Stadt und Gespenster - Julia Himmel - E-Book

Stadt und Gespenster E-Book

Julia Himmel

0,0

Beschreibung

"Stadt und Gespenster" ist ein rasanter Roman über ungewollte Kinderlosigkeit und über die Schwierigkeiten moderner Großstädter zueinander und zu sich selbst zu finden. Von Natur aus lebensfrohe Wissenschaftlerin ist Julia gewöhnlich auf der Sonnenseite des Lebens zu Hause. Doch dann ergreifen Fruchtbarkeitsbehandlungen und Adoptionsprozesse die Kontrolle über ihr Leben mit Sebastian. Hilflos steht er ihrer wachsenden Verzweiflung und Reue gegenüber. Bis Julia sich zu einer beherzten Flucht nach vorne entschließt, bei der sie die Stadt, ihre Gespenster und sich selbst auf ganz neue Art kennenlernt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Julia Himmel

Stadt und Gespenster

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Familien im Park

Am Morgen, tiefschwarze Nacht

Die Stadt in der Metro

Stimmen der Wissenschaft

Laborgespenster

Aufklärung

Keine Arbeit ohne Leiden

Die Besten sollen Eltern werden

Stimmen der Bank

Fallende Kurse

Stimmen im Netz

Des Kaisers neuen Kleider

Spritzenfieber

Barbetrachtungen

Richtig lesen

Freiheit, Gleichheit, Sicherheit

Kalter Whiskey

Vorladung zu den Behörden

Nach unten lieben

Das Leben danach

Der Sprung

Liebesrettung

Aufbruch

Zuhören

Hinter den Stadtgrenzen

Kein Ort für Frauen

Aufstehen nach dem Sturz

Unterwegs in der Vorstadt

Wiedersehen in der Fremde

Zuhause verloren

Wieder da

Impressum neobooks

Familien im Park

„Alle glücklichen Eltern gleichen einander“, dachte Julia, als sie im Schlussspurt die Treppen im Park hinauf lief. „Alle ungewollt Kinderlosen…“, sie überlegte, wie der Satz weitergehen musste.

Wie ging es weiter in dieser Geschichte?

„…gleichen einander noch viel mehr“, schoss es Julia durch den Kopf.

Sie warf sich auf den Rasen. Eintauchen im Frühlingsgrün, das wäre es. Versinken. Allmählich, ganz allmählich verlangsamte sich ihr Atem.

Die Blumen hatten ihre Blüten ausgebreitet, als wollten sie möglichst viel Wärme und Licht aufnehmen, bevor die Sonne wieder so plötzlich verschwand wie sie gekommen war. Julia tat es ihnen gleich, streckte Arme und Beine von sich, ganz weit.

Um sie herum Familien im Park.

Familien und Kinder, überall.

Aus den eleganten Wohnungen mit Balkon und Blick auf den Park waren sie gekommen, aus Mietshäusern für die Mittelklasse und aus verfallenen Plattenbauten nur drei Straßen weiter. Schwarze Matronen, die doch noch ganz jung waren, weiße Pärchen, die nur jung taten, Frauen mit Schleier, Männer mit Kippa, Ungläubige und Agnostiker, alle waren sie stolze Eltern und Großeltern im Park. Alle. Großmütter von arabischen Lockenköpfen, Großväter von Chinesen mit glänzenden Knopfaugen, Väter von schwarzen Schönheiten mit staunendem Blick durch dichte, gebogene Wimpern, Mütter von blonden Engeln, deren Vorfahren seit vielen Generationen hier ansässig waren. Vielleicht genau hier, in diesem Viertel, an diesem Park.

Sie fuhren Bobby-Car, sie spielten Fangen, sie ließen sich widerwillig hinter ihren Eltern herziehen, sie saßen mit ihrer Mutter am Wegesrand, bliesen Luftballons auf. Sie vollführten auf kurzen Beinen ihre ersten wackligen Schritte, warfen sich dann in die Arme eines gerührten Vaters, sie ließen sich in der Kinderkarre über die hügligen Wege des Parks fahren wie Prinzen in einer Sänfte. Hier und da schob ein nicht mehr ganz junges Paar einen Zwillingskinderwagen. Auch im Park hinterließ die Fortpflanzungsmedizin ihre Spuren.

Ein Enddreißiger mit dunklem, verwegen gewelltem Haar schob einen Säugling in einem geländegängigen Dreiradkinderwagen an Julia vorbei. Er redete auf einen Dreijährigen ein, der sich trotzig hatte zurück fallen lassen, Julia sah er nicht. Julia versunken im grünen Gras. Der Mann war einmal ihr Liebhaber gewesen, in einer schönen Nacht vor vielen Jahren. Jetzt war er Vater, im Park.

Julia entschloss sich zu einer weiteren Runde um den See. Dort wurde Hochzeit gefeiert. Chinesinnen mit weiten Reifröcken, Rüschen und Puffärmeln, deren Bräutigame gerne weiße Anzüge und Lackschuhe mit rosa Hemden kombinierten. Schwarze Bräute mit prächtig wogendem Hinterteil, deren weibliche Gäste entweder in die bunten, bodenlangen Gewänder Westafrikas oder in tief ausgeschnittene Cocktailmode gehüllt waren. Eine Braut war verschleiert, Trauer im Blick. Nur Männer lachten und tanzten an ihrem Hochzeitstag.

Unter den Kirschblüten stand eine Braut im cremefarbenen Kleid, eine passende Blume in der Hochsteckfrisur. Stolz hatte sie ihren stattlichen Bräutigam untergehakt. Beide grau meliert, beide strahlend und schön.

Fotografen sollten den glücklichen Moment festhalten für alle Ewigkeit, im Hintergrund der See mit seinen Grotten und Blumenbeeten. Sie auf dem Rasen dahin gestreckt im sorgsam drapierten Kleid, voller Bewunderung zu ihrem Adonis aufblickend, der galant neben ihr kniet. Er als Herkules, seine Braut stolz auf den Armen in die Kamera haltend, oder beide in leidenschaftlichem Brautkuss vereint. Manchmal mit übermütiger Hochzeitsgesellschaft um sie herum, manchmal allein.

Für den Fall, dass es sich doch nicht festhalten ließ, das Glück dieses Augenblicks, feierten es die Hochzeitsgäste. Mit großem Lärm und Heiterkeit. Die Chinesen von Belleville im wuchtigen, rosa Cadillac, die Franzosen, deren Vorfahren aus Nordafrika nach Paris gekommen waren, mit ohrenbetäubendem Hupkonzert, die schwarzen Afrikaner mit exotischen Zungengeräuschen und Ululu-Gebrüll, die weißen Franzosen mit dezenten Schwiegermuttertränen.

Den Familien gehörte der Park, wie jedes Wochenende.

Julia lief langsam nachhause zurück.

Am Morgen, tiefschwarze Nacht

Im Schlafzimmer war tiefschwarze Nacht.

„Basti“, Julia berührte Sebastian leicht an der Schulter.

„Hhhmmm.“

„Können wir kurz sprechen?“

Sebastian atmete laut und kräftig ein als wollte er seine Lungen mit Wachheit füllen. „Ja“, flüsterte er leise.

