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SPURLOS E-Book

Leon Sachs

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Beschreibung

Zwei panische Kronzeugen. Zwei Leichen. Nur eine Lösung: selbst untertauchen.

Robin Grafs Job ist es, Menschen verschwinden zu lassen – spurlos und besser als jeder Zeugenschutz. Doch dann werden zwei ihrer wichtigsten Klienten zeitgleich ermordet. Ihre Alarmglocken schrillen: Wie konnten die beiden untergetauchten Kronzeugen enttarnt und aufgespürt werden? Waren sie nur die ersten Opfer auf einem blutigen Rachefeldzug? Und wem kann Robin jetzt noch trauen? Als sie selbst zur Zielscheibe wird, muss sie sich eingestehen: Niemand ist mehr sicher, auch nicht ihre Familie. Es gibt nur einen Ausweg: Sie muss alles aufgeben, um ihre Liebsten vor der mörderischen Jagd zu schützen.

Packend, rasant, atemraubend. Der fulminante neue Thriller von Leon Sachs

»Intelligent und mit raffinierten Twists jagt uns Leon Sachs durch die Seiten. ATEMLOS sollte dieser Roman heißen!« Romy Fölck

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Seitenzahl: 417

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Leon Sachs (das Pseudonym des Autors und Journalisten Marc Leon Merten) ist gebürtiger Kölner, lebt in Bonn und arbeitet in seiner Heimatstadt. Sachs ist Mitglied im SYNDIKAT, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Wenn er sich nicht gerade rasante Thriller ausdenkt, steht er im Stadion des 1. FC Köln und feuert als treuer Fan seine Lieblingsmannschaft an.

Begeisterte Stimmen über Leon Sachs’ Thriller:

»Leon Sachs ist ein Meister seines Fachs.«

Deutschlandfunk Kultur

»Ein glänzend erzählter Thriller. Spannend, mitreißend – und in seiner Aktualität schlichtweg furchteinflößend.« Melanie Raabe über Der Zirkel

»Für mich der beste Thriller des Jahres.«

Mike Altwicker, WDR-TV »Hier und heute« über Die Villa

»Ein Muss für alle Freunde exquisiter Thriller.«

Kölner Stadt-Anzeiger über Der Zirkel

Außerdem von Leon Sachs lieferbar:

Der Zirkel

Die Villa

www.penguin-verlag.de

Leon Sachs

SPUR

LOS

Thriller

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Copyright © 2024 der Originalausgabe by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack

Redaktion: Carlos Westerkamp

Umschlaggestaltung: bürosüd GmbH, München

Umschlagabbildung: Trevillion Images, Mark Owen,

www.buerosued.de

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-31737-9V004

www.penguin-verlag.de

Übersicht

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1

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Epilog

Schlusswort des Autors

Dank

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Newsletter-Anmeldung

Für Lars

Prolog

Die Dunkelheit fraß sich durch jede Lichtquelle. Selbst die starken Scheinwerfer konnten die Schwärze kaum durchdringen. Mond und Sterne hatten schon vor Stunden ihren Kampf gegen eine massive Wolkenwand aufgegeben. Und Straßenlaternen suchte man hier vergebens.

Robin Graf umklammerte das beheizte Lenkrad des Bentley Flying Spur wie einen Rettungsring auf dem offenen Meer. Ihr Chef hatte darauf bestanden, dass sie die zweihunderttausend Euro teure Limousine nehmen würde. Und so steuerte sie das Luxusgefährt mit seinen 625 PS vorsichtig durch die Nacht, während ihr Blick im Sekundentakt zwischen der Straße und dem Rückspiegel hin- und hersprang.

Es war niemand zu sehen. Weder vorne noch hinten.

Sie war allein. Allein mit der Dunkelheit.

Wenn man von dem Mann absah, der auf der ledernen Rückbank saß.

Er war vierzig Jahre alt, trug einen stahlgrauen Anzug, hatte seine Beine im geräumigen Fußraum lässig überkreuzt, und Robin bezweifelte, dass er ihren Namen kannte. In den vergangenen Stunden hatte er sie lediglich Tiger genannt, nachdem er ihre gemusterten Stiefeletten begutachtet hatte. Robin hatte sich nur mit Mühe eine bissige Bemerkung verkniffen. Sie mussten es nicht mehr lange miteinander aushalten und würden sich nie wiedersehen. Kein Grund also zu offener Feindseligkeit.

Die eisblauen Augen des Mannes, in der Dunkelheit für Robin im Rückspiegel nur schwach auszumachen, blickten stur geradeaus. Die markanten Augenbrauen waren zu einem ständigen Runzeln verzogen. »Wie weit noch?«, lauteten die einzigen Worte, die er wiederkehrend an sie richtete, seit sie losgefahren waren. Ein Blick auf das Navi in der Mittelkonsole hätte es ihm verraten. Doch offenbar schien es ihm wichtig, sie alle halbe Stunde danach zu fragen.

Zumindest nannte er sie dabei nicht ständig Tiger.

»Noch zwanzig Kilometer«, erwiderte Robin nun, als sie seine Stimme erneut vernahm. Sie versuchte das Zittern in ihrer Antwort auf ein Minimum zu beschränken. Es gelang ihr nicht.

Vor wenigen Minuten hatten sie die A 21 verlassen und waren abseits der Autobahn in die Dunkelheit eingetaucht. Statt weiter nach Wien zu fahren, steuerte Robin über die Bundesstraße 210 südöstlich in Richtung Baden. Sie blickte auf den Bordcomputer. Es war 5:28 Uhr. Die Sonne würde erst in über zweieinhalb Stunden aufgehen und die Wolkendecke grau schimmern lassen. Bis dahin hätte sie ihre Mission erfüllt.

Zumindest hoffte sie das.

Die Landstraße schlängelte sich zwischen bewaldeten Hügeln hindurch. Robin hatte sich die Strecke vor ihrer Abfahrt genau eingeprägt, gerade diese letzten Kilometer. Jede größere Kreuzung, jeden Orientierungspunkt wie die Cholerakapelle im Helenental, an der sie gerade vorbeifuhren. Sie hatte perfekt vorbereitet sein wollen für diese Aufgabe, ihre erste im Außendienst der Agentur, für die sie seit einem Jahr arbeitete.

Vor zwei Tagen hatte die erste Etappe sie von Frankfurt nach München geführt. Dort hatte sie den Klienten bei den nötigen Vorbereitungen unterstützt. Sie hatte sein Penthouse am Gärtnerplatz gesäubert, alle Beweise vernichtet und alle Spuren beseitigt. Währenddessen hatte Gregor Thomanek an seinem Firmensitz auf der Leopoldstraße unauffällig dasselbe getan, unterstützt von seiner langjährigen Assistentin Julia Hamm.

Dann hatte die zweite Etappe begonnen. Am Abend hatte sich Thomanek mit seiner Assistentin und zwei seiner engsten Mitarbeiter in der Bar Giornale getroffen. Er hatte ihnen versichert, nichts mit dem Skandal zu tun zu haben. Er hatte – wider besseren Wissens – betont, MoneyLine sei ein seriöses Unternehmen, und er könne sich die fehlenden Milliarden in der Bilanz nicht erklären. Er hatte versprochen, schon am nächsten Tag höchstpersönlich nach Singapur zu fliegen, um in der dortigen Dependance die nötigen Beweise für seine Unschuld zu sammeln. In wenigen Tagen würde er zurück sein, um alle Vorwürfe gegen sich und gegen MoneyLine zu entkräften.

Erst nach Mitternacht waren sie auseinandergegangen, während Robin die ganze Zeit im Bentley vor dem Edel-Italiener gewartet und die Unterhaltung über einen Transmitter mitgehört hatte. Die Verabschiedung zwischen Gregor Thomanek und Julia Hamm hatte keine Fragen offengelassen, dass zwischen dem milliardenschweren Firmenboss und seiner Assistentin, einer hochgewachsenen Schönheit mit slawischem Einschlag und einem frechen Kurzhaarschnitt, mehr gewesen war als berufliche Professionalität.

