Spurenwunder - Marie-Laure Lemaître - E-Book

Spurenwunder E-Book

Marie-Laure Lemaître

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Beschreibung

Was ist der Horizont unseres Daseins? Was geschieht, wenn die Sehnsucht zum Mut reift und das Ende des Blickfelds greifbar erscheint? Eine Frau, von der wir nur den Namen erfahren - Erin - schaut jeden Morgen vom Aussichtsplatz vor ihrem Häuschen aus über die weite Landschaft ganz in der Ferne auf ein Felsmassiv. Könnte daneben etwa das Meer liegen? Als eines Tages plötzlich ein bislang ungesehener Pfad auftaucht, weiss sie: hier geht es zum Horizont und jetzt ist der Moment, loszugehen. Erzählt wird in Form einer symbolischen Phantasiereise der Weg einer Frau, die wissen will, was sich hinter ihrem Blickfeld befindet. Entschlossen folgt sie sich öffnenden Wegen und auftauchenden Hinweisen. Hierbei trifft sie auf Menschen und Gemeinschaften, die ihr zeigen, wie nicht nur Landschaft einen Horizont besitzt - hinter dem es bekanntlich doch weitergeht: zu bereichernden Erfahrungen, die ihr Vertrauen wachsen lassen - in sich selbst, in andere Menschen und in eine schützende Kraft, die sie zu begleiten scheint. Und das schon länger, als sie bislang wusste.

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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Marie-Laure Lemaitre, geboren 1954 am Main, hat viele Jahre am Rhein gelebt, was Erins Hang zu großen Flüssen erklären mag. Psychologie-Studium und Tätigkeit als Psychotherapeutin. Verheiratet, keine Kinder. Ist immer noch auf dem Weg hinter den Horizont. Passion: mit dem Campervan von einem Guten Ort zum nächsten zu mäandern, vorzugsweise in Südfrankreich.

«Spurenwunder» ist ihr erster Roman, entstanden während einer langen Zwangspause auf dem Sofa nach einem Wanderunfall.

Trotz gegenteiliger Bekundung («es wird keine Fortsetzung geben»), ist Erin während des ersten Lockdowns doch einfach wieder losmarschiert. Und ist immer noch unterwegs: «into the unknown». Mehr dazu auf «spurenwunder.net

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Kapitel 1: der Weg zum Horizont öffnet sich

Kapitel 2: der erste Tag in der Fremde

Kapitel 3: Abschied vom Moorsee

Kapitel 4: Ausblicke und Einsichten

Kapitel 5: eine unerwartete Begegnung

Kapitel 6: ein unerwartetes Geschenk

Kapitel 7: Erin betritt den Wasserweg

Kapitel 8: Erin verlässt das Verborgene Tal

Kapitel 9: es ist ein Abenteuer

Kapitel 10: im Haus der „Erwählten Töchter“

Kapitel 11: Aussichten und Auskünfte

Kapitel 12: es wird Herbst

Kapitel 13: die Ankunft

Kapitel 14: am Ziel?

Kapitel 15: eine Begegnung auf der anderen Seite

Kapitel 16: ein rechtzeitiger Hafen

Kapitel 17: ein neuer Horizont

Kapitel 18: ist das so?

Kapitel 19: so einfach ist das

Kapitel 20: Einsiedlerin in der Gemeinschaft

Kapitel 21: die Höhle von Aranxhia

Kapitel 22: die Weiße Frau

Kapitel 23: im Haus der Wissenden Töchter

Kapitel 24: die Rückkehr

Nachwort(e)

Erin wandert wieder: „into the unknown“

Vorwort: eine kurze, sicherlich bekannte Geschichte zum Einstimmen:

Der Sohn des Bauern findet ein herrenloses Pferd, das er nach Hause mitbringt. Der Nachbar sagt: "welch ein Glück", doch der Bauer antwortet: "Glück - Pech, wer weiß, wer weiß." Dann reitet der Sohn das Pferd, es wirft ihn ab, er bricht sich den Arm und kann nicht mehr auf dem Hof helfen. Der Nachbar bemerkt mitleidig: "so ein Pech" Und der Bauer antwortet: "Glück – Pech, wer weiß, wer weiß." Nun wird Krieg erklärt und alle jungen Männer müssen zur Armee, nur der Sohn des Bauern kann zuhause bleiben wegen seines Gipsarms. Meint der Nachbar: "was für ein Glück" und der Bauer ....

Worum geht es in der folgenden Erzählung?

Um die LeserIn nicht auf eine falsche Fährte zu bringen: es geht nicht um scheinbares Pech, welches sich als Glück erweist und vice versa, was nun auch ein bisschen plump gewesen wäre. Sondern um „ehrliche Irrtümer“: man glaubt, etwas zu verstehen, aber dann wird im weiteren Verlauf ein ganz anderer Sinn und Zweck der Ereignisse sichtbar.

Eine Frau, von der wir nur den Namen erfahren - Erin - macht sich, erst zu Fuß, dann mit einem Kanu, auf den Weg zum Horizont. Jeden Morgen hatte sie von dem Aussichtspunkt vor ihrem Häuschen auf die sich weit erstreckende Landschaft von Hügeln und Tälern geschaut. Ganz im Westen, am Ende ihres Blickfeldes erhebt sich ein Gebirge rätselhaft im Dunst der Ferne. Aber was liegt rechts daneben? Sie kann es nicht erkennen, denn der Horizont endet an der letzten, ebenfalls im sanften Dunst verschwimmenden Hügelkette.

Immer stärker wird ihre Neugier, die Sehnsucht, zu wissen, was dort hinter diesem Horizont zu finden sein würde. Und eines Tages, sie spaziert einen lang bekannten und oft gegangenen Weg im Wald, zweigt plötzlich von diesem ein noch nie gesehener Pfad ab, aus "terra cognita" heraus. Wohin dieser sie führt, das erzählt die Geschichte.

Es ist eine Erzählung sozusagen „in Echtzeit“, nichts ist plan-, zweckmäßig oder zielstrebig aufgezogen. Ich war selber jeden Tag gespannt und oft überrascht. Wird sie weitergehen? Wohin? Einmal sah es so aus, als würde sie am nächsten Tag nach rechts abbiegen, bloß, um sich dann tatsächlich nach links zu wenden; der Weg ent-wickelte sich im wahrsten Sinn des Wortes. Es war, wie im Nebel Auto zu fahren: man sieht immer nur die nächsten paar Meter des sich verschiebenden Blickfeldes. Die Geschichte wurde immer länger und zeigte ungeahnte und ungeplante Tiefen. So sollte eigentlich auf Seite → Schluss sein; ein guter Endpunkt, wie ich fand, der die Erzählung rund machte, indem er den Anfang in einem neuen Licht erscheinen lässt. Doch was geschah? Erin und die Geschichte sind mir davongelaufen!

Man muss nicht Freud oder Jung sein, um zu entdecken, wie diese Erzählung überquillt von Symbolen und Märchenmotiven. Das haben Träume, Nacht- und Tag - so an sich. Manche, wie das «Tischlein-deck-dich" mögen simpel anmuten. Aber es ist eine Traumgeschichte und wer will denn bitte mit Träumen diskutieren und ihnen ihre Bildersprache oder Logiklöcher vorwerfen? Wie schon im Titel, sucht man auch in der Geschichte vergeblich nach realistischer Logik. In welcher Zeit ist sie angesiedelt? Traumzeit. Bauern pflügen mit Pferden, hoffnungslos wird nostalgische Vorzeit-Romantik ausgebreitet. Oder eher hoffnungsvoll?