„Ich bin so traurig.“

Sebastian zog Julia an sich, legte sanft ihren Kopf auf seine Schulter.

„Wir hätten nie auf diese Ärztin hören sollen. Diese Eso-Tante, die immer gesagt hat, wir sollen warten und uns entspannen.“

Sebastian umschloss mit beiden Armen Julias Körper.

„Und ich habe es doch kommen sehen. Ich wollte schon nach einem halben Jahr in die Kinderwunschklinik. Warum habe ich nicht darauf bestanden? Warum habe ich denn nur nicht darauf bestanden?“

„Basti!“ Julia drückte Sebastian mit aller Macht an sich, als könnte sie ihren Schmerz mit dieser Umarmung ersticken. „Wenn wir damals die Behandlungen gleich gemacht hätten, dann hätte es vielleicht noch klappen können. Warum hast du nichts gesagt? Warum hast du nicht dafür gesorgt, dass wir etwas unternehmen?“

Sie schluchzte. „Jetzt ist es zu spät.“

Sebastian stieß ein unterdrücktes Stöhnen der Hilflosigkeit aus.

„Du hast dir doch auch Bücher zu dem Thema gekauft. Das steht überall, dass man keine Zeit mehr verlieren darf mit Mitte dreißig. Warum hast du nicht dafür gesorgt, dass wir uns gleich behandeln lassen?“

Julia trat wütend in die Luft. „Ich hätte einfach ja sagen sollen, als dieser arrogante Hämatologe aus der Charité mich gefragt hat, ob ich eine künstliche Befruchtung brauche. Ich hätte sagen sollen ja, zeig mal, was du kannst, anstatt mich über die Indiskretion aufzuregen. Vielleicht hätte der wirklich etwas für uns tun können.“

Sebastian schwieg.

„Basti!“, rief Julia verzweifelt.

„Ja“, sagte er leise.

„Wir hätten nie nach Frankreich kommen sollen. Wenn wir in Deutschland geblieben wären, dann wären wir nach der Fehlgeburt viel eher wieder zum Arzt gegangen. Vielleicht wäre das noch rechtzeitig gewesen.“

„Nicht immer in die Vergangenheit blicken“, flüsterte er. „Das bringt doch nichts. Wir leben jetzt.“

Inzwischen hatten sich beide an die Dunkelheit gewöhnt. Julia sah Sebastian aus großen, verzweifelten Augen an.

„Bist du nie traurig?“

„Doch.“

„Aber nicht so wie ich. Nicht die ganze Zeit.“

Sebastian atmete tief durch. „Ich denke auch mal an was anderes.“

„Wie oft denkst du daran?“ Julia betonte das „da“, als sei es die einzige Silbe von Bedeutung in ihrem Satz.

„Ich weiß nicht.“

„Sag doch mal.“

Sebastian schwieg.

„Einmal die Woche? Einmal am Tag? Einmal in der Stunde?“

Sebastian stöhnte abwehrend.

„Sag doch mal. Ich möchte wissen, wie du dich dabei fühlst. Ich möchte das einfach wissen.“

„Einmal am Tag vielleicht.“

„Aber warum bist du denn nicht traurig? Du wolltest doch auch immer ein Kind haben.“

„Wir bekommen unser Kind noch.“

„Basti“, Julias Schrei gellte durch die ganze Wohnung. „Verstehst du das denn wirklich nicht?“ Sie richtete sich abrupt auf. „Hast du den Arzt nicht verstanden? Ich habe dir die Artikel doch gezeigt. Weniger als ein Prozent. Ein Prozent.“ Julia schüttelte den ausgestreckten Zeigefinger vor Sebastians Gesicht. „Weniger als ein Prozent der Frauen mit meinen Problemen bekommen noch ein Kind. Ein Prozent.“ Sie ließ den Oberkörper wieder auf das Bett fallen. Mit den Händen krallte sie sich an zwei Büscheln ihrer dicken, dunklen Haare fest. „Warum kannst du das denn nicht verstehen?“

Sie weinte leise.

Sebastian stand auf und wusch sich im Badezimmer die Hände. Als er wieder ins Schlafzimmer kam, sah Julia ihn erschöpft durch eine Tränendecke an. Sie schüttelte langsam Kopf. „Wir haben alles vermasselt, Basti. Wir haben das Wichtigste im Leben verpasst.“

„Wir haben ein gutes, schönes Leben.“

„Wir haben kein Kind. Wir werden nie unser Kind bekommen. Warum sollen wir denn jetzt noch vierzig Jahre leben, wenn wir niemanden bei uns aufwachsen sehen können? Wenn wir uns um niemanden kümmern können? Wozu denn? Was sollen wir denn machen?“

„Du tust so, als wenn wir nichts wären. Als wenn es uns gar nicht gäbe.“

Diesmal stöhnte Julia abwehrend. „So meine ich das nicht. Du bist mein Schatz. Du weißt, dass du mein Schatz bist. Aber was sollen wir denn machen ohne Kind? Einfach nur reisen und konsumieren? Das ist doch nichts wert auf Dauer. Warum sollen wir denn leben?“

„Um ein schönes, gutes Leben zu führen. Du und ich zusammen.“

„Aber wir werden einfach nur alt und haben keine Kinder.“

„Na und? Dann werden wir eben alt.“

„Ich will so nicht leben.“ Sie schluchzte und bedeckte dabei ihr Gesicht mit den Händen. „Ich bin auch schon halb tot.“

„Wieso bist du halb tot? Was soll denn das?“

„Kein neues Leben kann mehr aus mir entstehen. Wer kein Leben mehr schenken kann, ist schon halb tot.“

Sebastian lief mit laut stampfenden Schritten aus dem Zimmer.

Julia richtete sich abrupt auf. „Basti, es tut mir leid. Ich höre ja schon auf. Es tut mir leid. Bitte komm zurück.“ Sie hielt die Bettdecke hoch. „Es tut mir leid. Bitte komm zu mir. Nur einen Moment. Ich höre schon auf.“

Sebastian kam langsam ins Schlafzimmer zurück. Er atmete tief aus und legte sich unter die angebotene Decke. Julia und er umarmten sich.

„Ich höre schon auf. Und dann gehe ich da wieder hin. Ins Labor. Es hilft ja nichts.“

Die Stadt in der Metro

Es dämmerte, als Julia in der Küche ihren Kaffee trank und die Zeitung las. Vereinzelt hörte sie die Türen der Nachbarn ins Schloss fallen. Wer weit draußen in der Vorstadt arbeitete, musste sich früh dem täglichen Wettrennen um Platz und Fortkommen in der Metro stellen. Ihre rothaarige Nachbarin mit dem gewinnenden Lächeln, die eine Schule in einer der von sozialen Problemen geplagten Vorstädte im Osten leitete, verließ das Haus um halb sieben. Im Sommer nahm ihr Mann sie manchmal auf dem Motorrad mit.

