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Das mitreißende Porträt einer selbstbewussten jungen Forscherin vor der atmosphärisch ausgeleuchteten Kulisse der Wilhelminischen Ära.
"Spannend bis zur letzten Seite. Wann kommt der Film?"
Hape Kerkeling
Frankfurt, 1907. Als die junge Sophie von Mayden den großen Lichthof des neuen Senckenberg-Museums betritt, ist sie wie gebannt vom Anblick eines riesigen Dinosauriers. Sie spürt: Eines Tages will sie diese faszinierenden Urzeitwesen selbst erforschen. Doch als Frau ist ihr der Weg zum Paläontologie-Studium versperrt. Außerdem erwarten ihre Eltern baldmöglichst eine standesgemäße Heirat. Sophie aber hat andere Pläne. Ihre Beharrlichkeit verhilft ihr zu einer Anstellung im Museum. Dort verliebt sie sich in den Doktoranden Paul Klüver, der aus einfachen Verhältnissen stammt und in Sophie nur eine verwöhnte Bürgertochter sieht. Eine spektakuläre Expedition führt beide nach Afrika, wo Sophie ihm und sich selbst beweisen will: Für ihren großen Traum ist sie bereit, alles aufs Spiel zu setzen ...
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Seitenzahl: 845
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Inhalt
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Frankfurt, Dezember 1907
Frankfurt, Mai 1908
Frankfurt, Juli 1908
Frankfurt, August 1908
Frankfurt, September 1908
Frankfurt, Oktober 1908
Frankfurt, November 1908
Frankfurt, Dezember 1908
Marburg, Mai 1909
Frankfurt, Juni 1909
Frankfurt und Taunus, Juni 1909
Frankfurt, Juli 1909
Marburg, August 1909
Frankfurt, August 1909
Frankfurt, September 1909
Deutsch-Ostafrika, November 1909
Tendaguru, November 1909
Frankfurt, Dezember 1909
Nachwort
Historische Ereignisse in den Jahren 1907 bis 1909
Historische Personen im Roman
Nachbemerkung zu den historischen Personen aus Afrika
Recherchen zu »Spuren einer fernen Zeit«
Literaturverzeichnis
Über das Buch
Frankfurt, 1907. Als die junge Sophie von Mayden den großen Lichthof des neuen Senckenberg-Museums betritt, ist sie wie gebannt vom Anblick eines riesigen Dinosauriers. Sie spürt: Eines Tages will sie diese faszinierenden Urzeitwesen selbst erforschen. Doch als Frau ist ihr der Weg zum Paläontologie-Studium versperrt. Außerdem erwarten ihre Eltern baldmöglichst eine standesgemäße Heirat. Sophie aber hat andere Pläne. Ihre Beharrlichkeit verhilft ihr zu einer Anstellung im Museum. Dort verliebt sie sich in den Doktoranden Paul Klüver, der aus einfachen Verhältnissen stammt und in Sophie nur eine verwöhnte Bürgertochter sieht. Eine spektakuläre Expedition führt beide nach Afrika, wo Sophie ihm und sich selbst beweisen will: Für ihren großen Traum ist sie bereit, alles aufs Spiel zu setzen …
Über die Autorin
Birgit Borchert ist der Geburtsname von bibo Loebnau. Die gebürtige Bremerin ist gelernte Journalistin, verheiratet und lebt abwechselnd in Berlin und einem kleinen Haus am See in der Mark Brandenburg. Dort, mit Blick in die Natur, entstehen die meisten ihrer Bücher. Vor ihrer schriftstellerischen Karriere arbeitete sie als Journalistin für verschiedene Zeitungen und betreute als PR-Redakteurin die TV-Shows von Hape Kerkeling, Anke Engelke, Kai Pflaume, Christoph Maria Herbst, Harald Schmidt, Thomas Gottschalk u.v.a. Seit 2009 veröffentlichte sie außerdem diverse Romane und Sachbücher bei u.a. Eichborn, Heyne und arsEdition. Birgit Borchert engagiert sich seit 2014 bei der Autorenvereinigung DELIA.
Birgit Borchert
Spuren einer fernen Zeit
Die Senckenberg-Saga
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Diese Arbeit wurde gefördert im Rahmen des Stipendienprogramms der VG Wort in NEUSTARTKULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Originalausgabe
Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln Textredaktion: Dr. Arno Hoven, Düsseldorf Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de Covermotiv: © Florilegius / Bridgeman Images; © Richard Jenkins Photography E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7517-4222-1
Sie finden uns im Internet unter luebbe.de Bitte beachten Sie auch: lesejury.de
»Ruhe, Kinder! Benehmt euch anständig! Dies ist ein Tempel der Wissenschaft und kein Tollhaus!«, erhob sich die entrüstete Stimme des Museumsaufsehers über das aufgeregte Geschnatter der mehr als hundert jungen Mädchen, die ihn umgaben. In seinem Bemühen, in dem sonst so ehrfürchtig stillen Gebäude an der Viktoria-Allee für Ordnung zu sorgen, hatte er seine Hände mahnend emporgereckt und seine buschigen Augenbrauen zu einem Ausdruck grimmiger Empörung zusammengezogen. Sein uniformierter Anzug aus dunkelblauem Tuch – mit polierten Messingknöpfen und einem goldenen Monogramm am eingefassten Kragen – wies ihn zwar als Respektsperson aus. Doch angesichts der fünf Schulklassen, die heute zur Sonderführung durch das neue Senckenberg-Museum angemeldet waren, konnte er sich trotz seiner lauten Stimme kaum Gehör verschaffen.
Die Mädchen der Elisabethenschule entledigten sich an der Garderobe ihrer warmen Wintermäntel, Mützen und Schals und drängten sich aus der Eingangshalle durch die drei erhabenen, mit roséfarbenem Sandstein ausgekleideten Bogengänge zu der breiten Freitreppe, die hinunter in den Lichthof führte. Sie hatten keinen Blick übrig für das über dem mittleren Bogen angebrachte Kupfer-Medaillon, das Johann Christian Senckenberg zeigte, den Stifter und Namensgeber des Museums.
Vielmehr wurden sie von etwas anderem geradezu magnetisch angezogen – einer riesigen Schreckensechse, die sich nun direkt vor ihnen erhob. Bei diesem Anblick lösten sich die Reste der ordentlichen Zweierreihen, in denen die Schülerinnen der Höheren Mädchenschule das Naturkundemuseum betreten hatten, vollends auf. Ihre Lehrerinnen bemühten sich zwar, wieder Ordnung in die Klassenverbände zu bringen, doch angesichts dieses aufregenden Exponats waren solche Versuche zwecklos. Es wurde lebhaft durcheinandergeschwatzt und von hinten geschoben, während die aufgekratzten Schülerinnen die Treppe zum Ausstellungssaal hinunterstrebten.
Durch die Decke aus pastellfarbenen Milchglasscheiben, die hoch oben über dem gewaltigen Raum zu schweben schien, drang die Wintersonne und beschien das gigantische, vom Schädel bis zur Schwanzspitze fast zwanzig Meter messende Skelett eines Dinosauriers. Sein im Vergleich zur Körpergröße winziger Kopf am Ende eines extrem langen, schlangenartigen Halses reckte sich den Besuchern entgegen.
Während sich ihre sonst so gesitteten Klassenkameradinnen des Lehrerinnenseminars gemeinsam mit den Jüngeren ungestüm ins Abenteuer stürzten, verharrte die neunzehnjährige Sophie von Mayden wie gebannt oben auf dem Treppenabsatz. Staunend blickte sie auf dieses imposante exotische Relikt, das einer fantastischen Zauberwelt zu entstammen schien. Sie nahm ihre Mitschülerinnen, die sich an ihr vorbeischoben, nicht mehr wahr. Gedankenverloren zupfte sie die gesmokten Bündchen an den Ärmeln ihrer hellblauen Seidenbluse zurecht. Mechanisch fuhren ihre Finger über die kleine goldene Gürtelschnalle und strichen imaginäre Falten aus dem festen Stoff ihres wadenlangen grauen Glockenrocks. Mit einer Geste, die typisch für sie war, prüfte sie vorsichtig den Sitz ihres aufgesteckten dunkelbraunen Haars, das in einem langen, dicken Zopf mündete. Ihre Finger wickelten sich um ihn, und schließlich warf sie ihn mit Schwung über die linke Schulter nach hinten. All das geschah unbewusst, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf das gerichtet, was nur wenige Meter vor ihr zu sehen war. Von dem Anblick völlig gefesselt, stand sie mit leicht geöffneten Lippen da und starrte dem riesenhaften Dinosaurier direkt in seine leeren Augenhöhlen. Diesem Tier, das mit seinen Artgenossen vor Urzeiten die Erde bevölkert hatte, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen war gleichzeitig unwirklich und überwältigend.
»Diplodocus longus«, murmelte Sophie ergriffen. So lautete der lateinische Name dieses Giganten, wie sie von ihrem Vater gelernt hatte. Als Geologe und langjähriges Mitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, die das Museum erbaut und eingerichtet hatte, kannte Professor Robert von Mayden sich bestens mit den Ausstellungsstücken aus – und ganz besonders mit diesem spektakulären Neuzugang. Seine aufgeweckte, zweitälteste Tochter Sophie hatte an seinen Lippen gehangen, als er davon erzählt hatte, dass es sich bei diesem Skelett einer Donnerechse um das erste Exemplar eines amerikanischen Riesensauriers handelte, das auf dem europäischen Kontinent in voller Pracht zu bestaunen war. Der Saurier war ein Geschenk des Naturhistorischen Museums in New York zur feierlichen Eröffnung des Senckenberg-Museums am 13. Oktober gewesen, und die Frankfurter Bürger waren mächtig stolz auf das Exponat aus der Neuen Welt. Sicher verpackt in vierundzwanzig Kisten, waren die versteinerten Knochen per Schiff angereist. Seit ihrer Ankunft im Sommer hatten Paläontologen das gigantische Puzzle zusammengesetzt und hier im Lichthof aufrechtstehend an ein Rahmenmodell montiert.
