STAHLZEIT BAND 2 - Tom Zola - E-Book

STAHLZEIT BAND 2 E-Book

Tom Zola

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Beschreibung

Erleben Sie den 2. Band der erfolgreichen Alternativwelt-Serie über einen anderen 2. Weltkrieg jetzt als rundum überarbeitete Neuausgabe! Nie war militärische Fiktion aus Deutschland besser! Synopsis: Der Krieg geht weiter. Bei Kursk konnte die Wehrmacht einen Sieg einfahren, doch die Rote Armee holt zum Gegenschlag aus. Schon gerät die gesamte Ostfront unter dem enormen Druck der Offensive ins Wanken. Zur gleichen Zeit fassen die Westmächte Italien ins Auge. Mit einer Landung auf Sizilien wollen sie den „weichen Bauch“ des Deutschen Reichs angreifen … Im Mittelpunkt dieser historisch detaillierten Alternativwelt-Serie stehen die lebendigen Figuren: Der Panzeroffizier Josef Engelmann, der Agent der Abwehr Thomas Taylor, der Infanterist Franz Berning. Über 12 Bände hinweg machen sie lebensverändernde Entwicklungen durch, während Deutschland, die Sowjetunion und die Westalliierten über die Vorherrschaft Europas ringen. Und über allem schwebt die spannende Frage: Was wäre, wenn …? Profitieren Sie zudem von dieser Neuausgabe, die der Autor inhaltlich und sprachlich vollständig überarbeitet hat. Erleben Sie Stahlzeit jetzt in seiner besten Version! Was Sie von dieser Serie erwarten dürfen: Keine Rücksicht! Erleben Sie den Pulverdampf, die Kämpfe und menschliche Abgründe in all ihren Facetten Packende Schlachtszenen und berührende Figuren werden Sie bis zum letzten Satz fesseln Historisch akkurat und glaubhaft entfaltet sich vor Ihren Augen eine alternative Zeitlinie, die aufzeigt, wie der Krieg auch hätte verlaufen können Die nach 12 Bänden abgeschlossene Stahlzeit-Serie, ursprünglich erschienen zwischen 2014 und 2017, konnte bereits tausende Leser fesseln und begeistern. Tauchen auch Sie jetzt in das vielschichtige Stahlzeit-Universum ein – mit der besten Version, die es jemals gab!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Nachspiel

Personenverzeichnis

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Impressum

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Mit unserem Label EK-2 Militär möchten wir militärische und militärgeschichtliche Themen sichtbarer machen und Leserinnen und Leser begeistern.

Vor allem aber möchten wir, dass jedes unserer Bücher Ihnen ein einzigartiges und erfreuliches Leseerlebnis bietet. Daher liegt uns Ihre Meinung ganz besonders am Herzen!

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Heiko, Jill & Moni

von

EK-2 Publishing

Berlin, Deutsches Reich, 28.05.1943

Es war eine stürmische und verregnete Freitagnacht, die jeden Gedanken an den Sommer verdrängte. Dicke Tropfen prasselten auf die durch die jüngsten Bombardements gebeutelte Hauptstadt des Reiches, während kühle Luft durch die Straßen und Gassen strich. In der Ferne röhrten die Motoren britischer Bomberverbände. Hunderte Maschinen zogen über den Süden von Charlottenburg hinweg und warfen ihre tödliche Last ab. Die heimische Flak bellte allerorts. Ihre Geschosse zogen glühend gen Himmel. Wenige deutsche Jagdmaschinen warfen sich schützend zwischen Berlin und die feindlichen Bomberpulks.

Als tiefes Dröhnen hallten die Detonationen auch bis zum Schloss Bellevue herüber, wo der Reichskanzler des Deutsches Reichs, Generalfeldmarschall Franz Halder, ungeachtet der Gefahr aus der Luft die Regierungsarbeit fortführte. Es mussten schon der Bezirk Tiergarten und das Schloss selbst im Bombenhagel liegen, damit Halder die imposante Dreiflügelanlage verlassen und sich in Sicherheit bringen würde.

Halder saß in seinem Büro, ein mit Holz vertäfelter großer Raum, der Platz für eine ganze Fußballmannschaft geboten hätte. Karten über Karten, die die Lage in Frankreich, in Italien, an der Ostfront und im Pazifik darstellten, waren in Aufsteller eingebettet. Der Blick des Kanzlers schweifte über das Kartenmaterial. Ihm wurde bewusst, was in den fast sieben Monaten seiner Amtszeit bereits alles geschehen war.

Im ersten Quartal des Jahres 1943 hatte von Manstein, dem Halder alle Kompetenzen für die Ostfront übertragen hatte, trotz der Schlammperiode in den Abschnitten der Heeresgruppen Mitte und Nord einige überraschende Erfolge erzielen können. Die im Raum agierenden Verbände waren nach und nach durch ehemalige SS-Männer und ehemalige Häftlinge aufgefrischt worden, die durch die Auflösung zahlreicher Konzentrationslager und deren Logistik freigeworden waren. Darüber hinaus griffen auch Truppen der Heeresgruppe Süd, die dank taktischer Rückzüge der Wehrmacht zur Verfügung standen, in von Mansteins Operationen des ersten Quartals ein, so zum Beispiel die kampfstarke 24. Panzer-Division. Bis Ende Februar arbeiteten sich die Verbände des Oberbefehlshaber Ost – kurz OB Ost – bis an Tula heran, ehe von Manstein weitere Angriffe untersagte, um seine Kräfte nicht überzustrapazieren. Als sich der März dem Ende zuneigte, gelangte von Manstein zu der Überzeugung, die Wehrmacht wäre für eine weitere Offensive im laufenden Jahr nicht mehr gewappnet. Der Kanzler allerdings setzte das umstrittene Unternehmen Zitadelle durch – und dies mit Erfolg. Bereits kurz nach der Eroberung Kursks aber holte der Feind zum Gegenschlag aus. Seine Gegenangriffe setzten nicht nur den deutschen Verbänden bei Orel bis Stalino zu, nein, sie machten auch fast alle deutschen Erfolge des Jahres zunichte. Tausende Ortschaften wechselten zum x-ten Mal den Besitzer.

Der Lärm der Bombardements in der Ferne riss Halder aus seinen Gedanken. Das Donnern und Krachen der Bomben war eine mittlerweile grausig-vertraute Geräuschkulisse für den Kanzler; und auch wenn jede Bombe, die auf deutsche Städte fiel, Halders ohnmächtige Wut nur noch weiter schürte, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Geschehen tatenlos beizuwohnen. Die Luftwaffe, ausgezehrt durch vier Kriegsjahre und gezeichnet von Personal- und Materialknappheit, hatte den alliierten Bomberangriffen wenig entgegenzusetzen. So kam es, dass dieser Tage Flugzeuge der Alliierten durch den deutschen Luftraum flogen, wie es ihnen beliebte. Halder hatte unzählige Gespräche mit Erhard Milch geführt, seines Zeichens Oberbefehlshaber der Luftwaffe, doch sie waren immer zu demselben ernüchternden Ergebnis gelangt: Das Deutsche Reich war angesichts des Bombenterrors nahezu machtlos. Es ging dem Kanzler wahrlich nahe, tausendjährige deutsche Städte binnen Stunden in Schutt zerfallen zu sehen. Es ging ihm noch viel näher, das in Berlin durch den Bombenterror geschaffene Leid hautnah zu erfahren: Frauen, die tote Kinder aus Ruinen zerrten. Knaben und Mädels, denen Beine oder Arme fehlten, oder deren Gesichter bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren. Einmal hatte er am ganzen Körper gezittert, als ihn sein Adjutant durch Schönefeld gefahren hatte, kurz nachdem der Bezirk Opfer eines großen Angriffes geworden war. Was der Feind mit den Städten – mit den Menschen – Deutschlands anrichtete, machte den Reichskanzler sprach- und fassungslos. Doch Halder kannte auch den ganzen Zwiespalt seiner Gefühlslage: Er war der Kanzler des Deutschen Reiches und hatte gemäß der durch seine Regierung geschaffenen Gesetze die alleinige Führerschaft über die Nation inne. Ein Wort und ein Schriftstück würde es ihn kosten und die Bombardements würden umgehend enden. Doch er gab dieses Wort nicht und er setzte auch dieses Schriftstück nicht auf, denn Halder war überzeugt, dieser Opfergang des deutschen Volkes war die einzige Möglichkeit, das Reich in die Zukunft zu retten, denn die von den Kriegsgegnern geforderte bedingungslose Kapitulation würde das Ende der deutschen Nation bedeuten. Dies konnte der Kanzler nicht akzeptieren; also musste der Krieg fortgesetzt werden. Auch war ihm die andere Seite der Medaille bewusst: Deutschland hatte diesen Krieg begonnen, in dessen Verlauf die deutsche und die britische Luftwaffe über die Städte des jeweils anderen herfielen. Darüber hinaus war die Bombardierung der Zivilbevölkerung ein in Halders Augen zwar grausames, aber legitimes Mittel, um den Feind in die Knie zu zwingen. Die Kriege des 20. Jahrhunderts waren durch die fortgeschrittene Industrialisierung totaler und grausamer als alles je Dagewesene, und darum mussten sie auch genauso total und grausam auf allen erdenklichen Ebenen ausgefochten werden.

Deutsche Bombenangriffe gegen englische Städte unterblieben derzeit nicht, weil der Kanzler für derlei Methoden zu gutmütig war. Auch Halder würde wieder Angriffe gegen feindliche Städte befehlen, könnte die Luftwaffe dafür Kräfte entbehren, doch wurden deutsche Bomber an der Ostfront dringender benötigt. Sollten im nächsten Jahr tatsächlich diese wundersamen Flugkörper einsatzbereit sein, deren Ungenauigkeit ein Einsetzen gegen militärische Ziele schwierig gestaltete, so würde Halder auch ihren Einsatz gegen feindliche Städte anordnen. Dann würden englische Frauen und englische Kinder auf seinen Befehl hin sterben. Es war eine harte Zeit, das wusste der Reichskanzler. Die Kriege des 20. Jahrhunderts erlaubten keine Unbeteiligten mehr. Entweder man war für eine Seite – oder gegen sie. Halder musste diese Ordnung und diese Spielregeln nicht mögen, doch er war realistisch genug zu erkennen, dass sie existierten, dass das grausame Spiel, das die Menschheit »Krieg« nannte, auf diese Weise funktionierte.