Im Gegensatz dazu kuschelt Erin sich nachts in ihren Daunenschlafsack, der so gar nicht dazu passen will. Aber sie soll ja nicht frieren auf ihrem Weg zum Horizont. Es treten, wie es gerade passt, verschiedenste Gesteinsarten auf; Granit, Kalk- und Sandstein stehen einfach so nebeneinander herum, was jedem Geologen sicher die Haare zu Berge stehen lässt. Steineichen stehen neben Fichten, eine – ja, genau - traumhafte Mischung. Darauf muss man sich einstimmen können oder das Buch gleich wieder weglegen.

Aber hat nicht jede mystische Tradition ihre merkwürdigen Geschichten? Koans, Haiku, Gleichnisse, die sich nicht mittels Logik erschließen lassen, sondern auf einer anderen Ebene als Rätsel oder intuitive „Gestalt“ Erkenntnis vermitteln. Das Koan „wie hört sich das Klatschen einer Hand an“ soll das Denken aus seiner Bahn werfen und damit andere Zugänge zu einem tieferen Wissen eröffnen.

Die Geschichte von Erin und ihrer Reise zum Meer begann als ganz private Phantasie in einer unfallbedingt immobilen Zeit. Statt in den Sommerferien herumzureisen, war ich im wahrsten Sinne des Wortes auf das Sofa festgelegt. Aber: wenn schon zwangsweise herumliegen, dann wollte ich wenigstens in Gedanken wandern. So betrachtet, kommt nun doch die Anfangsgeschichte ins Spiel: ein Sturz beim Wandern ist wirklich Pech, aber dann kam glücklicherweise die Inspiration zu einer Phantasiewanderung und später sogar zum Manuskript. Wer weiß, wer weiß? Die kurze Geschichte zum Abschluss bietet eine mögliche Antwort an.

Aus der so begonnenen Phantasie-Wanderung wurde eine ebensolche Kanufahrt. Unerwartete Begegnungen und Erlebnisse geschahen, die Reise wurde immer länger und gehaltvoller. Und eines Tages kam zu der ersten Idee eine zweite: warum die Geschichte nicht aufschreiben. Nun liegt dieser "Reisebericht" vor, eine "Visionssuche" anderer Art, in Form einer Erzählung der anderen Art. Bald entwickelte die Geschichte eine eigene, ungeplante Richtung, Erins Reise führte sie nicht zu ihrem vorgestellten Ziel. Sie folgt einer anziehenden Ahnung, muss dann einsehen, wie sie das eigentliche Ziel zwar vor Augen, aber dennoch verkannte hatte. Und schlussendlich findet sie eine Vision, die sie gar nicht gesucht hatte. Rätselhaft? Lesen und herausfinden.

Von Erin konnte ich viel lernen – auch, aber nicht nur - für meine eigenen Reisen. Denn auch das will gelernt sein. Kein pauschal zuhause gebuchtes Hotel mit Flug für mich, ich setze mich in den Campervan und fahre los. Nicht irgendwo hin, sondern wirklich erstmal los, ohne Ziel, ohne Plan. Diese Freiheit, so verlockend sich das anhören mag, stellt allerdings ganz eigene Anforderungen. Man muss jeden Tag aus dem Nichts kreieren und dabei viele Entscheidungen treffen. So betrachte ich die Touren als "work of art in progress" d.h. eine ständige Aufgabe, aus Erfahrungen klüger zu werden. Den Horizont zu erweitern, außen und innen.

"Achtsamkeit", ist ein leider so überstrapazierter Begriff, dessen Bedeutung inzwischen fast schon zur hohlen Phrase wurde. So achtet Erin auf ihre Befindlichkeit, sie macht Pausen oder bleibt an einem Ort über Nacht, vielleicht sogar noch den nächsten Tag, bis sie bereit ist für die neue Etappe.

Sie ist aufmerksam für ihr Wohlbefinden bzw. Unbehagen und insbesondere nimmt sie sich viel, viel Zeit Zu bleiben, anzukommen und noch mehr Zeit, bis sie sich sicher fühlt zum Weitergehen und erkennt, was als nächstes angebracht ist. Wenn ihr bange ist, gesteht sie sich das ein und handelt danach, anstatt das Unbehagen wegzuschieben.

Aber nicht nur dies läßt sie an einem Ort verweilen. Spürt sie mit Freude, an einem Guten Ort angekommen zu sein, gönnt sie sich einen Aufenthalt und hastet nicht davon. Sie vertraut sich selber, ihrem Erleben. Und gleichzeitig auch einer, nennen wir es einmal „guten Fügung“.

Auf diesem Wege ist sie weit gekommen. Ans Ziel? Oder ist, wie der ebenfalls überstrapazierte Spruch besagt, der Weg das Ziel? Was geschieht, wenn es erreicht ist? Stellt sich dann das wunschlose Glücksgefühl ein? Oder winkt bereits das Nächste und macht damit alles Erreichte nur zu einer Etappe unter vielen?

Und gilt nicht dasselbe für die tägliche «Reise» durchs Leben, die Wanderung auf dem «Lebensweg»? Achtsamkeit, Fürsorge & Vertrauen, aber hinterher ist man ja bekanntlich klüger – deshalb mehr dazu im Nachwort.

Begleiten wir nun Erin und sehen, wie es ihr ergeht auf dem Weg zum Horizont.

Denn die Geschichte könnte auch heißen:

von einer, die auszog, hinter den Horizont zu blicken...........

Aktuelle Bedeutung einer not-wenigen Vision

Grundlegend durchgerüttelt wird die Welt nie mehr die sein wie vor der Seuche. Auf Fundamente des Alltags wie Sicherheit oder sozialer Zusammenhalt erschien Verlaß, doch nichts davon bestand den «Stresstest». Den Rest besorgt der Klimawandel. Nun gilt es, zuvor nur von wenigen hinterfragte Lebens- und Wirtschaftsweisen durch zukunftsträchtige zu ersetzen. Und das fordert jede Einzelne zum Umdenken und Umhandeln.

Dringend benötigt werden Visionen, konkrete Utopien, neue Werte & Prioritäten, die zu «nachhaltigem» Bewusstsein und Verhalten anleiten. Und hier kann Erins Reise auf ihre ganz besondere Weise anregen.

Geht es in der Erzählung einerseits um wirkliches, sinnliches Erleben anstelle von gekauftem «Erlebnis» (Erlebnisgastronomie, „Animations“ Ferien, kommerzielle „Events“ &&&), werden auch Seins-Themen berührt wie Selbstverwirklichung, sinnvolles Arbeiten und wie genau durch diese ein Leben in Harmonie sowohl mit der Gemeinschaft als auch der Umwelt möglich wird. In den Begegnungen erfährt Erin alternative individuelle und soziale Lebensentwürfe eines Daseins im Einklang mit dem eigenen Wesen, organisch eingefügt ins Gemeinwohl und einer nicht zerstörerischen Nutzung der Natur, Elemente einer not-wendige Vision.

