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Freuen Sie sich auf den achten Band der durchdachten Alternativwelt-Serie über einen anderen 2. Weltkrieg jetzt als rundum überarbeitete Neuausgabe! Nie war Alternativweltgeschichte aus Deutschland besser! Synopsis: Für das Deutsche Reich ergibt sich an der Ostfront eine unerwartete Möglichkeit, die Sowjetunion mit einer letzten Offensive endgültig zu besiegen. Während deutsche Tiger-Panzer auf Moskau vorstoßen, bereiten die Westalliierten jedoch den Einsatz einer fürchterlichen neuen Waffe vor, die alles verändern könnte … Im Mittelpunkt dieser historisch detaillierten Alternativwelt-Serie stehen die lebendigen Figuren: Der Panzeroffizier Josef Engelmann, der Soldat der deutschen Spezialeinheit "Brandenburger" Schneider, der Infanterist Franz Berning und einige mehr. Über 12 Bände hinweg machen sie lebensverändernde Entwicklungen durch, während Deutschland, die Sowjetunion und die Westalliierten um die Vorherrschaft über Europa ringen. Und über allem schwebt die spannende Frage: Was wäre, wenn …? Profitieren Sie zudem von dieser Neuausgabe, die der Autor inhaltlich und sprachlich vollständig überarbeitet hat. Erleben Sie Stahlzeit jetzt in seiner besten Version! Was Sie von dieser Serie erwarten dürfen: Keine Rücksicht! Erleben Sie den Pulverdampf, die Kämpfe und menschliche Abgründe in all ihren Facetten Packende Schlachtszenen und berührende Figuren werden Sie bis zum letzten Satz fesseln Historisch akkurat und glaubhaft entfaltet sich vor Ihren Augen eine alternative Zeitlinie, die aufzeigt, wie der Krieg auch hätte verlaufen können Die nach 12 Bänden abgeschlossene Stahlzeit-Serie, ursprünglich erschienen zwischen 2014 und 2017, konnte bereits zehntausende Leser fesseln und begeistern. Tauchen auch Sie jetzt in das vielschichtige Stahlzeit-Universum ein – mit der besten Version dieser Geschichte, die es jemals gab!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Tom Zola
Stahlzeit Band 8
Die Bombe
Der andere Weltkrieg – Eine alternative Geschichte
EK-2 Militär
Ihre Zufriedenheit ist unser Ziel!
Berlin, Deutsches Reich, 06.02.1945
An: Frau Else Engelmann
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 08.02.1945
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 15.02.1945
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 18.02.1945
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 19.02.1945
Nördlich von Qiqihar, Mandschukuo, 04.03.1945
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 06.03.1945
Minsk, Sowjetunion, 06.03.1945
Oldenburg, Deutsches Reich, 19.03.1945
Südwestlich von Retschyza, Sowjetunion, 20.03.1945
Außerhalb von Kobryn, Sowjetunion, 22.03.1945
Südlich von Schitomir, Sowjetunion, 27.04.1945
Zwischen Retschyza und Gomel, Sowjetunion, 28.04.1945
Nordöstlich von Qiqihar, Mandschukuo, 29.04.1945
Nördlich von Peremyshl', Sowjetunion, 01.05.1945
20 Kilometer östlich von Gorki, Sowjetunion, 06.05.1945
Nordöstlich von Peremyshl', Sowjetunion, 06.05.1945
Östlich von Peski, Sowjetunion, 23.05.1945
Außerhalb von Rukaw, Sowjetunion, 25.05.1945
Südwestlich von Gorki, Sowjetunion, 01.06.1945
Tula, Sowjetunion, 16.06.1945
Nördlich von Alexandrow, Sowjetunion, 16.06.1945
Zernez, Schweiz, 22.06.1945
Lakenheath, England, 06.07.1945
Brandenburg an der Havel, Deutsches Reich, 06.07.1945
Westlich von Tula, Sowjetunion, 06.07.1945
Nördlich von Alexandrow, Sowjetunion, 07.07.1945
Tula, Sowjetunion, 10.07.1945
Berlin, Deutsches Reich, 13.07.1945
Washington D.C., Vereinigte Staaten von Amerika, 15.07.1945
Nachspiel
Personenverzeichnis
Verpassen Sie auf keinen Fall den nächsten Band!
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Impressum
Ihre Zufriedenheit ist unser Ziel!
Liebe Leserin, lieber Leser,
zunächst möchten wir uns herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie dieses Buch erworben haben. Wir sind ein Familienunternehmen aus Duisburg und jeder einzelne unserer Leser liegt uns am Herzen!
Mit unserem Verlag EK-2 Publishing möchten wir militärgeschichtliche und historische Themen sichtbarer machen und Leserinnen und Leser begeistern.
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Ihr Team von EK-2 Publishing
Berlin, Deutsches Reich, 06.02.1945
Deutschland konnte die Sowjetunion nicht auf militärischem Wege besiegen. Punkt. Russland war der ewige Schlund, in dem jede feindliche Armee für immer versank. Es war die Größe des Landes, die Weite der Steppen, die Millionen Quadratkilometer Fläche, die keine fremde Macht dieser Erde gänzlich zu kontrollieren vermochte. Es waren weiter die Menschen der Sowjetunion, die zahlreicher waren als die der meisten anderen Länder, vor allem zahlreicher als die Deutschen.
Sämtliche Offensivpläne Hitlers hatten auf der einfachen Annahme gefußt, die deutschen Truppen bräuchten nur Moskau zu erobern, dann würde die Sowjetunion kapitulieren. Die Generäle der Wehrmacht hatten sich zudem von der jüngeren Geschichte verführen lassen. Hatte das Deutsche Reich 1917 nicht schon einmal das riesenhafte Zarenreich bezwungen? Der Sieg über die Russen im Großen Krieg mochte diesen Trugschluss zulassen, Russland aber war zu jener Zeit innerlich zerrissen gewesen, vom Bürgerkrieg und politischen Umstürzen zerrüttet. Jene Unruhen hatten das Militär des Zarenreichs gelähmt.
Auch dieser Tage war Moskau das Ziel, das die deutschen Generäle vor Augen hatten, wenn sie die nächste Offensive planten. Moskau war die Stadt, die fallen musste, und mit Moskaus Fall würde auch die Sowjetunion fallen, so lautete die Idee … die verzweifelte Hoffnung, denn ein jeder hohe Offizier der deutschen Wehrmacht wusste, dass die Kräfte der Achsenmächte schlicht nicht ausreichten, über Moskau hinaus viel weiter gen Osten vorzustoßen. Die Nachschublinien waren schon jetzt überdehnt, die Transportkapazitäten reichten hinten und vorne nicht aus, dabei befand sich nur ein Bruchteil der gigantischen Sowjetunion unter deutscher Kontrolle.
Was aber, wenn eine Eroberung Moskaus nicht genügte, Stalin zur Kapitulation zu bewegen? Die Feldmarschälle wagten es nicht, diese Frage zur Diskussion zu stellen. Was sollten die Deutschen unternehmen, sollte sich der rote Diktator nach der Einnahme Moskaus nach Molotow oder Stalinsk absetzen, um von dort aus den Krieg gegen Deutschland fortzusetzen? Beide Städte lagen tausende Kilometer weiter im Osten, gleichzeitig aber noch tausende Kilometer von der japanischen Front entfernt. Es waren Orte, die für die Achsenmächte unerreichbar schienen. Stalin aber könnte dazu in der Lage sein, auch von Zentralrussland aus Panzer um Panzer gegen die deutsche Front zu schicken … Panzer, die in aller Seelenruhe in Sibirien oder in den USA gefertigt wurden. Irgendwann musste das Deutsche Reich unter diesem Druck zerbrechen.
Manch ein Landser, der seine Zeit an der Ostfront verbracht hatte, mochte glauben, der Russe verfüge über mehr Soldaten als die Wehrmacht über Munition. Vor allem aber war das deutsche Militär zersplittert über ganz Europa, musste vielerorts Kriege führen gegen allerlei Großmächte. Gegen die Briten und deren Vasallen, namentlich die Australier, die Neuseeländer, die Inder, die Südafrikaner und andere, die das Empire zu einem mächtigen Gegenspieler machten. Ferner gegen die USA, die nach dem Großen Krieg zur gewaltigsten Industriemacht des Planeten aufgestiegen waren.
