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Die Anthologie "Stadtwerwolf - Tod oder Geschichte" ist ein Buch des Dichters MBHM. Ein Sammelband, das neben interessanten Kurzgeschichten über Liebe, Obdachlosigkeit, Lebenslust, Weihnachten, Außerirdische oder Waffen in den Händen von Kindern auch eine Reihe von Gedichten wiedergibt, die den Zeitgeist unserer heutigen Realität treffen.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Tod oder Geschichte
Prolog:
Ein Abtrünniger aus eurer Stadt gesteht:
Bei Vollmond unterm Sternenhimmel,
reite ich durch die Nacht.
Ein Ungeheuer,
und doch ein silberner Schimmel.
So tanze ich
vierwöchentlich
im glitzernden, nächtlichen Schattenkleid
ganz abenteuerlich
den Sternenlicht Walzer.
Ich, ein für die Menschheit unmögliches Wesen, etwas, das die reale Welt sich nicht eingesteht, entblöße mich trotzdem auf Teufel hinaus euch Menschen: Im realen Leben stehe ich als Angestellter dar, doch ich bin tatsächlich auch – so glaubt es doch - der Werwolf in eurer Stadt! Gelegentlich sogar ein heroischer Schimmel, ja ich bin ein Fabelwesen … aber auch ein gezähmtes Monster, denn um als Ungeheuer nicht ständig von der Menschheit gejagt und vielleicht sogar getötet zu werden, habe ich meine wilde Werwolfnatur verwandelt. Eine wilde Natur, die meine seltenen Artgenossen bei Vollmond zur Menschenjagt verleitet. Es kostete mich einige Mühe, doch ich habe es geschafft. Trotz dessen jage ich noch immer Menschen. Der urgewaltige Vollmond zwingt mich einfach dazu. Ich muss hinaus auf die Jagd, doch die Mordgier in mir ist besiegt, wenn ich es schaffe, einen Menschen unter Todesangst dazu zu bringen, mir eine Story, ja eine Geschichte seines Lebens zu erzählen.
Weil ich mich auf diese Weise gezähmt habe, bin ich in der Unterwelt verstoßen. Ich gelte dort als ein Abtrünniger, der zu viel Gewissen hat und deshalb nicht zerfleischen und zerfetzen kann. Ich konnte mich halt noch nie mit diesem Menschenfressen anfreunden. Deshalb verließ ich die Unterwelt und weile seitdem als Werwolf unentdeckt unter euch Menschen. Doch wenn das Jagdfieber bei Vollmond kommt, muss ich wie jeder Werwolf trotzdem noch immer hinaus in die Nacht, ich kann gegen diese naturgemäße Neigung einfach nichts tun. Aber, obwohl ich mein klaffendes Maul regelmäßig um die Kehlen meiner Opfer lege, ich schwöre, ich beiße keine Menschen. Wenn ich also bei Vollmond durch die Straßen streife und mir meine Opfer aussuche, bin ich nicht auf deren Leben aus, sondern nur noch auf die Geschichten, die sie zu erzählen haben. Ein Kompromiss, den ich finden konnte, und er wirkt, meine fürchterliche, abscheuliche Fressnatur zeigt sich deshalb nicht mehr.
Habe ich mir dann ein Opfer ausgesucht, geht es auf die Pirsch und wenn ich sie gestellt habe, sie in meine Falle sitzen und nicht mehr weg können, schlag ich ganz gemäß meiner Natur gnadenlos zu. Jedes Opfer denkt dann, na ja fast jedes Opfer, nun ist es vorbei mit dem Leben. Und spüre ich in diesem Augenblick ihre Todesangst, besänftigt sich schon zum größten Teil meine Fressgier. Mit dem klaffenden Maul an der Kehle meiner Opfer stelle sie so dann noch vor die Wahl. „Tod oder Geschichte!“, heißt es dann bei mir, damit die Todesangst meiner Opfer anhält und ich – gemein wie ich gewissermaßen sein muss – den Augenblick durchaus genießen kann.
Ich gestehe der Menschheit also nicht nur ein abtrünniger Werwolf zu sein, sondern ich bin in gewisser Hinsicht auch noch ein wenig sadistisch und ich bin letztendlich obendrein auch wohl ein Geschichtendieb. Aber was soll ich machen, es ist meine Natur, wenn der Vollmond scheint, packt mich das Jagdfieber und ich muss hinaus in die Stadt.
gez.: Ein gezähmter Werwolf
Kapitel 1 – Der abgewrackte Dichter
Werwolf: Die erste Geschichte, die ich nötigender Weise durch meine wilde Natur aus eins meiner Opfer herauspresste und die ich in diesem Buch zusammengefasst habe, handelt von einem abgewracktem Dichter. Einem Dichter, der vor mir damals ein sagenhaftes Geständnis ablegte. Aus Todesangst erzählte er im fließenden Deutsch und in dichterischen Reimen sein Erlebnis über eine große Liebe, die ihn doch verlassen hatte. Er wollte wohl Mitleid damit bei mir erregen. So feilschte er um sein Leben.
