größenwahnsinnig. Dennoch wurde berichtet, dass die Marine es für nötig hielt, eine Notstandssitzung einzuberufen.
Die Straßenbahn fuhr friedlich weiter mit der bimmelnden Messingglocke. Batavia! Ach, Batavia! Nun bin ich bei dir. Du kennst mich noch nicht, aber ich dich! Aus dem Ci Liwung hast du einen künstlichen Kanal gemacht wie in Holland, mit hin und her fahrenden Booten und Flößen, die Baumaterialien aus dem Inland transportieren. Fast wie in Surabaya. Deine Gebäude sind wirklich groß und prunkvoll, aber meine Seele ist noch größer und prunkvoller, so dachte ich.
Früher standen entlang des Ci Liwung prachtvolle Häuser in Reih und Glied, sagte man. Nun war ein großer Teil zu Geschäften und Werkstätten umgebaut. Die meisten davon gehörten Chinesen. Inmitten all dessen gehöre ich nach wie vor der privilegierten Gruppe an: Ich trug Schuhe, während die meisten anderen barfuß gingen! Auf meinem Kopf trug ich einen Filzhut, die meisten anderen einen Caping, einen spitzen, aus Bambus geflochtenen Hut, oder ein Kopftuch. Ich war europäisch gekleidet, während die anderen meist weit geschnittene Hosen trugen, oben ohne noch dazu, oder sie trugen Pyjamas.
Es war wahrhaftig ein sehr bunter und fröhlicher Anblick. Ich war genauso fröhlich – wenn nicht gar fröhlicher. Wo seid ihr, ihr Mädchen aus Priangan, die ihr berühmt seid für eure Reize, eure Schönheit und eure samtweiche Haut? dachte ich. Ich hatte noch kein einziges gesehen. Kommt schon aus euren Häusern. Hier bin ich, rief ich innerlich. Wo sind die Nyai Dasimas, von denen Francis in seinem Buch schrieb?
Noch immer sah ich nicht, was ich suchte. Hier in der ersten Klasse saßen fast nur Indos, mit ihrer trockenen Haut und Arroganz im Übermaß. Neben mir saß eine alte Indo, die sich unentwegt am Kopf kratzte. Wahrscheinlich hatte sie vergessen, sich zu entlausen. Vor mir ein Mann im mittleren Alter, dünn, mit einem gewaltigen Schnauzer. Neben ihm ein Europäer, vertieft in seine Zeitung. Flüchtig las ich einen Bericht über einen holländischen Vortragskünstler, der in ein paar Tagen im Schauspielhaus in Pasar Baru einige holländische Gedichte und Shakespeare vortragen würde. Es wurde berichtet, dass er in den großen Städten Europas wie auch in Südafrika schon große Erfolg gefeiert hätte.
Nein! Ich werde die Zeit nicht mit Nachdenken verbringen. Ich werde mir Batavia anschauen und alles genießen. Oh, Batavia, ich kenne dich schon lange!
Delmans, Grobaks, Sados, Bendis, Landauers, Victorias, Dogcarts, die verschiedensten Pferdekutschen – Mitbringsel der Zuwanderer – fuhren überall auf den Straßen. Die Kutscher in allen möglichen und unmöglichen Gewändern. Auch Fahrräder! Sie waren schon längst alltäglich geworden! Auch ich wollte einmal ein Fahrrad besitzen. Wie viel würde es wohl kosten? Wie geschickt doch diese Radfahrer waren. Sie radelten ganz gemächlich und hatten den besten Ausblick.
Die Straßenbahn verließ nun das Stadtzentrum Batavias und fuhr in die Wald- und Sumpfgebiete Richtung Gambir. Hin und wieder hielt sie an, um Fahrgäste auszuspucken und andere zu verschlingen. Immer noch nichts Interessantes zu sehen.
»Noch nicht«, sagte der Chinese neben mir. »Gambir ist noch weit. Noch ungefähr eine Viertelstunde.«
In der grünen Klasse lärmten die Leute ununterbrochen.
»Was soll schon sein?« erklärte der geschwätzige Chinese. »Pferdewetten natürlich. Sind Sie das erste Mal in Batavia? Kein Wunder. Alle hier, Männer wie Frauen aller Nationalitäten, sind versessen auf Wetten. Hahnenkampf, Schafkampf, Würfeln, Lotteriespiel, bis hin zum Eidechsenkampf. Sobald der Gambirmarkt geöffnet hat, kommen Spieler aus allen Ecken des Landes zusammen. Ach, Sie müssen sich den Gambirmarkt unbedingt ansehen.«
»Was für Aufführungen gibt es denn in den Dörfern zu sehen?«
»In den Dörfern? Da gibt es Cokek, Doger, Lenong, Gambang kromong, allerlei Tanzvorführungen mit Gamelanmusik. In keiner anderen Stadt ist man so versessen auf Vergnügungen wie die Männer Batavias. Surakarta ist nichts dagegen. Mögen Sie Keroncong? Tuan Longsor ist der König der Keroncong. Sein Schnurrbart ist gewaltig, seine Stimme lieblich. Man sagt, er stammt von echten Portugiesen ab, er wohnt auch in der Nähe der portugiesischen Kirche.«
Mein Nachbar stieg aus. Damit war der Vortrag zu Ende und auch das Geschwätz. Ich war erstaunt, wie fließend ich schon Malaiisch sprechen konnte. Die Leute hatten mich verstanden, und ich sie auch.
Die alte Indo-Frau schaute mich interessiert an und redete mich auf malaiisch an: »Wo kommen Sie denn her?«
»Aus Surabaya.«
»Zum ersten Mal in Batavia?«
»Ja, Großmutter.«
»Schauen Sie«, sagte sie, während sie zum Fenster hinausdeutete. »Das ist der Klub ›De Harmonie‹, wo die Prominenten sich amüsieren. Es ist ein altes Gebäude. Da kommt nicht jeder rein. Man muss schon mindestens vierhundert Gulden pro Monat verdienen. Und wenn wir zweieinhalb Mal geboren würden, soviel Geld bekämen wir nie zusammen.«
Vierhundert Gulden! Mein ganzer Reichtum bestand im Augenblick nur aus einhundertundsiebzig Gulden und ein paar Sen. Und dafür hatte ich jahrelang sparen müssen. Wofür brauchte man denn vierhundert Gulden im Monat? Man könnte jeden Monat mehr als drei Fahrräder auf einmal kaufen! Vom Rest könnte man dann immer noch den ganzen Monat leben!
Große und solide Gebäude, schöne Kutschen, ein prachtvoller Anblick. Mein Einspänner von früher war dagegen nur ein Haufen Brennholz. Die Straßen hier waren so breit wie Fußballfelder. Und dann dort, die geschmeidige Brücke bei der »Harmonie«, mit Statuen geschmückt. Waren es Cupido und Venus?
»Wir sind jetzt in Weltevreden, Nyo. Gambir, wie die Leute aus Batavia sagen, die Endstation. Wo wollen Sie denn hin? Dort ist der Königplatz. Die Leute nennen ihn Gambirplatz, dort ist auch der Gambirmarkt. Diese Bahn hält nachher vor dem Bahnhof. Wenn Sie noch weiter wollen, müssen Sie umsteigen, in die Bahn in Richtung Meester Cornelis. Oder Sie nehmen einen Delman.«
Ich ließ meinen Blick über den Königplatz schweifen – der Stolz Ostindiens. Ein Quadratkilometer gut gepflegten Rasens ohne Blumen. Dort trafen und vergnügten sich die Einwohner Batavias, die Reichen wie die Armen, ob der Gambirmarkt nun geöffnet hatte oder nicht. Denn es war ein Heilmittel gegen Langeweile und wenn einem die Decke auf dem Kopf fiel.
