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Einige Stachelschweine finden sich an einem kalten Tag zusammen, um sich durch ihre eigene Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Doch aufgrund ihrer Stacheln werden sie wieder auseinander getrieben; solange, bis sie eine Entfernung voneinander finden, in der sie die Stacheln der anderen ertragen, aber sich dennoch genügend wärmen können. Die Parabel von den Stachelschweinen nach Arthur Schopenhauer steht im Zentrum dieses Erzählbandes. In 15 Geschichten geht um die menschliche Suche nach Nähe, den damit verbundenen Schwierigkeiten und um ihr Scheitern und Gelingen.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dieses Buch beinhaltet Geschichten, auf die Menschen sensibel reagieren könnten. Solltest du dich unwohl fühlen, über folgende Themen zu lesen, wird empfohlen, die entsprechenden Geschichten zu überspringen.
Stammtisch
Sexuelle Belästigung, Sexismus
Ἔλεος καὶ Φόβος
Homophobie
Vom kleinen Mädchen
Kindeswohlgefährdung
Fixstern
Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt
Komm, süßer Tod
Tod, Krankheit
Blauwal
Suizid, Selbstverletzung
Die Taube auf dem Dach
Suizidalität
Thanatos
Selbstverletzung, Essstörung, Suizid
Präsent
Stammtisch
Blaue Bank
Ἔλεος καὶ Φόβος
Von der kleinen Prinzessin
Ménage à trois
Fixstern
Morgen
Komm, süßer Tod
Blauwal
Die Taube auf dem Dach
Thanatos
Da Capo
Silvester
Vergangen
Persönlicher Epilog & Danksagung
Quellennachweise
Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte.
— Arthur Schopenhauer: Die Stachelschweine.
Inspiriert von einer Passage aus Annie Dillards Der freie Fall der Spottdrossel.
Ich stehe auf der Straße. In der Ferne leuchten die Scheinwerfer eines Autos auf wie die Augen eines Raubtiers auf Beutefang, ehe sie um die Ecke verschwinden. Die Nacht ist klar; der Mond badet mich in seinem silbrig-weißen Licht. Ein halber Liter Whisky rauscht mir durch die Adern, steigt mir zu Kopf, beflügelt meine Sinne. Ich blicke zu ihm, der still neben mir steht, den Kopf in den Nacken gelegt hat und mit glitzernden Augen in die unendlichen Sterne starrt.
„Schön“, flüstert er und wiederholt leise: „Schön.“
Ich nicke und folge seinem Blick hinauf in den schwarzen Himmel. War schon die Party innig gewesen, gespickt mit kleinen, beiläufigen Berührungen und Blicken, ist dieser Augenblick, in dem wir nebeneinander mitten auf der menschenleeren Straße stehen und mit vernebelten Gedanken nach oben schauen, der vertrauteste der letzten Stunden. Diese Sekundenbruchteile bringen mich aus meinem alkoholischen Delirium zurück, aber nicht in ein normales Bewusstsein, sondern in eine Art besonnene Erwartung dahingehend, was er tun würde.
Ein sanfter Sommerwind haucht seinen Atem in meinem Gesicht aus und vergeht. Es riecht nach feuchtem Holz und Lehm.
„Komm“, sagt er dann, steckt die Hände in die Hosentaschen. „Lass uns gehen.“
Und wir setzen unseren Weg fort, doch die Magie des Moments bleibt präsent. Es kommt mir vor, als seien uns diese zufälligen gemeinsamen Sekunden von einer allumfassenden Macht gegeben worden; als seien sie schon im Vornherein in das Buch unserer Leben geschrieben und anschließend in ein Regal gestellt worden, nur dass sie jemand genau jetzt, in dieser Nacht, so früh am Morgen, wieder herauszieht und aufblättert.
Wie wir stumm unseren Weg fortsetzen, bin ich nicht enttäuscht, sauge vielmehr das Geschenk gierig auf, das sich mir offenbart. Nur wir zwei sind – unter dem durchstochenen Tuch der Nacht, hinter dem das Feuer lodert und uns entflammt.