«Spurenwunder» ist kein Sachbuch mit vorformuliertem konkretem «how to». Vielmehr kann die Erzählung auf ihre Weise tiefe Sehnsüchte und menschliche Grundwesenszüge wecken. Und so der LeserIn einen Raum öffnen für eigene Phantasien, Ideen und Wünsche - einen bislang unentdeckten Pfad – hinter den Horizont.

1. Kapitel: der Weg zum Horizont öffnet sich

Wie jeden Morgen saß Erin auf der Bank vor ihrem Haus im Schatten der Pinie und schaute über die Weite des Landes, das sich tief unter dem Vorsprung bis in eine diesige Ferne erstreckte. Hügelketten und Täler reihten sich hinter- und nebeneinander in alle Richtungen bis zu dem hohen schroffen Felsmassiv ganz am linken Rande ihres Blickfeldes, das so eben noch im Dunst erkennbar war. Dort endete die Sicht und wie häufig und in letzter Zeit immer öfter, regte sich in Erin die Frage, was wohl rechts daneben, hinter dem letzten noch sichtbaren Hügelrücken zu finden sein möge. Ein weiteres Tal und die nächsten, einfach nur niedrigeren Hügel? Oder sollte dort etwa – von irgendwoher kam diese Vorstellung - das Meer liegen?

Sie löste den Blick von dem hellen Massiv und ließ ihn schweifen über die sanften Hügelketten und Täler davor. Und wie so oft erschien es ihr, als läge ein unregelmäßiges Netz von unsichtbaren Punkten darüber, eine Landkarte, die es nicht gab. Eine Verbindung von Plätzen in dieser weiten Landschaft, besonderen Orten, an denen ein Zauber herrschte, der den Besucher wie in eine andere Welt versetzte. Eine Welt, deren Schönheit ein beschwingtes Glücksgefühl aufsteigen ließ, eine Leichtigkeit und tiefe Ruhe. Zwischen Ahnung und Gewissheit schwebte dieses Netz über dem Sichtbaren. Auf ihren Wanderungen war Erin immer wieder zu diesen wundervollen Plätzen wie geleitet worden. Sie wusste sofort, wenn sie an einem, wie sie es nannte Guten Ort angekommen war, hätte allerdings nicht gezielt losgehen können, einen solchen zu finden.

Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte sie sich zurück an den Stamm der alleinstehenden Pinie, in deren Schatten die Bank stand. Sie fühlte die wohlige Wärme der großen trockenen Schuppen der Rinde, wo die Sonne bereits auf den Stamm schien und atmete den Duft des Harzes ein. Über ihr wogen sich dicke Büschel der langen Nadeln in der frischen morgendlichen Brise. Fast meinte sie, spüren zu können, wie vom Boden über die Wurzeln bis zu den Nadeln Wasser ganz sanft, hell und lebendig-froh aufstieg.

Dann wandte sie sich um und ging weiter links an ihrem Häuschen vorbei. Weiter führte ihr Weg durch einen schmalen lichten Steineichenhain zwischen der Almwiese, auf der ihr Haus stand und der hohen runden ebenfalls grasbedeckten Bergkuppe, die sich dahinter erhob. Wie immer blieb sie einen Augenblick unter den halbhohen Bäumen stehen, um sich einfach nur zu freuen. Erin liebte den heimeligen Hain, mehr ein Gehölz als ein Wald, so licht und luftig trotz der dunklen Stämme und Äste der knorrigen Bäume mit den kleinen dunkelgrünen Blättern, die im Wind raschelten, statt wie Laub zu rauschen. Schon hier konnte sie das Rauschen des kleinen Wasserfalls, am Fuß des Berges hören.

Direkt aus einem Felsen ergoss sich das Wasser in ein flaches Becken, um sich scheinbar ohne Abfluss zu verlieren. Erin zog Mantel, Schuhe und Nachtkleider aus, die Morgensonne hatte die Luft genügend erwärmt, und stieg in das Wasser, so frisch und klar wie die Morgenluft. Sonnenlicht und Brise zauberten auf dem Sprühnebel des herabrauschenden Wassers einen Regenbogen und Erin versuchte, sich zu erinnern, wann irgendwo ein Wasserfall "flüssiges Licht" genannt worden war. Sie atmete ein und trat durch den Regenbogen unter den breiten Strahl, nicht viel höher als ihr Kopf. Und sie spürte die reinigende Kraft des sanft herabgleitenden Wassers und stellte sich vor, sie sähe sich jetzt selbst von draußen, umgeben vom flüssigen Licht.

Danach stand sie in der sonnigen Brise und ließ sich trocknen, die langen tropfenden Haare hatte sie in das mitgebrachte Handtuch gewickelt. Sie zog sich wieder an und folgte dem Weg zwischen dem Hain und einem Waldstück am Fuß des Berges auf der anderen Seite des Wasserfalls Nach einigen Schritten blieb Erin stehen und nahm lange das Bild dieses Waldes auf. Hohe Nadelbäume bildeten ein dunkelgrünes Dach über hellem Moos, das den Boden und einige große verstreute helle Felsen bedeckte. Wie jedes Mal erfüllte der Blick sie mit tiefem Glück und Dankbarkeit über Schönheit, Ruhe und Kraft des Waldes an diesem Platz. Vom Weg abbiegend, der weiter geradeaus in einen abschüssigen Laubwald führte, nahm sie den Pfad rechts zurück in den Hain, den sie bald durchquert hatte, um an der Seitenwand entlang zum vorne zur Wiese hin liegenden Eingang des kleinen Hauses aus hellen Sandsteinen, gedeckt mit grau-glänzenden Schieferplatten zu gelangen.

Erin öffnete die Tür und betrat ihr Heim. Sparsam aber mit allem ausgestattet, sah sie auf die Bettstatt in der linken hinteren Ecke, daneben ein niedriger Schrank, den gemütlichen hohen Stuhl mit weichen Kissen vor dem Kamin in der rechten Seitenwand und den Tisch rechts neben der Tür. Neben dem Bett führte eine Tür in das Bad auf der Rückseite des Hauses, neben dem, von außen zugänglich das Kaminholz lagerte. Hell und freundlich mutete ihr Heim an, innen wie außen. Erin liebte die Sandsteinmauern, die sie trotz ihrer Festigkeit weich und fast durchlässig anmuteten.

Angekleidet nach dem Frühstück fiel ihr die Quelle im Talgrund. Dem inneren Bild folgend zog sie feste Schuhe an und machte sich zurück auf den Weg, der hinter dem Hain in großen Biegungen durch einen lichten Laubwald hinunterführte. Bereits vor der letzten Kurve hörte sie das leise Rauschen der Quelle, die am Waldrand neben einer weiten Blumenwiese im Talgrund aus den Felsen des Berges trat, um einen kleinen Teich zu füllen, in dem Erin oft gebadet hatte. Gleich würde ein Pfad links den letzten Abhang hinunterführen. Aber was war das? Sie war diesen Weg schon viele, fast unzählige Male gegangen, um bei der Quelle zu sitzen, den Blick auf die Wiese zu genießen mit ihren Blüten in allen Farben, besucht von zahllosen Bienen und Schmetterlingen. Im Schatten des Baumes gegenüber gelehnt hatte sie gesessen und gedankenverloren oder findend in die Tiefe des Teiches geschaut.