»Weltevreden! Endstation!« rief der Schaffner erst auf holländisch und dann auf malaiisch.
Wie riesig doch der Gambir-Bahnhof war, wie ein ganzes überdachtes Dorf. Was die Eisenbahn hier wohl transportierte? Wahrscheinlich das Gleiche wie in Surabaya: Wohlstand und Glück aus den Dörfern heraus, für den Export. Und natürlich auch was für den Import: Dinge, die den Kummer um bereits verpfändeten Wohlstand und Glück vergessen machen sollten. Man muss sich stets der Voraussetzung bewusst sein, ohne die die großen Städte dieses modernen Jahrhunderts gar nicht hätten entstehen können: Sie sind auf den Überschüssen vom Handel mit Wohlstand und Glück gebaut.
Ein Delman brachte mich an mein Ziel.
Wie auch immer, ich reihte mich in die Gruppe moderner Menschen ein, der fortschrittlichsten Menschen dieses Jahrhunderts. Wolltest du dich vom Fortschritt abwenden, würdest du zertreten werden.
In der Innentasche meiner Jacke waren zwei meiner wichtigsten Papiere sorgfältig aufbewahrt: mein Schulzeugnis und das Einladungsschreiben der Ärzteschule. Sesam, öffne dich! Nicht nur Batavia, auch diese Ärzteschule musste ihre Tore für mich öffnen.
Sesam! Sesam!
*
Ich hatte die Festung Batavia gestürmt.
Der Schuldiener lud den Koffer, die Tasche und das Portrait in seiner Schutzhülle aus und legte sie ordentlich in das Büro des Direktors.
Ich überreichte ihm die Einladung.
»Guten Tag! Wir haben schon lange auf Sie gewartet. Eigentlich sollten Sie doch schon letztes Jahr kommen, nicht wahr? Auch dieses Jahr haben Sie sich verspätet. Um eine Woche. Ich hoffe, Sie sind sich darüber im klaren, dass nur Ihre guten Zeugnisnoten Ihre Verspätung entschuldbar machen.«
Ich war gekränkt und fühlte mich sofort unwohl. Es gehörte sich nicht, so mit mir zu reden. Ich hatte noch gar nicht mit dem Studium angefangen und schon wollten sie mich fertig machen.
»Sie sind Javaner, nicht?«
Schon wieder. Als er sah, dass ich nicht antwortete und ihn mit herausforderndem Blick ansah, fragte er nicht weiter. Er schob mir ein Blatt Papier zu und forderte mich auf, es zu studieren.
»Haben Sie verstanden?« fragte er. »Diese Regeln gelten von dem Augenblick an, in dem Sie hier als Student aufgenommen worden sind und den Vorhof und die Schulgebäude betreten haben. Sie sind verpflichtet, sie zu befolgen.«
Ich hielt seinem Blick stand. Er merkte wohl, dass ich mich nicht so schnell einschüchtern ließ, auch nicht von der Hausordnung. Schnell fügte er hinzu: »Ich möchte nur, dass Sie Bescheid wissen. Es liegt an Ihnen, ob Sie bei Ihrem Vorhaben, hier Student zu werden, bleiben oder nicht.«
Ich blieb schweigend auf dem Stuhl sitzen und spielte mit dem Filzhut auf meinem Schoß. Ich hatte nur ein Ziel. Ich kannte nur eine Adresse: die STOVIA, die Schule zur Ausbildung von einheimischen Ärzten. Wie erniedrigend dies alles war.
Der Mann schien am Ende seiner Geduld zu sein und wollte seine Arbeit fortsetzen: »Nebenan ist ein Zimmer. Bevor Sie den Vertrag unterzeichnen, müssen Sie die eine Anordnung sofort befolgen.«
Ordnung musste ja sein. Aber warum gleich so verletzend? Als javanischer Student musste man traditionelle javanische Kleidung tragen: ein Kopftuch, eine geschlossene Jacke, ein Batiktuch und keine Schuhe – also barfuß.
»Haben Sie javanische Kleidung dabei?« fragte er.
Ich hatte sie tatsächlich bei mir, bis auf das Kopftuch. Wie beschämend, dies zugeben zu müssen.
»Habe ich nicht«, antwortete ich.
»Haben Sie Geld?«
Die Fragen wurden immer unverschämter. Dabei verdiente er sicher nicht mehr als siebzig Gulden im Monat.
»Wenn Sie kein Geld haben, können wir Ihnen einen Vorschuss geben, damit Sie sich die notwendige Ausstattung kaufen können.«
Also gut. Ich war entschlossen, hier zu studieren, und so entschuldigte ich mich, um mir die Ausstattung zu besorgen.
»Sie können Ihre Sachen hier lassen. Wir werden auf Sie warten«, sagte er. »Etwa dreihundert Meter von hier entfernt ist ein großer Markt, Pasar Senen. Dort bekommen Sie alles, was Sie brauchen.«
Verärgert ging ich fort.
Ich fand gleich einen Laden, wo ich ein Kopftuch kaufen konnte. Der Verkäufer, ein nörgelnder Araber mit schmalen, tief liegenden Augen, trug eine dicke schwarze und schmutzige Kappe auf dem Kopf. Er verlangte anfangs einen viel zu hohen Preis. Schließlich bekam ich es für die Hälfte. Auch das war vielleicht immer noch zu teuer.
All das schien mir furchtbar ungerecht. Arzt zu werden, war nichts anderes, als eine Schraube in einer Maschine der Zuckerfabrik zu werden, wie mein neuer Freund auf dem Schiff sagte. Solch kleine Schikanen musste ich auf mich nehmen. Würde ich stark genug sein, sie zu ertragen? Es grenzte jetzt schon an ein Wunder, dass ich dies alles mitmachte.
Zurück im Büro war ich immer noch verärgert und beleidigt. Ich ging in das »besondere« Zimmer, und … Auf Wiedersehen, ihr europäischen Kleider! Erst zog ich meine Schuhe aus, dann die Hose und die Socken. Statt des Filzhutes trug ich nun ein Kopftuch. Ungewohnt, da ich es in den letzten Jahren nicht mehr getragen hatte. Die prachtvollen Füße, die bisher immer in Socken und Schuhen gesteckt hatten, sahen nun nackt auf dem kalten Fußboden wie Hühnerkrallen aus.
Wie ein begossener Vogel unterschrieb ich schließlich den Vertrag. Demnach würde ich vom Gouvernement eine monatliche Zulage von zehn Gulden bekommen, außerdem freie Kost und Logis im Internat. Dafür verpflichtete ich mich dazu, später genau so viele Jahre dem Gouvernement zu Wasser oder zu Lande zu dienen, wie das Studium gedauert hatte.
Ein einheimischer Büroangestellter brachte mich ins Internat. Neue Gerüche stiegen mir in die Nase – Alkohol und Kreosot. Nebenan war das Ambon-Krankenhaus, speziell für ambonesische Soldaten und ihre Familien.
Wir hatten gerade erst die Sachen unter meinem Bett verstaut, als die anderen Bewohner uns auch schon umstellten. Auf dem Bett gegenüber lag ein Koffer, auf dem ein Zeitungsausschnitt klebte, der mein Blut in Wallung brachte.