Nicht vergessen werden durfte auch der Krieg gegen die Partisanen, die mit jedem Tag zahlreicher wurden und mittlerweile überall in Europa lauerten, ja, bisweilen selbst in Italien und in Österreich. Und in Deutschland! Auf deutschem Boden selbst, im Herzen der Achse, war der Keim des Widerstandes gesät worden. Die Gestapo statuierte Exempel, veranstaltete eine gnadenlose Menschenjagd … die Widerstandszellen aber wuchsen unaufhörlich.
Weiter musste das Deutsche Reich zahlreiche Verbündete mit durch diesen Krieg schleppen, über die mancher General hinter vorgehaltener Hand behauptete, sie würden als Feinde weniger Schaden anrichten, als sie dies als Verbündete derzeit taten. Mussolini war zu einem Bürgermeister Roms verkommen, der sich an einen wackeligen Thron klammerte. Rumänien, Kroatien, Finnland … obwohl sie tapfer ihren Beitrag leisteten, waren sie aus Sicht vieler deutscher Offiziere kaum der Rede wert. Solche Verbündete brachten es vor allem mit sich, dass es noch mehr Küstenkilometer gab, die gegen feindliche Landungen abgesichert werden mussten, dass bei jedem gemeinsamen Vorhaben zahlreiche Akteure angehört und besänftigt werden mussten. Generaloberst Zeitzler hatte bereits viele Stunden seines Lebens damit zugebracht, Mannerheim und Konsorten Zugeständnisse abzuringen. Da lobte er sich den italienischen Duce, der seine Truppen gleich von den Deutschen führen ließ – quasi, ohne zu protestieren. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig.
Für Zeitzler war Francos Kriegseintritt genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer wurde er, dass die plötzliche Kehrtwende der Spanier ein Glücksfall war. Nun musste die Achse zuschlagen, noch ehe die Westmächte den nächsten Versuch starten konnten, eine große europäische Front zu eröffnen. Die Achse musste die erste gegnerische Großmacht aus dem Spiel nehmen – und dann darauf hoffen, lange genug gegen die Westmächte bestehen zu können, bis die USA keine Lust mehr auf den Krieg im fernen Europa haben würden. Das war der Plan, denn ein Angriff auf Nordamerika war ganz und gar ausgeschlossen. Die Stimmung der amerikanischen Bevölkerung jedenfalls begann bereits zu kippen, und Präsident Dewey schien ein Mann zu sein, der auf sein Wahlvolk hörte.
Lächerlich, kommentierte Zeitzler das demokratische Gebaren der US-Amerikaner.
Und dann war da neben Franco noch ein Mann, der den Deutschen wie gerufen kam. Ein Mann, der im März den Kontakt zu Berlin gesucht hatte, und der seitdem mit der Abwehr in enger Verbindung stand. – Wie gesagt, die Sowjetunion war militärisch nicht zu bezwingen. Die Sowjetunion aber konnte sich selbst besiegen: Hass, Neid und Frust gab es dafür genug in diesem riesigen Land. Viele hatten dem großen Stalin seine Gräueltaten nie verziehen, und viele waren die Willkür des kommunistischen Herrschers leid, der jemanden an einem Tag zu Ruhm und Reichtum verhelfen konnte, nur um ihn dann am nächsten Tag dem Henker vorzuführen. Stalin war wie ein kleines Kind: unberechenbar, trotzig, ein einziges Risiko für jeden Menschen in seinem Machtbereich. Es wäre aus deutscher Sicht daher wenig befriedigend, Russland nur mürbe zu kämpfen, bis es zu Verhandlungen bereit war. Ein stalinistisches Russland vor der Haustür des Deutschen Reichs würde auch im Frieden ein Sicherheitsrisiko bleiben. Nein, Stalin musste weg, und innere sowjetische Kämpfe mussten den deutschen Soldaten gleichzeitig den Weg bereiten. Nur auf diese Weise war die Sowjetunion zu Fall zu bringen.
Der Mann der Stunde hieß Beria, Stalins oberster Geheimdienstler und Offizier fürs Grobe. Beria hatte lange in der Gunst des großen sowjetischen Führers gestanden. Dem opportunistisch veranlagten Geheimdienstchef war jüngst der Gedanke gekommen, dass Stalin nicht mehr die beste Wahl für seine persönliche Zukunft war – und nichts anderes interessierte Beria. Der Geheimdienstler hatte von langer Hand Vorsorge für den »Ernstfall« getroffen. Über Jahre hinweg hatte er ein Netzwerk aufgebaut, das sich über die gesamte Sowjetunion spannte. Er hatte Georgien zu einer Festung umfunktioniert, deren Schutzwälle aus Getreuen bestanden, hatte dort einen Ort geschaffen, wo Stalins Wort nichts mehr zählte.
Offenbar hatten sich Beria und Stalin zunehmend voneinander entfernt. Sie waren beide mittlerweile ganz unterschiedlicher Meinung, was die weitere Kriegführung anbelangte. Letztlich schien Beria zu der Überzeugung gelangt zu sein, auf Stalins Abschussliste zu stehen. Beria war sein Land herzlich egal, er wollte nur überleben – und gut leben. »Staatschef Russlands« war ein Titel, der ihm schmecken würde. Dafür hüpfte er freudestrahlend mit der Wehrmacht ins Bett. Beria malte sich sogar aus, nach getaner Arbeit als gleichberechtigter Partner am Verhandlungstisch sitzen zu dürfen.
Zeitzler wusste es natürlich besser. Das Deutsche Reich würde die Kapitulationsbedingungen diktieren, soviel stand bereits fest, auch wenn das Abkommen mit dem sowjetischen Geheimdienstler anders lautete. Doch selbst diese Pille würde Beria bereitwillig schlucken, wenn es erst einmal so weit war.
Hauptsache, er durfte im Kreml sitzen, durfte ein wenig Macht ausüben und sich bereichern. Beria war im Grunde ein sehr einfach gestrickter Mensch, ein Mensch mit klaren Zielen und Bedürfnissen. Beria war berechenbar, mit ihm konnte Deutschland leben. Vor allem war er nicht dumm, hatte es immerhin vollbracht, hinter Stalins Rücken unbemerkt eine Schattenarmee aufzustellen.
Beria würde Stalin töten, und die Achse würde unter Zuhilfenahme frischer spanischer Truppen in Moskau einfallen – ein letzter Kraftakt, der die Stärke Deutschlands unterstreichen sollte. Die Machtübernahme würde sicherlich Unruhen im großen Sowjetreich auslösen. Beria würde vollauf damit beschäftigt sein, seinen Thron gegen alle möglichen Kräfte zu verteidigen. Für eine Fortsetzung des Krieges gegen die Achse würden ihm demnach die Ressourcen fehlen. Darum war Beria die Schlüsselfigur in dem Plan, der in Generaloberst Zeitzler herangereift war. Beria war die Versicherung, dass mit dem Fall Moskaus der Krieg im Osten tatsächlich beendet sein würde …
An: Frau Else Engelmann
(23) Bremen
Hagenauerstr. 21
Elly!
Ich verbitte mir den Tonfall, der aus Deinen Zeilen spricht! Du verlierst mich nicht! Was versuchst Du mit deinen unterschwelligen Anschuldigungen mir gegenüber zu bezwecken? Ich tue meine Pflicht, auch Euretwegen, aber das scheinst Du zu vergessen! Dir scheint das Weihnachtsfest oder die anstrengende Zeit, die Du mit Gudrun durchlebst, wichtiger zu sein als das Fortbestehen des deutschen Volkes. Ich für meinen Teil jedenfalls sehe unser Vaterland an erster Stelle, für das ich kämpfen werde, solange dies nötig ist. Du tätest gut daran, mich zu unterstützen, statt subtile Unterstellungen vorzubringen, die das ohnehin unbehagliche Leben an der Front noch unerträglicher für mich machen. Und ich bin auch jetzt schon für Euch da! Mit jedem Brief erreicht Dich mein Sold als Offizier, der Euch ein besseres Leben führen läßt, als dies viele andere deutsche Familien haben. Ich bitte Dich daher, Dich in Zurückhaltung zu üben, während Du aus Deiner warmen Stube heraus darüber lamentierst, wie erbärmlich Dein Leben doch sei. Dein Leben ist nämlich nicht erbärmlich, es ist gut! Du und Gudrun könnten kaum ein besseres Leben haben!