Sophie hatte dem Moment entgegengefiebert, das Skelett eines der größten Lebewesen, die je die Erde bewohnt hatten, endlich mit eigenen Augen zu bewundern. Immer wieder hatte sie ihren Vater bekniet, vorab einen Blick darauf werfen zu dürfen, doch leider war der Zutritt nur den Museumsmitarbeitern gestattet gewesen. Und nach der Eröffnung vor knapp zwei Monaten hatte er keine Zeit gefunden, seinen Töchtern, mit denen er seit ihrer Kindheit oftmals in das Vorgängermuseum am Eschenheimer Turm gegangen war, die neuen Ausstellungsräume zu zeigen. Denn gemeinsam mit anderen engagierten Mitgliedern der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft hatte er dabei geholfen, die zahllosen Schauschränke und Objekte, die aus den zu klein gewordenen Räumlichkeiten herübergeschafft worden waren, aufzustellen und neu zu arrangieren. Sophie hatte sich daher gedulden müssen, bis sie den imposanten Neubau und sein faszinierendes Innenleben selbst inspizieren durfte.
Jetzt, kurz vor den Weihnachtsferien, war es endlich so weit. Professor von Mayden hatte sich dafür eingesetzt, dass die Klassen der Höheren Mädchenschule, in der seine beiden jüngeren Töchter Charlotte und Sophie unterrichtet wurden, eine besondere Führung durchs neue Senckenberg-Museum bekommen sollten. Für das pädagogische Projekt hatte er Dr. Fritz Drevermann gewinnen können: Obwohl der Assistent von Museumsdirektor Römer erst zweiunddreißig Jahre alt war, galt er bereits als anerkannter Geologe und Paläontologe. Überdies war der engagierte junge Wissenschaftler von der Idee beseelt, das bahnbrechende neue Wissen über die Urzeit, an der er selbst mit großem Enthusiasmus forschte, an die nächste Generation weiterzugeben.
Als Sophie den Blick über ihre dicht zusammengedrängten Mitschülerinnen schweifen ließ, entdeckte sie Drevermann neben einem der mächtigen Beine der Urzeitechse. Sie war ihm erst kürzlich begegnet – anlässlich seines Besuchs zum Nachmittagstee im Hause ihrer Eltern – und hatte interessiert dem angeregten Fachgespräch zwischen ihm und ihrem Vater gelauscht. Die lateinischen Namen der Dinosaurier, mit denen die beiden Wissenschaftler förmlich um sich geworfen hatten, klangen exotisch, und vor allem Drevermanns Erzählungen über die Ausgrabungen uralter Skelette, die kürzlich in Amerika entdeckt worden waren, hatten sie fasziniert. Unwillkürlich hatte sie sich ausgemalt, wie sie eines Tages an der Seite dieses beeindruckenden Mannes ebenfalls derart spektakuläre Entdeckungen machen würde. In ihren Augen war Fritz Drevermann ein echter Abenteurer, was sich auch an seinem Äußeren zeigte – mit seiner kräftigen Nase und dem markanten Schnurrbart, diesen sanften, dunklen Augen, seiner dynamischen Art und der aufrechten Haltung.
Doch angesichts der aufgeregten Mädchenschar, die sich in den Lichthof ergoss, war von dieser Ausstrahlung momentan nicht mehr viel zu erkennen. Sophie merkte Drevermann an, dass er zweifelte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, zu der ihn Robert von Mayden überredet hatte. Von dem oberen Treppenabsatz aus konnte Sophie beobachten, wie der junge Doktor nervös an seinem steifen, blendend weißen Kragen herumnestelte und den Knoten des blassblauen Langbinders zurechtzog, der nicht wirklich zu seinem wollenen dunkelbraunen Anzug mit Weste passte. Etwas verloren verharrte der gestandene Wissenschaftler zu Füßen des Diplodocus-Skeletts. Als Nächstes reckte er den Hals und hielt mit leicht verzweifeltem Gesichtsausdruck augenscheinlich Ausschau nach einer Lehrkraft, die Ordnung in das Chaos bringen könnte. Angesichts des Durcheinanders strich er sich ratlos über das blonde, pomadisierte Haar und rieb anschließend über seine glänzende, offenbar verschwitzte Stirn.
Vielleicht aber war diese Feuchtigkeit auch eine Folge des Schneefalls draußen – Überreste der weißen Flocken, die auf seinem Kopf liegen geblieben waren und nun schmolzen. Eine Vorstellung, die Sophie amüsant fand, sodass sie spontan kicherte. Ausgerechnet in diesem Moment blickte Drevermann suchend nach oben. Als sein Blick sie streifte, hielt sie ertappt den Atem an. Erriet er, woran sie gerade gedacht hatte?
»Was machst du noch hier?«, schreckte die Stimme ihrer Schwester Charlotte sie auf, die sie unsanft am Arm stupste. »Da sprichst du wochenlang von nichts anderem als diesem Museum und dem Dinosaurier, und jetzt stehst du hier dumm herum. Nun komm, ich will das Ungeheuer von Nahem sehen!«
Die vier Jahre jüngere Charlotte grinste keck, sodass sich ihre sommersprossige Stupsnase kräuselte. Ihre kastanienroten Haare waren zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten, die ihr um die Schultern baumelten. Wie so oft musste Sophie angesichts des vorwitzigen Naturells ihrer Schwester lächeln. Während sie selbst eher als ruhig und besonnen galt, stürmte Charlotte bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorneweg, ohne je zu zaudern oder lange nachzudenken.
»Ich weiß nicht, von wem sie das nur hat«, seufzte ihre Mutter beinahe täglich und meinte damit sowohl das stürmische Temperament ihrer jüngsten Tochter als auch deren widerspenstiges rötliches Haar, das kein anderer in der Familie hatte.
»Ich komme ja schon«, antwortete Sophie lächelnd und ließ sich an der Hand von Charlotte die Treppenstufen hinabziehen. Sie blieb dicht hinter ihrer kleinen Schwester, die sich energisch durch die Mädchenschar schob, bis sie nur wenige Meter vom Saurier entfernt waren. Zum Glück hatten es in der Zwischenzeit zwei Lehrerinnen geschafft, für Ruhe zu sorgen, sodass Doktor Drevermann endlich mit seinen Ausführungen beginnen konnte.
Fasziniert besah sich Sophie das Skelett aus der Nähe und musste dabei den Kopf in den Nacken legen. Vor allem beeindruckte sie die außergewöhnliche Körperform des Dinosauriers: Er hatte im Verhältnis zur enormen Distanz zwischen Schädel und Schwanzspitze einen relativ kurzen Rumpf, der aus einzelnen Rippen und zahllosen anderen Knochen bestand, und massive, geradezu säulenartige Beine. Was für ein gewaltiges Dröhnen hatte dieses Tier wohl verursacht, als es durch seine urzeitliche Welt gestampft war, überlegte Sophie beeindruckt.
Doktor Drevermann hatte die Stimme erhoben, damit auch die jungen Damen weiter hinten ihn gut verstehen konnten, und erklärte nun: »Dieser Diplodocus longus war ein Pflanzenfresser, der in der erdgeschichtlichen Epoche des Oberen Jura auf dem amerikanischen Kontinent – in Central Wyoming, wo das Skelett ausgegraben wurde – gelebt hat. Und das vor unvorstellbar langer Zeit!« Ein ungläubiges Raunen ging durch den Saal. »Der Sauropode hat vermutlich im Wasser, in flachen Seen oder Sümpfen gelebt …«, fuhr Drevermann fort und legte etwas Dramatik in seine Stimme hinein, als er ergänzte: »… um sich vor den Raubsauriern zu schützen, die ihm nach dem Leben trachteten.«
Mit Grausen musste Sophie sofort an die Zeichnung eines Tyrannosaurus Rex denken, die ihr Vater ihr in einem Buch von Henry Fairfield Osborn gezeigt hatte – insbesondere an die detaillierten Darstellungen der mächtigen Kiefer dieses Giganten mit seinen vielen spitzen Zähnen. Die Vorstellung, einem dieser gefräßigen Monster leibhaftig zu begegnen, hatte sie gegruselt. Doch angesichts dieses harmlosen, riesigen Pflanzenfressers, dessen Art zudem schon vor Ewigkeiten ausgestorben war, verfestigte sich in ihr der drängende Wunsch, mehr über das Leben vor undenklichen Zeiten zu erfahren. Und der Enthusiasmus von Doktor Drevermann für die Dinosaurierforschung, die wissenschaftlich Paläontologie hieß, weckte die Sehnsucht in Sophie, selbst nach den Überresten urzeitlicher Tiere zu suchen. Seine mitreißenden Worte, mit denen er diesen versteinerten Knochen gewissermaßen Leben einhauchte, riefen bei ihr ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch hervor. Sie stellte sich wieder vor, wie es wohl wäre, solche Skelette zu entdecken, sie auszugraben, zu berühren – und die Knochen zum Sprechen zu bringen.
So ein Dinosaurierfund war schon etwas anderes als die Suche nach Steinen und Mineralien, die ihr Vater mit großer Freude betrieb. Solange sie denken konnte, hatte er von seinen Funden bei geologischen Grabungen in Steinbrüchen nahe Marburg und in der Eifel geschwärmt. Und in den Ferien hatten ihn seine Töchter, ausgerüstet mit Hämmerchen und kleinen Meißeln, bei der Suche nach versteinerten Pflanzen- und Muschelresten, die seit Urzeiten im Gestein eingeschlossen waren, hin und wieder begleitet. Dabei hatte Sophie gelernt, dass die Gesteinsbrocken die Geheimnisse, die sie in ihrem Inneren verbargen, nur dem geschulten Forscherauge preisgaben. Diese oftmals mühselige Tätigkeit war Sophie zwar interessant, aber wenig aufregend erschienen. Wie viel abenteuerlicher musste da doch die Ausgrabung eines riesigen Dinosauriers sein, noch dazu in Amerika, Asien oder Afrika, dachte sie fasziniert.
»Interessiert mein Vortrag Sie nicht, junges Fräulein?«, erklang die Stimme von Drevermann plötzlich streng.