Doch mit der Verabschiedung hatte ihre Beziehung geendet.

Auch wenn Julia Hamm dies erst später realisieren würde.

So wie alle Beziehungen des Gregor Thomanek in dieser Nacht enden würden.

Und es die ganze Welt erst später realisieren würde.

Statt direkt bei Robin einzusteigen, hatte Thomanek ein Taxi zu seiner Wohnung genommen. Wie abgesprochen war Robin dem Auto gefolgt und hatte unweit des Gärtnerplatzes gewartet. Erst nachdem ihr Klient sich direkt vor seinem Haus hatte absetzen lassen und gewartet hatte, bis das Taxi an der nächsten Ecke verschwunden war, war er zum vereinbarten Treffpunkt gekommen. Über der Schulter eine Laptoptasche, in der Hand einen dieser Rollkoffer, die Männer seines Standes bei sich führten, wenn sie zu einem kurzen Businesstrip aufbrachen.

Seitdem saß Thomanek auf dem Rücksitz, den Laptop unberührt, seit sie München in Richtung Österreich verlassen hatten. Schweigend, beobachtend – und mit einem falschen Reisepass in der Innenseite seines Jacketts.

Den Pass hatte Robin während des Abendessens von einer Kontaktperson ihrer Agentur zugesteckt bekommen. Jetzt musste sie Thomanek nur noch sicher zu seinem Flugzeug bringen, das um Punkt 7:00 Uhr vom Flughafen Vöslau-Kottingbrunn abheben sollte. Alles war vorbereitet, alles war innerhalb von nur wenigen Tagen orchestriert worden. Nun hing der Ausgang davon ab, ob Robin die wertvolle Fracht rechtzeitig aus ihrer Limousine in den wartenden Privatjet beförderte.

Sie erreichten Baden, und mit den Häuserreihen wich die Dunkelheit. Auf den Dächern lagen die ersten Schneeflocken des Winters. In den Fenstern leuchtete Weihnachtsdekoration in allen Formen und Farben. Die Temperaturanzeige ihres Autos signalisierte potentiellen Bodenfrost. Robin hielt sich strikt an das Tempolimit.

Die Umgehungsstraße führte sie südlich am Kurort vorbei in Richtung Autobahn. Robin wusste, dass sie gleich zu einem Supermarkt kommen würden, an dem sie links würde abbiegen müssen. Dann würde es über die Brücke gehen, noch einmal rechts und links – dann würde das Flughafengelände direkt vor ihnen liegen.

Es war in diesem einen unaufmerksamen Moment, da sie das Blaulicht sah. Erschrocken zuckte sie zusammen, das Auto machte einen kleinen Schlenker, ehe sie das kraftvolle Gefährt wieder sicher in der Spur hatte. Robin gefror das Blut in ihren Adern wie die Wasserkristalle auf den Grashalmen der umliegenden Vorgärten. Ein Polizist stand mit einer Kelle am Straßenrand und bedeutete ihr anzuhalten. Auf der Rückbank stellte Thomanek seine gekreuzten Beine auf. Er sagte nichts.

Robin fuhr vorsichtig rechts ran, brachte den Wagen zum Stehen und ließ das Seitenfenster herab. Der Polizist und eine Kollegin kamen langsam auf sie zu, jeweils die Rechte an der Waffe am Holster, eine Taschenlampe in der Linken. Während der Mann an Robins Seite trat, schritt die Frau um das Auto.

»Guten Morgen, allgemeine Verkehrskontrolle«, sagte der Polizist. »Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte!«

»Guten Morgen«, gab Robin so gelassen wie möglich zurück. Das Herz schien ihren gesamten Brustkorb auszufüllen, als sie in ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz nach den Papieren suchte.

»Wohin des Weges?«, fragte der Polizist. In seiner Stimme schwang Argwohn mit, womöglich, weil eine junge Frau ein solch teures Auto fuhr, während ein mehr als zehn Jahre älterer Mann nicht neben ihr, sondern im Fond saß.

»Ich bringe meinen Chef zu einer Konferenz nach Graz«, improvisierte Robin, und sie war überrascht, wie leicht ihr die Lüge von den Lippen ging.

Graz lag in der Tat auf ihrem Weg in Richtung Süden. Unauffällig blickte Robin in den Rückspiegel und suchte nach Anzeichen der Polizistin, konnte sie aber nicht entdecken. Schnell überschlug sie, ob sich irgendetwas im Auto befand, das sie hätte kompromittieren können. Ihr wollte nichts einfallen.

Außer natürlich Gregor Thomanek.

Zwar wurde nach Thomanek nicht gesucht, schon gar nicht per Haftbefehl. Zumindest noch nicht. Noch durfte er sich frei bewegen. Das Problem war aber, dass niemand wissen sollte, dass er hier war. Julia und seine engsten Vertrauten gingen davon aus, dass ihr Chef am Morgen nach Singapur fliegen würde – und zwar von München aus. All ihre Mühen wären null und nichtig, würde ihn nun jemand erkennen und später aussagen können, dass Thomanek am Tag seiner Flucht in der Nähe eines österreichischen Privatflughafens gesehen worden war.

Doch erst einmal gab sich der Polizist an ihrem Fenster mit ihren Papieren zufrieden. Er bedeutete seiner Partnerin, ihn zu begleiten, und gemeinsam verschwanden sie im Einsatzfahrzeug. Das Blaulicht durchschnitt die Nacht, während sich am Horizont noch immer keine Anzeichen des nächsten Morgens abzeichneten.

Robin blickte auf die Uhr. Sie hatte keine Erfahrung, wie lange eine Verkehrskontrolle in Österreich dauerte. Es vergingen sechs Minuten, ehe das Duo wieder ausstieg und auf sie zukam.

»Seit wann sind Sie unterwegs?«, fragte der Polizist, als er wieder neben ihrer Tür stand.

Robin sah auf ihre pinke Swatch, ein Andenken aus der Zeit ihres Jurastudiums, mit der sie dem Trend zur Smartwatch – und vor allem zur Fitnessuhr – trotzen wollte. Für einen verrückten Moment sorgte sie sich, der Österreicher neben ihr könnte Anstoß daran nehmen, dass sie eine Schweizer Uhr trug. Dieser absurde Gedanke ließ sie schmunzeln und vertrieb ihre Nervosität.

»Seit etwas mehr als einer Stunde. Wir kommen aus St. Pölten und müssen um acht in Graz sein. Das dürften wir doch schaffen, oder?«

An St. Pölten waren sie vorhin vorbeigekommen. Sie hoffte, dass der Polizist den Köder schnappen und sich als Gentleman erweisen würde. Und tatsächlich.

»Kein Problem«, sagte der Mann, »aber nehmen Sie ab Neunkirchen die S 6. Auf der A 2 gibt es einige Baustellen, die machen das Fahren gerade etwas hässlich.« Er reichte ihr die Papiere. »Gute Fahrt!«

Robin bedankte sich und ließ sich Zeit, die Papiere in ihrer Tasche zu verstauen. Mit eiskalten Händen schaltete sie wieder auf Drive. Langsam glitt die Limousine zurück auf die Straße. Sie sah nicht mehr zurück.

»Beeindruckend«, ertönte Thomaneks Stimme von der Rückbank. »Sie haben keine Miene verzogen.«

Robin suchte nach einem spöttischen Unterton, doch der Mann meinte es offenbar ernst.

»Gute Vorbereitung ist alles«, gab sie zurück.

Sie sah ihn im Rückspiegel nicken und lächeln.

»In der Tat, Tiger! Gute Vorbereitung ist alles.«

Robin rollte mit den Augen. Sie wartete, ob noch ein anderer Kommentar folgen würde, doch offenbar hatte Thomanek seinen Wortschatz für das Gespräch mit ihr aufgebraucht.

Er war ein seltsamer Mann, dieser Thomanek. Vierzig Jahre alt, hatte er als Wunderkind der FinTech-Branche gegolten und mit MoneyLine ein Online-Zahlungssystem erfunden, welches PayPal in kürzester Zeit Konkurrenz gemacht hatte. Das Problem: Im Herzen war es ein riesiges Betrugsmodell gewesen. Vor einer Woche hatten externe Wirtschaftsprüfer die Bombe platzen lassen und erklärt, man könne die Bilanz des abgelaufenen Geschäftsjahres nicht absegnen. Der Grund: Es fehlten über zwei Milliarden Euro.