Diesen Mann selbst, diesen Dichter, hatte ich zum ersten Mal gesehen, als ich wie ein gewöhnlicher Mensch durch die Straßen striff. Dabei fiel mir dieser kleine, wuchtige Kerl auf, der einer Prostituierten 50 Dollar gab und dann mit ihr durch die Stadt strich. Wie der Zufall es wollte, stand ein paar Tage später wieder ein Zyklus an, der Vollmond erwachte und als ich hinauszog, um Beute zu machen, kam es dazu, dass ich kurz nach Mitternacht diesen einsamen Dichterwolf wiedersah. Er kam aus einer kleinen Eckkneipe, mit Spazierstock und Hut und war wohl auf den Heimweg. Somit stand für mich an diesem Abend fest: Ich hatte mein Opfer gefunden! Dass mein Opfer ein Dichter war, erfuhr ich jedoch erst später, nämlich nachdem ich ihn gestellt hatte. Als ich ihn dann vor die Wahl stellte: „Tod oder Geschichte!“, wirkte er erst wie eine Marmorstatue, die nicht richtig verstanden hatte, was ich oft an meinen Opfern beobachte, doch als ich ihm dann seine Situation erklärte und er kapierte, mich also in seine Realität mit aufnahm, da glänzte er plötzlich wie ein kleiner Teufel.
„Eine Geschichte soll ich erzählen? Ja welche denn?“, antwortete er nach meinen barschen Worten.
Ich überlegte und sagte: „Du kannst dein Leben retten, indem du mir mit deiner Erzählung ein Geheimnis von dir verrätst!“
Er überlegte einen Augenblick und brachte dann hervor: „Ich hab vor kurzem erst ein kleines Erlebnis gehabt, dass ich dir erzählen könnte!“, und als ich nickte, war er kurz darauf relativ unerschrocken. Trotzdem zitterte er noch vor Angst. Vorsichtig brachte er als Ich-Erzähler den Titel Der verliebte Dichter hervorund begann damit: Weiß du, Werwolf, ich bin ein Dichter und habe eine andere Einstellung zum Leben, denn ich meine … und dann erzählte er:
Ein wenig gleichen Menschen Robotern am Fließband. Morgens schmieren sie ihre Energiezellen mit Kaffee, langsam in Fahrt kommend beginnen sie den Tag, frühstücken maschinell, duschen monoton, mechanisch machen sie die Kinder für die Schule fertig, stürmen automatisiert zur Arbeit, um monoton pünktlich Feierabend zu machen. Der Tagesablauf ist ein einziges Schema-F, Kohle muss halt ran, sonst gibt’s kein Futter auf den Tisch. Mein Tag, Herr Werwolf, beginnt daher ganz anders. Er beginnt mit dem Ausschlafen, mit ner kühlen, ausgiebigen Dusche und nem Spaziergang über den Rotlicht-Boulevard.
Oh, das Leben ist wie ein Pfad, reimte der Dichter,
zwischen Leben und Tod!
Ein Schicksalsgrad,
den wir erklimmen,
um dasselbige zu bestimmen.
Nach diesem kleinen Gedicht stoppte der Dichter einen Augenblick, er versuchte zu erhaschen ob ich zufrieden war. Als er dies erkannte, denn ich nickte ihm aufmunternd zu, erzählte er mir seine Geschichte und ich, der Werwolf, hörte ihm zu. Ich stand dabei im Schatten einer kleinen Gasse mit dem Rücken an der Wand, während der Dichter auflebte und berichtete:
Dichter: Ich hatte bei einem dieser morgendlichen Spaziergänge eine Dimitria kennengelernt. Sie stand damals in blauen Pumps auf dem Bürgersteig vor ihrem Bordell, das an einer Straßenecke lag. Sie war schlank, hatte zartgliedrige Hände, ihr Haar war wellig und gebleicht, ihre Wimpern schwarz wie Ruß und ihre Lippen waren rot wie Wein.
Sie stand an jenem Tag, von dem ich berichten möchte, einem Dienstag, allein vor ihrem Bordell auf dem Bürgersteig. Ihren Zuhälter hatte ich in der ganzen Zeit noch nicht einmal gesehen, obwohl ich eigentlich seit ein paar Wochen auf ihn wartete. Er hieß Sven, wusste ich, mehr wusste ich nicht. So ging ich an diesem Dienstag, nachdem ich ein paar Minuten nach Sven Ausschau gehalten hatte, zu ihr hinüber.
Als ich vor ihr stand und sie mich erkannte, blickte sie sich vorsichtig um, doch niemand aus der Szene ahnte, dass zwischen uns etwas Besonderes lief, für den Türsteher ihrer Bar war ich ein früher Freier.
Dimitria hatte ich zum ersten Mal an einem Sonntagmorgen aufgegabelt, und ich lud sie damals ein mit mir spazieren zu gehen. Das hat mich 50 Lappen gekostet, doch das war das einzige Mal, dass ich ihr Schotter gab, denn seit diesem Sonntag waren wir ein Paar.
Da wir immer auf der Hut sein mussten, gaben wir uns am besagten Dienstag nur freudig die Hand. Dabei übergab ich ihr, sichtbar für jedermann, nen Fünfziger, den ich aber später von ihr zurückbekam.
So machten wir es seit Monaten. Wir schliefen nicht immer zusammen, meistens gingen wir nur schlendernd durch die Stadt, frühstückten zusammen und plauderten über das Leben. Dabei spekulierten wir oft darüber, wie ich Dimitria aus den Fängen ihres Zuhälters entreißen könnte, oft aber genossen wir die Freiheit pur und lästerten über die Menschen und Touristen, die sich das Schöne nur leisten können, wenn se Kohle hinblättern. Mir scheint manchmal, die Menschen leiden alle an Phantasielosigkeit. Mir scheint, sie haben zwar graue Zellen, doch die sind polarisiert auf Luxus und Prunk, auf Elektronikschrott und stylische Frisuren, denn jeder hat eine teure Haarpracht, die ihn glänzen lässt.