Ein leichter Knuff ihrer Schwester machte Sophie bewusst, dass sie gemeint war. Tief in ihre eigenen Gedanken versunken, hatte sie, scheinbar desinteressiert, auf den Boden vor sich gestarrt, anstatt Drevermann anzuschauen und ihm so zu signalisieren, dass sie seinen Ausführungen aufmerksam folgte. Sie schämte sich, hob hastig den Blick und spürte, dass sie rot anlief. Wie peinlich.
»Doch … natürlich … Verzeihung, Doktor Drevermann«, stammelte sie beschämt.
Zum Glück entspannten sich seine Gesichtszüge ein wenig, als er sie wiedererkannte. »Ach, das junge Fräulein von Mayden, richtig? Vermutlich hat Ihr Herr Papa Ihnen schon alles über den Diplodocus erzählt?« Er strich sich mit Daumen und Zeigefinger über seinen gepflegten blonden Schnurrbart und blickte sie fragend an.
Sophie wäre am liebsten im Boden versunken, als sie bemerkte, dass sich sämtliche Blicke auf sie gerichtet hatten. »Nein«, antwortete sie leise. »Bitte fahren Sie fort! Es ist wirklich außerordentlich interessant.«
Drevermann räusperte sich. »Nun denn … Da wir nun auch die Aufmerksamkeit von Fräulein von Mayden haben …« Er machte eine kleine Pause und nickte Sophie zu, was ihr erneut die Röte ins Gesicht trieb. Dann setzte er an, seinen Zuhörerinnen den Dinosaurier in allen Einzelheiten zu beschreiben: »Dieses achtzehn Meter lange, restaurierte Originalskelett gehört zur Gruppe der Saurischia, also der Pflanzenfresser. Mit einem kleinen Kopf und enorm langem Hals und Schwanz. Dabei hat er einen kurzen Rumpf, vier gleich lange Extremitäten, schlanke, rechenartig gestellte Stiftzähne, die sich nur vorne im Kiefer befinden, und Wirbel mit Hohlräumen. Er besitzt fünfzehige Füße, deren innere Zehen mit Krallen ausgestattet sind.« Mit einem Zeigestock wies er auf die jeweiligen Objekte, die er beschrieb. »Ein Teil dieses Skeletts wurde im Erdreich so sehr gequetscht, dass es nicht hätte aufgestellt werden können. Deshalb besteht dieser Diplodocus aus den Fossilien mehrerer anderer Exemplare derselben Gattung, die man an derselben Ausgrabungsstelle gefunden hat.« Er machte zwei, drei Schritte nach hinten und klopfte mit dem Bambusstock mehrmals auf einen der hohlen Wirbel des langen Dinosaurierschwanzes. Das unheimliche, dumpfe Trommelgeräusch ließ Sophie erschaudern. »Im Gegensatz zu diesem Knochen«, fuhr Drevermann fort, »wurden andere fehlende Stücke von unseren Präparatoren in mühevoller und bewundernswerter Kleinarbeit nachgebildet und eingefügt. Es sind nur wenige der fast fünfzig Caudalwirbel, die den Schwanz dieses Skeletts bilden.« Er ließ seinen Blick über die Schülerinnen schweifen und fügte hinzu: »In vielen anderen Museen werden nur Kopien von Dinosauriern ausgestellt. Dies hier ist jedoch ein echtes Diplodocus-Skelett – das einzige außerhalb von Amerika!« Sophie bemerkte einen gewissen Besitzerstolz in seiner Stimme. Drevermann reckte den Kopf und wippte auf seinen Ledersohlen leicht vor und zurück, was ein quietschendes Geräusch verursachte. Dann fragte er unvermittelt: »Nun, meine Damen, woran erkennt man wohl, ob es sich bei einem Ausstellungsobjekt um einen kompletten Nachbau oder ein Original handelt?«
In der gespannten Stille des riesigen Saals hörte man nur das nervöse Scharren von Füßen und leises Wispern, da keins der Mädchen die Antwort kannte.
Während Sophie noch angestrengt nachdachte, ob ihr Vater ihr etwas dazu erklärt hatte, platzte Charlotte neben ihr heraus: »An der Schrifttafel darunter?«
Ihre freche Bemerkung sorgte für Gekicher.
Doch Doktor Drevermann verzog keine Miene, als er erwiderte: »Sehr richtig, junges Fräulein, das ist eine Möglichkeit. Deshalb hat jedes Schaustück in diesem Museum ein Etikett, eine kleine Karte oder Tafel mit den notwendigen Erklärungen für die interessierten Besucher. Wenn Sie jedoch selbst feststellen wollen, ob es sich bei einem Objekt, wie diesem Saurier, um ein Original oder eine Nachbildung handelt, dann können Sie dies daran erkennen, wie die einzelnen, losen Knochen oder deren Fragmente zusammengesetzt wurden. Bei Nachbildungen bohren die Präparatoren Löcher in die Gipsmodelle und benutzen eingesetzte Stifte, um zum Beispiel solche Schwanzwirbel unsichtbar miteinander zu verbinden.« Er deutete mit seinem Stock auf den langen Schwanz des Sauriers. »Wie sie jedoch hier erkennen, haben die Wirbel keine verbindenden Stifte, sondern wurden einzeln, in ihrem natürlichen Abstand, in diesem Gerüst befestigt, um den Schwanz zu stabilisieren. Und sehen Sie bitte genau hin! Ein weiteres Merkmal für echte Knochen ist die Beschaffenheit ihrer Oberfläche. Die der Originale ist rauer, da sie ja eine unvorstellbar lange Zeit den Sedimenten ausgesetzt waren, in denen sie ruhten. Sie sind nicht so glatt und makellos wie handgefertigte Kopien.«
Sophie schwirrte der Kopf von den unzähligen Informationen, die auf sie einprasselten. Gleichzeitig war sie begeistert von Drevermanns mitreißendem Vortrag. Ihre Bewunderung für das fertige Dinosaurierskelett, das so imposant vor ihr aufragte, wuchs immer mehr; außerdem vermochte sie nun zu erahnen, wie viel Leidenschaft und wissenschaftliche Forschungsarbeit nötig waren, bis so ein kolossales Relikt aus lange vergangenen Zeiten seine Geheimnisse preisgab. Die schier monumentale Aufgabe, die studierte Paläontologen und Präparatoren zu bewältigen hatten, bis das Urtier eine halbe Ewigkeit nach seinem Tod hier im Senckenberg-Museum bestaunt werden konnte, imponierte ihr sehr.
Schließlich beendete der junge Wissenschaftler seine Ausführungen, und den jungen Mädchen wurde Zeit eingeräumt, das Gesagte auf sich wirken zu lassen und dabei das Exponat genauer zu betrachten. Unwillkürlich gab sich Sophie abermals ihrer Wunschvorstellung hin, eines Tages selbst in exotischen Ländern nach Dinosaurierskeletten zu graben und als große Entdeckerin gefeiert zu werden.
Um sich diesen Traum zu erfüllen, würde sie studieren müssen. Zwar gab es bisher keine Gymnasien, auf denen auch Mädchen ihre Hochschulreife erwerben konnten, aber zum Glück hatte ihr Vater dafür gesorgt, dass seine Töchter die Elisabethenschule besuchten. Dort erhielten sie eine für Schülerinnen sehr umfangreiche Bildung – mit Unterricht in Mathematik, Naturkunde und Fremdsprachen. Seine Zweitälteste hatte darüber hinaus die Möglichkeit genutzt, nach den üblichen zehn Schuljahren in derselben Lehranstalt das Städtische Lehrerinnenseminar zu besuchen, und würde im Frühjahr ihr Abschlussexamen als Lehrkraft ablegen können.
Sophie wollte danach jedoch nicht als Lehrerin an einer Höheren Mädchenschule unterrichten, sondern hoffte, dass dieser Abschluss als Hochschulreife anerkannt werden würde und sie anschließend ein Studium beginnen könnte. Seit ihr zu Ohren gekommen war, dass es in der Reichshauptstadt Pläne gab, in Preußen und Hessen ab 1908 auch Frauen zum Studium zuzulassen, hatte sie ihren Blick fest auf dieses Ziel gerichtet.
Ihre Mutter hielt das allerdings für Unsinn. Anna von Mayden wünschte sich für ihre beiden jüngeren Mädchen eine ebenso standesgemäße Ehe, wie sie ihre älteste Tochter Marianne im letzten Jahr mit dem Kommerzienrat Merzenich eingegangen war. Dann wären sie abgesichert und würden gemäß ihrer natürlichen Bestimmung als Frau an der Seite eines wohlhabenden Mannes Erfüllung finden. Sie zeigte bisher keinerlei Verständnis dafür, dass ihre Zweitälteste die Nase lieber in Bücher steckte, anstatt sich in hübschen Ballkleidern auf gesellschaftlichen Festlichkeiten den potenziellen Heiratskandidaten von ihrer besten Seite zu zeigen – anständig, gesittet und fügsam.
Aber Sophie hatte andere Pläne für ihr Leben. Sie setzte alle ihre Hoffnungen in ihren Vater. Der hatte sie schließlich von klein auf darin bestärkt, sich so viel Wissen wie nur möglich anzueignen. Doch sobald sie das heikle Thema Studium ansprach, wurde sie auch von ihm nur mit einem nachsichtigen Lächeln bedacht. Sie sollte abwarten, was die Zukunft für sie bereithielte, meinten Mutter und Vater einmütig, konnten ihre Tochter damit jedoch nicht von ihrem brennenden Wunsch abbringen.
Tief in Sophies Innerem kämpften Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit mit dem Respekt vor den Entscheidungen ihrer Eltern. Sie war kein Mädchen, das offen gegen Regeln und Respektspersonen aufbegehrte – ganz im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester, die zugleich ihre engste Freundin war. Mit Charlotte konnte sie vertrauensvoll über ihre heimlichen, rebellischen Gedanken sprechen.
Die Fünfzehnjährige hatte selbst recht eigenwillige Vorstellungen von ihrer Zukunft und träumte davon, nach ihrem Schulabschluss Künstlerin zu werden. Bei jeder Gelegenheit pfiff sie auf die gesellschaftliche Etikette. Als Nesthäkchen nahm man ihr das ungebührliche Verhalten nicht übel, sondern belächelte es als die Albernheiten eines Kindes. Charlotte war das egal, solange sie ihre kleinen Freiheiten genießen konnte.