Doch, wie gesagt, derzeit befand sich das Deutsche Reich am empfangenden Ende des Luftkrieges. Es gab wenig, was der Kanzler dagegen ausrichten konnte. So arbeitete Halder eben weiter, während anderenorts in Berlin Bomben vom Himmel regneten, Gebäude einstürzten, Menschen starben. Arbeit war Halders Rezept gegen die Niederlage. Tiefe Augenringe zeichneten den sichtlich alt gewordenen Kanzler, der seit Amtsantritt kaum eine Nacht richtig geschlafen hatte. Arbeit bestimmte sein Leben. Er koordinierte die Politik, die Wirtschaft und das Militär. Er reiste umher, an die Brennpunkte und zu den wichtigsten Produktionsstätten. Er sprach mit den führenden Industriellen des Landes, den Porsches und den Krupps; er sprach mit den Feldmarschällen und Generälen; er sprach mit seinen Ministern und den Reichstagsabgeordneten, auch wenn Letztere im Grunde keinen Einfluss besaßen. Beck wollte gar das demokratische Element aus dem Staat entfernen, doch Halder hatte sich schließlich dagegen entschieden, obwohl auch er sicherlich kein Demokrat war. Doch der Reichskanzler glaubte, man dürfe den Deutschen nicht zu viele Veränderungen auf einmal zumuten, und somit blieb die Farce des Reichstags vorerst bestehen.

Des Kanzlers Arbeitsabläufe führten dazu, dass er jeden Tag unzählige Gespräche führte. Er koordinierte, er dirigierte, er lenkte den Staat. Er traf Entscheidungen. Vor allem korrigierte er zahlreiche Fehler Hitlers. Die Wirtschaft zum Beispiel durfte nicht länger so tun, als wäre alles in Butter. Deutschland konnte es sich nicht leisten, Luxusgüter zu produzieren. Alles musste auf den Kampf ausgerichtet werden.

Und zur Stunde gab es eine Angelegenheit von wirtschaftlicher wie militärischer Bedeutung zu klären. Zwei Männer standen am Tisch des Reichskanzlers, auf dem sie einen ganzen Haufen Dokumente und Arbeitsmappen abgeladen hatten. Sie stritten lautstark über das Thema. Bei den beiden Streithähnen handelte es sich um Albert Speer, Reichsminister für Produktion und Rüstung, und um Generalfeldmarschall Heinz Guderian, Chef des Heereswaffenamtes. Sie waren gemeinschaftlich mit der Aufgabe betraut, die Rüstungsproduktion zu maximieren, und beide galten innerhalb der Regierung als umstritten.

Halder blickte mit müden Augen auf und betrachtete die beiden Männer, die sich wie Hammel aufplusterten und gestenreich Argumente im Raum verteilten.

»Die Entwicklungsphasen sind bei allen Projekten längst angelaufen – teilweise schon abgeschlossen. Mit einigen Modellen stehen wir kurz vor der Serienproduktion. Das ist eine Verschwendung sondergleichen und ein einziger Wahnsinn, was du da forderst!«, schleuderte Speer seinem Kontrahenten entgegen, ehe er etwas ruhiger fortfuhr: »Heinz, niemand versteht mehr von Panzern als du, aber bedenke auch eines: Niemand versteht mehr von der Organisation der Industrie als ich. Also glaube mir, wenn ich dir sage, die Kosten für den Abbruch solcher weit fortgeschrittenen Projekte sind nicht akzeptabel.«

Halder seufzte. Speer war als einer der engsten Vertrauten Hitlers einigen Angehörigen der neuen Regierung nur schwerlich zu verkaufen gewesen. Letztendlich zogen allerdings zwei Argumente, die seine Besetzung zuließen: Zum einen konnten sie nach dem Tode Hitlers nicht einfach so tun, als habe es die NS-Herrschaft nie gegeben, auch wenn einige das gerne tun würden.

Doch das Deutsche Reichs war in Kriegstagen wie diesen auf Stabilität angewiesen, und die konnte nur erreicht werden, wenn sie alle Strömungen mit ins Boot holten, also auch all die Nationalsozialisten und Parteifreunde. Speer war daher ein guter Kandidat für einen Regierungsposten, da er als ehemaliger Minister unter Hitler für eine gewisse Kontinuität zwischen beiden Regierungen stand und gleichzeitig kein allzu fanatischer Nazi war. Sein Geschäft war ihm seit jeher wichtiger gewesen als die Ideologie. Zum anderen aber war Speer auch einfach verdammt gut auf seinem Gebiet: Als langjähriger Mitwirkender an der Kriegsrüstung des Reiches kannte er alle wichtigen Köpfe in der Branche, führte ein entsprechendes Adressbuch und war darüber hinaus ein Organisationstalent sondergleichen. So gut und effizient wie er vermochte niemand sonst Ressourcen einzusetzen.

Er setzte dazu zwar auch auf Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, doch das war ein Kurs, den die Regierung Halders unterstützte. Genau das schätzte der Kanzler an Speer: Er war – wenn es sein musste – ein skrupelloser Mann. Der Krieg musste schließlich bis zum Äußersten geführt werden. Anders als durch den Einsatz »unfreiwilliger Ressourcen« hätte die Produktion niemals in diesem Umfang gesteigert werden können, und selbst jetzt konnte das Deutsche Reich weder mit dem Rüstungsausstoß der Sowjetunion noch mit der der Vereinigten Staaten mithalten – und beide waren miteinander verbündete Kriegsgegner Deutschlands!

Die Lage Deutschlands stellte sich also denkbar brisant dar, und da erübrigte sich dann auch schnell die Frage, ob es verwerflich sei, Kriegsgefangene und andere Unfreiwillige entgegen dem Völkerrecht in der Rüstung einzusetzen. Deutschland konnte es sich schlichtweg nicht leisten, zu den Guten zu gehören.

Beide Streithähne stierten einander mit bösem Blick an. Guderian atmete lautstark ein, während der Zorn sein Gesicht flutete. Wäre Halder nicht so unsagbar müde, ihn würde das Aufplustern des Panzermannes glatt amüsieren. Doch dem Kanzler steckte die Arbeit der letzten Monate und auch die Russlandreise, von der er erst am vorigen Tag zurückgekehrt war, in den Knochen.

Guderian war im Kreise der Reichsregierung ein streitbarer Mann. Zwar rechneten ihm viele seinen offenen Widerstand gegen hirnrissige Befehle Hitlers hoch an, doch ebenso fürchtete man seine Unberechenbarkeit, seine Forschheit und seinen Drang zur Selbstdarstellung. Als Militär und Panzerfachmann war er sicherlich genial, als Mensch oftmals anstrengend.

»Albert«, begann Guderian und baute sich mit seinen 190 Zentimeter Körpergröße und dem blitzenden Ritterkreuz am Kragen drohend vor dem Minister auf, »diese Dinger, die du da bauen willst, sind doch ein Witz. Das sind keine Panzer, das sind steife Festungen. Damit bist du glatt hundert Jahre zu spät!«

»Ich verbitte mir ausdrücklich, die jahrelange Arbeit der besten Ingenieure unseres Landes auf diese Weise zu diffamieren! Die neuen Panzer werden sehr wohl fahren – und nicht nur das, sie werden den Feind zerschmettern!«

Über diese Aussage Speers lachte Guderian gekünstelt, dann verzerrte sich sein Gesicht, als er wetterte: »Da zeigt sich, dass du eben doch ein Architekt bist und kein Soldat. Bei allem Respekt, Albert, lass dir gesagt sein, dass diese Geräte untauglich sind. Ja? Das ist nicht bloß meine Meinung! Erwin Rommel, von Manstein, ja, jeder Offizier mit militärischem Grips in der Birne … alle werden sie dir dasselbe erzählen.«

Halder fielen fast die Augen zu. Ja, diese Diskussion war wichtig und ernst, doch er konnte einfach nicht mehr. Am Ende würde er auf die militärischen Argumente hören und auf seinen Instinkt, der in eine eindeutige Richtung tendierte. Sein Blick wanderte unterdessen über all die Mappen, gefüllt mit Dokumenten und Skizzen, die auf seinem Tisch verteilt lagen. »Tiger II« stand auf einem Deckblatt. Er rümpfte die Nase. Das roch ja quasi schon nach dem »Führer«, und siehe da, kaum war das Stichwort in seinem Geiste gefallen, brachte ihn Speer zur Sprache: »Der Führer selbst hat diese Projekte noch in Auftrag gegeben. In seiner Voraussicht hat er schon vor Jahren erkannt, was wir noch bitter nötig haben werden!«

Jetzt musste Halder grinsen. Das war nun wirklich das falsche Stichwort, um einen Heinz Guderian zu beeindrucken – und eigentlich müsste Speer das auch wissen. Guderian spuckte nun auch umgehend symbolisch aus und höhnte: »Es ist mir piepegal, was Adolf bestellt hat ...«

Das traf Speer sichtlich, der sofort intervenierte: »Unser seliger Führer hat Deutschland erst wieder stark gemacht, also hab ein Mindestmaß an Respekt! Er hat die Franzosen und die Engländer hinfort gefegt und ermöglicht, was 1914 keiner schaffte. Er hat doch ...«

Aus Guderians Antlitz platzten nun so viele unterschiedliche Emotionen, dass Halder sie gar nicht mehr alle zuordnen konnte.