Somit genossen Dimitria und ich an jenem Dienstag einfach nur die Einkaufspassagen in der Fußgängerzone, sahen uns die Schaufensterpuppen an, den Glitzer und Glamour der Großstadt. An einer Boutique blieben wir stehen. Im Schaufenster sahen wir ein Negligé und sexy Dessous. Sie passten zu Dimitrias weicher Haut, sodass wir uns entschieden, in die Boutique zu gehen. Drinnen war großer Betrieb, ungewöhnlich für eine Boutique, doch uns kam das ganz gelegen, waren wir doch so weitestgehend unbeobachtet. Zusammen suchten wir uns die passenden Dessous aus. Dazu das Negligé, womit wir uns zur Umkleidekabine schoben.
Während Dimitria sich umzog, setzte ich mich auf einen ledernen Hocker und wartete, bis sie mich zum Begutachten herrief. Einen Augenblick betrachtete ich die Menschen. Sie kreisten umher, wühlten in der Wäsche, tratschten, ließen sich beraten, grübelten über den Preis, um sich dann doch wieder anders zu entscheiden. Es war ein einziges Hin-und-her zwischen Haben-wollen und Nicht-zahlen-können, während die Verkäuferin versuchte Vogelscheuchen in Kleider zu stecken, die nicht passten und zu teuer waren.
Einen Augenblick später blickte Dimitria aus der Umkleidekabine. Es war nur ihr Kopf zu sehen, alles andere war vom Vorhang der Umkleidekabine bedeckt. Sie blinzelte mir zu, um mir zu signalisieren, dass ich kommen konnte.
Elektrisiert von dem was ich sehen würde, erhob ich mich und lugte Augenblicke später in die Umkleidekabine. Dimitria steckte in roten, durchsichtigen Dessous, dazu trug sie das Negligé. Das Negligé war ihr jedoch zu lang.
„Und?“, flüsterte sie fragend, „Wie findest du es! Mir gefällt es ganz gut. Fühlt sich auch gut an.“
Mit heißen Augen musterte ich sie. Ich wusste bereits, dass sie nur auf ganz ehrliche Antworten reagierte, so sagte ich:
„Du bist eine ganz scharfe Braut, aber das Negligé? - Es ist einfach zu lang.“
Ihre Augen weiteten sich, sie blickte an sich hinunter, zupfte am Negligé.
„Hm!“, murmelte sie, „mir gefällt es, aber wenn es dir nicht gefällt, ist es nicht das Richtige.“
Seicht schob ich daraufhin meine Hand in ihren Nacken, zog sie zu mich heran und küsste sie. Heiß loderte die Liebe in meinem Körper, doch gleichzeitig erinnerten wir uns beide an einen unserer ersten Tage, an dem wir es ungestüm in einer Umkleidekabine getrieben hatten, jedoch erwischt worden waren.
In unseren Augen sahen wir beide dieselbe Erinnerung. Ohne ein Wort verstanden wir uns. - Ich verzog mich wieder auf den ledernen Hocker, während Dimitria sich wieder ankleidete.
Als wir aus der Boutique kamen, schlenderten wir eng umschlugen durch die Einkaufspassage, zurück in die Fußgängerzone. Dort angekommen, schauten wir uns nach einem Kaffee um, als ich plötzlich eine grobe, raue Hand im Nacken spürte.
„Du scheiß Kaputtnick hast zu zahlen wie jeder andere auch!“, zischte mir jemand ins Ohr und als ich mich umdrehte, stand ein Specknackentyp vor mir. An seinem Hals hatte er ein Spinnentattoo. Muskulöse, tätowierte Arme hingen an ihm herab, der Brustkorb war breit, sein Gesicht braugebrannt und brutal, sein Atem roch nach fauligem Whisky. Es war Dimitrias Zuhälter Sven.
„Sven! Spinnst du jetzt! Er zahlt doch!“, verteidigte sich Dimitria, „Quatsch nicht rum! Ich bin euch gefolgt und hab gesehen, wie du ihm den Fuffziger zurückgegeben hast!“, brüllte Sven zurück, dabei hielt er mich immer noch im Nacken fest.
Eine Beziehung mit einer Prostituierten, die es einem umsonst macht, steckt voller Probleme. Das wusste ich von Beginn an. Doch ich kenne auch die Gesetze der Straße. Dort galt, dass man Prostituierte nicht nur für Sex mieten, sondern auch komplett kaufen kann. Ich hatte mir deswegen immer einen verwegenen Plan zurechtgelegt, von dem ich Dimitria nie erzählt hatte. Ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem Ihr Zuhälter uns erwischen würde. Darauf hatte ich mich vorbereitet. Nun schien der Augenblick gekommen zu sein, meinen Plan umzusetzen. Den Kies dafür hatte ich kurzerhand besorgt, indem ich in vier Nächten durch offene Fenster geklettert war. Ich hatte Türen aufgebrochen und oberdreist vier Tresore mit einem leistungsfähigen Trennschleifer geknackt. Insgesamt hatte ich so 15000 Scheine zusammengekratzt, die ich in einem ledernen Etui aufbewahrte und seitdem immer beim mir trug.
