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Während über der Nordsee ein Orkan-Tief eine Flutwelle in die Trichtermündung des Stromes treibt, gibt sich die Bevölkerung des Tiefen Landes auf der Obstbaumesse ein Stelldichein. Der Oberdeichrichter Hans-Uwe Hauken ist unter ihnen. Der "Deichgraf", wie ihn seine Deichgeschworenen nennen, hatte im letzten Jahr die kochende Volksseele kennengelernt, die sich gegen die Pläne der nahen Hafenstadt wehrt, den Strom vor ihren Deichen für die Container-Schiffe erneut zu vertiefen. Während in der Hafenstadt der Wirtschaftssenator Dr. Krause einen Makler aus dem Tiefen Land für seine Hafenerweiterungspläne gewinnt, verliebt sich der Deichgraf in die Frau des Maklers. Das macht ihn bei der Bevölkerung verdächtig. Bei einer Fahrt mit dem Fischer auf dem Strom finden sie den persönlichen Referenten des Wirtschaftssenators leblos am Ufer liegen...
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2022
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für Hans-Uwe Hauken
Regen, Sturm und eine Wahl im Tiefen Land
Fahrrinnenanpassung
Zwei Feiern und der Morgen danach
In der Hafenstadt
Gutachten und gestohlene Daten
Recherchen
Der Makler, Frau Hansen und die Fahrrinne
Die Tischkarte
Abstimmung und ein Fonds fürs Tiefe Land
Auf dem Strom
Unfall oder Verbrechen
Auf der Insel
Wach werden
Stadt, Land, Flut
Glossar
Dies ist eine fiktive Geschichte, inspiriert von realen Gegebenheiten. Personen und ihre Handlungen sind frei erfunden.
Personen, die für den Fortgang der Geschichte wichtig sind
Im Tiefen Land:
Hans-Uwe Hauken
Oberdeichrichter des Deichverbandes der II. Meil, im Tiefen Land, auch Deichgraf genannt
Arne Palm
Deichgeschworener, später auch Deichrichter, Obstbauer
Jürgen Holler
Deichgeschworener
Klaus Behnke
Deichgeschworener und Obstbauer
Jochen Schuback
Deichgeschworener
Thorsten Bukhorst
Deichgeschworener und Obstbauer
Heino Dammann
Deichgeschworener
Charlotte Bremer
„Neubürgerin“, kandidiert als Deichgeschworene
Carsten Mehrken
Immobilienmakler aus Kirchfleht
Sybille Mehrken
Frau des Maklers, Arzthelferin
Carlson
Fischer auf dem Strom
Ilse
Wirtin vom
Alten Oberfeuer
Bert Broderson
Mitglied des Jorsumer-Segel-Club (JSC)
Jonny
Taxifahrer in Jorsum
In der Hafenstadt:
Dr. Krause
Wirtschaftssenator
Jens Brüggemans
Persönlicher Referent des Senators
Hartmut Hansen
Logistikunternehmer und Vorsitzender der Vereinigten Hafenwirtschaft
Angelika Hansen
seine Frau
Johann de Bark
Innensenator und Schwager von Hansen
Saskia Bentheim
Redakteurin beim Abendkurier
Ben Litten
Redakteur beim Abendkurier
Kurt Brachmann
Meteorologe
Sven Drage
Meteorologe
Ein nasskalter, böiger Februarsturm peitscht aus Nordwest schwere Regenschauer übers Tiefe Land. Er zerrt und reißt an den schweren Planen, die von Kränen über eiserne Streben gezogen werden, wirft sie knatternd hin und her, so dass sie sich flatternd und um sich schlagend in den Zug- und Halteseilen verheddern. Die Messearbeiter entwirren sie unter heftigen Flüchen. Drei Männer sind heute an jedem Eckpfeiler beschäftigt, bis sie mit zusätzlichen Tauen die widerspenstigen Planen zur Ruhe gebracht haben und sie endlich vertäuen können. Die andauernden, stürmischen Böen bringen jeden Zeitplan für den Aufbau der Messezelte durcheinander. Die Organisatoren lassen daher die Fußböden schon, bevor die Seitenwände winddicht sind, von frierenden und protestierenden Handwerkern in die Zelthallen legen. „Nützt nix“, knurrt der Vorarbeiter, „is` so.“ Am Nachmittag sollte die 47. Jorsumer Obstbaumesse eröffnet werden. Dieser Zeitpunkt ist auf Grund der Verzögerungen beim Aufbau nicht mehr zu halten, und auch der Ministerpräsident hat seinen für heute angekündigten Messerundgang schon vor der Eröffnung verschoben.
Obstbaumesse, Mittwoch, 16. Februar, 10 Uhr
Am nächsten Morgen flanieren die Leute unbeeindruckt von Sturm und Regen in den Zelthallen von Stand zu Stand. Man kennt dieses Wetter hier im Tiefen Land. Oberdeichrichter Hans-Uwe Hauken flaniert heute mit ihnen, doch er horcht auf das Reißen und Flattern der Zeltdächer. Der Oberdeichrichter, schon ein paar Jahre hier im Tiefen Land, ist zum ersten Mal auf dieser Messe. Noch nie war der Deichverband hier präsent. Etwas verloren, ein wenig falsch am Platz kommt er sich unter dem Obstlandvolk vor. Hier geht es um Obstanpflanzungen, Schädlingsbekämpfung und Nützlingseinsatz, um Ernteeffizienz und Sortiermaschinen. Über Deiche spricht hier keiner.
„Hans-Uwe, du auch hier?“, hört er am Stand für Baumschnitt-Utensilien einen Nachbarn mit schulterklopfender Stimme, „deine Kate kannst du doch noch zum Obsthof ausbauen!“ Diesem ironischen Ritterschlag kann Hans-Uwe schlecht ausweichen und bleibt lächelnd bei Nachbar Hinrich Quast stehen der nachsetzt: „Der Ministerpräsident kommt. Auf den wartest du bestimmt. Und deine Jungs sind auch schon alle hier.“
„Ja, ja, nachher sind wir vollzählig“, erwidert Hans-Uwe. Sein Nachbar hat sich inzwischen schon neuen Bekannten zugewandt, und der Oberdeichrichter arbeitet sich grüßend zum nächsten Stand vor.
