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Franz Maassen

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Beschreibung

Der Roman "Spurwechsel" erzählt eine moderne Pilger- und Liebesgeschichte voller bewegender Spiritualität und ist geschrieben mit einem herzhaft-rheinischen Humor. Justus und Sarah sind zwei Pilgerreisende, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Beide werden aber gleichermaßen von Lebenskrisen geplagt, die sie auf dem Jakobsweg lösen wollen. Auf der Anreise lernen sie sich kennen. Was sie nicht wissen: Zwei Schutzengel begleiten sie, um die beiden aus ihren festgefahrenen Spuren zu werfen. Bruder Thomas, der christliche Engel, handelt offen und Shankara, sein hinduistischer Kollege, verdeckt. So uneins ihre Praktiken und Sprachbilder auch sind, so nicht-zwei ist ihr Wegesziel: mit ihren beiden Schützlingen die letzte Wahrheit des Seins zu erkunden. Als ungleiches Quartett starten sie vierspurig in eine verrückte Reise auf dem Jakobsweg [...]. Wer möchte, liest den Roman als erzählendes Sachbuch und entdeckt mit dem suchenden Pilgerpaar den einen, gemeinsamen 'Gott' der westlichen und östlichen Mystik, dem sich zunehmend auch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften angleichen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Franz Maassen

Spurwechsel

Eine verrückte Reise auf dem Jakobsweg

Roman

 

 

 

Zum GEschehen: Justus und Sarah sind zwei Pilgerreisende, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Beide werden aber gleichermaßen von Lebenskrisen geplagt, die sie auf dem Jakobsweg lösen wollen. Auf der Anreise lernen sie sich kennen. Was sie nicht wissen: zwei Schutzengel begleiten sie, um die beiden aus ihren festgefahrenen Spuren zu werfen. Bruder Thomas, der christliche Engel, handelt offen und Shankara, sein hinduistischer Kollege, verdeckt. So uneins ihre Praktiken und Sprachbilder auch sind, so nicht-zwei ist ihr Wegesziel: mit ihren beiden Schützlingen die letzte Wahrheit des Seins zu erkunden. Als ungleiches Quartett starten sie vierspurig in eine verrückte Reise auf dem Jakobsweg […]

Zum Autor: Dr. Franz J. Maassen, 1964 im Rheinland geboren und aufgewachsen, ist Ingenieur und Manager, christgläubiger Familienvater sowie ein leidenschaftlicher Jakobspilger. Der Verfasser zahlreicher Fachpublikationen wurde durch seine vielen bewegenden Reiseerlebnisse zu diesem Debütroman inspiriert.

 

 

 

Impressum

 

 

© 2022 Franz Maassen

 

Alle Rechte vorbehalten. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu realen Personen wären rein zufällig.

 

Verfasst und herausgegeben von: Franz Maassen, Heerlener Straße 124, 52531 Übach-Palenberg

 

 

 

 

 

 

Wer hat einen härteren Kampf zu bestehen,

als der, der aufbricht,

um sich selbst zu überwinden?

Thomas von Kempen: Imitatio Christi 1:3,3

 

 

 

Inhalt

 

 

Prolog

Erstes Kapitel – Die Anreise

Zweites Kapitel – Les Pyrénées

Drittes Kapitel – Navarra

Viertes Kapitel – La Rioja

Fünftes Kapitel – Kastilien

Sechstes Kapitel – La Meseta

Siebtes Kapitel – León

Achtes Kapitel – El Bierzo

Neuntes Kapitel – Galicien

Zehntes Kapitel – Santiago

Epilog

Nachwort und Anmerkungen

Literaturhinweise

 

Prolog

 

 

»Der Jakobsweg schenkt jedem das, was er am nötigsten braucht!« Der Referent machte eine rhetorische Pause. Dann fuhr er fort: »Er verpflichtet den Pilger jedoch zu gehen, zu gehen ohne Unterlass.« Gelächter ging durch den Saal. »Sie lachen, aber glauben Sie mir, in den üblichen fünf bis sechs Wochen auf dem Camino-de-Santiago werden Sie viel gehen müssen. Sehr viel sogar!« Nun schmunzelte auch er. »Um konkret zu werden: Zwischen dem Startpunkt, dem Spanischen Tor im Pyrenäendorf Saint-Jean-Pied-de-Port, und dem Ziel, dem Tor der Herrlichkeit zur Jakobus-Kathedrale in Santiago-de-Compostela, erwarten Sie rund achthundert Kilometer Fußweg!« Der lange eindringliche Satz nahm ihm fast den Atem, genauso wie ihn manchen der Anwesenden auf der langen Wegstrecke später wohl auch genommen würde. Der Vortragende hielt kurz inne und blickte in die beeindruckten Gesichter. »Meine Damen und Herren, das beständige Gehen konditioniert Sie, macht Sie offen für Wandel, Begegnung und Spiritualität. Pilgern bedeutet, mit den Füßen zu beten!« Erneut erfüllte ein leises Gelächter den Raum.

Der kleine Vortragssaal in der Aachener Altstadt war ausgebucht. Inmitten des schlichten Publikums saß ein Mann in feinen Nadelstreifen. Justus Feldkamp. Er schaute auf die Uhr, stand wie stets unter Zeitdruck. Lange konnte er nicht bleiben, denn er war noch mit einem asiatischen Geschäftspartner zum Dinner verabredet. Doch dann brachte der Redner einen Vergleich, der ihn wie ein Pfeil tief in sein innerstes Mark traf.

»Der Jakobsweg ist wie der Lauf des Lebens«, begann der Referent. »Am Anfang leuchtet alles grün, vielfältig und verlockend. Der Weg aber führt uns nicht nur über sonnige Höhen, sondern auch durch finstere Täler, die uns gleichermaßen formen und wachsen lassen. Später durchlaufen wir eine Hochebene, die Meseta. Die Natur wird härter, trocken, wie die Lebensmitte des Menschen. Die Klärung der Seele setzt ein, und der Zeitpunkt zur Besinnung ist gekommen. Wenn wir dann bereit und entschlossen sind diesen Wandel anzunehmen, öffnet sich uns eine geläuterte Welt. Die Sorgen des Alltags verlieren zunehmend an Bedeutung, je näher wir unserem Reiseziel kommen.«

Das saß! Ein Volltreffer! Eigentlich war dem erfolgsverwöhnten Geschäftsmann schon lange bewusst, dass er den Zenit seiner Schaffenskraft überschritten hatte. Er wollte es sich nur nicht eingestehen. Mit Mitte vierzig blickte er auf eine steile Karriere zurück, war immer stolz auf das Erreichte. Doch seit geraumer Zeit fragte er sich selbstkritisch, was er in seinem Leben wirklich erreicht hatte. War er glücklich? Wie würde es weitergehen? Wie enden und was danach! Lauter Zweifel und Fragen, wie sie zuvor nie in ihm aufgekommen waren. Er hatte seine einst so geradlinige Spur verloren. Die Härte und Trockenheit der kargen Lebensmitte setzten ihm arg zu und drängten ihn zum Wandel. Sein Tennisfreund sah ihn in einer handfesten Sinnkrise und riet ihm unlängst, für ein paar Wochen auszusteigen, um sich neu zu orientieren. So blieb Justus Feldkamp an jenem Abend schließlich im Saal und lauschte weiter, wohin seine Reise gehen könnte.