Das ist sie, denke ich. Das ist sie. Die Gegenwart.
„Dir ist schon klar, dass ich das hier geschäftlich halten möchte“, meint die Frau, die mit einem südländisch aussehenden Mann in einer Sitznische sitzt. „Also hör auf mit diesem Quatsch.“ Sie nippt an ihrem Wein.
„Natürlich. Ich verstehe“, sagt er und rollt gespielt mit den Augen. „Okay. Tut mir leid.“
„Also, wenn wir das so durchziehen wollen, dann sollten wir uns um einen wirklichen Plan kümmern. Da haben deine ganzen dummen Sprüche keinen Platz.“
„Ich weiß, ich weiß. Wir brauchen einen Plan, du hast recht. Aber ehrlich, vollkommen ohne böse Absichten: Ich finde, hier können wir das nicht besprechen. Es ist viel zu unruhig hier. Wir können zu mir gehen und dann –“
„Ich bitte dich!“ Sie legt demonstrativ laut ihr Besteck auf den Tisch. „Wirklich, wenn du nicht aufhörst, dann gehe ich und unser Deal ist abgeblasen. Ich kann das auch allein. Ich brauche dich nicht unbedingt. Ich dachte nur, weil wir uns so gut verstanden haben damals und deine geschäftlichen Kompetenzen nicht von der Hand zu weisen sind, frage ich dich, ob du mitmachen willst. Aber so, wie es gerade läuft, frage ich mich, ob das alles für dich ernst ist.“
„Natürlich ist es für mich ernst, meine Liebe! Komm, lass uns erst fertig essen und dann über die Sache reden. Solange wir nicht voll dabei sind und diese Pasta vor uns steht, wird das nichts.“
Sie murmelt etwas. Er hört es, aber ignoriert es.
Sie schweigen die nächsten Minuten, essen die Pizza und die Pasta vor ihnen. Dann sagt er unvermittelt: „Ich bin vor ein paar Monaten wieder auf Elba gewesen.“
„Geschäftlich?“
„Nein, nein. Privat. Ich habe Urlaub in der Toskana gemacht und bin rübergefahren. Als wir noch klein gewesen sind, sind wir mit Mama und Papa oft dorthin gefahren. Es war sehr schön, wieder dort zu sein.“
„Wie geht es deinen Eltern? Und deiner Schwester? Siehst du sie noch oft, seitdem du hier lebst?“ Sie heuchelt ihr Interesse, trinkt von ihrem Wein. Ihre Augen sind kalt.
„Gut, wirklich. Sie studiert jetzt in Rom. So wie du damals, als wir uns in diesem Restaurant in Trastevere kennen gelernt haben. Mama und Papa sind stolz darauf, dass sie es in die Hauptstadt geschafft hat. Ich natürlich auch. Und dass wir uns nicht oft sehen, ist ein Problem, ja, aber ich bemühe mich, mindestens einmal im Jahr in die Heimat zu fahren.“ Er verstärkt unterbewusst seinen leichten Akzent, der sonst kaum zu hören ist.
„Das ist sehr schön“, sagt sie. Und dann: „Siehst du, wir können auch normal miteinander reden, ohne, dass du die ganze Zeit zweideutige Anspielungen machst.“
„Wer kommt denn jetzt wieder darauf zurück, du oder ich?“ Er lacht und hält ihr sein Glas hin, um anzustoßen. Sie tupft sich den Mund mit der Serviette ab. Er zuckt die Achseln, trinkt allein.
„Wie ist es bei dir? Hast du noch Kontakt zu den Leuten aus dem Auslandssemester?“
„Sehr wenig“, antwortet sie und trinkt. „Mit Giulia habe ich noch ein bisschen Kontakt. Sie unterrichtet jetzt in Florenz an einer Schule. Ich habe vor, sie bald dort zu besuchen. Und wir telefonieren noch oft.“
„Sehr schön, sehr schön. Giulia war eine tolle Frau. Aber nicht so toll wie du.“
Sie zieht die Augenbraue hoch, sagt aber nichts.