Doch, sein Nachbar wusste Bescheid. Arne Palm, einer seiner Deichgeschworenen hatte im Deichverband der II. Meile dafür geworben, dass Deichrichter und Deichgeschworene sich hier einmal der Öffentlichkeit präsentieren. Immer mehr Organisationen und Verbände, die nicht unmittelbar etwas mit dem Obstanbau zu tun haben, zeigen sich seit Neuestem auf der Obstmesse. „Das ganze nichtöffentliche Gebaren der Deichverbände ist doch der Bevölkerung schwer verdächtig“, hatte Arne gemeint, „wir sollten hier Frage und Antwort stehen“. Arne mochte nicht Unrecht haben, und auch die anderen gewählten Geschworenen und Deichrichter würden sich morgen hier einfinden, aber dem Oberdeichrichter Hauken geht es um seine Verabredung mit dem Ministerpräsidenten nach dessen Messerundgang. Es war schon schwer genug, auf die Liste für ein Gespräch mit dem Landesvater zu kommen. Und die seit Tagen stabile Nordweststurmlage dürfte seinem Anliegen das passende Hintergrundrauschen geben. Außerdem hatte er vom Meteorologischen Dienst eine Sturmflutwarnung erhalten.
*
Während man sich hier im Tiefen Land in den Messezelten ergeht und einige auf ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten warten, steht in der nahen Hafenstadt im Wetterraum des Meteorologischen Dienstes Kurt Brachmann und sieht sich die Bilder an, die der Meteo-Satellit über dem Nordatlantik in zehnminütigem Abstand von der dortigen Großwetterlage funkt.
Hoch oben im 13. Stock des Java-Towers der Hansestadt hat Brachmann einen wunderbaren Blick über den Hafen und den breiten Strom, auf dem sich Frachter, Barkassen, Schuten und Fähren in geschäftigem Hin und Her begegnen und ihre Spuren durchs Wasser ziehen, die sich sofort wieder schließen, um erneut von anderen Booten wieder aufgepflügt zu werden. Sein letzter Mittwochsdienst ist dies, und er sieht das alles nicht. Nicht die Zahlen und Zeichen auf den Bildschirmen, nicht die Signallampen an den Rechnern, auch nicht das bunte Bild des Hafens da unten. Ende des Monats wird er in Pension gehen, dann wird das alles vorüber sein. All die Geräte, Signale und Wetterkarten auf den Bildschirmen und auch die, die aus den Druckern herausplotten, verlieren ihre Bedeutung für ihn. Fast vierzig Jahre Berufsleben werden dann nur noch in der Erinnerung existieren. Er wird sich den Wetterbericht wie alle anderen im Radio anhören.
Mit einem plötzlichen Ruck wendet sich Brachmann dem Bildschirm des Wettersatelliten zu. Seine jahrelang geschulte Aufmerksamkeit für spezielle Wetterphänomene hat ihn aus seinen Grübeleien zurück in die Gegenwart geholt: „Da ist doch eine kräftige Kaltfront zwischen Island und Schottland zu sehen.“ Das was er vorhin nicht wahrgenommen hatte, sieht er jetzt: ein ausgedehntes Sturmtief im Nordatlantik zieht südostwärts in Richtung Nordsee.
*
„Ja, damals“, geht es dem Oberdeichrichter durch den Kopf, „auf der letzten Meilversammlung mit den zahlenden Mitgliedern des Verbandes hatte es Unruhe und Proteste gegeben.“ Der Winter war sehr mild gewesen, kaum Fröste. Die warme Nordsee ließ sich nun ihr Wasser absaugen und trug es gleichsam vom Himmel her auf das Land, umging dabei alle Deiche. Es regnete unterbrochen seit Tagen. Dann verschmelzen Wasser, Land und Wolken zu einem alles einschlämmenden, großen Grau. Die reetgedeckten Häuser im Dorf entlassen wie übervolle, ockerbraune Schwämme das Wasser strömend in ihre Traufen. Anschwellende Rinnsale in den Vorgärten überqueren Beete und Wege, vereinigen sich mit anderen zu bachartiger Breite und ergießen sich als schwarz-erdiger Sud in die Rinnsteine der Dorfstraße. Die Gullys gurgeln und würgen die schlammigen Wasser in ihren Untergrund, um sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite wieder in den Graben auszuspeien. Dort lecken die ansteigenden Wasser hinauf bis zur Rasenkante. Noch transportieren die Gräben, die seit Jahrhunderten die zwischen ihnen liegenden schmalen Landstücke trocken halten, die feuchten Massen in die breiten Wettern und Fleete, die sie dann den Pumpwerken aufdrängen, damit diese sie erneut gegen die steigende Flut dem Strom zurückgeben.
An so einem Tag tritt Oberdeichrichter, Hans-Uwe Hauken, in schwerem Regenzeug vor die Tür. Im tiefgrauen Duster des Spätnachmittags ist der Sprühregen dichter geworden und verschliert den Blick auf die Deichtreppe, die der Oberdeichrichter langsam hinaufsteigt. Der Fluss prallvoll. Höchststand der Flut, die von der Nordsee über den Strom bis in den Nebenfluss hineindrängt. Hans-Uwe liebt eigentlich diesen Moment, wenn das eingeströmte Wasser zur Ruhe gekommen ist und noch nicht wieder zurück fließt. Dann stehen die Wasser still, nachdenklich. Das Wasser lächelt, bevor alles wieder dorthin läuft, wo es hergekommen ist.
Da wo im Frühling zur Blüte die Menschen aus der Metropole ihren müde gewordenen Großstadtblick aufmuntern und wieder begeistern wollen durch die Betrachtung von Fachwerk, Reetdächern, Brauttüren und Blüten, trieft das mit dem regenüberquellenden Himmel verschmolzene Land vor grau-grüner Nässe. Hier und heute ist nichts idyllisch.
Wie anders ist diese Welt, wenn der Himmel ein feines, durch-sichtiges Blau aufgelegt hat und hell strahlt! Das Land glänzt dann in seinem Ziegelrotbraun, durchzogen und umrahmt von weißem Holz, das die Häuser so stark und stolz macht, eingebettet in fett-grüne Grasmatten, die von der scheinbar unendlich fruchtbaren Feuchtigkeit des dunklen, schweren Bodens künden.
„Warum sollen dann die Obstbauern hier nicht große Worte schwingen?“ Das hatte Hans-Uwe bald begriffen, als man ihn ausführlich in seine neue Stellung als Oberdeichrichter der II. Meile eingewiesen hatte. Die Bauern haben hier schon im 13. Jahr-hundert nach der Trockenlegung des Marschlandes und dessen Eindeichung besondere Rechte bekommen. Und noch immer glaubt er in den alten lokalen Namen seiner Gesprächspartner die 700-jährige Geschichte dieses Landstrichs am großen Strom mit-schwingen zu hören. Heute Abend bei der Versammlung des Deichverbandes, zu der alle Beitragszahler eingeladen sind, wird es wieder so sein. Die Schubacks, Quasts, Dammanns und Feindts werden erneut klar machen, dass sie wissen, wie hier alles tickt, wie das Wasser auf- oder abläuft, wie der Wind sich dreht, was die Grasnarbe auf den Deichen schädigt und was für die Deiche gut ist. Seit Generationen eben. Sie bewirtschaften große Höfe mit prächtigen Häusern und haben reiche Ernten.
