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Jung, dynamisch, die Welt steht offen, Karriere, Einkommen alles super! Doch das Hamsterrad dreht sich, immer schneller, wen reißt es mit sich? Gibt es ein Entkommen? Nicht nur die Revolutionen fressen ihre Kinder, auch die Erfolge! Die beiden großen Ideen des Jahrhunderts, der Kommunismus und der Kapitalismus, geben zu erkennen, dass weder die allgemeine Gleichheit aller Menschen, noch der Wohlstand für alle realisierbar sind. Was bleibt? Rückzug in die Berge, in die Welt der Kunst? Oder weiterarbeiten wie bisher? Es bleibt das Scheitern - die bittere Erkenntnis.
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Seitenzahl: 798
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Hans Bäck, gelernter Betriebswirt, Maschinenbauer, Autor und Kulturvermittler seit 1983
Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften, Roman „Lautsprecher in den Bäumen“ (2011, Kulturmaschinen Berlin)
Mitglied in einer Reihe von Literarischen Gesellschaften: PEN Club Trieste, Österr. Schriftstellerverband, FDA-Landesverband NRW, Literaturkollegium Brandenburg, Literaturverein Podium Wien, Europa Literaturkreis Kapfenberg.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.
Personen und Handlung sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder solchen, die einst gelebt haben, wäre daher zufällig und unbeabsichtigt.
Dieses Buch wurde durch die Stadtgemeinde Kapfenberg gefördert!
Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Coverbild © Margit Hirschmanner
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Junge, dynamische Menschen, denen anscheinend die Welt offen steht, die ihre Chancen ergreifen und feststellen müssen, der Preis dafür ist enorm. Karriere, Einkommen, Sozialprestige, Anerkennung steigen unaufhaltsam, ebenso dreht sich das Hamsterrad immer schneller, ein Entkommen scheint unmöglich zu sein.
Teilweise kennen wir die Personen aus dem Roman „Lautsprecher in den Bäumen“. Da ist Andreas, der später sehr erfolgreiche Unternehmensberater, noch in seinen jungen Jahren, in seinen Anfängen in einem Großkonzern. Wir begleiten ihn auf seinem Weg nach „oben“, gemeinsam mit seiner großen Lebensliebe Celia, seinem Freund Ferdinand, dessen Frau Michaela. Welche Probleme soll es geben, welche wären nicht zu bewältigen, wer möchte Grenzen setzen, wo keine zu sehen sind?
Celia ist die Erste, welche die Räder der Tretmühle zu spüren bekommt: Keine Zeit, auch nicht für einen Arztbesuch. Noch ein Projekt und noch eine Reise, noch einen Vortrag, bis zur niederschmetternden Frage der Ärztin: Warum kommen Sie so spät?
Andreas erkennt die Grenzen seiner Gestaltungsmöglichkeiten und moralischen Biegsamkeit. Solche Begrenzung verlangt Konsequenz: Ausstieg und Neuanfang. Mühselig, aber letztlich doch erfolgreich, eine neue Karriere. Sein Freund Ferdinand steigt mit ein, ein kleines gemeinsames Unternehmen entsteht, floriert, bis die ersten Spannungen entstehen. Wofür arbeiten wir so viel? Warum hast du so viele Aufträge und ich so wenig? Die ganz banalen Auseinandersetzungen zwischen den Freunden.
Andreas findet eine neue Partnerschaft, weit entfernt von seinem Lebensmittelpunkt, Anna ist im Umfeld von Mailand angesiedelt und tätig. Nicht gerade Entfernungen, die für eine Beziehung günstig wären. Wird die Beziehung Andreas’ mit Anna die geografische Distanz überstehen? Was alles aufgeben? Beruf, Karriere, Image? Die Fragen, an denen schon Celia zerbrach, sie kommen wieder. Altersbedingt sogar verstärkt.
Es muss offen bleiben, ob es für Anna und Andreas diesmal eine Lösung gibt.
Ferdinand entdeckt im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit im fernen Westen, in Tirol, eine neue Liebe. Seine Ehe mit Michaela scheitert. Ferdinand kann sich nicht entscheiden, ob Beruf, Prestige, Aufgabe in der gemeinsamen Firma mit Andreas seinen Vorstellungen entsprechen, seine Erfüllung gegeben ist. Das große Dilemma an dem Ferdinand letztlich zerbricht: Jahrelang war er der Macher, der Umsetzer, der Betriebsleiter mit Verantwortung für viele Mitarbeiter und nun wäre nur mehr seine Fachkenntnis gefragt. Die Umsetzung, darüber befinden andere in den beratenen Firmen. Genau seine Stärke, die ist nunmehr nicht gefragt.
Erlebnisse, Einblicke in die jüngste Geschichte jenseits der Grenzen. Das Scheitern der großen Ideen des 20. Jahrhunderts, des Kapitalismus und des Kommunismus kommt in persönlichen Schicksalen von Menschen vor, mit denen Andreas und Celia in Kontakt treten: Die aus Istrien und Dalmatien vertriebenen „Esuli“, jene Italiener, welche seit den Jahrhunderten der Serenissima auch diese Landstriche prägten, werden geschildert.
Genauso wie jene glühenden Kommunisten, die sich in Monfalcone aufmachten, um im neuen Jugoslawien am Aufbau des Sozialismus mitzuarbeiten, Deportationen von Kommunisten nach Süditalien während des Faschismus, Unterdrückung der slowenischen und kroatischen Bevölkerung in Istrien und im Karst durch die Faschisten, all das eingebettet in die Rahmenhandlung der internationalen Tätigkeit der vier Protagonisten. Mit der Erkenntnis, Erfolg ist nicht alles, nicht nur die Revolutionen fressen ihre Kinder, auch die Erfolge.
Bergerlebnisse in den Westalpen und vor der Haustüre, Musik in Opernhäusern und in stillen Zimmern, all das, was das Leben von Andreas, Celia und Anna vollenden könnte, aber stets Ausnahme oder Sehnsucht bleibt, bildet das Fluidum für das Geschehen.
Es könnte angenommen werden, dass die Heimatstadt des Autors der Mittelpunkt der Handlung wäre. Das ist eine rein geografische Festlegung, der Autor hält ausdrücklich fest, dass die Personen, deren Verhalten und Gespräche frei erfunden sind und diese in keinem Zusammenhang mit tatsächlichen Ereignissen stehen. Das gilt genauso für die im Roman dargestellte Firma Universal AG: Es ist damit keines der in der Umgebung oder Heimatstadt des Autors tätigen Unternehmen gemeint, dargestellt oder geschildert.
Für den Leser gilt daher ohne Einschränkung: Bei dem Buch „Stahl, Seide, Sog & Druck“ handelt es sich um einen Roman und um keine Reportage, dies gilt auch für die übrigen im Laufe des Buches geschilderten Firmen, Menschen, Erlebnisse, Institutionen usw.: Alle sind frei erfunden, es gibt keine Bezüge zu real existierenden Personen und/oder Unternehmen.
Ähnlichkeiten mit Ereignissen in der Wirtschaft Österreichs, Italiens, der Schweiz, Polens und anderen Ländern sind möglich, da sich die wirtschaftlichen Aufgaben vielfach gleichen, sie sind aber nicht aus konkreten Vorkommnissen abgeleitet. Durch die langjährige Tätigkeit des Autors in der Wirtschaft bleibt es nicht aus, dass der eine oder andere Leser bei bestimmten Passagen annehmen kann, diesen Vorfall zu kennen. Genauso sind die Gespräche wie sie während der Werkskonferenz geschildert werden, so nie und nirgends abgelaufen!
Danke, an die vielen Korrektur- und Testleser, besonders aber an Herrn Prof. Matthias Mander, der uneigennützig half, Ratschläge gab, anspornte zum Weitermachen und letztlich sogar eine Vorabrezension schrieb.
Hans Bäck
Mit Schwung betrat Diplomkaufmann Schober pünktlich zehn Minuten nach sieben das Büro: „Guten Morgen, meine Herren!“ Gewisse Privilegien hatte der Abteilungsleiter, die ihm niemand streitig machte. Dazu gehörte sein Arbeitsbeginn um zehn Minuten nach sieben. Er stempelte, wie seine Mitarbeiter, den Dienstantritt und das Dienstende korrekt. Beim Schreibtisch von Andreas Corman blieb er stehen. „Herr Corman, kommen Sie zu mir ins Büro, ich habe mit Ihnen etwas zu besprechen.“
Andreas, sein erster Job in einem internationalen Konzern. Wie für so viele vor und nach ihm, galt es „unten“ anzufangen. Er führte Karteien, kontrollierte Belege, holte Unterschriften ein, gab Nachrichten weiter, erledigte Zusatzarbeiten: „Corman, Sie machen das!“, die Standardangabe des Chefs.
„Es hilft nichts, durchbeißen, am Ball bleiben“, so Ferdinand zu seinem Freund und Kollegen, beide in der Hierarchie weit unten, bei einem Bier nach der Arbeit.