»Albert!«, tönte er mit drohendem Zeigefinger. »Komm mir nicht mit dem GröFaZ. Wenn du hier noch einmal behauptest, unser Adolf hätte irgendwelche Schlachten gewonnen, sehe ich mich gezwungen, dir ins Gesicht zu greifen!«

Alter Haudegen, dachte Halder, aber Recht hat er! Speer jedoch blickte drein, als hätte ihm die Liebe seines Lebens einen Korb verpasst.

»Du hast doch zu viel vorm Volksempfänger gehockt!«, fuhr Guderian fort. »Ja, der Führer ist natürlich auf einem weißen Ross vorangeritten – 1940 – und hat den deutschen Panzern den Weg nach Paris gezeigt!«, sagte er dann mit verstellter Stimme, während er hämisch die Arme ausbreitete. Speer schüttelte den Kopf.

»Ich erzähl dir was, Albert, und lass dir das bitte von einem alten Panzermann gesagt sein: Diese Dinger sind Schrott.« Guderian hob nun einen ganzen Schwall Mappen hoch und fertigte davon eine nach der anderen ab:

»Tiger II?«, lachte er auf. »Ich bitte dich! Darüber können wir in zehn Jahren mal reden, wenn der Tiger I endlich funktioniert!« Und zack, landete die Akte auf dem Boden. »Panzer Maus? Und sogar gleich in zwei verschiedenen Ausführungen von zwei unterschiedlichen Firmen? Ich hoffe, ihr baut auch gleich eine Zugmaschine dazu, die das Monster bis auf Kampfreichweite an die feindlichen Panzer herankarren kann! Oder sollen wir einfach Schienen bis vor die feindlichen Stellungen verlegen?« Auch diese Mappe landete auf dem Boden. »VK4502(P)? Porsche bastelt also gleich an mehreren Rohrkrepierern? Schön!« Die nächste Mappe landete auf dem Boden. »Und hier, dieser Leopard! Zu langsam für einen Aufklärer, zu schwach für einen Panzer! Außerdem bereiten wir gerade erst die Produktion des 234ers vor. Warum zum Teufel wird dann schon sein Nachfolger entwickelt, ohne dass wir Fronterfahrung mit dem Muster sammeln konnten?« Eine weitere Mappe flog zu Boden. »Dann diese ganze E-Serie! Was soll damit bezweckt werden? Entweder sind das überschwere Ungeheuer, denen man zehn LKW vorspannen muss, damit die sich überhaupt bewegen, oder es sollen bereits die Nachfolger zu Mustern sein, deren Serienproduktion erst noch anlaufen muss.« Ein paar weitere Mappen landeten auf dem Boden.

»Es geht darum, Produktionsabläufe zu vereinheitlichen und die möglichst gleichen Bauteile zu verwenden«, äußerte Speer mit dünner Stimme.

»Und was bitte ist das hier?« Guderian hielt Speer die letzten beiden Mappen direkt unter die Nase. »P-Reihe?« Speer wollte sich verteidigen, doch Guderian ließ ihn nicht und fuhr fort: »Ratte? Ein Landkreuzer? Was soll dieser Unsinn? 69 Meter Länge und 650 Tonnen Gewicht? Was soll das sein?«

»Ich habe die P-Projekte Anfang des Jahres einstellen lassen. Ich habe die Entwicklungsmappen bloß der Vollständigkeit halber beigelegt.«

»Du verstehst nicht, worauf ich hinaus möchte: Wer solche Panzer ...«, Guderian formte Gänsefüßchen mit seinen Fingern, während er das Wort »Panzer« aussprach, »... auch nur in Erwägung zieht, der ist völlig falsch im Bereich der Entwicklung von Kampfwagen. Was soll man denn mit solchen Ungetümen anfangen? Ich meine, ist deinen hochgelobten Ingenieuren denn nicht klar, dass der Feind … nun ja … Flugzeuge hat?« Die letzte Frage kam schnippisch, und nun starrte Guderian Speer mit verbissenem Blick an. Der schien nicht zu wissen, was er noch sagen sollte. Wieder musste Halder innerlich lachen. Speer war eigentlich ein genialer Mann, der es verstand, Konkurrenten auszuhebeln und seine eigene Machtposition zu festigen. Doch im Angesicht des forschen Panzermanns Guderian, des »Schnellen Heinz«, wirkte Hitlers Architekt wie ein Häufchen Elend. Nun landeten auch die Mappen der P-Projekte auf den Holzdielen.

»Ich finde es traurig«, begann Speer reichlich kleinlaut, »dass du die großen Leistungen der Ingenieure von Daimler-Benz, von Porsche, von Krupp überhaupt nicht zu würdigen weißt. Der Tiger II zum Beispiel ist ein prächtiger Kampfwagen, gegen den kein Kraut gewachsen sein wird.«

Guderian ging einen Schritt auf Speer zu und verlieh seinen Worten eine eindringliche Note: »Albert, bitte, zum letzten Mal: All diese Projekte sind doch Adolfs Größenwahn geschuldet und haben nichts mit der Realität zu tun. Ob du es hören magst oder nicht, wir haben in Frankreich nicht wegen der überragenden Führerleistung des GröFaZ gesiegt. Die französische Armee galt 1940 als die schlagkräftigste der Welt. Sie waren besser ausgerüstet, hatten die stärkeren Panzer – und auch noch zahlenmäßig mehr davon als wir! Warum also haben wir gesiegt? Taktik, Albert! Taktik und Geschwindigkeit! Wir wussten unsere Panzer als eigenständige, schnelle Waffe einzusetzen, während der Franzmann seine Fahrzeuge auf die Infanteriekompanien verteilt hat und sie dadurch lähmte. Geschwindigkeit und das Erlangen des Überraschungsmoments im Bewegungskrieg sind die großen Vorteile der Panzerwaffe, und wir haben unsere Siege errungen, weil wir als einzige diesen Grundsatz begriffen haben. Das ist der Punkt! Mit deinen ganzen neuen Panzerprojekten würden wir genau die Fehler begehen, die unsere Gegner in den Untergang getrieben haben.«

»Wir brauchen ...«

»Nein, Albert! Sag mir doch, der Panzer Maus? Ja? Dieser Panzer Maus? Wie schnell soll der fahren können?«

Speer druckste herum: »Der von Porsche oder von Krupp?«

»Mir gleich … der von Krupp.«

»Etwa zehn.«

»Zehn was? Hektar pro Sekunde?«

Speer rollte mit den Augen: »Zehn Kilometer pro Stunde.«

»Zehn Kilometer pro Stunde? ZEHN? Und wie wir wissen, erreicht der fertige Panzer selten die am Reißbrett erdachten Leistungen! Hier, unser Kanzler! Der ist doch ein alter Infanterist. Frag ihn, Albert, frag ihn, wie schnell sich ein Soldat zu Fuß fortbewegen kann. Los, frag ihn!« Dann, an den Reichskanzler gewandt, forderte er mit wissbegieriger Miene und süffisant lächelnd: »Bitte, Franz, sag es ihm.« Guderian freute sich diebisch. »Darum sind diese Dinger nicht zu gebrauchen!«, schloss der Panzermann nickend, ohne auf eine Antwort des Kanzlers zu warten.

»Der Tiger II!«, raunte Speer plötzlich. »Wo ist deine Schwierigkeit mit dem Tiger II? Das ist ein hervorragender Panzer mit 38 Kilometer pro Stunde in der Spitze. Und überdies haben wir die ersten Probeexemplare bereits in Auftrag gegeben.«

»Mein lieber Albert. Hast du schon einmal eine Brücke in Russland gesehen? Oder eine Straße? Erstens ist er immer noch langsamer als unsere anderen Kampfwagen und zweitens wiegt diese fahrende Festung 70 Tonnen! 70!!! Soll vor jedem Tiger II ein ganzer Verkehrsbetrieb herfahren, der entsprechende Infrastruktur baut? Ich frage mich wirklich, wie sich der GröFaZ das vorgestellt hat! Hinzu kommt unsere akute Ressourcenknappheit. Wir haben kaum Benzin, wir haben kaum Öl, uns gehen die meisten Metalle aus. Da kann die Antwort doch nicht sein, wir bauen noch größere Panzer, die noch mehr Brennstoff fressen und noch komplizierter herzustellen sind. Wir brauchen eine schlagkräftige Truppe, die mobil und schnell agiert! Weiter müssen wir es schaffen, uns den russischen Produktionszahlen anzunähern. Das geht aber nicht, wenn wir unsere Kapazitäten auf 37 Millionen Hirngespinste verteilen.

Hier mein Rezept, wenn wir nicht spätestens im nächsten Jahr diesen Krieg verlieren wollen: Konzentrieren wir uns auf unsere jetzigen Muster. Der Panzer IV ist ein hervorragender Wagen. Der Tiger ist gut. Der Panther ist gut. Meinetwegen auch die Sturmgeschützen. Lieber hier weiterentwickeln, die ganzen Kinderkrankheiten ausmerzen. Panzerung und Bewaffnung maximieren und die Produktion, wo es geht, vereinfachen, damit wir unsere Zahlen weiter steigern können. Das hat den Vorteil, dass sich die Industrie nicht zeitintensiv umzustellen braucht. Das hat ferner den Vorteil, dass wir uns kostbare Ausbildungswochen der Mannschaften an neuem Gerät ersparen und ihnen stattdessen nach und nach verbesserte Versionen ihrer bekannten Kästen liefern. Kurz: Panzer IV, Tiger, Panther und Sturmgeschütze als Rückgrat unserer Panzerwaffe. Dazu einige abenteuerliche Geräte in kleiner Stückzahl, sprich Ferdinand und so fort. Aber nicht weiter die begrenzten Kapazitäten unserer Industrie zerstreuen, um zig verschiedene Muster zu entwickeln. Klotzen, nicht kleckern, lieber Albert!« Guderian stoppte plötzlich und holte tief Luft, dann blickte er Speer mit ernster Miene an. Der wusste sichtlich nicht, was er sagen sollte. Schließlich wandte er sich dem Kanzler zu.