Ein Stück weiter stürmt mit einigen Sätzen Arne Palm aus seinem Haus unten an der Straße zu ihm auf den Deich hinauf. „Hans-Uwe!“ ruft er noch im Laufen, „das Wasser steht ja schon in den Gärten im Vordeich! So hoch läuft doch heute die Flut gar nicht auf.“ Der Oberdeichrichter zeigt durch den Nieselregen flussaufwärts. „Das kommt von oben. Der Regen. Und das Wasser kann nicht weg. Das Sperrwerk an der Mündung ist zu.“ Eine Weile gehen sie wortlos auf der Deichkrone nebeneinander her. Ihre Stiefel versinken bei jedem Schritt in der tieffeuchten Gras-narbe. Mühsam und schwerfällig erscheinen Arne heute Hans-Uwes Schritte, was so gar nicht zu seiner hochgewachsenen, kräftigen Statur zu passen scheint. Arne versucht das Gespräch wieder anzukurbeln. „Jonny hat neulich im Taxi gemeint, dass es heute Abend schwierig werden könnte.“
„Also da weiß Jonny was, was wir vielleicht noch nicht wissen.“ Der Oberdeichrichter versucht Arnes Blick zu treffen, doch der redet mit gesenktem Kopf weiter vor sich hin: „Es soll noch einen zweiten Kandidaten geben, der nicht aus unseren Reihen kommt.“ „Wir werden ja sehen.“ Hans-Uwe lässt sich heute anscheinend nichts entlocken. So schweigt auch Arne.
Bald erreichen sie das Feuerwehrgerätehaus. Sie gehen hinüber. Ein Pkw nach dem anderen biegt mit hin und her hetzenden Scheibenwischern, die den Blick für Sekundenbruchteile durch die Windschutzscheibe und den nun rauschenden Regen verschwommen freigeben, von der Dorfstraße über die kleine Grabenbrücke in das Grundstück der freiwilligen Feuerwehr ein. Unter dem Vordach des Eingangs zum Feuerwehrhaus stehen Klaus Behnke und Jürgen Holler und beobachten, wie sich der kleine befestigte Parkplatz füllt. Arne Palm gesellt sich zu ihnen, während der Oberdeichrichter schon hinein geht.
„Heute kommen so viele Neue“, meint Arne Palm, „was die alle wollen?“ „Abstimmen“, raunzt Holler, ein Deichgeschworenen-kollege Palm an. „Wegen Zestersand. Die haben auch einen eigenen Kandidaten.“ Ja, es hatte Proteste gegeben wegen der neuen Deichführung auf Zestersand. Quer zur Flutrichtung des Stroms. Der Deichverband habe sich zu schnell den Wünschen der Hafenstadt gebeugt, hatten viele Bürger in Leserbriefen und Diskussionen moniert.
Inzwischen quillt der gepflasterte Parkplatz von PKWs längst über, und die nächsten fahren auf das angrenzende Grasland, das sich sofort unter dem Druck der Räder auftut und seine klebrig-schwere Erde mit feuchtem Schmatzen an Reifen und Radkappen drückt. Räder drehen durch. An den Gummistiefeln der Männer, die vom Eingang herüber kommen, um zu helfen, saugt sich die nasse, grün-schwarze Erde fest und lässt sie nur mühsam vorwärts kommen. Sie stemmen sich mit Macht gegen die Karosserie, der Motor jault, die Antriebsräder drehen sich wild auf dem Glitsch, jagen Schlammgeschosse durch die Luft, die die Helfer treffen. Bis Arne Palm sich im niederrauschenden Regen das Gesicht frei wischt und „Morgen mit dem Trecker!“ ruft. Einige versuchen es noch einmal mit der menschlichen Muskelkraft, bis alle ihre Hilfsversuche aufgeben. Im Eingang wischen sie unter heftigen Flüchen die gröbsten Spuren ihrer Hilflosigkeit ab, hängen ihre triefenden Gummijacken an die Haken und gehen in den Versammlungsraum, der sich langsam füllt.
Die Neuen, die in eigenen Pulks hereinkommen, betrachten mit spöttischer Bewunderung die an den Wänden hängenden Feuerwehruniformen und die Pokale in den Vitrinen, bevor sie sich in die aufgebauten Sitzreihen begeben.
Hans-Uwe Hauken sitzt vor den Stuhlreihen am Tisch mit den Abstimmungsunterlagen, die sich jeder Stimmberechtigte vor Beginn der Deichmitgliederversammlung holen muss. Wie irritiert blättert er immer wieder einen Stapel Unterlagen durch, fährt sich dabei mit den Händen durch das schon etwas licht gewordene aschblonde Haar.
Arne Palm bemerkt die sorgenvollen Stirnfalten und die dunklen Tränensäcke unter den Augen. „Der Oberdeichrichter ist heute so nachdenklich, so gar nicht in Form.“ „Der hat nicht die hier übliche Wir-packen-an-Mentalität“, hatte mal jemand gemeint. „Oder ist das nur ein vorübergehendes Schwächeln?“ hofft Arne. Denn er hatte sich innerlich dem neuen Oberdeichrichter angeschlossen, nachdem sein Vater so plötzlich gestorben war. Hans-Uwes kräftige, große Gestalt, der ruhige, klare Blick aus den blass-braunen Augen erinnern ihn an seinen Vater.
Einige von den Neubürgern wühlen sich wieder aus den engen Sitzreihen heraus, um sich die Abstimmungsunterlagen zu holen. Exakt ist darauf vermerkt, wie groß das Grundstück ist und welcher Wert darauf steht. „Diese Werte gilt es gegen die Fluten zu schützen. Und wer größere Werte in der Meile stehen hat, hat auch in der Meilversammlung ein entsprechend wertvolleres Stimmrecht“, erklärt Arne Palm einem, der noch nie auf einer Deichversammlung war und erstaunt darüber ist, dass hier nicht ein Mitglied – eine Stimme gilt: „Das ist ja ein archaisches Stimmrecht!“
Ein unruhiger Pulk Menschen quetscht sich durch die enge Eingangstür in den Saal. Unter ihnen eine junge Frau. Mit ihren hellblonden, schulterlangen Haaren und in der gelben Segeltuchjacke fällt sie sofort auf. Charlotte Bremer. Hans-Uwes Blick löst sich von den vor ihm liegenden Wahllisten und wandert in Richtung Eingang. „Was wollt ihr denn hier“, grummelt Arne die Gruppe an. „Hier geht es nach Hektar und den Werten, die drauf liegen. Da habt ihr mit euren Ökogärtlein keine Chance!“ „Wir wollen auch nur nach dem Rechten schauen“, gibt einer der Gruppe schnippisch zurück.