Beide Mädchen waren froh, dass inzwischen die Vormundschaft über unverheiratete Frauen in Deutschland abgeschafft worden war. Wenn sie sich nachts im gemeinsamen Schlafzimmer flüsternd darüber unterhielten, was sie sich alles für ihre Zukunft erträumten, konnten sie es gar nicht erwarten, endlich einundzwanzig und damit volljährig zu werden. Bis dahin standen sie ärgerlicherweise weiterhin unter elterlicher Aufsicht, und wenn es nach ihrer Mutter ging, würde möglichst bald ein passender Ehemann diese Aufgabe übernehmen.
Doch Sophie fühlte sich nicht dazu geschaffen, sich ihr Leben von einem Gatten und der Gesellschaft aufzwingen zu lassen. Ihr grauste vor der Langeweile zwischen Haushalt, Dienstboten, eleganten Empfängen, Stickrahmen und Kindererziehung.
Welche anderen, abenteuerlichen Möglichkeiten das Leben für sie bereithielt, wurde ihr hier und heute im Museum abermals deutlich vor Augen geführt. Die Dinosaurier, die Erforschung ihrer Existenz auf der Erde vor ewig langen Zeiten – das war es, was Sophie sich von ihrer Zukunft erträumte. Sie musste sich nur anstrengen, dann würde es schon irgendwann gelingen, ihren sehnlichsten Wunsch zu verwirklichen.
Die Welt war so groß, und es gab so viel Neues und Aufregendes darin zu entdecken, dachte sie voller Vorfreude und legte ein weiteres Mal den Kopf in den Nacken. Im Angesicht dieses riesigen Diplodocus longus schwor sie sich, dass sie alles daransetzen würde, die Welt außerhalb der Konventionen für ein anständiges Bürgertöchterchen zu erobern – egal, wie mühsam der Weg auch sein mochte. Sie würde es schaffen!
»Pass doch auf, Mädchen!« Mit einer unwirschen Geste scheuchte Anna von Mayden das Dienstmädchen Fritzi beiseite und stach die lange Hutnadel selbst in ihr Haar. Dann prüfte sie den Sitz des ausladenden Kopfputzes mit der breiten Krempe, dessen dramatisch wirkender, smaragdgrüner Stoffwirbel mit einem Band aus heller Spitze und zarten Federn verziert war. Sie besah sich kritisch von allen Seiten in dem dreiteiligen Spiegel ihrer Frisierkommode aus glänzendem Mahagoni.
Anschließend musterte sie ihre beiden so unterschiedlichen älteren Töchter, die sich ebenfalls in ihrem Ankleidezimmer aufhielten. Sophie hockte mit krummem Rücken auf einem Pouf-Hocker in der Ecke und schien, vertieft in eines ihrer wissenschaftlichen Bücher, die Welt um sich herum mal wieder völlig vergessen zu haben. Anna von Mayden war ein solches Verhalten höchst suspekt, und es besorgte sie, dass ihre Mittlere sich ständig mit solchem Unsinn beschäftigte. Deshalb brachte sie bei jeder passenden Gelegenheit zum Ausdruck, wie sehr sie hoffte, dass Sophie sich endlich an ihrer älteren Schwester Marianne ein Beispiel nehmen würde. Diese saß auf der mit mauvefarbenem Samt bezogenen Chaiselongue und blätterte in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Die Mode.
»Hast du schon ein hübsches Reisekostüm für eure Fahrt nach Bad Gastein entdeckt, mein Schatz? Dann können wir das nachher gleich bei der Schneiderin in Auftrag geben«, schlug Anna von Mayden betont fröhlich vor.
Marianne blickte überrascht auf und schob mit den Fingern eine vorwitzige Locke zurück in ihr dunkles, glänzendes Haar, das in weichen Wellen kunstvoll aufgesteckt war. Offensichtlich war sie mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen.
»Nein, ich habe mich noch nicht entschieden«, erwiderte sie seufzend, »aber es sind ja zum Glück auch noch fast drei Wochen bis dahin.«
»Du klingst, als hättest du überhaupt keine Lust, ins Salzburger Land zu reisen. Dabei muss es dort im Frühjahr bezaubernd sein. Und dann noch ins Grand Hotel de l’Europe!«, hob Anna von Mayden hervor, deren Stimme vor lauter Begeisterung bebte. »Statt dankbar zu sein, dass du deinen Mann zur Eröffnung des größten und modernsten Hotels der österreich-ungarischen Monarchie begleiten darfst, machst du ein Gesicht, als wenn er dich in die afrikanischen Kolonien verschleppen wollte. Dabei darfst du in einem nagelneuen Luxushotel mit zehn Stockwerken mitten in einem mondänen Kurort wohnen! Das ist doch fantastisch!« Als Marianne nur mit einem müden Lächeln reagierte, fuhr sie fort: »Was würde ich darum geben, wenn dein Vater mir so etwas böte! Aber mein lieber Herr Gemahl behauptet, dass er auch in diesem Sommer viel zu beschäftigt in Frankfurt sei, um zu verreisen. Wahrscheinlich will er nur wieder in irgendwelchen Steinbrüchen herumwühlen.« Sie seufzte theatralisch auf. »Was für ein Glück du dagegen mit deinem Kommerzienrat hast, der dir solchen Luxus bietet. Sechs Wochen Bad Gastein!« Sie trat auf Marianne zu, die nun mit einem mürrischen Gesichtsausdruck zu ihr aufschaute und das Modemagazin achtlos zu Boden gleiten ließ. »Was ist nur mit dir, Kind?«, fragte Anna von Mayden verständnislos und blickte ihre Tochter streng an.
»Ach, wenn du wüsstest …«, murmelte Marianne und gab einen lauten Seufzer von sich.
»Was soll das heißen?«
»Sechs Wochen mit einem Mann, der eine Radon-Kur im heißen Thermalwasser braucht, um wenigstens ein paar seiner Zipperlein zu lindern. Ansonsten werden wir sicher die meiste Zeit einfach nur im Hotel herumsitzen – so wie wir es sonst zu Hause tun«, beschwerte sich Marianne.
Sophie sah überrascht von ihrem Buch auf, als sie das Lamentieren ihrer Schwester hörte. Denn bislang war sie die Einzige in der Familie gewesen, die Marianne ins Vertrauen gezogen hatte: Sobald sie mit der älteren Schwester allein war, begann diese zu klagen, wie unglücklich sie in ihrer jungen Ehe war. Heute schien Marianne erstmals auch ihrer Mutter gegenüber andeuten zu wollen, wie sehr sie sich in der Wahl ihres Ehemannes getäuscht hatte. Dabei hatte alles genauso märchenhaft begonnen, wie die drei Schwestern es sich als kleine Mädchen ausgemalt hatten.
Das charmante Werben ihres eleganten, zwar deutlich älteren, dafür aber umso weltgewandteren Bräutigams hatte Marianne beeindruckt, als sie ihm scheinbar zufällig auf mehreren Bällen begegnet war. Sie hatte an Schicksal – gar an ein Zeichen des Himmels – geglaubt und erst später herausgefunden, dass ihre Mutter hinter den Kulissen dem Zufall auf die Sprünge geholfen hatte. Der früh verwitwete Kommerzienrat galt in ihren Kreisen als blendende Partie, und Anna von Mayden sorgte dafür, dass ihre hübsche Tochter ihm ins Auge fiel. Einige Einladungen in die opulente Stadtvilla der Familie von Mayden taten ein Übriges, und schließlich hielt Franz-Josef Merzenich um Mariannes Hand an. Nach der prächtigen Hochzeit, von der noch heute das halbe Westend schwärmte, war die junge Braut zu ihm in seine hochherrschaftliche Villa mit großzügigem Park in der Nähe des Palmengartens gezogen.
Doch nach der anfänglichen Begeisterung für die schönen Kleider und den kostbaren Schmuck, mit denen ihr Ehemann sie überhäuft hatte, langweilte Marianne sich mit ihm inzwischen zu Tode. Schon nach wenigen Monaten der liebevollen Zweisamkeit hatte Franz-Josef seinen gewohnten, fest durchstrukturierten Tagesablauf wieder aufgenommen: Nach dem gemeinsamen Frühstück verschwand er stundenlang in seinem Arbeitszimmer, brauchte danach eine ausgiebige Mittagsruhe und ging nachmittags in den Herrenclub. Und gleich nach dem Abendessen rauchte er, bei belangloser Konversation mit seiner Gattin, eine stinkende Zigarre am Kamin, bevor er sich früh in seine Gemächer zurückzog. Seine junge Frau blätterte dann noch eine Weile in ihrer Sonntags-Zeitung für Deutschlands Frauen oder träumte sich mithilfe fesselnder Liebesromane in dramatische Romanzen. Sie trank dabei Rotwein und hoffte, dass ihr Gemahl in der Zwischenzeit zu müde geworden war, um sie anlässlich der ehelichen Pflichten, denen er nur gelegentlich nachkam und deren leidenschaftslose Verrichtung ihr eher lästig war, in ihrem Schlafzimmer zu besuchen.
Sophie war angesichts dieser sich immer öfter wiederholenden, detaillierten Schilderung von Mariannes Eheleben anfangs fassungslos gewesen. Doch sobald sie ihrer Schwester zugestimmt hatte, dass dieser Zustand unhaltbar war, hatte diese nur frustriert abgewunken und behauptet, das Leben in ihren gesellschaftlichen Kreisen wäre nun einmal so. Statt ernsthaft etwas zu verändern, nutzte Marianne inzwischen jede Gelegenheit, der Einsamkeit in ihrem großen Haus zu entkommen. Natürlich tat sie das nur tagsüber. Da sie als anständige Dame nicht einfach allein durch die Stadt flanieren oder in irgendwelchen Cafés herumsitzen konnte, traf sie abwechselnd ein paar Bekannte. Ihren Kummer konnte sie dort jedoch nicht loswerden, denn ihre Freundinnen beneideten sie darum, eine so hervorragende Partie gemacht zu haben. Da wollte sie sich keine Blöße geben oder für Gerede sorgen. Und ihre Eltern waren so froh, die erste ihrer drei Töchter vorteilhaft unter die Haube gebracht zu haben, dass Marianne Hemmungen hatte, die Illusionen der beiden zu zerstören. Also teilte sie ihren Verdruss nur heimlich mit Sophie und versuchte, sich nach außen so aufgeräumt wie möglich zu geben, was ihr jedoch zunehmend schwerer fiel. Langsam litt sie unter einer ernsthaften Melancholie, wie Sophie feststellte, und das schien nun selbst ihre Mutter zu bemerken.