Julia lag gewöhnlich im Mittelfeld des großen Heeres der Arbeiter und Büroangestellten, die täglich im Laufschritt durch die Metro-Schächte zur Arbeit eilten und sich dabei leidlich bemühten, einander nicht umzustoßen. Zwischen fünf und halb sieben war die Frühschicht unterwegs. Ein kleiner, dunkelhäutiger Menschenschlag aus aller Herren Länder, dem die Anstrengungen schlecht bezahlter Arbeit und eines in vielen Fällen ungeklärten Aufenthaltsstatus deutlich ins Gesicht geschrieben standen. Lagerarbeiter aus Indien, Personal der chinesischen Gastwirtschaft ohne Papiere und Reinigungskräfte aus ehemaligen französischen Kolonien in Afrika, manche mit schwarzen Rastalocken, andere mit bunter afrikanischer Kopfbedeckung oder islamischer Verschleierung. Stumm und in ihr Schicksal ergeben glitten sie wie Schatten durch die frühen Pariser Morgenstunden. Ihr einziges Privileg war ein Sitzplatz in der Metro, von dem die meisten Büroangestellten, die zwei oder drei Stunden später losfuhren, nur träumen konnten.

Manchmal gesellte sich Julia zu den morgendlichen Schatten, wenn sie dringend einen Artikel fertig schreiben musste oder wenn ihre Sorgen sie nachts wach hielten und sie nach einem langen Kampf mit der Schlaflosigkeit schließlich entschied, dass sie die Zeit ebenso gut im Labor verbringen konnte. Sie fühlte sich immer fremd unter diesen Menschen. Was war schon ihr bisschen Schlaflosigkeit gegen die Einsamkeit, in der viele von denen sich um ihr Dasein schlagen mussten? Ihre Sorgen um die nächste Veröffentlichung gegen deren Geldnöte? Ihre Kinderlosigkeit gegen deren Papierlosigkeit? Sie mit ihrem lieben, lustigen Mann zuhause in der schönen Wohnung, mit den Reisen und den Wochenendausflügen, mit den Abendessen und den Partys mit Freunden.

Anders war das in ihrer eigenen Schicht, der in der Mitte. Da war sie unter ihresgleichen. Büroangestellte aller Industrie- und Dienstleistungszweige, Männer im Anzug und sorgfältig geschminkte und frisierte Frauen waren dann auf dem Weg zur Arbeit. Sie waren in Eile und nahmen es einander übel, dass sie sich dabei gegenseitig Platz wegnahmen. Um diese Uhrzeit waren die Straßen voller Leben. Die Stadt war erwacht und mit ihr ihre Prinzessinnen und ihre Bettler, ihre Arbeitsbienen und ihre Müßiggänger, ihre ehrlichen Kaufleute und Arbeiter ebenso wie ihre Schlitzohren, Betrüger und Diebe.

Als Julia den kleinen Weg hinter ihrem Haus hinunterlief, begrüßte sie der hünenhafte, schokoladenbraune Mann von der Stadtreinigung mit Handschlag. Beinahe täglich pflegte er hier den Sportplatz. Es musste der sauberste Sportplatz im Großraum Paris sein. Einmal hatte er ihre Hand geküsst. Ein andermal hatte er ihr ein Praktikum angeboten. Mit dem Anlernen meinte er es offenbar sehr ernst, denn gelegentlich drückte er Julia einen Mülleimer in die Hand, den sie auf ihren hohen Absätzen über den unebenen kleinen Weg zur Straße hinunter schieben sollte. Wahrscheinlich wollte er demonstrieren, dass sie ohne weiteres Training für die Stadtreinigung nicht geeignet war. Vor Weihnachten hatte er ihr eine gemeinsame Reise zu seiner Familie auf die Antillen angeboten. Irgendetwas ließ er sich immer einfallen.

Auf der rue de Belleville traf Julia meistens auf ihre nächste Bekannte, eine Frau mit lederner, grauer Haut und öligen, aschblonden Haaren, die in alle Richtungen abstanden. Jeden Morgen empfing sie Julia mit der gleichen Frage: „Sie hätten wohl keine Münze für mich?“ Ihr Tonfall war wie ihr Gang, mit dem sie Tag für Tag die Straße auf und ab schlich: einförmig, ohne jede Akzentuierung. Manchmal fügte die Frau hinzu, dass sie schließlich nicht gleich um Scheine bitten könnte. Dann deutete sich in ihrem Gesicht etwas an, was an ein Lächeln erinnerte, Schalk. Doch das war selten. Wenn Julia länger stehen blieb, um ihr Portemonnaie in der Tasche zu suchen, erzählte die Frau von ihrer Familie oder von Ärzten, die sie mit einem bösem Zauber belegen wollten, wenn sie ihr nicht gleich nach dem Leben trachteten. Heute war sie nicht da. Wenn Julia so recht darüber nachdachte, war sie schon eine ganze Weile verschwunden. Manchmal schien diese Stadt ihre Bewohner einfach zu verschlucken.

Heute hatte eine Bürgerin sich aufgerufen gefühlt, der Stadtreinigung bei der Müllabfuhr behilflich zu sein. Die Frau schob geschäftig Abfalltonnen über die Straße, während ein grün gekleideter Müllmann nervös neben ihr herlief. Eine heftige Diskussion entstand zwischen den beiden. Um sie herum liefen Chinesen eilig zur Arbeit, transportierten auf hohen, länglichen Gestellen Waren in ihren Laden oder brachten ihre Kinder zur Schule. Als Julia in den Metroeingang einbog, wo mehrere Zeitungsausteiler und die Zeugen Jehovas um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlten, war es zwischen dem Müllmann und seiner Helferin zum Handgemenge gekommen. Die verschmähte Reinigungskraft schrie laut ihre Wut in die Straßen von Belleville hinaus.

Ein kleiner Junge mit Schulranzen auf dem Rücken war im engen Korridor der Zeitungsleute und Missionare plötzlich stehen geblieben und blickte durch seine dicken Brillengläser fasziniert um sich. Er schien die Vielfalt des Angebots um sich herum kaum fassen zu können. Julia hätte ihn um ein Haar überrannt. Im morgendlichen Pendelverkehr war es nicht vorgesehen, dass jemand stehen blieb. Sie wartete geduldig, bis der Kleine sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, und widerstand dabei der Versuchung, sein dichtes Haar zu streicheln. Die versierteren Pariser hinter ihr hatten das Hindernis deutlich schneller erkannt als sie und waren ausgewichen, indem sie einen zackigen Bogen um den Informationskorridor geschlagen hatten.

Als Julia es endlich in den Metro-Schacht geschafft hatte, hielt ihr ein Anfang Dreißigjähriger im Anzug und leichtem Mantel die Tür hinter dem Drehkreuz auf, wie es in Paris üblich war. Er nickte ihr ohne ein Lächeln zu, bevor er im Laufschritt weiterlief, als gelte es, die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

Die Bewohner der Metro-Station schliefen noch. Einer lag auf den roten Plastiksitzen, mit einem schmutzigen Schlafsack zugedeckt. Der andere hatte sich quer über dem Bahnsteig ausgestreckt, seine Decke bedeckte weder seinen entblößten Rücken, noch die zerrissenen Strümpfe. Julia fragte sich, wie viele Frauen auf hohen Absätzen und Männer in teuren Anzügen heute noch über seine Beine steigen würden, ohne dabei eine Miene zu verziehen.