 

* * *

 

Nur wenige Kilometer vom Vortragssaal entfernt, in einem stadtnahen Kloster, hatte sich zur selben Zeit Sarah Brand zu Besuch bei ihrer Freundin Gertrud eingefunden.

»Sarah, meine Liebe, ich habe diesen alten Band hier als junge Novizin von der Mutter Oberin erhalten.«

Sarah blickte aufmerksam auf das abgegriffene Buch in Gertruds Händen. »Eine historische Bibel?«, fragte sie interessiert.

»Es ist ein Andachtsbuch«, klärte ihre Freundin sie auf, »eine Anthologie mit wertvollen Glaubensweisheiten für ein glückliches und sinnerfülltes Leben in der Nachfolge Christi. Ich habe es viele Jahre eifrig studiert und empfehle es nun dir wärmstens ans Herz. Hier, ich möchte es dir schenken.«

»Das kann ich doch gar nicht annehmen!«

»Doch, doch. Bitte nimm es. Es wird dir guttun!«, drängte die Nonne.

Zögernd nahm Sarah das Buch entgegen und las laut von seinem Einband: »Die Nachfolge Christi des Thomas von Kempen. Wer war dieser Thomas von Kempen?«, fragte sie spontan.

»Der Buchautor. Ein weiser Augustinermönch des späten Mittelalters. Er wurde vor mehr als sechshundert Jahren am Niederrhein geboren, hat sein langes Klosterleben allerdings tief in Holland verbracht.«

»Gertrud, du sorgst dich immer so liebevoll um mein Seelenheil. Was würde ich nur ohne dich tun! Ich werde dieses kostbare Geschenk aber keinesfalls mit auf den Jakobsweg nehmen. Es könnte unterwegs Schaden nehmen!«

»Das brauchst du auch nicht. Der Herr wird dir auf deiner Pilgerreise auch so die nötige Einsicht schenken, um endlich zu deiner Entscheidung zu finden. Wohl die Bibel gehört in dein Gepäck. Der Thomas von Kempen wird dir nicht davonlaufen.«

 

* * *

 

Es war schon amüsant, wie Schwester Gertrud von mir sprach. ›Thomas von Kempen‹ war ehemals mein weltlicher Name, erinnerte ich mich. Ich hätte es mir denken können, dass mein Andachtsbüchlein die Zeiten überdauern würde. Denn schließlich hatte kein Geringerer als der Heilige Geist selbst mir die Geheimnisse der ›Nachfolge Christi‹ damals in die Feder diktiert. Das geschah zu meinen menschlichen Lebzeiten, im fünfzehnten Jahrhundert.

Nach meinem weltlichen Tod sandte mich der Herr dann auf Engelsmission. So kam ich bald wieder auf die Erde zurück. Fortan durfte ich den vielen suchenden Jakobspilgern jene heilbringenden Weisheiten weitergeben, die ich einst über meine eigene Feder gnadenreich empfangen hatte. Diese menschliche Seelsorge betreibe ich nun schon seit vielen hundert Jahren. Und wenn in meiner Unvollkommenheit sich zuweilen meine eigenen Worte erschöpfen, dann eilt mir der Herr zu helfen und spricht mitunter selbst aus meinem Munde. So sind wir Engel!

Mit Justus und Sarah fielen mir nun zwei Pilger zu, wie sie verschiedener wohl nicht hätten sein können. Lange überlegte ich, ob ich sie gemeinsam oder getrennt auf den Weg bringen sollte. Es schien mir eine besondere Herausforderung zu werden, für die ich mir erstmals die Unterstützung eines himmlischen Kollegen erbat. Ein indischer Mönch namens Shankara, erfuhr ich im Bittgebet, ein erleuchteter Hindu des frühen Mittelalters, würde mich begleiten. In diesem ungleichen Quartett würden wir dann vierspurig in den Jakobsweg starten.

Aber lassen Sie uns vier nun gemeinsam erzählen, wie diese verrückte Reise nach Santiago-de-Compostela (und noch darüber hinaus) verlief.

 

 

 

Erstes Kapitel – Die Anreise

 

 

1.1 – Justus

 

 

Wie ein Adler segelte der TGV lautlos über die Gleise. Die Zeit flog ebenso unbemerkt davon, seit ich mittags in Aachen in den Zug gestiegen war. In wenigen Stunden würde ich schon in Paris sein. Von dort hatte ich den Nachtzug nach Bayonne gebucht. Ein kleiner Schienenbus würde mich dann die letzten Kilometer hinauf in die Pyrenäen tragen. Im baskischen Saint-Jean-Pied-de-Port beginnt der Fußweg, der die Menschen verändert. Dort beginnt der Jakobsweg. Was wird der Camino wohl mit mir anstellen, fragte ich mich erwartungsvoll.

»Messieurs-Dames, vos billets s'il vous plaît!«, polterte der Zugbegleiter ins Abteil und riss mich aus meinen Tagträumen. Ich reichte ihm meine Fahrkarte.

»Justus Feldkamp. Sie sind deutsch, Monsieur?!«, bemerkte er aufmerksam.

»Ja, ganz recht«, antwortete ich freundlich.

»Mein' Mutter von Cologne. Stadt sehr schön. Gut' Voyage, Monsieur!« Er gab mir die gestempelte Karte und wandte sich geschwätzig dem nächsten Fahrgast zu.