Josef Engelmann
Hauptmann
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 08.02.1945
Ellys letzter Brief hatte Engelmann erst sehr traurig, dann sehr wütend gemacht. Er las ihn wieder und wieder, und mit jedem Lesen stachen ihm ihre Anschuldigungen stärker ins Auge. Mit jedem Lesen spürte er deutlicher, wie sie ihn zu maßregeln versuchte – wie sie ihm die Schuld an allem gab. Dazu hatte Elly kein Recht! Engelmann fühlte sich unfair behandelt und das machte ihn zornig. Mit unbewegter Miene brütete er über seinem Antwortschreiben, las noch einmal die unterkühlten Zeilen. Er musste ihr deutlich machen, dass sie damit aufhören müsse, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden. Er konnte doch auch nichts an alledem ändern! Engelmann legte sein Schreiben beiseite, schnaufte. Grapschte ihren letzten Brief, der schon ganz zerknittert war, las ihn noch einmal:
Mein liebster Josef,
Deine letzten Briefe haben mich sehr traurig gemacht. Ich verliere Dich, das spüre ich. Wenn Du aus dem Krieg wiederkehren wirst, wirst Du nicht mehr der sein, den ich einmal als den fürsorglichen und liebevollen Mann kennengelernt habe, und über diese Erkenntnis könnte ich stundenlang weinen. Du kannst aber nichts dazu, es ist diese grausame Zeit, die Dich so verändert! Wichtig ist einzig, daß Du überlebst und irgendwann heimkommst. Ach, wenn Du doch wenigstens mal wieder für ein paar Wochen herkommen könntest! Ich vermisse Dich … ich brauche Dich, Sepp! Gudrun wird immer anstrengender und ist ein sehr freches Mädchen geworden! Ach, Du weißt, daß ich zu weich zu ihr bin. Ihr fehlt ein strenger Vater, der auch einmal die Hand gegen sie erhebt! Bitte pass auf Dich auf! Versprich mir das! Das Weihnachtsfest ohne unser Familienoberhaupt war eine bedrückende Erfahrung. Ich möchte nicht, daß es zur Gewohnheit wird!
In ewiger Liebe Elly
Was dachte sich das Weib? Engelmann presste die Zähne aufeinander. Warum tat sie ihm das an? Sie hatte kein Recht dazu! Sie hatte kein Recht …
Engelmann hatte sein Schreiben absichtlich nicht mit einem Datum versehen. Ob er wirklich einen schriftlichen Ehekrach heraufbeschwören wollte, wusste er noch nicht. Auf der anderen Seite musste er eine deutliche Ansage machen. Er konnte schon nicht mehr richtig schlafen, weil ihm ihre Maßregelungen im Kopf herumschwirrten. Er konnte an nichts anderes mehr denken als an ihren Brief, der ihn nicht nur wütend, sondern auch unfassbar trübselig stimmte. Im Augenblick überwog die Wut, doch es würden auch wieder andere Stunden kommen, Engelmann wusste das. Er hatte manchmal das Gefühl, nicht Elly verlöre ihn, sondern umgekehrt: Er verlor Elly.
Er entfremdete sich mit jedem Tag, den er an der Front zubrachte, mehr von ihr. Und Gudrun … würde er sie überhaupt noch wiedererkennen? Engelmann graute es vor der nächsten Begegnung mit seiner Tochter. Über ein Jahr hatte er das kleine Kind nicht gesehen … sein letzter Urlaub war jener über die Christtage 1943 gewesen. Der Hauptmann erwischte sich bei dem Gedanken, dass die Urlaubssperre, die Major Boss über ihn verhängt hatte, ihm eigentlich ganz gelegen kam. Vielleicht sogar war es vernünftiger, an erster Stelle diesen Krieg zu Ende zu bringen und erst danach heimzukehren. Was brachten schon einige Wochen zuhause, in denen der Soldat das Glück der Familie kosten durfte, ehe ihn der Abschied traf wie ein Hammerschlag in die Genitalien?
Was derweil daheim im Argen lag, das lag eben im Argen. Das ließ sich so schnell nicht ändern, erst recht nicht durch ewiges Kopfzerbrechen. Allein mit Briefen vermochten die Soldaten die Keile nicht zu zertrümmern, die der Krieg zwischen sie und ihre Familien trieb. Das konnte einzig die Zeit bewirken – die Zeit, die den Krieg vergehen, den Soldaten nach Hause zurückkehren und ihn im Umfeld seiner Familie leben ließ, bis der Krieg nur noch eine dumpfe Ahnung der Erinnerung im Hinterkopf der Menschen war. Dann, ja dann konnte gehofft werden, dass auch die Wunden heilen würden, die der Krieg einst gerissen hatte.
Engelmann dachte so hin und her und kam immer mehr zu dem Schluss, dass er Angst hatte. Er hatte wahnsinnige Angst davor, Elly irgendwann unter die Augen zu treten, denn er wusste nicht, ob die leidenschaftliche, liebevolle Beziehung, die sie einmal geführt hatten, noch real war. Hatte ihnen der Krieg die Liebe entrissen? Hatte der Krieg Engelmann und Elly zu Hülsen gemacht? Unfähig, zu empfinden … unfähig, zu lieben? Engelmann fürchtete sich aufrichtig vor der Zeit nach dem Krieg – nicht, weil er nicht einschätzen konnte, was dann politisch sein würde, sondern weil er befürchtete, dass das Zusammenleben mit seiner kleinen Familie nie wieder so sein würde wie in seiner Erinnerung. Würde er Elly noch aufrichtig küssen können? Sie heißblütig lieben können? Oder würden er und sie zu stumpf funktionierenden Ehepartnern werden, die zusammenlebten, weil in ihren Akten eine Urkunde ruhte, die ebendies von ihnen verlangte? Würden sie letztlich selbst zu einem dieser alten, verbitterten Paare werden, die überall zu beobachten waren und über die sie sich stets gewundert hatten?
So wollen wir nie enden!, hatten sich Elly und Josef einst geschworen. Arm in Arm auf dem Jahrmarkt. Küssend im Kino. Einander liebkosend unter Bettdecken.
So wollen wir nie enden! Er verlor sie … und sie ihn. Ja, es war unausweichlich. Engelmann wusste das. Etwas drückte ihm von innen gegen die Augen. Er wischte sich kräftig mit den Fingern durchs Gesicht, schnäuzte die Nase. Sie lief unaufhörlich aufgrund der eisigen Temperaturen.
Engelmann kannte die Geschichten von Kameraden, deren Frauen des ständigen Fortbleibens ihres Gatten überdrüssig geworden waren. Manches Weib teilte die Trennung oder Scheidungsabsicht ganz förmlich per Brief mit und eröffnete dem betroffenen Soldaten an der Front damit eine ganz neue Dimension der Hölle. Waren die Entbehrungen des Krieges und das ständige Abschlachten schon entsetzlich genug, so war für viele Männer die Liebe, die in Deutschland auf sie wartete, oftmals der einzige Halt. Wurde diese Liebe plötzlich annulliert, vergnügte sich das entsprechende Mädel womöglich sogar noch mit einem anderen Mann, gab das vielen Frontsoldaten den Rest. Selbsttötungen waren in der Wehrmacht keine Seltenheit.