Das war der Moment gewesen, als Thomanek Robins Agentur kontaktiert hatte. Ihr Chef hatte sich bei einer gewissen Klientel einen Namen gemacht. Sein Angebot waren individuelle Lösungen für besondere Probleme. Die Lösung im Fall Thomanek sah vor, ihn außer Landes zu schaffen. Genauer gesagt: Thomanek würde verschwinden. Und zwar spurlos.

Genau deshalb hatte Robin die vergangene Nacht nicht geschlafen, sondern stattdessen Thomanek aus München herausgebracht. Nun, viereinhalb Stunden später, bog sie mit ihm auf die Zufahrtsstraße zum Privatflughafen Vöslau-Kottingbrunn ab.

Zunächst hatte Robin nicht verstanden, wie ein Mensch spurlos verschwinden konnte, wenn er per Flugzeug reiste – mit einem Flugticket, einem Reisepass und biometrischen Kontrollen. Doch hier, keine halbe Stunde südlich von Wien, lief die Welt etwas anders. Hier gab es in der Regel keine Passkontrollen. Hier hoben nur private Flugzeuge oder kleine Chartermaschinen ab. Die Polizei sah nur in unregelmäßigen Abständen nach dem Rechten und verließ sich darauf, dass die Leitstelle die Bücher gewissenhaft führte. Das tat sie auch, jedoch arbeitete dort niemand, der einen gut gefälschten Reisepass von einem echten hätte unterscheiden können.

So ließ man Robin am Gatter ohne weitere Fragen ein, und sie steuerte den Bentley über das Rollfeld. Da stand sie, eine Cessna Citation Mustang 510, ein kleiner Jet, gerade einmal zwölf Meter lang. Robins Agentur hatte die Maschine bei einer Innsbrucker Charterfirma angefordert. Sie hatte Platz für vier Personen, und als Robin Graf Gregor Thomanek über die kleinen Klappstufen an Bord folgte, bekam sie das Gefühl, in dieser Sardinenbüchse niemals mehrere Stunden Zehntausende Fuß über den Wolken verbringen zu wollen. Dabei fehlte es nicht an Komfort. Je zwei bequeme Ledersessel standen links und rechts zueinandergedreht, sodass sich vier Personen gegenübersitzen konnten.

Thomanek bezahlte den Kapitän. Fünftausend Euro sofort, fünftausend nach der Landung. Das Ziel: Minsk, Belarus. Nicht gerade Robins Traumdestination, aber wenn man ein Wirtschaftskrimineller war, musste man nehmen, was man kriegen konnte. Und Thomanek würde sicher noch so manches bekommen für das Geld, das er besaß.

Er wandte sich wieder seiner Fahrerin zu und betrachtete Robin aufmerksam, als sehe er sie gerade zum ersten Mal.

»Damit bleibt mir nur noch, Ihnen zu danken, Frau Graf.«

Robin erwiderte nichts.

»Sie und Ihre Agentur haben mir sehr geholfen.«

»Gern geschehen«, brachte Robin steif hervor und streckte ihre Hand aus. »Auf Wiedersehen, Herr Thomanek.«

»Ich hoffe nicht«, erwiderte der Milliardär mit einem süffisanten Lächeln und ergriff ihre Hand. Er ließ erst einen Augenblick später als üblich los. Dann zog er einen Umschlag aus seinem Jackett. »Das ist für Sie. Für Ihre Hilfe in den letzten vierundzwanzig Stunden und dafür, dass Sie mich sicher hierhergebracht haben.«

Robin war zu überrascht, als dass sie hätte ablehnen können. Sie nahm den Umschlag an und steckte ihn ungeöffnet in ihre Handtasche.

»Danke.« Sie sah ein letztes Mal in seine blauen Augen.

Dann wandte Thomanek sich um, setzte sich in einen der Sessel und holte seinen Laptop hervor. Robin verstand. Sie war entlassen. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Flugzeug und ging zurück zum Wagen. Während sich die Tür der Cessna schloss und die Motoren aufheulten, setzte sie sich hinter das Steuer des Bentley.

Sie fuhr nicht gleich los. Ihr Auftrag war erst beendet, sobald Gregor Thomanek in der Luft war. Langsam setzte sich der Jet in Bewegung. Ohne die Augen von der Maschine zu lassen, begannen Robins Finger den wattierten Umschlag zu öffnen, den der Klient ihr in die Hand gedrückt hatte. Er war dick, und noch ehe die Cessna um Punkt 7:00 Uhr über das Flugfeld donnerte und in den grauen Wintermorgen über Österreich abhob, spürte Robin die Scheine. Als das Flugzeug nur noch ein kleiner Punkt am Himmel war, gestattete sie sich schließlich, den Blick zu senken.

Thomanek hatte ihr ein Trinkgeld gegeben.

Zehntausend Euro.

Robin Graf lächelte. Sie liebte ihren neuen Beruf.

1

Zwölf Jahre später

Die Türen der U1 öffneten sich mit einem Zischen. Stephan Jahnke ließ sich von den anderen Fahrgästen leiten, die Nase in sein Buch vertieft. Señora Gerta von Anne Siegel. Wie eine Wiener Jüdin die Nazis ausgetrickst hatte und nach Panama geflüchtet war. Was für eine Geschichte! Eine wahre Geschichte noch dazu. Wie so häufig war das echte Leben noch spannender als die Fiktion. Vor allem dann, wenn Menschen ein neues Leben beginnen mussten.

Stephan Jahnke folgte dem Bahnsteig zu den Treppen, ohne aufzusehen. Er kannte seinen Weg. Andere Menschen nahmen ihren Blick nicht vom Smartphone. Er nahm seinen Blick nicht von dem Buch in seiner Hand. Als er die letzten Stufen zum Eschenheimer Tor hinaufstieg, spürte er den kalten Novemberregen. Zunächst auf seinen dunkelbraunen Haaren, deren blonde Strähnen er wie jeden Morgen sorgsam in Position gegelt hatte. Dann auf seinen Händen. Und schließlich sah er ihn auf den rauen Seiten von Señora Gerta, wo feine Tröpfchen das Papier befeuchteten.

Es störte ihn nicht. Nur Eselsohren waren ein Verbrechen an der Literatur. Ansonsten sollte ein Buch nach Lektüre aussehen, ganz so, als habe es gelebt wie die Figuren in ihm, als habe die Geschichte das Cover und jede Seite ebenso durch ein Wellenbad der Gefühle geführt wie die Autorin ihre Leserschaft.

Vom Eschenheimer Tor waren es nur noch wenige Meter. Stephan folgte der Bleichstraße bis zur Krögerstraße und betrat dann durch einen Seiteneingang das Eckhaus. Ein Altbau mit einer schweren Holztür mit Buntglasfenstern. Eine weite Treppe mit knarzenden Holzdielen und geschwungenem Geländer. Eine Bürotür im zweiten Stock, die er als viktorianischen Stil beschrieben hätte, obwohl er davon wenig verstand. Alt war sie auf jeden Fall, verschnörkelt, Holz und Glas, Messingbeschläge. Sie hatte sogar einen alten Türklopfer, einen Ring im Maul eines Löwenkopfes. Niemand benutzte ihn. Dafür gab es die moderne Schließanlage. Doch das hatte die Chefin nicht dazu verleitet, ihn zu entfernen. Im Gegenteil. Der Löwe zierte inzwischen ihr Firmenwappen.

Es war eines von zwei Logos, die neben dem Eingang auf einer Glastafel an der Wand hingen. Eine moderne Bürogemeinschaft. Die RG Agency und die Rechtsanwaltskanzlei Schäfer & Partner. In Wahrheit gab es diese Trennung nur formal. Im Alltag waren sie eine einzige Agentur.