Doch jetzt führte plötzlich der Weg weiter, vorbei an dem Pfad zur Wiese, ohne den Wald zu verlassen. Erin blieb wie angewurzelt stehen. In ihrer Verwirrung bog sie allerdings wie gewohnt ab und ließ sich erst einmal auf das Gras an der Quelle fallen. Gleich stand sie wieder auf, um erst einmal von der Quelle zu trinken. Sie setzte sich, wie haltsuchend an den Baumstamm und nahm die vertraute Umgebung auf. Sie versenkte den Blick im Teich und in der Stille stieg die Erinnerung auf, wie sie morgens, wie jeden Morgen auf der Bank gesessen hatte, ihr Blick angezogen von dem hoch aufragenden Felsmassiv und sich immer mehr eine Sehnsucht gemeldet hatte, zu wissen, zu sehen, was daneben wohl liegen möge. Dort am, nein, hinter dem Horizont bei der letzten Hügelkette im Dunst. Und plötzlich glaubte sie zu verstehen.

Erin erhob sich, "danke und auf Wiedersehen", flüsterte sie und eilte mit entschlossenen Schritten den Weg hinauf zurück zum Haus. Dort angekommen, holte sie den Rucksack aus dem Schrank, rollte Matte und Schlafsack zu einem Bündel, warf einige Kleidungsstücke aufs Bett, die Sandalen zum Wechseln, stopfte, was sie aus dem Bad brauchte in einen Beutel, legte das Tischlein-deck-dich und die beiden sich auffüllenden Wasserflaschen dazu, packte alles säuberlich ein, setzte ihren breitkrempigen Hut auf und schloss die Tür hinter sich. Sie war auf dem Weg zum Horizont.

Als sie unten ankam und, statt zur Wiese abzubiegen, den eröffneten Weg geradeaus weiterging, wurde ihr doch mulmig zumute. Doch "wenn ich nicht jetzt meine Suche beginnen sollte, wäre der Weg nicht erschienen" redete sie sich Mut zu. Und ging weiter. Durch das im Wind Schattentänze aufführende Blätterdach der Bäume sah sie zuerst noch die vertraute Wiese und das aus der Quelle fließende Bächlein, welches sie, dem Pfad folgend mit einem Sprung überquerte. Bald wechselte der Wald zu dichten dunklen Nadelbäumen, federnd wanderte sie auf der weichen Matte von trockenen Nadeln, Moos bedeckte den Boden zusammen mit niedrigen Beerensträuchern und Heidekraut. Die Luft des warmen sonnigen Tages wurde kühler und feuchter und dann lag er vor ihr, ein langgestreckter Moorsee. In dem dunklen undurchdringlichen Wasser spiegelten sich weiße gemächlich dahinziehende Wolken des Sommerhimmels, eine leichte Brise kräuselte das Bild. Mit tiefem Ausatmen ließ Erin erst den Rucksack, dann sich auf das Gras des federnden Bodens an einem schattigen Platz des Ufers fallen und öffnete alle Sinne der wohligen dunklen schweren Stille. Nicht bedrückend oder schwermütig, sondern wie eine wohlige Bettschwere. Noch nie hatte sie einen friedlicheren Ort erlebt. Eine Melodie tauchte wie aus dem Nichts in ihrem Kopf auf und sie begann, leise zu singen: "wie eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt". Selbst wenn sie nicht weiterginge auf ihrer Wanderung, allein diesen bezaubernden Platz entdeckt zu haben, wäre genug des Glücks. Hier wollte sie bleiben, bis sie sich bereit fühlen würde weiterzuziehen.

Noch grösser wurde ihre Freude, als sie beim genaueren Hinsehen unweit eine grobgefertigte Leiter erspähte, die in den See führte. Von der Mittagswärme und dem Marsch aufgeheizt, zog sie sich bis auf die Unterwäsche aus und stieg langsam, sich Sprosse für Sprosse an die Kühle gewöhnend, hinab. Schon kurz unter der Oberfläche verschwanden ihre Beine im weichen braunen Wasser. Nach wenigen Schwimmzügen ließ sie sich auf der wärmeren Oberfläche treiben. Nun fühlte sie sich völlig eingetaucht in diesen ruhenden Ort.

Auf dem weichen Gras nahe der Schwimmstelle entrollte sie ihr Lager, hier wollte sie den Abend erwarten und morgens aufwachen. Sie konnte sich gar nicht sattsehen an dem grün-braunen Farbenspiel des Waldbodens, weich gepolstert mit Moos; Kissen von kleinen Sträuchern wuchsen unter den Fichten, deren niedrige Äste Geborgenheit versprachen. Durch die lockeren Nadeln leuchtete der Sonnenschein, so erschien der Wald nicht finster, sondern warm schattig und gemütlich. Auch die dunkle Schwere des Sees wirkte nicht bedrückend, dies war ein guter, heimeliger Ort für ihre erste Nacht im Unbekannten. Und sollte es ihr doch zu unheimelig werden, so war es nur ein kurzer Rückweg zur Quelle. Hier würde sie sich beruhigt an den ersten Schritt in die weite Welt gewöhnen können.

2. Kapitel: der erste Tag in der Fremde

Erin räkelte sich wohlig im Schlafsack. Das zarte Licht des Morgens hatte sie geweckt nach einer Nacht, die ihr wie ein Traum vorgekommen war. Einige Male war sie aufgewacht, hatte in den funkelnden Sternenhimmel geblickt, den doppelten Mond, der sich im glatten Schwarz des Sees spiegelte und war von der allumfassenden Stille wieder in den Schlaf geleitet worden. Die dunkle Erde, hier noch gehalten vom Gras, am Wasser ausgewaschen zu einem bloßliegenden Geäst der verzweigten Wurzeln bot ihr eine weiche Unterlage.

Ein zauberhafter Morgen, auf der Wasseroberfläche lagen Nebelschwaden, stiegen in wirbelnder, tanzender Bewegung auf, dem rosa-hellblau gefärbten Himmel entgegen, der den dunklen Schimmer des Sees einfärbte. Schwebendes Wasser, dachte Erin entzückt. Viel zu schnell lösten sich die Wölkchen auf, die frische Kühle erfüllte Erin mit froher Erwartung des Tages, des zweiten Tages ihres großen Abenteuers und des ersten in der Fremde.

Nachdem sie mit ihrem Schippchen ein Stück in den Wald gegangen war, hatte die aufsteigende Sonne den Dunst bereits aufgelöst und die Luft ausreichend erwärmt für ein kurzes Morgenbad. Mit ihrem Frühstück aus dem Tischleindeck-dich setzte sie sich zum Aufwärmen in einen Sonnenfleck. Unbeeindruckt paddelte eine Gruppe Blässhühner vorbei, um zwischen den in den See reichenden Wurzeln und den Binsen nach ihrem Frühstück zu tauchen. Sie schaute sich um, ließ sich aufs Neue von dem stillen Frieden des Moorsees zwischen den dunklen Bäumen in seinen Bann ziehen und dann war sie sich gewiss: hier will ich heute den Tag und die nächste Nacht bleiben. Erst wenn ich hier heimisch geworden bin, werde ich bereit sein für den nächsten Schritt. Von diesem friedlichen Ort erfüllt, werde ich mich morgen gefestigt und kräftig fühlen für den weiteren Weg. So wie sie sich langsam Stufe für Stufe an das kühle Wasser gewöhnt hatte, würde sie sich auch Tag für Tag in die Fremde vortasten.