„Ferdinand, Karteiführung von Lagerwaren, das ist doch so langweilig und öd, jetzt kommt noch dazu, dass wir für den Zoll bestimmte Vorkehrungen zu treffen haben. ‚Ja, Herr Corman, das geht sich bei Ihnen aus, das bringen Sie unter!‘, so der Schober.“ Achselzucken und: „Stimmt ja, ich bin nicht überbelastet, aber was anderes wäre interessanter. Wenn ich daran denke, was wir alles gelernt haben, wie ich vor der Mathe-Matura Matrixrechnungen gestrebert habe, und jetzt das!“
Ferdinand rührte in der Kaffeetasse – um für die Antwort Luft zu holen: „Was soll ich sagen, die Fertigung braucht Detailzeichnungen von irgendwelchen Flanschen, die muss ich nach dem Normblatt abzeichnen und Detailmaße eintragen! Dazu habe ich Festigkeitsberechnungen gelernt?“
Gespräche unter Freunden, Frust. Fallweise kleine Erfolgserlebnisse durch anspruchsvollere Aufgaben. Andreas hatte für einen neuen Auftrag einen Projektplan erstellt, der ihm sehr gut gelang, wie Schober bestätigte: „Ja, Herr Corman, das ist sehr gut, werden wir sehen, ob sich die Kollegen in der Fertigung an Ihre Planung halten, dann können wir mit Ihnen ja Weiteres versuchen. Sehr gut jedenfalls für den ersten Plan. Doch nun zu neuen Aufgaben. Sie haben die Zollwaren in Verwaltung, Sie müssen nach Wien in die Zentrale, dort werden für den gesamten Konzern diese Waren verwaltet und für das Hauptzollamt die Bestände aufbereitet. Ein Fräulein Fürstner ist dafür zuständig, macht euch einen Termin aus, legen Sie mir den Reiseantrag in die Post, ich werde unterschreiben und Sie können Ihre erste Dienstreise antreten. Aber bitte mit der Bahn und nicht in der ersten Klasse, das steht Ihnen nicht zu!“
Die erste Dienstreise nach Wien, vom Südbahnhof mit der Straßenbahn in die Innenstadt zur Zentrale des Konzerns, den Straßenbahnfahrschein sorgfältig aufbewahrt (wegen der Abrechnung der Reisekosten), so kam Andreas an. Vom Vorgespräch wusste er, im 6. Stock lag das Büro von Fräulein Fürstner. Ein Paternoster! Was für eine Überraschung, Andreas hatte die Erzählungen von Heinrich Böll gelesen, kannte „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“, die Beschreibung der täglichen Fahrt mit dem Paternoster im Kölner Funkhaus. ‚Er ließ sich höher tragen, stieg nicht im 6. Stock aus, nach der 10. Etage schob sich die Kabine kreischend in den Leerraum. Geölte Ketten, fettige Stangen, alles ächzend, und endlich wurde die Kabine wieder aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung geschoben. Die einzige Stelle im ganzen Haus, wo die Mauer unverputzt war und die Kabine wieder langsam nach unten sank.‘1 Bis zum 6. Stockwerk, wo er aussteigen musste und höflich anklopfte. Eine Frauenstimme drang durch die Tür: „Herein, das ist ein Büro und keine Wohnung, also ohne Anklopfen!“ Das Namensschild zeigte Andreas, dass er richtig bei
C. Fürstner Zollvormerkwaren
war. Ein winziges Büro, Schreibtisch mit einem Besuchersessel, Aktenschänke nahmen den größten Teil des Raumes ein. Eine junge Dame, im Kostüm, stand auf, wurde dabei sehr groß und hielt Andreas die Hand entgegen: „Herr Corman, willkommen in der Konzernzentrale! Wir werden uns in jedem Quartal treffen, mein Chef besteht darauf, dass ich persönlich mit den Kollegen aus den Werken die Bewegungen und Bestände abstimme. Es gab bei meiner Vorgängerin einmal Ärger mit den Zollbeamten. Bei der Arbeitsübernahme sagte er zu mir‚ das will er nicht nochmal erleben. Also beginnen wir.“
Kaffee wurde nicht angeboten. Belege austauschen und Abstimmungen durchführen. Nennenswerte Abweichungen wurden nicht festgestellt, wobei Andreas’ Aufzeichnungen genau kontrolliert wurden: „Bei dieser Position habe ich einen größeren Bestand als Sie, das müssen wir nachprüfen.“
„Da waren Proben zu nehmen, um die Analyse des Materials durchzuführen, dann weitere für die mechanischen Prüfungen, so etwa fünf Meter werden verwendet worden sein.“
„Dafür brauchen wir unbedingt interne Belege, die müssen Sie mir verlässlich nachschicken. Sonst haben wir den Herrn Oberreferenten des Zollamtes im Genick!“
Kleinigkeiten wurden besprochen, der Abteilungsleiter kam vorbei, ließ sich berichten, gab noch Anweisung, mit dem Gast aus dem Werk zu Mittag in der Kantine zu essen. Den Bon dafür können sie bei der Ausgabe beziehen, und: „Herr Corman, machen Sie mir meine Mitarbeiterin nicht abspenstig. Sie ist noch jung, aber unglaublich wichtig für mich. Die Beamten des Zollamtes hat sie im Griff. Sie wird noch lange gebraucht werden. Also keine Flirts mit der Absicht, sie vielleicht ans Werk zu entführen.“
Ein wenig verdrehte Celia die Augen nach oben: „So ist er immer, er fürchtet, dass ich ihm eines Tages abhandenkomme. Dabei, ewig werde ich diesen Job nicht machen. Dazu habe ich nicht studiert und mich auf Marketing spezialisiert. Doch, was sollte ich machen, war froh, den ersten Posten meines Lebens bekommen zu haben.“ Die Antwort von Andreas kam umgehend: „Dann geht es uns ähnlich, ich habe auch anderes erwartet als Karteien zu führen und verloren gegangenen nahtlosen Rohren nachzurennen.“
Im Speisesaal haben sie auch Privates besprochen. Konzertbesuche und dass diese für ihn in Wien unmöglich wären. Die Bahnverbindungen schließen das leider aus.
Beim Nachtisch kam Celia darauf zurück: „Herr Corman, das könnten wir gemeinsam machen, auch ich gehe gerne in Konzerte, planen Sie die nächste Dienstreise nach Wien so, dass wir ein Konzert besuchen könnten. Ich werde den Spielplan studieren und dann gehen wir in den Musikverein. Sie haben gesagt, Sie lieben Klassik und Barock, das trifft sich gut, bei mir ist es ebenso. Was hindert uns daran?“
Andreas erwähnte nicht, dass nicht nur die fehlende Möglichkeit der Rückreise, sondern auch das schmale Budget eine Hotelnacht in Wien verhindern würde. Jedenfalls bei der Dienstreise im nächsten Quartal sprachen sie sich mit den Vornamen an und der Konzertbesuch nahm konkrete Formen an: „Wir müssen zusammenarbeiten, ich bin Celia, getauft als Cecilia, du bist Andreas, es spricht sich so leichter unter Kollegen. Und außerdem, wenn du wirklich mit mir ein Konzert in Wien besuchen willst, darfst du bei mir am Notbett übernachten. Bilde dir darauf nichts ein, erwarte auch nichts, es ist eine Notlösung, dein Gehalt ist bestimmt nicht so üppig, dass du dir ein Hotel in Wien leisten könntest. Also, wenn du einverstanden bist: Ein Konzert mit Schubert und Haydn.“
„Das Angebot ist natürlich verlockend und keinesfalls schlage ich es aus. Ich komme mit meinem Schlafsack, um dir keine Umstände bezüglich Bettwäsche und so zu machen.“
„Andreas“, und dabei legte Celia erstmals den Arm um ihn, „etwas zu wollen, das reicht nicht, wir müssen uns anstrengen. Unseren Chancen entgegensehen. Egal, wenn sie tief am Boden daherkommen, uns auch einmal flachlegen oder strecken und dehnen, wenn sie hoch über uns dahinziehen. Alles ist notwendig, ich gehe zum Hauptzollamt, der Chef schickt mich, auch wenn das per Post genauso zu erledigen wäre. Du kommst jeden dritten Monat nach Wien, bald kann die Datenverarbeitung die Bestände verwalten. Den Zollbeamten wird das nicht reichen, in den Gesetzen und Verordnungen ist diese Möglichkeit nicht vorgesehen, also kommst du wieder. Und nach der Arbeit besuchen wir eine Ausstellung in der Albertina und am Abend gehen wir in den Musikverein. Ist das nicht ein Leben, das sich gut anlässt? Die Kollegen von den anderen Standorten haben daran kein Interesse und fahren sofort wieder ins Werk zurück.“
Andreas nickte, denn er wusste, überall gab es nicht so günstige Bahnverbindungen wie zu seiner Heimatstadt, er verstand die Kollegen wenigstens teilweise: „Tropfen auf den Windschutzscheiben? Wir prallen auf, treiben dahin, landen dann wie die Fliegen im Teller mit der lau gewordenen Gemüsesuppe. Haben wir Zeit, rennt sie uns davon, oder ist sie regulierbar? Ich denke mir oft, was ich in der Firma alles verändern würde und dann nehme ich einen Beleg und überprüfe an Hand dessen die Buchungen in einem Journal, wobei ich auf den Inhalt der Buchung keinen Einfluss habe. Fad eigentlich.“
„Andreas, wir sind in dem Alter, wo wir die Welt verbessern wollen, sie erobern, uns zunutze machen. Warten wir, was uns die Zukunft am Teller serviert. Ich habe Vorstellungen, was ich in einigen Jahren machen werde. Da zählen die Berichte an das Hauptzollamt sicher nicht dazu.“ Andreas schwieg damals lange, dessen erinnerte er sich später oft.