Stephan steckte das Buch weg und betrat das Office. Auch an diesem Freitagmorgen war er wieder der Erste. Er liebte diese frühe Stunde, alleine und in Ruhe, ehe die anderen kamen. In seiner morgendlichen Routine machte er überall Licht, während vor den Fenstern der Herbst sein nasskaltes Unwesen trieb, warf den Moccamaster an und kontrollierte den kleinen Besprechungsraum. Für heute hatten sich drei potentielle Neukunden angemeldet, und Stephan stellte Tassen, Gläser, Kekse und Gummibärchen bereit.

Das Büro war wie eine Vier-Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad und einer großen Diele, die als Empfang diente. Nur, dass nie jemand hinter dem Tresen saß. Er erfüllte einen Selbstzweck, schindete Eindruck bei Klienten oder solchen, die es werden wollten. Die anderen drei Räume waren ihre Arbeitszimmer. Je ein Büro für die beiden Chefinnen und eines für Hamid und ihn.

Stephan fragte sich immer wieder, wie er an diesen Job geraten war. Er hatte in Wiesbaden Jura studiert und ärgerte sich noch heute, dass er sich von seinen Eltern hatte überreden lassen, dafür in seiner Heimatstadt zu bleiben. Kein Abenteuer in der Großstadt Hamburg oder der Studentenstadt Passau, sondern das langweilige Wiesbaden. Jetzt lebte er zwar nur fünfunddreißig Kilometer weiter in Frankfurt, aber mit seinen achtundzwanzig Jahren passte er besser in eine Metropole wie Mainhattan als in eine Stadt, die schon die alten Römer als Kurort geschätzt hatten. Frankfurt war lebendig, Frankfurt war jung, Frankfurt war international. Und vor allem war Frankfurt Geld.

Auf den ersten Blick hätte er bei einer renommierten Kanzlei mehr verdienen können als in der Agentur. Aber dafür hätte er einen besseren Abschluss machen müssen. Stattdessen war er nicht mal in die Nähe einer Note gekommen, die sich Juristen wünschten, um halbwegs ernst genommen zu werden. Stephan hatte schnell gemerkt, dass er die Paragrafen vor allem als Aufforderung sah, um Schlupflöcher zu finden. Bei manchen Professoren war er damit durchgekommen. Die Mehrheit aber hatte ihn als ungeeignet für den Beruf eines seriösen Rechtsexperten eingestuft.

Hier in der Krögerstraße sah man das anders. Hier waren seine praktischen Fähigkeiten das entscheidende Einstellungskriterium gewesen.

Stephan setzte sich an seinen Rechner und ging die Aufgaben des Tages durch. Er konnte einen kleineren Fall abschließen. Der Klient, ein Mann in den ersten Tagen seiner Rente, hatte nach drei gescheiterten Ehen auch seine letzte Freundin verlassen und wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Schon gar nicht wollte er, dass sie oder seine Ex-Frauen wussten, wo sie ihn künftig finden konnten.

Keine große Sache, zumal der ehemalige Banker ohnehin davon geträumt hatte, ein Leben in Frankreich zu führen. Das war schnell arrangiert, seine Existenz in Deutschland aufgelöst, die gemeinsame Wohnung – die auf seinen Namen lief – über eine Maklerin verkauft und das neue Anwesen in Frankreich südlich von Nantes über eine neu gegründete Stiftung in Luxemburg erworben. Der Rest war das kleine Einmaleins ihres Berufs: neue Handynummer, neue E-Mail-Adresse, das einzige Profil in den sozialen Netzwerken – bei LinkedIn – gelöscht. Keine Kinder, keine Geschwister, keine Eltern. Und offenbar auch keine Freunde, die es ihm wert waren, sie an seinem neuen Leben an der Loire teilhaben zu lassen.

Ein Umstand, der Stephan nicht verwunderte. Die Agentur betreute in der Regel drei Sorten von Menschen: Die Ersten waren unverschuldet in Not geraten und fühlten sich vom deutschen Rechtsstaat im Stich gelassen. Die Zweiten hatten wiederum andere in Not gebracht und bekamen zu spüren, dass der deutsche Rechtsstaat doch nicht so untätig war, wie man ihm vorwarf. Und dann gab es noch die dritte Sorte – jene, die vor allem über drei Dinge verfügten: Egoismus, Skrupellosigkeit und Geld. Ihnen war alles egal, Hauptsache, es gab Leute, die sie dafür bezahlen konnten, dass ihre Probleme verschwanden.

Und diese Leute, wie Stephan, arbeiteten für die RG Agency.

Er begann mit dem Abschluss der Fallakte. Der Kunde war sicher in Frankreich angekommen, alle Formalitäten waren erledigt. Auf eine neue Identität hatte er verzichtet. Er würde in Zukunft einfach unter dem Radar leben. Zumindest, sofern sein extrovertierter Lebensstil dies gestattete. Die Rechnung der Agentur war beglichen – inklusive einer Beteiligung am Verkauf seines Apartments. Auch Stephan würde seinen Anteil daran bekommen, so hatte seine Chefin es verfügt.

Mit einem guten Gefühl verschlüsselte er alle digitalen Dokumente, wie Hamid es ihm eingetrichtert hatte. Der gebürtige Iraker war der einzige Nichtjurist in ihrem Team, aber dafür der einzige IT-Experte. Ohne ihn lief hier nichts. Geheimhaltung und Datensicherheit waren ihre Schlüssel zum Erfolg. Sie glaubten zwar alle mit Laptop und Handy umgehen zu können. Doch wenn es um das Überleben in der technischen Wildnis ging, gab es keinen besseren Jäger und Sammler als Hamid.

Stephan blickte auf die Uhr. Es war kurz vor neun. Das fahle Licht des grauen Novembermorgens konnte ihm die Vorfreude auf den Tag nicht nehmen. Gleich würden die anderen kommen, und am Mittag würden sie auf den Abschluss des Auftrags anstoßen. Jeden Freitag fand nur wenige Hundert Meter entfernt der Wochenmarkt vor der Frankfurter Börse statt. Im Schatten der Wolkenkratzer und Milliardendeals auf dem Parkett standen die Börsianer an einfachen Marktständen Schlange für Schnitzel im Brötchen, für Bratwürste oder Waffeln. Ihr Team würde den Anlass nutzen, um zu feiern.

Das Ächzen der Dielen im Treppenhaus kündigte das Eintreffen des restlichen Teams an. Hamid Erdem machte den Anfang. Hochgewachsen, schlank, ausgewaschene Jeans, graues Shirt mit einem viel zu tiefen V-Ausschnitt, darüber eine dunkelbraune Lederjacke, auf deren Kragen das schwarze, lange Haar auflag. Der Vollbart, in dem sich erstes Grau versteckte, millimetergenau getrimmt. Die dunkelbraunen Augen schelmisch aufmerksam, immer die Umgebung im Blick.

Er hielt die Tür für die beiden Frauen im Team auf. Naoko Schäfers schwarze Mähne konnte es mit Hamids aufnehmen, nur trug sie dazu einen modischen Hosenanzug, mit dessen Nadelstreifen sie auch in einem Aufsichtsratsmeeting im Bankenviertel nicht aufgefallen wäre. Sie wirkte zierlich, doch ihre Begeisterung für die Hallenbäder Frankfurts hatte sie über die Jahre gestählt.

Hinter ihr, fast einen Kopf größer, kamen die blonden Haare der Frau in Stephans Blickfeld, ohne die es die RG Agency nicht gäbe. Auch Robin Graf trug einen Hosenanzug, der jedoch mehr praktische Bequemlichkeit denn elitäre Eleganz ausstrahlte. In der Hand trug sie ihren ständigen Begleiter, einen ledernen Attachékoffer. Naoko hatte Robin zum einundvierzigsten Geburtstag Handschellen geschenkt, damit sie ihn an sich ketten konnte.

Die dummen Sprüche ihrer Kollegen hatten sie wochenlang verfolgt.