Charlotte würdigt Arne keines Blickes. Sie weiß, wie sehr er sich für sie interessiert. Beide wohnen nur ein paar Häuser auseinander und können sich vielleicht in die Fenster, aber auf jeden Fall in die Vorgärten gucken. Seit Doktor Bremer mit seiner Familie vor drei Jahren in das Haus eingezogen ist, nutzt Arne jede Gelegenheit, Charlotte zu grüßen und besonders wenn er auf seinem Trecker sitzt. Auch Hans-Uwe weiß, als er mit der Glocke die Ver-sammlung eröffnet und die Anwesenden begrüßt, dass es aus den Reihen der Neubürger einen eigenen Kandidaten für den frei gewordenen Deichgeschworenenposten gibt. Er blättert in den vor ihm liegenden Bewerbungsunterlagen. Die Verblüffung erreicht auch die letzte Stuhlreihe, als er bekannt gibt: „Außer Thorsten Bukhorst kandidiert noch Charlotte Bremer.“
Eine Kandidatin! Charlotte Bremer!
Stille rieselt durch den Versammlungsraum, als das verkündet wird. Bisher gab es noch nie eine Frau in den Reihen der Deich-geschworenen, und einer in den hinteren Reihen munkelt laut, „kann die denn Sandsäcke schleppen?“
Irritiert und fahrig blättern einige Deichgeschworenen in ihren Abstimmungsunterlagen. Nachdem niemand Einwendungen erhoben hat, stellt der Oberdeichrichter fest, dass die Einladung fristgemäß erfolgt ist und gibt die Tagesordnung bekannt:
1. Wahl eines Deichgeschworenen für den ausgeschiedenen Kurt Feindt,
2. Bericht über die letzte Deichschau.“
Danach erläutert er kurz den Wahlvorgang und bittet Thorsten Bukhorst, den Kandidaten aus den Reihen der Alteingesessenen, sich vorzustellen und überhört den Zwischenruf „Ladies first!“ Thorsten Bukhorst, klein, mit lebhaft um sich blickenden, grau-blauen Augen, der sich schon zu den Deichgeschworenen in die erste Reihe gesetzt hat, schaut überrascht und wie empört um sich, greift nach seinen Unterlagen, die er hin und her schiebt. „Ich bin Thorsten, 31 Jahre alt und Gartenbaumeister. Warum ich kandidiere? Mein Vater war schon Deichgeschworener. Und unser Hof, der schon seit 1750 in Familienbesitz ist, liegt direkt am Deich. Wir verstehen was vom Deich“, gibt er schnell, wie gehetzt von sich.
„Die Deichverlegung auf Zestersand quer zur Flutrichtung, ist die Initialzündung für meine Bewerbung gewesen“, kommt es kämpferisch von Charlotte Bremer. Sie ist aus den Sitzreihen heraus vor die Versammlung getreten und ihre helle, zierliche Erscheinung wirkt so, als sei hier etwas falsch gelaufen. Sie erinnert daran, dass es eine große Demonstration gegen die Deichverlegung gegeben habe. „Deichverlegung für einen fragwürdigen Naturausgleich, den die Hafenstadt braucht, um ihre Industrieflächen in den Strom hinein bauen zu können.“
„Schon die nächste große Sturmflut“, ruft jemand aus der hinteren Reihe, „wird die Deiche brechen.“
„Und demnächst“, fährt Charlotte Bremer unbeirrt fort, „haben wir es auch noch mit der erneuten Vertiefung des Stromes zu tun. Die ich schärfstens ablehne…und viele mit mir.“
„Wir auch“, ruft einer aus der Reihe der Deichgeschworenen.
„Reden kann sie ja“, murmelt Arne, nachdem sie geendet hat, und spürt ihren Blick, den er auch so haben, ihm aber gleichzeitig ausweichen möchte in der Runde seiner Deichkollegen, „aber eine Frau am Deich…?“ „Und mulmig war uns doch allen, als wir damals der Deichverlegung zustimmten“, erinnert sich Jürgen Holler flüsternd, doch davon will Arne heute nichts wissen. „Mal sehen, was hier heute passiert.“ Arne versteht nicht recht, „Was soll denn passieren?“ „Na, dass sie gewählt wird!“ schnauzt Jürgen seinen begriffsstutzigen Nachbarn an.
In der Gruppe um Charlotte wird es unruhig. Sie stecken ihre Köpfe zusammen und reden auf sie ein. Hans-Uwe hat sich nach der Kandidatenvorstellung als erster auf die Rednerliste gesetzt und muss nun noch einmal die Entscheidung für die Deich-verlegung auf Zestersand begründen. „Es ging dabei nur um die technische Bewertung. Sobald die Berechnungen ergeben hatten, dass der Deich für die erwarteten maximalen Belastungen stand-fest sein würde, mussten wir zustimmen. Alles andere haben die beteiligten Bundesländer im Voraus abgemacht.“
„Oho“, raunt jemand laut aus dem Pulk, „dann brauchen wir doch gar keinen Deichverband, sondern nur noch die Ingenieure“. Schweigen im Saal.
Ein bärtiger Mittfünfziger aus der vorletzten Reihe steht auf und meldet sich noch zu Wort. „Wenn der Strom erneut vertieft wird…“ „Wortmeldungen nur zum Tagesordnungspunkt! Und das ist die Wahl!“, ruft Hans-Uwe. „Wenn der Strom erneut vertieft wird…“, setzt er unbeeindruckt mit noch stärkerer Stimme erneut an. „Wer ist denn das?“ fragt der Oberdeichrichter Jürgen Holler, „Jens-Peter Bockelmann, ein Schipper aus Vorderbrack. Lass ihn man reden.“ „…dann wird es zu Grundbrüchen am Mühlenbogen und auf Zestersand kommen. Dann gnade uns Gott!“
„Das gehört nicht hierher!“ brüllt ein Deichgeschworener. „Dann habe ich mich wohl im Versammlungsraum geirrt. Ich dachte, hier tagt der Deichverband.“ Bockelmann setzt sich wieder, „oder seid ihr ein Kegelverein?“
Der Oberdeichrichter ist froh, dass es keine weiteren Wortmeldungen gibt und die Versammlung wird aufgefordert, jetzt die Stimmzettel auszufüllen, die viele schon ausgefüllt haben. Einige Helfer gehen durch die Reihen und sammeln die Abstimmungs-unterlagen ein.
Unruhe an der Tür. Ein Mann in dunkelblauem Anzug, weißem Hemd mit Krawatte kommt herein. Max Rasten. Er besitzt die Fabrik am Hinterdeich in Rüden. „Der steckt mit seinen Grundstückswerten hier alle in die Tasche“, wird gemurmelt. Einige Rufe „Max endlich!“ sind zu hören, aber der Oberdeichrichter macht Max Rasten sofort klar, dass die Registrierung der Deichversammlung beendet und der Abstimmungsvorgang durchgeführt worden ist, und Max Rasten keine Chance hat, noch mit abzustimmen.