»Reiß dich ein bisschen mehr zusammen, Marianne! Statt zu jammern, solltest du dankbar für die schöne Reise sein und deine Zeit in Bad Gastein sinnvoll nutzen – mit belebenden Spaziergängen oder beim Kurkonzert«, forderte Anna von Mayden sie energisch auf.
Marianne hob ihren Kopf und zeigte eine widerspenstige Miene. »Franz-Josef möchte, dass ich ihn zu seinen Anwendungen begleite. Als wenn ich eine Kur bräuchte!«, stieß sie entrüstet aus. Dann sackte sie wieder in sich zusammen und murrte: »Er mag es nicht, wenn ich eigene Wege gehe …«
»Wie bitte?«
»Er ist furchtbar eifersüchtig«, brauste sie auf.
»Kein Wunder bei so einer jungen, attraktiven Frau wie dir«, erwiderte ihre Mutter, die mit solchen Worten Mariannes Stimmung aufzuhellen versuchte; aber sie erreichte damit eher das Gegenteil.
»Hätte ich ihn bloß nicht geheiratet«, klagte ihre Tochter plötzlich aus tiefster Brust und schien im selben Moment über ihre eigene Ehrlichkeit zu erschrecken. Doch nun, wo sich ihre unterdrückten Gefühle einen Weg nach draußen gebahnt hatten, schob sie trotzig hinterher: »Er stammt aus einer anderen Generation. Schließlich ist er schon fast fünfzig, und ich bin erst zweiundzwanzig. Er hat keine Lust, auf Bälle zu gehen, mag keine Einladungen zu Diners bei uns zu Hause, aber will auch nicht mit mir ausgehen. Ständig sitze ich nur zu Hause herum. Wenn ich geahnt hätte, dass die Ehe so eintönig sein würde …« Sie verstummte und warf ihrer Mutter einen vorwurfsvollen Blick zu.
Sophie hatte in ihrer Ecke still in dem Buch geblättert, dabei aber aufmerksam zugehört. Jetzt wartete sie gespannt auf die Reaktion ihrer Mutter. Würde sie Verständnis für die Sorgen ihrer Ältesten zeigen?
»Worüber beschwerst du dich, Marianne?«, stieß Anna von Mayden ungehalten aus. »Du solltest mir danken, dass du einen sehr wohlhabenden Mann mit tadelloser Reputation abbekommen hast, der nicht mehr arbeiten muss, sondern seine ganze Zeit mit dir verbringen kann. Neben dem Status als Frau Kommerzienrat, um den dich viele deiner Freundinnen beneiden, bietet Franz-Josef dir ein sorgenfreies Leben und erwartet dafür lediglich, dass du ihm einen Stammhalter schenkst.« Sie zog fragend eine Augenbraue hoch. »Wie sieht es diesbezüglich denn inzwischen aus?«
Bevor Marianne auf diese leidige, ständig wiederkehrende Frage reagieren konnte, erlöste sie das Erscheinen von Charlotte.
Die mittlerweile Sechzehnjährige stürmte ins Zimmer und fragte atemlos: »Wie lange braucht ihr denn noch? Ferdinand hat schon die Limousine vorgefahren.«
Ihre Mutter drehte sich zu ihr um. »Wir kommen gleich. Ich unterhalte mich nur noch kurz mit deiner Schwester«, erwiderte sie und wandte sich wieder Marianne zu, die jedoch bereits aufgestanden war.
»Wir sind fertig. Ich komme mit dir, Charlotte«, erklärte sie und schritt eilig an ihrer Mutter vorbei.
Auch Sophie klappte ihr Buch mit einem Knall zu und sprang auf. »Ich hole meinen Mantel.«
Verblüfft blickte Anna von Mayden ihren Töchtern hinterher, rückte noch einmal den Hut zurecht, griff nach ihrer Handtasche und folgte ihnen die Treppe hinunter.
Vor dem schmiedeeisernen Gartentor der imposanten vierstöckigen Stadtvilla, die sich über das große Eckgrundstück zwischen Brentanostraße und Kettenhofweg erstreckte, wartete der Chauffeur der Familie neben dem blankpolierten, moosgrünen Auto. Das Fahrzeug war der ganze Stolz von Professor von Mayden. Ihn faszinierte die moderne Technik, und so war er einer der ersten Käufer des neuen Typ35PS gewesen, des ersten Automobils der Daimler-Motoren-Gesellschaft mit Kardan-Antrieb.
Als die Herrin des Hauses mit ihren Töchtern auftauchte, zog Ferdinand zackig seine dunkelgrüne Schirmmütze vom Kopf und deutete eine leichte Verbeugung an. Dann öffnete er die hintere Tür zum Fahrgastraum, der mit weichen Polstern und kleinen Gardinen ausgestattet war, welche die Scheiben dekorativ einrahmten. Während Charlotte, Sophie und Marianne leichtfüßig einstiegen, stützte sich Anna von Mayden auf die höflich dargereichte Hand des Chauffeurs, hielt ihren großen Hut fest und ließ sich in die Limousine helfen. Dann nahm Ferdinand seinen Platz auf der rechten Seite der offenen Fahrerkabine ein und kutschierte die Damen in die Innenstadt.
Dort angekommen, begaben sich die vier in das beliebte Café Hauptwache, das am frühen Freitagnachmittag schon gut besucht war. Sie ließen sich von einem Kellner zu einem freien Tisch auf der Terrasse führen. Im Schatten war es Anfang Mai zwar noch ein wenig frisch, aber die lang vermisste Frühlingssonne lockte die Menschen trotzdem hinaus ins Freie, und so tranken sie leicht fröstelnd ihren Nachmittagstee. Danach spazierten sie zur nahe gelegenen Zeil, wo sie im Schneideratelier von Johanna Wertheimer zur Anprobe verabredet waren. Es war höchste Zeit, sich um die Sommergarderobe zu kümmern.
Kaum hatten sie das Geschäft mit den einladend großen Schaufenstern betreten, wurden sie von der Inhaberin höchstpersönlich empfangen: einer kleinen, eleganten Frau in einem schmal geschnittenen, schwarzen Tageskleid, die das renommierte Atelier vor ein paar Jahren von ihrem Vater übernommen hatte. Seitdem schneiderte sie die exquisite Garderobe der meisten Damen der gehobenen Frankfurter Gesellschaft und bot zudem die neueste Mode aus Paris und London an.
»Gnädige Frau, die jungen Damen«, begrüßte sie ihre Stammkundinnen. »Wie schön, Sie wiederzusehen. Alles ist bereits vorbereitet. Möchten Sie sich vor der Anprobe noch ein wenig umschauen? Ich habe da gerade einige ganz wunderbare neue Modelle aus Frankreich hereinbekommen.« Johanna Wertheimer deutete mit einer einladenden Geste auf einige vorne im Verkaufsraum ausgestellte Kleider im modernen, gerade geschnittenen Empirestil mit schmaler Silhouette und hoher Taille.
Während die drei jungen Damen sich sofort interessiert danach umsahen, antwortete ihre Mutter: »Nein danke, Frau Wertheimer. Ich würde lieber gleich die Stücke sehen, die wir beim letzten Mal in Auftrag gegeben haben.«
Doch Charlotte hatte anderes im Sinn. »Ach, Mama, schau doch mal!«, rief sie begeistert. »Was für Farben!« Sie deutete zuerst auf ein langes Kleid in Zitronengelb und dann auf ein kürzeres in einem grellen Froschgrün.
»Aber, Kind! So was kann man doch in Frankfurt nicht tragen!« Ihre Mutter schüttelte konsterniert den Kopf. »Das sind doch Capricen aus Paris.«
Gleichwohl machte die geschäftstüchtige Schneiderin einen Schritt auf die jüngste der Damen zu und pries die neuen Modelle an. »Das sind die aktuellen Entwürfe des berühmten Pariser Modeschöpfers Paul Poiret. Sie sind für gewöhnlich aus leichter Baumwolle, aber ich habe auch eines aus Seide.« Sie strich mit der Hand über eines der Kleider. »Fühlen sie, wie leicht sie sind – perfekt für einen warmen Sommertag.«
Vorsichtig ließ Charlotte den fließenden Stoff durch ihre Finger gleiten. »Mich begeistern vor allem diese Farben! Das ist doch etwas anderes als das ewige Weiß und die blassen Pastelltöne. Diese Kleider sehen aus wie die Gemälde moderner Künstler.«
»Sie haben ein sehr gutes Auge«, lobte Johanna Wertheimer. »Poiret ließ sich für diese Kollektion von der avantgardistischen Malerei der Gruppe Les Fauves beeinflussen.«
»Les Fauves? Bedeutet das nicht ›Die Wilden‹?«, übersetzte Sophie und zwinkerte ihrer Schwester zu.
»So möchte ich auch malen können«, seufzte Charlotte verzückt. »So bunt und wild!«
»Und ich würde gern so ein herrliches Kleid haben«, schwärmte Sophie und hielt sich das hellgrüne vor den Körper.
»Diese Kleider werden von den Pariserinnen übrigens nur mit Hüftgürtel und Brustleibchen getragen«, erklärte die Schneiderin.
»Was? Ohne Korsett?«, fragte Marianne entgeistert.
»So ein Unsinn!«, unterband Anna von Mayden kurzerhand den Exkurs in neumodische, exotische Modewelten. »Nun kommt endlich! Die Anprobedamen warten sicher schon. Und wir müssen noch ein Reisekostüm für Mariannes Kururlaub in Bad Gastein auswählen.« Ohne ihren Töchtern weitere Aufmerksamkeit zu schenken, steuerte sie zielstrebig das Atelier hinter dem Verkaufsraum an.
Die Schneiderin eilte umgehend an ihre Seite, da sie wusste, wer am Ende über die Einkäufe bestimmte.