Stephan war mit Abstand der Jüngste im Team. Dann kamen Robin, Naoko und Hamid, alle in den Vierzigern. Trotzdem hatte er nicht das Gefühl, das Küken im Nest zu sein. Die anderen kannten sich zwar seit vielen Jahren, arbeiteten schon eine halbe Ewigkeit zusammen. Dennoch vertrauten sie Stephan, obwohl er seit nicht einmal zwei Jahren dabei war.

Nun sah Robin ihn erwartungsvoll an.

»Alles erledigt, case closed«, sagte er lächelnd.

»Ist es schon Zeit für ein Gläschen?« Robin zwinkerte ihm zu.

»Spar dir den Alkohol und vertrau mir endlich, dass es die besten Waffeln in der Stadt sind«, sagte Hamid.

»Aber nur die mit den Apfelstückchen drin«, erwiderte Naoko und zog sich Mantel und Schal aus.

»Das erinnert mich daran, dass ich schon länger mal wieder Reibekuchen mit Apfelmus essen wollte.« Robin sah zu Stephan. »Oder machen uns irgendwelche Termine die Pläne kaputt?«

Er schüttelte den Kopf und grinste. »Ausnahmsweise nicht.«

Zurück am Schreibtisch, begann Stephan die drei Gespräche vorzubereiten, die an diesem Tag auf sie warteten. Sie wussten noch nicht, welche Anliegen ihre Besucher haben würden. Bislang kannten sie nicht viel mehr als ihre Namen. Hamid und Stephan reichten in der Regel jedoch schon wenige Informationen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Er war gespannt, ob ein aufregender Fall dabei sein würde.

Stephan dachte wieder an Señora Gerta. Im Dritten Reich war sie auf einen unerwarteten Gehilfen angewiesen gewesen, um Deutschland zu entfliehen und nach Panama zu gelangen. Stephan fragte sich, ob sie sich in der heutigen Zeit an eine Agentur wie die ihre gewandt hätte. Denn auch wenn reiche Typen wie der Neufranzose mit seinen zahlreichen Ex-Frauen überaus lukrative Kunden waren: Es waren Schicksale wie jene der Señora Gerta, die sie alle hier am meisten bewegten.

Das wahre Leben erzählte eben doch die spannendsten Geschichten.

2

Man sagte, ein Unternehmen zu führen sei, wie im Theater auf der Bühne zu stehen. Man konnte jede Zeile auswendig lernen, man konnte das Lampenfieber überwinden – und doch musste man in den unerwartetsten Momenten improvisieren.

Robin Graf saß an ihrem Schreibtisch und besah sich den Abschlussbericht, welchen Stephan Jahnke über ihren letzten Kunden verfasst hatte, der sein Leben nun als Rentner in Frankreich verbringen würde. Für ihre Verhältnisse war der Fall glattgelaufen, nur hier und da ein kleinerer Schluckauf, wenn dem Kunden nicht ganz unwichtige Details erst im letzten Augenblick eingefallen waren.

»Bitte sichern Sie noch den Umschlag im Geheimfach in der Garage. Ich würde dem neuen Besitzer nur ungern die Zugangsdaten zu meinem Bitcoin-Depot überlassen.«

»Kann ich meine stille Teilhaberschaft an der Yacht-Manufaktur in Bremerhaven behalten?«

»Oh, und wir müssten meinen Tresor in der WineBank auflösen. Mögen Sie Château Latour?«

Die Menschen, die zu ihnen kamen, verstanden häufig nicht, was es bedeutete, das bisherige Leben vollständig hinter sich zu lassen. Das lag einerseits daran, dass einige von ihnen unanständig reich waren und nur wenig Bezug zur Realität besaßen. Andererseits verbarg sich hinter den Anliegen ihrer Kunden häufig der naive Glaube, dass sich jedes Problem schon irgendwie lösen ließ und die ganze Arbeit bei der Agentur lag. Das aber war mitnichten so.

Wer wirklich untertauchen, wer wirklich spurlos verschwinden, wer wirklich an einem anderen Ort auf der Welt ganz neu anfangen wollte, der musste alles zurücklassen – und gleichzeitig nichts. Natürlich galt dies erst einmal für das Offensichtliche. Keine Anschrift, keine Telefonnummer, kein Bankkonto, keine Profile im Internet, keine Beteiligungen an Unternehmen, keine einzige Mitgliedschaft in irgendeinem Club oder auf irgendeiner Website. Aber dann waren da auch die Gewohnheiten, die man zurücklassen musste. Nicht einmal die Playlist auf Spotify durfte man später mit einem neuen Profil wiederherstellen. Wer die Bildfläche verlassen wollte, musste zu einem anderen Menschen werden. Und das bedeutete auch, dass dieser Mensch andere Gewohnheiten annehmen musste.

Denn es gab zahlreiche Möglichkeiten, Menschen aufzuspüren. Da waren die traditionellen Spuren – Name, Geburtstag, DNA, Fingerabdruck, Stimme, Gang, das äußere Erscheinungsbild. Und dann gab es die digitalen Spuren. Doch was viele vergaßen: Damit waren nicht nur die IP-Adressen, E-Mails, Handynummern und Online-Accounts gemeint. Es ging um das gesamte Verhalten im Alltag, welches sich digital nachvollziehen ließ. Was man kaufte und bestellte, was man trank und aß, welche Musik man hörte, welche Bücher man las, welche Filme und Serien man streamte, welche Sportevents man besuchte. Wer in seinem neuen Leben in alte Muster zurückfiel und alten Gewohnheiten folgte, wurde für Algorithmen, Künstliche Intelligenzen und Profis wieder auffindbar.

Robin Graf wusste das, weil sie selbst ein Profi war. Ihre Agentur nahm zwar keine Aufträge an, um nach untergetauchten Menschen zu suchen. Ihr Business bestand aus dem Gegenteil. Dennoch musste sie dieses Handwerk beherrschen. Nur wer die Kniffe der Gegenseite kannte, konnte ihnen entkommen. In Robins Augen war es inzwischen keine große Kunst mehr, unvorsichtige Menschen aufzuspüren. Die wahre Kunst lag darin, Menschen verschwinden zu lassen und sie für das neue Leben, das sie erwartete, zu schulen.

Die RG Agency gehörte ihr inzwischen seit sieben Jahren. Die Firma warb mit Dienstleistungen für Menschen, die ihre Privatsphäre schützen wollten. Kein Datenschutz oder Security. Die Agentur gab vor, Menschen zu beraten, die in einer immer vernetzteren Welt so wenig wie möglich über sich verraten oder frei verfügbare Informationen über sich aus dem digitalen Gedächtnis der Gesellschaft löschen lassen wollten. Tatsächlich aber gingen ihre Dienstleistungen weit darüber hinaus, und viele Kunden kamen auf Empfehlung.

Robin war vierunddreißig gewesen, als ihr damaliger Chef und Gründer der Agentur an einer schweren Form von Alzheimer erkrankt war und schnell abgebaut hatte. Klemens Böhle hatte sie als seine Ziehtochter angesehen, weil er selbst weder Frau noch Kinder gehabt hatte. Also hatte er ihr nach der Diagnose angeboten, seine Firma zu übernehmen. Innerhalb eines Jahres war Böhle verstorben – und aus der Angestellten war eine Selbstständige mit mehreren festen und freien Mitarbeitenden geworden.

Sie hatte sich nie die Frage gestellt, ob ihr die Rolle der Chefin liegen würde. Sie hatte sich auf ihre Stärke verlassen, auch in schwierigen Situationen die Ruhe zu bewahren und im Zweifel improvisieren zu können. Bis heute erinnerte sie sich an ihren ersten Einsatz im Feld. Der Thomanek-Fall. Wie nervös sie gewesen war. Wie geschickt sie sich aus der Verkehrskontrolle herausgeredet hatte. Wie erschöpft und gleichzeitig geflutet mit Adrenalin und Glücksgefühlen sie aus Österreich zurückgekehrt war.