»Herr Reichskanzler«, begann er keuchend, »wir haben den Tiger II bereits in Auftrag gegeben. Krupp und Porsche haben überdies große Anstrengungen unternommen, alles für die Produktion der Maus vorzubereiten … wenn wir das jetzt stoppen ...«

Halder beäugte Speer mit scharfem Blick, dann schwenkte er hinüber zu Guderian, der wie ein amerikanischer Filmstar grinste. Der Kanzler musste wahrlich den Kopf schütteln über die Dinge, die Hitler da in Auftrag gegeben hatte.

»Besser stellen wir jetzt die Produktion ein als weitere Kapazitäten dafür abzuzweigen«, entschied Halder mit ruhiger Stimme, wobei man ihm anhörte, dass er seine Worte mit Bedacht wählte. »In dieser Sache pflichte ich Herrn Guderian bei. Was wir brauchen, sind funktionierende Kampfwagen ohne Kinderkrankheiten und keine Prototypen. Daher muss gelten: Weiterentwicklung bestehender Muster vor völliger Neuentwicklung.«

Speer schien noch mal zu einem Widerspruch ansetzen zu wollen, blieb dann aber stumm. Ihm war wohl klar geworden, dass er verloren hatte.

»Es ist natürlich ärgerlich, dass wir reichlich Zeit und Mittel in diese Projekte investiert haben«, fuhr Halder fort, »und es ist über allen Maßen ärgerlich, dass wir so lange gebraucht haben, um uns zu ordnen, und erst jetzt auf diese Fehlentwicklungen aufmerksam geworden sind. Ich sehe daher, lieber Heinz, deine Ernennung zum Chef des Heereswaffenamtes Anfang Mai war der richtige Schritt. Und ja, gewiss doch. Die Einstellung dieser Projekte ist der beste Weg … allerdings mit einer Ausnahme: Wir setzen die Entwicklung des Tiger II fort. Der Feind wird schließlich auch nicht schlafen und an schwereren Tanks arbeiten, daher ist es gut, irgendwann etwas Größeres als unsere jetzigen Tanks in petto zu haben.

Allerdings muss Besonnenheit das Gebot der Stunde sein, es darf nicht noch einmal zu überstürzten Fertigungen wie beim Panther kommen. Und wir dürfen bei all den Panzern die anderen Projekte nicht aus den Augen verlieren. Die Truppe hat größere Sorgen als neue Panzer.

Wir müssen die Entwicklung des neuen Karabiners weiter vorantreiben, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir müssen die MP 43 schnellstens in die Truppe bekommen. Wir müssen all die Einheiten endlich vernünftig mit modernen Waffen versorgen, die derzeit noch mit Repetiergewehren aus dem Großen Krieg kämpfen. Was haben denn diesbezüglich die ausländischen Lizenzen ergeben?«

»Leider großenteils Fehlanzeige«, gab Guderian zu Protokoll. »Was soll ich sagen? In Sachen Gewehre verfolgen unsere Verbündeten dasselbe Konzept wie wir. Wenn wir an den besprochenen Änderungen festhalten wollen, müssen wir selbst entwickeln – oder nochmals die bestehenden Eigenentwicklungen betrachten.«

»Also doch?«, stellte Halder fest.

»Ja, ich fürchte schon, auch wenn eine Lizenzproduktion natürlich schneller vonstattengegangen wäre.«

»Wir müssen allgemein das Tempo bei der Nutzung der Lizenzen beschleunigen«, sinnierte Halder laut. »Es kann nicht sein, dass wir noch immer in der Durchsicht der Unterlagen sind, während die Italiener schon Panzer IV, V und VI bauen, um nur ein Beispiel zu nennen.«

»Wir dürfen aber auch nichts überstürzen. Jedes Produkt muss umfassenden Erprobungen unterzogen werden … wir haben Regularien einzuhalten«, warf Speer ein.

»Das mag sein. Dennoch muss der Prozess beschleunigt werden. Setzen Sie mehr Männer auf das Projekt an. Kommen Sie zu mir, wenn Sie weitere Mittel benötigen oder Ihnen Steine in den Weg gelegt werden.«

»Ja, danke, das werde ich.«

»Hat sich denn bisher wenigstens irgendetwas ergeben?«, wollte der Kanzler wissen. Ehe Speer antworten konnte, warf Guderian ein: »Die Tanks der Japsen sind leider kaum zu gebrauchen. Teilweise handelt es sich um hervorragende Muster, aber eben für den pazifischen Raum. Leichte, schnelle Fahrzeuge für den weichen Untergrund, aber für einen ausgeprägten Landkrieg unzweckmäßig. Ich denke, die sind daher derzeit auch sehr dankbar für unsere Hilfe diesbezüglich.« Der Panzermann grinste verschmitzt. »Allerdings haben die zwei sehr gute Amphibienkampfwagen, die wir für das Projekt in Betracht ziehen. Wir prüfen derzeit den Bedarf der Truppe für diese Art von Panzer. Na ja, und sonst?« Guderian zuckte mit den Schultern. »Die italienischen Tanks zum Beispiel sind nicht zu gebrauchen.«

»Ich verstehe. Ich setze jedenfalls großes Vertrauen in Sie beide, dass Sie die richtigen Entscheidungen treffen werden.«

»Na dann, lieber Albert, wir haben viel Arbeit vor uns. Sehen wir zu, dass wir unsere Produktionszahlen in die Höhe schrauben«, sagte der Panzermann und ergriff Speer am Arm. Der nickte nochmals stumm, löste sich dann aus dem Griff Guderians und wandte sich noch einmal dem Kanzler zu.

»Eine andere Sache habe ich noch, die von äußerster Wichtigkeit ist, Herr Reichskanzler«, begann er.

»Fahren Sie fort.«

»Sie mögen eine wohlüberlegte Entscheidung getroffen haben, als sie die Deportation der Juden in die Lager stoppten und sogar umkehrten, gleiches gilt für den Stopp der Sondervorhaben, doch ich muss sie darauf hinweisen, dass uns dadurch spürbar Arbeitskräfte fehlen, was sich bereits auf unsere Produktionszahlen auswirkt.«

»An dieser Entscheidung gibt es nichts zu rütteln, Herr Speer.«

»Herr Reichskanzler, ich brauche mehr Arbeiter.«

»Sie bekommen die Kriegsgefangenen. Sie bekommen unsere Häftlinge. Und wir starten dieser Tage ein Programm, mit dem wir versuchen wollen, in den besetzten Gebieten um Hilfswillige zu werben.«

»Das reicht bei Weitem nicht. Die Juden waren hervorragende und qualifizierte Arbeiter.«

»Sie wollen wieder zurück zu den Beschlüssen der Wannseekonferenz? Das ist inakzeptabel.«

»Mir ist gleich, wer die sind oder wo die herkommen, die in meinen Werken schaffen, aber ich brauche mehr Leute. Wieso werden mir zum Beispiel keine Menschen mehr aus den Ostgebieten zur Verfügung gestellt? Seit dem tragischen Tod unseres Führers merke ich sehr deutlich die Einschnitte, die ihre Politik in meinem Bereich bewirkt. Und nun – nach einem halben Jahr – lässt es sich auch sehr deutlich aus den Zahlen herauslesen.«

»Wir werden keine Menschen mehr ihrer Heime berauben, anders lässt sich das Partisanenproblem in den besetzten Gebieten nicht in den Griff bekommen.«

»Dann sind auch mir die Hände gebunden und das Reich muss mit einer Minderung der Produktion auskommen.«

»Dann ist dem so. Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass Hitlers Regierung damit begonnen hatte, eine riesige Logistik für diese Lager und die sogenannten Sondervorhaben aufzuziehen. Durch den Abbruch aller Maßnahmen, die über das Festhalten tatsächlicher Straftäter hinausgehen, machen wir nicht bloß die Männer der internierten Volksgruppen für den deutschen Waffengang frei, sondern können auch jene Truppen an die Front schicken, die bisher in dieser Logistik und den Lagern selbst gebunden waren – immerhin über 350.000 ausgebildete Soldaten!«

Speer nickte reserviert und sammelte die Mappen vom Boden auf.

»Wollte der gute Beck nicht alle Lagerwachen nach Hause schicken?«, fragte Guderian mit schelmischer Miene. Halder schüttelte entschieden den Kopf: »Der alte Mann ist in seinem Metier unersetzlich, doch manchmal verkennt er die Lage, in der wir uns befinden. Eine Prise Realismus würde dem Herrn Reichspräsidenten bisweilen sehr gut zu Gesicht stehen. Nun denn, wenn das alles ist?«

Speer verabschiedete sich knapp, auch Guderian sprach einen Abschiedsgruß, dann verließen beide den Raum. Halder blickte ihnen mit zusammengekniffenen Augen nach. Wieder einmal hatte er hautnah erlebt, was dieser Speer doch für ein gefährlicher Mann war. Im Kriege brauchte der Kanzler solche Männer. Doch würde es irgendwann einmal Frieden geben, musste Speer weg. Definitiv.

An: Frau Else Engelmann, 26.5.1943

(23) Bremen

Hagenauerstr. 21

Liebste Elly,

danke für das prächtige Unterstützungspaket; das habe ich bitter nötig gehabt! Wie Du in der Heimat sicherlich schon erfahren hast, verlief unser Angriff gegen Kursk sehr zufriedenstellend. Siehst Du! Da haben wir wieder einen weiteren Schritt auf dem Weg zum Kriegsende gemacht! Ich meine doch, das Schlimmste und auch die längste Zeit des Krieges haben wir nun hinter uns. Irgendwann muß der Russe doch mal einsehen, daß man diese Sache am Verhandlungstisch klären muß und nicht im Feld. Das hoffe ich zumindest aufrichtig, ansonsten müssen wir uns doch noch auf einen langen Kampf einstellen. Manchmal ist es wie der Kampf gegen die Hydra – den Spruch hat Manstein geprägt, doch Recht hat er. Man schlägt einen Kopf ab, da kommen schon zwei neue! Aber man merkt, daß die Russen nun doch an Kraft eingebüßt haben.