Bevor ich Zeit hatte, mich umzuschauen, kam ein groß gewachsener Junge auf mich zu. Er schaute sich den alten verbeulten braunen Koffer aus Blech genauer an und schrie dann auf Indo-holländisch: »Schaut mal her! Nur ein stinkender Dorfjunge mit einem noch stinkenderen Koffer wie dem hier.«
Er schien der einzige im Internat zu sein, der Schuhe anhatte. Er war weder Sundanese, Javaner, Madurese noch Balinese, auch kein Malaie. Vielleicht war er wirklich ein Indo.
Unerwartet trat er mit seinen schweren Schuhen gegen meinen Koffer. Es war, als ob er mich getreten hätte. Es war wie ein Tritt gegen meine Selbstachtung, meinen Stolz. Der Koffer war verrutscht. Der Büroangestellte versuchte, den zweiten und dritten Tritt zu verhindern. Aber die anderen kamen ebenfalls näher, um es dem Jungen nachzumachen.
Na, lässt du dir das gefallen?
»Meine Herren«, schrie ich zornig, »Nicht meinen Koffer. Hier bin ich. Los, wagt es, ob einzeln oder zusammen, ist mir gleich.«
In meinem Leben hatte ich noch nie richtig gekämpft oder eine derart brutale Behandlung erlebt. Automatisch ging ich in Kampfstellung. Ich werde sie alle zusammenschlagen, dachte ich, wenn sie es wirklich wagen sollten! Mein Oberschenkel schaute aus dem Batiktuch heraus. Mit der linken Hand fing ich an, meine Jacke aufzuknöpfen. Mit den Augen sah ich die Meute herausfordernd an.
Es beeindruckte sie überhaupt nicht. Nein. Sie lachten gar vergnügt. Sie lachten mich aus! Mich!
Der einzige europäisch gekleidete Junge versuchte gar, in aller Ruhe an meiner Nase zu ziehen, als läge ein Gurkenkern auf ihrer Spitze. So eine Unverschämtheit! Als ich ihm mit der linken Faust ins Gesicht schlagen wollte, um dann gleich mit der Rechten seine Brust zu treffen, wich er geschickt aus. Ich trat einen Schritt vor, holte mit der rechten Hand aus und … fiel zu Boden, begleitet von lauthalsem Gelächter.
Ich wollte gleich wieder aufspringen und angreifen, aber ich konnte nicht. Sie hatten sich auf mich geworfen, lagen nun wie ein Berg auf mir und hielten meine Beine fest. Mein Batiktuch hatte sich gelockert, und meine Unterhose grinste mir weiß entgegen. So schnell hatten sie mich überwältigt.
Und das war noch nicht das Ende. Im Nu hatten sie mir die Kleider vom Leib gerissen. Bis auf meinen ledernen Gürtel und mein Kopftuch. Ich fühlte mich wie ein ausgespanntes Pferd.
»Na los, du Gockel, kräh doch noch mal!« höhnte der Indo-Junge.
Unter lautem Jubel ließen sie mich los. Wie einst Adam aus dem Garten Eden vertrieben wurde, rannte ich zu meinem Bett, um meine Blöße bedecken zu können.
»Gib ihm seine Kleider nicht!« schrie einer den Büroangestellten, der mir helfen wollte, auf malaiisch an. »Er soll noch eine Weile wie ein Wasserbüffel auf der Weide herumtrampeln.«
Und wieder brachen sie in lautes Gelächter aus.
»Komm doch, du Angeber, blökʼ doch!«
»Darauf könnt ihr lange warten«, dachte ich.
Gemeinsam zogen sie mich in die Mitte des Raumes, ich fühlte mich wie ein gerupfter Hahn. So nackt vor ihnen stehen zu müssen, nahm mir all meine Kraft. Ich konnte meine Hände nur dazu benutzen, meine Scham zu bedecken.
»Ein javanischer Held, nur mit einem Gürtel und einem Kopftuch bekleidet.«
»Nein, ein Hahn, der nicht mehr krähen kann!«
»Wir lassen ihn da stehen, bis morgen, bis der Direktor zur Inspektion kommt. Einverstanden?«
»Einverstanden!« jubelten sie laut.
Der europäisch gekleidete Junge kam noch mal auf mich zu und wollte mir die Hände wegziehen. Nun wurde es mir allmählich zu bunt. Ich musste unbedingt etwas tun. Ich beugte mich zur Seite und ließ meinen Fuß nach oben schnellen. Ich traf ihn am Kiefer. Er torkelte nach hinten und spuckte Blut und zwei Zähne auf den Boden.
Der Jubel wurde noch lauter.
»Adam läuft Amok!«
Kämpfen war besser, als sich zu blamieren. Ich nahm meine Hände hoch und griff an.
»Meine Herren, nun reicht es aber«, rief der Angestellte. »Schluss jetzt. Wenn nicht, rufe ich den Herrn Direktor.«
»Hole ihn! Ja, melde ihm, was passiert ist! Dieser Kampfhahn hier ist wirklich ein bisschen wild.«
»Ja, hole ihn!«
Sie umzingelten mich.
»Na, los, greift doch an!« schrie ich.
Aber niemand berührte mich. Sie schienen nichts Böses im Sinn zu haben. Sie wollten mich nur ein wenig zum Narren halten. Sie standen nur herum und lachten. Und ich, der gerupfte Hahn, fing wieder zu krähen an: »So geht es also bei den Intellektuellen zu?« Sie schwiegen. »Habt ihr es so von euren Vorfahren gelernt?«
»Halt deinen Mund! Lass unsere Vorfahren aus dem Spiel.«
»Ihr glaubt also, ihr seid gescheiter als eure eigenen Vorfahren?«
Jemand warf mir mein Batiktuch zu. In aller Ruhe wickelte ich es mir wieder um die Hüfte, während ich weiter wachsam blieb.
»Vor den Leuten aus dem Dorf gebt ihr euch als Intellektuelle aus. Doch nicht mal die sind so primitiv wie ihr«, schimpfte ich weiter.
Ich behielt den Indo, der zwei Zähne verloren hatte, weiter im Auge, während ich zu meinem Bett ging. Niemand versuchte, mich daran zu hindern. Der Jubel war verstummt.
»Noch nicht mal der Teufel war so ein Schurke«, zeterte ich weiter, durch ihr Schweigen ermutigt. »Verschwindet jetzt«, schnauzte ich sie an.
Sie antworteten nicht und starrten mich einfach an. Sichtlich verwundert über meinen Wagemut, rührten sie sich nicht vom Fleck.
Ganz wie eine wichtige Persönlichkeit zog ich Gelassenheit heuchelnd meine Kleider wieder an. Dann ordnete ich meine Sachen unter dem Bett. Das Bild, noch immer in seiner samtenen weinroten Hülle, stellte ich über dem Kissen auf.
Der Büroangestellte war nicht mehr zu sehen. Sicherlich waren ihm solche Szenen längst vertraut. Er würde es bestimmt auch niemandem erzählen, außer vielleicht den Leuten aus seinem Dorf und vielleicht auch seiner Frau.
Auf der Matratze sitzend, blickte ich herausfordernd in die Runde. Nun lächelten sie alle freundlich und zeigten mir ihre Zähne auf die nette Art. Es würde keine Schlägerei mehr geben. Es hatte anscheinend nur eine Art Mutprobe sein sollen, die allerdings ein wenig außer Kontrolle geraten war. Sie waren grob gewesen und bereuten es nun offensichtlich.