Bis heute hatten die Behörden Gregor Thomanek nicht ausfindig gemacht, trotz internationalen Haftbefehls. Niemand wusste, wo er war. Auch Robin nicht. Ihr Auftrag hatte damit geendet, ihn aus Österreich herauszubringen. Danach hatte er selbst die Verantwortung für seine Weiterreise übernommen. Die Behörden vermuteten ihn inzwischen in Russland oder auf den Philippinen. Russland, weil sich der Zar im Kreml nicht um das Europäische Auslieferungsabkommen scherte, die Philippinen, weil es dort kein solches Abkommen mit Deutschland gab.

Ein Klopfen unterbrach Robins Gedanken. Naoko stand im Türrahmen.

»Hast du die Dossiers für heute schon durchgesehen?«

»Nein, meine Konzentration liegt noch im Bett.«

»Mit wem?«

»Gregor Thomanek.«

Naoko verzog das Gesicht. »Ist er dein Typ?«

»Nein, aber das sind die meisten unserer Kunden nicht.«

»Warum dann die Erinnerungen an alte Zeiten?«

»Geht es dir nicht auch manchmal so? Wie alles angefangen hat?«

»Mit einem Anruf, den ich nicht erwartet hatte.« Naoko lächelte.

Robin wusste, was sie meinte. Es war ihre erste Amtshandlung als neue Inhaberin der Agentur gewesen. Sie hatte ihre beste Freundin angerufen und aufgefordert, ihren Job bei einer renommierten Anwaltskanzlei an den Nagel zu hängen und sich selbstständig zu machen. Zu ihrer Überraschung hatte Naoko noch am selben Abend zugesagt und war wenige Monate später aus dem Main Tower in die Schatten der Hochhäuser gezogen.

Die beiden Frauen hatten sich während ihres Studiums bei einem Praktikum kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich. Naoko, drei Jahre älter als Robin, war inzwischen mit einem ehemaligen Fußballprofi verheiratet und auf diese Weise als Spielerfrau in den erlauchten Kreis einer Z-Prominenten aufgestiegen. Allerdings machte sich Naoko herzlich wenig daraus. Vielmehr spielte sie mit dem Klischee, welches viele Spielerfrauen umgab. Dahinter verbarg sich als Tochter eines Japaners und einer Niederländerin ein Sprachtalent und eine brillante Rechtsanwältin, die sich in der internationalen Welt Frankfurts ihre Fälle im Wirtschaftsrecht aussuchen konnte. Und weil sie sich überdies auch noch im Strafrecht auskannte, war sie für Robin und ihre Agentur die perfekte Partnerin.

»Vielleicht kannst du heute ja zeigen, dass ich keinen Fehler gemacht habe, als ich dich bat, bei uns einzusteigen«, sagte Robin.

»Mein Tipp: Du wirst mich beim dritten Termin brauchen.«

»Ich schaue mir die Unterlagen gleich an. Wann kommt der erste Kunde?«

»Eine Kundin«, korrigierte Naoko. »Und sie kommt …«

Es klingelte an der Tür.

»… jetzt.«

Robin fluchte leise.

Während Naoko zum Empfang ging, um den ersten Gast des Tages einzulassen, schnappte Robin sich ihr Tablet mit den Memos, die Stephan zusammengestellt hatte. Immer wenn jemand ihre Dienste anforderte, bereitete er in wenigen Worten auf, was er auf einfachem Weg über die jeweilige Person in Erfahrung bringen konnte. Daraus versuchte er zu folgern, weshalb sich die- oder derjenige an Robin und ihr Team wandte. Stephan nannte die Dossiers Onepager. Er liebte Anglizismen.

»Dein Onepager ist drei Seiten lang«, raunte sie ihm zu, als sie den Kopf zu seinem Büro reinsteckte.

»Du hast ihn gelesen?«

»Nein.«

Robin ging ins Besprechungszimmer und zog die Tür hinter sich zu. Am Tisch saß eine junge Frau, vielleicht Ende zwanzig. Auf den ersten Blick tippte Robin auf ihre Geschichte. Unglücklich verheiratet, mehrfache Mutter, psychischem Druck ausgesetzt, womöglich misshandelt. Ein Mensch, der es gewohnt war, in der Öffentlichkeit den Schein aufrechtzuerhalten, zu Hause aber großes Leid erlebte. Ein Opfer häuslicher Gewalt, womöglich in Angst um die Kinder.

Und so war es.

Die Frau hieß Friederike Duschek. Neunundzwanzig, zwei kleine Kids, seit fünf Jahren verheiratet, der Mann noch aus Schulzeiten bekannt. Psychoterror in der Ehe war an der Tagesordnung, wenn auch keine körperlichen Angriffe. Noch nicht. Das zweite Kind schon nicht mehr gewollt, sie aber zu schwach, den Weg der Scheidung einzuleiten oder zur Polizei zu gehen. Auf Instagram war noch alles Sonnenschein mit Herz-Emojis und dem vermeintlichen Glück als Mutter. In den eigenen vier Wänden jedoch tobte der tägliche Zermürbungskrieg.

Sie wollte raus aus dieser Hölle, raus aus der Ehe, raus aus dem Einfluss ihres Mannes. Und sie ahnte: Selbst eine Scheidung würde ihr nicht helfen. Er würde keine Ruhe geben. Er würde die Kinder nutzen, um sie weiter an sich zu ketten, sie weiter zu terrorisieren.

Robin hörte zu. Eine Stunde lang, stellte nur hier und da Fragen, machte sich Notizen. Sie wusste bereits, dass sie diesen Fall annehmen würden. Duschek deutete zwar an, dass sie nur wenig Geld besaß, um ihre Dienste zu bezahlen. Der Mann hielt sie an der kurzen Leine und hatte ihr verboten, nach dem Mutterschutz in ihren alten Job in einer Arztpraxis zurückzukehren. Doch dafür hatten Robin und Naoko schon vor längerer Zeit eine Abmachung getroffen. Kunden wie der Typ in Frankreich subventionierten indirekt Aufträge wie jenen der Friederike Duschek, an dem die Agentur nicht viel verdienen konnte. Sie arbeiteten nicht pro bono. Doch einem Multimillionär, der seine Liebschaften loswerden wollte, war es in der Regel egal, wie viel es kostete – Hauptsache, das Problem verschwand.

»Es gibt zwei Möglichkeiten«, begann Robin schließlich. »Wir können Ihnen helfen, indem wir Ihre Kinder und Sie zu Hause rausholen und dafür sorgen, dass Sie woanders ganz neu anfangen können. Bitte bedenken Sie dabei aber, dass dies für Ihre Kleinen einen enormen Bruch darstellen würde. Es gäbe eine Alternative, die ich als ersten Schritt vorschlagen würde.«

Die Frau sah sie ängstlich an, sagte aber nichts.

»Jemand wie Ihr Mann ist selten frei von, sagen wir, anderen Problemen. Soll heißen: Ich gehe davon aus, dass er Geheimnisse vor Ihnen und vielleicht sogar vor seinen Freunden und Kollegen hat. Mein Vorschlag wäre: Geben Sie uns einige Tage Zeit. Wir sehen uns um, machen uns schlau. Vielleicht finden wir einen Hebel, mit dem wir Ihre Sorgen aus der Welt schaffen können, ohne Sie und Ihre Kinder zu entwurzeln.«

»Was für Hebel meinen Sie?«, fragte die Frau.

»Druckmittel«, sagte Robin unverblümt.

»Sie meinen, Sie wollen meinen Mann erpressen?«

»Ein unschönes Wort, aber ja.« Robin nickte. »Ihr Mann schreckt Ihnen gegenüber vor nichts zurück. Häufig aber ist so ein Verhalten auch ein Ausdruck dafür, dass jemand selbst mit Druck nicht umgehen kann. Sobald wir ihn mit etwas Handfestem konfrontieren können, von dem er nicht möchte, dass es bekannt wird, haben wir ihn.«

»Und wenn nicht? Wenn Sie nichts finden oder es ihm egal ist?«

»Dann gebe ich Ihnen mein Wort, Sie da herauszuholen. So schnell, dass Ihr Mann nicht weiß, wie ihm geschieht. Und vor allem, dass er Sie und die Kinder nie finden wird.«

Robin merkte, wie eine Last von der Frau abfiel. Eine Träne löste sich und rann ihr über die Wange. Hinter der Verzweiflung, hinter den Torturen der letzten Jahre, hinter dem Vorhang aus Angst und Erniedrigung verbarg sich eine liebenswerte Person. Robin würde es zu ihrer Aufgabe machen, ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Entweder in ihrem jetzigen Zuhause, aber ohne einen Tyrannen unter dem Dach. Oder anderswo und weit außerhalb der Reichweite seiner Klauen.