Mir gegenüber saß ein beleibter Pater in seinem Habit und las. Das abgewetzte Buch in seinen Händen deutete ich italienischen Ursprungs. Es trug den Titel ›De Imitatione Christi‹. Neben ihm weilte ein knochiger Greis mit schneeweißem Haar und Bart. Er war gänzlich in orangefarbene Tücher gehüllt, wie ein tibetischer Mönch. Doch seine Hautfarbe und mehr runden Augen ließen eher auf eine indische Herkunft schließen. Er fixierte mich mit seinen tiefschwarzen Augen und wenn sich unsere Blicke kreuzten, warfen mir seine Lippen ein warmes Lächeln zu. Links von mir saß eine blonde Frau, ich schätzte sie auf Ende dreißig. Sie war auffallend hübsch und natürlich. Immer wenn sich die Türe öffnete, wehte ihr ein Luftzug vom Gang eine lange Haarsträhne ins Gesicht. Auf dem Tisch vor ihr lag ein dickes Buch, es war die Bibel. Der Untertitel ›Einheitsübersetzung‹ verriet ihre Herkunft, sie sprach also deutsch. Was verband sie wohl mit der Bibel? Eine Ordenstracht trug sie nicht, war demnach keine Nonne. Hinter ihrer schlichten Kleidung hätte man eine Pastorin vermuten können. Ich wurde neugierig. Kurzerhand sprach ich sie mit meinem geübten Kavalierslächeln an: »Sie lesen in der Bibel. Ich habe gerade überlegt, ob sie vielleicht eine Pastorin sein könnten.«

Sie erwiderte mein Lächeln, sagte dann mit leiser Stimme: »Ich bin katholisch. Bei uns Katholiken steht einer Frau die Priesterweihe nicht zu. Leider.«

»Ich bin ebenso katholisch getauft, aber meine Frau ist evangelisch. Die haben auch Pastorinnen.«

»Ist ihre Frau denn Pastorin?«

Als ich mir meine Ex im Talar vorstellte, konnte ich mir das Lachen kaum verkneifen: »Nein, wahrhaftig nicht. Meine Frau, genauer gesagt: meine Ex-Frau – wir sind schon einige Jahre geschieden – ist alles andere als eine Pastorin. Sie ist Geschäftsleiterin in einem großen Kosmetikkonzern. Für Religion hat sie sich noch nie interessiert.«

»Interessieren Sie sich denn für Religion?«, fasste sie nach.

Religion war auch nicht mein Ding. Ich wollte sie in ihrer erkennbaren Gläubigkeit aber nicht kränken. »Weniger«, antwortete ich kurz und konterte geschickt: »Sie sagten eben: ›Leider‹. Wären Sie denn Pastorin geworden, wenn Sie evangelisch getauft wären?«

»'Weiß nicht – könnte ich mir aber durchaus vorstellen. Früher wollte ich immer ins Kloster eintreten, eine Ordensfrau werden«, gestand mir die Fremde.

Der lesende Pater wurde hellhörig. »Früher?«, fragte er sie. »Würdest du heute nicht mehr in einen Orden eintreten wollen?«

Sie schlug die Augen zu Boden und wagte nicht aufzuschauen. »Doch – schon ...«, antwortete sie zögerlich.

Die Blonde biss sich verlegen auf die Unterlippe und errötete über beide Wangen. Ich hatte den Eindruck, dass der Geistliche mit dieser Frage ihre Achillesferse getroffen hatte. Deshalb versuchte ich das Gespräch umzulenken: »Sie sprechen ja ausgezeichnet deutsch!«, warf ich ein, wenngleich ich einen leichten holländischen Akzent herauszuhören glaubte. »Ich habe mich nicht getraut Sie anzusprechen, wo Sie doch dieses dicke italienische Buch dort lesen.«

»Das ist mein lateinischer Quelltext zur deutschen ›Nachfolge Christi‹«, erklärte er mir. Es klang fast so, als stammte das antiquierte Buch von ihm selbst, doch das war unmöglich, denn er war sichtlich kaum älter als vierzig. Dann wandte er sich wieder der hübschen Möchte-gern-Nonne zu. »Du musst dich bald entscheiden. Das weißt du!« Sie nickte, ohne ihren Blick zu heben. »Wie heißt du, meine Schwester?«, fragte er weiter.

»Sarah«, flüsterte sie. »Sarah Brand.«

»Ich bin Bruder Thomas, ein Augustinermönch. Lass mich dir ein paar wohlgemeinte Ratschläge mit auf deine Reise geben.« Seine Stirn legte sich in Falten und sein zuvor heiterer Ausdruck wich einer ernsten Miene. »Sarah, es ist nicht einfach, ohne Klagen und Widerrede in einem Kloster zu leben und darin sein ganzes Leben selbsttreu auszuharren. Wohl dem, der in einem Orden heilig lebt und aushält! Willst du dort Frieden und Eintracht finden, so musst du zunächst deinen Eigensinn brechen lernen. Kannst du es um Christi Willen geduldig ertragen, dass man dich ausgrenzt, dich in deinem Glauben für einen Toren hält und seinen Spott mit dir treibt? Frage dich, denn diese leidvolle Erfahrung wirst du machen. Deiner Demut wegen!«

»Dazu bin ich bereit!«, bejahte sie spontan und entschlossen.

Er fuhr fort: »Wer in Klöstern etwas anderes sucht als Gott allein und das Heil seiner Seele, der wird nichts finden als Plage und Herzeleid. Kannst du dich mit der untersten Stelle begnügen und erträgst du es, dich für den Geringsten ansehen zu lassen?«

»An unterster Stelle und der Geringste im Team? Das ich nicht lache!«, mischte ich mich hochmütig in das Gespräch ein. »Das Team zu führen war stets mein Ziel!«

»Zu dienen sind wir auf Erden, mein Bruder, nicht zu herrschen. Nur als treuer Diener findest du dein Heil in dieser Welt!«, fuhr mir der Pater verstaubt-katholisch über den Mund und wandte sich dann wieder ruhig der schüchternen Blondine zu: »In der Arbeit und im Verzicht geduldig zu reifen, das ist die Bestimmung der Nonne. Weder unkeusche Liebelei noch treulose Eitelkeit mögen sie davon abhalten. Das Klosterleben ist wie ein Glutofen. Darin wird der Mensch wie das Gold im Feuer geläutert. Wer sich nicht aus Liebe zu Gott von ganzem Herzen demütigen kann, der wird nicht lange darin aushalten. Überdenke meine Worte und dann erst entscheide dich, geliebte Schwester, welches Ziel du verfolgen willst.«

Sarahs Gemüt geriet sichtlich in Wallung: Ihre zarten Fingerspitzen vibrierten und ihre Wangen glühten, als sei sie dem ›Ofen der Läuterung‹, wie der Pater es ausdrückte, gerade eben erst entstiegen.