Wagt es ja nicht noch einmal, so grob zu mir zu sein, dachte ich mir im stillen. Versucht bloß nicht, diesen vergammelten, ärmlich aussehenden Koffer zu verschandeln. Sein Inhalt ist viel wertvoller als ihr alle zusammen, ihr verfluchten künftigen Ärzte! Ihr wisst ja gar nicht, wen ihr vor euch habt. In diesem Koffer sind meine besten Gedanken aufbewahrt: Notizen, Briefe von Freunden, Liebesbriefe, Zeitungsausschnitte, meine Manuskripte – alles zusammen vielleicht mehr als zwei Kilo Papier. Habt ihr jemals so einen kostbaren Schatz besessen? Dann sind da auch noch andere wertvolle Briefe, wie ihr sie niemals bekommen werdet. Die Briefe meiner Mutter nicht mitgerechnet. Ich glaube kaum, dass ihr so eine großartige Mutter habt wie die meine. Und ich glaube auch nicht, dass ihr Erfahrungen gemacht habt, wie ich sie erlebt und in meinen Aufzeichnungen beschrieben habe. Ihr künftigen Beamten, ihr künftigen Priyayis …
Als ich merkte, dass keiner mich mehr ärgern wollte, fühlte ich mich verpflichtet, selbst auch wieder freundlicher zu ihnen zu sein: »Tut mir leid, dass ich dir zwei Zähne ausgeschlagen habe.«
Sie lachten. Ohne mich weiter um sie zu kümmern, fing ich an, meine Kleider aus dem Koffer in den Bettschrank zu legen. Sie schauten mir immer noch zu, als ob ich gleich zu zaubern anfangen würde.
»Die javanischen Kleider, die er anhat, sind seine einzigen«, sagte einer.
»Wahrscheinlich ist er ein Londo Godong, einer, der den Holländern gleichgestellt ist«, kommentierte ein anderer.
»Schaut mal, nur europäische Kleider!«
Ich tat, als ob ich nichts hörte. Als nächstes räumte ich die Bücher und die Papiere in den Schrank ein. Den leeren Koffer und die leere Tasche legte ich ganz oben auf den Bettschrank.
»Na so was!« schrie jemand schrill.
Ich drehte mich schnell um. Sie hatten das Portrait aus der Hülle geholt, und nun ging es schnell von Hand zur Hand.
»Die Blume, mit der das Jahrhundert Abschied nahm!« las jemand den Untertitel.
Als ich sah, wie sie mein geliebtes Portrait ohne meine Erlaubnis anfassten, wurde ich rasend. Ich holte den Dolch aus dem Schrank, zog ihn aus der Scheide und schrie: »Legt es sofort zurück!«
Sie sprachen immer noch aufgeregt darüber.
»Oder muss ich erst diesen Dolch nach euch werfen?«
»Kommt Leute, legt das Bild zurück auf seinen Platz«, befahl jemand.
Plötzlich war es mucksmäuschenstill. Alle starrten mich an – und den Dolch in meiner Hand.
»Ich zähle bis drei«, drohte ich. »Wenn ihr es bis dahin nicht sorgfältig zurückgelegt habt, dann fliegt dieser Dolch.«
Ein kleiner dürrer Student steckte das Bild tatsächlich wieder in die Hülle und jammerte: »Die übertreiben es wirklich, Mas. Ich halte es hier auch nicht mehr lange aus.«
In diesem Augenblick wusste ich, dass ich einen Verbündeten gefunden hatte. Ich sah ihn an, während ich den Dolch in die Scheide zurücksteckte. Er glättete die Hülle und zupfte noch ein paar Fussel weg.
»Darf ich mich vorstellen, ich heiße Partotenojo. Aber sie sagen immer Partokleooo zu mir«, sagte er in schlechtem Holländisch mit starkem javanischen Akzent.
»Mas Partotenojo, belästigen sie dich oft?«
»So oft, dass ich schon glaubte, es nicht mehr ertragen zu können!«
»Wo ist deine Schlafstelle?«
»Dort in der Ecke.«
»Gibt es Regeln, die vorschreiben, wo einer zu schlafen hat?«
»Nein.«
»Gut. Dann schlaf doch ab jetzt neben mir«, schlug ich vor.
»Aber das Bett ist doch schon besetzt.«
»Dann muss der eben woanders schlafen. Sag ihm das.«
Partotenojo oder Partokleooo ging zu demjenigen. Der kam dann zu mir und sah mich misstrauisch an.
»Du willst mir befehlen, dass ich die Schlafstelle von Partokleooo nehme?«
»Exakt!«
»Willst du hier den Anführer spielen?«
»Wenn du und die anderen es wollen, warum nicht? Hast du was dagegen, woanders zu schlafen? Ich helfe dir tragen. Belästigst du Partokleooo auch so gern? Damit ist es jetzt vorbei.«
Die anderen kamen zurück und umstanden uns. Der Junge beschwerte sich bei seinen Freunden über mich. Mein Befehl löste eine Diskussion aus. Der Indo mit den europäischen Kleidern war nicht mehr zu sehen. Er war wohl mit seinen Zähnen beschäftigt.
»Schau mal, ich habe dich gebeten umzuziehen, nicht weil ich hier den Anführer spielen möchte. Es sei denn, ihr zwingt mich dazu oder wollt es ausdrücklich. Ich kann es nur nicht leiden, wenn sich jemand auf Kosten anderer amüsiert.«
Sie berieten sich, danach halfen alle den beiden beim Umzug. Die Glocke, die das Mittagessen ankündigte, läutete. Die anderen rannten um die Wette. Nur ich und Partokleooo blieben zurück.
»Du hattest recht, Mas. Sie sind nur Intellektuelle in den Augen der Leute ihres Dorfes. Eine Gruppe von Halunken!« fluchte er. Er sprach mit starkem javanischen Akzent. Sein Holländisch war sehr schlecht, mit falschen und übertriebenen Betonungen.
»Du bist kein Absolvent der …«, sagte ich.
»Der Lehrerschule, Mas.« Er sah mich erwartungsvoll an, als ob er sehr auf meinen Schutz hoffte.
»Komm, lass uns essen«, sagte er. Als er sah, dass ich keine Anstalten machte, zu gehen, fragte er: »Woher hast du denn das Portrait?«
»Ich habe jemanden damit beauftragt.«
»Das Bild ist sehr schön. Hast du sie mal gesehen?«
»Ja.«
»Kennst du sie gut?«
»Sehr gut.«
Ich ahnte nicht weshalb, aber er war sichtlich gerührt. Seine Augen schienen in die Ferne zu blicken. Seine Lippen bewegten sich fast unsichtbar, danach kamen seine Worte, langsam und zögernd: »Ich habe damals die Berichte über diese Frau gelesen. Zwar nicht ausführlich, aber es reichte, um mich wütend zu machen.«
»Ja.«
»Du hast mir noch nicht gesagt, wie du heißt.«
»Ich heiße Minke. Aber lass uns jetzt essen.«
Er sah mich immer noch fragend an. Als ich dann ging, folgte er mir. »Was das Portrait angeht, davon braucht keiner zu wissen.«
»Wie geht es ihr jetzt?«
»Sie ist gestorben, Parto.«
»Inna lillahi wa inna ilaihi rojiún«, rief er. Dann schwieg er.
Der Speisesaal war bereits voll mit Studenten aller Jahrgänge. Alle trugen ihre Stammeskleidung. Nur die Menadonesen und die Indos trugen europäische Kleidung. Die Sundanesen und Javaner unterscheiden sich nur an den Kopftüchern. Es war nur ein Malaie da. Er trug eine fezähnliche Samtkappe und einen halb langen Sarong. Die Mehrzahl aber trug Kopftücher.