Der Kellner kommt, nimmt ihre leeren Teller mit.
„Einen Rotwein für uns beide“, ordert er. „Welchen möchtest du?“, wendet er sich an sie und zwinkert ihr zu.
„Wirklich, ich möchte weder irgendeinen gottverdammten Rotwein von dir noch dieses bescheuerte Zwinkern.“ Sie macht Anstalten, bezahlen zu wollen, aber er legt ihr beschwichtigend die Hand auf den Unterarm.
„Dann nur einen für mich“, sagt er zum Kellner.
Kaum sind sie wieder allein, senkt er die Stimme: „Musst du immer so durchdrehen, wenn man dir etwas Gutes tun will? Ohne irgendwelche Hintergedanken?“
Sie schnaubt empört auf, schiebt seine Hand beiseite und verschränkt die Arme vor der Brust. „Kommen wir jetzt lieber zum Geschäftlichen.“
„Bist du dir sicher, dass wir das hier besprechen wollen? Ich fand unser kleines, persönliches Gespräch eben sehr angenehm. Ich trinke noch meinen Wein und dann können wir wirklich zu mir gehen; du kannst bei mir schlafen und morgen –“
„Danke, nein. Ich bevorzuge mein Hotelzimmer. Generell glaube ich gerade, dass es ein großer Fehler war, dich ins Boot zu holen und dich besuchen zu kommen.“
„So.“ Er nimmt sein Glas vom zurückkehrenden Kellner, trinkt es in einem Zug leer, ohne den Wein zu genießen. „Merkst du nicht, dass wir uns im Kreis drehen? Warum hast du zum Beispiel überhaupt ein Hotelzimmer gebucht? Du weißt doch, dass du bei mir schlafen kannst. Mein Bett ist genauso warm wie das im Hotelzimmer. Langsam kriege ich das Gefühl, dass du gar nicht meinetwegen gekommen bist.“
„Erstens: Wer bringt denn das Gespräch immer wieder auf diese schlüpfrigen Andeutungen zurück? Du oder ich? Und zweitens: Ich bin durchaus gekommen, um dich zu sehen, aber in der Hoffnung, ein produktives Gespräch über meine Start-up-Idee zu führen. Dein Schwanz macht mir da aber offensichtlich einen Strich durch die Rechnung.“
„Hey, es ist gut jetzt.“ Er flirtet nicht mehr. „Jetzt wirst du zynisch. Mein Schwanz macht dir einen Strich durch die Rechnung? Che cazzo?!“
„Ach, ich werde zynisch?“ Sie greift nach ihrer Handtasche und steht auf. „Das muss ich mir nicht von dir anhören. Du sitzt hier und versuchst, die erstbeste Frau ins Bett zu kriegen. Läuft es gerade nicht gut bei dir? Aber jetzt reicht’s. Das Geschäft ist geplatzt. Ich werde jetzt zahlen, ins Hotel fahren und dann morgen nach Hause. Ich finde schon jemanden, der kompetenter ist als du. Oder, um es auf deinem Niveau zu sagen: Vaffanculo!“
Sie lässt ihn sitzen, wirft ihm einen weiteren abweisenden Blick zu. Er stürmt ihr hinterher, ruft: „Du bist nicht die erstbeste Frau! Hör mal, es tut mir leid, okay? Cazzo!“
Und ich selbst sitze allein am Tisch für fünfundzwanzig, trinke mein Bier und esse meine Pizza, als stiller Beobachter am nicht besuchten Stammtisch. Lächle in mich hinein angesichts der schlechten Komödie, die sich in der letzten halben Stunde abgespielt hat.
Ich beneide die beiden.