Unerwartet ergriff der Mönch in orange das Wort: »Wenn ich bemerken darf: In Indien verfolgen wir gleich vier Lebensziele: Artha, Kāma, Dharma und Moksha, soll heißen: Wohlstand, Freude, Ehrbarkeit und Erlösung.«

Verwundert über sein flüssiges Deutsch antwortete ich aufgeklärt: »Reichtum, Vergnügen und Ansehen würde ich als Zielwerte sofort unterschreiben. Aber wozu Erlösung? Das macht mich neugierig. Darf ich mich vorstellen: Justus Feldkamp ist mein Name.«

»Mein Name ist Adi Shankara. Ich bin Hindu.«

»Aha, dich schickt uns also der Himmel. Das Quartett ist damit komplett!«, warf der Pater zusammenhanglos ein.

Der Hindu lächelte und griff den Gesprächsfaden wieder auf: »Die westliche Welt hat mit dem historischen Bruch der Renaissance das vierte Ziel gänzlich aus den Augen verloren. Aber ohne die Erlösung bleiben die Früchte der drei anderen Ziele unreif und sauer, erst die Erlösung bringt ihnen Farbe und Süße.«

»Erlösung, wovon denn?«, fragte ich weiter.

»Von deiner spirituellen Verblendung.«

»Soso, ich bin verblendet. Das wusste ich ja gar nicht!«, wurde ich spöttisch.

»Wir alle sind unwissend geboren und blind für die Wahrheit des Seins, denn unsere menschlichen Sinne vernehmen nur die Wirklichkeit, die Dinge, wie sie auf uns wirken. Man muss hier fein unterscheiden! Die Wahrheit ist allumfassend und beständig. Die Wirklichkeit ist nur ein unscharfes Abbild dieser ewigen Wahrheit, eine flüchtige Illusion in Raum und Zeit. Maya nennen wir das in Indien. Erlösung erfahren wir, wenn uns diese höchste Weisheit erleuchtet.«

»Sie reden wie meine asiatischen Geschäftspartner: kompliziert und unverständlich!«, urteilte ich voreilig.

»Höchst interessant, bitte sprechen Sie weiter!«, drängte hingegen die blonde Sarah. Sie war ganz Ohr und hielt mir – wohl eher unbewusst – ihre flache Hand entgegen. Ich deutete ihre Geste als ein ›bitte schweige‹. Der Pater schmunzelte, und ich lenkte wohlwollend ein.

»Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, Sarah«, fuhr der Hindu fort und blickte nun sie an, »musst du dich von den drei großen Illusionen der Wirklichkeit befreien. Diese sind deine Anhaftungen an der Welt, am Fleisch und am Ego. Erst in deren Entsagung erschließt sich dir die höchste Wahrheit des Seins. Ich will es euch erläutern:

Die Welt ist ein gewaltiges System der Abgötterei. Sie ist das Reich der Wissenschaft und Technik, des Konsums und der Sinne. Mit der westlichen Aufklärung wandte sich die Wissenschaft von der Erkenntnis der höchsten Wahrheit, hin zur Erforschung der materiellen Welt im Licht des begrenzten menschlichen Verstandes. Dieses mechanistische Weltbild hat heute eine größere Macht als je zuvor und übt eine Faszination aus, die nur wenige widerstehen können. Die technisierte Wissenschaft hat uns Wohlstand (Artha) gebracht, zweifelsohne, doch wir müssen ihn teilen und dürfen ihn nie zum Maß aller Dinge erheben. Sonst bleiben seine Früchte sauer und wir Menschen verblendet.

Die Illusion des Fleisches ist die unwiderstehlich betörende Sexualität. Sie wird verehrt und vergöttert, in den modernen Medien zum Mittelpunkt aller Vergnügungen gemacht und als angebliche Quelle des Lebens hemmungslos verkostet.Auch die Sinnesfreuden (Kāma) haben in der Schöpfung ihren Platz, dürfen sich jedoch nicht zu Götzen ermächtigen. Sonst bleiben ihre Früchte unreif und wir Menschen blind.

Man kann den Illusionen der Welt und des Fleisches widerstehen, aber wer ist bereit sein Ego, seine Selbstliebe, aufzugeben? Jeder möchte so gern seine Persönlichkeit ausleben und erfolgreich sein: Ruhm, Ansehen und Macht erlangen, über die unsere vermeintlichen Idole grenzenlos zu verfügen scheinen.Erfolg und Ansehen motivieren und das ist gut, dürfen uns jedoch nicht zu Kopfe steigen. Sonst werden ihre Früchte giftig und wir Menschen verhärtet.«

»Aber Wohlstand bedingt die Welt, Vergnügen die Lust und Ansehen ein rechtschaffenes Ego!«, protestierte ich ungehalten.

»Das stimmt, unbestritten! Besitz, Sehnsüchte und Selbstliebe sind zweifellos nicht verächtlich, jedoch nur solange du nicht an ihnen haftest!«, antwortete er prompt. »Der Säufer findet im Wein keinen Frieden, der Casanova in der Fleischeslust keine Liebe und der Pharisäer keinen Ehrenplatz vor Gott! Was könnte uns denn wahrhaftig erfreuen, wenn wir nicht zuvor gelernt hätten, in Demut und Geduld Maß zu halten!«

Der Pater nickte zustimmend, sie verbiss sich gedankenversunken an ihrer Unterlippe und ich überlegte skeptisch, worauf er wohl hinauswollte.

»Sarah, siehst du«, fuhr der Greis fort, »nichts anderes wollte dir Bruder Thomas sagen. Als christliche Nonne verpflichtest du dich zu Armut, Keuschheit und Gehorsam. Das sind die drei evangelischen Räte, wie du weißt. Armut ist die Lossagung von der Welt, Keuschheit die Abkehr vom Fleisch und Gehorsam die Hingabe deines eigenen Selbst. Diese christlichen Werte unterscheiden sich gar nicht von denen der Hindus. Das ist nicht verwunderlich, denn es gibt nur die eine letzte kosmische Wahrheit des Seins. Wir nennen diese Brahman und ihr Gott!«

Mit einem Male herrschte Stille in unserem Abteil. Der Guru lehnte sich zurück und schloss die Augen, die schöne Sarah blätterte suchend in ihrer Bibel, der Pater widmete sich wieder seinem verstaubten Buch und ich prüfte – von diesen wortgewaltigen Lektionen ausnahmsweise selbst sprachlos – verlegen meine E-Mails. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis wir den Pariser Gare-du-Nord erreichen würden.