Das Ereignis im Schlafsaal schien sich schon wie ein Lauffeuer verbreitet zu haben. Als ich hereinkam, starrten alle mich an. Hier und da flüsterten sie miteinander. Ich achtete nicht darauf und nahm mit Partokleooo zusammen Platz. Wir hatten uns gerade hingesetzt, als ein Diener kam und laut auf malaiisch fragte: »Ist hier ein Herr Minke?«
Partotenojo winkte, und der Mann kam zu uns. Zu Partotenojo sagte er sehr höflich: »Jemand hat nachgefragt, ob heute ein Student mit dem Schiff aus Surabaya gekommen sei.« Er reichte ihm ein bleistiftbeschriebenes Stück Papier. Ich schnappte es mir, sodass Parto es nicht lesen konnte.
»Ja, das bin ich«, sagte ich. »Wer ist der Gast?«
Der Diener und Partotenojo schauten mich an. Dann antwortete der Diener, immer noch höflich: »Es ist ein Holländer. Er unterhält sich gerade mit dem Herrn Direktor.«
»Gut, ich komme gleich nach dem Essen.«
Während des Essens sah mich Partotenojo unentwegt an. Er mochte wohl mehr über die Frau auf dem Portrait erfahren. Aber ich tat so, als würde ich es nicht bemerken.
Ich aß nur wenig. Die Auseinandersetzung hatte mir den Appetit verdorben. Bald verließ ich den Speisesaal und ging direkt zum Empfangsraum. Der Gast war niemand anderes als Ter Haar, jener Mann, den ich vor etwa einem Jahr auf dem Schiff kennen gelernt hatte. Journalist der Zeitung »De Locomotief« aus Semarang.
»Ich freue mich, Sie wieder zu sehen, Tuan.« Er reichte mir lächelnd die Hand und erzählte, dass er erst gestern von Semarang mit dem Zug gekommen sei. Er hatte meinen Brief bekommen. Heute Morgen war er zum Hafen gekommen, um mich abzuholen, aber ich war bereits mit der Bahn nach Weltevreden unterwegs gewesen.
Auf seine gewohnt joviale Art erzählte er dies und jenes, bis der Direktor wiederkam und sich uns anschloss. Er stellte sich mir vor, als wenn ich nicht wüsste, dass er mein Direktor war und fragte: »Wie viele Pseudonyme benutzen Sie denn?«
Ich lachte.
»Ich bin stolz darauf, einen Studenten zu haben, der schreibt. Aber Ihre Aufgabe hier ist zu lernen. Sind Sie sicher, dass ihr Studium nicht beeinträchtigt wird, wenn Sie der Drang zu schreiben wieder überkommt?«
»Gerade weil er schreibt und so viel erlebt hat«, nahm mich mein Freund in Schutz, »wird er, glaube ich, ein sehr guter Student werden.«
»Das ist schon möglich, aber eine Ärzteschule ist eben anders, Tuan … wie soll ich Sie denn nennen?«
»Einfach Minke, Tuan.«
»Also, Tuan Minke, wie intelligent und wie reich an Erfahrung ein Student auch sein mag, er kann sein Studium hier nicht nur so nebenbei machen. Er braucht jede Sekunde dafür. Sie wissen, die kleinste Nachlässigkeit von uns kann töten. Sie sind bereits zu spät gekommen und haben noch einiges nachzuholen.«
»Herr Direktor«, unterbrach mein Freund. »Da er nun eh schon zu spät ist, kommt es auf ein, zwei Tage doch auch nicht mehr an? Ich bin hergekommen, um Sie zu fragen, ob ich ihn heute noch mitnehmen darf. Herr Minke darf sich diese große Gelegenheit nicht entgehen lassen. Was meinen Sie, Herr Direktor?«
»Was für eine Gelegenheit?«
»Nun, es ist derselbe Grund, der auch mich extra aus Semarang hierher geführt hat, Herr Direktor. Nämlich, den verehrten Herrn Ing. H. van Kollewijn, Mitglied der Zweiten Kammer, zu sehen.«
»Einer meiner Studenten soll ein Mitglied der Zweiten Kammer kennen lernen?«
»Heute Nachmittag wird der Gott der Liberalen, der radikale Gott der Liberalen, ein Treffen mit einigen geladenen Gästen veranstalten, im Klub ›De Harmonie‹«, fuhr mein Freund fort. »Er darf sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.«
»Na, war meine Befürchtung nicht berechtigt? Sie haben noch gar nicht mit dem Studium begonnen, schon kommen die privaten Verpflichtungen. Was wird später sein?«
»So eine Gelegenheit ergibt sich nicht einmal alle fünf Jahre, Herr Direktor, lernen kann man jeden Tag.«
»Gut, nur dieses eine Mal«, antwortete er nachgebend. »Aber sind Sie denn nicht müde von der Reise?«
»Müdigkeit kann man mit acht Stunden Schlaf wieder wettmachen, meinen Sie nicht auch?« fragte mich mein Freund.
Ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mir über die heutigen Erfahrungen und Eindrücke überhaupt Gedanken zu machen, geschweige denn, sie zu verarbeiten. Nicht einmal die Mittagsruhe wurde mir gegönnt. Die Jungs im Internat waren damit beschäftigt zu enträtseln, wer die Frau auf dem Portrait in der Hülle wohl war. Der Junge, an dessen Koffer ein aus einer Zeitung ausgeschnittenes Foto einer Frau klebte, versuchte Partotenojo auszufragen. Vielleicht hatte der meine Geschichte schon längst weitergegeben.
Sie hingen um mich herum und suchten nach einer Gelegenheit, mich auszufragen. Auch der Indo, der offiziell Wilam und inoffiziell William Merrywheater hieß, war wieder dabei. Sein Vater war ein englischer Großgrundbesitzer gewesen. Er war außerhalb Buitenzorgs von der Pitung-Bande ermordet worden. Seine Mutter, ein hübsches Mädchen aus Cicurug – vielleicht noch mit Nyai Dasima verwandt – wurde von der Bande entführt und konnte erst befreit werden, als die Kompeni die Bande zerschlagen hatte. Sie hatte ihren kleinen Sohn bei sich.
Ich beantwortete keine ihrer Fragen. Ich lachte nur. Aber eins wurde mir dabei klar: Die einheimischen Intellektuellen fingen an, Gefallen an europäischen Schönheiten zu finden.
Nun erfuhr ich auch, warum sie mich so hart rangenommen hatten. Sie wollten sich an mir rächen, dafür, dass der Lehrerausschuss den Beschluss gefasst hatte, mich von den beiden Vorbereitungsjahren freizustellen.
*
Um Viertel vor Fünf am Nachmittag holte mein Freund mich dann ab. Die Jungs vom Internat begleiteten mich bis in den Vorhof. Das unangenehme Ereignis von heute Morgen war bereits vergessen.
Die ganze Fahrt mit dem Delman wurde untermalt von einer einzigen Lobrede über van Kollewijn. Er schien ein großartiger Mensch zu sein, der Ostindien sehr gute Dienste erwiesen hatte. Es war ihm anscheinend gelungen, neue Lebensmöglichkeiten für die Einheimischen zu schaffen. Ja, auch wenn die Zuckerindustrie letztendlich am meisten von seinen Verdiensten profitiert hatte.
Ich wusste nicht viel von diesem Gott, nur seinen großen Namen hatte ich gelegentlich gehört. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ein einziger Mann so viel verändern konnte! War er wirklich so brillant, besaß er wirklich solche Fähigkeiten? Wenn nicht, wie kam es, dass sie ihn so vergötterten? Wie den König der Könige, der über Leben und Tod bestimmen konnte. Dabei war er doch nur Mitglied der Zweiten Kammer. Seine einzige Aufgabe war zu reden. Sicherlich, er war sehr gewandt darin, trotzdem war es mir nicht gelungen, mir ein Bild von ihm zu machen. Ich musste ihn erst einmal selbst sehen, selbst seine Worte hören.