Jürgen Holler, der mit dem Einsammeln der Stimmzettel beschäftigt ist, sieht Carsten Mehrken, den Immobilienmakler aus Kirchfleth in einer der hinteren Reihen sitzen. „Sie wohnen doch gar nicht in der zweiten Meile.“ Mehrken hat auch keinen Stimmzettel ausgefüllt. „Naja, ein Makler hofft doch immer auf Gespräche über interessante Grundstücke“, bedeutet er Jürgen Holler vielsagend.
Klaus Behnke ist schon mit Zählen und Rechnen beschäftigt. Noch zwei andere Deichgeschworene und ein Neubürger wurden zur Auszählung gewählt. Während ausgezählt und gerechnet wird, beginnt der Oberdeichrichter mit dem nächsten Tagesordnungspunkt: „Das Ergebnis der letzten Deichschau.“ Sein Bericht versinkt in Unruhe, denn die ersten verlassen dabei schon die Versammlung. „Die Deiche sind wehrhaft“, dringt es kaum hörbar durch den allgemeinen Aufbruch.
Immer mehr wenden sich dem Ausgang zu, gehen hinaus, manche kommen zurück und bitten andere für ihr Auto um Anschubhilfe. Der Regen hat ein wenig nachgelassen. „Neubürger und Frau.“ Jürgen Holler schüttelt den Kopf. Einige Deichgeschworene stehen im Eingang zusammen und beschweigen mit sorgenvollen Gesichtern das, was da kommen könnte.
Schließlich boxt Jürgen Arne mit einem Grinsen in die Rippen. „Für dich wäre das gut, wenn Charlotte gewählt würde.“ „Ach was!“ Arne wehrt ab. „Stell dir doch nur vor, sie sitzt bei jeder Versammlung neben dir“, bohrt Jürgen vergnügt weiter. Arne antwortet nicht und würde am liebsten gehen, als er Thorsten Bukhorst zu seinem Nachbarn sagen hört: „Vielleicht hat Arne ihr sogar den Tipp gegeben, sich zu bewerben.“ „Du spinnst wohl“, zischt Arne Thorsten an, der überrascht einen Schritt zurück macht.
Drinnen wird noch gezählt und gerechnet. Schließlich tritt Klaus Behnke in den Eingang des Feuerwehrhauses. Im fahlen Licht der kleinen Leuchte über der Tür ist nichts mehr von seinem immer frischen, rotwangigen Gesicht zu erkennen. Den Zettel in seiner Hand betrachtet er sinnend. Nachdenklich schüttelt Klaus den Kopf. „Die Bremer ist gewählt.“
Arne gelingt es, ein Lächeln zu unterdrücken und erstaunt zu gucken. Die anderen gehen mit hochgezogenen Schultern und die Hände tief in den Taschen vergraben durch den Nieselregen nach Hause. Ein Grüppchen um Max Rasten geht noch auf ein Bier in den Marschkrug. Ein schlammig aufgewühlter Rasenplatz mit einigen Wagen, die bis zur Antriebsachse im Morast stecken, bleibt zurück. Auf dem Weg nach Hause sinniert Arne, warum er nicht tatsächlich Charlotte den Tipp gegeben hat, für den Posten als Deichgeschworene zu kandidieren. Stattdessen hatte er die Gruppe, mit der sie gekommen war, angemacht. Seit dem plötzlichen Tod seines Vaters vor einem Jahr hat sich für ihn so viel verändert. Er hat nun die volle Verantwortung für den Hof. Unruhig und unsicher ist er geworden. Und auch der Gedanke, dass auf den Hof eine junge, tatkräftige Frau gehört, hatte sich bei ihm breit gemacht. Vor seinem Haus angekommen, steigt Arne noch einmal auf den Deich und blickt auf das langgestreckte, wuchtige Gebäude. Das gehört nun ihm. Es hat aufgehört zu regnen. So wie er sich nicht vorstellen konnte, Charlotte als Deichgeschworene vorzuschlagen, so wenig kann er sie in diesem großen Bauernhaus sehen. Bisher war seine Schwärmerei sehr theoretisch gewesen.
*
Es ist noch dunkel, als Hans-Uwe am Tag nach der Wahl die Fähre besteigt, die ans Nordufer des Stromes ablegt. Jeder sitzt hier einzeln in einer Bankreihe in Fahrtrichtung. Vor Jahren war die Fähre noch morgens voll besetzt mit laut sich unterhaltenden Arbeitern und Monteuren, die drüben im Tonnenhafen Dienst taten. Heute nur vereinzeltes Zeitungsrascheln von elf Passa-gieren.
Nach dem Ablegen macht das Schiff wieder diese Dreiviertel-Drehung: rückwärts aus den Eisenpylonen in den Strom, dann den Bug gegen die Fahrtrichtung gedreht und weiter bis der Bug stromaufwärts zeigt. „Warum nur diese Drehung? und nicht gleich stromaufwärts?“ hatte er sich schon mehrfach gefragt. „Das hat vielleicht mit der auf- oder ablaufenden Tide zu tun“, beantwortet er sich selbst die Frage, und die Lichter des Sperrwerks beginnen, in der Drehung des Schiffs zu taumeln. Bald ist kein Uferstrich in der heute dichten Dunkelheit zu sehen. Bis Westerweidensand unvermittelt und duster wie ein riesiger Schiffskörper die herrschende Dunkelheit noch überbietend mitten im Strom auftaucht.
Das Knipsen der Karten durch den Fastmoker ist verstummt. Müde Ruhe füllt die Reihen.
Bis der Ruf „Hans-Uwe!“ ihn aus seinem ungefähren Gedankenstrom reißt. Jürgen Holler, einer seiner Deichmänner hat ihn entdeckt und setzt sich zu ihm. „Das mit der Wahl, Hans-Uwe, das soll nicht ordnungsgemäß gelaufen sein“, steigt Holler ohne Vor-warnung rotwangig und mit breitem Lächeln in ein kompliziertes Thema ein. Dem Oberdeichrichter dreht sich trotz ruhigem Wassers der Magen fast um. „Können wir das nicht ein andermal und woanders besprechen?“ „Doch, doch“, jetzt flüstert Holler, „nur kurz: der Thorsten, der gegen die Charlotte Bremer verloren hat, will gegen die Wahl angehen. Die Einladung zur Wahl sei nicht fristgerecht gewesen. Max Rasten aus Rüden macht mit.“ „Wobei macht er mit?“ fragt der Deichgraf begriffsstutzig. „Na beim Antrag auf Wahlwiederholung. Der Antrag geht an die Kreisleitung“
Hans-Uwe will darüber jetzt nicht nachdenken und blickt nur grübelnd auf Hollers blonde, lange Kotletten, die ihm wie ein Backenbart aus dem 19. Jahrhundert vorkommen, was ihn auch nicht auf bessere Gedanken bringt. Wie gut, dass Lichter vom gegenüberliegenden Ufer die Anlegestelle ankündigen.