Moralisch ist das natürlich nicht einwandfrei. Kindern darf man so etwas wohl nicht erzählen. Zuhälter Sven hatte mich also gleich erkannt, ich war – wie er’s gesagt hatte - ein Kaputtnick. Doch halte dir Werwolf einmal die Realität vor Augen. Dimitria ist Bulgarin. Sie ist aus einem Land geflohen, in dem sie keine Zukunft hatte. Als Illegale ist sie in die Fänge von Sven geraten, der ihr zu einer Wohnung verhalf, indem er sie unter Androhung von Gewalt auf den Strich schickte. Katastrophal daran ist, dass alle Behörden in unserem Land von solchen Schicksalen wissen. Doch weder Polizei, noch irgendein Richter, Sozialarbeiter oder eine Frauenrechtlerin befreien diese Frauen aus ihrer Zwangslage. Also was blieb mir da großartig übrig? Ich hatte mich jedenfalls schon nach wenigen Kennlerntagen für die Prosituierten-Kauf-Variante entschieden und war für meine Geliebte stehlen gegangen.
Mutig und hartgesotten ging ich daher ganz gelassen mit der Seven-Situation um.
Als erstes befreite ich mich von dem Nackengriff. Die Leichtigkeit, mit der ich das schaffte, schien Sven erst zu verärgern, dann jedoch zu imponieren.
Daraufhin sagte ich: „Nun bleibt mal ganz cool Alter! Ich hab ja auf dich gewartet! Ich will sie dir nämlich abkaufen. Also bleib ganz locker!“, dabei sah ich zuerst zu Dimitria, der ich kess zuzwinkerte, danach richtete ich meinen Blick auf Sven, der irgendwie amüsiert, aber auch völlig verdattert dastand.
„Das kannst du dir gar nicht leisten!“, gab er einen Augenblick später von sich, doch ich zog mein ledernes Etui hervor.
„Ich kann und hab die Kohle sogar dabei! Also lass uns die Sache wie Gentlemans über die Bühne bringen.“
Das dicke Etui, in dem die Scheine glänzten, zeigte seine Wirkung. Sven zog eine Augenbraue in die Höhe und Dimitria fiel für einen Augenblick der Mund auf.
Dann übernahm ich das Geschehen. Zumindest glaubte ich das.
„Kommt! Wir gehen da ins Café und bringen die Sache hinter uns!“, sagte ich, hackte mich bei Dimitria ein und ließ Sven den Vortritt. Nach einigem Zögern ging er voran.
Im Café setzten wir uns an einen der hinteren Tische und es begann sogar sowas wie ein Gespräch. Zwischendurch musste ich Sven zwar damit drohen, sein Bordell abzufackeln, aber letztendlich drängte ich die ganze Zeit darauf alles so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Am Ende waren wir auch einig. Ich musste die ganzen 15000 Lappen abdrücken.
Als Sven das Geld in der Hand hatte, wand er sich noch einmal zu Dimitria.
„Warum hast du denn nicht gesagt, dass du einen solchen Gentleman kennengelernt hast?“, fragte er sie und Dimitria, charmant wie sie es sein konnte, antwortete mit gezüngelter Schüchternheit: „Ich wusste nicht wie ich es dir sagen soll, denn du hast ja schließlich mal gesagt, dass du mich liebst.“
So übernahm ich an diesem Dienstag für ein paar Minuten die Herrschaft über Dimitria. Es war ein sagenhaftes Gefühl. Zum einen hatte ich nun, wie ein Zuhälter, die Macht über Dimitria, zum anderen spürte ich die Liebe in mir, die mir befahl, ihr nur Gutes zu tun, sie zu beschützen und zu ehren wie einen kostbaren Edelstein, den ich erworben hatte.
Das letzte was Sven zu Dimitria sagte war: „Du räumst die Wohnung bis heute Abend!“, woraufhin er ging. Dabei wirkte seine bullige Gestalt eher tölpelig und ungelenkig.
Mir scheinbar ganz ausgeliefert, sank Dimitria in ihren Stuhl. Sie starrte mich an.
„Und wo soll ich jetzt wohnen?“, fragte sie mich.
„Du ziehst erst mal zu mir.“
„Und dann? Ich bin illegal.“
„Deswegen müssen wir erst einmal zu den Behörden.“
„Zu den Behörden? Blödsinn! Eine Bulgarin bekommt kein Asyl.“
„Da verlasst dich man ganz auf mich. Glaub mir, ich bin Dichter, ich kann lügen, dass sich Balken biegen. Wenn ich Papierkrieg führe, gewinne ich immer!“
Ich hatte erwartet, dass Dimitria Zeit brauchte zum Überlegen, schließlich hatte ich sie in meinen Plan, sie mit Haut und Haar zu kaufen, nie eingeweiht. Doch es kam anders.
„Und nun soll ich dir gehören oder was?“, platzte sie heraus.
„Nun ja“, antwortete ich, „im Augenblick trifft das wohl zu. Aber glaube mir, ich bin nicht darauf aus dich auf den Strich zu schicken.“
„Aber du willst mich täglich ficken!“
Die Härte, die Wut, die in diesen Worten lag, traf mich wie ein Rammbock. Ich hatte mit allem gerechnet, aber das?