Das Klubhaus »De Harmonie« war sehr beeindruckend. Groß, prächtig, pompös. Der Boden bestand aus riesigen schwarzen Steinplatten, in denen das Licht der kristallenen Kronleuchter, die an der Decke hingen, reflektiert wurde. Drinnen war es frisch und luftig. Die riesigen Holzmöbel waren mit prächtigen Schnitzereien verziert. Jede Garnitur stand für eine bestimmte Epoche. In einem der Räume standen drei Billardtische, bewacht von den Billardstöcken, die wie Speere einsatzbereit in ihren Halterungen standen. Dort hing auch ein Bild der Königin, auf dem sie alleine zu sehen war, gekleidet in ein langes Kleid und einen weißen, schwarz gefleckten Pelz, in einem geschnitzten goldenen Rahmen. Das Bild war größer als ich.
Dies Mädchen, das ich einst angebetet hatte, würde in Kürze in den Stand der Ehe mit Prinz Hendrik treten. Am 7. Februar 1901 nach holländischer Zeit oder dem 6. Februar nach ostindischer Zeit, an einem Freitag Kliwon. Im Klubhaus waren hierfür noch keine erkennbaren Vorbereitungen getroffen worden. Aber es würde sicherlich wieder ein großes Fest geben, so wie bei ihrer Krönung am 6. September 1898.
»Sie schauen sich das Bild der Königin gern an, aber Ihre Gedanken sind woanders«, ermahnte mich mein Freund. »Es besteht wahrhaftig eine gewisse Ähnlichkeit. Aber denken Sie nicht mehr so viel an sie. Ihre Zukunft liegt noch vor Ihnen.«
Dann änderte er blitzschnell das Gesprächsthema: »In diesem Klubhaus«, belehrte er mich, »wurde erstmals das Feuer der liberalen Bewegung entfacht. Der Pfarrer Baron van Hoëvell hatte das Wort geführt. Er hatte die Einführung von Mittelschulen in Ostindien gefordert. Vor einem halben Jahrhundert schon! So lang ist das nun her. Der Generalgouverneur persönlich hat dann seine Verhaftung befohlen. Der Klub wurde von Soldaten umzingelt, mit Kanonen und allem – und das, nur weil einer die Mittelschule forderte. Van Hoëvell wurde verhaftet und in dem Palast eingesperrt, an dem Sie vorhin vorbeigefahren sind. Dann wurde er schnellstmöglich auf ein Schiff nach Holland verfrachtet und durfte nie wieder seine Füße auf ostindischen Boden setzen. Haben Sie seinen Namen jemals gehört?«
Ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht hatte ich mal von ihm gehört, es aber wieder vergessen. Also schüttelte ich den Kopf.
»Nichtsdestotrotz haben Sie es ihm zu verdanken, dass Sie die Mittelschule besuchen konnten. Und in zehn Jahren wird die Mittelschule nichts Besonderes mehr sein. In diesem modernen Zeitalter läuft alles viel schneller. Sie erinnern sich? Weil das Kapital gewonnen hat, weil der Wohlstand der Holländer ständig wuchs. Und das, was dieser Pfarrer Baron van Hoëvell getan hat, war nur der Anfang, der Ostindien zu dem veränderte, was es jetzt ist. Den Liberalen ist es gelungen, große Macht zu erlangen, vor allem nach dem Aufkommen ihres radikalen Flügels unter der Leitung unseres heutigen Gastes. Seinen Einfluss spürt man überall. Seine Stimme hallt voller Autorität, in Holland, in Ostindien und vielleicht sogar in Suriname.«
Meinem Freund war meine Unwissenheit nicht entgangen. Geduldig wiederholte er das wenige, was ich über Multatuli und Roorda van Eysinga wusste. Als er wieder bei van Hoëvell war und über dessen feurige Reden vor der Zweiten Kammer sprach und mit dem Aufstreben von van Deventer fortfuhr, war er Feuer und Flamme, als ob diese neue Gruppe der Liberalen letztendlich Ostindien in einer Nacht in ein Paradies verwandeln würde, wie einst Bandung Bondowoso die Tempelanlage Prambanan in einer Nacht gebaut haben soll. Sie riefen zum Widerstand gegen staatliche Plantagen auf. Forderten die Abschaffung der Zwangsarbeit! Skandierten: »Private Plantagen müssen her! Freie Wahl der Arbeit! Persönliche Entwicklung durch selbstbestimmte Arbeit! Freier Wettbewerb!« Des weiteren klagten sie Wiedergutmachung an den Einheimischen in Form von menschenwürdiger Politik ein; was hieß, ihnen das Recht auf Freizügigkeit, Ausbildung und bessere Bewässerungssysteme einzuräumen!
»Ja, junger Mann«, sagte Ter Haar mit leiser und nachdrücklicher Stimme, »nur durch die freie Wahl der Arbeit kann den Einheimischen die menschliche Würde zurückgegeben werden. Selbstbestimmte Arbeit wird ihnen die längst vergessenen Kenntnisse und das Wissen zurückgeben, die durch von Ahnungslosen verfasste Befehle und Verordnungen verdrängt wurden: Errungenschaften, die jahrhundertelang vergessen waren, wie das Tragen von Verantwortung. Freie Wahl der Arbeit wird sie vom Aberglauben und von der Angst vor Geistern, der Polizei und den Kompeni-Soldaten befreien. Und dann wird der wahre Pribumi zum Vorschein kommen.«
Und welchen Teil sollen die Einheimischen dabei übernehmen, wollte ich fragen, aber ich ließ es sein. Schließlich wäre ich derjenige gewesen, der diese Frage beantworten müsste, und nicht er. Das einzige, was ich über die Lippen brachte, war: »Raden Saleh Sjarif Boestaman …«
»Sie meinen den berühmten Maler?«
»Er hat bereits bewiesen, wozu Einheimische fähig sind.«
»Das ist richtig. Nur leider verbrachte er seine Zeit in Europa. Er ging in den Salons der Eliten in Frankreich, Holland, Deutschland und Belgien ein und aus, um selbst berühmt zu werden. Für sein eigenes Volk aber hat er nichts getan, was dessen Lage hätte verbessern können. Man sagt, als er nach Ostindien zurückkam, war er kein Einheimischer mehr, und ein Lehrer für sein Volk war er auch nicht geworden. Er hatte sich zu sehr verändert.«
Darin hatte er leider recht.
Er redete und redete. Ich verstand immer weniger und musste mich immer häufiger am Nacken kratzen. Es schien kein Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen zu existieren. Seine Worte klangen wie die Beschwörungsformel eines Zauberers. Er sprach über die Debatten in der Zweiten Kammer und über die Probleme Ostindiens.
Als er merkte, dass mein Nicken immer tiefer und unsicherer wurde, beeilte er sich zu sagen: »Ach, vielleicht verstehen Sie dies alles noch nicht so gut. Ich werde Ihnen mal ein Buch über die Probleme Ostindiens zuschicken. Gedruckt in Holland. Geschrieben von einem echten Liberalen. Sie können es dann in aller Ruhe studieren.«
Die Pendeluhr im Klub schlug einmal. Halb sechs. Ing. H. van Kollewijn war immer noch nicht zu sehen. Hin und wieder drang das Gebimmel des Delman und der Straßenbahn hinein in dieses große Gebäude.