Engelmann stieß einen langen Seufzer aus. Nein, das traute er Elly nicht zu. Elly würde zu ihm halten, auch wenn ihre Liebe erlöschen würde … bereits erloschen sein mochte. Dieses Versprechen hatten sie sich in Anwesenheit des Standesbeamten gegeben. Dieses Versprechen hatte sie ebenso begleitet, als sie den Vertrag für das Ehestandsdarlehen unterzeichnet hatten.
Josef Engelmann war sich noch nicht sicher, ob er den Brief in dieser Form wirklich abschicken würde. Im Grunde aber blieb ihm als Offizier und Ehemann nichts anderes übrig, als Elly mit deutlichen Worten zu antworten. So traurig hatte ihn ihr Brief gemacht. So zornig vor allem! Was dachte sie sich? Ja, was dachte sie sich nur?
Engelmann steckte den Brief in seine Kartenmeldetasche. Die Sache hatte noch Zeit; Elly würde sich nicht wundern, wenn seine Antwort auf sich warten ließ. Die Reichspost benötigte dieser Tage schon einmal Wochen für die Zustellung, hinzu kamen die Wirren an der Front und zeitweise Schreibverbote, um Operationsplanungen nicht zu gefährden. Eine Zustellung konnte dieser Tage gut und gerne Monate in Anspruch nehmen. Und Engelmann war sich noch immer nicht sicher, ob er diese Antwort wirklich abschicken würde … oder doch. Doch! Er würde den Brief abschicken! Nur nicht jetzt. Engelmann hatte sich ohnehin um andere Angelegenheiten zu kümmern.
Major Boss hatte die baldige Verlegung in die Etappe angeordnet. Die 2. Kompanie würde die Wetterspitze also verlassen. Die gesamte Panzer-Division »Franz Halder« war dieser Tage in Bewegung, sollte ihre über viele 20 Kilometer zersplitterten Kräfte endlich wieder zusammenziehen. Der Verband würde anschließend in die Obhut des XXXIX. Panzerkorps zurückkehren, das mittlerweile unter dem Dach von Generaloberst Kleffels 4. Panzerarmee agierte. Boss hatte durchblicken lassen, dass die Wehrmacht zahlreiche schnelle Verbände hinter der Front versammle. Er hatte unter anderem von der 6. Panzer-Division und der 27. Panzer-Division gesprochen, aber auch von italienischen Einheiten und einem Vichy-Verband. Von den Spaniern war nach wie vor keine Rede. Engelmann fragte sich, welches Gewicht Francos Truppen in die Waagschale zu legen vermochten – und ob es ausreichen würde, um das Gleichgewicht im Ostkrieg endlich zugunsten der Achse zu verschieben. Er versuchte sich auszumalen, wie kampfkräftig die spanischen Verbände wohl waren. Ihm wollte aber so recht kein kohärenter Gedankenfluss gelingen. Zu sehr war er von anderen Dingen abgelenkt … von Dingen des Herzens.
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 15.02.1945
Taylor steckte die Zigaretten an, die er sich und Schneider zwischen die Lippen geschoben hatte. Die beiden hockten in ihrer Lehmhöhle in dem kleinen Birkenwäldchen, das die Brandenburger zur provisorischen Stadt ausgebaut hatten. Sie kauerten auf Matratzen aus Tannenreisig. Ein Abzug im Dach sorgte dafür, dass der Rauch die Luft im Unterschlupf nicht vergiftete. Hindenburglichter, die sich in Nischen in den Lehmwänden befanden, spendeten Licht und etwas Wärme. Es stank wie in einem Löwenkäfig.
Neuerliche Schneefälle hatten die Lehmhöhlen des Zuges mit einer dicken, perlweißen Schicht überzogen. Der Bericht der Wetterfrösche vom OB Ost jedoch kündigte Regen an. Eine graue, undurchdringliche Wolkenwand schob sich bereits von Osten her über die »Wetterspitze«. Der Wind frischte auf, peitschte das verschneite Land mit starken Böen, sodass die oberste Puderschneeschicht aufgewirbelt wurde. Schneewehen, die aussahen wie Wellen, zeigten die Windrichtung an.
»Scheiß Ludenking«, geiferte Schneider. In seinem Antlitz stand der Zorn. Seine Augen brannten förmlich, auf der Stirn zeichnete sich eine rote Ader ab, die Lippen waren um die Zigarette herum zu einem bleichen Strich zusammengepresst. Er sog mit aller Macht an seiner Kippe.
»Was denkt sich dieser Hurenbock?«
Taylor zuckte nur mit den Achseln. Er sah die Dinge naturgemäß anders, doch es führte zu nichts, Schneider mit rationalen Argumenten zu kommen.
Das Hauptquartier in Brandenburg hatte dem 1. Zug einen neuen Zugführer als Ersatz für Fritze geschickt. Leutnant Pinkus Lüdeking aus Freiburg war vor gut drei Wochen bei der Wetterspitze eingetroffen. Lüdekings Erscheinungsbild mochte im ersten Moment an einen frischen Primaner erinnern, der zu viele Groschenromane gelesen hatte. Der Mann zählte allerdings bereits 30 Lenze und hatte als Mannschafter und später dann als Unteroffizier bei einigen haarsträubenden Einsätzen des Sonderverbandes mitgewirkt. Lüdeking, der neben Englisch und Französisch auch fließend Serbokroatisch sprach, war Ende 1943 Gruppenführer gewesen, als seine Kompanie im Kaukasus bis zu 100 Kilometer hinter die feindlichen Linien vorgestoßen war, um sowjetische Kräfte auszukundschaften. Seine Einheit war schließlich aufgeklärt worden, hatte kämpfend ausweichen und immer wieder Verluste einstecken müssen. Der Kompanieführer fiel, der Spieß und die Zugführer ebenso – und plötzlich war der frischgebackene Unteroffizier Lüdeking Chef des verlorenen Haufens. Als solcher hatte er sich mit seiner Kompanie einen ganzen Winter lang auf einer Insel im Moor versteckt, war zahllosen russischen Späh- und Vernichtungstrupps entwischt. Er und seine Männer hatten sich wochenlang von Eichhörnchen, Vögeln und Insekten ernährt, hatten bei Temperaturen jenseits der 40 Grad minus Beutezüge gegen sowjetische Konvois geführt, hatten mit Frost, Schnee, Hagel und Regen zurechtkommen müssen – ohne Nachschub, ohne Aussicht auf Entsatz. Im Frühjahr 1944, beim Einsetzen der Schlammperiode, hatte Lüdeking mit den Resten der Kompanie den Ausbruch gewagt, hatte ein vom Feind besetztes Gebiet von 85 Kilometer Tiefe überwunden und zu den deutschen Linien zurückgefunden. Lüdekings Kompanie war im Winter 1943 mit einer Verpflegungsstärke von 89 Mann in den Einsatz ausgerückt, am Ende kehrten Lüdeking und 14 weitere Soldaten zurück. Sein Lohn war die Ernennung zum Offizier, die der kommandierende General des Sonderverbands Brandenburg gegen alle Widerstände durchsetzte.
Nach einem Erholungsurlaub und einem Lehrgang verschlug es Lüdeking in der zweiten Jahreshälfte 1944 nach Südfrankreich, wo er als Zugführer den Kampf gegen die Résistance unterstützte sowie die Einsatzreserve des Sonderverbandes für den Fall einer feindlichen Invasion Südfrankreichs verstärkte.
Schneider interessierte all das nicht. Ihm war es egal, dass Lüdeking auf dem Quenzgut als Held gefeiert wurde. Schneider war auf Krawall gebürstet, spätestens nachdem Lüdeking ihm nicht nur das Kommando über den Zug abgenommen, sondern ihn auch noch der »Talhütte« verwiesen hatte. Dieses Ereignis hatte direkt die erste lautstarke Auseinandersetzung zwischen Schneider und Lüdeking hervorgerufen. Die zweite Auseinandersetzung hatte sich am Morgen des Folgetages ereignet, als Schneider ohne Absprache mit dem Leutnant den Zug zum oberkörperfreien Frühsport hatte antreten lassen. Lüdeking verbot dies sogleich. An jenem Morgen hatten sich die beiden vor versammelter Mannschaft gezofft. Schneider verwies, Gift und Galle spuckend, auf die Zähigkeit und Ausdauer des Soldaten, die in allen Lagen erhalten werden müsse. Lüdeking jedoch hielt nichts von Leibesübungen bei Minusgraden und erinnerte an jene vier Mann, die bereits mit einer Lungenentzündung im Lazarett lagen. Zudem war der halbe Zug erkältet, einige klagten über Kopfschmerzen und Fieber. Keine optimalen Bedingungen für sportliche Ertüchtigung. Die Achselstücke des Leutnants hatten den Kampf letztlich entschieden.