Du siehst also, Du brauchst Dir nicht mehr so viele Sorgen zu machen. Bald ist alles vorbei, dann komme ich nach Hause und muß so schnell nicht wieder fort. Ach, was vermisse ich Dich und die kleine Gudrun! Ich bete, daß es in diesem Jahr nochmal klappen mag mit Urlaub und es sieht auch eigentlich recht gut aus. Nach den schweren Kämpfen bei Kursk haben wir viele Verluste erlitten und sind daher im Augenblick nicht mehr kampffähig. Daher rechne ich fest damit, dass wir baldmöglichst aus der Front herausgezogen werden. Dann geht es wieder zurück in die Etappe (und diesmal nicht bloß einige Kilometer hinter die Front, wie damals bei Stalino, wo der Russe auch noch jeden Tag näherkam und man Angst haben mußte, aus der Etappe werde plötzlich die Front. Dieses Mal muss es für uns richtig raus aus der Schlammzone gehen!). Vielleicht sogar ganz raus aus dem Osten? Mit etwas Glück kommen wir zur Auffrischung nach Deutschland oder wenigstens nach Italien oder Frankreich. Aber raus aus den Kämpfen komme ich in jedem Fall! Das Regiment stellt sogar schon ein Vorkommando zusammen. Also mach dir keine Sorgen, ich lasse bald wieder von mir hören. Gib Gudrun einen dicken Kuss und grüße brav alle, die mich kennen. Ich liebe euch! Ich vermisse euch!!!

Dein Sepp

Südlich von Mikojanowka, Sowjetunion, 01.06.1943

Engelmanns »Kompanie« bestand nur noch aus drei Panzer III, die am Rande eines Sonnenblumenfeldes Feuerstellungen eingenommen hatten. Die Panzer waren übersät mit Wunden, die ihnen Panzerbüchsen, Pak-Granaten, Artillerieschläge und feindliche Tanks zugefügt hatten. Der aufgeplatzte Stahl und die löchrigen Seitenschürzen glänzten im Licht der untergehenden Sonne. In einer Stunde schon würde das ewige Russland in völlige Dunkelheit gehüllt sein.

Das Panzer-Regiment 2 hatte es während der Operation Zitadelle wahrlich hart getroffen. Oft zerschellte die materielle Überlegenheit des Feindes an der höheren Kampfkraft und der besseren Ausbildung der deutschen Soldaten – demnach galten noch zahlreiche der beim Angriff auf den Kursker Bogen eingesetzten Verbände als äußerst kampfkräftig. Das PzRgt 2 hatte im Vergleich tatsächlich sehr viele Federn lassen müssen.

Die Rote Armee derweil hatte in den erbitterten Panzerschlachten im Kursker Frontbogen einen weit höheren Blutzoll entrichtet als die Wehrmacht. Dabei durfte aber nicht vergessen werden: Jeder zerstörte Panzer, jeder abgeschossene Kraftwagen und jeder verbrauchte Liter Sprit schmerzte die Deutschen deutlich mehr als die Sowjets. Dies relativierte die krassen Verlustzahlen der Roten Armee – ein wenig. Hinzu kam, dass die Aufstellung der Wehrmacht mit heißer Nadel gestrickt war. Schon lange stand kaum noch ein Verband im Soll, auch daher tat jeder Verlust gleich doppelt weh. Die Rote Armee hingegen führte Menschen und Material in unerhörten Mengen ins Feld. Daher beschlich nicht wenige Landser, die an der Ostfront dienten, das Gefühl, bei den Russen sprössen Panzer und Soldaten aus dem Boden wie Unkraut.

Immerhin: Das PzRgt 2 zählte nach tage- und nächtelangem Dauereinsatz der Werkstätten sowie dank der Zuführung einiger Kampfwagen aus der Reserve wieder etwa 100 einsatzbereite Panzer. Engelmanns »Elfriede« allerdings hatten die Instandsetzer nicht retten können. Eine russische Panzergranate durchschlug, nachdem Engelmann und seine Besatzung ihren Panzer während der Kämpfe um Kursk hatten aufgeben müssen, die Panzerung … die treue Elfriede war damit hin. So mussten Engelmann und seine Besatzung nun mit »Franzi« auskommen, ihrem freundlichen Panzer III.

Leutnant Engelmann öffnete eine rote Dose, während er aus seiner Kuppel hinaus auf das weite, gelbe Sonnenblumenmeer blickte. Er steckte sich ein Stück Schokolade zwischen die Zähne und seufzte, denn er musste daran denken, dass er vor Tagen noch gehofft hatte, Russland vorerst den Rücken kehren zu können. Doch wie so oft im Kriege war es anders gekommen. Seine Einheit schützte nun den so wichtigen Stützpunkt des VIII. Fliegerkorps. Das Panzer-Regiment 2 war in die provisorische Kampfgruppe Sieckenius eingegliedert worden, die rund 320 Panzer aller Couleur zählte – sogar eine schwere Abteilung befand sich darunter. Hinzu kamen 64 Batterien verschiedenster Geschütze, zudem Pioniere, Sanitäter sowie zwei Regimenter Infanterie – vom hervorragend ausgebildeten Kerninfanteristen bis hin zum Panzermann, dem man ein Gewehr in die Hand gedrückt hatte, war alles dabei. Auch Engelmann hatte sein Ersatzpersonal für die Sicherungskompanien der Kampfgruppe abstellen müssen.

Die Sonne befand sich an der rechten Flanke der Deutschen, bewegte sich langsam auf den Horizont zu. Der Himmel erstrahlte blutrot, doch der letzte Blutstropfen des Tages war noch nicht vergossen.

Leutnant Engelmanns Miene verdunkelte sich unter der Anspannung, die auf ihm lastete. Der Ansturm feindlicher Panzer, die durch das Sonnenblumenfeld genau auf die deutschen Linien zu preschten, zeichnete sich im Abknicken und Verschwinden ganzer Reihen der gelben Blüten ab. Unaufhaltsam näherte sich ein rotes Panzerregiment. Dieses wusste noch nicht, dass es geradewegs auf einen deutschen Sperrriegel auflief, bestehend aus Panzern, Schützen, Pak und Acht-Acht, obwohl eine Vorhut die deutschen Stellungen aufgeklärt hatte, ehe es zusammengeschossen worden war.

Selbst schuld, wenn man keine Funkgeräte in seine Kästen einbaut, sinnierte Engelmann bitter. Doch er fragte sich auch, was denn besser sei: 200 Panzer mit Funkverbindung oder 20.000 ohne … Zudem erwiesen sich die Sowjets als lernfähig und rüsteten ihre Panzerwaffe langsam mit Funksystemen auf.

»Dieses Mal bin ich mir sicher«, sagte Münster. Der Leutnant blickte zu seinem Fahrer hinab. »Dieses Mal bin ich mir sicher«, wiederholte der Unterfeldwebel, »dass wir es mit einem Tiger-Panzer mit rotem Stern zu tun bekommen werden.« Münster schaute zu seinem Kommandanten herauf.

»Quatsch nicht!«, zischte Nitz.

»Ich hab‘ dir tausend Mal gesagt, dass die Sowjets den Kasten nicht geklaut haben«, warf Engelmann ein.

»Und ich glaube doch. Wer sonst sollte einen Tiger stibitzen?«

»Der ist nicht geklaut worden. Die Deppen haben den irgendwo versenkt und sich dann nicht getraut, es ihrem Chef zu beichten.«

»Was ist mit Partisanen?«, überlegte Ludwig.

»Der Tiger ist nicht gestohlen worden, Menschenskinder«, stellte Engelmann ein für alle Mal klar. »Weiß doch niemand, wie man so ein Ding bedient.«

»Wir werden sehen ...«, murmelte Münster.

Unaufhaltsam näherten sich die feindlichen Kampfwagen, unaufhaltsam rollten die Bahnen aus wegbrechenden Sonnenblumen auf die Deutschen zu. Engelmann klammerte sich mit beiden Händen an den Deckelklappen seiner Kuppel fest, während die Lautsprecher seiner Panzerhaube leise knackten. Nitz hatte die Kompaniefrequenz auf sein Gerät gelegt.

Dann brach der Feind aus dem Feld und das Stahlgewitter begann. Deutsche Granaten prasselten auf die schlanken T-34 ein, die überall aus dem gelben Meer rollten. Feuerzungen tanzten über Russenpanzer, Munitionslager detonierten, Türme hoben ab. Doch einmal mehr trat der Feind zahlreich auf. Das Feld spuckte mehr und mehr Panzer aus, die unter krassen Verlusten auf die Ebene preschten, welche zwischen der deutschen Abwehrlinie und dem Sonnenblumenfeld lag. Die Entfernung zwischen den Kontrahenten betrug gerade einmal 200 Meter. Jeder Treffer bedeutete Tod und Vernichtung. War Engelmann normalerweise darauf bedacht, den Kampf auf größerer Entfernung zu führen, musste er umdenken, seitdem man ihn in einen Panzer III gesteckt hatte, denn dieser Tank mit seinem fünf-Zentimeter-Rohr konnte einem T-34 und vergleichbaren Kampfwagen nur im Nahkampf wirklich gefährlich werden. Da die Russen in diesem Abschnitt einmal mehr mit unglaublichen Menschen- und Materialmassen antraten und die KG Sieckenius noch immer zahlreiche Panzer III einsetzte, hatte der Generalmajor entschieden, dem Feind im Schutze des Sonnenblumenfeldes zu begegnen. Das dumpfe Schlagen mächtiger Flugabwehrkanonen und das hellere Knallen der Panzerabwehrkanonen – der deutsche Geschützriegel lag rund 100 Meter hinter den Panzern auf einem Höhenrücken –, mischte sich unter den Lärm der Panzerschlacht.