»Er wird bestimmt gleich hier sein. Er scheint sich zu verspäten. Kurzum, die Liberalen sind die Kinder unseres Zeitalters. Die besten Kinder des Zeitalters, in dem das Kapital triumphiert – ein Zeitalter, in dem alles schon von und durch das Kapital bestimmt wird, in dem alle Leute alles besitzen können, wenn sie nur das Kapital dafür haben, nicht nur die Könige. Und um an das Kapital zu kommen, gibt es nur eine Möglichkeit, Tuan, selbstbestimmte und harte Arbeit.«
Das konnte ich verstehen. Und trotzdem hatte ich genug von diesen Belehrungen am falschen Ort und zur falschen Zeit.
Einige Europäer hatten sich bereits ordnungsgemäß am großen Tisch versammelt, ohne dass wir ihre Ankunft bemerkt hatten.
Kutschen hielten vor der Veranda des Klubhauses. Zwei Europäer öffneten die Tür der ersten Kutsche. Ein Mann stieg aus – das musste General van Heutsz sein. Er trug eine Militäruniform ohne irgendwelche Rangabzeichen, Orden oder Waffen, auch sein Adjutant fehlte. Er ging nicht sofort hinein, sondern drehte sich um, um einem anderen Europäer beim Aussteigen zu helfen, einem sehr korpulenten Mann, der sicherlich mehr als hundertzwanzig Kilo wog. Sollte das nun der Gott der Liberalen sein, Ing. H. van Kollewijn? Der wie Bathara Narada, der Götterbote aus den Wayanggeschichten, aussah? Der durch Wohlstand dick geworden war?
Mein Freund, der Journalist von »De Locomotief«, ließ mich stehen und rannte hinaus, um bei dem Empfang dabei zu sein. Ach, was solls, dachte ich, sie kennen mich ja doch nicht. Ter Haar sprach ehrerbietig mit dem dicken fetten Mann und begleitete schließlich beide in das Klubhaus hinein, zusammen mit den anderen Neuankömmlingen.
Ich bekam Herzklopfen, als General van Heutsz mich mit fragendem Blick musterte, während er an mir vorbeiging. Er schien mir den Befehl geben zu wollen, ihn ebenfalls zu ehren, worauf er meinte, ein Recht zu haben. Und ich verbeugte mich.
»Ist hier auch ein Einheimischer anwesend?« fragte er Ter Haar, während er mich weiter ansah.
Ter Haar führte beide zu mir und sagte: »Entschuldigung, Herr General, Herr van Kollewijn, dies ist der junge Pribumi, der einiges auf holländisch geschrieben hat.«
»Ach!« rief der General. »Das ist er, Henk«, sagte er zu van Kollewijn. »Er bekommt langsam einen Bart. Es war ein Vergnügen, Ihre Artikel zu lesen«, erklärte er, während er mir die Hand reichte.
Die Geschichten über den Aceh-Krieg, die mir mein Freund Jean Marais früher erzählt hatte, fielen mir ein. Ich zitterte ein wenig, als ich seine Hand in meiner fühlte. Dies war also die Hand, die tausende von Acehkämpfern getötet hatte, in ihrem eigenen Land, in dem sie geboren worden waren. Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich in diesem Augenblick fühlte. Sein Bart, die Metallknöpfe an seiner Uniform … alles wies mich darauf hin, ihn als einen Mörder zu erkennen, der rundum geehrt wurde.
Sein Händedruck war sehr stark und schmerzhaft. Er schüttelte mir einige Male die Hand, und als er sie losließ, fiel sie hilflos herunter. Unbewusst streifte ich sie an meiner Hose ab.
Ter Haar schaute weg, als er dies bemerkte. Van Kollewijn reichte mir schnell die Hand und betatschte meine Rechte, die er lange umklammert hielt, mit seiner wabbeligen linken Hand.
»Was haben Sie denn schon alles geschrieben?« fragte er schmeichelnd.
»Kurzgeschichten!« antwortete General van Heutsz. »Im heutigen europäischen Stil, Henk. Ich habe nicht gedacht, dass er noch so jung ist.«
»Kurzgeschichten? Du meinst sicherlich nicht im europäischen Stil, sondern im amerikanischen«, versuchte van Kollewijn zu korrigieren. »Was meinen Sie, Tuan?«
»Ich glaube, dass es mein eigener Stil ist, meine Herren«, antwortete ich.
Beide lachten fröhlich. Ich wusste nicht, warum.
»Er hat recht, meine Herren«, fügte Ter Haar hinzu, »er hat wirklich seinen eigenen Stil.«
»Wirklich sehr lobenswert«, meinte van Kollewijn, während er mich kopfschüttelnd ansah. Dann ließ er meine Hand los und klopfte mir auf die Schulter. »Kommen Sie, mein Herr.«
»Bitte nennen Sie mich Minke.«
»Sie sind Javaner?«
»Ja, mein Herr.«
»In welcher Regentschaft ist Ihr Vater?«
»B.«
»In der Nähe von Jepara, nicht wahr. Dort wohnt ein außergewöhnliches Mädchen. Kennen Sie sie?«
»Nur dem Namen nach, ja.«
Ter Haar, ich und die anderen begleiteten die beiden zu ihren Plätzen. Die Gäste, die schon am Tisch Platz genommen hatten, erhoben sich nun, um ihnen die Ehre zu erweisen.
Der Tisch war groß und oval, mit einem Leinentuch überzogen, grün wie im Gerichtsaal oder ein Billardtisch. Darauf lagen glitzernde silberne Aschenbecher. Sobald alle Platz genommen hatten, fühlte ich, wie sie mich von allen Seiten mit stechenden und viel sagenden Blicken anstarrten. Ich tat so, als würde ich es nicht bemerken.
Der Vorsitzende stellte uns erst General van Heutsz und dann van Kollewijn vor. Danach stellte er alle geladenen Gäste vor. Unter den Journalisten war eine Frau, Marie van Zeggelen.
»Ich habe schon lange nichts mehr von Ihnen gelesen, Fräulein van Zeggelen. Werden Sie noch viele Geschichten über die Heldentaten der Einheimischen schreiben?«
»Ich denke schon, Herr General.«
Keiner hielt es für nötig, mich vorzustellen. Der General und das Mitglied der Zweiten Kammer schauten mich an, danach sagte der erstere, während er mir ein Zeichen gab: »Darf ich nun den Anwesenden noch schnell einen jungen Schriftsteller vorstellen: Minke.«
Die Leute, die mir gegenüber saßen, schauten mich erstaunt an.
»Oder genauer gesagt: ein Autor von Kurzgeschichten«, korrigierte van Kollewijn auf seine Art, auf holländische Art.
Unter den Blicken all dieser wichtigen Leuten fühlte ich mich wie ein Affe im falschen Käfig. War es meine Hautfarbe, mein Alter oder meine bloße Anwesenheit? Wo war ich hier nur gelandet?
Der Vorsitzende, ein älterer Mann, der mir direkt gegenübersaß, nickte mit dem Kopf und sagte langsam: »So, meine Herren, lassen Sie uns nun mit der Tagesordnung beginnen.« Und er begann seine Rede.
Ing. H. van Kollewijn sei nach Java gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, welche Fortschritte Ostindien dank der Kampagne der Freien Demokratischen Partei innerhalb und außerhalb des Parlaments gemacht hatte.
Danach folgte eine Diskussion, deren Zusammenhänge ich nicht verstand. Ich fühlte mich wirklich fehl am Platz. Das Gerede nahm und nahm kein Ende. Zweimal schon waren Getränke serviert worden. Abwechselnd waren die Leute zur Toilette gegangen, aber die Diskussion ging weiter. Der Kanonenschuss um acht Uhr war bereits verstummt und die Trompete der Kaserne längst verklungen. Natürlich war ich der einzige, der keine Frage gestellt hatte. Ich schaute nur herum, um zu sehen, wer gerade sprach.