„Nun“, antwortete ich nach einigem Zögern, „ich dachte es würde dir Spaß machen.“
Zu meinem Entsetzen schüttelte sie mit dem Kopf. Dann gab sie mir den Rest. „Spaß? Pah! Und jetzt auch noch tagtäglich und bei dir wohnen? Ne, das will ich nicht!“
Mit offenem Mund sah ich sie an. „Naja, nein, nicht täglich …“, stammelte ich, sie unterbrach mich: „Aber machen müssen wir es, oder was?“, schrie sie und wieder: „Ne, danke, das will ich nicht!“
Mit den Worten sprang sie auf und lief davon.
„Aber, Dimitria?“, rief ich ihr hinterher, doch es waren Worte wie Nebel, der von jedem gesehen wurde, aber keine Kraft besaß.
Einige Zeit ging daraufhin gar nichts in mir vor. Mein Geist war so leer wie ein frisch geräumter Papierkorb. Keine Gedanken, keine Worte, keine Silbenfetzen in meinem Hirn. Erst nach etwa einer Stunde setzten meine Gedanken wieder ein. Zornig kritzelte ich als erstes einen kleinen Vers auf einen Bierdeckel.
Liebe ist wie Zucker oder Tran.
Mal süß, mal bitter,
mal ein Sturmgewitter.
Mal eine Illusion, mal ein irreparabler Wahn.
Ein Versprechen,
zum Zerbrechen,
eine Herzenswalze
oder einfach nur wie eklig schmeckende Salze.
Als ich die Rechnung zahlte, mit dem Fünfziger, den ich Dimitria gegeben und den sie mir immer zurückgeben hatte, erinnerte ich mich an die Nächte, in denen ich als Tresorknacker unterwegs war. Nun schüttelte ich den Kopf. Was für ein Risiko war ich im Liebeswahn nur eingegangen? Kopf und Kragen hätte mich das gekostet, wenn ich erwischt worden wäre. Und wofür? Für ein leeres Bett. Anstatt Liebe und Zweisamkeit zu ernten war nichts weiter passiert, als dass man mich um 15000 Scheine erleichtert hatte. Ich fühlte mich von einer Sekunde zur anderen arg betrogen, was einen Verdacht in mir hervorrief, den ich eiligst nachging.
Mit langen Schritten eilte ich zum Rotlicht-Boulevard. Zur Straßenecke, zum Bordell von Dimitria, doch ich fand sie nirgendswo. Ich hatte erwartet, dass ich sie dort zusammen mit Sven antraf, doch dem war nicht so, sodass ich den Verdacht verwarf, der in mir aufgekommen war. Ein Betrug, bei dem Dimitria und Sven gemeinsame Sache gemacht hatten, um mir 15000 Scheine abzuluchsen, schien mir einfach unrealistisch. Denn ich hatte niemandem von den Diebstählen berichtet. Ich hatte nie mit Geld um mich geworfen. Also woher hätten die beiden wissen können, dass ich so viel Geld auftreiben kann?
Völlig zerdroschen ging ich also an diesem Dienstag in meine Wohnung. Schrieb ein paar Gedichte, ging ein paar Ideen im Internet nach, sah abends in die Glotze und vergaß in den Tagen darauf immer mehr das Geschehene. Mir waren schon viele Missgeschicke im Leben passiert, diese Sache mit Dimitria war nicht die erste. In dem Punkte bildete ich mir in den Tagen darauf mehr und mehr ein, sie hätte es auf eigene Faust geschafft und weil ich ein Träumer bin, dachte ich gleichzeitig, sie wäre nun glücklich, schließlich hatte ich sie ja irgendwie aus den Fängen dieses Svens befreit.
Also begann ich wieder über die Menschen nachzudenken, zelebrierte im Gedanken meine sarkastische Einstellung zum Gesamten und begann nach ein paar Wochen wieder mit dem Leben, dass ich geführt hatte, nämlich das Leben als Kaputtnick. Während die Menschen morgens aufstürmten, um den Tag zu beginnen, um die Kinder in die Schule zu bringen, um Kohle ranzuholen, begann mein Tag wieder mit dem Ausschlafen, mit der kühlen Dusche und dem Spaziergang über den Rotlicht-Boulevard.
Dort sah ich sie eines Tages wieder. Sie stand an der Ecke, an der ich sie immer abgeholt hatte. Sie hatte gebleichtes Haar, ihre Füße steckten in blauen Pumps und ihre Lippen glühten feuerrot. Sie war es, ganz in ihrem Element, und neben ihr stand Sven, dem sie Geld gab. Ich konnte aus der Entfernung erkennen, dass es ein Fünfziger war. Obwohl ich mit sonnigem Gemüt aufgestanden war, verdunkelte sich an diesem Morgen der Himmel mit einem Schlag und er kam mir nicht rein und klar vor, sondern schmutzig, ja das Leben war zwischendurch so vulgär, so wie eine Prostituierte es sein kann.
Prostitution,
eine kommerzielle Institution.
Liebe für Geld
befriedigt, erschafft aber keinen Held.
Einige Zeit sah ich noch zu ihr herüber, dann schritt ich wieder tapfer und stolz dem Untergang entgegen. Denn Tatsache ist, Werwolf, dass ich ein Kaputtnick bin. Ich funktioniere nicht wie die Gesellschaft das verlangt. Da können Gesetze so viel befehlen wie sie wollen, weswegen auch feststeht: Mein Ende, mein Leben, ist im Buch des Schicksals fett gedruckt!