Damit nicht genug, hatte der Leutnant Schneider in der Folge zweimal vor den Männern gedemütigt. Das erste Mal ereignete sich wenige Tage nach dem Streit um den Frühsport. Lüdeking fragte Schneider vor versammelter Mannschaft nach den eisernen Rationen des Zuges … und dieser musste zugeben, dass er deren Verzehr befohlen habe, nachdem die Grenadiere zwei Tage lang keine ordentliche Verpflegung herangekarrt hätten. Gleichzeitig hatte Schneider den Verbrauch der Rationen weder gemeldet noch sich um Ersatz gekümmert. Lüdekings Standpauke folgte auf dem Fuße.
Die zweite Demütigung hatte sich in der letzten Woche abgespielt. Schneider, der von den übrigen Brandenburgern zunehmend isoliert wurde, hatte sich wegen einer Lappalie mit Calvert angelegt. Es ging um ein grünes Halstuch, das der Südafrikaner der Kälte wegen trug. Gemäß der Vorschrift war das verboten, was bis dato aber kein Schwein interessiert hatte. Die Fronten zwischen Schneider und Calvert allerdings hatten sich böse verhärtet, und seitdem suchte der Oberfeldwebel nach Fehlern, um dem Gefreiten einen reindrücken zu können. Allein deshalb hatte er ihn auf das Halstuch angesprochen und befohlen, es zu entfernen. Calvert, der wegen einer starken Erkältung kaum zu sprechen vermochte, wehrte sich. Die beiden stritten schließlich so lauthals, dass sie Lüdekings Aufmerksamkeit erregten. Der hörte sich beide Seiten an, musterte Schneider danach von Kopf bis Fuß und zitierte schließlich aus dem Gedächtnis einen langen Passus aus der Heeresdienstvorschrift zum Tragen der Leibertarnuniform. Er stellte an Schneiders Uniform zahlreiche Mängel fest, die nicht vorschriftenkonform waren: geöffnete Taschen, ein abgerissener Knopf, das Truppenwappen löste sich, das Hemd ragte aus der Hose, die Gamaschen entsprachen nicht den dienstlich gelieferten Exemplaren. Lüdeking gab Schneider fünfzehn Minuten Zeit, die Mängel abzustellen.
Während Schneider in einer Tour über den ungerechten und inkompetenten »Ludenking« wetterte, hatte Taylor längst begriffen, dass der Herr Leutnant kein Unmensch war, sondern Schneider lediglich die eigene Medizin kosten ließ. Es war schließlich mehr als lächerlich, Calvert wegen eines Halstuchs anzumaulen, wenn gleichzeitig einige der Brandenburger mit Sowjetmänteln herumliefen. Lüdeking wollte Schneider erziehen, doch das hatte der noch nicht verstanden. Oder wollte es nicht verstehen. Hinzu kam, dass Schneider nachtragend sein konnte wie ein alter Elefant.
»Scheiß Ludenking«, giftete der Oberfeldwebel noch einmal und drückte seine Zigarette im Lehm aus. Taylor überlegte derweil, was seinen alten Kameraden wohl mehr wurmte: dass er sich an dem Leutnant die Zähne ausbiss, oder dass Lüdeking bei den Männern bereits sehr beliebt war, während Schneider sich selbst ins Abseits geschossen hatte. Würde sich Taylor mit Schneider nicht eine Höhle teilen, er würde jetzt auch eher die Nähe von Calvert oder Blessing oder einem der anderen suchen, denn auch ihm ging der Oberfeldwebel zunehmend auf die Nerven. Der Grund dafür, dass Taylor überhaupt mit Schneider in einem Unterschlupf hockte, war dabei ebenso einfach wie symptomatisch für Schneiders jüngste Umtriebe, die mehr und mehr zu seiner eigenen Ausgrenzung führten: Als er die Talhütte hatte aufgeben müssen, hatte er nicht mit dem Bau eines eigenen Unterschlupfs begonnen. Nein, Schneider hatte Calvert und Blessing einfach aus ihrer Höhle geworfen und sich stattdessen darin eingenistet.
Taylor waren seine vorherigen Mitbewohner definitiv lieber gewesen, denn Schneider kannte leider nur noch ein Thema: Lüdeking! Lüdeking könne dies nicht, Lüdeking mache jenes falsch. Manchmal glaubte Taylor, einem alten Waschweib zuzuhören statt einem gestandenen Mann, so ausführlich und feindselig lästerte Schneider über den Leutnant.
»Scheißkerl«, donnerte der Oberfeldwebel und zündete sich eine neue Zigarette an. »Na warte, dem haue ich noch irgendwann auf die Schnauze! Was fällt denen überhaupt ein, uns so ein Arschloch zu schicken?«
»Beruhige dich, Mann«, nuschelte Taylor resignierend und kroch durch den schmalen Eingangstunnel aus der Lehmhöhle. Er brauchte frische Luft …
Die eisigen Temperaturen schlugen ihm wie eine unsichtbare Faust ins Gesicht. Starker Wind blies ihm um die Ohren. Taylor zog sich den Kragen des Mantels enger zu, trippelte auf der Stelle im Schnee. Er starrte in den Himmel, der schwärzer und schwärzer wurde.
»Da kommt noch was runter«, murmelte er. Wenigstens hielten die Russen die Füße still. Die Front an der Wetterspitze war ruhig, überhaupt war die gesamte Ostfront erstarrt. Wenn etwas geschah, dann waren die Deutschen am Drücker. Einmal war eine große Armada der Luftwaffe – Schlachtflugzeuge plus Geleitschutz – über die Wetterspitze hinweg und gen Feind gebraust. Im Süden hatte die 62. ID die ukrainische Hafenstadt Cherson in einem kühnen Vorstoß zurückerobert. Und hinter den deutschen Linien braute sich etwas zusammen … noch konnte Taylor nicht sagen, was es war, doch diffuse Meldungen und Gerüchte verdichteten sich, wie immer, wenn eine große Operation bevorstand. Irgendetwas war im Gange … etwas Großes. Das spürte er.
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 18.02.1945
Platzregen trommelte gegen das hölzerne Dach der Talhütte. Die Regentropfen fuhren Rennen auf den kleinen Fensterscheiben. Leutnant Lüdeking hatte den gesamten Zug in seinen Gefechtsstand befohlen. Die über 30 Brandenburger drängten sich in der kleinen Kate wie die Ölsardinen in der Büchse. Der Geruch von Schweiß, Feuer, schlechtem Atem und Darmwinden hing in der Luft. Die nassen Holzwände fügten eine modrige Note hinzu.
Lüdeking hatte sich in der Mitte des Zuges postiert. Er betrachtete seine Männer ausgiebig, blickte jedem einzelnen zumindest ein Mal kurz in die Augen, nickte ihnen anerkennend zu und klatschte dann, erfüllt von Tatendrang, in die Hände. Lüdeking war vor 20 Minuten erst mit Teilen des Zuges von einem ökumenischen Feldgottesdienst zurückgekehrt. Die Pfaffen hatten belegte Brote, Tee und Malzkaffee aufgefahren, womit sie regelmäßig auch die nicht so Frommen zu ihren Veranstaltungen lockten. Vom 1. Zug waren sogar einige Moslems hingegangen.
Die Mägen der Männer waren jedenfalls gefüllt, die allgemeine Stimmung würde an diesem Sonntag keinen höheren Punkt mehr erreichen.