Engelmann tauchte in seinen Panzer ab und schloss die Luke, während russische Panzergeschosse sirrend über die deutschen Stellungen hinwegfegten. Direkt vor ihnen raste ein T-34 in voller Fahrt quer über das Gefechtsfeld.

»Panzer in Querfahrt!«, schrie der Leutnant. »Feuer!«

Franzis Rohr vibrierte, als das Geschoss hinausjagte. Es traf den Russenpanzer seitlich, der sich durch die Wucht des Aufpralls halb drehte. Eine Detonation aus dem Inneren warf den Turm in die Luft. Rostrote Flammen schossen aus dem Panzer und hüllten ihn in Qualm.

Beide Fronten spien Feuer. Auf einer Breite von zwei Kilometer standen die Deutschen und Sowjets miteinander im Kampf. Hinter den T-34 stürmten nun auch Infanterietrupps aus dem Feld. Auf deutscher Seite eröffneten MG-Nester, die zwischen den Kanonen in Stellung lagen, das Feuer. Der anfängliche deutsche Feuerüberfall hatte den Russen hohe Verluste abgefordert, doch nun, da mehr und mehr Einheiten der Roten Armee auf das Gefechtsfeld drangen, flogen auch zahlreiche deutsche Geschütze und Kampfwagen auseinander. Die rote Infanterie preschte rücksichtslos vor, während Dutzende Männer stürzten und liegen blieben. Die Fußsoldaten konzentrierten ihr Feuer auf die deutschen Geschütze, während sich die T-34 auf ihre Gegenstücke konzentrierten. Das Gefecht war mörderisch, hatte ein Crescendo todbringenden Lärms entfacht.

Engelmann biss die Zähne aufeinander, während der Panzeroberschütze Jahnke, sein neuer Ladeschütze, die nächste Granate in die Ladevorrichtung schob.

Eine Detonation direkt vor Franzi riss die Erde auf und hüllte den Panzer in einen Mantel aus Dreck und Grasnarben. Der Leutnant erspähte durch sein Sichtfenster einen T-34, der 150 Meter vor seiner Kompanie in Stellung gegangen war. Der Leutnant blickte dem Panzer direkt ins Rohr.

»Halblinks, verflucht! 150 Meter, der einzelne T-34«, schrie er aus heiserer Kehle, während Ludwig den Turm schwenkte und auf das Ziel ausrichtete.

»Erkannt!«, brüllte der Richtschütze schließlich.

»Feuer!«

Im Zwielicht der untergehenden Sonne zersprang der T-34 vor Engelmanns Augen. Der Leutnant wischte sich den Schweiß von der Stirn. Einmal mehr stand die Luft in seinem Panzer. Es roch nach Feuer, nach gesiedetem Öl und nach Körperausdünstungen.

Nitz, der über sein Funkgerät die Frequenz des Regiments abhörte – die Abteilungen hatte man aufgrund der desolaten Ist-Stärke vorerst aufgelöst und die Kompanien direkt dem Regimentsstab unterstellt – hob endlich den Kopf und meldete: »Befehl vom Regiment. Wir sollen bloß nicht aus unserer Linie ausbrechen! Die Stukas sind gleich da!« Nervös zupfte sich der Feldwebel am Schnurrbart und klemmte sich wieder hinters Funkgerät. Die deutschen Flieger waren bereits vom Schlachtfeld aus auszumachen, doch Engelmann konnte sie durch seine schmalen Sichtblöcke nicht sehen.

Das wird höchste Zeit, bevor wir gar kein Licht mehr haben!, stöhnte er innerlich.

Die Materialschlacht tobte weiter. Die sowjetische und die deutsche Linie wurden mit jedem Feuerschlag einer Kanone weiter ausgedünnt. Die Maschinengewehre der Deutschen machten die feindliche Infanterie schon am Rand des Feldes nieder, wo diese unter enormen Verlusten Stellungen bezog. Doch auch deutsche Infanteristen mussten bluten: Sie wurden in Mitleidenschaft gezogen, wenn die Metallsplitter zerberstender Geschütze umherflogen, oder gerieten direkt ins Visier russischer Waffen.

Das Sturzkampfbombergeschwader näherte sich dröhnend der Schlacht. Tatsächlich, die deutsche Luftwaffe erbrachte im Abschnitt der Heeresgruppe Süd unter großen Anstrengungen noch einmal das Kunststück, den Luftraum gegen die zahlenmäßig überlegene Wojenno-wosduschnye sily SSSR, die sowjetischen Luftstreitkräfte, zu behaupten. Die roten Panzermänner allerdings hatten die Gefahr aus der Luft erkannt und ließen die Motoren aufheulen. Einige legten den Rückwärtsgang ein, fuhren zurück ins Feld. Deutsche Granaten jagten ihnen nach, schleuderten Sonnenblumen in die Höhe.

»Feige Bolschewiken!«, brüllte Münster, der durch sein schmales Sichtfenster nur einige Russenpanzer im Blick hatte, die geschlossen den Rückzug ins Feld antraten. Engelmanns Augen weiteten sich jedoch. Unkoordiniert wie eh und je hatte sich die Mehrheit der Feindkräfte in scheinbar stummem Einverständnis darauf geeinigt, Gas zu geben.

Granaten gruben Trichter in die Erde, während das Gros der feindlichen Stahlfront nach vorne rollte und schließlich in die deutschen Linien hinein knallte. Panzer verzahnten sich ineinander, schossen aus nächster Entfernung. Flammenbälle hüllten zahlreiche Stahlkolosse ein. Andere blieben liegen, während in ihrem Inneren alles Leben erstarb. Der Panzer erstarrte dann zur Reglosigkeit, indes ging seine Besatzung elendig zugrunde. Im Hintergrund stürzten die Stukas mit kreischenden Jericho-Trompeten nieder, doch sie konnten nicht dort zuschlagen, wo russische und deutsche Kämpfer auf Bajonettreichweite miteinander rangen. Durch ihren kopflosen wie mutigen Angriff hatten die Sowjets der deutschen Luftüberlegenheit das Wasser abgegraben. Die stählernen Vögel mit den gewundenen Schwingen kreisten am Firmament auf der Suche nach Beute, die sich aus dem Schlachtgetümmel zu entfernen versuchte. Sie brummten wie gereizte Hummeln.

Aus nächster Entfernung gingen die Kontrahenten am Boden aufeinander los. Die mittlerweile stark dezimierten russischen Angreifer kassierten weitere Treffer, während nun Deutsche und Sowjets wild durcheinander fuhren und sich zu einem grau-olivfarbenen Wirrwarr vermengten.

Engelmann krallte sich mit aller Macht an seinen Sitz, der wie der Platz des Richtschützen an der Turmwand angehängt war. Er spuckte Zielansprachen aus, dann feuerte Ludwig – wieder und wieder. Sieben Abschüsse gingen in diesem Gefecht bereits auf ihr Konto. Brennende Kampfwagen säumten das Schlachtfeld; ausbootende Panzermänner beider Seiten versuchten, sich abzusetzen. Verkohlte Leichen lagen über die Erde verstreut. Einige wurden von Panzerketten zermahlt. Erste Lücken bildeten sich in der vorgeschobenen Linie der deutschen Panzer, als mehr und mehr Kampfwagen zum Teufel gejagt wurden. Viele aber erhielten auch bloß Kettentreffer oder verkeilten ihre Türme, weshalb die Werkstätten sie später sicherlich wieder flott machen konnten. Auf solche Lücken waren die Russen aus, nur so konnten sie ihren Untergang abwenden: Sie mussten die deutsche Panzerlinie durchbrechen und die dahinter liegenden Geschütze in Nahkämpfe verwickeln. In jedem anderen Fall würden sie von den Pak und Acht-Acht, die gnadenlos in das Getümmel aus Tanks beider Seiten hineinhielten, binnen kürzester Zeit zerstückelt werden.

»Anna 1 an alle. Neue Stellung bei der Kusselgruppe mit den drei vernichteten Panzer IV auf zwei Uhr. Wir riegeln dort breit ab, sonst brechen die Russen noch zu unseren Pak durch!«, brüllte Engelmann und versuchte den Lärm der Schlacht zu übertönen, der als dumpfer Geräuschteppich durch den Panzerstahl drang. Gleichzeitig fächerte die 10. Kompanie mit ihren 14 verblieben Kampfwagen breiter auf, um zusätzlich den ursprünglichen Feuerbereich der Kompanie Engelmann mit abzudecken. Wie gesagt, Funkverbindung untereinander war eine tolle Sache.

Münster stellte per Schalthebel den nächsten Gang ein, trat das Kupplungspedal und gab Gas, dann ruckte der Panzer an. Mit rasselnden Ketten schob sich Engelmanns Kompanie in die Lücke, die auch ein Pulk T-34 für sich entdeckt hatte. Dieser feuerte sofort auf die Tanks der 9., doch die Deutschen hatten Glück. Anna 3 warf die Kette, die restlichen Granaten verfehlten ihr Ziel. Beide Panzerrudel rasten direkt aufeinander zu, waren nun keine 30 Meter mehr voneinander entfernt. Nitz hatte die Lücke umgehend ans Regiment gemeldet. Ein cleverer Mann am anderen Ende leitete prompt Gegenmaßnahmen ein. Schon bildete sich eine Wand aus Dreck vor den Russenpanzern, als eine Batterie Acht-Acht das Feuer auf sie eröffnete. Die Panzer sprangen auseinander, explodierten und schleuderten ihre Türme hinfort. Von den Besatzungen blieb nichts als verkohltes Fleisch übrig. Engelmanns Panzer rasten im nächsten Moment in die entstandene Lücke. Als sich der Vorhang aus Erde senkte, war da noch immer ein T-34, der nun Vollgas gab und direkt auf Franzi zuhielt. Beide feuerten zeitgleich. Die deutsche Granate zischte über den Russenpanzer hinweg, während es im Panzer Engelmann schepperte und knallte, als sie den Treffer kassierten. Der Kasten machte einen Satz nach vorne, bevor der Motor erstarb. Die Stahlwände des Panzers waren von der Energie des Treffers kochend heiß, doch das Geschoss hatte letztlich nichts Vitales getroffen – ein Wunder! Das MG in der Frontwanne war zerfetzt worden, der Stahl drumherum aufgerissen und versengt. Das Funkgerät von Nitz hatte einen Schlag abbekommen, während der Feldwebel aufschrie, als er den glühenden Stahl berührte.