Einmal war sie den beiden Obdachlosen am Abend begegnet. Der Mann, der heute den eiligen Parisern seinen entblößten Rücken entgegenstreckte, hatte sich auf seinem Plastiksitz gekrümmt, die Hand auf dem Magen. Sein Bahnsteigmitbewohner hatte mit schwerer Zunge auf ihn eingeredet. Julia hatte etwas hilflos angeboten, einen Notarzt zu rufen. Der Mann, der die Rolle des Trösters übernommen hatte, hatte sie aus seinem zerfurchten Gesicht verständnislos angesehen.

„Das bringt nichts“, hatte er kurz befunden. Dann war Julias Metro gekommen. Der Impuls war so stark gewesen, dass sie sich nur kurz bei den Männern entschuldigt hatte und dann hinein gesprungen war. Beim Sambakurs danach war Julia die Reflektion ihrer runden Armbewegungen im Spiegel wie das Flügelschlagen eines Todesengels vorgekommen.

Auf dem Rückweg hatte sie Mineralwasser und Schokolade aus dem Automaten gezogen. Sie hatte sich bei dem Mann mit dem zerfurchten Gesicht nach seinem Freund erkundigt, der inzwischen auf dem Boden eingeschlafen war. Sein Helfer schien die Episode schon längst wieder vergessen zu haben. Das Mineralwasser und die Schokolade hatte er mit einem knappen Kopfnicken entgegengenommen. Immer, wenn Julia den Männern jetzt begegnete, spürte sie sich wieder mit einem Satz in die einfahrende Metro springen. Dann sah sie die Flügel des Todesengels in dem zerkratzten Spiegel einer Mehrzweckhalle schlagen.

Irgendwann, wenn der Sommer endgültig Einzug gehalten hatte, beendeten die Obdachlosen ihr Schattendasein in der Metro und verschwanden. Niemand wusste wohin. Sie schienen sich einfach in Luft aufzulösen. Doch im nächsten Winter waren sie wieder da. Die, die überlebt hatten. Julia fragte sich, wie groß die Chance für diese Menschen war, den Weg von der Straße in eine warme Wohnung zu finden. Und wo kamen sie wohl her? Was hatte sie so aus der Bahn geworfen, dass sie auf dem Bahnsteig leben mussten? Julia nahm sich vor, freiwillige Arbeit in einer Suppenküche zu leisten, anstatt jeden Tag so lange im Labor zu bleiben. Vielleicht würden dann auch die Flügel eines Tages aufhören zu schlagen.

Während die Metro einfuhr, grüßte Julia den Mandolinenmann. Er kam jeden Morgen, etwa um die Zeit, wenn Julia zur Arbeit fuhr, packte seine Mandoline aus und hielt sie auf dem Schoß. Manchmal schien er sie zu stimmen. Einmal hatte Julia sich zu ihm gesetzt und ihn um ein Lied gebeten. Er hatte eine kurze, orientalische Melodie gespielt. Danach hatte Julia ihn nie wieder spielen sehen. Trotzdem warfen immer wieder Passanten Münzen in seinen Hut. Er lebte in erster Linie von seinem sanften, schüchternen Lächeln und seinem Blick, der so treu war, dass die gelbe Färbung seiner Augäpfel kaum störte. Julia war nicht die einzige Frau auf dem Bahnsteig, die ihn begrüßte wie einen alten Bekannten.

Die einfahrende Metro war voll. Die Fahrgäste schienen sich Bauch und Gesicht an den Fenstern der Tür platt zu drücken. Das hielt die echten Pariser nicht davon ab, solange „pardon“ zu murmeln und zur Not ein bisschen mit den Händen nachzuhelfen, bis sie sich aus dem Nichts eine Lücke geschaffen hatten, die es ihnen erlaubte, ihre eigenen Nasen an der Tür plattzudrücken, während die Massen von hinten ihren Brustkorb zu zerdrücken drohten. Julia entschloss sich, auf die nächste Metro zu warten, die eine Minute später kommen sollte. Wenn zwei Züge so dicht aufeinander folgten, war der zweite fast immer viel leerer. Die Leute aber hatten es eilig. Sie drängelten sich lieber in den ersten Zug und haderten gleichzeitig mit ihrem Transportschicksal.

Julia fuhr zwei Stationen mit der nächsten Metro, in der vergleichsweise humane Zustände herrschten, und stieg dann um. Neben ihr tastete sich ein blinder Mann mit seinem Stock durch die Menschenmenge und fing sich verärgerte Blicke ein, wenn er die Hacksen einer feinen Dame berührte, oder die Waden eines geschäftigen Herrn. Er strebte geradewegs auf das Romamädchen mit dem Kindergesicht zu, das jeden Morgen auf der Treppe am Bahnsteigausgang saß und ihrem Zweijährigen die Brust gab oder ihm beim Spielen und Schlafen zusah.

Vor Julias geistigem Auge entstanden Szenen einer unheilvollen Karambolage der Benachteiligten. Blinder stürzt über Kinderkarre und landet auf zwei Zigeunerkindern. Chaos und Geschrei. Entnervte Pariser versuchen schleunigst vom Katastrophenort zu fliehen. Einer fühlt sich am Ende doch verpflichtet, den Notarzt zu rufen. Heimlich ärgert er sich, dass er nun warten muss, anstatt weiter so schnell seine ihn Beine tragen durch dunkle, stinkende Metroschächte laufen zu können.

Julia sah das als die Gelegenheit an, beherzt einzugreifen und die drohende Katastrophe abzuwenden. Sie bot dem Blinden an, ihn zu seinem Ziel zu führen. Es folgte ein ungeschicktes Armehakeln mit dem Ergebnis, dass er schließlich von oben auf Julias angewinkelten Unterarm fasste. Julia ließ sich die Unbequemlichkeit der Lage nicht anmerken. Sie führte ihren Galan zur nächsten Metro als wäre sie ein hochrangiger Diplomat auf dem Wiener Kongress, der eine Dame zur Tanzfläche geleitet. Zufällig hatten der Mann und sie den gleichen Weg. Er erklärte Julia auf dem Bahnsteig, dass er ans andere Ende der Stadt wollte, dabei sah er sie aus einem totem und einem anscheinend noch ein wenig funktionstüchtigem Auge aufmerksam an. Julia verbarg ihr Schaudern und erwiderte standhaft seinen zerstörten Blick.

In der Metro führte Julia ihn zu einem Klappsitz, der noch frei war, und setzte sich selbst daneben, um ihr Buch zu lesen. Am anderen Ende des Wagens schimpften zwei Frauen. Eine war der anderen auf den Zeh getreten und die Entschuldigung hatte zu lange auf sich warten lassen.