Robin bat Hamid, sich zu ihnen zu setzen.

»Das ist Hamid Erdem, unsere Ein-Mann-Suchmannschaft«, stellte sie ihn vor. »Hamid versteht sich wie kein Zweiter darauf, Informationen zu finden. Das könnte er auch alleine, aber mit Ihrer Hilfe würde es schneller gehen.«

Robin überlegte kurz, die beiden alleine zu lassen, entschied sich dann aber dagegen. Friederike Duschek würde sich mit einem fremden Mann im Raum nicht wohlfühlen. Also blieb sie, während Hamid der künftigen Klientin einige Fragen stellte. Welches Handymodell ihr Gatte besaß, wie die Nummer lautete, ob er einen Laptop nutzte, ob sie das Passwort kannte, wie der Zugang zu ihrem WLAN-Netzwerk daheim lautete, ob sie von Cloud-Diensten wusste, die ihr Mann verwendete, wie seine E-Mail-Adressen hießen, ob er eine eigene Website betrieb, auf welchen Social-Media-Plattformen er unterwegs war. Dann überreichte er ihr einen USB-Stick und bat sie, ihn zu Hause in den Router zu stecken und nach einer Minute wieder zu entfernen. So würden sich für Hamid alle Türen öffnen, um aus einem heimlichen Tyrannen einen gläsernen Ehemann zu machen. Robin war davon überzeugt, dass sie mehr als nur ein Geheimnis finden würden, um ihn unter ihre Kontrolle zu bringen.

Als sie Friederike Duschek zur Tür begleitete, glaubte Robin einen Funken Hoffnung in ihren müden Augen zu entdecken. Die Frau hatte einen ersten Schritt gemacht. Sie hatte begonnen sich zu wehren. Und Robin würde ihr helfen, den Weg weiterzugehen, bis sie wieder frei war.

Sie holte sich eine Tasse Kaffee und suchte in einem Schränkchen der Küche nach Knabbereien. Stephan trat zu ihr.

»Der zweite Termin fällt aus, gerade kam die Absage.« Auch er goss sich ein, ließ die Finger aber vom Baumkuchen. »Schade, ich hätte ihn gerne kennengelernt.«

»Worum ging es, glaubst du?« Robin genoss die dunkle Schokolade über den dünnen Teigschichten.

»Ein ehemaliger Bordellbesitzer.« Er grinste. »Bei solchen Typen weißt du nie, mit welcher Geschichte sie kommen.«

Robin stimmte ihm zu, allerdings gehörte diese Sorte Mensch zu jenen Kunden, mit denen sie nur sehr wenig Geduld hatte. Sie wusste, dass ihre Agentur auch für zwielichtige Gestalten arbeitete. Sie wusste, dass man ihr von außen betrachtet moralisch fragwürdige Geschäftspraktiken unterstellen konnte. Aber sie wusste auch, dass hinter den meisten Menschen immer mehr als eine Geschichte steckte. Und Robin hatte sich angewöhnt, sie sich alle zumindest anzuhören.

Am frühen Mittag gingen sie auf den Markt, und als sie zurückkamen, rief Hamid freudig aus: »Frau Duschek verschwendet keine Zeit.«

»Du hast schon Zugriff?«

»Japp. Laptop, Cloud, E-Mails. Chefin, wir sehen uns!«

Mit diesen Worten setzte er sich einen riesigen Kopfhörer auf seine schwarze Mähne. Das untrügliche Zeichen, dass er ab sofort nicht mehr gestört werden wollte. Hamid lehnte sich zurück, justierte die Höhe der Schreibtischplatte und betrachtete einen Moment die beiden Bildschirme vor sich. Dann begann er mit der Suche.

3

Robin spürte die Gefahr. Sie saß wieder im Besprechungsraum auf ihrem Platz mit dem Rücken zur Tür. Ihr gegenüber am Fenster zur Straße kauerte diesmal jedoch keine eingeschüchterte Mutter. Stattdessen thronte dort ihr dritter Termin des Tages, als halte er Hof. Pius Teichmann wirkte wie ein schmieriger Emporkömmling, ein frisch zu Geld Gekommener, dessen hitziges Temperament immer nur knapp unter der Oberfläche köchelte.

Teichmann war ungefähr in Robins Alter und berichtete ihr seit einer knappen halben Stunde stolz von dem privilegierten Leben, das er führte. Vor allem aber ließ er sich über die Ungerechtigkeiten aus, die ihm widerfuhren. Seine Frau, die ihn angeblich betrog. Seine Kinder, die »von der Alten« manipuliert wurden, um ihn aus ihrem Leben zu drängen. Sein Chef, der ihn bei einer Beförderung übergangen hatte. Mehrere Freunde, die unter fadenscheinigen Gründen auf Abstand zu ihm gegangen waren.

»Herr Teichmann«, unterbrach Robin ihn zum ersten Mal seit einigen Minuten, »Sie haben mir noch nicht verraten, warum Sie unsere Dienste in Anspruch nehmen wollen. Was ist es wirklich, das Sie zu uns geführt hat?«

Erstmals spürte sie bei Teichmann einen Anflug von Verunsicherung, der jedoch schnell wieder verschwand. An seine Stelle trat jene Aggressivität, die ihn unterschwellig umgab.

»Weil es hässliche Gerüchte um mich gibt«, spie er hervor. »Weil meine Frau meinen Ruf zerstören will.«

»Welche Gerüchte, Herr Teichmann?«

Er zögerte, als widere es ihn an, die Vorwürfe auch nur in den Mund zu nehmen.

»Gerüchte, wie sie einen Familienvater nicht härter treffen könnten, wenn Sie verstehen, was ich meine. Gerüchte, die meinen Ruf für immer ruinieren würden.«

Robin verstand sofort. »Warum sollte Ihre Frau solche Andeutungen machen?«

»Haben Sie mir nicht zugehört?« Teichmann lief rot an. »Sie will mich loswerden, will mich zerstören. Sie will an mein Geld und die Kinder nur für sich.«

»Dafür gäbe es andere Wege, Herr Teichmann. Ihnen ohne jeden Verdacht eine Straftat zu unterstellen, für die Sie bis zu zehn Jahre ins Gefängnis wandern würden, klingt da doch etwas drastisch, finden Sie nicht?«

»Was wollen Sie damit andeuten?«

»Ich will gar nichts andeuten«, sagte Robin bestimmt. Unauffällig betätigte sie einen Knopf an der Unterseite der Tischplatte, ehe sie fortfuhr. »Aber Sie sollten wissen, dass ich nur selten ein Blatt vor den Mund nehme. Ich mache diese Arbeit schon ein paar Tage, und daher weiß ich, was Sie von uns erwarten. Sie wollen uns engagieren, um Ihrerseits eine Schmutzkampagne gegen Ihre Frau führen zu können. Und wenn das nicht hilft, wollen Sie diskret das Weite suchen, damit Sie nicht für das belangt werden können, was Sie nicht getan haben wollen.«

Teichmann sprang auf. »Glauben Sie etwa, ich hätte meine Kinder angefasst?«

»Das wissen nur Sie selbst.« Auch Robin erhob sich, doch aus ihrer Stimme sprach nun Verachtung. »Ich kann nur sagen: Wir stehen in solchen Fällen nicht zur Verfügung.«

»Was erlauben Sie sich …« Wütend sprang Teichmann um den Tisch herum. In nur drei Sätze war er bei ihr und hielt ihr einen Zeigefinger unter die Nase. »Ich lasse mich nicht als Kinderschänder abstempeln. Haben Sie verstanden?«

»Ich stempele nicht ab, ich beobachte.« Robin wich nicht zurück. »Zu was Sie fähig sind, müssen Sie selbst beurteilen. Ich für meinen Teil habe genug gehört. Das Gespräch ist beendet. Verlassen Sie bitte mein Büro!«

Einen Moment glaubte sie, er würde sie schlagen. Dann flog hinter ihm die Tür auf. Hamid und Stephan traten ein.