Denn schon bei dem bloßen Gedanken weiter zu gehen, fühlte sie eine fast schmerzhafte Sehnsucht nach dem See. Außer der beglückenden Schönheit des Ortes hielt sie auch das Gefühl, nach dem eiligen Aufbruch des Vortages müsse ein Teil von ihr noch nachkommen. So richtete sie sich bei ihrem Lager häuslich ein, einige Male spazierte sie in beide Richtungen am Ufer entlang und freute sich an dem geheimnisvollen Dunkel des Sees und dem vielfältigen Grün und Braun des Waldes. Unter dem satten Dunkelgrün der Nadeln leuchtete das frische helle Grün der Mooskissen, dazwischen wieder Flecken dunkelgrüner niedrigen Sträucher auf dem rotbraunen Nadelboden, warme hellbraune Stämme, bewachsen mit Flecken weißlich grün-blauen Flechten, erhoben sich aus dem dunklen Torfboden, ein Mehrklang aus zwei Farben.

Froh schlenderte sie weiter und mit einem Mal tauchte ein Gedanke auf: ich schaue nur nach unten, aber könnte ich beim Hoch- und Zurückschauen vielleicht die Umgebung meines Häuschens erkennen? Zwischen Schreck und Freude wurde ihr klar: ich gehe durch meine tägliche Aussicht, ich bin in eine andere Welt gewechselt.

An einer Biegung mit offenen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen war, richtete sie suchend die Augen nach oben. Und tatsächlich, dort über dem dunklen Wald erhob sich steil eine Felswand, dahinter konnte sie gerade noch die grasbedeckte Kuppe des Hügels hinter ihrem Heim erkennen. Dazwischen, sozusagen in der Falte zwischen Kante und Kuppe musste es liegen. Und sie fühlte sich nicht mehr so abgeschnitten, der Teil, auf den sie gewartet hatte, war angekommen.

Später ging sie noch mehrmals baden, ansonsten lag sie einfach im durchlässigen Schatten der Nadelschwingen und betrachtete den Himmel, die ziehenden weißen Wolken, die sich im dunklen Wasser so klar spiegelten und beobachtete, wie sich das Licht erst hell zum Mittag, dann immer wärmer zum Abend veränderte. Dann stand die untergehende Sonne als ein roter Ball über den Baumwipfeln am anderen Ufer, ihr Doppel ließ den See glühen. Fast zum Zuschauen schnell verschwand sie und hinterließ nur noch rot-blaue Streifen, kräftigere Farben als jene, die das zarte Morgenrot gegenüber gezaubert hatte. Erin zog den Schlafsack zu und rückte sich mit einem zufriedenen Seufzer den als Kopfkissen dienenden Wäschesack zurecht. Dieser Tag war ein guter Anfang gewesen auf dem weiteren Weg ins Ungewisse.

Nach einem zugegebenermaßen zögerlich verlängerten Frühstück überwog nun doch die Wanderlust, die Neugier, wohin der Weg sie führen würde. Vielleicht erst mal nur das Ende des Sees erkunden, das noch hinter einer Biegung verborgen lag. Erin verpackte ihr Lager in den Rucksack, hängte das noch nasse Handtuch über die Bettrolle und schulterte ihre Habe. Mit einem aus tiefem Herzen kommenden Dank verabschiedete sie sich von dem Platz, der sie zwei Nächte und einen Tag beherbergt hatte. Der Pfad verlief weiter am langgestreckten Ufer zwischen den Bäumen, hinter einer kleinen Bucht und einer weiteren Kurve, die immer noch das diesseitige Ende des Sees verbarg, erreichte sie den Abfluss des Sees, der hinter einem natürlichen Damm nun als teils lebhaft teils ruhig dahinfließender Bach leicht abschüssig in ein immer enger und tiefer werdendes bewaldetes Tal verlief. Ein guter Platz für die Mittagspause, um nochmal das Wesen des Sees aufzunehmen, bevor sie ihn für eine neue Landschaft verlassen würde.

In der Dämmerung am gestrigen Abend hatte sie nachgedacht. Wenn wirklich neben dem Gebirge das Meer liegen sollte und diese Vorstellung, die Sehnsucht mich dorthin zieht, wie kommt man überhaupt ans Meer? Eigentlich recht einfach: man folgt einem Bach, der zum Fluss wird, der sich mit anderen Flüssen trifft, um schließlich als Strom ins Meer zu münden. Alle Wasserläufe enden im Meer, richtig? Und der Weg war von der Quelle aus dem Bachlauf unterhalb des Waldrandes gefolgt, dem Bach, der zusammen mit anderen Zuflüssen, die sie am gegenüberliegenden Ufer gesehen hatte, den See bildete. Und der nun wieder als Bach den See verließ. Soweit schien der sich öffnende Weg ihrer Überlegung entsprechend am Wasser entlang zu führen. Bei der Erinnerung an den Blick über die weite Täler- und Hügellandschaft und die große Entfernung zum Gebirge verließ sie allerdings für einen Augenblick der Mut. Dann aber sagte sie sich: ich muss ja gar nicht bis dorthin gehen, vielleicht liegt mein Ziel, das Ziel des Weges ganz woanders oder er endet einfach irgendwo. Ich gehe weiter und vertraue auf das, was mir begegnet, auf wundervolle Entdeckungen wie den Moorsee.

Neben der Erinnerung an den Blick in die Ferne tauchte auf das Erahnen der Guten Orte, die sie verteilt über die Landschaft zu erspüren gemeint hatte. Ja, natürlich! Der Moorsee war ein solcher Ort und vielleicht verband der Weg einige miteinander und würde sie noch zu weiteren führen.

3. Kapitel: Abschied vom Moorsee

Ermutigt von diesem Gedanken schulterte sie den Rucksack und begann den sanften Abstieg. Bald schon änderte sich die Umgebung. Hohe lichte Laubbäume ersetzten die Kiefern und der weiche moosige Torfboden ging über in hellen Schotter. Auf beiden Seiten stieg der Wald recht steil an und doch erreichte die Sonne den Bach und zauberte glänzende, fast blendende Lichter auf das Wasser. Das leise Rauschen der Blätter im sanften Wind begleitete sie zusammen mit dem Murmeln des Baches, der mal über Steine sprudelte, mal fast stehend über glatten Felsplatten floss. Hellgraue runde Steine in jeder Größe bedeckten das Bachbett, auf deren trockener Oberseite Moos wuchs.

Auf dem sonnigen Boden des Waldes standen viele Blumen unterschiedlichster Höhe und Farbe. Und als sie durch die neue Landschaft wanderte, merkte sie auf einmal, wie ihre Stimmung sich der der Umgebung annäherte. Gleich dem Bach, der lebhaft und sprudelnd zwischen den Steinen floss, schritt sie beschwingt auf dem fast weißen Schotterweg; das Sonnenlicht, abgemildert durch die Blätter der hohen Bäume schuf eine sanfte Helligkeit, die sich in Erin als lichte, leichte Freude ausbreitete.