„Celia, es gibt auch für mich so vieles anderes. Festspiele möchte ich besuchen, Theater, Oper, Konzerte, Ausstellungen, alles ungewöhnlich in meinem Alter. Ich weiß, aber so bin ich eben. Das gefällt mir. Einmal in Salzburg bei den Festspielen eine Mozartoper oder die ‚Arabella‘ erleben, das soll mir meine Arbeit ermöglichen!“
„Gerade die Arabella, klar denn sie singt zum Schluss ‚Du bist der Richtige‘ – aber du hast recht, mir geht es ähnlich. Ich möchte die wunderbaren alten Städte besuchen, möchte auf Berge steigen. Andreas, ich sage dir, mein Chef hatte bei deinem ersten Besuch gewarnt, mich nicht abzuwerben, das brauchst du nicht, alt werde ich in der Firma und bei der Tätigkeit nicht“
Andreas wechselte das Thema: „Was sind das letztlich für Kompetenzen, die wir erworben haben in unserer Ausbildung? Beim Lesen lernen wir eine Art Sprache der Seele, eine Art anderer Liebe, womöglich eine Art anderen Hass oder zumindest Ärgernisse kennen. Es wird unser Wortschatz größer, unser begriffliches Repertoire wächst und es soll keiner behaupten, dass uns dies im beruflichen Alltag nicht einmal helfen würde. Wir werden weiterhin lesen, davon bin ich überzeugt. Ich möchte mir diese Welt keinesfalls entwenden lassen.“ Celia – fast war ihre Freude in der Antwort zu spüren: „Es trifft sich wunderbar, du kommst, begleitest mich in Konzerte, in die Oper und nebenbei können wir noch über Bücher sprechen – darf ich mehr verlangen von einer beruflichen Zusammenarbeit mit einem Kollegen aus der rauen Steiermark?“
Wird es in Zukunft nur eine berufliche Zusammenarbeit bleiben?
Darüber sprach Celia nicht, sie erwähnte nur nebenbei: „Ich wohne weitab vom Zentrum, in der Nähe der Heiligenstädterstraße, die Straßenbahnhaltestelle ist fast vor der Haustüre und der Schnellbahnhof Heiligenstadt auch nur ein paar Gehminuten entfernt. Ein Konzert im Musikvereinssaal, Karl Böhm dirigiert die Große C-Dur von Schubert und Haydns Londoner 104 in D-Dur. Ich besorge Stehplatzkarten für uns, wenn du das willst. Und wie gesagt, mein Notbett biete ich dir an.“ Andreas kam – anständig – mit Reiseschlafsack.
Danach: Der Würstelstand am Karlsplatz vor der Straßenbahnhaltestelle. Das Gespräch, wie schön das Konzert war, wie schön es sei, hier zu stehen und in eine „Heiße“ zu beißen. „Vor wenigen Monaten, bei meiner ersten Dienstreise, hätte ich nie gedacht, jemals mit dir ein Konzert zu besuchen und dann noch herumstehen und plaudern.“
„Andreas, Konzertbesuche können wir mit deinen Dienstreisen öfter kombinieren. Auch die Oper sollte einmal möglich sein.“
Das Würstel war aufgegessen, das Bier aus der Dose getrunken, Celia und Andreas unbeschwert plaudernd, auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle bei der Oper.
Celia beschrieb Andreas die Fahrtroute über den Ring, dann abbiegend zum Franz Josefs Bahnhof, weiter in die Porzellangasse, sie erzählte davon, dass dies jene Gegend sei, in welcher der Roman die „Strudlhofstiege“ spielt. Der war vor einiger Zeit erschienen, Andreas hatte davon gehört, sei noch nicht zum Lesen gekommen, nahm sich verbindlich vor, damit zu beginnen.
Celia lachend: „Übernimm dich nicht, das Buch hat über 800 Seiten, so schnell wirst du das nicht gelesen haben. Aber eine gute Idee, morgen Vormittag gehen wir über die Stiegen.“
Zwei junge Menschen, Ausbildung abgeschlossen, interessiert an Weiterbildung, an Karriere, aber keineswegs eingeschränkt. Beiden war Kultur wichtig, sie waren ein wenig anders als viele ihrer Kollegen: Musikbegeistert und hatten dank der Malerei zueinandergefunden. Ein Besuch in der Albertina, beim Hasen und dem Rasenstück in den Prunkräumen gab den Ausschlag, mehr Kontakt zu haben. Kontakt, der über die dienstlichen Aufgaben weit hinausging. Bei der Haltestelle Barawitzkagasse stiegen sie aus, bogen um die Ecke in die Klabundgasse. Celia sperrte das Haustor auf, ließ Andreas eintreten, ging ihm voraus die Stiege in den ersten Stock hoch. Die Wohnungstüren waren noch nicht drei- oder mehrfach versperrt.
„Komm herein, sei willkommen und fühl dich wohl bei mir!“
„Ich habe nicht einmal Blumen für die Gastgeberin!“
„Das kannst du morgen nachholen!“
Andreas stellte seine Reisetasche ab. „Zahnbürste und Reiseschlafsack habe ich mit.“
„Gut, hier auf diesem Sofa kannst du dich ausbreiten. Badezimmer und WC sind da drüben, Frühstück machen wir gemeinsam. Hast du noch irgendwelche Wünsche, es ist spät geworden. Schreck dich nicht, wenn mein Kater dich in der Nacht besucht. Er ist sehr scheu, hat sich versteckt, wenn es finster ist und ruhig, dann schleicht er sich an und inspiziert dich. Anschließend gibt er mir Bericht, wie er dich findet. Also stell dich mit meinem Sophokles gut.“
Katzenhaarallergien wurden erst in späteren Jahren modern. Celia kam aus ihrem Zimmer, gab Andreas ein dickes Buch: „Da kannst du dich ein wenig einlesen, das ist der Roman, von dem wir in der Straßenbahn sprachen. Ich gehe inzwischen ins Bad, lass dir Zeit, soviel du willst.“
Später, Celia kam im Morgenmantel aus dem Bad. Küsse auf die Wangen. „Gute Nacht und denk daran, der Kater wird dich besuchen kommen!“
„Gute Nacht, liebe Celia, es ist schön hier, so nahe der Stadt und trotzdem so ruhig, traumhaft!“
Andreas blätterte noch ein wenig im Roman, legte ihn sehr bald zur Seite, drehte das Licht ab und sah, dass die Tür zu Celias Zimmer nur angelehnt war. „Aha, der Kater“, dachte er, bevor er einschlief. Erst als der ihm auf die Brust sprang, schreckte er auf, einen kleinen Schrei ausstoßend. Dann streckte er die Hand aus, spürte das weiche Fell, kraulte den Kater, bis der zu Schnurren begann. Celia stand in der Tür.
„Stört er dich? Ich habe gehört, du bist erschrocken.“
„Nein, er stört nicht, ich kraule ihn ein wenig, dann schlafe ich sicher weiter.“
„Gute Nacht, Andreas!“
Der Morgen begann damit, dass Celia an ihm vorbeihuschte, einen Polster nach ihn warf. „Aufstehen, Gebäck kaufen, ich richte inzwischen das Frühstück.“
„Und duschen?“
„Schnell, keine Umstände, Andreas, du bist ja keine Frau, die sich für den Opernball vorbereitet. Bad ist frei, rasieren darfst du dich auch, ich will nicht, dass die Nachbarn einen Seeräuber aus meiner Türe kommen sehen!“
Folgsam stand Andreas auf, warf noch seine Pyjamajacke in Richtung Celia und verschwand im Badezimmer. In diesen frühen Jahren trug er noch keinen Bart, das wurde nicht als businesslike angesehen, eine schnelle Rasur, ein paar Tropfen Aftershave, was alles beachtet werden musste!
„Was soll ich einkaufen und wo ist eine Bäckerei?“
„Du gehst vor zur Hauptstraße und gleich links ist ein Konsum, klar der Karl Marxhof ist gegenüber, hast du Berührungsängste zu sozialistischen Wachauerlaberln und Kaisersemmeln?“
„Also, gut, Wachauerlaberln und Kaisersemmeln, sonst noch was?“
Unkompliziert gestaltete sich der erste gemeinsame Morgen. Folgen noch weitere oder wäre damit eine Episode vorbei? Im Konsum fand Andreas frische Blumen, die damals ganz sicher nicht aus Kenia stammten. Zurück in der Klabundgasse, Kaffeeduft erwartete ihn an der Wohnungstür: „Danke für das Nachtlager, es war wunderbar, hier zu schlafen. Nie hätte ich gedacht, dass ich in der Großstadt so traumhaft traumlos schlafen würde. Klar, mit dem Kater auf mir, herrlich.“
„Wäre es dir lieber gewesen, wenn ich auf dir gelegen wäre?“
Ein Kuss war die Antwort. Es dauerte noch zwei oder drei Nächtigungen, bis sie vereinbarten, den Schlafsack wegzulassen. Andreas half beim Aufräumen der Wohnung. Dann hinaus in den Samstagmorgen in der Klabundgasse.
„Lass uns das Stück zu Fuß gehen, am Samstagmorgen ist es ruhig und der Weg ist angenehm.“ Celia hakte sich bei Andreas ein, anschmiegen. Sie wanderten die Hohe Warte entlang, zur Döblinger Hauptstraße und bogen dann ab zum Gürtel und in die Liechtensteinstraße. Sie führte ihren Begleiter, plauderte locker drauflos: „Wenn du das Buch vom Doderer liest, das ist jene Gegend in der die meisten seiner Figuren wohnen und sich herumtreiben. Ich liebe diese Gegend, es ist nicht so ruhig wie draußen bei mir, aber ich spaziere hier gerne. Das ist auch jener Teil Wiens, in dem Schubert als Kind und Jugendlicher seine Zeit verbrachte. Liechtental, mit der Kirche in der er musizierte. Diese Pfarrkirche, nicht allzu weit weg vom Karl Marxhof, ist etwas Besonderes. Da wird die Fronleichnamsprozession noch durchgeführt, durch die Straßen gegangen, der Himmel getragen, Weihrauch verströmt. Und der Organist in dieser Kirche, ein besonderes Original. Am 1. Mai, wenn die Genossen der Sektion zur Kundgebung am Rathausplatz unterwegs sind und bei der Kirche zu den ‚Vierzehn Nothelfern‘ vorbeikommen, spielt er mit vollen Registern die Kaiserhymne. Auch das gehört zu diesem Grätzel. Von der seinerzeitigen ländlichen Gegend Schuberts ist nichts mehr zu erahnen. Aber, wie gesagt, alles das hier liebe ich.“
Beim Liechtensteinpark bogen sie ab in die Boltzmanngasse, an den Universitätsinstituten vorbei und kamen zur Strudlhofgasse. Eine stille Gasse, und dann die Stiege: Rampe über Rampe, Bühne auf Bühne, darüber das Dach der Laubbäume.