Anna von Mayden hatte bereits recht genaue Vorstellungen, was den Stoff und den Schnitt des Kostüms anbelangte, und verkündete: »Mir schwebt da etwas im Stile des englischen Modehauses Redfern vor.« Nach diesen Worten verschwand sie hinter dem Samtvorhang, der die Räumlichkeiten trennte.
Schweren Herzens folgten ihr die drei jungen Damen. Marianne murrte leise vor sich hin, wenig begeistert angesichts der bevorstehenden Reise mit ihrem langweiligen Ehemann und des unbequemen Kostüms, zu dem man sie offensichtlich überreden wollte. Auch Sophie schaute unglücklich drein, denn sie wusste, dass ihre ausgefallenen Sehnsüchte bei ihrer Mutter auf taube Ohren stießen. Mit einem ermutigenden Händedruck gab Charlotte ihr zu verstehen, dass sich das eines Tages sicherlich ändern würde.
***
In den letzten Wochen hatte Sophie eifrig für ihre Prüfungen am Lehrerinnenseminar gebüffelt und anschließend den Ergebnissen entgegengezittert. Heute war endlich der große Tag, an dem offiziell verkündet wurde, ob sie tatsächlich bestanden und damit die Befähigung als Lehrkraft für Höhere Mädchenschulen erworben hatte.
Ihre Eltern begleiteten sie und Charlotte, die ihr Abschlusszeugnis der zehnten Klasse erhalten würde, zur feierlichen Zeremonie in der Elisabethenschule. Es herrschte reges Treiben in der Aula, in der sich die Schülerinnen und ihre Verwandten versammelt hatten. Nachdem alle Platz genommen hatten, hielt die Direktorin eine Rede, in der sie die Absolventinnen beglückwünschte und dazu ermahnte, ihren weiteren Lebensweg als Ehefrau und Mutter mit derselben Disziplin anzugehen wie ihre Schulzeit.
Charlotte knuffte Sophie, die neben ihr saß, in die Seite und grinste sie verschwörerisch an. Beide Mädchen hatten andere Pläne für ihre Zukunft als die meisten ihrer Mitschülerinnen. Charlotte träumte weiterhin davon, Malerin zu werden, und Sophie wollte keinesfalls an einer Mädchenschule unterrichten, sondern studieren. Eine baldige Heirat war für beide Schwestern definitiv keine Option.
Als sie schließlich nach vorne gerufen wurde, um ihr Zeugnis entgegenzunehmen, klopfte Sophies Herz bis zum Hals. Mit einem Knicks nahm sie die Urkunde aus der Hand der Schulleiterin entgegen, die dabei kurz den Kopf senkte und ihr heimlich zuzwinkerte.
»Fräulein Sophie von Mayden, Sie haben Ihr Examen mit Auszeichnung bestanden«, verkündete dann die Direktorin mit lauter Stimme. »Die Schulleitung gratuliert Ihnen zum besten Abschluss Ihres Jahrgangs!«
Sophie lief rot an, als spontaner Applaus aufbrandete. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Charlotte und ihr Vater sogar aufsprangen, um ihr zuzujubeln. Was für ein Moment! Sie hatte es tatsächlich geschafft. Eine riesige Last fiel von ihr ab. All die Jahre des Lernens, insbesondere die letzten Wochen, in denen sie in ihrem Zimmer wieder und wieder den Stoff gepaukt hatte – es hatte sich gelohnt. Jetzt hielt sie den Beweis in den Händen, dass sie zu mehr befähigt war, als einen Haushalt zu führen.
Dass ihr Abschluss kein reguläres Abitur war, nagte allerdings an ihr. Sie konnte nur hoffen, dass er trotzdem als Zeugnis der Hochschulreife anerkannt würde. Die anstehende Neuordnung des Höheren Mädchenschulwesens war allerdings erst für August angekündigt worden. Und falls dann Frauen die Möglichkeit erhielten, zukünftig eine hessische Universität zu besuchen, würde dieser Entscheid erst zwei Monate später, also zu Beginn des Wintersemesters, in Kraft treten. Das wurde alles furchtbar knapp, dachte Sophie besorgt, die sich wünschte, noch in diesem Jahr ihr Studium aufzunehmen.
Doch jetzt wollte sie ihren Erfolg erst einmal feiern.
Ihre Eltern hatten je eine von Sophies und Charlottes liebsten Schulkameradinnen und deren Eltern, das Ehepaar Weis sowie Sanitätsrat Gulde und dessen Gattin, zu einem Sektempfang in die Villa am Kettenhofweg eingeladen. Die gefüllten Gläser standen schon bereit, als die kleine Gesellschaft den Salon betrat. Dort befanden sich bereits die Großeltern mütterlicherseits, die in Mainz wohnten und von Ferdinand mit dem Automobil abgeholt worden waren. Sie kamen den beiden strahlenden Mädchen entgegen und umarmten sie herzlich.
»Kinder, wir sind so stolz auf euch«, rief ihre Großmutter. »War es denn eine schöne Feier in der Schule? Schade, dass wir nicht dabei sein konnten! Aber ihr wisst ja, dass euer Großvater nicht mehr gut so lange irgendwo herumsitzen kann.«
Daraufhin begann Charlotte aufgeregt, von der Abschlussfeier zu erzählen.
»Möchten Sie sich vielleicht frisch machen, bevor wir anstoßen?«, fragte Anna von Mayden unterdessen die Mütter der Schulkameradinnen ihrer Töchter.
Angesichts der bereits gefüllten Sektgläser erklärten die Angesprochenen jedoch, dies wäre nicht nötig.
Als höflicher Gastgeber bot Robert von Mayden den Herren Weis und Gulde an: »Vielleicht würden Sie gerne zuerst eine Zigarre im Kaminzimmer rauchen?«
Da schaltete sich sein Schwiegervater ein. »Nun lasst uns endlich anstoßen! Wir warten hier schon ewig darauf, dass ihr kommt. Stell dir vor, Anna: Euer Dienstmädchen hat mir verboten, etwas zu trinken, bevor ihr da seid. Dabei habe ich so einen Durst nach der langen Reise.«
»Gustav!«, tadelte ihn seine Frau. »Das Mädchen hat dir doch vorhin extra eine Limonade gebracht.«
»Limonade!«, stieß er empört aus. »Ich möchte Sekt trinken, Helene!« Doch seine Entrüstung war nicht ernst gemeint, wie alle sehen konnten, denn im nächsten Moment schmunzelte er.
»Du bist unmöglich, Vater«, echauffierte sich seine Tochter Anna und lächelte den Gästen, die das Geplänkel der alten Herrschaften ein wenig irritiert verfolgt hatten, entschuldigend zu. »Aber nun gut. Bitte nehmen Sie sich alle ein Glas, damit wir auf unsere Töchter und ihren weiteren Weg ins Leben anstoßen können.«
Als alle ihren Sekt in der Hand hielten, klopfte Robert von Mayden mit seinem Siegelring an sein Kristallglas und räusperte sich.
»Meine lieben, klugen Töchter«, begann er mit erhobener Stimme zu sprechen. »Eure Mutter und ich – und natürlich auch eure Großeltern – sind überaus stolz, dass ihr eure Schulzeit mit hervorragenden Abschlüssen beendet habt. Bevor nun für euch der Ernst des Lebens beginnt, möchte ich euch noch einige Ratschläge mit auf den Weg geben …«
Sein Schwiegervater hüstelte plötzlich ungehalten und machte damit seinem Unmut Luft, jetzt auch noch eine längere Ansprache anhören zu müssen.
Robert von Mayden musste lachen. »Nun gut … Die Rede der Frau Direktorin war ja auch ausführlich genug. Und eigentlich hat sie sämtliche Ratschläge, die ich euch geben könnte, bereits erwähnt. Damit wir alle nicht länger einen trockenen Hals haben … Nur so viel: Liebe Charlotte, liebe Sophie, bitte bleibt so fröhlich und neugierig aufs Leben wie bisher und lasst euch weiterhin von den Regeln des Anstands leiten, die eure Eltern euch beigebracht haben. Dann werdet ihr sicher die für euch passende Richtung in eine glorreiche Zukunft finden.« Er lächelte seinen Töchtern liebevoll zu und prostete in die Runde. »Erheben wir unsere Gläser auf die jungen Damen!«
»Und vor allem auf ihre ausgezeichneten Aussichten auf eine wundervolle Zukunft als glückliche Ehefrauen und Mütter. In Anbetracht ihrer inneren und äußeren Vorzüge werden die passenden Heiratskandidaten sicher schon bald Schlange stehen«, ergänzte Anna von Mayden enthusiastisch und erntete damit den Beifall ihrer Gäste.
Dass nach diesen wohlgemeinten Worten ausgerechnet ihre beiden Töchter sich einen enervierten Blick zuwarfen und heimlich die Augen verdrehten, bemerkte sie zum Glück nicht. Anna von Mayden, ganz stolze Mutter, strahlte und gab der etwas abseits stehenden Fritzi ein Zeichen. Das Dienstmädchen, das offenbar auf seinen Einsatz gewartet hatte, trat mit einem silbernen Tablett vor, auf dem zwei Umschläge lagen.
»Euer Vater und ich haben hier noch eine kleine Überraschung für euch.«
Auf ihren Wink hin traten ihre Töchtern zu ihr, und sie überreichte ihnen feierlich je ein Kuvert aus festem Büttenpapier, auf dem ihr jeweiliger Name stand.
Ehe die beiden Gelegenheit hatten, die Briefumschläge zu öffnen, platzte ihre Mutter mit stolzgeschwellter Brust heraus: »Das sind Karten für die Frankfurter Oper …« Sie machte eine Kunstpause und ließ ihren Blick über die gespannten Gesichter ihrer Gäste schweifen, bevor sie fortfuhr: »Natürlich für eine ganz besondere Aufführung! Anfang Oktober wird dort eine meiner Lieblingsopern gegeben – Der Bajazzo von Ruggero Leoncavallo!« Ihre Wangen glühten förmlich, als sie mit dramatischer Stimme verkündete: »Die Titelrolle des Canio singt kein Geringerer als Enrico Caruso! Natürlich auf Italienisch!«
»Bravo!«, rief Frau Weis begeistert.