Wenigstens hatten sie Gesellschaft beim Essen.
Es war zu heiß, zu voll, zu laut. Obwohl der Schuppen verfallen war, drang kaum frische Nachtluft hinein, es war stickig. Nur der süßliche Geruch von Cannabis kam von draußen herein, dazu Zigarettenrauch. Um ihn herum standen zu viele Menschen auf zu wenig Platz, die meisten mit einem Pappbecher oder einer Flasche in der Hand, und versuchten, über den allgemeinen Lärm hinweg Gespräche zu führen.
Er selbst saß auf einer Holzpalette und öffnete den obersten Knopf seines Hemds. Zu heiß. Wo war Leon? Er hatte ihn seit einer halben Stunde nicht mehr gesehen. Er hatte versprochen, nur kurz nach seinen Gästen zu schauen und dann zurückzukommen. Seitdem war er verschwunden.
Er fühlte sich nicht wohl. Zu laut, zu voll. Er kannte niemanden. Vielleicht war es von Anfang an eine schlechte Idee gewesen, überhaupt zu kommen. Er wusste doch, dass er das nicht mochte, solche Partys, also wieso saß er jetzt hier und nippte an seinem Bier, das ihm Leon in die Hand gedrückt hatte? Er beobachtete die verschiedenen Gruppen um ihn herum: In einer Ecke fielen zwei Menschen mit ihren Mündern übereinander her. In einer anderen tanzten mehrere zur Musik. Dort stand eine Gruppe von drei jungen Frauen, die ihm immer wieder Blicke zuwarfen. Es war ihm unangenehm. Zu heiß.
Da löste sich unvermittelt eine Frau von ihren Freundinnen und setzte sich zu ihm auf die Holzpalette. Er musterte sie fragend, sie aber lächelte ihn nur an, zog eine Packung Zigaretten aus ihrer Hosentasche und bot ihm eine an. Er bedankte sich, aber lehnte ab. Er rauchte nicht mehr.
„Ganz schön was los hier“, schrie sie ihm über Kurt Cobains Stimme hinweg zu, nachdem sie sich die Zigarette angezündet hatte.
Er nickte, nippte stumm an seinem Bier.
„Nice, dass so viele Leute hier sind. Leon freut sich sicher darüber.“
„Ja“, gab er knapp zurück.
Sie sah ihn von der Seite her an, gluckste, reichte ihm die freie Hand. „Dunja, übrigens. Leons Cousine. Und du bist?“
Er sah zu ihr hinüber. Eine Ähnlichkeit zu Leon fiel ihm auf: dasselbe dunkle Haar. Bei ihr aber kürzer als bei ihrem Cousin. Er nahm ihre Rechte und schüttelte sie.
„Theo.“ Ihre Hand war weich. „Sozusagen Leons bester Freund.“
Ihre Augen glitzerten und sie lachte. „Ich weiß“, sagte sie. „Wir haben uns schon einmal getroffen. Damals, auf seinem 18. Geburtstag.“
Ihn verblüffte ihre Art und auf einmal stimmte er in ihr Gelächter ein. Er erkannte sie jetzt von Fotos, die Leon ihm gezeigt hatte. „Tatsächlich. Was für ein Zufall.“ Er wurde etwas lockerer. Aber es war noch immer zu heiß und zu stickig. „Sag mal, wollen wir vielleicht lieber rausgehen und dort weiterreden?“
„Klar“, willigte sie sofort ein und bedeutete ihm mit einer Geste, kurz zu warten. Sie ging hinüber zu ihren Freundinnen, wechselte ein paar Worte mit ihnen. Verstohlene Blicke zu ihm. Kichern. Gespieltes Augenrollen von Dunja. Dann kam sie zurück und nahm ihn an der Hand.
Überrascht folgte er ihr durch die Menschen hindurch nach draußen, wo bedeutend weniger los war. Der Lärm war hier nicht so brustkorberschütternd wie im Inneren der alten Hütte im Wald. Die kalte Nachtluft tat gut. Er konnte durchatmen.