Werwolf: Als er am Ende seiner Geschichte angekommen war, blitzten seine Augen und er murmelte: „So jetzt weißt du’s. Ich bin ein Abtrünniger! Die Gesellschaft würde nie akzeptieren, was ich zwischendurch so tue!“, dann senkte er seinen Kopf und blickte zu Boden. Auch etwas, das ich oft beobachte, die Menschen knicken am Ende ihrer Geschichte ein, sie denken wohl, ich würde sie nun fressen. Doch da ich ja ein zarter Werwolf bin, legte ich in diesem Falle meine Pranke unter sein Kinn und hob seinen Blick, sodass er es wagte mir tief in meine glühenden, bestialischen Augen zu blicken.
„Sei nicht zu hart mir dir selbst!“, sagte ich in meiner brummigen, aus der Hölle entstammenden Stimme, „du bist nicht der einzige Abtrünnige in dieser Welt!“
Danach spürte ich mein Inneres aus. Wut glimmte kurz auf, die Fressgier kam in mir hoch, doch ich konnte diese animalische Neigung niederdrücken, woraufhin ich eine tiefe Befriedigung spürte, das Tier in mir war besänftig, das Jagdfieber besiegt. Mit großen Sätzen sprang ich davon, mit letzter Kraft schaffte ich es bis zur Straßenecke. Vor dem Blick des Dichters gerettet, wandelte sich mein Köper im Mondlichtschatten der Nacht zu meinem menschlichen Körper und kurz darauf ging ich wie ein nächtlicher Spaziergänger durch die Innenstadt und dann nach Hause.
Kapitel 2 – Der psychisch Kranke
Werwolf: Sie als Lesermüssen wissen: Ich, der abtrünnige Werwolf, lebe vier Wochen in Frieden und ihn Ruhe. Mein Dasein friste ich allerdings allein, Frau und Kinder sind bei meinem Lebensstil nicht denkbar. Doch arbeiten kann ich in diesen vier Wochen bis zum nächsten Vollmond. Der Dichter hat schließlich Recht: Kohle muss ran, sonst gibt’s kein Futter auf den Tisch.
So verbringe ich diese vier Wochen als erfolgsorientierter Bankangestellter. Ich wohne in einer vier Zimmerwohnung, ich habe sogar Freunde, doch niemand ahnt etwas von meinem Geheimnis.
Die zweite Geschichte, die ich euch erzählen möchte, stammt von einem armen Schlucker, den ich einsam wie einen getretenen Hund durch die nächtlichen Straßen ziehen sah. Dieser Mann hatte einen wohlgeformten Körper und es kostete mich einige Mühe ich zu stellen, denn er hatte mich frühzeitig erkannt und war dann auf sehr flinken Beinen davongeeilt, doch meinen Raubtiersprüngen und meiner Jagdgerissenheit war er doch erlegen.
Als ich ihn gefasst hatte, stieß er heftige Atemzüge aus, dann wollte er kreischen, doch ich hielt ihn den Mund zu und schleppte ihn in eine dunkle Ecke. Zwischen Mülltonnen standen wir, eine graue Katze zischte davon, eine leere Cola Dose schepperte, dann war ich mit meinem Opfer allein.
Als ich dann meine kräftige Pranke von seinem Gesicht nahm, holte dieser arme Schlucker wieder Luft, doch ich kam ihn zuvor und knurrte: „Sei still, oder ich fresse dich!“
Meine Worte wirkten, er schwieg, er jammerte zwar ein bisschen und fluchte dann: „Was ist das bloß für ein Leben. Immer arm, keine Chance auf Reichtum und jetzt schickt Gott mir eine Bestie, die mich zerfleischen will.“
Mich amüsierten seine Worte ein wenig, er konnte ja nicht wissen, dass ihm keinerlei Gefahr drohte. Doch ich brauchte meine Story, so zog ich ihn dich an mich heran und blickte ihn mit feurigen Augen an.
„Ja, du hast Recht, ich bin eine Bestie. Doch ich stelle dich vor die Wahl. Erzähl mir eine Geschichte, die mir gefällt, sodann lasse ich dich am leben!“
Auch er erstarrte zur Salzsäule.
„Wie? Häh? Eine Geschichte? – Ich, ich – ich kenn keine Geschichten.“
„Du hast mit Sicherheit etwas zu erzählen! Jeder kann etwas erzählen!“
„Ja, ja, das, das ich gerade erlebe!“, stammelte er.
„Das wird dir keiner glauben!“, antwortete ich ihm knurrend, „Außerdem kenne ich diese Story ja schon!“
Wir standen einen Augenblick still voreinander. „Nun“, forderte ich ihn auf, doch er begriff seine Situation noch nicht so ganz. Wieder wollte er fliehen, doch ich fasste kurz zu und grummelte: „Du träumst nicht. Du bist in der Realität. Vor dir steht wirklich ein Werwolf, der dich frisst, es sei denn du erzählst ihm eine Geschichte, die ihm gefällt.“
Einen Augenblick stand er still, dann wiederholte er sich. „Was denn für ne Geschichte?“
„Erzähl mir ein Erlebnis, dass du hattest. Da gibt es doch sicher irgendetwas Besonderes. Denn du hast eine Gabe. Dich zu verfolgen, war gar nicht so leicht.“
„Ja – nein – ich weiß nicht – doch - es gibt ein Erlebnis, dass ich mal hatte. Aber ob dir das genügt?“
„Nun, wir werden sehen!“, knurrte ich ihn an, „Ich bin ganz zuversichtlich!“ Dann setzte ich ihn auf den Boden ab und forderte ihn auf zu erzählen, was ihn in den Sinn gekommen war. Sein Abenteuer hieß Standing Ovation und durch die Angst, die ihn trieb, fing er sogleich an zu feuern, erzählte seine Ich-Erzählung mit Leidenschaft und Liebe, aber auch mit einem Gleichmut, der mir sehr gefiel.