Der Rest der Fahrt verlief disziplinierter. Die Fahrgäste lasen Bücher und Zeitungen, lösten Kreuzworträtsel und hörten Musik. Die Klappstuhlinhaber standen widerwillig auf, um Platz zu machen, wenn die schiere Masse der neu herein strömenden Fahrgäste solidarisches Verhalten gebot. Alle gemeinsam ignorierten sie so gut sie konnten das Geschehen um sich herum. Julia nannte ihrem blinden Begleiter vorsichtshalber die Haltestelle, als sie schließlich ausstieg. Damit er Bescheid wusste.

Während Julia die Metro verließ, begann langsam die dritte Schicht, die privilegierteste, das Haus zu verlassen. Einige von ihnen rekelten sich vielleicht noch im Bett. Das waren die hohen Beamten, die Banker und die Unternehmensberater, deren Status es nicht vorsah, dass sie sich vor zehn Uhr im Büro zeigten. Sie hatten üppige Gehälter und Sitzplätze in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn sie sich endlich an ihren Schreibtischen installiert hatten, surften sie erst einmal im Internet oder plauderten mit Kollegen. So richtig hektisch wurde es bei ihnen erst am Abend, nachdem ihre wichtigsten Arbeitstreffen stattgefunden hatten und die dringenden Anfragen und Aufträge der Kunden und der Geschäftsleitung eingetroffen waren.

Der Himmel hatte ein helles, mattes Blau angenommen, als Julia aus den Metro-Schächten auf die Straße trat. Die Sonne ließ die Zinkdächer der Haussmann-Gebäude funkeln und tauchte die obersten Stockwerke in ein warmes Ocker. Auf den Straßen gingen die Menschen ihren morgendlichen Verpflichtungen nach. Eine dunkle Schönheit mit Tuch im Zebramuster auf dem Kopf schritt mit sinnlich wiegenden Hüften über die Straße und zog dabei einen kleinen Jungen hinter sich her, der aufmerksam das Geschehen hinter sich betrachtete. Die blondierten Mütter auf dem Weg zur katholischen Privatschule trugen Haarreifen in dem gleichen Marineblau wie die Hosen und Pullover ihrer Kinder. Ein kleiner, dünner Vater im dunklen Anzug und mit konservativem Seitenscheitel trieb zwei Kindergartenkinder zur Eile an, die weiße Hemden mit steifem Kragen unter ihren Wollpullovern trugen. Gleichzeitig versuchte er mit seiner etwa zehnjährigen Tochter Schritt zu halten, die auf ihrem Roller die Führung übernommen hatte.

Julia bog mit einem Heer von Technikerinnen, Ingenieuren und Forschern auf das Gelände des Forschungsinstituts ein.

Stimmen der Wissenschaft

Bonjour Elise.

Bonjour Céline. Seit 23 Jahren komme ich nun schon so zur Arbeit mit meinen klappernden Absätzen. Klipp, klapp, klipp, klapp. Zuhause vier Etagen die Treppe hinunter. Klipp, klapp. In die Metro hinein, in Montparnasse den Zug wechseln. Klipp, klapp, klipp, klapp, durch lange Gänge zur Linie 6. Wieder rein in die Metro, sechs Stationen fahren und raus. Klipp, klapp, drei Straßen weiter zum Institut. Mit einem freundlichen Gruß an der Wärterin vorbei, schließlich kennen wir uns seit fünfzehn Jahren, Céline und ich. Ab ins Labor, mittags in die Kantine und abends wieder zurück. Klipp, klapp, klipp, klapp. Und da bin ich nun wieder. Die Bakterienkulturen meiner Forschungsleiterin warten schon auf mich, wie jeden Morgen. Die Kollegen sind nett, natürlich. Ich freue mich, morgens immer wiederzukommen, irgendwie. Und doch: immer die gleichen Kulturen, immer die gleichen Tests. Nie etwas wirklich Neues. Keine Herausforderungen. Seit 23 Jahren. Ich bin nach dem Abitur einfach so hineingerutscht in diesen Job. Habe mir gedacht, ich mach mal die Ausbildung, dann ist das schon einmal etwas, danach kann ich immer noch studieren. Dann wollte ich noch ein bisschen weiter arbeiten, die Reisen finanzieren, von denen ich träumte. Und dann war das regelmäßige Gehalt so angenehm, und die Sicherheit war so bequem. Mit 29 dachte ich, jetzt ist es auch zu spät für ein Studium. So ein Quatsch! Da ist man doch noch blutjung. Ich hätte das einfach machen sollen. Hätte ich doch auch halbtags oder im Abendstudium machen können und im Job bleiben. Aber dann, wenn man mit seinem Studium fertig ist, dann muss man hier weg. Schluss mit klipp, klapp. Sonst geht es einem wie Nadine. Hat erst ein Biologiestudium gemacht und sich schon gefreut, dass sie jetzt vom einfachen Labordienst zur Ingenieurin aufsteigen kann, da hatte sie aber nicht mit der Personalabteilung gerechnet. Nein, Madame, das ist noch zu früh für Sie, Sie müssen warten bis Sie an der Reihe sind. Inzwischen hat sie ihre Doktorarbeit fertiggestellt und arbeitet immer noch im einfachen Labordienst. Ihre Zeit wird schon noch kommen, Madame. Man sagt, sie hätten sie nicht befördern wollen, weil ihnen dann eine kompetente Vorarbeiterin im einfachen Labordienst verloren gegangen wäre. Wer soll die dann anleiten, die Leute? Wo denken Sie hin? So ist das, wenn nur die Leistung zählt. Klipp, klapp, klipp, klapp.

Bonjour Julia.