 

 

1.2 – Sarah

 

 

»Sarah Brand, was sollst du nur tun?«, fragte ich mich selbst. Wankelmütig stand ich auf dem Vorplatz des Gare-du-Nord und blickte zurück. Pater Thomas – und wie hieß er gleich noch: Shankara – hatten mein Gedankenkarussell kräftig angekurbelt. Drinnen im Bahnhof hatten beide mich noch herzlich gedrückt und gesegnet, bevor sie sich gemeinsam in das Labyrinth der Pariser Metro verabschiedeten. Den ungläubigen Möchte-gern-Schönling von vorhin – Justus Feldkamp, so nannte ihn der Schaffner – sah ich gerade mit einem Taxi davonfahren. Für meinen Anschlusszug musste ich den Bahnhof wechseln. Bis zur Abfahrt am späten Abend hatte ich reichlich Zeit, um die etwa fünf Kilometer zum Gare d’Austerlitz zu Fuß anzugehen und dabei im Stadtzentrum noch einen Blick auf die Notre-Dame zu werfen. Doch jetzt musste ich erstmal reden. Ich brauchte dringend ein Ventil, bevor es mich innerlich zerriss. Lange fragte ich mich durch, bis ich einen öffentlichen Fernsprecher fand – vermutlich der letzte seiner Art in ganz Paris. Ich wählte die Nummer des Klosters und wartete auf das Freizeichen.

»Hier ist Schwester Gertrud«, meldete sich meine beste Freundin.

»Ich bin’s. Sarah!«

»Sarah! Wo bist du in Gottes Namen?«

»Ich bin in Paris.«

»Du wolltest doch erst morgen früh von der spanischen Grenze aus anrufen. Ist was passiert?«

»Nein ..., doch! Ich meine, nichts Schlimmes. Ach, ich muss einfach nur reden.«

»Du hast dich doch nicht schon entschieden, oder?«

»Du glaubst es nicht: Im Zug hierher habe ich beide, nein, sogar drei gefunden«, scherzte ich. »Einen weltlichen und gleich zwei himmlische Männer dazu.«

»Versündige dich nicht! Wen hast du kennengelernt?«

»Der Weltliche heißt Justus. Justus Feldkamp. Ich sage dir, der roch vielleicht gut, aaah, und seine stahlblauen Augen erstmal. Die hätten auch dich verzaubert. Gnadenlos!«

»Hihihi, du hast dich verliebt! Stimmt’s?«

»Hmm, na ja. Eigentlich passt der Kerl überhaupt nicht zu mir. Er ist ein hagerer Manager-Typ mit Schönlingslocken und einer markanten Charakternase. Das Einzige, was uns von allem gemein war, waren unsere schweren Rucksäcke. Und wenn ich so recht überlege, dann fügte sich der Rucksack ebenso wenig in sein Gesamtbild. Ein schicker Lackkoffer, das wäre es gewesen. Als unscheinbare Lehrerin hätte ich bei Herrn Feldkamp ohnehin keine Chance. Er ist besseres gewohnt. Seinesgleichen. Außerdem ist er schon mit einem Taxi davongefahren. Frag also erst gar nicht weiter nach.«

»Wer waren denn die beiden anderen, die Himmlischen? Waren die noch himmlischer als dieser Manager?«, scherzte nun Gertrud.

»Nein, bestimmt nicht. Der eine war ein friedvoller Greis, schien mir ein indischer Guru zu sein. Er hat uns die evangelischen Räte aus einer mir ganz neuen Perspektive ausgelegt. Hinduistisch eben, unseren christlichen Werten aber überhaupt nicht fern!«

»Wie aufregend, das musst du mir zuhause alles erzählen! – Und wie war der andere, Himmlische?«

»Bruder Thomas, von den Augustinern. Er war irgendwie mysteriös und herzlich zugleich. Ich weiß ihn gar nicht weiter einzuschätzen.«

»Was hat er gesagt?«

»Er hat mir eindringlich ins Gewissen geredet, als würde er mich schon ewig kennen. Er gab mir Ratschläge und Hinweise für ein Leben im Kloster. Zunächst glaubte ich, er sei mir vom Himmel geschickt worden und hätte mich endlich überzeugt, meinem Ruf zu folgen, um meine irdische Erfüllung bei euch Schwestern im Kloster zu finden. Ich glaubte meiner Entscheidung nahe zu sein, doch nun kommen schon wieder Zweifel in mir hoch.«

»Die Entscheidung zwischen Ehe und Ordensgelübde will wohl durchdacht sein. Ich weiß, wovon ich spreche«, tröstete mich meine Freundin.

»Ab morgen kann ich mir dafür achthundert Kilometer Zeit nehmen. Ich melde mich wieder.«

»Gott segne dich, meine Liebe«, verabschiedete sich Gertrud von mir.

 

 

1.3 – Justus

 

 

Im Gare d’Austerlitz herrschte reger Betrieb. Sonntagabends kehren die vielen Pendler aus Frankreichs Süden hierher in die Stadt zurück, um am folgenden Morgen pünktlich in die neue Arbeitswoche zu starten. Ich hingegen hatte mich auf eine Reise gen Süden begeben, um meinem geschäftigen Alltag vorübergehend zu entfliehen. Meine Sekretärin hatte einen perfekten Job geleistet. Sie hatte für den Nachtzug ein ganzes Schlafabteil in der ersten Klasse für mich allein reserviert. Nicht, dass ich alle vier Betten benötigte, aber sie wusste um meine Empfindlichkeiten in Sachen Privatsphäre. Nachdem ich mein Abteil schon früh bezogen und meinen legeren Bürodress mit der neuen Wandergarderobe getauscht hatte, saß ich nun auf dem Bahnsteig und beobachtete das bunte Treiben.