„Ist das schön“, entfuhr es Andreas und er zog Celia an sich. Sie nickte und: „So hat der Rene Stangeler aus dem Roman die Paula Schachl auch an sich gezogen. Unten in der Liechtensteinstraße gab es damals eine Konditorei, in der er sie auf Indianerkrapfen eingeladen hatte.“
„Das kann ich auch machen, wenn du die Konditorei findest, essen wir Indianer-krapfen.“
„Nein, zuerst hinunter, in die Pasteurgasse, und dann sehen wir weiter, wir kommen ja vom Frühstück.“
Belangloses Geplauder, eine sich anbahnende Verliebtheit hätte man sicher spüren, erahnen können. Sie gingen langsam die Stiegen hinunter, blieben bei einzelnen Absätzen stehen, schauten zurück. Unten angekommen, las Andreas die eingelassene Tafel:
Wenn die Blätter auf den Stufen liegen
Herbstlich atmet aus den alten Stiegen
Was vor Zeiten über sie gegangen.
Mond, darin sich zweie dicht umfangen
Hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,
die bemooste Vase in der Mitte
überdauert Jahre zwischen Kriegen.
Viel ist hingesunken uns zur Trauer
Und das Schönste zeigt die kleinste Dauer.
Heimito von Doderer
Dann erzählte Andreas vom Vortag: „Gestern hatte ich in der Zentrale ein besonderes Erlebnis. Ich fuhr mit dem Paternosteraufzug wie immer ganz hinauf in den zehnten Stock und oben herum. Wie es Heinrich Böll in seiner Kurzgeschichte Dr. Murkes gesammeltes Schweigen beschreibt. Und wie ich nach unten fuhr, im zehnten Stock, steigt der Generaldirektor ein! Ich grüßte natürlich höflich, wann hat so ein junges Würstel schon die Möglichkeit mit seinem Generaldirektor im Aufzug zu fahren.
‚Womöglich ein Verehrer von Heinrich Böll in meiner Mannschaft? Das freut mich!‘ Was sollte ich sagen? ‚Genau, Herr Generaldirektor, wann immer ich in die Zentrale komme, diese Fahrt muss ich machen und dabei an Böll denken.‘ Im 6. Stock stieg ich aus, um zu dir zu kommen, verabschiedete mich höflich, immerhin mein allerhöchster Vorgesetzter hat mit mir gesprochen und das ganz natürlich.“
„Hoffentlich hast du einen guten Eindruck hinterlassen.“
„Celia, die paar Sekunden vom 10. in den 6. Stock, er fragte nur aus welchem Werk ich komme und dann war die Fahrt aus.“
Inzwischen waren sie beim Palais Liechtenstein angekommen, gingen weiter zur Porzellangasse. Es wurde Zeit für Andreas, die nächste Straßenbahnhaltestelle zu suchen. Er musste zurück zum Südbahnhof und der D-Wagen fährt noch immer direkt dorthin. Den Abschiedskuss tauschten sie noch vor der Haltestelle. „Celia, es war schön bei dir, darf ich wiederkommen?“
„Du weißt, ich freue mich darauf und wir werden in die Oper gehen.“
„Das Konzert gestern und vor allem die Schubertsinfonie, das war so herrlich, und jetzt der Spaziergang in Liechtental und die Stiege, einfach bezaubernd, mit deiner Begleitung noch dazu. Einen Zusatzkuss noch, es kommt die Straßenbahn, ich muss noch ein Stück vorlaufen.“ Celia winkte ihm nach, sie wollte am Donaukanal bummeln. Bei der Oper stieg Andreas aus, ging die paar Schritte in die Kärntnerstraße zur Buchhandlung und kaufte dort die „Strudlhofstiege“. Er freute sich auf das Lesen im Zug und besonders freute er sich im Voraus auf den nächsten dienstlichen Aufenthalt in Wien.
Einige Monate danach, im Anschluss an den Besuch einer Rosenkavalier-Aufführung in der Staatsoper, war der mitgeführte Schlafsack überflüssig geworden. Der Kater Sophokles musste auch nicht mehr vom Bücherbord auf Andreas herunterspringen. Der hatte inzwischen „seinen“ Doderer gelesen, diesen Schriftsteller schätzen gelernt, er freute sich an den vielen kleinen verborgenen Bosheiten, die im Text eingestreut waren und ganz besonders an der Sprache, die ihn so sehr ansprach.
Die Kastanien blühten, der Grüne Veltliner war ausgezeichnet, die Holztische roh: Das Ambiente eines gemütlichen Heurigen ohne aufdringliche Musik. Celia und Andreas, nach einigen arbeitsreichen Wochen, hatten Zeit gefunden, ganz ohne Druck, ohne Anlass gegenüberzusitzen, nachzudenken, sich an den Händen zu halten, mit den Henkeln der Weingläser zu spielen.
Die Konzernzentrale in Wien war für Andreas nur eine unter vielen anderen Destinationen seiner Dienstreisen. Immer noch, wenn er das Gebäude der Zentrale betrat, benutzte er den Paternoster, genehmigte sich das Vergnügen des Dr. Murke. Die zollvorgemerkten Rohre waren schon längst Geschichte geworden, durch den EU-Beitritt hatte sich diese Aufgabe in Luft aufgelöst, doch abgesehen davon, war Andreas schon seit Jahren mit anderen Tätigkeiten beauftragt. Sein Freund Ferdinand und er wurden mit dem Aufbau und der Leitung von Abteilungen an einem Nachbarstandort beauftragt, hatten Verantwortung für eine Reihe von Mitarbeitern übernommen, mussten Vorgaben des Firmenvorstands abarbeiten, die gesteckten Ziele erreichen. Pendlerleben, doch keine großen Distanzen bei der täglichen Fahrt zur Arbeit. Beide waren dort angelangt, wo sie sich vor Jahren hingeträumt hatten, als sie nach der Arbeit im Café darüber sinnierten, was das Leben für sie an Möglichkeiten bereit halten konnte. Beide waren Mitglieder des Middle-Managements der Universal AG geworden, hatten Gestaltungsmöglichkeiten erhalten, doch waren sie weit davon entfernt, sagen zu können: ‚Wir haben unsere Ziele erreicht.‘ Oft genug saßen sie beisammen, überlegten, was geschehen müsste, um …
Ideen für neue Werkstoffe, neue Verbindungen, Anwendungsmöglichkeiten wälzten sie, besprachen sie immer wieder. Langsam bekamen diese Ideen Gestalt, wurden konkreter. Doch, wie so oft, es fehlte die Zeit, intensiv daran zu arbeiten und plausible Varianten zu planen. „Werden wir jemals Dinge tun können, die uns wichtig sind?“, klagte Ferdinand eines Abends, als sie wieder einmal dutzende Papierblätter auf den Flipcharts vollgeschrieben hatten.