Der perfekte Zeitpunkt für eine Unterrichtung des Zuges, dachte Taylor. Er kam überhaupt immer mehr auf den Trichter, dass Lüdeking doch ganz genau wusste, wie er seine Teileinheit zu führen und die Männer zu nehmen hatte. Taylor mochte den Leutnant – und er hielt ihn für einen besseren Zugführer als Schneider.
Lüdeking hatte blondes Haar, lang auf der Schädelmitte, kurz geschoren an den Seiten. Seine stahlblauen Augen leuchteten wie Diamanten. Rein äußerlich war er eine Mischung aus Schönling und Milchbubi. Die spiegelglatten Wangen hatten wohl noch nie eine Rasierklinge gesehen, die schmalen Lippen und die feine Nase verliehen dem zerbrechlich anmutenden Jungengesicht feminine Züge. Wer Leutnant Lüdeking nicht kannte, würde sich wohl schnell über sein kindliches Äußeres lustig machen. Wer ihn jedoch kannte, dem blieb der Spott im Halse stecken. Lüdeking war ein eisenharter Knochen, der genau wusste, wie der Hase lief.
Der Leutnant wischte sich eine Strähne aus der Stirn, dann lächelte er sanft in die Runde und verkündete: »Männer! Es wird Zeit, euch in die Dinge einzuweihen, die ihre Schatten vorauswerfen.«
Taylor blieb nicht verborgen, mit welch finsterem Blick Schneider der Unterweisung folgte. Der Deutschgrieche hielt die Arme verschränkt, schien Lüdeking allein mit dem Blick erschlagen zu wollen. Der Leutnant ignorierte das feindselige Gebaren des Gruppenführers, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen. Mit gelöster Stimme berichtete er davon, dass sich der Zug auf ein baldiges Abrücken vorbereiten solle. Zwei Grenadier-Kompanien seien auf dem Weg als zusätzliche Sicherungskräfte für die Wetterspitze. Die Brandenburger hingegen würden in die Etappe verlegen, um sich auf ihren nächsten Einsatz vorzubereiten. Viel wusste Lüdeking selbst noch nicht, nur, dass der Verband derzeit mit der Luftwaffe Gespräche führte, um einen geeigneten Feldflugplatz zu finden, auf dem die Brandenburger eine Auffrischungsausbildung im »Springen« erhalten sollten. Diese war für März angesetzt.
Springerausbildung, sinnierte Taylor, der versuchte, sich mit den spärlichen Informationen ein möglichst dichtes Lagebild zu erstellen. In seinem Geist ploppte sofort eine detaillierte Karte der Sowjetunion auf. Sein fotografisches Gedächtnis war in der Lage, derartige Karten eins zu eins nachzuzeichnen.
Es geht also vermutlich wieder weit hinter die feindlichen Linien … ansonsten würden wir nicht springen müssen, grübelte der Unterfeldwebel.
»Zwei Dinge noch«, verkündete Lüdeking zum Abschluss seiner Unterweisung und bedachte die Männer mit einem ernsten Blick. »Erstens: das Klima. Der russische Winter ist klirrend kalt, das muss ich euch nicht erzählen. Solange wir uns aber in Bewegung halten und Erfrierungen vermeiden, kommen wir durch. Wirklich gefährlich ist die Schlammperiode. Die anhaltende Nässe zermürbt den Soldaten. Es gilt daher umso mehr, unsere Kampfkraft unter allen Umständen zu erhalten, denn für den bevorstehenden Auftrag brauche ich euch alle in bester körperlicher und seelischer Verfassung. Das oberste Gebot für die Soldaten meines Zuges lautet daher, sich unter allen Umständen trocken zu halten. Bleibt in euren Höhlen, solange wir keinen Alarm haben oder es befohlen wird. Macht Feuer, wann immer es geht, um Klamotten und Leiber zu trocknen. An die Unterführer ergeht hiermit der Befehl, die Tätigkeiten der Gruppe auf jene Überlebenswichtigen zu beschränken. Leibesertüchtigungen sind ebenso wenig lebenswichtig wie ein Antreten im Regen!« Das saß. Jeder der Anwesenden wusste genau, wem dieser Seitenhieb galt, und kurz, ganz kurz, trafen sich Schneiders und Lüdekings Blicke. Schneiders Miene hatte sich noch weiter verdunkelt. Lüdeking aber lächelte, klatschte erneut in die Hände.
»Kommen wir zum zweiten und wesentlichen Punkt: Alkohol und Kippen!«
Die Brandenburger grinsten – alle, bis auf einer.
»Ich bin nun schon einige Tage bei euch, hatte aber noch keine Möglichkeit, meinen Einstand zu geben. Diesen Mangel stelle ich heute ab, Kameraden! Ich habe mit Hauptmann Graf abgemacht, dass uns sein Versorger im Laufe des Nachmittags mit einer Extraladung Marketenderwaren beliefert. Der Feldwebel wird Bier, Schnaps, Wein, Kippen und Pfeifentabak in meinen Zuggefechtsstand bringen. Aufgrund der Umstände sehe ich von einem gemeinsamen Zugabend ab. Kommt einfach vorbei, bedient euch und sauft euch einen in euren Höhlen.« Lüdeking feixte breit. »Solange der Vorrat reicht.«
Mit diesen Worten löste er die Unterrichtung auf. Die Männer trabten ab, von freudigem Gebrabbel begleitet.
Den ganzen Vormittag über linsten gierige Augen in Richtung der Talhütte. Die Landser lauschten ungeduldig dem Trommelfeuer des Regens und wollten die Ankunft des Versorgers frühestmöglich aufklären. Als am Nachmittag endlich das Wiehern eines Rosses und das Klappern von Hufen zu vernehmen war, drückte sich der gesamte Zug schon in der Nähe der Talhütte herum – Regen hin oder her. Eineinhalb Dutzend Augenpaare beobachteten aufmerksam, wie der Leutnant die Waren entgegennahm, unterschrieb und bezahlte.
»Na, kommt schon her, ihr Lumpenhunde«, rief Lüdeking den Männern lachend zu. Und die Brandenburger dackelten an, rot im Gesicht vor Scham, dass sie sich so auffällig verhalten hatten. Lüdeking grinste breit. Der ganze Zug kehrte noch einmal in der Hütte ein, dann langten die Männer zu. Sie stopften sich die Manteltaschen mit Zigaretten voll und nahmen so viele Flaschen an sich, wie sie zu tragen vermochten. Die Männer klönten, schimpften, erzählten dreckige Witze und lachten.
Viele umringten Lüdeking, so auch Thomas Taylor. Der Leutnant erzählte mit einer Bierflasche am Mund von seiner Kindheit im Breisgau. Warum er denn erst 1943 zur Armee gegangen sei, wo er doch ein so hervorragender Soldat wäre, fragte einer. Es habe sich eben so ergeben, erklärte Lüdeking. Glas klirrte aneinander, die Männer prosteten sich zu. Ryan brachte, schon halb besoffen, einen Toast auf den Zugführer und den 1. Zug aus. Katczinsky vollbrachte das Kunststück, auf Kommando gleichzeitig zu rülpsen und zu furzen und schließlich stimmte Huber »Der Führer hat gerufen« an. Die Landser grölten schief und schrill durcheinander. So war es an diesem Abend doch noch zu einem Zugabend gekommen. Erst gegen 22 Uhr gingen die Männer allmählich auseinander, torkelten, vollbepackt mit Marketenderwaren, zu ihren Schlafplätzen. Taylor hätte sich gerne noch länger mit dem Leutnant unterhalten, ungestört. Leider aber war Lüdeking pausenlos von den Landsern belagert worden. Unter anderem wich Calvert dem Zugführer nicht von der Seite und führte lebhafte Debatten mit ihm.
Als Taylor die Augen zuzufallen drohten, verabschiedete auch er sich aus dem klein gewordenen Kreis, rannte durch den Platzregen und kroch in seine warme Lehmhöhle.
Schneider saß auf seinem Schlafplatz. Hindenburglichter warfen im Inneren einen schwachen Schein an die Wände. Zerdrückte Zigarettenstummel lagen auf dem Boden verteilt; eine nahezu abgebrannte Zigarette steckte Oberfeldwebel Schneider zwischen den Zähnen. Seine rechte Hand umschloss eine Wodkaflasche aus Lüdekings Beständen. Taylor hatte gar nicht bemerkt, dass Schneider auch dort gewesen war.