Fröhlich singend zog eine Gruppe von Afrikanerinnen an mir vorüber. Von meiner Bank aus schaute ich ihnen nach, wie die Falten ihrer farbenprächtigen Kaftane im Schwung ihrer Hüften tänzelten. Auf der Bank gegenüber saß ein alter Mann und aß. Sein kleines Glück schien perfekt. Er hatte auf seinem Schoß einen Camembert aufgeschnitten und dazu Stangenbrot gebrochen. In der Hand hielt er einen Becher Wein. Sein Gesichtsausdruck genügte mir, um aus der Ferne den reifen Käse riechen und den kräftigen Rotwein am eigenen Gaumen schmecken zu können. Dann strich mir eine laue Abendbrise über die bloßen Arme und strömte mit den Reisenden weiter in die vom Tage aufgeheizte Bahnhofshalle. Inmitten der vielen Menschen fühlte ich mich, als wäre ich gerade in meinem Leben neu angekommen. Ein warmes Gefühl von Glückseligkeit überkam mich, und ich spürte eine leise Ahnung in mir, dass mich diese verrückte Reise wohl verändern könnte.

Plötzlich vibrierte der Boden unter meinen Füßen. Auf dem Gleis nebenan lief ein Regionalzug ein. Das schrille Quietschen seiner Bremsen überstrahlte für einen Moment lang alles Leben auf dem Bahnsteig. Bevor die Diesellok endlich verstummte, blies sie – wie ein sterbender Drache – noch eine letzte Wolke rußigen Abgases in die Halle. Der Ruß drang stechend in meine Nase und sein Schwefel legte sich beißend unter meine Zunge. Meine Ex-Frau Carmen kam mir in den Sinn. Sie trat vor Jahren ebenso polternd in mein Leben ein und versprühte Gift und Galle, als sie es wieder verließ. Für sie hatte sich stets alles nur ums Geld gedreht. Sie war dem Mammon restlos verfallen. Unsere Ehe war kein Spiel der Liebe, sondern glich einem Wettstreit um die Macht. In den vielen wechselnden Beziehungen nach meiner Scheidung hatte ich ebenso wenig Glück gefunden. ›Wir sind auf Erden, um zu dienen und nicht zu herrschen‹, hatte der Ordensmann am Nachmittag fromm gesagt. Stimmt das? Ist das vielleicht der Schlüssel zum wahren Glück?

Der Strom der Reisenden kehrte sich um. Es wurden mehr Leute, die den Bahnsteig betraten, um die Schlafwagen des Nachtzuges zu beziehen. Die schönen Frauen unter ihnen begrüßte ich mit meinem geübten Kavalierslächeln. Dann schaute ich ihnen hinterher. Aus Gewohnheit. Ich konnte es wohl nicht anders. Bei einer Blondine mit Rucksack stockte ich unerwartet. Ich meinte sie zu kennen, war jedoch unsicher, denn sie trug nun einen altfränkischen Strohhut mit einem rosengemusterten Hutband. Doch sie erkannte mich sofort.

»Herr Feldkamp!«, rief sie spontan.

»Sie kennen meinen Namen?!«, staunte ich.

»Der Schaffner im TGV hat Sie doch Justus Feldkamp genannt. Stimmt’s?!«

»Ganz richtig. Wie aufmerksam Sie sind, Frau Sarah Brand!« Sie errötete vor Scham, weil auch ich ihren Namen behalten hatte.

»Auch richtig!« Verlegen biss sie sich auf die Unterlippe und suchte nach einem Gesprächsthema. »Ich bin überrascht, Sie hier anzutreffen. Ich hatte geglaubt, Sie hätten geschäftlich in der Stadt zu tun.«

»Nein, nein. Ich bin nur auf der Durchreise. Ich fahre mit dem Nachtzug weiter nach Bayonne«, sagte ich.

»Ich auch, wie lustig!« Sie musterte mich kurz. »Sie sehen ganz anders aus als im TGV vorhin. Sie haben ihre Kleidung gewechselt und auch ihre Anzugschuhe mit groben Wanderstiefeln getauscht. Fahren Sie in die Pyrenäen, um dort zu wandern?«

»Sozusagen«, antwortete ich knapp. Mir war es unangenehm zuzugeben, dass ich auf Pilgerreise war. »Und Sie? Sie tragen einen schweren Reiserucksack und ebenso Wanderschuhe!«

»Ich starte morgen in den Pyrenäen auf den Jakobsweg, nach Santiago-de-Compostela!«, verriet sie mir und strahlte erwartungsvoll bei dieser Vorstellung.

Bei all ihrer Offenheit konnte ich mein Vorhaben der sympathischen Fremden nicht verheimlichen. »Dann werden wir uns demnächst wohl öfters über den Weg laufen, denn ich habe dasselbe Reiseziel.«

»Was für ein Zufall! Gerne. Zu zweit, in guten und in schlechten Zeiten.« Als sie merkte, wie vertraut sie geantwortet hatte, errötete sie erneut.

Ich lachte indes. »Jetzt machen Sie aber mal, dass Sie Ihr Abteil finden. Der Zug fährt gleich ab. Wir sehen uns bestimmt noch unterwegs.«

Sie nickte zustimmend, lief dann suchend entlang der Waggons und stieg in einen Schlafwagen der zweiten Klasse ein. Ich merkte mir ihre Wagennummer.

Mit einsetzender Dunkelheit verließen wir bald Paris. Es dauerte nicht lange, bis ich mich auf die Suche nach der hübschen Blondine begab. Ich wollte sie zu einem Glas Champagner in den Buffetwagen einladen. Unter Pilgern sozusagen. Statt in ihrem Abteil traf ich sie unverhofft weinend auf dem Gang an.

»Frau Brand! Was ist geschehen?« Ich nahm sie vorsichtig in den Arm, um sie zu trösten. Sie war völlig aufgelöst.

»Ich geh dort nicht mehr rein!«, schluchzte sie.

»Wo gehst du nicht mehr rein?«, fragte ich und duzte sie lose, als wären wir alte Freunde.

»Zu diesen fiesen Kerlen da drin. Ich habe Angst vor denen. Die starren mich unentwegt an und machen sich in einer fremden Sprache über mich lustig. Sehen Sie selbst nach!«

Ich öffnete einen Spalt weit die Schiebetür und warf einen flüchtigen Blick in das enge, vollbesetzte Sechser-Abteil. Nur Sarahs Liege war leer. Fünf Paar dunkler Augen blickten mich lüstern an, doch ich war nicht das Ziel ihrer Begierde. Rasch schloss ich die Tür wieder.

»Nein, hier kannst du nicht bleiben. Du kommst mit zu mir!«, sagte ich in einem bestimmenden Ton.

»Aber der Zugbegleiter meinte, der Nachtzug sei ausgebucht und ich könne nicht umziehen!«

»Mach dir keine Sorgen, ich bring dich unter. Komm mit!«, sagte ich, schnappte mir ihren Rucksack und ergriff ihre Hand.