Celia hatte die Universal AG vor Jahren verlassen, trotz Protest ihres damaligen Vorgesetzten, der sie für die Betreuung der Zollbeamten unbedingt weiter verwenden wollte, hatte sie ihr Dienstverhältnis gelöst, bei einer kleinen Agentur angeheuert, war in halb Europa unterwegs, um Artikel und Strömungen von jungen Designern und etablierten Maisons zu promoten. „Andreas, es geht mir gut, aber warum ich Dinge forcieren soll, die mir absolut nicht zusagen, das verstehe ich immer weniger, diese Agentur ist jedenfalls nicht das Ende der Fahnenstange, das ich mir vorgestellt hatte. Ich denke weiter!“ Eine, zwei Leitern, die wohin führten? Nach oben? Normalerweise dienen alle Leitern dazu, um nach oben zu kommen. Ferdinand sagte eines Tages im Zuge eines Gesprächs: „Du brauchst sie auch, um sicher hinunterzukommen!“ Celia und Andreas hatten ihr Zusammenleben arrangiert, die Wohnung in der Klabundgasse beibehalten, Andreas zu Hause eine Wohnung gekauft, mit einer Option, diese um die danebenliegende erweitern zu können. „Wenn Celia von Wien eines Tages genug hat oder ich ein eigenes Büro brauche“ war seine Argumentation. Doch die Angesprochene wehrte ab: „Andreas, ich werde sicher nicht zu dir ziehen und mit dir gemeinsam unter einem Dach wohnen. Bedenke, dass wir so viel unterwegs sein müssen, und wie schön es ist, wenn wir uns treffen und diese Zeit für uns haben. Denke daran, wie viele Konflikte wir uns ersparen, die bei anderen an der Tagesordnung sind. Es ist mir vollkommen egal, ob du deinen Mistkübel ausgeleert hast, und für dich ohne Belang, ob ich mein Frühstücksgeschirr abgewaschen und weggeräumt habe. Es interessiert keinen von uns, ob der Vorhang vor dem einen Fenster etwas schief hängt und das Bild an der Wand nicht in der Waage ist. Du könntest sagen, das sind Kleinigkeiten, das sind sie auch, aber genau an diesen Winzigkeiten entzünden sich die Konflikte des Alltags. Wir können uns das ersparen.“
Andreas stimmte Celia zu, trotzdem gab es auch Anlässe für Reibereien. So ganz lebten sie nicht nur im immerwährenden Honeymoon, wie auch Andreas einmal feststellte: „Wir machen uns gegenseitig keine Vorgaben, was wir mit unseren Ersparnissen anfangen, wir können jeder frei darüber verfügen, besprechen trotzdem wichtige Entscheidungen miteinander. Denke daran, wie wir uns ein wenig in die Haare kriegten, als wir darüber sprachen, wie wir Erspartes sinnvoll anlegen sollten. Du warst für Aktien, ich für Versicherungen, denke daran, darüber haben wir einige Nächte diskutiert.“
Celia stimmte sofort zu: „Das stimmt, aber das waren keine Streitereien, wegen derer wir unseren Haussegen schief hängen mussten. Fachliche Differenzen, wenn du so willst, und dann haben wir im Sinne einer breiten Streuung unseres Portfolios – wie du das nanntest – doch jeder das gemacht, was die persönliche Vorliebe war. Nein, mein Lieber, ich finde unsere Partnerschaft ist optimal. Wir können uns den Luxus von zwei Wohnungen, zwei Autos, zwei Autobahnvignetten, vieles anderes leisten! Ich möchte nichts verändern.“
Das alles stand an diesem Abend nicht zur Diskussion. Dieser Abend beim Heurigen war der Ruhe, der Entspannung gewidmet. Die beruflichen Zwänge, sie gab es, sie waren nicht zu übersehen, sie forderten ihren Tribut. Doch noch gelang es, die Freiräume zu erhalten. Jene Freiräume, von denen sie seinerzeit beim Würstelstand, bei den Gesprächen in der Klabundgasse geträumt hatten. Celia hatte eine längere Auslandsreise hinter sich, diese hatte sie in die „Nebenmetropolen“ der internationalen Mode geführt, sie war in Deutschland, in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und in Hessen unterwegs gewesen. Ein Großkonzern hatte sie engagiert und dabei sollte sie die Möglichkeiten ausloten, welche Chancen bestünden, die vielen kleinen Läden in der Provinz der Bundesrepublik so auszugestalten, dass sowohl die Ansprüche des Konzerns als auch die Erwartungen der Kundinnen am Land erfüllt würden. Andreas hatte sie am Flugplatz abgeholt, sie brachten das Gepäck in die Wohnung, spazierten anschließend durch Liechtental, die Studelhofstiege hinauf und hinunter, ärgerten sich darüber, dass durch die amerikanische Botschaft die Boltzmanngasse mehr oder weniger zum Sperrgebiet wurde. Nun saßen sie beim Heurigen, spielten mit den Henkeln der Gläser und kosteten den Grünen Veltliner, den Gemischten Satz des Winzers. Beide arbeiteten hart, der Aufstieg wurde ihnen nicht geschenkt, doch vieles, was sie sich erdacht, erträumt hatten, ging in Erfüllung. Oper, Konzert, Festspiele, Reisen, waren sie Privilegierte des Schicksals? Verwöhnte? Nun, sie hatten oft ‚um die Ecke gedacht‘, ungewöhnliche Wege eingeschlagen, Lösungen gewählt, die anfangs verstörten, doch im Laufe des Prozesses zum Erfolg führten. Die Anerkennungen blieben nicht aus. Die Beauftragung von Andreas mit der Leitung einer Abteilung, für Celia die Kontaktaufnahme mit dem internationalen Modekonzern, die Einkommen hielten damit Schritt, sie konnten sich manches leisten. Nebenbei erwähnte Andreas, er werde die Option für seine Nebenwohnung ziehen. Es könnte ja doch sein, dass es Celia sich überlege und in die Steiermark ziehen möchte.
„Nein, das haben wir besprochen, Andreas, das kommt nicht in Frage. Du brauchst nicht damit zu rechnen, dass ich dir in der Steiermark die Socken waschen und die Hemden bügeln werde. Wer macht dir das übrigens, oder bist du selbst am Werk? Ich habe keine Beanstandung, deine Hemden sind immer tadellos in Ordnung!“
„Bisher machte ich das selber, das stimmt, es dauert, aber ich bringe es hin. Nun hat sich meine Nachbarin, nachdem ich die Mittelwohnung kaufen werde, angeboten, das für mich zu tun. Ich werde das mit ihr vereinbaren, denn froh bin ich schon, wenn diese Arbeit weg ist.“
Sie bestellten einen weiteren halben Liter Gemischten Satz, Celia holte vom Büffet etwas zum Essen, kam mit voll aufgetürmten Tellern zurück, setzte sich zu ihrem Freund: „Bleiben wir heute länger sitzen, erstens ist es so schön und zweitens wollte ich dich schon lange einmal etwas fragen. Du hast dir Ziele gesetzt, die du erreichen willst, was willst du auf den Weg dorthin auflassen? Ist es nicht paradox, wir haben unsere persönliche Produktivität gesteigert, noch dazu in einem Ausmaß, das vor einigen Jahren unerreichbar erschienen wäre. Die Kommunikationsmittel, die wir zur Verfügung haben, ermöglichen es jederzeit und auf jedem Fleck der Erde erreichbar zu sein. Wir setzen unseren Ehrgeiz darein, das auch zu tun! Und warum? Wie ein gehetztes Tier, ständig in Bewegung, nur ja keinen Stillstand dulden? Können wir die Beschleunigung noch kontrollieren? Was ist es, was uns treibt? Die Märkte? Der Wettbewerb? Die Angst, zurückzubleiben? Und gönnen wir uns einmal eine Pause, so wie an diesem Abend beim Heurigen, gibt’s womöglich Gewissensbisse, weil in der Zeit ja ein Konzept erstellt werden könnte, ein Plan gemacht oder eine Kampagne vorbereitet wird? Andreas, wohin bewegen wir uns?“
Mit den Fingern am Glasrand entlang fahrend, so als ob er eine Glasharmonika spielen möchte: „Zum Wohl, mein Schatz, Ziele, wer hat die nicht? Und die Überlegung, was dafür zu opfern oder nicht so pathetisch, was dafür aufzugeben wäre? Noch habe ich mir den zweiten Teil der Frage nicht gestellt, kann keine Antwort geben. Zum ersten Teil, Ziele? Ja, ich habe welche. Ich leite inzwischen eine Abteilung, habe Verantwortung für etliche Mitarbeiter und Vorgaben der Geschäftsleitung, die zu erreichen sind, ich muss mich weiterbilden, um all dem nachkommen zu können. Will ich noch weiter in der Hierarchie aufsteigen? Wenn es sich ergibt, warum nicht, nun fragst du mich, was ich dafür bereit wäre aufzugeben? Celia, das ist schwerwiegend, nicht leicht zu beantworten. Eine Überlegung habe ich angestellt und eine diesbezügliche Entscheidung getroffen: Sollte es jemals zu Vorgaben seitens der Firmenleitung kommen, die ich nicht teilen kann, weil sie unanständig sind – ja ich verwende diesen Ausdruck bewusst, um die hochtrabende Bezeichnung ‚ethisch nicht vertretbar‘ zu vermeiden – dann würde ich nicht mitmachen. Wahrscheinlich würde ich aussteigen. Die Frage stellt sich derzeit nicht. Das Zweite, das du aufgeworfen hast: Ich denke an die Gelassenheit, die uns, die mir abgeht. Das Spazierengehen mit Freunden, das Zusammensitzen mit dir beim Heurigen oder ohne allen Druck in der Klabundgasse. So vieles anderes, das uns bewegt. Ferdinand hat mir eine Ausschreibung der Alpenvereinssektion gezeigt, die wollen im kommenden Frühsommer auf den Gran Paradiso gehen. Eine kleine Gruppe, nicht mehr als neun oder zehn Bergbegeisterte. Wenn wir, wenn ich da mitmachen möchte, sollte ich frühzeitig mit dem Training beginnen. Stattdessen hänge ich mit Ferdinand in einem Projekt drinnen, das uns beiden vielleicht einmal ‚groß Ruhm und Ehr‘ einbringen wird. Wir haben eine Innovationsidee, wenn das klappt und sich verwirklichen lässt, haben wir viele Werkstoffprobleme gelöst! Bis dahin ist noch viel Arbeit – neben dem normalen Alltag. Celia, Gran Paradiso – ganz hinten im Aostatal. Normalerweise unerreichbar, viel zu weit weg, zu lange Fahrtzeiten, was weiß ich noch an Ausreden und Ausflüchten. Ich wäre froh, zum Wochenende mit Ferdinand wenigstens auf den Hochschwab zu gehen.“
Eine lange Pause, dann antwortete Celia ganz leise, so dass Andreas Mühe hatte, sie zu verstehen: „Nicht gleich weltbewegend und allumfassend, es gibt auch so genannte kleinere Dinge, die wir abwägen müssten. Ich wollte in dieser Woche den ‚Rosenkavalier‘ in München besuchen, die Reise war so geplant, zeitlich wäre es sich ausgegangen, stattdessen nahm ich bei einem saublöden Get-Together-Dinner am Abend teil. Musste ich das? Oder wäre mir der Rosenkavalier lieber gewesen, anstatt Kontakte zu knüpfen beziehungsweise Netzwerke auszubauen? Andreas, diese kleinen Alltagsentscheidungen! Je mehr wir im Hamsterrad drinnen sind, umso öfter wird der Rosenkavalier ohne uns aufgeführt!“
Andreas wandte sich um, der ägyptische Rosenverkäufer kam in dem Moment vorbei und Andreas kaufte ihm fünf dunkelrote Rosen für Celia ab.