In vagen Umrissen blinzeln Häuser am Wasser in den Morgen. Die Maschine läuft noch auf voller Fahrt bis die Fähre langsam an der Hafeneinfahrt beidreht. Neben der eisernen Spundwand dreht die Maschine scharf rückwärts und erinnert rüttelnd die Fahrgäste an das Ende der Überfahrt. Jacken und Mäntel werden gegriffen, Taschen und Schals. Auf dem Weg zum Ausgang werden erste, dürre Worte über den kommenden Arbeitstag gewechselt. Der Fastmoker steht schon am Ufer, windet die Taue um die Eisenpoller am Ufer, holt die Brücke rüber, und die Passagiere verlassen das Schiff „Bis heut´ Abend!“ Obwohl Hans-Uwe sich das schon oft genau angesehen hat – der Fastmoker geht mit dem Tau in der Hand auf dem Außentritt am Schiff entlang nach vorn und springt bei Berührung mit der Landungsstelle mit dem Tau an Land, macht es fest und holt die Brücke herüber – wundert er sich immer wieder, dass der schon an Land ist, wenn der erste Passagier aussteigt.
Mit Holler geht er noch ein Stück weit. „Wenn Thorsten und Max Rasten eine Wahlwiederholung durchkriegen, dann ist die Bremer aber weg vom Fenster“, meint Jürgen Holler mit einem fröhlichen Lachen. Danach trennen sich ihre Wege.
„Ich kümmere mich um die Sache“, ruft der Oberdeichrichter ihm noch nach und ist froh, dass Holler ihn nicht gefragt hat, was er hier am Nordufer zu tun habe. Denn Hans-Uwe geht heute zum ersten Mal zu einem Arzt, bei dem es heißt, „machen Sie mal den Unterkörper frei.“ Nachdem er die Namen der drei Urologen auf dem Praxisschild gelesen hat, tritt er ein. Eine freundliche Frau hinter einem großen Monitor nimmt seine Überweisung entgegen und bittet ihn, in der Warteecke Platz zu nehmen. „Alles wie üblich“, denkt er und greift nach einer Illustrierten, die ihn darüber informiert, dass der Bruder einer berühmten Filmschauspielerin nicht zur Beerdigung seiner Schwester gehen will. Hans-Uwe legt die Zeitschrift wieder weg und versucht zu entspannen.
Nachdem er noch vorübergehend vor die Tür des Behandlungszimmers gesetzt wird, geht alles ganz schnell. In dem abgedunkelten Zimmer neben der Behandlungsliege ein Apparat mit Drähten, Kabeln und Bildschirm. Alles glatt metallischgrau. Der Arzt stellt sich kurz vor, erläutert sein Vorgehen, erst mehrfache Betäubung rundherum, dann zehn Abstanzungen, acht außen und zwei aus dem Zentrum und bittet ihn, den Unterkörper frei zu machen und weist dabei auf die weiße, kahle Wand hinter seinem Rücken. Da gibt es einen einsamen Haken ohne jegliche Deckung, an den er seine Sachen hängen kann. Es hilft nichts: Schuhe aus, Socken und Hose und Unterhose an den Haken.
Hans-Uwe hasst diesen Zustand und sein Aussehen: nur im Hemd dazustehen und unten nichts an. Wie ein kleines Kind, dem man die vollgemachte Windel gerade abgenommen hatte, kommt er sich vor. Lieber würde er völlig nackt da stehen.
Am Schreibtisch beschriftet die Assistentin einige Zettel. Sie kümmert sich nicht um diese Szenerie. Vom Arzt kommt freundlich die Aufforderung, sich auf die Liege zu legen und ihm das Gesäß zuzuwenden mit leicht angezogenen Beinen. Nun liegt er da in dieser fast embryonalen Stellung, da verlässt der Arzt den Raum. Er fragt sich gerade, wie lange er hier wohl so liegen soll, als die Assistentin kommt und mit einem Papiertuch seinen Unterkörper bedeckt.
„Es kann sein, dass der Urin etwas blutig wird – auch der Samenerguss wird rot sein, das ist normal nach so einer Biopsie“, sagt der Urologe, legt das Biopsie-Besteck beiseite und gibt der Assistentin die letzte abgestanzte Prostata-Probe. „Sie können sich wieder anziehen.“ Hans-Uwe ist erleichtert. „Wenn sich da was entzündet, dann kommen Sie sofort wieder hierher. Also wenn Sie Fieber bekommen“, ergänzt er, bevor Hans-Uwe, noch immer halbnackt, nachfragen kann.
Ihm ist mulmig nach dem Gezwacke, und so wundert er sich nicht mehr, dass ein ganzes medizinisches Fachgebiet dieser Körperregion seine Aufmerksamkeit widmet.
Sein linkes Bein findet gerade den tausendfach bekannten Weg in die Unterhose, als die Assistentin mit den zehn Röhrchen, in denen er seine Prostata-Proben vermutet, an ihm vorbei ins Nebenzimmer geht. Der Arzt kündigt den Besprechungstermin für das Ergebnis an, als Hans-Uwe noch die Hose hochzieht und den Gürtel schließt. Nun darf er sich wieder wie Hans-Uwe Hauken fühlen, als er sagen hört, „wir müssen noch Blut abnehmen.“ Die Assistentin ist aus dem Nebenzimmer ohne seine Biopsieproben zurückgekommen.
Er folgt ihr in einen kleinen, engen, fensterlosen Raum, gefüllt mit einer Behandlungsliege und einem medizinischen Schubladenschränkchen. An der Wand baumelt lustlos ein Blutdruckmessgerät. Hier kann man einander nicht ausweichen. Er krempelt den Hemdärmel vom linken Arm hoch, und denkt „alles andere kennt sie ja schon“, was er jedoch sofort wieder als pubertär verwirft. Sie verbindet routiniert Nadel und Ampulle miteinander, schnürt mit einem Riemen den Oberarm ab und beschriftet das Glasröhrchen mit seinem Namen. „Ob sie sich manchmal den einen oder anderen Namen merkt?“ Doch auch diesen Gedanken verfolgt er nicht weiter, da sie die Schnalle am Oberarm wieder öffnet. Präzise, fast schmerzlos stößt sie ihre Nadel in seine Vene und blickt mit kleinem Lächeln auf sein Blut, das in das Glasröhrchen quillt, „Männerblut“, hört er sie leise sagen. Sie streift den Riemen ab, klebt ein Pflaster auf die Einstichstelle und verschwindet mit einem Gruß und seinem „Männerblut“. Hans-Uwe starrt auf die Einstichstelle und fragt sich ärgerlich: „Wie sieht sie eigentlich aus?“ - Schwarz-braune, halblange Haare ist das magere Ergebnis seiner Erinnerung.