Standing Ovation
Auch er begann seine Erzählung mit: Weiß du, Werwolf, ich war damals auch schon sehr arm und knabberte regelrecht wie eine Maus am schimmeligen Käse. Ursache dafür war mein ständiger Status Quo. Ich lebte zwar im schönen, idyllischen Hegne am Konstanzer Bodensee, wohnte aber in einer 18 Quadratmeter großen, ausgebauten Garage, in der ein Bett, ein Kühlschrank, ein Schreibtisch, ein Regal und ein Schrank stand. Neben meinem Bett ruhte ein wuchtiger Biedermeiersessel und ein Campingkocher war meine Kochgelegenheit. Daneben, neben dieser vermeintlichen „Küche“, war ein abgetrennter Raum, der mir als Toilette und Dusche diente.
Zu dieser Zeit bezog ich Sozialhilfe. Harz IV war noch nicht erfunden worden, von Agenda sprach noch niemand, zudem war ich hoffnungslos verrückt, zumindest behauptete das ein Psychiater, bei dem ich im Frühling und im Sommer 1999 in Therapie gewesen war.
In Hegne, in meiner ausgebauten Garage, die genau gegenüber vom Pilgergrab der hl. Hildegard von Bingen lag, verbrachte ich meine freie Zeit hauptsächlich mit dem Fernseher, ich schrieb aber auch viel, arbeitete häufig am Computer und hatte mir für 5 DM eine alte, schwarze, sehr elegante, mechanische Schreibmaschine auf einem Flohmarkt gekauft, der einmal jährlich im Sommer am Rheinufer von Konstanz abgehalten wurde.
Ansonsten ging ich morgens joggen. Dreimal die Woche, manchmal sogar 4 mal die Woche lief ich hinaus, joggte am wunderschönen Bodensee entlang, bog meistens am Friedhof vom Hegner Kloster ab und lief in die bergigen Wälder hinauf.
Wunderschön war es dort, in diesen grünen Mischwäldern. Buchen, Eichen, Fichten, an manchen Stellen sogar importierte Mammutbäume ragten in den Himmel hinauf und machten die Luft so klar, dass es eine Wonne, ein Wohltat war, diese moosige, kühle Waldluft einzuatmen; besonders schön war es frühmorgens, wenn noch der Tau auf den Blättern lag. Daneben, neben diesen bergigen Wäldern, lag der Bodensee, den man an manchen Stellen im Wald erblicken konnte. Oft schimmerte er türkisgrün, wie das Meer in den Tropen.
Ich verbrachte also meine Zeit mit dem Schreiben, abends mit dem Fernseher, morgens ging ich joggen und wenn es mich zog, so ging ich im Bodensee schwimmen und sonnte mich danach stundenlang am Strand. Insgesamt war jeder Tag ein Urlaubstag, wären da nicht meine Geldsorgen gewesen, die kleine Behausung, in der ich wohnte, und die Termine beim Sozialamt, die ich regelmäßig wahrnehmen musste, weil der Sachbearbeiter mich wiederum regelmäßig sehen wollte. Ja wären diese Sorgen nicht gewesen, so wäre mein jahrelanger Aufenthalt in Baden Württemberg am Bodensee ein ewig langer Urlaub gewesen.
Dadurch, dass ich so hart in den Wäldern trainierte und oft schwimmen ging, hatte ich nach Jahren eine Kondition wie ein Spitzensportler. Mit meiner Größe von 183 cm wog ich 76 Kilo, kein Gramm Fett war an meinem Körper zu sehen, zudem war ich braungebrannt, mein Schnurrbart war dazu blond und ausgebleicht von der strahlenden Sonne. Ich trug etwas längeres Haar, das oft im Wind wehte und wenn ich meinen schwarzen Lodenmantel trug, drehten sich die Leute schon mal in der Fußgängerzone nach mir um. Äußerlich wirkte ich also äußerst seriös, jedoch: innerlich tobte es in mir. Tagtäglich focht ich nämlich in meinen Gedanken einen Kampf mit meinem ehemaligen Psychiater, der mich ja so dermaßen verrückt hingestellt hatte, dass ich mit einem Schlag mein ganzes Gesicht verloren hatte. In meinen Gedanken führte ich damals immer wieder mit diesem Psychiater eine Diskussion nach der anderen, doch ständig verlor ich diesen gedanklichen Kampf. Immer saß ich am Ende der Diskussion am Zipfel des kürzeren Hebels, sodass des Psychiaters Urteil, seine Meinung, seine ärztliche Stellungnahme, das Faktum, das Non-Plus-Ultra über mich und meinen geistigen Zustand blieb.
Und das hasste ich. Wütend machte mich das und das Ventil für diese Wut war das Laufen. Ich trainierte also nicht nur hart, sondern ging fast jedes Mal, wenn ich Laufen oder Schwimmen ging, an meine Grenzen, denn der Schmerz, der dann beim Laufen und nach dem Laufen im meinem Körper vorherrschte, schaltete diese permanenten, geistigen Diskussionen mit dem Psychiater ab; wenigsten für ein paar Stunden.