Münster drückte den Anlasser, doch der Motor blieb stumm. Noch einmal versuchte er zu starten. Und noch einmal. Nichts passierte. Engelmann ließ Ludwig den Turm nach rechts schwenken, denn er hatte den überlebenden T-34 aus den Augen verloren.

»Der Motor ist hin«, brüllte Münster.

»Funkgerät ausgefallen«, sagte Nitz.

Ludwig ließ den Turm nach rechts rotieren, wo Engelmann plötzlich den feindlichen Tank genau auf sich zufahren sah. Er schloss nur noch die Augen in Erwartung des Zusammenstoßes; zu mehr reichte die Zeit nicht. Ein gewaltiger Schlag schüttelte Franzi, warf im Inneren die Besatzung durcheinander. Der Leutnant wurde von seinem Sitz geschleudert und prallte gegen die Wand, ehe er zu Jahnke hinüber wirbelte. Engelmann stöhnte laut, denn ein heftiger Schmerz schoss durch seine linke Hand. Sofort hielt er sich die verletzte Stelle, die ruckzuck anschwoll und bläulich schimmerte. Der ganze Panzer rappelte, während der T-34 ihn vor sich herschob. Franzi wurde von dem Russenpanzer bedrohlich angehoben, drohte zu kippen. Ein rasches Vaterunser ratterte durch Engelmanns Geist, obwohl er Gott auf dem Schlachtfeld eigentlich nicht anrufen wollte. Mit der Rechten klammerte er sich an seinem Kommandantensitz fest und versuchte, sich wieder hochzuziehen.

»Verdammte Transuse!«, fauchte Münster und betätigte wieder und wieder den Anlasser. Plötzlich brüllte Franzis Motor auf.

»Ja, Süße!«, stieß der Fahrer aus, ließ die Kupplung kommen und gab Gas. Das Getriebe produzierte ein Geräusch wie ein Sägeblatt, dass sich in Hartholz fraß, als die Zahnräder ineinandergriffen. Ächzend setzten sich die Laufwerke des Panzers in Bewegung. Der Stahl stöhnte, während sich die rechte Kette über den feindlichen Tank schob, alldieweil sich die linke in die Erde wühlte. Dann vollführte Franzi einen Satz nach vorne, rumste mit der rechten Seite zurück auf den Boden, und stand plötzlich wieder auf beiden Ketten. Sofort machte Münster weiter Tempo, jagte den Panzer voran, während in ihrem Rücken der T-34 in einem Flammenball aufging. Engelmanns Kameraden hatten sofort das Feuer eröffnet, nachdem Franzi sich aus der Verkeilung gelöst hatte.

Nun fuhr Engelmans Wagen rechtsherum im Kreis, bis Münster sich in die Lenkung warf und endlich gegensteuerte. Offenkundig hatte das Laufwerk doch einen Schlag abbekommen. Der Leutnant zog sich an seinem Sitz hoch, nahm wieder auf seiner Position Platz. Er stöhnte kurz auf, als er mit seiner verletzten Hand die Armaturen streifte. Es schmerzte fürchterlich.

»Lass dir das bloß als Verwundung eintragen«, zischte Nitz, »für dein Abzeichen in Gold.«

»Ach, spinn nicht herum, Ebbe.«

Engelmann presste sein Gesicht gegen den schmalen Sichtblock, während er den pochenden Schmerz in seiner Hand zu ignorieren suchte.

»Schwenk den Turm zurück«, befahl er, unterdessen konnte er nichts weiter als zerschossene Panzer im Vorfeld ausmachen. Weiter hinten im Sonnenblumenfeld ging Artilleriefeuer nieder und zerriss die Pflanzen.

»Verflixt!«, stieß Engelmann aus und hielt sich die verletzte Hand. Er besaß keine Funkverbindung mehr zu seinen Panzern und die schmalen Sichtblöcke lieferten ihm keinen ordentlichen Überblick. Er biss sich auf die Unterlippe, während die brütend heiße Luft im Kampfraum ihm den Saft aus den Poren trieb. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß und seine Haare waren so nass, als wäre er baden gegangen. Die Panzermütze rutschte auf seinem Kopf hin und her, darunter juckte es fürchterlich. Noch kämpfte Engelmann mit sich, dabei wusste er bereits, wer das Duell zwischen seinem inneren Soldaten und seinem Selbsterhaltungstrieb beziehungsweise seiner Pflicht als Familienvater für sich entscheiden würde: Es war der Soldat – wie so oft –, was Engelmann manchmal bedauerte. Mit der unverletzten Hand stieß er beide Deckelklappen seiner Luke auf, dann, nachdem er seinen Mut gefunden hatte, streckte er seinen Oberkörper hinaus ins Freie, wo er schutzlos dem Feind ausgeliefert war. Blitzschnell drehte er sich nach allen Seiten um, verschaffte sich ein Lagebild. Das Wichtigste zuerst: Seine Kompanie war noch vollzählig, auch wenn Anna 3 bewegungsunfähig etwas weiter hinten lag. Überall befanden sich vereinzelte russische Tanks auf dem Rückzug, während das Gefechtsfeld mit brennenden oder stillliegenden Panzern übersät war. Die gegnerische Infanterie versuchte sich dorthin abzusetzen, wo sie hergekommen war, doch deutsche Projektile und Granaten jagten ihr gnadenlos nach und zerlegten das Sonnenblumenfeld. Der sowjetische Angriff war abgeschlagen. Stukas brüllten, als sie sich auf die flüchtenden Gegner stürzten. Pak und Flak donnerten in die Feindbewegungen hinein. Die deutsche Linie hatte dem Ansturm standgehalten, doch auch dutzende Tanks der Kampfgruppe Sieckenius waren zerstört worden und noch viel mehr deutsche Soldaten hatten den Tod gefunden. Engelmann ließ sich in seinen Panzer zurücksacken und setzte sich. Es war noch nicht vorbei, noch lange nicht. Der Russe bedrohte Charkow und das Umland mit starken Angriffsbewegungen. Was die Kampfgruppe hier unter beträchtlichen Verlusten abgeschlagen hatte, was nur eine Art Vorhut gewesen.

Die Gesamtlage an der Ostfront war angespannt, denn der Iwan hatte die Wehrmacht unerwartet und heftig getroffen. Nach dem Erfolg bei Kursk war das Oberkommando davon ausgegangen, man habe den Sowjets derart die Suppe versalzen, dass sie gar nicht erst zu ihrer Sommeroffensive ansetzen würden, nur um dann festzustellen, dass Schukow verwegen genug war, alle geplanten Angriffsbewegungen vorzuziehen und den Deutschen damit eine gehörige Überraschung zu bereiten. Mit drei Angriffsformationen drängte die Rote Armee nun im Raum Belgorod bis Charkow gegen die deutschen Linien und konnte teils tiefe Einbrüche erzielen. Die Woroneschfront sowie die Steppenfront hatten dafür ihre Truppen zusammengezogen. Im Süden jagte die 57. sowjetische Armee an Charkow vorbei und schwenkte westlich der Stadt in Richtung Norden ein, wo sie drohte, sich mit der 1. Panzerarmee sowie der 5. Gardearmee zu vereinen, welche nördlich von Charkow antraten und westlich der Stadt nach Norden einschwenken wollten. Sowohl die 1. Panzerarmee als auch die 5. Gardearmee hatten durch das Unternehmen Zitadelle enorme Verluste erlitten. Sie waren im Eilverfahren mit Verbänden aus der Etappe aufgefrischt worden. Es schien so, als würden die Sowjets einfach alles an Einheiten packen, was in Reichweite lag, diese in die zum Angriff angetretenen Armeen stecken und sie gnadenlos gegen die deutschen Linien werfen. Immerhin: Dass die Russen nur mit einigen Armeen statt mit ganzen Fronten angriffen, bewies, dass auch ihre Ressourcen endlich waren.

Die deutschen Truppen hatten den Vormarsch bisher kaum aufhalten können, auch wenn sie den Russen einmal mehr ungeheure Verluste beibrachten. Weiter nördlich stießen dann auch noch die 7. sowjetische Armee zusammen mit der 5. Gardepanzerarmee südlich an Belgorod vorbei, um hinter der Stadt gen Norden einzudrehen. Dort war die Situation richtig gefährlich: Noch immer haarte das Äquivalent von mehr als vier sowjetischen Armeen im Kessel westlich von Kursk aus; noch immer hatten sich diese Kräfte nicht ergeben und stellten eine ernstzunehmende Bedrohung dar. Die Deutschen wiederum hielten östlich des Kessels nur einen schmalen Landstreifen von Olchowatka über Kursk bis Belgorod. Die 6. Armee befand sich dort im Einsatz; sie war durch zwei Reservekorps aufgefrischt worden. Sollte es der 7. Armee der Russen gelingen, in den Kessel hineinzustoßen, würde man nicht nur die Wehrmachtsverbände im Kursker Raum nach Süden hin abschneiden, sondern dann würden sich auch die eingekesselten Sowjettruppen über die umliegenden deutschen Verbände ergießen, und die Katastrophe wäre perfekt.

Auch im Raum Orel lief derzeit ein russischer Angriff. Sollten sich beide Offensiven als erfolgreich erweisen, wären plötzlich die deutschen Einheiten in und um Kursk eingeschlossen. Wer genauer hinsah, erkannte, dass Schukow nicht bloß auf Masse setzte. Schukow war ein genialer Taktiker. Er hatte die deutschen Schwachstellen in der Front richtig erkannt, hatte die Gunst der Stunde genutzt und binnen Tagen einen gewaltigen, improvisierten Gegenangriff gestartet. Er riskierte viel. Ein Fehlschlag würde den Russen nicht nur enorme Verluste einbringen, er würde die Rote Armee auch für mindestens ein Jahr bewegungsunfähig machen, denn Schukow warf offenbar sämtliche Reserven in den Kampf.