Nach einem längeren Marsch erreichte sie eine Stelle, wo der Weg sich vom Bach entfernte, um eine Ansammlung größerer Felsen zu umgehen. Erin suchte durch die teils allein teils in kleinen Gruppen liegenden Felsen den Zugang zum Bach und stand mit freudiger Überraschung vor einer kleinen Sandbank. Zwischen zwei höheren Stufen im felsigen Untergrund wurde ein klarer ruhender Teich aufgestaut.

Hier würde sie zumindest eine Pause einlegen und baden, den Schweiß und Staub der Wanderung an dem inzwischen recht warm gewordenen Sonnentag abzuwaschen und sich, besonders ihre Füße erfrischen. Sie legte den Rucksack ab und zog die knöchelhohen Wanderschuhe aus, um sie durch die am Rucksack hängenden Sandalen zu ersetzen. Am Bach wehte eine leichte Brise und im lichten Schatten der hohen Bäume war gut rasten.

Zuerst galt es, sich mit dem Ort anzufreunden. Sie ging die wenigen Schritte zum Wasser, die Luft hier war, wie das Licht auch, leichter als am Moorsee. Im steilen, aber lichten Wald, kam kein Gefühl der Enge auf, obwohl sie nicht erkennen konnte, was oberhalb des Tales liegen würde. Allerdings schienen es die Vögel auf der unsichtbaren Hochfläche aussichtsreicher zu finde. Kaum ein Zwitschern war zu hören, nur ein leises Rauschen, wo das Wasser sich über die Stufen ergoss.

Dann wandte sie sich um und umkurvte die Felsen. Sie strich mit der Hand über die Oberfläche und stellte verwundert fest, wie glatt und weich diese sich anfühlte trotz der unregelmäßigen Formen mit allerdings nicht scharfen Kanten, den vielen Löchern und Einbuchtungen. Die warme weiche Festigkeit der Felsen sprach von unzähligen Wintern und Sommern, ehrfürchtig fühlte Erin eine Ahnung des Alters der alles überdauernden Steine, geronnene Zeit, dachte sie. In der zweiten Reihe hatten sich drei Felsen an einem Baum verfangen, oder der Baum war zwischen ihnen gewachsen und bildeten eine Art Unterschlupf, groß genug für ihr Lager. Wenn das keine Einladung war; sie hatte ihren Platz für die Nacht gefunden.

Auch den zweiten Lagerplatz hatte sie sorgfältig gewählt. Von der tatsächlichen, aber auch der inneren Entfernung fühlte sie sich noch mit dem Moorsee verbunden. Um weitergehen zu können, galt es, sich nun mit der neuen Umgebung und ihrem ganz eigenen Zauber vertraut zu machen und sich in sanften Schritten in die Fremde vorzuwagen, die Unbekannte so immer in bewältigbarem Maß vor sich herzuschieben.

Als sie nach dem Bad in dem klaren kühlen Teich auf der Sandbank lag, ihre Wäsche hatte sie zusammen mit dem vor allem am Rücken nassgeschwitzten Hemd ausgewaschen und auf einen niedrigen Ast zum Trocknen in die warme Brise gehängt, ließ sie das Wesen des Ortes auf sich wirken.

Zwei ganz unterschiedliche Stimmungen erfüllten diese Stelle im Tal so reichhaltig. Da war das lebhafte klare Plätschern des Wassers unter den hohen lichten Bäumen, so verschieden von der Stimmung am Moorsee. Doch die Felsen schufen eine gute Schwere, die an den schwarzen See im dunklen Wald erinnerte. Eine ganz andere Umgebung und doch versetzte sie Erin ebenfalls in die wohlige Ruhe, die einen Guten Ort anzeigte. Sollte der Weg sie etwa tatsächlich entlang dieses unsichtbaren Netzes, das sie von ihrer Aussichtsbank so oft zu erspüren gemeint hatte, führen?

Nach einer tief verschlafenen Nacht im Schatten und Schutz der Felsen saß Erin nach den morgendlichen Verrichtungen mit ihrem Frühstück im Tischlein-deck-dich auf der Sandbank. Im Talboden hatte es keinen sichtbaren Sonnenuntergang gegeben, nur hatte der sich nähernde Abend das helle Sonnenlicht in warme gedämpftere Farben verwandelt, bis nur noch die Baumkronen orangebraun leuchteten. Morgens tauchte der rosa-hellblaue Himmel das Tal in ein zartes Licht. Als die Sonne dann durch die Blätter auf den Fluss schien, hatte Erin noch einmal gebadet. Nun lauschte sie in sich hinein: wollte sie hier den Tag verbringen und sich weiter vom Zauber des Ortes erfüllen lassen oder weiterziehen, dem Weg folgen? Doch das muntere Plätschern des Baches entschied für sie, sie würde dem Weg und dem Wasser folgen, das so lebendig und hell die Richtung vorgab.

Der Weg verlief weiter gerade und eben im Talboden, die Umgebung veränderte sich wenig zu Erins Freude, die sich noch nicht sattgefühlt hatte an der frischen Helligkeit. Während sie aufmerksam gleichermaßen auf den Boden des Weges achtete, um nicht zu stolpern und den Bachlauf durch die Bäume verfolgte, kam ihr ein Gedanke. Sie setzte sich für eine Pause an eine Stelle, an der das vorher ruhig fast unmerklich über eine der langgestreckten glatten Bodenplatten fließende Wasser sich durch eine Stufe aus Steinen zwängte.

In Wirbeln musste die Strömung mehrere Anläufe machen, um endlich die Enge zwischen den Steinen zu durchfließen und dann in schäumenden Wellen an die Steine zu prallen und letztendlich als kleine Wasserfälle wieder in den gleichmäßigen Lauf zu kommen. Lange schaute sie wie gebannt zu. Wie das Leben, dachte sie dann, gleitend mühelose Zeiten werden unterbrochen von Hindernissen und Widerständen. Aber das Leben findet seinen Weg, selbst wenn es mehrere Runden braucht. Es stößt sich an dem Hindernis, doch genau dort sammelt sich das flüssige Licht, nimmt die Luft auf und schlussendlich fließt das Wasser angereichert weiter – bis zum nächsten Stein im Weg.

Auch in den Bäumen an Ufer und Hang sah sie Zuversichtliches. An einer Stelle war ein Baum vom Hang auf den Weg gestürzt. Doch unbeirrt wuchsen neue Zweige dem Himmel, der Sonne entgegen. Ein anderer Baum wuchs dicht an einer steilen Kante zum Weg. Sein Stamm hatte sich wie ein U biegen müssen und ragte doch kräftig und standfest nach oben, den anderen Bäumen in nichts nachstehend. Aus einem schon fast verrotteten Stumpf spross ein kleiner buschartiger neuer Baum.

Mit ehrfürchtiger Bewunderung betrachtete Erin diese Urkraft der Natur, den Willen zum Wachstum über fast jedes Hindernis und Misslichkeit hinweg. Hier, dachte sie lächelnd, bekommt das Wort „Baumschule“ eine ganz neue Bedeutung, was kann ich alles von den Bäumen und dem Bach lernen.

Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie unterschiedlich Baumrinden aussahen und sich anfühlten. Die grob abblätternden Fetzen der Laubbaumstämme hier in den Uferwäldchen waren völlig verschieden von den schmalen gerade aufsteigenden Rillen der Eichen und diese wieder sahen ganz anders aus als die von tiefen Einschnitten getrennten großen Schuppen der Pinien. Erin meinte, auch ein anderes Wesen unter der Rinde erspüren zu können, wenn sie die Hände darauflegte. Im Gegensatz zu der kraftvoll aufrechten hölzern-trockenen Eiche fühlten sich die Nadelbäume warm, weich und biegsam an wie das Harz, das aus ihrer Rinde tropfte.

Lange blieb der Weg im Tal unverändert, dann, einige Zeit war bereits nach der Mittagsrast vergangen, bemerkte sie, wie die Hänge auseinanderliefen und das Tal sich verbreiterte. Und schließlich versprach helles Licht durch die Bäume am weiteren Verlauf das Ende des Waldes. Plötzlich öffnete sich die Aussicht, sie sah nur noch den Sommerhimmel, denn dort, wo der Wald in eine Grasfläche mit Büschen überging, fiel das Gelände recht steil ab. Als sie sich der Kante näherte, blieb sie wie angewurzelt stehen und sog sie überrascht den Atem ein. Unter ihr lag ein weites grünes Tal, von den beiden Höhen des Tales, aus dem sie kam, wie von ausgebreiteten Armen umschlossen. Der Bach stürzte den Hang in mehreren Stufen herab, um unten als Fluss die Ebene zu durchqueren. Dort angereichert von zahlreichen Bächen, die sie im Licht blitzen sah, floss er träge dahin.

Am langen, flach abgeschliffenen Bachbett vor der ersten Stufe setzte sie den Rucksack auf dem Boden ab, zog Schuhe und Strümpfe aus und stieg ins Wasser. Eine Wohltat nach der langen Wanderung und sie fühlte, wie die kühle Strömung, die sich an ihren Fersen teilte, die Anstrengung aus den Füssen wusch. Wohlig erfrischt widmete sie sich ganz der Aussicht auf das weite langgestreckte Tal, dessen zwei begrenzende Hügelketten am Ende sich im Dunst wieder annäherten zu einer Enge durch die das glänzende Band des nun breit und träge dahinströmenden Fluss in eine nicht erkennbare Ferne verschwand.

Jetzt galt es, einen Platz für ihr Lager zu finden. Als sie sich umschaute, entdeckte sie gleich neben ihr einen Pfad zwischen spärlichen Sträuchern den grasigen Hügel hinaufführen. Schon nach wenigen Schritten fiel ihr eine Lücke zwischen zwei Büschen auf, sie zweigte vom Pfad ab und stand unvermittelt auf einem Felsvorsprung, der wie ein Aussichtsplatz das Tal überblickte. Und auf der Rückseite sah sie zu ihrer hellen Freude eine Einkerbung in der Wand, die wie der Überrest eines abgetragenen unterirdischen Wasserlaufs aussah, länglich glatt abgeschliffen bot sich diese kleine Höhle nachgerade an, dort das Lager auszubreiten. Sie ging zurück, den Rucksack zu holen und tat genau das. Der nächste Gute Ort war gefunden.

4. Kapitel: Ausblicke und Einsichten

Nach dem morgendlichen Bad und Frühstück saß Erin wieder auf dem Aussichtsvorsprung beim Lager. Sie schaute genauer auf das sich unter ihr ausbreitende Tal, durchzogen vom in der Sonne glänzenden Band des Flusses. Waldstücke schienen sich mit Wiesen abzuwechseln, das Flussufer war gesäumt von hellen Bäumen. In der Dunkelheit des vergangenen Abends hatte sie mit einigem Herzklopfen die Ebene abgesucht nach Lichtern, die von Besiedlung gezeugt hätten, aber nichts entdeckt. Soweit war sie beruhigt, sich nach dem Abstieg nur der unbekannten Gegend und nicht auch noch deren Bewohnern stellen zu müssen.

Nun richtete sie die Augen auf den Verlauf des Flusses und sein Verschwinden in der uneinsehbaren diesigen Ferne hinter dem schmalen Durchgang. Und wieder fühlte sie diese entmutigende Schwere. Wie weit es ist? Wie viele Tage werde ich wandern müssen, um dort anzukommen. Schon bei dem Gedanken an eine tagelange Wanderung am immer gleichen Flusslauf erzeugte in ihr eine bleierne Müdigkeit. Doch dann schaute sie mit verändertem Blick auf das in der Sonne glitzernde Wasser und die grüne Ebene und in ihr erwachte die Neugier auf die wieder völlig andersartige Gegend. Auch dort werde ich Gute Orte finden und Schönes erleben, das Wandern ist an sich schon eine Freude, ich werde an einladenden Plätzen raste und im Fluss schwimmen können, nachdem ich bereits in einem See und einem Bach gebadet habe. Aber heute, heute wollte sie noch oben bleiben und sich von hier aus mit der unbekannten Gegend dort unten vertraut machen, bevor sie diese betreten würde.

Während sie versonnen und aufmerksam zugleich von ihrem Beobachtungsposten, wie sie den Lagerplatz grinsend nannte, ihren nächsten Wegabschnitt, die sich unter ihr erstreckende Flussniederung betrachtete, kam ihr ein Gedanke: ob dieses Tal eines derjenigen ist, die ich von meiner Bank aus gesehen habe? Und während sie die Grenze des Sichtbaren, an der der Fluss verschwand, betrachtete, tauchte noch ein anderer Gedanke auf: auch das ist ein Horizont.

Nachdenklich ließ sie den Blick schweifen über die Aussicht und deren Ende bei der Flussenge. War das das Ziel ihres Weges? Nicht der ferne, sondern dieser Horizont? Doch dann schüttelte sie den Kopf und holte sich zurück, das werde ich wissen, wenn ich dort ankomme. Der Weg wird enden oder weitergehen.

Und sie erinnerte sich an die unterschiedlichen Ausblicke, Horizonte auf ihrem bisherigen Weg. Am See, dachte sie, habe ich nur das gegenüberliegende Ufer sehen können. Selbst den abfließenden Bach konnte ich noch nicht einmal erahnen, bevor ich ihn sah. Weit weniger sogar konnte ich im Wald am Bach den Verlauf des Weges im Voraus erkennen. Nun stehe ich vor einem weiten Blick, der aber auch nur wieder im Ungewissen endet. Und mein eigentliches Ziel, das mich auf den Weg gebracht hat, ist gar nicht mehr zu sehen. Zu ihm folge ich nur noch dem Gedanken, vom Wasser geleiten zu werden und irgendwann dort anzukommen. Sofern der Weg nicht endet oder ein neues Ziel vorgibt. So verging der Tag. Sie war zum ersten Becken hinabgestiegen, um zu baden, hatte sich dann vor der Sonne in den Schatten am anderen Ufer des Bachs zurückgezogen und versucht, sich mit dem nächsten Abschnitt, der langen Wanderung durch das Tal anzufreunden. Zwar tat der Ruhetag ihren schmerzenden Schultern gut, die das Gewicht des Rucksacks nicht gewohnt waren und auch ihre Beine und Füße freuten sich, statt viele Schritte machen zu müssen, hochgelegt oder im kühlen Wasser erfrischt zu werden.