„Du hattest keinen Rosenkavalier in München, ich morgen keine Bergtour mit Ferdinand, weil wir beide ein Projekt vorbereiten, das wir dem Vorstand präsentieren wollen. Hardfacts haben wir im Büro von den Mitarbeitern ausarbeiten lassen. Die Vorgehensweise, die Rollenverteilung, wie wir die Entscheidungsgrundlagen dem Vorstand präsentieren und vor allem die Frage, was wir beide, Ferdinand und ich selbst, davon halten, was wir befürworten und wie wir uns die Projektarbeit – zusätzlich zur Tagesarbeit – vorstellen würden, das ist offen. Du hörst, ich muss mich mit Ferdinand zusammensetzen und kann nicht mit ihm auf den Hochschwab gehen. Du in Wien und Michaela in der Steiermark, ihr könnt, wenn ihr wollt, etwas unternehmen, wieder einmal – leider ohne uns. Du hast recht, wie lange wollen wir das machen? Was wollen wir auf dem Weg nach oben ‚links und rechts‘ liegen lassen? Hochschwab, Rosenkavalier, den bereits dreimal verschobenen Urlaub am Meer, den Gran Paradiso, die nicht gelesenen Bücher, da ich mich als externer Hörer auf eine Prüfung vorbereiten muss. Warum das alles? Celia, welcher gute Geist hat dir gerade heute diese Frage eingegeben?“
Sie spielte mit den Rosenstielen: „Warum kaufst du mir fünf Rosen, die schon verwelken, statt mit mir über eine Wiese zu laufen und Glockenblumen und Margeriten zu pflücken? Warum, Andreas?“ Dieser nickte ernsthaft.
„Weil ich weiterkommen möchte, eine größere Abteilung leiten und verantworten will? Neue Produkte, neue Dienstleistungen für das Unternehmen finden, die Arbeitsplätze der Mitarbeiter absichern, was weiß ich noch alles. Was denkt sich mein Freund Ferdinand dabei, er ist genauso drinnen und glaubt auch nicht, herauszukönnen. Gut, ich erweitere die aufgezählten Alternativen von Hochschwab, Rosenkavalier, Urlaub am Meer, den Gran Paradiso noch um neue Bücher und um die Margeriten und Glockenblumen. Ich füge noch etwas hinzu, Celia, wir hatten davon gesprochen, einige Tage in Venedig zu verbringen. Wenn wir noch lange zuwarten, müssen wir uns mit Millionen anderer Touristen all das teilen, was wir so gerne allein gesehen hätten! Wie oft haben wir vom Museo Correr gesprochen, der Scuola San Rocco und was weiß ich noch alles. Also die Liste der Alternativen wäre auch um Venedig zu erweitern!“
„Gut, mein lieber Andreas, wir haben erkannt, es gibt Handlungsbedarf. Was tun? Wie viele der schönen Seiten des Lebens wollen wir der Karriere opfern, um es ganz klar auszudrücken?“
Das angeschnittene Thema beschäftigte Andreas. Noch war er zu keiner Entscheidung gekommen. Da war das Projekt, das er mit Ferdinand vorbereitet hatte und dem Firmenvorstand vorlegen sollte. Etwas, von dem viel abhing, seine persönliche Zukunft im Unternehmen, eine Ausweitung um einige Dutzend Arbeitsplätze. Beide zweifelten nicht an der Genehmigung durch den Vorstand. Das würde aber auch bedeuten, die Umsetzung zu managen, überwachen, um die Erfolge lukrieren zu können. Was es ihnen persönlich bringen könne, darüber hatten sie sich keine Gedanken gemacht. Es war die Innovation, welche anspornte, sich in die Aufgabe hineinzuklemmen. Der Antrieb lag nicht bei möglichen Gehaltserhöhungen, Benefits in Form von Firmenanteilen, Aktien oder ähnlichem. Andreas war auf materielle Verbesserungen nicht angewiesen. Auch ein Zusatzurlaub stellte keinen Anreiz dar, er war mit seinen Urlaubsansprüchen im Rückstand. Der Urlaub des Vorjahres war nicht zur Gänze aufgebraucht. Finanzielle Abgeltungen dieses Anspruchs wären ungesetzlich. Außerdem würden sie beachtliche steuerliche Einbußen mit sich bringen. Auf lobende Erwähnungen in der Firmenzeitung und im Geschäftsbericht legte Andreas auch keinen besonderen Wert. Warum also die Anstrengung, der Verzicht auf Bergtouren mit Celia und Ferdinand, auf eine Fahrt nach Venedig? Warum nicht jetzt schon zu leben beginnen, anstatt weitere Jahre zuzuwarten. Und der Augenblick, wäre der dafür jemals günstig? Mit der Annahme durch den Vorstand ist sicher, dass sich das Hamsterrad schneller drehen würde. Er griff zur Hand Celias, nahm diese und drückte sie, dabei brummte er in seinen Bart hinein: „Celia, du hast mir was Schönes aufgetischt. Es stimmt, darüber habe ich wohl nachgedacht. Aber ich gebe zu, nicht gründlich. Immer nur Vorankommen, Vorwärtsstreben. Daneben so vieles, an dem ich vorbeirenne. Teufel noch einmal, warum gerade heute Abend, morgen ist mit Ferdinand unser Meeting angesetzt ist. Und wenn wir das ordentlich durchbringen, dann sind wir auf lange Zeit so verplant, dass die Glockenblumen auf den Wiesen nur mehr von den Kühen gefressen werden.“
Sie legte den Arm um ihren Freund, die Beine berührten einander, sie rückten näher zusammen, und das nicht nur, weil der Abend kühler wurde. Die Nachtfalter schwärmten um die Windlichter, die Geräusche der Großstadt drangen nur gedämpft in den Garten herein. Ein Abend, wie geschaffen für zwei verliebte junge Menschen, um sich näher zu kommen und nicht um große Probleme zu lösen. Und doch war es so, das Thema war angeschnitten, es lag förmlich auf dem rohen Holztisch. Andreas beschäftigte die Frage, er kam nicht los davon: „Darf ich mit einer Gegenfrage starten, Celia, hast du für dich eine Entscheidung getroffen? Du bist ebenso oft auf Dienstreisen, hast dir als Marketingspezialistin einen Namen gemacht, bist öfter in Mailand als ich in Wenigzell. Wirst du dort einmal auch in die Scala kommen, in der Via Montenapoleone oder der Galleria Vittorio Emmanuele einkaufen, was dein Herz begehrt, und dich mit neuester Mode persönlich verwöhnen? Du hetzt vom Flughafen ins Hotel, zu den Meetings, wieder zurück zum Flughafen, um nur ja rechtzeitig in Wien zu sein, Aufträge zu sichten und die nächsten Reisen zu planen. Du steckst in gleicher Form in der Tretmühle. Diese ständigen Dienstreisen, das immerwährende Leben aus dem Koffer, die immer gleichen langweiligen Frühstücksbüffets, die Abendmeetings, wo es darum geht, irgendwelchen glatzköpfigen Produktbeauftragten die Würmer aus der Nase zu ziehen, soll das die Lebenserfüllung sein? Wir stecken eigentlich beide bis zum Hals im Dreck der Kühe, die unsere Glockenblumen gefressen haben, sind Getriebene unseres Ehrgeizes, unseres Drangs, etwas schaffen zu wollen, das womöglich noch in zehn Jahren unseren Namen trägt. Was bringt es, was gewinnen wir, wenn wir beispielsweise in Purkersdorf oder bei mir in der Steiermark ein tolles Haus kaufen, das alle Stückerln spielt und ständig einer von uns oder womöglich alle zwei in der weiten Welt unterwegs sind. Da ist es mir schon lieber, wir bleiben, so wie wir jetzt leben – ich freue mich schon auf die Klabundgasse und unten an der Ecke für das Frühstück einkaufen zu können. Warum können wir es nicht mehr so einfach machen, wie vor vielen Jahren? Durch Liechtental und über die Strudlhofstiege wandern. Ich denke oft an diesen ersten Tag, diese erste Nacht bei dir und deinem Kater.“
Celia nahm Andreas, zog ihn vom Sitz hoch: „Trinken wir aus und gehen wir, in zehn Minuten können wir in der Klabundgasse sein und du darfst morgen Wachauerlaberln kaufen! Aber das Thema ist, wie du sagst, angeschnitten, wir kommen nicht mehr los davon, wir müssen und werden uns diesen Fragen stellen! Vielleicht schon morgen, wenn du mit Ferdinand zu Ende kommst. Ich fahre mit dir mit, Michaela und ich bereiten am Abend ein kleines Beisammensein vor, um unseren Welteroberern das wahre Leben vor Augen zu führen. Bald bin ich übrigens wieder in Mailand und dann steht eine Fahrt ins Val Sesia an. Dort sind eine Reihe stabilimenti di seta, da muss ich hin, es sollte eine Marketingkooperative gründet werden und ich darf dabei sein und mithelfen. Zu deiner Orientierung, lieber Freund, am Ende des Val Sesia liegt Alagna. Es führt von dort die Seilbahn auf die Punta Indren. Da beginnt der Aufstieg auf die italienische Seite des Monte Rosa! Wolltest du nicht schon lange einmal mit mir in dem Gebiet Viertausender sammeln? Du hattest sogar eine genaue Tourenplanung gemacht, nur vom Alltag losgekommen sind wir nicht. Und nun kommst du mit dem Gran Paradiso daher. Ich erzähle dir etwas, nichts Besonderes, ich erwähnte es nie, doch heute hat es Bedeutung bekommen: Ich musste von einem meiner Meetings in Basel weiter nach Mailand. Ein herrlicher Tag, die schneebedeckten Schweizer Hochalpen, einfach ein Tag zum Genießen. Wenn man sich die Zeit dazu nimmt. Was tat ich? Ich machte einen Umweg, fuhr nicht über den Simplon oder den Gotthard, sondern über Chamonix und den Montblanc Tunnel! Auf der italienischen Seite hielt ich in einem Nest nach Courmayeur eine lange Rast. Der Blick zurück auf die Brenvaflanke des Montblanc, nach vor in die Berge der Paradisogruppe, ich ließ Mailand warten und fuhr aufs Geratewohl in eines der Seitentäler hinein. Diese zweigen vom Aostatal ab und führen schnurstracks in Richtung Süden. Das Tal wurde immer enger, die Hänge rechts und links steiler und die Häuser immer öfter total verfallen. Ich dachte schon daran umzudrehen, aber irgendwo musste dieses Tal ja hinführen, kam an Degioz vorbei, einem kleinen Dorf, Plakaten entnahm ich, dort ist die Verwaltung des Gran Paradiso Nationalparks und es ging noch einige Kilometer weiter bis Pont. Aus, Ende, Talschluss.