Bonjour Céline, wie geht es Ihnen? Da biege ich wieder ein, auf den Campus. Leidlich erfolgreiche Forscherin, Promotion mit Auszeichnung, zahlreiche Forschungsaufenthalte im Ausland. Passable Veröffentlichungen. Kein Kind. Kein Kind! Einfach vergessen. Oder besser gesagt: Zu lange gewartet. Mit 34 angefangen. So alt ist das ja auch wieder nicht. Da bekommen viele noch Kinder. Aber mancher hat eben Pech. Einfach Pech gehabt. Ein Jahr lang vergebliche Versuche. Tränen, Verzweiflung. Das wird nichts. Die Ärztin mahnt zur Geduld: Leichtigkeit! Zur Fruchtbarkeit gehört auch Leichtigkeit. Fahren Sie doch mal mit Ihrem Mann in den Urlaub. Urlaub, ja Urlaub. Urlaub in Asien. Kolonialstädte, Teeplantagen, Nonyaküche, Urwald, Trauminseln. Liebe. Sex. Hab immer eine Kerze gemacht danach, damit das Sperma auch schön in den Körper fließt. Haha. Was haben wir gelacht. Und dann - schwanger. Sieben Wochen später fängt es an zu bluten. Mitten im Vortrag, auf einer Konferenz in Brüssel. Der in Panik konsultierte Notarzt beschwichtigt. Sehen Sie doch Madame, auf dem Ultraschall. Das ist Ihr Baby. Das Herz schlägt. Vierzig Prozent aller Schwangeren bluten. Drei Tage später ist die Fehlgeburt perfekt. Tiefschwarze Nacht. In einem Meer von Tränen aufgewacht. Fehlgeburt. Aber nein, das ist doch positiv. Ja, traurig, traurig. Gewiss. Aber doch auch ein gutes Zeichen. Das kommt wieder. Leichtigkeit. Entspannen Sie sich einfach. Leben Sie! Ins Ausland umgezogen, wegen des Berufs, Sebastians Beruf vor allem. Man kann nicht nur an die Fortpflanzung denken, da kann kein Mensch entspannen. Man muss weiter leben, Leichtigkeit empfinden. Weil auch nach Monaten überhaupt nichts wieder kam, wieder Ärzte konsultiert. Dreimal gewechselt, weil alle drei ihre Behandlungsmethoden nicht erklärten und die Patientin zum Weinen brachten. Madame, wir dürfen keine Zeit verlieren, Sie wissen schon, Ihr Alter. Operation, um nachzusehen, was da los ist. Nichts Besonderes Madame, ein kleiner Polyp, ein bisschen Endometriose, wissen Sie, Gebärmutterschleimhaut, die sich außerhalb der Gebärmutter ansiedelt. Wir wissen auch nicht warum sie das tut, aber es behindert die Einnistung. Haben wir entfernt, diese Gebärmutterschleimhaut, die sich verirrt hat. Versuchen Sie es ein paar Monate weiter mit Ihrem Mann. Wenn es nicht klappt, kommen Sie wieder und wir machen eine künstliche Befruchtung. Im Glas. In-Vitro-Fertilisation, I-V-F. Sie sind schon ein bisschen alt, da muss man etwas rascher zu den härteren Methoden greifen. Als wir wieder kommen wollen, ist der Arzt natürlich im Urlaub. Sommer in Paris. Da kann man nichts machen, Madame. Nach der rentrée, der großen Heimkehr, wenn alle Pariser wieder in Paris sind und zur Arbeit hetzen. Im September, im September. Im September lässt er ein paar Blutwerte nehmen. Madame, ich bin sehr verärgert. So wird das nichts. Ihr Follikel-Stimulierendes-Hormon ist viel zu hoch, und Ihr Anti-Müller-Hormon zu niedrig. FSH und AMH. Ganz fürchterlich. Eins zu hoch und das andere zu niedrig. Wie bei einer Mittvierzigerin. Da bekomme ich nie vernünftige Eizellen, da kann ich noch so viel stimulieren. Gehen sie nach Spanien, hier ist eine Adresse, eine sehr gute Adresse, so glauben Sie mir doch. Die finden eine schöne Eizellspenderin für Sie, vielleicht eine Zahnmedizinstudentin aus Rumänien, na, das wäre doch etwas. Nun weinen Sie mal nicht so. Hier sind meine Kleenex. Stellen Sie sich doch vor, wie es für Ihren Mann wäre, wenn Sie auf eine Samenspende angewiesen wären. Der hätte gar keine Beziehung zum Kind. Sie tragen es wenigsten aus. Ein Kind zu machen, das ist sehr wichtig. Vielleicht tauschen Sie sogar ein bisschen Blut aus, so genau weiß man das doch alles gar nicht. Ich hätte eine kürzere Ausbildung machen sollen, dann wäre mir das nicht passiert. Grundschullehrerin vielleicht. Mit Sechsundzwanzig im Beruf. Dann hätte ich jetzt Kinder. Wahrscheinlich wäre ich getrennt, bei den Männern, die ich mir in den Zwanzigern angelacht habe, aber wenigstens hätte ich jetzt Kinder. Die könnte ich dann mit Sebastian großziehen. Macht doch nichts. Eine kleine Patchworkfamilie.

Bonjour Julia.

Salut Elise. Da geht sie, die Assistentin vom Nachbarlabor, hoch kompetent, immer in eleganten, konservativen Pumps, seit Jahrzehnten im Institut. Drei Kinder.

Bonjour Monsieur Mergui.

Bonjour Madame. Wie heißt sie noch, die Wärterin? Ach ja, Céline. Und da vorne geht dieser Letelier, der arrogante Pinsel. Der hat mich nicht mehr gegrüßt, seit sie den zum Forschungsdirektor gemacht haben, weil sein Doktorvater die Treppe hoch gefallen ist und in den Institutsvorstand gewählt wurde. Das ist siebzehn Jahre her. Siebzehn Jahre. Dabei hat sein Doktorvater die Stelle nur bekommen, weil dieser Loeb plötzlich an einem Hirnschlag gestorben ist und die sich auf keinen anderen Kandidaten einigen konnten. Siebzehn Jahre lang hat der mich nicht mehr gegrüßt. Und als Doktoranden haben wir am gleichen Forschungsprojekt gearbeitet, sind sogar zusammen Bier trinken gegangen. Der hat gar keinen Grund so arrogant zu sein, dieser Letelier. Einfältiger Pinsel. Ein absolut durchschnittlicher Wissenschaftler. Ich habe meine Veröffentlichungen doppelt so gut platziert wie er. Aber wenn sie dich einmal in diese Position befördert haben, dann bist du unanfechtbar. Und wenn du es bis 48 nicht geschafft hast, dann bleibst du unsichtbar bis zur Pensionierung, so wie ich. Unsichtbar. Die grüßen mich nicht einmal. Der Letelier, der hat ein schönes Haus in der feinsten Vorstadt, verkehrt in der vornehmen Gesellschaft, wird überall als großer Wissenschaftler umworben, und wir sind immer noch im Süden, in dem kleinen Reihenhaus. Ich bin der liebenswürdig trottelige Forscher mit den verschlissenen Anzügen, der nie aus seinem verstaubten Labor herauskommt, außer wenn er mal am Sonntag seinen Rasen mäht, sich dabei selbstverständlich die Finger quetscht. Natürlich! Ansonsten: unsichtbar. Weil ich die Beförderungshürden nicht genommen habe. Die Kollegen nehmen mich nicht einmal wahr. Na ja, diese Deutsche da, die vielleicht. Bonjour Julia. Hat ja auch keine Ahnung davon, wie das hier läuft.

Guten Morgen Philippe. Philippe Mergui. Ja, die Welt ist ein Jammertal. Die Forschung erfüllt uns nicht. Aber wie gut du es hast, mit deinen vier Kindern, das merkst du gar nicht. Eines fröhlicher und begabter als das andere, doch so ist das im Leben, das Glück das wir haben, nehmen wir nicht wahr. Ich kann mich auch nicht darüber freuen, dass ich anders als meine Freundin Monika nicht mit 28 elendiglich an einem Tumor verreckt bin. Ich weiß, ich müsste mich freuen. Kann aber nicht. Stecke in meiner eigenen armseligen Haut, mit meinen eigenen jämmerlichen Problemen. Kein Blick mehr für das große Ganze.

Bonjour Mademoiselle.