Denn schon beim Anblick der sich eher eintönig hinziehenden Strecke, sie rechnete mit mindestens drei Tagesmärschen, erzeugte wieder diese bleierne Schwere. Zuvor, erinnerte sie sich, habe ich mich sozusagen von einem Baum zum nächsten gehangelt und hinter jedem konnte sich eine Veränderung des Weges verbergen. Lachend sah sie vor sich das Bild eines Esels mit der vor die Nase gehängten Möhre, der er unermütlich nachlief. Nun sehe ich, wie weit es sein wird und die schiere Größe ihres Vorhabens, von dem dies auch nur ein Teil sein würde, ließ sie ermüden und fast verzagen. Ja, dachte sie, man geht nicht einmal los, sondern immer und immer wieder. Und nun? Kein Zweifel, ein erfrischendes Bad war angesagt.

Langsam wurden die Farben gedämpft und wärmer, der Abend kündigte sich an mit kühlerem Wind aus dem Bachtal und die Sonne senkte sich über die bewaldete Hügelkette jenseits des Flusses, der in ihrem Licht erst golden, dann rot leuchtete. Der glühende Ball versank hinter der nun schwarz erscheinenden Linie und von den hellen Steinen stieg wohlig die aufgenommene Wärme des Tages hoch. Wieder durchforstete ihr Blick die Ebene nach einem Licht. Aber alles wechselte nur vom natürlichen Grau der Dämmerung zu der Schwärze der Nacht, kaum erleuchtet vom Abendstern und der schmalen Mondsichel. Nach und nach erschienen immer mehr Sterne, als mache jemand einen Rundgang und entzündete ihre Lichter, bis der ganze Himmel in großen und kleinen, einzelnen und in Formen verbundenen Sternen erstrahlte. Erin ging zu ihrem Lager in der noch warmen glatten Einbuchtung und legte sich in den offenen Schlafsack. So würde sie gut schlafen, war ihr doch schon wie in einem Traum.

Noch im Schatten der Morgensonne erwachte Erin aus einem tiefen Schlaf. Sie wickelte sich aus dem Schlafsack, ging die wenigen Schritte nach zum Rand des Vorsprungs und ließ den Blick schweifen über den nächsten Abschnitt ihrer Wanderung, ihren heutigen Tag. Der in sanften Tönen strahlende Himmel zauberte erwachendes Grün auf Wald und Wiesen, zwischen denen der Fluss aufleuchtete. Eine noch frische Brise vom Hügel herab mischte sich in Wirbeln und Schichten mit der aufsteigenden feuchten und wärmeren Luft aus der Flussniederung. Jetzt fehlte nur noch ein die letzten verschlafenen Lebensgeister weckendes Bad im klaren Wasser.

Später saß sie mit dem Tischlein-deck-dich auf den Knien am Beobachtungsposten, kaute auf dem darin angebotenen Brot und schaute auf die sich vor ihr ausbreitende Landschaft. Einerseits zögerte sie, diesen Lagerplatz zu verlassen, der doch alles bot, eine wohlige Bettstatt, den erhebenden Ausblick in die Weite und nicht zuletzt das Badebecken. Sie könnte noch einen Tag bleiben und den Hügel erklimmen, um zu erfahren, was sich oben hinter diesem Horizont verbarg. Sie wusste, was sie zaudern liess. Der Abstieg in die langgestreckte Ebene erschien ihr wie der eigentliche Beginn ihres Abenteuers, des Weges zum fernen unbekannten Ziel und nun musste sie sich aufs Neue oder gar erstmalig entschließen, ihn wirklich zu gehen.

Aber dann wurde ihr Blick angezogen von dem nun durch die höherstehende Sonne angestrahlten Fluss, der sich tief unter dem Fuß ihres Lagerplatzes zog bis zu der fernen Enge. Ein von hier aus scheinbar lautlos dahinströmendes Band, das sie mitnehmen und zum nächsten Horizont tragen würde. Und so erschien ihr nun dieser Wasserlauf als ein Weg, der sich ihr öffnete, wie es derjenige an der Quelle getan hatte. An dem entlang sie wandern sollte und der sie weiter zum Ziel bringen würde.

So rollte sie ihr Lager zusammen und setzte den Rucksack auf. Zum Abschied wandte sie sich noch einmal um, „Danke und auf Wiedersehen“ flüsterte sie dem Wesen des Ortes zu, ging den Pfad hinunter zum Bach und begann anschließend den Abstieg in die Ebene. Während der Bach geradeaus zwischen Steinen und teilweise in höheren Stufen, unter denen sich Becken gebildet hatten den langen steilen felsigen Abhang hinunter rauschte, führte der Schotterweg in Windungen durch Sträucher und niedrige Bäume. Zwar war Erin an Steigungen gewöhnt, aber der Rucksack veränderte ihr Gleichgewicht. Einige Male musste sie sich an einem der schmalen Stämme festhalten, um nicht wegzurutschen. Dann war es geschafft, sie hatte den Talboden erreicht.

Offensichtlich gab es im Hang Zuflüsse, denn der Bach hatte sich inzwischen breit ausgedehnt und floss nun ruhig und tief in seinem zwischen Wiesen eingegrabenen Bett. Die Ufer säumten Büsche, die den Zugang zum Fluss erschwerten und Wiesen wechselten sich, so wie von oben gesehen, ab mit kleinen Waldstücken. Erin nahm den Rucksack wieder auf, den sie zu einer kleinen Atempause abgelegt hatte. Deutlich sichtbar verlief der Pfad in Ufernähe auf ihrer Seite, zuerst durch mit bunten Blumen durchzogenes Gras, um danach in einem lichten Wald zu verschwinden. So würde es wohl die nächsten Tage weitergehen, vermutete sie. Sie wechselte die Wanderschuhe, für die vor ihr liegende Strecke brauchte sie diese nicht mehr, gegen die luftigeren Sandalen aus und macht sich auf zur Durchquerung der Ebene.

So wanderte sie über bunte Wiesen, dann wieder durch lichte Auenwäldchen zur nächsten Wiese. Unter den Bäumen konnte sie wenigstens den Fluss sehen und auch auf kleine Sandbänke hinuntersteigen, um zumindest die Hand in das nun schon im Vergleich zum Bach oben aufgewärmtere grün-braune Wasser zu halten. In der Mittagshitze rastete sie auf einer dieser Sandbänke und kühlte die beanspruchten Füße im Fluß, doch für ein Bad war ihr das recht uneinsehbare Wasser nicht geheuer.

Während sie auf bessere Wanderbedingungen in der Nachmittagssonne wartete, sinnierte sie über die neue Umgebung. Und ihr fiel auf, wie sie gerade durch die eintönige Landschaft aufmerksam geworden war für die kleinen Schönheiten am Wegesrand. So hatte sie sich mehrfach – soweit es die Last auf ihrem Rücken zuließ – zu Blumen hinuntergebeugt, um Farbe und Gestalt zu bewundern.