St. Petersburger Weihnachtsgeschichte - Marcus Reckermann - E-Book

St. Petersburger Weihnachtsgeschichte E-Book

Marcus Reckermann

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Beschreibung

Ein wissenschaftliches Routinetreffen im winterlichen St. Petersburg. Nach den Vorträgen und Diskussionen taucht der Erzähler in das abendliche, weihnachtlich geschmückte St. Petersburg ein. In einer Nebenstraße hat er eine ergreifende Begegnung mit einer besonderen Frau. Ein Geschenk, dass er von einem obskuren Händler bekommen hat, spielt eine seltsame Rolle an diesem denkwürdigen Abend.

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Seitenzahl: 30

Veröffentlichungsjahr: 2025

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1

Das seltsamste und anrührendste Erlebnis meines Lebens habe ich einer Brandkatastrophe zu verdanken. Das Leitungsgremium unseres Forschungsprogramms traf sich einmal im Jahr, und die Ausrichtung ging normalerweise reihum – jedes Mitglied der Gruppe sollte theoretisch einmal als Gastgeber fungieren. So hatten die letzten Treffen in Riga, Helsinki, Norrköping, Göteborg, Kopenhagen und Rostock stattgefunden. Russland war bisher nicht an der Reihe gewesen, denn unser russisches Mitglied Valery Zuglinsky hatte bisher immer abgelehnt unter dem Vorwand, dass er nicht den von uns gewohnten Standard erfüllen könne. Nach dem Ende der Sowjetunion waren die Forschungs-und damit zusammenhängenden Administrationsgelder immer stärker zusammengestrichen worden, so dass die russischen Kollegen froh waren, einen gewissen Status Quo in ihren Forschungsarbeiten halten zu können, und ab und zu internationalen Konferenzen beiwohnen zu können. Jedes Mal, wenn entschieden wurde wo das nächste Treffen stattfinden sollte, hatte Valery mit russischem Gleichmut bedauert, man sei noch nicht soweit. In diesem Jahr hatte sich Jan Pempkowski von der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Sopot bereit erklärt, als Gastgeber zu fungieren. Das Institut für Ozeanologie befand sich in einem historischen Holzgebäude direkt am Strand des polnischen Seebades. Ein Traum für jeden Meereskundler, dort sein Büro zu haben. Dann brannte zwei Wochen vor dem diesjährigen Termin das Institut bis auf die Grundmauern ab. Jan hatte sich bei dilettantischen Löschversuchen leichte Verbrennungen zugezogen, so dass er als diesjähriger Veranstalter ausfiel, obwohl Ausweichlokalitäten vorhanden gewesen wären. So hatte ich etwas lustlos herumtelefoniert, ohne große Hoffnung, dass wir noch in diesem Jahr tagen könnten. Dann rief mich Valery am 5. Dezember 2006 zurück und verkündigte, dass die neue Institutsführung großes Interesse an unserem Programm habe, und das Institut für Hydrologie in St. Petersburg gerne für Sopot einspringen würden.

2

St. Petersburg hat den Ruf einer zauberhaften Stadt, besonders im Sommer, wenn während der „weißen Nächte“ die Sonne kaum untergeht. Dann herrscht eine einzigartige Atmosphäre in der Stadt, und am Ufer der Newa und entlang der vielen Kanäle pulsiert das Leben bis in die frühen Morgenstunden. Die Stadt war von Peter dem Großen zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf dem Reißbrett geplant und in einer beispiellosen Anstrengung in die Sümpfe des Newa-Deltas hineingebaut worden. Riesige repräsentative Gebäude mit barocken und klassizistischen Fassaden prägen das Stadtbild, und man wird das Gefühl nicht los, sich in einem riesigen Freiluftmuseum zu befinden. Zehntausende von Zwangsarbeitern und Leibeigenen fielen während des Baus Krankheiten wie Sumpffieber, Skorbut, und der Ruhr zum Opfer, wenn sie nicht einfach an Hunger und Entkräftung starben. Die Stadt ist heute die viertgrößte Stadt Europas (nach Istanbul, Moskau und London), und mit etwa 5 Millionen Einwohnern die nördlichste Millionenstadt der Welt.

3

Wir landeten am 18. Dezember in dichtem Schneetreiben. Aus dem Kabinenfenster konnte man das Ende der Flügel kaum erkennen, und es ist mir ein Rätsel, wie der Pilot die Maschine unter diesen Bedingungen sicher aufsetzten konnte. Die Passagiere, fast ausschließlich Businessreisende, klatschten Applaus. Nachdem wir durch eine eher unerfreuliche Einreiseprozedur gegangen waren, stiegen wir in das Taxi, das uns ins Hotel bringen sollte. Auf der Fahrt, die etwa eine Stunde dauerte, wurden wir Zeugen von verschiedenen Bagatellunfällen. Ungläubig beobachteten wir, wie aggressiv und rücksichtslos die Russen sich das Leben gegenseitig schwermachten. Es ging größtenteils nur im Schritttempo voran, und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Blechschäden, die wir beobachteten, dem Unfallgegner mit voller Absicht zugefügt wurden.

4