»Du bist eine Hure, weißt du das?«, lallte Schneider mit unkontrollierter Aussprache. Er blickte Taylor aus glasigen Augen an. »Lässt dich von diesem Lackaffen mit Alkohol und Kippen kaufen wie eine billige, französische Nutte.«
»Halt die Schnauze, Pantelis. Du bist betrunken.«
»Jawohl.«
Bis gerade eben war Taylors Laune noch vortrefflich gewesen, nun war er schon wieder genervt. Er legte sich auf seine Schlafstatt, drehte Schneider demonstrativ den Rücken zu.
»Eine Nutte …«, murmelte der in seinen Dreitagebart hinein. »… eine erbärmliche Nutte …«
Die Müdigkeit überfiel Taylor wie ein Rudel Wölfe. Er vermochte seine Augen kaum noch offen zu halten. Plötzlich aber vernahm er ein Geräusch im Eingangstunnel der Höhle.
»Pantelis!«, säuselte eine Stimme. »Hey, Pantelis!«
Taylor drehte sich um, starrte in den schwarzen Eingangstunnel hinein. Dort kam plötzlich Calverts glattrasiertes Gesicht zum Vorschein.
»Was willst du, du Nutte?«, wurde er von Schneider sogleich angemacht.
»Ich habe Neuigkeiten, die dich interessieren dürften.« Calvert griente selbstgefällig und breit.
»Was willst du?«, blaffte Schneider. Der Alkohol ließ ihn die Augen verdrehen.
»Dein neuer Freund … unser verehrter Herr Zugführer …«
»Was ist mit dem Ludenking?«, raunzte Schneider ungeduldig.
Calvert badete förmlich in dessen Reaktion. »Ludenking? Hübscher Name …«, entgegnete er ganz langsam und ließ Schneider noch ein bisschen zappeln. Dann ergänzte er: »Passender wäre aber wohl JUDENking.« Das Grinsen des Gefreiten reichte bis zu den Ohren.
»Was?«
»Der gute Leutnant ist Jude.«
»Er ist … was?« Mit einem Mal schien Schneider nüchtern zu sein. Er stierte Calvert fassungslos an.
»Ich lasse das dann erst einmal auf dich wirken. Gute Nacht, Freunde – und Cheers!« Mit diesen Worten verschwand Calvert. Seine Worte wirkten auf Schneider … und wie sie wirkten! Der Oberfeldwebel schüttelte sich, seine Gesichtszüge arbeiteten.
»Das würden die doch nicht wirklich machen?«, flüsterte er irgendwann.
»Keine Ahnung und es ist mir auch egal«, fauchte Taylor und drehte sich erneut um. Wäre er nicht bereits im Halbschlaf, er würde sich über die Nachricht sogar freuen. Taylor verspürte seit seiner Zeit in der Schweiz ein erhöhtes Interesse am Judentum, mit dem er bis dato keine Berührungspunkte gehabt hatte. Fast keine …
Ganz langsam entglitt Unterfeldwebel Taylor ins Reich der Träume. Er vernahm noch, wie Schneider in seinem Rücken abwechselnd an der Wodkaflasche nippte und gehässig vor sich hin murmelte.
»Ein Sohn Israels … pah … das würden die nicht machen … doch nicht die Abwehr … die würden nie einen Jud einstellen … schlimm genug, dass die Bastarde in der regulären Armee dienen dürfen … der Führer wusste schon, wie mit diesem Völkchen umzugehen ist … Sohn Israels … pah …!«
*
Seltsame Geräusche weckten Taylor. Er vernahm als erstes ein lautes Klirren, als hätte jemand eine Flasche zertrümmert. Dann gellten lallende Rufe, erfüllt von Hass.
Schneider!, schosses Taylor sofort durch den Kopf. Er fuhr aus seiner Schlafecke hoch, blickte auf den leeren Platz seines Kameraden. Eine scharfe Schnapsnote lag in der Luft.
»KOMM RAUS, DU STINKENDER JUD!«, hörte er Schneider in einer Mischung aus Erbitterung und Kontrolllosigkeit über die eigene Sprache rufen.
Taylor stürzte aus der Höhle. Dank der nur schwachen Hindenburglichter im Inneren waren seine Augen bereits einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt. Er brauchte nur ein- oder zweimal zu blinzeln, dann sah er die Welt in schemenhaften Umrissen vor sich. Er konnte die schmale Wiese erkennen, die wie eine düstere Platte zwischen der Talhütte und dem Birkenwäldchen lag. Taylors Stiefel versanken im Schlamm. Eiskalter Nieselregen fiel ihm ins Gesicht. Die Luft war kühl, die Blätter raschelten im Wind, und Schneider krakelte und lallte unverständliches Zeug wie ein Irrer: »KOMMITZIG! ODERHASSUKEINENMUMM?«
Ein Stein donnerte gegen das Holz der Talhütte. Taylor blieb beinahe das Herz stehen, so sehr schämte er sich für Schneider. Er sprintete nach einem Moment des Innehaltens auf seinen Kameraden zu, dessen dunkle Gestalt schattenhaft auf der verschlammten Wiese umherstapfte, die Arme erbost in die Höhe werfend.
»WASISMITDIR?«, blaffte Schneider mit betrunkenem Kopf.
Taylor sprang. Warf sich mit seinem Körper gegen Schneider. Riss ihn zu Boden. Drückte ihn mit aller Macht in den Schlick.
»Halt die Schnauze, du Esel!«, herrschte Taylor ihn an.
»Lassemischinruhe!«, erwiderte Schneider, dem der Alkohol die Zunge betäubt hatte.
»DU HÖRST MIR JETZT ZU!«, redete Taylor auf ihn ein. Er stemmte sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf Schneider, dessen Abwehrmaßnahmen reichlich unkoordiniert waren. Schneider vermochte sich nicht von seinem Kameraden zu lösen.
»Du hältst dein beschissenes Maul und kommst sofort mit mir!«, zischte Taylor.
»Dubistdeverflixtenuttevonnemsaujuden!«, sabberte sein Gegenüber.
»Der kann dich vors Kriegsgericht bringen für so eine Scheiße!«, sagte Taylor, der Schneider grob auf die Beine hievte.
Der Betrunkene hängte sich an ihn; er war schwer wie ein Sack Kartoffeln. Taylor allerdings erstarrte in diesem Augenblick, denn er schaute in Richtung der Talhütte, deren Tür unbemerkt geöffnet worden war. Lüdeking stand in Unterwäsche im Türrahmen. Er rührte sich nicht … und sagte kein Wort. Er stand einfach da. Taylor versetzte Schneider einen Schlag in den Nacken, der mopperte lallend, ließ sich aber ins Bett bringen.
Östlich von Witebsk, Sowjetunion, 19.02.1945
Taylor klopfte, wartete auf das »Herein« des Zugführers, ehe er sachte die Tür zur Talhütte öffnete. Lüdeking saß hinter einem schlecht gezimmerten Schreibtisch und starrte auf allerhand Berechnungen, die er auf einen Zettel gekritzelt hatte. Taylor wollte salutieren, doch der Leutnant winkte sogleich ab. Schweigend wies er auf einen Schemel. Taylor nahm Platz. Es roch nach modrigem Holz.
»Unglaublich …«, knurrte Lüdeking, ohne den Blick zu heben. »Die haben mir schon wieder keine Frontzulage berechnet.«
»Oh«, kommentierte Taylor, der nicht wusste, was er sonst darauf hätte antworten sollen.
»Aber der Zahlmeister hier kann nichts machen … erzählt er zumindest«, sagte sich Lüdeking. »Dem seien die Hände gebunden, weil wir kein Teil seiner Einheit sind, sondern er nur die Aufstellungen von unserem Zahlenknecht umsetzt …«
Taylor nickte stumm. Er starrte auf die Fotografie einer schönen, jungen Frau, eingerahmt in einen hölzernen Bilderrahmen. Die Frau trug ein Sommerkleid und lächelte keck in die Kamera. An einer Leine führte sie einen Hund.