»Sie werden sicherlich noch andere Programmpunkte haben?« fragte der Vorsitzende.
»In der Tat. Ich bin lange nicht in meinem geliebten Ostindien gewesen«, sagte van Kollewijn. »Es wäre ein Fehler, nur wegen der Parteiangelegenheiten zurückzukommen.«
»Was sind Ihre Pläne, Exzellenz?«
»Unter anderem werde ich einige viel versprechende einheimische Intellektuelle treffen. Es ist wichtig zu wissen, wie sie den Beginn dieses neuen Jahrhunderts sehen und ob sie sich anpassen können oder nicht? Ob sie dieses neue Zeitalter begrüßen oder ablehnen?«
»Was für ein Zusammenhang besteht denn zwischen den einheimischen Intellektuellen und der Kampagne der Freien Demokratischen Partei, Exzellenz?« fragte einer.
»Die Bindung zwischen Holland und Ostindien wird von Tag zu Tag enger. Die Erfordernisse der Moderne werden diese beiden Länder immer näher zueinander bringen. Die Arbeitsbedingungen werden sichtlich besser. Auch in Ostindien. Wir wurden aufgefordert, auch die einheimischen Intellektuellen auf dieses neue Zeitalter vorzubereiten. Sonst hätte es keinen Sinn, die neuen Maschinen und Fabriken, egal wie hervorragend sie auch sein mögen, hierher zu bringen, wenn die Einheimischen nicht damit umgehen können.«
»Es reicht aber doch, wenn die Maschinen von den Europäern bedient werden?«
»Das war früher so. Jetzt entspricht das nicht mehr den Erfordernissen unseres Zeitalters. Sehen sie, meine Herren, bis jetzt sind die Maschinisten der Eisenbahn immer noch Europäer, es ist kein einziger Einheimischer unter ihnen. Sogar die Dampfwalzen werden immer noch nicht von Einheimischen gefahren, sondern von Indos. Aber die Ankunft der Eisenbahn in Ostindien hat nicht nur neue Anforderungen gebracht, sondern auch neue Gesetze, die sowohl von den Einheimischen als auch von den Europäern befolgt werden müssen. Warum sollen die Einheimischen immer nur die Last tragen, während die Erfordernisse und Gesetze von beiden getragen werden müssen?«
Je länger die Diskussion andauerte, desto verworrener wurde es für mich. Das Gefühl, nichts zu wissen, wurde immer stärker. Trotzdem tat ich mein Bestes, um allem folgen zu können. Van Kollewijn, der berühmt war für seine feurigen Reden. Es musste der Mühe wert sein, seinen Worten zu lauschen.
Er wiederholte, was ich bereits in einem anonymen Pamphlet gelesen hatte, und zwar, dass die ersten Jahrzehnte des Zwangsanbaus Holland geholfen hatten, von seinen Schulden freizukommen, die der lang anhaltende Krieg in Europa verursacht hatte. Mit dem Gewinn aus dem Zwangsanbau wurden der Aufbau finanziert und auch Investitionen getätigt. Ostindien hatte dies alles nicht nur mit Geld, sondern auch mit dem Leben von tausenden von Bauern bezahlt, die bei dem Zwangsanbau gestorben sind. Andernfalls wäre Holland wahrscheinlich bereits von der Erdoberfläche weggefegt worden.
»Wir stehen in Ostindiens Schuld, sehr großer Schuld, als Europäer, als Christen. Wir werden etwas Gutes für die Einheimischen tun müssen, um uns von unserer Schuld zu befreien. Wir dürfen nicht nur Regelungen treffen, die zu ihren Gunsten sind, sondern müssen sie auch mit Kenntnissen ausrüsten, damit sie dieser neuen Zeit begegnen können. Und die beste Brücke dafür sind die einheimischen Intellektuellen.«
»Exzellenz, mit welchen Intellektuellen werden Sie Kontakt aufnehmen?«
»Ich habe soeben die Bekanntschaft von Herrn Minke gemacht«, er nickte zu mir. »Ein junger Mann, der Kurzgeschichten schreibt, nicht in europäischem oder amerikanischem, sondern bereits im eigenen Stil, wie Herr Ter Haar sagt. Wirklich sehr lobenswert. Meine Herren, ich bin froh, diese Frage zu hören. Jetzt möchte ich Sie alle fragen: Sind die einheimischen Intellektuellen, die modernen Einheimischen, schon in der Lage, eine eigene Persönlichkeit zu bilden? Das ist vielleicht eine Frage, die bisher nie Beachtung gefunden hat. Das Entstehen einer Persönlichkeit ist auch ein Zeichen der Übereinstimmung zwischen dem Menschen und seinem Zeitgeist.«
»Was erwarten Sie von Herrn Minke?« fragte Marie van Zeggelen. »Die Wissenschaft, meine Herren, wie hoch sie auch ist, hat keinen eigenen Charakter. Selbst die hervorragendste Maschine, gemacht von hervorragenden Menschen, hat keinen eigenen Charakter. Aber eine Geschichte, wie einfach sie auch geschrieben sein mag, steht für die Persönlichkeit eines Individuums, vielleicht sogar für die eines Volkes. Ist es nicht so, Herr General?«
General van Heutsz nickte schweigend.
»Sie selbst sind doch auch Schriftstellerin?« fragte Van Kollewijn zurück.
»Haben Sie schon mal etwas von Herrn Minke gelesen?«
»Nein, leider noch nicht. Aber der Herr General, und ich glaube, die meisten von uns hier haben schon etwas von ihm gelesen. Nicht wahr, Herr Ter Haar?«
»Sehr talentiert, sehr eigenständig. Wenn man den Autor nicht persönlich kennt, würde man sie für europäische oder amerikanische Geschichten halten, die ins Holländische übersetzt wurden, aber mit einem ostindischen touch.«
»Schon wieder ein Lob«, fuhr van Kollewijn fort.
»Welche einheimischen Intellektuellen werden Sie außerdem noch treffen?«
»Den Fußspuren des Direktors für Ausbildung und Kultur, Herrn van Aberon, folgend, möchte ich natürlich auch das Mädchen aus Jepara treffen.«
»Wie van Aberon werden Exzellenz, Mitglied der Zweiten Kammer, auch nach Jepara reisen?«
»So ist das viel interessanter. Ich werde sie nicht nur kennen lernen, sondern auch die Gelegenheit haben, zu sehen, wie sie lebt.«
»Sehr außergewöhnlich«, rief van Zeggelen. »Darf ich fragen, was Sie an dem Mädchen aus Jepara so interessant finden?«
»Sie hat nicht nur geschrieben und einfach irgendetwas erzählt, sondern sie hat ihr Leben einem Ziel gewidmet. Sie schreibt, nicht um selbst berühmt zu werden. Als eine geistige Tochter Multatulis hat sie auf ihre eigene Art und Weise für den Sieg der Menschlichkeit und gegen das Elend der Menschheit gekämpft.«
General van Heutsz hüstelte.
»Jede Unwissenheit hemmt den Wohlstand, sowohl in Europa, Amerika als auch in Ostindien, überall«, fuhr van Kollewijn fort. »Die Menschheit braucht den Wohlstand, um sich selbst als Mensch zu verwirklichen, in Übereinstimmung mit seiner Fügung«, er schaute verstohlen zu van Heutsz. »Darum sind die einheimischen Intellektuellen so wichtig.«
»Exzellenz, Sie verherrlichen die freie Arbeit. Was denken Sie über Frondienste? Muss man die auch abschaffen?«