„Theo also“, wiederholte sie seinen Namen und musterte ihn. „Wir haben damals auf dem Geburtstag überhaupt nicht miteinander gequatscht. Dabei kennt dich Leon doch schon so lange. In der Grundschule habt ihr euch kennen gelernt, oder?“
„Du scheinst ja ziemlich viel über mich zu wissen, obwohl du mich erst vor fünf Minuten wieder getroffen hast. Im Übrigen erinnere ich mich kaum noch an den Geburtstag. Zu viel Alkohol damals.“
„Ich fühle es.“ Wieder lachte sie. Sie gefiel ihm. Ihre Art, ihr Aussehen. Er lächelte und überspielte dies mit einem schnellen Schluck Bier.
„Leon erzählt trotzdem viel von dir, wenn wir uns sehen.“
„Seht ihr euch oft?“
„Na ja“, grinste Dunja. „So oft, wie man eben nach Hause kommt, wenn man flügge geworden und die weite Welt geflogen ist.“ Sie verdeutlichte ihre Worte mit einer ausschweifenden Geste. „Ich bin derzeit aber mal wieder daheim. Und da wollte ich es mir nicht nehmen lassen, Leons lahme Party aufzumischen.“
Die Menschen um sie herum waren nach innen gegangen. Nur noch er und sie standen draußen, abgesehen von zwei Typen im Unterholz, die was auch immer dort zu schaffen hatten. Sie schwiegen, er konnte nicht anders, als Dunja zu taxieren. Er mochte kleinere Frauen; außerdem hatte sie ein gewisses, neugieriges Blitzen in den Augen. Er fragte sich, was in ihrem Kopf vor sich ging. Bevor sie seinen durchdringenden Blick bemerkte, wandte er ihn schnell ab und ließ ihn umherschweifen.
Den Ort für seine Party hatte Leon gut ausgewählt: ein verrottender Schuppen, mitten im Wald. Ein Abhang. Unten waren Gleise. Die S-Bahn fuhr um diese Zeit nicht mehr, aber als er vorhin mit Leon gekommen war, war ein ICE vorbeigerast.
Sie warf ihre Zigarette zu Boden, trat sie aus. Stand neben ihm und blickte ihn an, auf welche Weise, konnte er nicht bestimmen. Dann lachte sie plötzlich.
„Nichts für ungut, aber mit dem Small Talk hast du’s nicht so, was?“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist okay. Das gefällt mir. Ich mag es eh lieber, über deepere Sachen zu sprechen. Und ich würde dich gerne kennenlernen. Schließlich muss ich ja Leons Geschichten über dich überprüfen.“
„Was erzählt er denn so über mich?“
„Finde es heraus.“ Sie grinste. „Die eine oder andere Sache ist schon dabei.“
„Und was ist mit dir? Was ist, wenn ich auch dich besser kennenlernen will? Checken will, was für ein Mensch du bist?“
„Erfährst du vielleicht, wenn du mit mir redest.“
„Ich verstehe. Okay. Aber nicht drinnen. Es ist viel zu laut.“
Sie lachte wieder. Dann deutete sie auf eine alte, marode Holzbank, die unter dem Vordach der Hütte stand. Der blaue Lack blätterte ab.
„Hilf mir mal damit“, bat sie ihn mit einem vielsagenden Augenfunkeln.
Kurz darauf trugen sie die blaue Bank gemeinsam den Abhang hinunter. Er lief voraus, passte auf, dass er im leicht feuchten Gras nicht ausrutschte. Unten angekommen wies sie ihn mit einem Kopfnicken an, die Bank an den Gleisen abzustellen. Seine halbvolle Bierflasche hatte er oben gelassen und bereute es ein bisschen: Seine Hände fühlten sich leer an.
„So. Jetzt erzähl mir was von dir und dann erzähle ich dir was von mir“, sagte Dunja und setzte sich. Er zögerte kurz, tat es ihr aber gleich.