Bonjour Madame. Die ist wirklich nett, diese Empfangsdame. Die sind alle so freundlich hier. Da muss man sich ja auch gut fühlen, wenn man einen Job in einem so berühmten Institut hat. Toll! Ich bin so froh, dass Jean-Luc mir dieses Praktikum vermittelt hat. Was für ein Glück. Als Studentin von einer Provinzuni. Was ich hier alles lerne! Die sind alle so kompetent hier. Ach, guck und da vorne ist Monsieur Mergui aus dem Labor nebenan. Der hat mir seine Forschung erklärt, das war vielleicht interessant. Mensch, wenn ich doch mein Studium und meine Promotion richtig gut hinbekommen und auch einen so tollen Job finden könnte. Guck, jetzt hat er doch zurück gegrüßt. Ein bisschen zurückhaltend, aber der ist bestimmt in Gedanken bei seiner Forschung. Ach, sind die nett hier, ich freue mich schon auf die Versuche im Labor. Die Laborassistentin hat mir versprochen, mir ein bisschen zu helfen. Die ist sehr erfahren. So tolle Forschung. So viele begabte Leute. Was für ein Glück, hier zu sein! Wenn ich hier doch später mal landen könnte.

Da haben wir ein noch ganz junges Ding. Strahlt. Ist glücklich. Jung und glücklich. Warum auch nicht? Hat noch alle Chancen auf eine Familie. Aber daran denkt sie jetzt gar nicht. Sie denkt daran, was sie hier alles lernen kann, an ihre Doktorarbeit. Sie fragt sich, welche Abenteuer um die nächste Ecke auf sie warten, malt sich ihre nächste Reise mit dem Rucksack aus und träumt von dem Doktoranden, den sie neulich im Labor kennen gelernt hat. Mit dem geht sie wahrscheinlich demnächst ein Bier trinken. Sie denkt an all die Chancen und Möglichkeiten, die sich ihr bieten, sie fühlt sich, als läge ihr die Welt zu Füßen. Sie ahnt nicht einmal, was ihr blüht, später, wenn sie ein paar Chancen ergriffen hat, andere hat ziehen lassen, und sich schließlich umblickt und feststellt, dass sie schlecht beraten war, dass ihr ihre leichtfertigen Entscheidungen das Genick gebrochen haben. Noch während sie ihre Wunden leckt, schließen sich weitere Türen, eine nach der anderen. Sie merkt es gar nicht. Und was für eine Lüge, dass sich gleichzeitig irgendetwas anderes öffnet!

Bonjour Vanessa. Mein Gott sieht die heute wieder blass aus, das arme Ding.

Bonjour Céline. Ja, ich weiß, was du denkst. Die muss sich mal ausruhen, denkst du. Die muss mal in den Urlaub. Sechzehn Stunden gestern, sechzehn Stunden! Von acht Uhr früh bis Mitternacht, und nicht der Hauch eines brauchbaren Ergebnisses. Ich wollte heute wieder um acht Uhr kommen, doch es ging nicht. Am Bett festgenagelt. Ich muss aber weitermachen. Es muss weitergehen. Ich muss noch hartnäckiger werden. Ich brauche interessante Ergebnisse. Ich brauche die feste Stelle. Ich muss weiter machen. Mit noch mehr Biss. Wenn ich keine interessanten Ergebnisse bekomme, waren drei Jahre Arbeit für die Katz. Und ich brauche jetzt endlich mal eine Veröffentlichung in einer Spitzenfachzeitschrift. Sonst bekomme ich die feste Stelle nicht. Und wenn ich die nicht bald bekomme, bin ich raus. Ich liebe die Wissenschaft. Ich bin Biologin, was sonst? Nach fünfzehn Jahren Biologiestudium, Biologiepromotion, Biologieforschung. Was soll ich denn anfangen sonst? Diese Amerikanerin macht mich nervös. Diese hypereffiziente, nur auf ein Ziel fixierte Assistenzprofessorin an der Boston University. Arbeitet genau an meinem Thema. Wenn die meine Hypothese eher belegt als ich, bin ich geliefert. Drei Jahre Arbeit für die Katz und keine Zukunftsaussichten. Was soll ich denn anfangen, wenn ich nicht weiter als Biologin arbeiten kann? Diese Schlange. Natürlich denkt die nur an ihre Forschung, an ihren eigenen Vorteil. Und ich erkläre der auf der Konferenz in Venedig auch noch meine Ergebnisse im Detail. Völlig naiv. Hab mich wohl geschmeichelt gefühlt, als sie mir zu meinem tollen Vortrag gratuliert hat. Danach hat sie mir mit ihrer Fragerei alle Einzelheiten aus der Nase gezogen. Das kann sie jetzt schön für ihre eigene Forschung benutzen.

Bonjour Madame la Directrice.

Bonjour Céline, geht es Ihnen gut? Jetzt muss ich mich aber wirklich beeilen, in fünf Minuten fängt diese Direktoriumssitzung an. Die streichen uns schon wieder öffentliche Forschungsgelder. Und jetzt müssen sie noch all diese Banken retten. Auf den Staat können wir uns nicht mehr verlassen. Wir müssen an die Gelder der Reichen ran, an die Stiftungen, die Steuersparmodelle. Das sind die einzigen, die noch Geld haben. Die schwimmen im Geld. Wissen gar nicht, wohin damit. Das retten die auch über diese Krise. Da müssen wir ran. Nur weiß bei uns niemand, wie man die anzapft. Bonjour Vanessa. Mein Gott, wie blass und schmal die geworden ist. Wie geht es Ihnen? All diese begabten jungen Forscher, die sich hier kaputt machen, weil wir ihnen keine ordentlichen Arbeitsbedingungen mehr bieten. Wir brauchen mehr Geld.

Ach, Madame la Directrice. Gott, was hat die schon wieder für ein Tempo drauf. Bonjour Nathalie. Ja, danke, gut. Ich weiß auch, dass ich wie durch den Fleischwolf gedreht aussehe. Trotzdem toll diese Frau. Kompetent und dynamisch. Die einzige von all diesen verstaubten Direktoren, die sich dafür interessiert, wie sie die jungen Forscher finanzieren und fördern kann. Hat mir auch mit dieser Gates-Sache geholfen, Madame la Directrice. Das war toll. Aber letztlich hilft das alles nicht, wenn ich daraus keine guten Veröffentlichungen mache. Ich muss hartnäckig sein. Und ich darf mich von dieser Amerikanerin nicht abdrängeln lassen.

Vanessa hat doch vor einem halben Jahr erst ein großes Forschungsstipendium von der Bill-und-Melissa-Gates-Stiftung gewonnen. Da müssen wir ran. Solche Leute brauchen wir. So, jetzt noch schnell im Slalom an all diesen Leuten vorbei. Mein Gott, haben die alle eine Zeit. So komme ich nie rechtzeitig zur Besprechung. Vielleicht sollte ich mal mit Vanessa und ein paar anderen jüngeren Forschern Mittagessen gehen. Diese prekären Mitarbeiter, die das Geld für ihre eigenen Stellen eintreiben müssen, die wissen viel besser als die Quasi-Beamten in gehobener Position wie man das anpackt mit dem Werben von Drittmitteln. Viel besser als wir.

Die Postdoc-Frau, die mich gerade überholt hat – Name vergessen. Immer gestresst. Hat noch kein Kind. Dafür hat die sich viel zu sehr in ihre Forschung verbissen. Früher habe ich das auch so ernst genommen. Als ich noch nicht wusste, dass ich damit meine Familie an den Teufel verkaufe. Die bekommt aber noch eine. Beruhigt sich, bekommt ein Kind. Ach eins, was sage ich, drei. Ist ja schließlich Französin.