Überall an der Ostfront war die Rote Armee in Bewegung. Sogar bei Leningrad wurde gekämpft. Die Sowjets versuchten dort mit aller Macht, den Belagerungsring um die Stadt zu sprengen, der die Bevölkerung der Stadt so grausam im Würgegriff hielt.

Die Kampfgruppe Sieckenius war unterdessen damit beauftragt worden, im Süden den weiteren Vorstoß der 7. sowjetischen Armee zu verhindern. Sollte Charkow an die Russen fallen, blieb von Manstein nur noch eine einzige Handlungsoption: Dann musste er die Heeresgruppe Süd hinter den Dnjepr zurücknehmen, ehe der Russe zuerst zum Fluss durchstoßen und ganze deutsche Armeen abschneiden würde.

Engelmann würde alles daransetzen, dies zu verhindern. Der Verlust von Charkow würde gleichzeitig den Verlust der gesamten Region bedeuten. Dann müsste auch Belgorod, müssten Prochorowka und Kursk aufgegeben werden. In diesem Falle wäre die gesamte Operation Zitadelle umsonst gewesen. So viel Blut, Schweiß und Stahl, mit dem die Eroberung Kursks bezahlt worden war, wären vergebens gewesen. Nein! Engelmann musste an gute Soldaten denken, die gefallen waren. An Born, an Laschke, an viele andere. Ihr Opfer durfte nicht umsonst gewesen sein! Würde die Wehrmacht die Russen hier nicht aufhalten, würde sie alles bis runter zum Dnjepr verlieren … und die Sowjets stünden wieder ein ganzes Stück näher an der Reichsgrenze. Solche Gedanken versetzten Engelmann einen regelrechten Stich in den Unterleib. Er wusste, was auf dem Spiel stand, und die Wehrmacht hatte sich aktuell stark verausgabt. Nun galt von Mansteins »Schlagen aus der Nachhand«, doch damit konnte man die Sowjets bloß aufhalten, nicht aber einen Krieg gewinnen. Die Zeit arbeitete angesichts der brachialen Volkswirtschaft der Sowjetunion, die in einem Monat bald so viele Panzer produzierte wie die Deutschen in einem Quartal, klar gegen das Reich. Hinzu kamen die immensen Leihgaben an Fahrzeugen, Waffen und Ausrüstung durch das Lend-Lease-Programm der Westalliierten, dessen Wirkung auf die russische Schlagkraft gar nicht überschätzt werden konnte.

Daher das Schlagen aus der Nachhand. Würde man die Russen im Abwehrfeuer verbluten lassen, wäre Stalin vielleicht irgendwann bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Doch bis es so weit war, würde noch eine Menge Blut vergossen und eine Menge Stahl versengt werden müssen.

Engelmann schaute sich nach allen Seiten um. Tod und Vernichtung beherrschten das Schlachtfeld. Die Russen hatten einmal mehr allein bei den Panzern Verluste im Verhältnis eins zu fünf eingefahren.

Es ist möglich, machte er sich selbst Mut. Zumindest, wenn die Westmächte stillhalten. Engelmann seufzte. Alles stand auf Messers Schneide. Er blickte hinüber zum Panzer mit dem Decknamen Anna 2. Dessen Kommandant, Feldwebel Hagen Gunthermann, öffnete die beiden Deckelklappen seiner Luke und streckte schließlich den Kopf aus dem Turm. Die Seitenschürze seines Wagens war durchsiebt wie ein Schweizer Käse. Gunthermann schaute zu Engelmann herüber und tippte mit fragender Miene gegen die Ohrhörer seiner Panzermütze. Engelmann gab dem Feldwebel mit Gesten zu verstehen, dass sein Funkgerät ausgefallen war. Dieser nickte verstehend.

Im Hintergrund ordneten sich die deutschen Kräfte neu. Die Besatzung von Anna 3 war aus ihrem Kasten geklettert und spannte die Kette neu. 1.000 Meter weiter im Osten fuhr die schwere Abteilung der Kampfgruppe auf und formierte sich für einen weiteren Einsatz. Mächtige Panther- und Tiger-Panzer brachten sich in Position, während Infanteriekräfte aus dem rückwärtigen Raum vorrückten, um die liegengebliebenen deutschen Panzer zu sichern. Engelmann ließ sich zurückfallen, landete unsanft in seinem Sitz. Seine verletzte Hand pulsierte. Sie war dick angeschwollen wie eine Feuerqualle. Überdies stand ihm der Schweiß im Gesicht und durchnässte seine Uniform. Der Leutnant spürte die Müdigkeit, die gegen seine Augen drückte, die ihm jeden Tatendrang entriss. Er blickte sich in seinem Panzer um, schaute in die erschöpften Augen seiner Besatzung. Nitz hatte eine Platzwunde am Schädel, die aber nicht stark blutete. Münster schien mit offenen Augen einzuschlafen, während Jahnke die verbliebenen Geschosse zählte und Ludwig durch seine Optik das Vorfeld beobachtete. Sie alle wirkten schlaff und ermattet. Wochenlange Kämpfe zehrten an ihnen. Doch sie hatten hier einmal mehr nur eine Vorhut abgehalten; der russische Angriff setzte sich unvermindert fort. Auch Franzi war ganz schön mitgenommen. Von außen sah der Panzer aus, als hätte er mit einer Abrissbirne einen vor den Latz geknallt bekommen. Eines der MG war hin, das Funkgerät beschädigt und die Stahlhaut an tausend Stellen angeknackst.

Plötzlich klopfte jemand gegen die Luke des Kommandanten. Engelmann vernahm ein ganz dumpfes »Herr Leutnant?«. Es kostete ihn Überwindung, sich aufzuraffen, dann aber streckte er sich hoch und blickte in das Gesicht eines Gefreiten von Anna 2.

»Herr Leutnant«, begann der seine Meldung. »Befehl vom Regiment: Wir umgehen die Sonnenblumen rechtsumfassend und folgen dem Höhenrücken, um Feindkräften bei der Höhe 201,4 in die Flanke zu fallen. Abmarsch in 15 Minuten. 10. Kompanie übernimmt die Führung; wir sollen als schließendes Glied nach hinten und uns dieses Mal zurückhalten.«

»Hab‘ verstanden«, murmelte Engelmann. »Damit es uns heute Abend noch gibt.«

Der Gefreite nickte.

»Danke«, schloss der Leutnant und verschwand in seinem Panzer. Also würde es sofort weitergehen. Das war wahrscheinlich die richtige Entscheidung, dennoch arbeiteten sie alle am Limit und sehnten sich nach einer Pause. Engelmann blickte in erwartungsvolle Gesichter.

»Es geht weiter«, flüsterte er. Seine Männer nickten.

Naryschkino, Sowjetunion, 01.06.1943

Mit Getöse schlugen die Geschosse der »Ratsch-Bumm« im Zentrum der Siedlung ein. Die große Hauptstraße wurde wieder und wieder aufgerissen – Gestein und Dreck flogen umher. Jede Detonation brachte Vibrationen mit sich, und diese Vibrationen rüttelten an den Ruinen, die der Krieg von Naryschkino noch übriggelassen hatte.

Unteroffizier Franz Berning drückte sich unter einem zersprengten Fenster gegen die Zimmerwand und kniff die Augen zusammen. Draußen jagten die Einschläge Staub und Dreck wie erdige Kaskaden in die Höhe. Berning presste mit beiden Händen seinen Helm fester gegen den Schädel. Auf der Straße zauberten die Salven nun einen Mantel aus trockenem Nebel, der sich über das gesamte Stadtzentrum legte. Wieder und wieder hämmerte die russische Artillerie in die Siedlung hinein. Die Männer des 2. Zugs krallten sich an den Wänden der sich schüttelnden Gebäude fest. Höllenheiße Metallfetzen zischten umher, klatschten gegen die Außenwände der Häuser. Glühende Splitter zwitscherten durch die Luft, durchschlugen den Beton. Schreie der Todesnot gellten auf. In Naryschkino öffnete in diesem Augenblick die Hölle selbst ihre Pforten und schüttete die Glut brennender Feuerkessel über der Stadt aus. Der Luftdruck presste die Soldaten, die sich in den Ruinen verbargen, wie Insekten gegen das Gemäuer. Einige Männer waren dem Wahnsinn nahe. Mit zusammengekniffenen Augen und gegen die Ohrmuscheln gepressten Händen kauerten sie sich zusammen, ließen das grausige Spiel über sich ergehen.

Bernings Atmung ging schnell und schneller. Zitternd zwang er sich, über den Fenstersims nach draußen zu schauen. Eine gigantische Staubwolke verwehrte ihm die Sicht.

Das war nicht der übliche Vormittagssegen des Iwans. Die Granaten sollten eine Attacke vorbereiten. Berning war mit seiner Gruppe im Erdgeschoss eines zerstörten Ladenlokals in Stellung gegangen. Rechts von ihm unter dem anderen Fenster hockten Hege mit seinem MG sowie der Obergefreite Weiß, den Berning zu seinem Truppführer gemacht hatte, und der zugleich als zweiter Schütze das MG bediente. Der Rest der Gruppe, die zu großen Teilen aus »Neuen« bestand, verteilte sich über die anderen Fenster, Türen und durch die Kämpfe geschaffenen Durchbrüche im Gebäude. Hier verharrten sie, ließen das feindliche Artilleriefeuer über sich ergehen. Wieder jagte eine Salve Granaten in die Stadt hinein. Die Einschläge gruben die Straße um.

Auch nördlich von Kursk war die Rote Armee nach dem Unternehmen Zitadelle