Die Gletscher schauten herunter, das Hotel Gran Paradiso an einem großen Parkplatz, nun war die befahrbare Welt wirklich zu Ende. Ich dachte vorerst an einen Cappuccino oder an ein Mittagessen. Dann sah ich, wie Steinböcke über den Parkplatz spazierten, an meinem Auto leckten, es war wahrscheinlich Salz dran, und ich beschloss spontan eine Nacht dort zu verbringen und erst am Folgetag nach Mailand weiter zufahren. Also, mein Lieber: Wenn das mit dem Gran Paradiso klappen sollte: ich bin auf alle Fälle dabei, in diese Gegend habe ich mich auf der Stelle verliebt! Plane was du willst, melde mich bei deiner Sektion an, ich mache die Tour auf den Berg dorthin mit!“
„Celia, ich melde uns beide bestimmt an, auch auf die Gefahr hin, dass ich stornieren muss.“
„Du wirst keinesfalls stornieren, dafür sorge ich persönlich. Und verständige die Schurmanns, die möchten sicher auch mitkommen!“
„Celia, abgemacht, Morgen beim Ferdinand wird das erledigt.“
„Wieder etwas, das wir unserer Liste anfügen müssen! Bestimmt fahr ich das nächste Mal bis Alagna, es ist zwar ein elender langer Graben, wie mir die Mailänder Freunde sagten, aber drinnen wunderschön. Du mach dein neues Produkt, damit deine Firma ihren Wert erhöhen kann und der Aktienkurs steigt, Ferdinand und du belohnt werdet, ich schaue mich am Monte Rosa um!“
Eine abendliche Wanderung durch Nußdorf zurück zur Heiligenstädterstraße und in die Klabundgasse. Das Schweigen der beiden, das Suchen nach Antworten auf die drängenden Fragen. „Celia, ehrlich, du hast recht. Lass mich noch ein paar Jahre Karriere machen. Es stimmt, ich habe ein Berufsziel, ich will in die oberste Etage kommen, bei dieser Firma oder bei einer anderen. Unser neues Produkt soll dabei helfen. Mit Ferdinand bin ich einer Meinung, wir ziehen das durch. Dann wollen wir weitersehen. Er und Michaela heiraten in Kürze, ich mache dir jetzt, in der Frühlingsnacht in der Nußdorferstraße den Heiratsantrag. Liebe Celia …“
„Lass das sein, Andreas, wir haben diese Frage besprochen, ich bleibe bei meinem Nein. Nicht dass ich mit dir nicht leben möchte, aber diesen Schritt setzen? Nein! Das hat nichts mit dir zu tun, ich könnte mir niemanden anderen an meiner Seite vorstellen, lass uns so beisammen bleiben. Du weißt, ich liebe dich. Du hast jene Zeit erwähnt, als du mit Schlafsack bei mir übernachtetest, wir die zollvorgemerkten Nahtlosrohre überprüfen mussten. Seit damals bist du in meinem Leben ein Fixpunkt. Ich brauche dazu keinen Pakt vor einem Standesbeamten und keinen Segen eines Geistlichen. Du bist mein Andreas, und daran halte ich fest. Soeben hast du mir gestanden, dich weiter beruflich zu engagieren und zu rackern. Ich habe ebenfalls meine Ziele, in Kürze werde ich meine eigene kleine Firma eröffnen, mich nicht für andere zerreißen, sondern für mich, für uns beide. Wir haben einiges vor, ich fürchte, unsere Liste der Alternativen wird sehr lang werden, bevor wir daran gehen können, sie nach und nach abzubauen – hoffentlich ist uns diese Zeit noch gegönnt.“
„Celia, bitte keine grauen Vorausahnungen, dazu ist der Abend einfach zu schön.“ In der Klabundgasse, kein Begrüßungsmiauen von Sophokles, den es schon lange nicht mehr gab, sie hatten es eilig ins Bett zu kommen.
*
Das abendliche Meeting bei Michaela und Ferdinand, von den beiden Frauen begleitet, mit einigen Leckereien und einem guten Tropfen aus Ferdinands Keller.
Andreas begann die Diskussion der Freunde: „Ferdinand, wenn wir das dem Vorstand verklickern wollen, so geht es doch darum, dass die es dann im Aufsichtsrat durchbringen. Unser Ansatz ist schon sehr – nun ich behaupte einmal, ungewöhnlich, um nicht zu sagen, er ist ein Wagnis.“
Ferdinand stand an der Flipchart, einen Schreibstift wie einen Zeigestab in der Hand: „Andreas, das Wagnis dabei ist, anders zu denken als die anderen. Das kann sehr unangenehm werden, kann alles über den Haufen schmeißen, denn wir lösen uns von allen Klischees. Gehen wir noch einmal von Anfang an durch: Es gibt den Bedarf an solchen Materialien noch gar nicht, nur wir sind überzeugt, es muss ihn geben! Also erstes Wagnis: Das „Anders-Denken“ – wir gehen nicht von Markterhebungen aus, sondern wir schauen einige Jahre voraus und nehmen an, dass wir damit richtig liegen. Wir haben ein System überlegt, wie mit neuen Werkstoffverbindungen Aufgaben besser gelöst werden könnten, als es derzeit der Fall ist. Kein Mensch hat bisher so unterschiedliche Werkstoffe miteinander zu kombinieren versucht. Doch gerade die Erprobungen haben gezeigt, es geht, und dann haben wir, hast du begonnen, die Anwendungsmöglichkeiten durchzurechnen und wir kamen zu einem Resultat, das nicht endet! Die Möglichkeiten sind noch gar nicht abzuschätzen. Das zweite Wagnis ist das einzig berechenbare: Wir können Ansätze festlegen, Mengen, Kosten, Prozesse, Bedingungen, all das haben wir analysiert. Es schaut urplötzlich nicht mehr nach Utopie aus, sondern wird eine respektable Erweiterung unseres Portfolios.“
„Liebe Erfinder, denkt auch ein wenig über den Tellerrand hinaus“, mischte sich Celia ins Gespräch. „Sollte man bei derartigen Innovationen nicht auch daran denken, welcher Mehrwert für die Gesellschaft entstehen könnte? Seid nicht ausschließlich technokratisch! Denkt beispielsweise an jene, welche bisher von Anwendungen ausgeschlossen waren. Kann denen mit billigerem Material womöglich ein Zugang geschaffen werden, daraus auch für das eigene Leben Entwicklungen einzuleiten? Gibt es neue Anlagen, welche das Leben jener erleichtern, die mit natürlichen, klimatischen, Beschränkungen auskommen müssen, keine Möglichkeiten haben, kostengünstige Düngemittel zu beschaffen, zu Trinkwasser zu kommen, sich Werkzeuge anfertigen können, welche die Bodenbearbeitung erleichtern. Ich will gar nicht von Vorteilen für die gesamte Menschheit reden, so übertreiben darf ich bei euch beiden nicht, denn dann werdet ihr womöglich größenwahnsinnig. Habt ihr eine Verbesserung oder eine echte Innovation, welche weit über den bloßen Ersatz eines Werkstoffes durch einen anderen hinausgeht?“
Ferdinand wandte sich der gemeinsamen Freundin zu: „Alle Möglichkeiten, so weit, wie du das denkst, Celia, haben wir noch gar nicht gesponnen. Es stimmt, dieses Material bietet viele Chancen in der weiteren Anwendung. Und ich bin sicher, es wird eine Reihe von Nachfolgern geben, die daran weiterarbeiten. Allein wenn ich daran denke, welche Gewichtsreduktionen möglich werden, wenn die Werkstoffe weitergeführt, ausgetestet, sind! Mit den ersten Versuchen, so unterschiedliche Werkstoffe zu kombinieren, haben wir ein Fenster aufgestoßen. Wir können beweisen: Das geht, es funktioniert und kommt bei den strengsten Materialprüfungen durch. Wenn wir die Verarbeitung auch noch kostengünstig entwickeln, ist eine Revolution am Werkstoffsektor zu erwarten.“