Als wir mein Abteil erreichten, hatte Sarah sich beruhigt. Wir traten ein.

»Hier kannst du sorglos übernachten. Außer mir wird hier niemand sonst noch schlafen«, ich zeigte auf das freie Bett gegenüber meinem. Die beiden oberen Liegen hatte ich bereits hochgeklappt.

»Das kann ich nicht annehmen. Wir kennen uns doch überhaupt nicht!«

»Aber die fünf anrüchigen Typen im Abteil dahinten kennst du sicher bestens, oder?!«

»Gott bewahre!«

»Na also. Wir sind doch erwachsene Menschen. Vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten. Ich beiße ganz bestimmt nicht!«, ich schloss den Satz mit meinem erprobten Kavalierslächeln.

Sie erwiderte meine charmante Geste und sagte nur: »Danke, das ist wirklich sehr nett von Ihnen!«

»Du kannst dich in Ruhe fertig machen. Ich lasse dich nun für eine halbe Stunde allein im Abteil«, bot ich ihr großzügig an.

»So lange brauche ich nicht«, schmunzelte sie.

Ich machte mich derweil auf, um im Buffetwagen eine Flasche Rotwein, zwei Gläser und ein paar Knabbereien für uns zu besorgen.

Als ich wiederkam lag die schöne Blonde mit geschlossenen Augen auf ihrem Schlafsack und betete. Ihre Lippen und die gefalteten Hände verrieten ihr Tun. Um sie nicht zu stören, trat ich leise ein und setzte mich auf mein Bett. Mit meinem Smartphone rief ich die aktuellen Börsenberichte auf, doch mein Interesse an den schnöden Zahlen war sehr begrenzt. Wiederholt blickte ich zu ihr rüber, betrachtete verstohlen ihr hübsches Gesicht und taxierte, ohne dass sie es bemerkte, ihren wohlgeformt-weiblichen Körper. Sarah schien so rein, unbefleckt und natürlich zu sein – ganz anders als die vielen affektierten Weiber, mit denen ich mich sonst abgab. ›Interessant!‹, dachte ich. Nachdem sie sich bekreuzigt und ihre Augen wieder geöffnet hatte, lächelte sie mich schüchtern an. Routiniert erwiderte ich ihre Geste.

»Ich habe uns Rotwein und ein paar Kräcker besorgt«, sagte ich leise und goss aus der bereits entkorkten Flasche eine Probe in mein Glas. »Nach dem Schrecken von vorhin wird dir der Wein guttun.«

»Oh. Seien Sie mir bitte nicht böse, aber ich trinke keinen Alkohol. Die Kräcker nehme ich jedoch gerne!« Hungrig richtete sie sich auf.

»Kein Problem.« So dekorierte ich ihr die Knabbereien auf dem Bett und probierte kurz den Wein: »Lecker. Ein trockener Franzose. Genau richtig für den Abend.« Für Sarah öffnete ich eine Flasche Mineralwasser aus dem Begrüßungspaket der ersten Klasse. Dann füllte ich mein Glas auf. Wir stießen an und tranken.

»Sag mal, Sarah, ... ich duze dich mal einfach weiter, 'hast hoffentlich nichts dagegen!«

»Natürlich nicht!«

»... was hat dich denn bloß geritten, einen Schlafplatz im Sechserabteil zu buchen? Du musstest doch damit rechnen, dass du nicht allein bleiben würdest.«

»Herr Feldkamp«, sagte sie und brauchte einen Moment, um ihren keksvollen Mund wieder zu leeren, »ich meine Justus, so ein Erste-Klasse-Abteil kann sich nicht jeder leisten. Ich bin nur eine Lehrerin und verdiene bestimmt sehr viel weniger als du.«

»Glaubst du? Ich kenne etliche Geschäftsleute, die weitaus mehr verdienen als ich«, untertrieb ich weltmännisch und nahm einen kräftigen Schluck von meinem Franzosen. »Ich reise eher selten mit der Bahn, fliege lieber. Das spart Zeit.«

»Und warum heute der Nachtzug?«

»Weil ich mir diese Zeit bewusst nehmen will. Ich bin doch schließlich auf der Anreise zum Jakobsweg. Außerdem wollte ich mal die besondere Atmosphäre eines Nachtzuges erleben. Mein Vater hatte oft von seiner frühen Reise im legendären Orient-Express geschwärmt – von Paris über den ganzen Balkan bis an den Bosporus.«

»Eine Zugreise ins Morgenland. Wie aufregend! Das muss ja Ewigkeiten her sein.«

»In den späten 1930er Jahren muss das gewesen sein. Er war jedenfalls noch ein Kind und durfte seinen Vater auf einen internationalen Fachkongress nach Istanbul begleiten. Großvater war seinerzeit ein bekannter Chirurg, ebenso wie es Vater in der Familientradition später auch war.«

»Meine Familie ist weniger großbürgerlich. Mein Papa hatte die kleine Schreinerei von Opa übernommen und diese vor einigen Jahren wiederum an meinen älteren Bruder übergeben. So ist das eben, die Generationen wechseln einander ab. Jetzt lebt Papa als rüstiger Witwer im Ruhestand. Er hat unser kleines Dorf in Franken nie verlassen. So oft es mir möglich ist, besuche ich ihn zuhause.« Sarah stockte in ihrem Redefluss. Dann fragte sie unsicher: »Du bist bestimmt auch ein berühmter Doktor, nicht wahr?!«

Fast hätte ich mich am Rotwein verschluckt. »Nein, nein. Ich habe mich nie für den menschlichen Körper interessiert – mal ganz abgesehen von den schönen weiblichen Rundungen ...« Sarah biss sich verlegen auf die Unterlippe und wurde krebsrot, als mein leicht alkoholisierter Blick ungeniert über ihren Körper lief. Anders als meine bisherigen Bekanntschaften nahm sie diesen eindeutigen Flankenball für ein spontanes, intimes Match nicht auf. Irritiert von ihrer Scham ruderte ich zurück: »Okay – war nur ein dummer Spaß, ... ich bin weder Mediziner, wenn du das meinst, noch trage ich einen Doktortitel. Ich bin als einzig Nichtpromovierter eher das schwarze Schaf der Familie«, sagte ich mit ironischem Zungenschlag und leerte mit dem ungewohnten Gefühl einer Zurückweisung das Glas in meiner Hand. »Vater hätte es sicher gerne gesehen, wenn ich in seine Fußstapfen getreten wäre«, fuhr ich fort, »doch er ist in dem Jahr meines Abiturs verstorben und hat nicht mehr erlebt, dass ich Ingenieur geworden bin und später im Anlagenbau Karriere gemacht habe.«

»Und was geschah mit seiner Arztpraxis?«

»Er war Chefarzt in einer Aachener Klinik, hatte keine eigene Praxis.«

»Sein früher Tod war für deine Mutter bestimmt tragisch? Sie hat ihn sicher vermisst!«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Er war deutlich älter als sie. Mutter hatte sich schon früh eine eigene Anwaltskanzlei aufgebaut. Die führt mittlerweile mein Bruder. Beide promovierte Juristen, versteht sich. Es lebe die Tradition!« Höhnisch erhob ich mein Glas zum Toast, aber es war leer.