Ich muss am Ball bleiben. Nach all diesem Theater, um Forschungsgelder einzuwerben. Da muss etwas dabei herauskommen.

Und da haben wir. Madame la Directrice. Bonjour Nathalie. Immer eilig. Tolle Karriere. Zwei Kinder.

Ich darf mich von dieser oberzielstrebigen Amerikanerin nicht abdrängeln lassen. Ich muss mich noch mehr anstrengen.

Klipp, klapp, tagein, tagaus, klipp, klapp. Immer das Gleiche. Nette Kollegen, nette Arbeit, nettes Gehalt. Klipp, klapp.

Der trottelige Wissenschaftler mit dem verschlissenen Anzug. Für immer. Unsichtbar.

Klipp, klapp. Keine Risiken eingegangen, keine Chancen ergriffen. Immer im gleichen langen, ruhigen Fluss mitgeschwommen.

Tolles Forschungsinstitut hier.

Klipp, klapp, klipp, klapp. Tagaus, tagein. Klipp, klapp.

Laborgespenster

Das Institutsgelände war ein beeindruckendes Zeugnis französischer Architekturgeschichte. Den roten Backsteinbauten mit ihrer schlichten Eleganz aus der Gründungszeit des Instituts waren in fast jedem Jahrzehnt neue Gebäude hinzugefügt worden und so fand man bauhausartige Nüchternheit neben asymmetrischen Abenteuern aus den achtziger Jahren und den luftigen Glasbauten der Neunziger. Dazwischen erstreckten sich großzügige Rasenflächen. Vor einem der Gebäude war eine lange Tafel mit weißer Tischdecke aufgebaut. Vermutlich verabschiedete sich heute einmal wieder einer der zahlreichen ausländischen Gastwissenschaftler von seinen Kollegen mit einem Umtrunk.

Als Julia vor Jahren zum ersten Mal als Doktorandin am Institut zu Gast gewesen war, hatten die jüngeren Wissenschaftler solche Gelegenheiten gerne ergriffen, um wilde Gelage zu veranstalten. Julia hatte damals nicht nur einmal bis morgens um fünf auf den Dächern der Institutsgebäude mit Franzosen, Russen, Amerikanern, Japanern und Chilenen getanzt. Inzwischen schien ein Umtrunk einfach ein Umtrunk zu bleiben. Entweder die jungen Studenten waren sehr seriös geworden oder sie feierten zuhause, fernab vom Druck der Laborergebnisse, Doktorarbeiten und Veröffentlichungen. Obwohl Julia es immer als sehr befreiend empfunden hatte, auf dem Dach des Instituts zu tanzen. Es war wie eine Art Exorzismus, die Forschung buchstäblich mit den Füßen zu treten.

„Salut Sandrine!“ begrüßte Julia die technische Assistentin, als sie in das Labor kam. Sandrine, eine rundliche, gut gelaunte Brünette, war wie fast jeden Morgen gut eine Stunde vor ihr im Institut angekommen, um die Parasitenkulturen vorzubereiten. Julias Untersuchungen konnten damit reibungslos beginnen. Sandrine war eine wahre Perle. Sie hatte fast dreißig Jahre Laborerfahrung und Julia hatte noch nie mit jemandem zusammengearbeitet, der ihr die Arbeit so sehr erleichterte. Ihr Berliner Institut stellte für die technische Assistenz Studenten zu Niedriglöhnen ein. Die waren zwar oft hochmotiviert, aber Sandrines Erfahrung konnten sie nicht mitbringen. Leider war Sandrine auch in ihrem französischen Institut eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Die Zeiten, als alle Mitarbeiter von der Putzfrau bis zum Direktor ihr gesamtes Berufsleben lang Institutsmitglieder und stolz darauf gewesen waren, gehörten längst der Vergangenheit an. Die Reinigungsarbeiten waren an ein externes Unternehmen ausgelagert, Studenten ersetzten die technischen Assistenten und die jüngeren Forscher hangelten sich von einem Jahresvertrag zum nächsten, wenn ihre Verträge überhaupt auf ein Jahr angelegt waren. Die älteren Institutsmitglieder behaupteten steif und fest, dass selbst das Essen in der Kantine früher um Klassen besser gewesen sei.

Bald dreißig Jahre Berufserfahrung hatten Sandrine nicht nur zu einer erstklassigen Laborkraft gemacht, sie hätte auch gut als Chronistin des Instituts getaugt. Sie hatte alle Wendungen des Wandels vom Elfenbeinturm der Geschützten und Privilegierten zur ergebnisorientierten Forschungsfabrik miterlebt, kannte jeden Machtkampf und jede Eifersüchtelei zwischen den Alphatieren des Instituts, den Forschungsgruppenleitern, den Direktoren und denen, dies es gerne geworden wären. Sie hatte die Triumphe der einen miterlebt und die Enttäuschungen der anderen. Sie war Zeugin dramatischer Wendungen beim Wechsel der Institutsleitung gewesen, wenn die aussichtsreichsten Karrieren plötzlich ein abruptes Ende nahmen, während längst als zweitrangig eingestufte Forscher aus bis dahin von der allgemeinen Aufmerksamkeit völlig abgeschiedenen Labors auf einmal ihren Stern in neuem Glanz erstrahlen sahen. Sie kannte die geheimen Liebesaffären, die gebrochenen Herzen und die Fälle von sexueller Belästigung. Sie wusste um unzählige Geschichten von gescheiterten Laufbahnen und abgebrochenen Doktorarbeiten, die manchmal in ein zufriedenes, oft sogar erfolgreiches Leben mündeten, manchmal mit beruflichem oder persönlichem Niedergang endeten.

Vor einigen Jahren hatte sich eine Doktorandin nach einem vernichtenden Urteil ihres Betreuers vom Dach eines der Institutsgebäude gestürzt. Als wenn die einschneidenden Ereignisse am Institut sie mit magischer Kraft anzögen, war es Sandrine gewesen, die den Körper am nächsten Morgen fand. Die Erinnerung an den zerschmetterten Schädel der jungen Forscherin würde sie sicher bis weit über die Pensionierung hinaus verfolgen.

Sie war in die persönlichen Probleme der Mitarbeiter in den Kantinen eingeweiht und in die Freundschaften und Abneigungen zwischen technischen Assistenten. Sie wusste, wer von ihnen morgens gerne zur Arbeit kam, und wem die Zusammenarbeit mit den Kollegen solche Magenschmerzen bereitete, dass die Aussicht auf Frühverrentung der einzige Hoffnungsschimmer war.

Julia hatte keine Ahnung, bei welcher Gelegenheit Sandrine all dieses Wissen ansammeln konnte. Abgesehen von der Mittagspause und einem gelegentlichen Schwätzchen in der Teeküche schien sie den ganzen Tag im Labor auf ihre Arbeit konzentriert zu sein.

„Was gibt es Neues?“ fragte Julia.