Andreas ergänzte: „Ferdinand, du hast den richtigen Ansatz gefunden. Haben wir nicht einmal bei einem Seminar gehört, dass man auch um die Ecke denken muss? Du hast das ausgezeichnet vorgeführt. Der Vorstand ist unsere erste Umwelt, die es zu überzeugen gilt. Wenn wir es schaffen, auch nur einen von denen auf unsere Seite zu ziehen, sind wir schon keine Minderheit und haben Verbündete. Celia hat mich gestern Abend auf ein Thema angesprochen, das ich bisher verdrängte. Was wäre ich bereit zu opfern, aufzugeben, auf meinem Weg nach oben, wobei gar nicht klar ist, welches Oben damit gemeint ist. Wir haben beruflich viel erreicht, das Leben aber links liegen gelassen, weshalb mir die Frage keine Ruhe lässt. Ich versichere dir, lieber Freund, das ziehen wir durch, danach werde ich anfangen, auch persönlich anders zu denken. Wir werden diese Herren soweit bringen, dass sie begeistert mit unseren Unterlagen zum Aufsichtsrat pilgern und dort die Möglichkeiten und Chancen des Verbundes von Metall mit Kunststoffen darlegen. Darauf folgt der Beschluss im Aufsichtsrat und es geht dahin. Man entsendet uns in die Projektgruppe, bekommen den Auftrag, gemäß unseres Konzeptes die Umsetzung einzuleiten, aber davon abweichend, in kürzerer Zeit, mit geringeren Anfangskosten und früheren Erträgen. Was werden Ferdinand und Andreas tun? In die Hände spucken, alle Pläne bezüglich Monte Rosa, Kunstreise nach Venedig und was weiß ich noch alles, zurückstellen. ‚Aber dann, wenn wir das gemacht haben, dann, liebe Celia, liebe Michaela, dann holen wir alles nach.‘ Inklusive dem fälligen Herzinfarkt oder zumindest dem ehrlich erarbeitetem Burn Out. Doch vorher – und nun haltet euch fest: Celia und ich sprachen gestern sehr gründlich über unsere Zukunft, über unser Streben und Hasten und Hetzen. Ich erzählte ihr so nebenbei von der geplanten Bergfahrt unserer AV Sektion an den Gran Paradiso. Was glaubt ihr, war die Reaktion von ihr? Vor einigen Wochen machte sie bei der Fahrt von Basel nach Mailand einen Umweg über Chamonix und durch den Montblanc Tunnel. Im Aostatal bog sie nach Süden ab und kam in einem Talschluss am Fuße des Gran Paradiso. Dort hat es ihr so gefallen, dass sie spontan eine Nacht blieb. Und nun muss ich sie unbedingt zur Bergtour zum Gran Paradiso anmelden. Sie ist fest überzeugt, auch ihr beide werdet dabei sein. Na, was jetzt?“
Ferdinand, war er eingeschnappt deswegen? „Bravo, Andreas, so stelle ich mir den Start optimal vor. Willst du mitmachen oder soll ich allein …?“
Andreas schwächte ab: „Bist blöd, natürlich mache ich mit, was glaubst du denn, nur weil ich über das Leben nachdenke? Nein, wir ziehen das durch. Du wirst sehen, das haben wir in einer Stunde geschafft und der Vorstand gibt sein Okay.“
Ferdinand, sachlich, pragmatisch: „Gut und anschließend melde ich uns alle vier bei der Sektion zur Bergtour an. Wann beginnen wir mit den Vorbereitungstouren? Je früher, desto besser, immerhin ein echter Viertausender!“
„Ich kann’s nicht glauben!“, rief Michaela dazwischen. „Ihr macht einmal vernünftige Pläne. Celia, das war die beste Idee, die du hattest. Wir kommen beide mit! Ich habe nicht gedacht, dass unsere Männer außer ihren Verbundmaterialien noch anderes im Kopf haben. Aber du hast recht, das hatten gar nicht sie im Kopf, du warst das – Celia super – danke für deine Initiative!“
Die Freunde ordneten alle Unterlagen, es fehlte nichts, keine Datei war abhanden gekommen, kein Schaubild ohne Diagramm. Exakte Arbeit, sie konnten sich dem Abendessen widmen, das Michaela vorbereitet hatte.
„Die Flasche Champagner kommt erst, wenn ihr die Zusage eurer Chefs habt“, sagte Michaela, „Ferdinand hat einmal von einer Dienstreise eine mitgebracht, für besondere Anlässe, sagte er damals. Das könnte ein solcher sein. Und nun auf euer Wohl, ihr Welteroberer!“
Niemand erwähnte die Fragen, die Celia und Andreas am Vorabend bedrückten. Lediglich Andreas sagte im Laufe des Abends einmal beiläufig: „Wenn wir morgen kein Okay bekommen? Ferdinand, was dann?“
„Das kann ich mir nicht vorstellen, das wäre ein NEIN, ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird.“
Andreas ließ nicht locker: „Ich meinte ja nur, so um alle Möglichkeiten durchzuspielen. Kündigen wir dann und probieren es anderswo?“
Michaela antwortete anstelle von Ferdinand: „Kommt nicht in Frage, Andreas, ich habe schon fix vor, mit den Benefits kaufen wir uns ein Haus in der Nähe und ziehen an den Waldrand.“
„Also gibt es außer Zustimmung gar keine Alternative. Um des Hauses willen, liebe Michaela, müssen wir den Vorstand für unser Projekt gewinnen. Auf euer Haus!“
„Ja, und glauben wir an das Abenteuer des Unbekannten.“ Sagte Ferdinand.
Ein Paket an Zeichnungen, Spezifikationen, Anforderungsbedingungen belegte die letzte freie Arbeitsfläche am Schreibtisch von Andreas: „Ferdinand, komm vorbei, da habe ich eine Anfrage, die betrifft unsere beiden Abteilungen, das müssen wir besprechen.“
Als Ferdinand ins Büro seines Freundes kam: „Bist narrisch, du schaust ja gar nimmer aus dem Papier heraus, was ist denn los?“ Andreas wies auf einige Zeichnungen: „Wenn du erst die Größe der Apparate siehst, dann wirst du ein Aug aufreißen! Eine Anfrage für das gesamte Equipment einer Anlagenerweiterung in Südostasien. Es wird allerdings nur komplett vergeben, Teile daraus anzubieten, scheidet aus.“
Ferdinand rieb sich begeistert die Hände: „Super, könnten wir sicher brauchen, gibt es ein Problem dabei?“
„Die Größe der Apparate. Die meisten schaffen wir, wenn auch mit ein wenig Bauchweh. Du weißt, die Großformate der Bleche, da kommen unsere Freunde vom Walzwerk nicht immer mit. Aber im Prinzip ist es machbar, bis auf einen Reaktionsapparat, der mir Sorgen bereitet. Der sprengt die Möglichkeiten der Fertigungseinrichtungen.“
Ferdinand zog einen Stuhl zum Schreibtisch seines Freundes, rollte die Zeichnung aus. „Wahnsinn, einen Durchmesser von 6 Meter und 23 Meter lang! Wie schwer wird der sein?“
Andreas hielt ihm einen Notizzettel hin: „Ich habe schnell gerechnet, ich komme auf mindestens 286 Tonnen, da fehlen aber noch die Inneneinbauten, die Aufstiege und Podeste. Das geht sich nicht einmal mit Sondergenehmigung auf der Autobahn aus. Und wenn wir Interesse haben, müssen wir auch dieses Riesentrumm anbieten.“
Ferdinand fragte seinen Freund: „Hast du die Bleche für den Mantel angesehen: 80 Millimeter Wandstärke! Die gestreckte Länge eines Mantelschusses beträgt über 18 Meter! Wenn wir da keine Großformate bekommen, können wir uns das Anbieten ersparen, denn einen Fleckerlteppich aus Normalformaten zusammenzuschweißen, das geht sich nie aus. Gibt es Walzwerke, die derartige Großtafeln liefern können? Es müsste mindestens ein Format von 3 mal 9 Meter sein, um kostengünstig herstellen zu können. Dann die Bleche vorpressen, die Kanten für die Schweißung bearbeiten, einrollen und schweißen. Das wäre alles machbar, aber deswegen hin und her transportieren – unmöglich. Lass einmal prüfen, ob es Walzwerke gibt, die derartige Großtafeln mit der notwendigen Stahlqualität herstellen können. Ist die Legierung problematisch?“
Andreas schüttelte den Kopf: „Nein, das nicht, Warmarbeitsstahl, hatten wir schon einige Male. Das Schweißen geht nur mit örtlicher Vorwärmung.“
„Das auch noch!“, so Ferdinand.
Und Andreas ergänzte: „Innen wird der Reaktor mit hochlegiertem Material ausgekleidet, fünf Millimeter Blechstärke, das können wir noch von unserem Walzwerk beziehen. Aber den Außenmantel nicht, wenn wir dafür keine Lösung finden, wäre ewig schade. Die vielen Wärmetauscher, ideal für deine Abteilung! Jede Menge Drehund Fräsarbeiten, viele Montagestunden, würde perfekt zu uns passen.“
Ferdinand fragte nach: „Was ist denn sonst noch dran, zahlt es sich wirklich aus, dass wir uns die Arbeit aufhalsen und Fertigungsmöglichkeiten überlegen?“
Andreas hob die Gesamtspezifikation aus dem Packen Unterlagen heraus: „An die 25 verschiedene Apparate, Kolonnen, Fraktionen, Abscheider, unzählige Rohrleitungen mit Absperreinheiten, Verteilern und allem was dazu gehört. Ich schätze an die zwei Jahre Arbeit!“
„Andreas, das machen wir, lass einmal alles durchrechnen, Gewichte, und so, dann schalten wir den Einkauf ein, wo wir die Großbleche herkriegen und wir beide suchen dann einen Platz wo wir den Riesen zusammenbauen können. Eine Idee habe ich schon, aber die ist noch nicht fertig gedacht. Lass mir dazu Zeit!“