»Dann genießt deine Mutter jetzt wohl auch ihren Ruhestand?!«

»Ob sie den wirklich genießt, bezweifele ich. Sie ist dement und lebt in einem sehr exklusiven Pflegeheim am Stadtrand. Wir sehen uns selten und mein Bruder besucht sie auch kaum noch ...«

Ich füllte nochmals unsere Gläser und wechselte dann das Thema: »Sarah, wie kommt es eigentlich, dass du heute im Rheinland in den Schnellzug zugestiegen bist? Als eine gebürtige Fränkin!«

»Ich wohne gar nicht weit weg von Aachen. Nach meinem Referendariat in der Eifel habe ich in einer kleinen Dorfschule eine feste Anstellung gefunden und bin dann dort hängengeblieben.«

»Fühlst du dich wohl bei uns? Wir Rheinländer sind in der Regel doch ziemlich freiheraus!«, fragte ich lächelnd.

»Man kann sich an alles gewöhnen«, antwortete sie verschmitzt. »In einem nahegelegenen Kloster habe ich mit der Oberin eine inspirierende geistliche Begleiterin und in einer der Schwestern meine beste Freundin gefunden. Dort fühle ich mich pudelwohl.«

»Ist das deine neue Familie?«

»Vielleicht. Das wird sich hoffentlich bald klären!«

Wir unterhielten uns noch lange, kamen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Als sich jedoch die Flasche Rotwein dem Ende zuneigte, konnte ich Sarahs Erzählungen nicht mehr ganz folgen. Der Alkohol forderte seinen Tribut. Irgendwann überkam mich der Schlaf und ich vernahm nur noch das monotone Rattern des in die Nacht gleitenden Zuges. Ratadamm, ratadamm.

 

 

1.4 – Sarah

 

 

Am frühen Morgen erreichten wir Lourdes, den kleinen Wallfahrtsort am Fuß der Pyrenäen. Bis Bayonne war es nicht mehr weit. Ich hatte wenig geschlafen, denn Justus hatte in der Nacht furchtbar geschnarcht. Als ich die leere Weinflasche auf dem Fußboden sah, wurde mir sofort klar, warum. Ich blickte zu Justus rüber. Jetzt lag er ganz ruhig da, wie ein schlafendes Kind. Ich nahm ihn völlig anders wahr als noch am Vortag im TGV. Nicht mehr so entfernt, ungreifbar und hart. Er strahlte Selbstbewusstsein aus, aber ohne dabei arrogant zu wirken. Am Abend zuvor war er sehr lieb zu mir gewesen. Seine harte Schale hatte einen weichen Kern. Als Justus aufwachte, räkelte und streckte er sich wie der junge Hund im Kloster, mit dem ich so gerne schmuste, wenn ich bei Gertrud zu Besuch war.

»Guten Morgen, Sarah. Hast du auch so gut geschlafen wie ich?«

Ich schaute nochmals auf die leere Flasche. »Es geht so, mir fehlte das Schlafmittel«, scherzte ich kurz und drängte ihn gleich: »Wir müssen bald umsteigen, es wird Zeit, unsere Sachen zu packen.«

Zögerlich kroch Justus aus seinem Schlafsack, um seine sieben Sachen für die Weiterreise zu sammeln. Als er seinen schweren Rucksack aus dem Gepäcknetz zog, fiel mir ein Föhn entgegen.

»Hoppla«, rief ich und schnappte das Teil noch in der Luft. »Das ist doch nicht etwa deiner, oder?«

»Doch, mein Reiseföhn. Den habe ich immer dabei.«

»Du bist hier auf Pilgerreise! Hier brauchst du sowas nicht. Du wirst auf dem langen Weg nach Santiago bald jedes Gramm auf deinem Rücken persönlich kennen und erleiden lernen, glaube es mir!«

Justus schaute mich unverständig an.

»Dein Rucksack ist ja riesig. Der fasst bestimmt an die sechzig Liter!«, staunte ich. »Was schleppst du denn alles mit dir rum?«

»Siebzig Liter!«, verbesserte er mich.

»Meiner fasst nicht mal vierzig!«

»Du bist ja auch eine kleine Frau. Große Männer haben halt viel mehr nötig!«, grinste er charmant. Dabei war er gar nicht mal viel größer als ich. Ich war mir nicht sicher, ob er dieses betörende Kavalierslächeln möglicherweise übte. Sympathisch machte es ihn jedenfalls, und das schien er zu wissen.

»Ein Expeditionsrucksack ist das, da passt alles rein. Den hat Frau Leyendecker mir besorgt und gepackt.«

»Frau Leyendecker? Besorgt und gepackt?«, wiederholte ich neugierig.

»Frau Leyendecker ist meine Sekretärin, musst du wissen. Sie organisiert alle meine Reisen, die gute Seele. Sonst habe ich doch niemanden. Schuhgröße zweiundvierzig und Konfektionsgröße fünfzig, meine Maße sind ihr bestens bekannt. Sie hat für mich eingekauft und auch den Rucksack bestückt.«

»Soso«, sagte ich knapp. Ich glaubte ihm kein Wort. So etwas gibt es doch gar nicht, dachte ich, er ist ein Rheinländer und will mich sicher verschaukeln. Dann hielt der Zug, wir waren in Bayonne. »Vergiss deinen Schlafsack nicht«, erinnerte ich ihn und zeigte mit der Hand auf sein Bett.

»Der Schlafsack ist nicht von mir, der ist von der Bahn und gehört zum Service der ersten Klasse.«

»Du hast keinen Schlafsack dabei?

---ENDE DER LESEPROBE---