Aber: So tragisch die Hintergründe für mein Laufen auch waren, sie sorgten doch dafür, dass ich nach Jahren topfit war. So kam der Tag des Standing Ovation!
An einem Junimorgen hatte ich mal wieder einen Termin beim Sozialamt. Ich musste dort Unterlagen für einen Folgeantrag einreichen. Eilig machte ich mich deswegen morgens fertig. Duschte, fürn nen Frühstück war nichts im Haus, nur kalter Kaffee und ne schimmlige Brotscheibe standen neben dem Campingkocher. Ich begnügte mich also mit nem Schluck Wasser, warf dann meinem Lodenmantel über, klemmte die lederne Aktenmappe mit meinen Unterlagen fürs Sozialamt unter den Arm und trat hinaus aus meine ärmliche, ausgebaute Garage. Dann sah ich auf die Uhr. Mein Zug, der Seehaas, so nennt man diesen Zug am Bodensee, fuhr um 9:23 Uhr und es war bereits 9:22 Uhr. Ich nahm also die Beine in die Hand und lief los. Mein Haar und mein Mantel wehten im Laufwind, während ich die Straße hinablief, durch die Unterführung hindurch zur Straße, die zur Seehaasstation führte. Als ich bei dieser Straße ankam, sah ich bereits den Seehaas heranfahren. Er bremste, wurde immer langsamer, doch ich hatte noch eine Strecke von fast 400 Meter vor mir. Ich riss mich also am Riemen und rannte noch schneller. Alles gab ich, alles, denn ich wollte diesen Seehaas nicht verpassen, ich hatte doch einen Termin beim meinem Brötchengeber, beim Sozialamt. Ich rannte also noch schneller, spurtete über die Straße mit langen, schwungvollen Schritten, während der Seehaas immer langsamer wurde.
Als ich dann endlich völlig außer Atem mit rasendem Herz und Puls die Bahngleise erreichte, stoppte gleichzeitig der Seehaas. Nun hatte ich noch knappe hundert Meter vor mir. Also rannte ich über die Bahngleise, bog links ab, sprintete über den Schotter des Bahnsteigs und erreichte im letzten Moment die Seehaas-Tür. Ich sprang hinein und die Tür schloss sich hinter mir. Ich hatte es geschafft, dachte ich noch, dann plötzlich wurde ich von einem Getöse, von Applaus, von Siegesjubel, ja von Standing Ovation überrascht. Und ich verstand gar nicht wieso. „Was war denn passiert?“, dachte ich, während ich auf der Suche nach einem Sitzplatz durchs Zugabteil schritt. Aber die Fahrgäste im Seehaas applaudierten weiter, manche erhoben sich sogar von ihren Plätzen und klatschten begeistert, als ich an ihnen vorbeiging. Wofür, verstand ich jedoch nicht, sodass mir dieses Standing Ovation etwas peinlich wurde und ich schnell das erste Zugabteil verlies. Ich ging eilig durch die Verbindungstür ins nächste Zugabteil. Doch sobald ich dieses zweite Zugabteil betrat, begann das Standing Ovation von neuem. „Yeah!“ jubelten einige, mache pfiffen auf zwei Finger, manche sprangen auf, als sie mich sahen und applaudierten wie im Zugabteil zuvor und ich verstand wage, dass dieses Standing Ovation wohl mir galt. Aber was genau passiert war, kam mir noch nicht in den Sinn.
Am Ende dieses zweiten Zugabteils fand ich dann endlich einen Sitzplatz. Ich war froh darüber, konnte ich mich doch so ein wenig vor den applaudierenden Leuten verstecken, ja, den Leuten mit ihrem Applaus ausweichen. Dann jedoch setzten sich zwei junge Kerle zu mir und sahen mich mit großen Augen an.
„Boh, Alter, ey, kannst du laufen?“, sprach mich einer der beiden jungen Kerle an.
Ich jedoch verstand immer noch nicht, was dieser junge Bursche von vielleicht 18 Jahren meinte und fragte deshalb einfach: „Was ist hier überhaupt los? Wieso applaudieren die Leute denn alle?“
„Mann, Alter, ey, weil du den Zug noch gekriegt hast!“
„Ja, ja“, sagte ich schweren Atems, „das hab ich wohl. Aber das ist doch kein Grund zum Applaudieren.“
„Doch, das finden wir schon!“, sagte der eine und sein Kumpel brauste los. „Mann, Alter, das sah so geil aus wie du dann noch schneller geworden bist. Wahnsinn, echt, Wahnsinn. Wie schnell bist du denn so auf hundert Meter?“
„Ich kann die hundert Meter unter 12 Sekunden laufen!“, antwortete ich flüsternd, es war mehr ein Hauchen, denn ich atmete immer noch schwer von dem Spurt, den ich hinter mir hatte.
„Boh, nicht schlecht!“, sagte der eine und sein Kumpel:
„Mann, Alter, unter 12 Sekunden? - Das sah eher so aus als würdest du die hundert Meter unter 10 Sekunden laufen. Ne, ehrlich, kein Schmarrn.“
„Nein, nein!“, antwortete ich, „so schnell bin ich dann auch wieder nicht!“ Danach sah ich mich nochmal um und erkannte immer noch anerkennendes Nicken bei manchen der Leute, während sich die anderen schon wieder dem Alltag zugewandt hatten.