Etwas benommen verlässt er die Arztpraxis.
Unten am Anleger trifft er ihn wieder. Den Rentner, der sich beim An- und Ablegen des Schiffes hier einfindet. Der noch dabei sein möchte. Er löst, wenn der Motor des Schiffs angesprungen ist und die Fähre ein klein wenig vorgezogen ist, die Taue und reicht sie dem Fastmoker herüber. Dessen gebremste Bewegung ist betroffen wegen seiner plötzlichen Entbehrlichkeit, und er genießt es gleichzeitig, dass ihm jemand zuarbeitet. Der Fastmoker zieht nur noch die Brücke ein, schließt die Tür, die Fähre legt ab und trudelt in den Strom.
Auf der anderen Seite des Stromes kauern große Dächer hinter grünen Deichen. Möwen pendeln durch den hohen, von Wolken leergefegten Himmel. Das Wasser wirkt so riesig, wenn man drauf ist und die Deiche drüben so winzig und arm. „Wie gut diese Trennung hält“, geht es Hans-Uwe jedes Mal durch den Kopf, in der Mitte des Stromes.
Jürgen Holler hatte ihm neulich eine Broschüre über die Flut 62, ein Tagebuch mit der Bemerkung „Du bist ja nicht von hier und kennst den Strom nicht so gut“ gegeben, und er war sich nicht sicher, ob er das als Beleidigung oder als notwendige Information auffassen sollte. Zögernd, als wolle er das gar nicht so genau wissen, greift Hans-Uwe auf der Fähre zum Tagebuch über die Flut von 62. Er war damals vierzehn, hatte übers Radio von den über 300 Toten in der Hafenstadt erfahren und heute liest er, wie sich damals ein Sturmtief von Island her schnell der Nordsee genähert hat. Hier nun, im Tagebuch von Hein Dierks steht es zu lesen, wie die Menschen im Tiefen Land ebenfalls von Flut und Deichbrüchen überrascht wurden, wie sie sich mit ihren kargen Mitteln vor den Wassermassen zu schützen versuchten. Aber es gab nicht diese beeindruckende Zahl von Toten wie in der Metropole, daher ging ihr Schicksal nicht so ausführlich durch die Presse.
Doch die Menschen hier im Norden kennen so ein Sturmtief nur zu gut. Tiefgrauer Himmel, heftige Regengüsse und Stürme gehören im Winter zu ihrem Alltag. Sie gehen gegen den Wind gebeugt mit hochgeschlagenem Mantelkragen ihren Tagtäglichkeiten nach.
Schließlich nimmt der Oberdeichrichter die Unterlagen der letzten Deichversammlung samt Einladungsschreiben aus seinem Ordner.
Nachdem Hans Uwe sein Rad vor dem Alten Schützenhof abgeschlossen hat, geht er durch den langen Gang auf die Tür des Saales zu.
Renovierter Jugendstil. Vorträge, Debatten, Kandidatenvorstellungen und Ratssitzungen finden hier statt. Familienfeiern und Hochzeiten. Viele junge Paare kommen aus der Metropole, um sich hier vierspännig unter Blüten das Ja-Wort zu geben. Im April und Mai ein Marktplatz der Zukünfte. Und bei goldenen Hochzeiten auch der Vergangenheiten.
Doch heute geht`s um den Strom. Den Tiefgang der Schiffe. Die Vertiefung der Fahrrinne. Fahrrinnenanpassung. Nach der letzten Sturmflut fließt der Strom nun seit einem halben Jahrhundert meist friedlich zwischen den Deichen im ständigen Auf und Ab der Tide.
Ein Stau vor der Saaltür gibt Hans Uwe noch Zeit, die alten Fotos, die die Flurwände zieren, zu betrachten. Da ist abgebildet, worauf hier alle stolz sind und schwören, dass sie das erhalten wollen. Wettern, Fleete, Brauttüren in reetgedeckten Fachwerkhäusern und ein Meer von blühenden Bäumen. Etliches davon ist schon breiteren Straßen und Baugebieten gewichen. Nach und nach, mit der Zeit. Man versucht eben auch, mit der Zeit zu gehen.
Nichts von den alten Motiven hakt sich jetzt in seinem Kopf fest. Er schaut hin, ohne zu sehen. Das, was alles schon bröckchenweise weggeräumt wurde, das, was man erhalten wollte, da es das Charakteristische dieses Landstriches zeigt, das wird in seinem Gedankenstrom von dem, was kommen soll, gelöscht. Es geht heute um die Fahrrinne des Stromes, die alten Deiche und die neue Gewalt des Wassers.
Vor der Tür ein Stehtisch. Die hineinströmenden Leute verharren hier kurz, blicken auf die von einer Bürgerinitiative ausgelegten Unterschriftenlisten gegen die Vertiefung der Fahrrinne und gehen weiter. Mit ihnen wird Hans Uwe in den Saal geschwemmt. Der füllt sich langsam. Kellnerinnen zwischen den Tischen nehmen Bestellungen auf. An der Theke werden Biere gezapft und weiterverteilt. Noch stehen viele unschlüssig herum, suchen Bekannte oder günstige Plätze zum Diskutieren oder zum vorzeitigen, unauffälligen Verschwinden. Hans-Uwe bleibt im Schatten der Empore stehen, lehnt sich an einen Holzständer, der die Konstruktion trägt, an den Kanten fein gefahst, in mattem Friesenblau geschmackvoll lackiert und blickt auf eine Dreiergruppe, die am Saalfenster zum Innenhof steht. Werner Kehrer, dessen fast schulterlanges Haar hin und her schwingt, da er lebhaft mit dem ganzen Körper wie in Schaufelbewegungen gestikuliert, hat dort noch andere vom Yachthafen um sich versammelt. Man sieht es ihren in Falten gekräuselten Stirnen an, dass sie an den Tiefgang ihrer Segelyachten denken, wie die bei der drohenden Verschlickung noch aus dem Hafen herauskommen sollen. Das Wasser des Stroms trägt nämlich bei erhöhter Geschwindigkeit viel mehr Sand und Schlick als ohne erneute Vertiefung mit sich und legt das in ruhigeren Uferzonen wieder ab. Er sieht sie diskutieren, er hört geradezu ihre Einwendungen gegen das Vorhaben der Hafenbehörden.
Bert Broderson in der Runde dort, dem man immer gerne zuhört, der mit seinen großen, braunen Augen und der intensiven Stimme auch auf Parteiversammlungen die Leute in seinen Bann zu ziehen vermag, bewegt mit der rechten Hand sein halbleeres Bierglas im Kreis und bringt so das restliche Bier zum Kreisen, um quasi wissenschaftlich zu demonstrieren, wie viel feste Schwebstoffe Wasser transportieren kann, wenn man es in schnelle Bewegung versetzt.