Teichmann fuhr herum. In einem Sekundenbruchteil wurde aus seiner Wut Panik. Stephan mochte in seinem modischen Anzug und mit jugendlichem Charme nicht wie ein Schläger aussehen. Doch Hamid, obwohl im Herzen eine liebevolle Seele, überragte ihren Gast mindestens um einen halben Kopf und wirkte mit seinen muskulösen Armen, den langen Haaren und dem Bart eher wie ein Kämpfer der Dothraki aus Game of Thrones denn wie der Mitarbeiter einer Kanzlei.

Teichmann wandte sich zu Robin um. »Sollte jemals ein Wort dieses Gesprächs aus diesem Raum dringen«, zischte er, »werden Sie es bereuen.«

Damit drängte er sich zwischen Stephan und Hamid hindurch in Richtung Ausgang. Sie ließen ihn gewähren. Sekunden später knallte die Eingangstür ins Schloss. Vom Fenster aus beobachtete Robin, wie der Mann Augenblicke später über die Bleichstraße hastete und ohne einen Blick zurück zwischen den Häusern verschwand.

»Gut gemacht.« Robin zwinkerte ihren Kollegen zu. »Das war doch mal ein unangenehmes Ende einer ansonsten erfolgreichen Woche.« Sie griff nach ihren Notizen. »Stephan, würdest du bitte …«

»… den Namen des reizenden Herrn anonym an die Polizei weitergeben, damit sie sich ihn mal genauer anschaut? Natürlich.«

Robin verschwand auf der Toilette und wusch sich die Hände. Nach einem solchen Gespräch hatte sie stets das Bedürfnis, sich zu reinigen. Sie blickte in den Spiegel und sah eine müde Vierzigerin, die grünen Augen blasser als sonst, die blonden Haare hätten mal wieder einen Friseur vertragen, und eine Kosmetikerin hatte sie seit ihrer Hochzeit vor fünf Jahren nicht mehr gesehen. Aber Robin stand zu ihren Fältchen hier und Augenringen dort. Sie gehörten zu ihr und waren auch Ausdruck dessen, was sie in ihrem Leben mit harter Arbeit erreicht hatte.

Nur eben auf keinen Fall mit Arbeit für Menschen wie Pius Teichmann.

Sie bekam es in ihrem Geschäft mit allerlei Leuten und ihren Geschichten zu tun. Vielfach scherte sich Robin nicht darum, wenn sie jenen half, von der Bildfläche zu verschwinden, die straffällig geworden waren. Streng genommen waren einige ihrer Methoden nicht mit dem deutschen oder irgendeinem Recht auf der Welt vereinbar. Sie und ihr Team waren Problemlöser im Graubereich und sich dessen bewusst. Dennoch hatte Robin mit Naoko und Hamid über die Jahre klare Grenzen definiert, zu denen sich auch Stephan bekannte, seit er zum Team gehörte. Und diese Grenzen besagten, dass Menschen wie Teichmann niemals zu ihren Kunden gehören würden.

Eine halbe Stunde später verließ Robin das Büro. Hamid manövrierte sich weiter durch die digitalen Untiefen der Friederike Duschek. Stephan wollte noch die Botschaft an die Polizei absenden, ehe er Feierabend machte, doch Robin wusste, dass er bis in den Abend hinein bleiben würde. Er liebte seinen Beruf, war stets der Erste und fast immer der Letzte in der Agentur. Naoko hatte sich dagegen schon zu Drinks und Abendessen in Richtung Römer verabschiedet.

Vor dem Haus öffnete Robin die kleine Garage, die zu den privaten Parkplätzen gehörte. Darin stand ein Lexus LS, ihre Limousine, die irgendwann den Bentley Flying Spur abgelöst hatte. Robin hatte diese Extravaganz ihres ehemaligen Chefs zwar genossen, nach reiflicher Überlegung allerdings für zu auffällig erachtet. Auch dem LS fehlte es nicht an Luxus, er stach aber weniger hervor. Und nicht aufzufallen, war eine der wichtigsten Aufgaben in ihrem Metier.

Robin ließ den LS stehen. Stattdessen nahm sie eine Motorradjacke vom Kleiderhaken an der Wand. In einem Regal darunter standen ihre Motorradstiefel. Und neben dem Lexus parkte ihre Leidenschaft: eine Kawasaki Ninja 650 Black Edition. Kein richtiges Bad-Ass-Motorrad, dafür war die Leistung mit 68 PS zu gering. Doch für Robin reichte es. Sie verstaute ihre Pumps und die Aktentasche in den seitlichen Koffern und stülpte sich ihren Helm über. Als sie aufsaß und der Motor ein erstes Raunen von sich gab, lächelte sie.

Robin wohnte im Nordend. Dort hatte sie zusammen mit ihrem Mann Markus vor wenigen Jahren ein Einfamilienhaus gekauft. Nicht groß und renovierungsbedürftig, dafür aber direkt am Günthersburgpark mit einem kleinen Garten hinten raus. Ein Idyll, wie Frankfurt es nur selten zu bieten hatte. Perfekt für die kleine Familie, besonders für ihre Tochter Clara. Alles, wonach sich ein Kind sehnte, befand sich in unmittelbarer Umgebung. Der Park, ein Spielplatz, die Kita, vor allem aber ihre Freunde in der Nachbarschaft. Ein Paradies für ein kleines Mädchen, das immer schneller immer größer würde.

Als sie die Haustür aufstieß, stand Clara schon vor Freude glucksend im Flur. Sie musste das Motorrad gehört und gewusst haben, dass Mama nach Hause kam. Freudig warf sie sich Robin ans Bein und verlangte sofort, ihr zu zeigen, was es zum Abendessen geben würde.

»Ich hab geholfen. Ich hab den Teig gemacht.«

»Was denn für einen Teig?«

»Für die Ravioli!«, sagte Clara stolz.

»Wow, dann werden es bestimmt die besten Ravioli, die wir je gegessen haben.«

»Mit Kürbis drin. Aber den hat Papa gemacht.«

»Wenn es also nicht schmeckt, war Papa schuld?«

»Genau«, sagte eine männliche Stimme. »Wie immer.« Markus Graf lehnte lächelnd am Türrahmen, eine Kochschürze voller Mehlstaub umgebunden. Er gab seiner Frau einen Kuss und sah zu Clara hinab. »Wollen wir die Ravioli jetzt kochen?«

»Ja! Ja! Ja!«

Robin folgte ihnen. Die Küche sah aus, als habe jemand drei Pfund Mehl und die Kerne von zehn Kürbissen in die Luft geworfen und sich nicht darum bemüht, sie wieder aufzufangen. Markus warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, aber Robin lachte nur. Sie wusste, dass das Chaos bei ihrem Mann für ein viel größeres Zucken in den Nervenbahnen sorgte als bei ihr. Sie liebte Ordnung im Beruf, dort war sie unersetzlich. Dafür durfte es zu Hause auch mal etwas unordentlicher zugehen. Markus hingegen hatte seinen beruflichen Zwang zu Ordnung und Sauberkeit auch in ihr Heim übertragen. Er führte ein kleines, aber feines Boutique-Hotel am Frankfurter Zoo. Daher würde er später noch alles wieder auf Hochglanz schrubben, wenn Robin Clara ins Bett brachte.

Robin wärmte es das Herz, die beiden zu sehen. Markus war ein großzügiger, humorvoller Mann, der es liebte, seiner Tochter etwas Neues beizubringen, ihre Neugier anzufachen und ihr immer Mut zuzusprechen, wenn etwas nicht gleich gelang. Er kochte gerne, was sich zwar auch an Robins und seiner Figur bemerkbar machte, doch genauso achtete er darauf, dass sich Clara gut ernährte und alles probierte, was er ihr zubereitete.