»Wunderbar!«, schwärmte Frau Sanitätsrat Gulde.
Doch Anna von Mayden war noch nicht fertig. »Es ist wirklich ein wahrer Segen, dass dieser wunderbare Künstler, der mit seiner Interpretation des Canio wie kein zweiter Realismus und Belcanto vereint, auch im kommenden Herbst zu seinem jährlichen Gastspiel in unserer wunderschönen Oper auftreten wird«, schwärmte sie und kreuzte ergriffen die Hände vor ihrer bebenden Brust, als wollte sie gleich selbst eine Arie schmettern.
Die Großeltern klatschten begeistert, und auch die anderen Gäste schienen von dieser Ankündigung gebührend beeindruckt zu sein. Zumindest stießen sie mehrere Ohs und Ahs aus, um dieses kostbare, einmalige Geschenk zu würdigen. Sophie und Charlotte bemühten sich ebenfalls um feierliche Gesichter, auch wenn beide keine großen Opernliebhaberinnen waren. Doch den weltberühmten Caruso leibhaftig singen zu hören war auch für sie eine erhebende Aussicht.
»Natürlich werden euer Vater und ich euch zu diesem exorbitanten Musikgenuss begleiten.« Anna von Mayden warf ihrem Gatten, der neben ihr gerade noch nervös an seiner engen Fliege herumgenestelt hatte, einen Blick zu, der keinerlei Widerspruch duldete, und strahlte dann ihre Töchter an. »Nun, was sagt ihr zu eurem Schulabschlussgeschenk?«
Beide Mädchen fielen ihrer Mutter um den Hals, bedankten sich artig und gaben ihrem Vater je ein Küsschen auf die Wange, was auch ihn mit der Aussicht auf stundenlangen, dramatischen Gesang auf unbequemen Theaterstühlen zu versöhnen schien.
Danach begaben sich alle ins Speisezimmer und nahmen dort Platz. Als Erstes tischte die Köchin Berta zur Feier des Tages mit einer Farce gefüllte Krebsnasen und frische Austern auf. Nach der anschließenden Krebssuppe gab es gesottenen Kabeljau mit Petersilienblättern und Sardellensauce oder zerlassener Butter und Senf mit neuen Kartoffeln. Zum krönenden Abschluss trug Fritzi ein schaumiges weißes Dessert in hohen Kristallgläsern auf – englisches Sillabub mit Weißwein und Zitronen.
Frau Sanitätsrat Gulde bat ihre Gastgeberin um das Rezept und fragte dann: »Und was haben Ihre Töchter nun vor? Wird Sophie als Lehrkraft an der Elisabethenschule anfangen?«
»Aber nein«, widersprach Anna von Mayden sofort. »Sie hat es doch nicht nötig, sich ihren Lebensunterhalt als Lehrerin zu verdienen.« Lächelnd nickte sie ihrer Tochter zu. »Aber eine gute, fundierte Bildung kann natürlich nicht schaden, um einem zukünftigen Gatten eine ansprechende Gefährtin zu sein.«
»Selbstverständlich«, pflichtete Herr Weis ihr bei. »In unseren modernen Zeiten ist es durchaus löblich, auch jungen Frauen den Zugang zu einer weiterführenden Bildungseinrichtung zu ermöglichen.«
»Da stimme ich Ihnen zu«, wagte Sophie anzumerken. »Deshalb möchte ich auch gerne weiterlernen. Am liebsten an einer Universität.« Wie befürchtet, erntete sie damit ein ungehaltenes Stirnrunzeln ihrer Mutter.
»Nun wollen wir aber nicht gleich übertreiben«, erwiderte Sanitätsrat Gulde mit einem gutmütigen Lächeln. »Ein Studium? Als Frau? Wozu sollte das gut sein?«
»Wie sollte ich sonst Paläontologin werden?«, hielt Sophie tapfer dagegen.
»Sophie!«, ermahnte ihre Mutter sie sofort. »Diesen Unsinn solltest du dir nun wirklich aus dem Kopf schlagen.«
»Palä… Palontologie?«, stammelte Frau Weis verständnislos. Sie klang so, als würde sich dahinter etwas Unanständiges verbergen. »Was ist denn das?«
Sophie ignorierte den mahnenden Blick ihrer Mutter und erklärte: »Die Paläontologie ist eine Naturwissenschaft, die anhand der körperlichen Überreste und Zeugnisse von Lebewesen, die älter als zehntausend Jahre sind, die Urzeit erforscht.« Da die Mutter ihrer Mitschülerin sie immer noch fragend ansah, ergänzte sie: »Es geht um Dinosaurier.«
»Oh …« Frau Weis blickte sie ungläubig an. »Und so etwas interessiert Sie?«
»Ja, sehr.«
Robert von Mayden wollte nun seiner Tochter beispringen und berichtete lächelnd: »Unsere Sophie schmökert sich seit Langem zu dem Thema durch meine Bibliothek. Ganz erstaunlich …« Ein gewisser Stolz schwang in seiner Stimme mit, doch ein zorniger Seitenblick seiner Frau brachte ihn zum Schweigen. Nervös tupfte er sich die Mundwinkel mit seiner Serviette ab.
»Und Ihre Jüngste?«, fragte nun Frau Gulde lauernd. Man sah ihr an, dass sie auf weitere bizarre Zukunftspläne der Töchter ihrer Gastgeber hoffte.
Anna von Mayden räusperte sich unbehaglich, warf Charlotte einen strengen Blick zu und antwortete steif: »Sie malt recht hübsch.« Mit einem nachsichtigen Lächeln in die Runde ergänzte sie: »Sicher ein angemessener Zeitvertreib für die zukünftige Gattin eines gutsituierten Mannes.« Dann legte sie ihre Serviette demonstrativ neben dem Teller ab. »Darf ich die Damen nun zu einem kleinen Gang durch unseren Garten einladen, während die Herren sich zum Rauchen zurückziehen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob sie sich vom Tisch.
***
Die ablehnende, verständnislose Reaktion auf ihren Studienwunsch führte jedoch nicht dazu, dass sich Sophie von diesem verabschiedete. Ganz im Gegenteil – unbeirrt hielt sie daran fest. In den Tagen nach dem Schulabschluss musste sie immer wieder an Fritz Drevermann und seinen leidenschaftlichen Vortrag über die Dinosaurier denken, der sie darin bestärkt hatte, ihr Leben der Paläontologie zu widmen. Zumal der junge Doktor nicht nur ein großartiger Wissenschaftler, sondern auch ein recht attraktiver Mann war, wie sie fand, wenn sie sich kurz vor dem Einschlafen das Bild heraufbeschwor, wie er zu Füßen des imposanten Sauropoden gestanden hatte.
In der stillen Hoffnung, ihm zufällig erneut zu begegnen, besuchte sie einige Male das Museum, und da sie nicht allein dorthin gehen wollte, überredete sie Charlotte, sie zu begleiten. Gemeinsam sahen sie sich die verschiedenen Schausammlungen an, die es neben dem Diplodocus-Skelett dort zu bestaunen gab. Wohlweislich schwärmte Sophie ihrem Vater danach auch jedes Mal in den höchsten Tönen von der Senckenbergischen Mineraliensammlung vor, was ihn als Geologen erfreute.
Und genau das bezweckte Sophie mit ihren begeistert vorgetragenen Ausführungen. Wenn sie wenigstens ihn für ihre Pläne würde gewinnen können, wäre der halbe Weg zum Studium geschafft – dessen war sie sich sicher. Aber jedes Mal, wenn sie dieses Thema ansprach, wurde ihr Wunsch zurückgewiesen. Ihr Vater ließ sich nicht davon überzeugen, dass es eine gute Idee war, später in fernen Ländern nach versteinerten Knochen zu graben. Derartige Pläne erschienen Professor von Mayden dann doch mehr als unpassend für eine junge Frau aus gutem Hause. Er versuchte, sie davon abzuhalten, indem er betonte, dass zum Studium der Paläontologie auch die Geologie gehörte. Eine Wissenschaft, die sich zu großen Teilen – bei Wind und Wetter – im Freien abspielte, wo es galt, inmitten von unscheinbarem Geröll nach winzigen Überresten urzeitlicher Tiere und Pflanzen zu suchen. Er erinnerte sie daran, dass sie bei früheren gemeinsamen Exkursionen in den Taunus wenig Begeisterung beim Arbeiten mit Spitzhacke, Meißel und Lupe gezeigt hatte. Zwar versicherte sie ihrem Vater ein ums andere Mal, dass ihr genau das inzwischen sehr gefallen würde. Aber solche Beteuerungen lösten bei ihm nur ein ungläubiges Kopfschütteln aus.
So verstrich die Zeit, ohne dass es Sophie gelang, ihre Eltern dafür zu gewinnen, sie studieren zu lassen. Zumal das stärkste Gegenargument ihrer Mutter nur schwer zu entkräften war: In Frankfurt gab es keine reguläre Universität. Zwar wurde in den zahlreichen Hörsälen, welche die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft in den wissenschaftlichen Instituten neben dem Museum an der Viktoria-Allee eingerichtet hatte, auf Studienniveau unterrichtet. Und dort hielt auch Professor Robert von Mayden als Gastdozent ab und zu Vorträge. Ein reguläres Studium konnte man hier jedoch leider nicht absolvieren.
Aber so schnell gab Sophie nicht auf. So wies sie darauf hin, dass man an der Universität Marburg studieren konnte, ohne aus Frankfurt wegziehen zu müssen. Denn die altehrwürdige Hochschule, an der auch ihr Vater und Dr. Drevermann einst studiert hatten, war mit der Eisenbahn schließlich nur eine gute Stunde von ihrem Elternhaus entfernt. Doch mit diesem gewagten Vorschlag hatte sie ebenfalls keinen Erfolg.
Ihren Vater würde sie irgendwann um den Finger wickeln können, wie es allen drei Töchtern schon immer leicht gelungen war. Dessen war Sophie sich recht sicher. Aber bei ihrer konservativen Mutter sah sie weiterhin schwarz. Dabei hatte Anna von Mayden nicht generell etwas gegen eine gute Ausbildung einzuwenden.