„Du weißt doch angeblich schon so viel. Was soll ich dir also noch erzählen?“
„Du kannst ja von vorne anfangen. Dann gleiche ich die Infos, die du mir gibst, mit denen ab, die ich schon von Leon über dich habe. Deal?“
„Gut, also ...“, meinte er und ließ seinen hilflosen Blick die Gleise entlangwandern. „Ich heiße Theo und habe als Kind im selben Dorf wie Leon gewohnt ...“
„Dingdong. Da haben wir es schon. Theo ist dein Spitzname. So heißt du nicht wirklich, oder?“
„Ich sehe, du bist ein bisschen speziell.“ Er warf ihr einen grinsenden Seitenblick zu. „No offense.“
„Ich werte das mal als Kompliment.“
Er wusste auf einmal nicht, was genau er von ihr halten sollte. Ja, er fand sie attraktiv. Ja, er mochte ihre Art. Aber nein, er mochte die Situation nicht, dieses Spielchen, das sie mit ihm spielte. Dennoch resignierte er, ließ sich darauf ein und seufzte.
„Also gut. Mein Name ist Theodor von Hardenberg, ich bin vierundzwanzig Jahre alt, habe keine bekannten Allergien. Schuhgröße dreiundvierzig. Oh, und ich lebe derzeit in einer kleinen, mickrigen Studentenbude in der Nähe von Ingolstadt.“
„Woher kennst du Leon?“, verlangte Dunja zu wissen.
„Aus der Grundschule. Das hast du doch selbst vorhin ...“ Er schüttelte den Kopf, rückte die Brille zurecht und wünschte sich sein Bier. „Egal. Ja, wir waren beste Freunde. Sind beste Freunde, immer noch, auch wenn der Kontakt wegen meines Studiums etwas eingeschlafen ist. Entspricht das in etwa dem, was er dir von mir erzählt hat?“
„Ziemlich. Aber das ist alles langweilig. Ich will dich kennenlernen und nicht irgendwelche Fakten, die du mir hier aufzählst und die ich schon kenne.“
„Aber genau das –“ Er brach erneut ab, massierte sich die Nasenwurzel. „Gut. Aber wie genau soll ich das anstellen? Die Basics befriedigen dich ja nicht.“
„Lass mich nachdenken.“ Sie zündete sich eine weitere Zigarette an, blies den Rauch aus ihren Nasenlöchern. Er hatte das Bild eines Zeichentrickdrachens im Kopf, den er als Kind in einem Film gesehen hatte. „Ich hab’s.“
„Ich bin gespannt.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, ließ den Blick über die Gleise bis in die Ferne schweifen. Die Lichter des nahen, aber um diese Zeit nicht mehr besuchten Bahnhofs schimmerten durch die Äste hindurch.
„Okay, also es sind zwei Fragen. Die erste: Wenn du irgendeine Superkraft hättest, welche wäre das?“
„Spezifiziere Superkraft“, gab er zurück und verlangte dann doch nach einer Zigarette und Feuer. „Sowas Klassisches wie Fliegen? Sich beamen? Oder darf es etwas Unkonventionelleres sein?“
„Wäre vollkommen okay für mich, wenn du kreativ wirst. Tu dir keinen Zwang an.“ Er spürte ihren Blick, als er sich die Zigarette anzündete, und bemühte sich, sie selbst nicht anzusehen.
„Gut. Dann würde ich alle Instrumente sofort virtuos beherrschen wollen.“
Sie lachte abermals. „Das kam wie aus der Pistole geschossen. Wieso ausgerechnet das?“
„Ich gehe davon aus, dass du schon weißt, warum.“ Der Rauch, den er nach all der Zeit wieder aus seinen Lungen entweichen ließ, ließ ihn sich schuldig fühlen. „Ich mache meinen Master in Musikwissenschaft und Musikpädagogik.“