Die Gesichter der drei – Kehrer hat inzwischen aufgehört zu schaufeln, man hat sich versichert, dass die Hafeneinfahrt bald häufiger ausgebaggert werden muss als jetzt schon – starren auf die Brodersonsche, kreisende Faust in tiefer Übereinstimmung. Broderson lässt die Kreisbewegungen sein, lehnt sich erschöpft in die Fensternische, ergreift sein Bierglas erneut und nimmt einen kräftigen Schluck.
Hilflos kommt sich der Oberdeichrichter heute vor. Vor seinem inneren Auge zieht wieder und wieder vorbei, wie er eigentlich hierher auf den Posten des Oberdeichrichters gelangt ist. Viele Jahre hatte er in der Verwaltung von Alt-Süderstedt verbracht. War in dieser Kleinstadt der Nordheide vom Sozialamt zum Hauptamtsleiter und dann zum Kämmerer und stellvertretenden Stadtdirektor aufgestiegen. Jetzt ist er hier oberster Deichschützer. Damals, als er vorzeitig pensioniert worden war, weil es ihm wegen Trennung und Scheidung dreckig ging, tat sich die Position des Oberdeichrichters auf, die ihm die Möglichkeit gab, sein Verwaltungswissen weiter zu nutzen und sich abzulenken.
Verwalten. Das war seine Leidenschaft. Einen Haushalt aufstellen. Gelder in Zahlenkolonnen darstellen. Diese in Zeilen und Spalten unterbringen, wieder verschieben und dabei beobachten, wie daraus unterschiedliche politische Notwendigkeiten werden. Leidenschaft fühlte er, wenn er diese Zahlen wieder in neue Verwaltungsgebäude, Kindergärten oder Straßenerneuerungen hinein fantasierte. Nächte saß er manchmal an seinem Zahlenwerk, alles war längst stimmig, doch er suchte noch nach ganz verwegenen Verteilungen des Geldes, von denen er wusste, dass der Stadtrat dies nie durchgehen lassen würde. Einfach so machte er das am Bildschirm. Es war ihm klar, es würde immer nur geringe Ver-schiebungen im Vergleich zum Vorjahr geben. Mehrheitsfähig musste alles sein.
Verwalten. Das wollte er eigentlich weitermachen. Aus Erlassen Vorlagen für die Versammlung der Deichgeschworenen erarbeiten. Einen Haushalt aufstellen. Termine für die jährlichen Deichschauen festlegen. Diese im Amtsblatt und in der Lokalpresse bekannt geben. Und Versammlungen leiten. All das erprobt in einem langen Verwaltungsleben.
Nur hilft das jetzt nicht mehr weiter. Hier brodelt etwas, droht überzukochen, was mit Erlassen und Vorlagen nicht zu fassen ist. Sicher gab es auch im Stadtrat immer mal wieder Hick-Hack und Unmut gegen Absichten der Verwaltung. Mit der Zeit aber hatte er es verstanden, den Rat mit geschickter Informationsdosierung auf die richtige Spur zu bringen. Die Verwaltung hat nun mal das Informationsmonopol. Aber hier und heute ist alles anders. Er spürt geradezu körperlich, wie das Entgleiten aller lange antrainierten Reflexe einer Verwaltungsseele seine Standsicherheit untergräbt. Die erregten Gesichter ringsum schon vor Beginn der Veranstaltung in heftige Diskussionen verhakt, verstärken nur den Drang, sich dem Verbalgemetzel heute Abend zu entziehen.
„Ich müsste eigentlich an den vordersten Tisch gehen, mich vor dem Podium platzieren“, weiter denkt er nicht, als er Klaus Behnkes heisere Stimme vernimmt. „Hier rüber, Hans-Uwe!“ Der bisher einzige volle Tisch. Sieben Männer, kräftig, in dem unbestimmten Alter zwischen 35 und 55 in blau-grauer Feierabendkleidung, der man die Arbeit noch ansieht, haben sich da versammelt. Obstbauern und Handwerker – alles Deichgeschworene der II. Meile, seine Leute.
„Hallo Deichgraf“, frotzeln einige. Stühlerücken. Er quetscht sich dazwischen. Stumm. Es wird kurz angestoßen, zögerlich. Keiner weiß so recht, welche Stimmung hier aufkommen soll, und so redet man über die kommende Wahlwiederholung. „Das mit der Bremer ist nicht in Ordnung gewesen“, meint jemand mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. „Warum ist sie eigentlich nicht hier?“ fragt Jürgen halblaut in die Runde. „Sie ist ja noch Deichgeschworene.“
„Charlotte sitzt da drüben bei ihrem Vater“, stellt Arne fest, der sie am andern Ende des Saales entdeckt hat.
„Dann hol sie doch rüber“, stichelt Jürgen weiter. Der Oberdeichrichter hat Angst, dass hier etwas hochgekocht werden soll. „Nu lasst mal Charlotte Bremer sein. Hier ist heute ein wichtigeres Thema dran.“
Im Raum finden sich jetzt Gruppen und Grüppchen. Köpfe werden geschüttelt, heftiges Nicken und Gestikulieren im Geraune. Gegenseitige Zustimmung untereinander. Eindeutige Zeichen der Verweigerung Richtung Podium. Man macht sich Mut. Überall Einigkeit. Keinen Millimeter nachgeben.
Klaus Behnke glüht geradezu vor Unruhe und Ungeduld und bricht die dümpelnde Stimmung am Tisch. „Heute Abend muss ein Proteststurm losbrechen. Die sollen sehen, mit wem sie´s zu tun haben.“ Klaus, der Obstbauer mit 60 Hektar hervorragenden Obstlandes hat ein klares Selbstbewusstsein: sein Land, seine Erträge. Sieht er sie in Gefahr?
Am liebsten würde Hans-Uwe jetzt nichts sagen. Aber da kommen die Fragen schon. „Ja, sehr wichtig ist das heute! Hast du Stellungnahmen vorbereitet?“ „Es gibt doch Gesetze, die auf unserer Seite sind!“ „Können wir nicht mit dem Anstieg des Meeresspiegels argumentieren?“ prasselt´s auf ihn herab.
Ihm fällt nur ein, dass es besser ist, sich heute Abend nicht zu stark aus dem Fenster zu hängen. „Die Wahrung meiner Neutralität kann aus taktischen Gründen für das weitere Verfahren wichtig sein.“ Das sehen seine Leute aber nicht ein. Sie sind enttäuscht. Angriff von Anfang an, fordern sie.
Zum Glück beginnt in diesem Moment sich am Podium etwas zu regen, so dass die Aufmerksamkeit dorthin gezogen wird und er am Tisch nicht weiter argumentieren muss.