»Zur Erweiterung der künftigen Lebensaufgaben einer deutschen Frau ist eine angemessene Bildung durchaus wünschenswert, mein Kind. Das bestreite ich doch gar nicht«, erklärte sie eines Tages, als Sophie abermals ihren Studienwunsch ansprach. »Deshalb haben dein Vater und ich dich schließlich auf eine Höhere Mädchenschule mit bestem Ruf geschickt. Dort konntest du das nötige Rüstzeug für ein deiner Herkunft angemessenes Leben erwerben.«
»Aber ich möchte unbedingt mein Wissen erweitern, Mama«, bettelte Sophie.
»Reicht es dir denn nicht, dass du dort mehr lernen konntest als andere Mädchen in deinem Alter? Schließlich wurdest du an der Elisabethenschule sogar in Fächern wie Mathematik unterrichtet, was meiner Meinung nach durchaus dabei helfen kann, die weibliche Wesensart zur Exaktheit des Denkens zu erziehen. Und ein bisschen Englisch und Französisch schaden bei einer gehobenen Konversation ebenfalls nicht. All das hast du doch dank deiner erweiterten Ausbildung bereits erlernt. Was willst du denn noch?«
»Ich möchte studieren …«, murmelte Sophie. »Naturwissenschaften.«
»So ein Unsinn! Dass heiratsfähige Frauen neuerdings auch noch an Universitäten herumsitzen, ist doch widernatürlich und für eine junge Dame der höheren Gesellschaft schlicht sinnlos. Das ist etwas für Männer, die nun einmal einen völlig anders gearteten Verstand und andere Aufgaben im Leben zu erfüllen haben, nämlich ihren Ehefrauen und Familien einen angemessenen Lebensstil zu ermöglichen. Wenn überhaupt, dann ziemt sich höchstens ein Studium der Philosophie oder Sprachwissenschaften für eine Frau. Alles andere, zumal so etwas Abstruses wie Dinosaurierforschung, kommt für dich keinesfalls infrage!«
Nach dieser rüden, kategorischen Ablehnung ihres Herzenswunsches konnte Sophie nicht verhindern, dass ihr ein paar Tränen die Wangen herabliefen.
Als Anna von Mayden erkannte, was ihre barsche Zurechtweisung bei ihrer Tochter auslöste, verschwand ihr strenger Blick. Sie streckte die Hand aus und wischte mit dem Daumen sanft die Tränen von Sophies Wange. »Du musst verstehen, mein Kind, dass ich doch nur dein Bestes will. Vertrau meiner Lebenserfahrung. Du bist schließlich nicht das erste junge Mädchen, das von einer standesgemäßen Ehe wenig hält und stattdessen von einer aufregenderen Zukunft, von einem Beruf träumt. Doch leider führen solche Wege nur selten zum Glück. In meinem Bekanntenkreis hörte ich schon von einigen bedauernswerten Fällen …« Sie seufzte. »Junge, ambitionierte Frauen, die Jahre später unter finanziellen Problemen, der Einsamkeit, ihrer Kinderlosigkeit oder anderem mehr litten; und die meisten haben ihre Lebensentscheidungen irgendwann bitter bereut. Ein solches Schicksal möchte ich meinen Töchtern ersparen.«
Sophie hob den Blick und sah ihrer Mutter in die Augen. Hinter deren meist gestrenger äußerer Fassade erkannte sie die mütterliche Sorge und tiefe Liebe, die sie für ihre Töchter empfand. Sophie spürte, dass sie es nur gut mit ihr meinte, und ihr war bewusst, dass das Leben, für das sie sich entschieden hatte, nicht einfach und ganz sicher nicht bequem werden würde.
Sie versuchte ein zaghaftes Lächeln und nickte ihrer Mutter leicht zu, was Anna von Mayden als Zustimmung interpretieren konnte. Doch insgeheim war Sophie weiterhin fest entschlossen, diesen steinigen Weg zu beschreiten. Trotz der mahnenden Worte ihrer Mutter war sie davon überzeugt, dass sie nicht, wie die anderen, scheitern, sondern mit ein wenig Glück und starkem Willen alle Herausforderungen, die sich ihr zukünftig stellen würden, würde meistern können.
***
Während Charlotte froh war, nach der zehnten Klasse endlich nicht mehr in die langweilige Schule gehen zu müssen, und ihre Zeit am liebsten an der Staffelei beim Malen und Zeichnen verbrachte, fehlte Sophie der tägliche Unterricht. Mit Erlaubnis ihres Vaters durfte sie sich immerhin vormittags in seiner umfangreichen Bibliothek nach Herzenslust in die Bücher vertiefen, die er dort angesammelt hatte.
In einem der hohen Regale hatte sie die Anleitung zum Selbststudium der Versteinerungskunde entdeckt. Der Titel der Übersetzung des Book of Science von Karl Hartmann klang vielversprechend und zeigte auf der ersten Seite eine lustige Illustration: Unter Bäumen tummelte sich eine Schar von Kindern, die mit allerlei Werkzeug und wissenschaftlichen Instrumenten ausgestattet waren und wie kleine Forscher die Natur erkundeten.
Ob man in England schon in der Schule etwas über Paläontologie lernen konnte?, fragte Sophie sich verblüfft, blätterte weiter und entdeckte die Darstellung eines Ichthyosaurus, der vor Urzeiten die Meere bevölkert hatte. Fasziniert las sie dort über sein Aussehen:
»… die Schnauze eines Meerschweins mit den Zähnen eines Krokodils, der Kopf einer Eidechse mit den Wirbeln eines Fisches und das Brustbein eines Schnabeltiers mit den Flossen eines Walfisches …«
Sie suchte in der Zeichnung des versteinerten Schädels dieses ausgestorbenen Lebewesens mit seinen riesigen Augenhöhlen nach all den beschriebenen Ähnlichkeiten, und las weiter:
»Der allgemeine Umriss eines Ichthyosaurus muss dem des jetzigen Meerschweins und Schwertfisches am ähnlichsten gewesen sein. Er hatte vier breite Füße oder Ruder und endigte in einem langen und kraftvollen Schwanz. Einige der größten dieser Reptilien müssen über30Fuß lang gewesen sein.«
Dreißig Fuß … Das waren fast zehn Meter, überlegte Sophie und stellte sich amüsiert ein riesiges Mischwesen vor – halb Meerschweinchen, halb Schwertfisch –, das durch die große Bibliothek kroch oder schwamm. Würde ein solcher Dinosaurier hier überhaupt hineinpassen? Die Dimensionen dieser Urtiere waren immer wieder beeindruckend. Sie legte den Kopf in den Nacken, blickte versonnen an die fast fünf Meter hohe Decke und vermutete, dass so ein Ichthyosaurus sich hier wohl an dem Stuck und den Kristalllüstern gestoßen hätte.
»Was starrst du denn für Löcher in die Luft?«, fragte ihre Schwester.
Sophie hatte gar nicht gehört, dass Charlotte hereingekommen war. »Ach, ich stelle mir nur gerade vor, dass hier ein Dinosaurier durch die Bibliothek schwimmt«, antwortete sie ernst.
Ihre jüngere Schwester lachte laut auf. »Du hast wirklich noch mehr absurde Flausen im Kopf als ich. Dabei behauptet Mama immer, ich sei ein bisschen verrückt. Aber wenn man dir so zuhört, bin wahrscheinlich ich die Vernünftigere von uns beiden.«
Auch Sophie musste jetzt lachen. »Das sind keine Flausen, sondern hier geht es um ernste Wissenschaft.« Sie hielt Charlotte das Buch entgegen. »Darin geht es um versteinerte Überreste von Lebewesen, die lange, lange vor uns die Erde bevölkert haben. Das ist doch wahnsinnig spannend.«
»Also ich finde die Lebewesen, die in unserer Zeit leben, wesentlich interessanter. Deshalb will ich heute Nachmittag in den Zoo, um ein paar der exotischen Kreaturen zu malen, die es dort gibt. Kommst du mit?«
»Nein, ich möchte lieber noch ein bisschen lesen. Heute Abend bekommt Papa doch Besuch aus dem Museum – Doktor Drevermann.« Ihre Augen leuchteten. »Vielleicht kann ich ihn mit meinem Wissen über Dinosaurier beeindrucken, und er hilft mir dann, Mama zu überzeugen, dass ich doch Paläontologie studieren sollte – weil ich dafür so talentiert bin.« Sie zwinkerte ihrer Schwester zu und blätterte wieder in ihrem Buch.
Charlotte schüttelte seufzend den Kopf. »Werden dir diese hässlichen Viecher denn nicht irgendwann mal langweilig?«
»Nein.«
»Wenn du schon nicht mit in den Zoo willst, könnten wir doch vielleicht Karten spielen?«, schlug Charlotte vor, und als sie keine Antwort erhielt, fügte sie eindringlich hinzu: »Bitte!«
»Warum legst du stattdessen nicht eine Patience?«, murmelte Sophie abwesend.
»Das ist mir zu langweilig«, erwiderte Charlotte. »Nun komm schon …!«, flehte sie. »Lass uns irgendetwas gemeinsam spielen.«
Sophie hob den Kopf und musste lächeln, als sie den traurigen, herzzerreißenden Gesichtsausdruck ihrer Schwester sah.
»Also gut«, gab sie nach, und augenblicklich strahlte die andere wieder.
Sophie klappte das Buch zu, stand auf und sortierte es an seinen angestammten Platz an der hohen Bücherwand hinter dem Schreibtisch ihres Vaters ein.
»Was willst du denn überhaupt mit mir spielen?«
»Rommé!«, antwortete Charlotte fröhlich.
»In Ordnung, aber nur eine Stunde lang. Dann muss ich mich umziehen – rechtzeitig, bevor Doktor Drevermann kommt …«
***
Seit Tagen sprach Professor von Mayden von kaum etwas anderem als der Planung der großen Feier zum neunzigjährigen Bestehen der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, zu der am 24. Mai zahlreiche Gäste, Mitglieder und Freunde anderer Vereine in den prächtigen Festsaal im Obergeschoss des Naturkundemuseums eingeladen waren. Mit Fritz Drevermann, dem Assistenten von Museumsdirektor Römer, wollte er heute die letzten Details besprechen.