»Jetzt kann ich … SCHON WIEDER … an diesen fetten Faulpelz schreiben, weil er seine Arbeit nicht geregelt bekommt! Mann, Mann, Mann, so etwas regt mich auf … können Sie das verstehen, Herr Unterfeldwebel?«
»Jawohl, Herr Leutnant.«
Endlich schaute Lüdeking auf, blickte Taylor direkt in die Augen. Er lächelte freundlich, doch irgendetwas stimmte nicht. Es schien, als würde der Offizier Mühe haben, sein Lächeln aufrechtzuerhalten.
»Nun denn«, sagte Lüdeking und schnaufte, »ich will Sie nicht mit meinen Problemen plagen. Was führt Sie zu mir?«
Taylor druckste etwas herum. Das Thema war ihm hochnotpeinlich, doch er fühlte, dass er es ansprechen musste. Leutnant Lüdeking verdiente zu erfahren, dass seine Soldaten hinter ihm standen. »Es ist wegen gestern Nacht.«
Lüdeking winkte ab. Sein Lächeln reichte plötzlich bis zu den Ohren. Es zitterte.
»Ich hatte versucht, ihn zur Vernunft zu bringen und die anderen … ich möchte mich in aller Form für den Vorfall entschuldigen.«
»Iwo!« Noch einmal winkte Lüdeking mit überbordender Geste ab. »Machen Sie sich keine Platte wegen der Nummer. Der verehrte Herr Oberfeldwebel war betrunken. Da sind manche eben nicht mehr Herr ihrer Sinne.«
Taylor atmete erleichtert aus; er hatte Schneider schon vor einem Kriegsgericht gesehen. Er spürte allerdings das Verlangen in sich, noch etwas sagen zu müssen. Nur was?
»Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, Herr Unterfeld?«, bohrte Lüdeking nach, der Taylors Gesichtsausdruck richtig deutete. Der Angesprochene schüttelte den Kopf, presste die Lippen aufeinander.
Lüdeking lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Eine Zeit lang forschte er schweigend in Taylors mit Sommersprossen übersätem Gesicht. Lächelte dabei immerzu. »Wissen Sie, ich kann Sie gut leiden«, sagte der Leutnant irgendwann. »Ich hab' Ihre Berichte gelesen, hab' mich informiert. Konnte sogar ein bisschen was über Sie erfahren, was … nun ja, eben nicht jeder erfährt. Sie verstehen?«
Taylor nickte.
»Schweiz, heh? War ein ziemliches Abenteuer, wie es mir scheint.«
Taylor wollte etwas antworten. Wusste nicht, was. Er schwieg.
»Denken Sie noch oft an sie?«
»Was meinen der Herr Leutnant?«
»Ach, kommen Sie! Sie wissen, von wem ich spreche! Luise Roth.« Lüdeking zwinkerte.
Taylor wurde rot. Er flüchtete sich in eine Floskel: »Sie war meine Zielperson. Oder was meinen Sie?«
»Sie war mehr als das. Man kann es aus Ihren Berichten herauslesen … zwischen den Zeilen, Sie verstehen?«
Lüdeking hatte Taylor ertappt … und der sah keinen Grund mehr, seine Verteidigung weiter aufrecht zu erhalten. Also erzählte er. Erzählte Lüdeking die ganze Geschichte. Erzählte ihm von der ersten, durch ihn initiierten Begegnung im Wald außerhalb von Belp. Er erzählte von ihrem Ausflug nach Basel, von seinem ungeschickten Annäherungsversuch, ihrer Abweisung. Er erzählte von dem Augenblick, als Luise plötzlich vor seiner Wohnungstür stand, als sie ihn stürmisch küsste und ihm die schönste Nacht seines Lebens bescherte. Er erzählte Lüdeking davon, dass es ihm zunehmend schwergefallen war, Luise für die Abwehr auszuspionieren. Säuselnd erzählte er ihm von Luises schönen Augen, ihrer weichen Haut, dem niedlichen Dialekt. Ich mag deine Laubflecken, hatte sie ihm zum Beispiel ins Ohr geflüstert und dabei mit dem Zeigefinger seine Wange gestreichelt. Und er erzählte Lüdeking auch ganz ungeschönt, wie es zwischen ihnen zu Ende gegangen war. Komisch, aber Taylor fühlte sich in Lüdekings Gegenwart seltsam geborgen. Noch nie hatte er diese Geschichte jemandem anvertraut, nicht einmal seinen engsten Kameraden … und streng genommen durfte er das auch nicht.
Lüdeking hatte beiden zwischenzeitlich Wein eingeschenkt – und während Taylor erzählte, leerten sie beinahe eine ganze Flasche und rauchten einige Zigaretten.
Allmählich verblasste das Lächeln im Gesicht des Leutnants. Er blickte Taylor nicht mehr an, sondern starrte auf seltsame Art durch ihn hindurch. Nachdem Taylor zu sprechen aufgehört hatte und einige Minuten des Schweigens vergangen waren, sagte Lüdeking ernst: »Ich gebe Ihnen einen guten Rat … Passen Sie auf, wem Sie von dieser Sache erzählen.« Der Leutnant blickte sich verstohlen im Raum um, so, als könnten sie beobachtet werden.
»Wie bitte? Natürlich, Herr Leutnant. Ist doch schließlich geheim.«
»Das meine ich nicht. Wenn die falschen Leute von Ihrer kleinen Liebelei Wind bekommen, kann das böse Konsequenzen für Sie haben.«
»Wegen Luise?«
»Ja.«
»Warum?«
Der Leutnant blickte Taylor vielsagend an.
»Meinen Sie, weil ich und Luise … na ja, dass ich befangen bin?«
»Nein.«
»Aber warum dann sollte die Geschichte Konsequenzen für mich haben?«
»Weil sie Jüdin ist!«
Lüdeking musterte Taylor aus unbewegten Augen. Seine Gesichtszüge waren ebenso unbewegt, so, als wären sie in Stein gemeißelt.
»Ähem …«, räusperte sich Taylor unsicher und versuchte sich an einem Lachen. »Wie meinen Sie das? Die Zeiten, in denen das eine Rolle spielte, sind vorbei.«
»Herr Unterfeldwebel. Sie sind noch einige Jahre jünger als ich und ich will Ihnen Ihren naiven Blick auf die Dinge daher nicht als schlechten Charakterzug auslegen. Wenn die Zeit kommt, werden Sie an meinen Rat zurückdenken«, entgegnete Lüdeking mit einem Ernst in der Stimme, der Taylor das Blut in den Adern gefrieren ließ.
»Nein, Herr Leutnant. Tut mir leid«, wendete Taylor überzeugt ein. »Da muss ich Ihnen widersprechen. Solche Dinge haben kein Gewicht mehr in unserem Land.«
Lüdekings Gesicht war eine Fassade. Eine bebende Fassade. »Sie haben mich nicht heiraten lassen«, sagte er plötzlich.
»Was?«
»Sie …« Die Stimme Lüdekings wurde brüchig. »… sie haben uns nicht heiraten lassen.«
»Dann sollten Sie es jetzt noch einmal probieren. Die Dinge brauchen doch einige Zeit, bis sie sich setzen, und Kanzler Halder ist auch erst seit … seit …« Taylor zählte die Jahre an den Fingern ab. Mein Gott, schon drei Jahre!
»Wir haben es vor Weihnachten erst probiert.«
Taylor wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Fassungslosigkeit breitete sich in ihm aus.
»Es gibt einen Ausschuss im Reichsinnenministerium«, erklärte Lüdeking roboterhaft. »Der ›Ausschuss zur Erhaltung des deutschen Blutes‹. Er entscheidet darüber, ob dem Heiratsantrag von Menschen jüdischer Abstammung stattgegeben wird … und deren Urteil ist nicht anfechtbar. Der Ausschuss hat uns abgelehnt.«
Taylor glotzte Lüdeking mit offenem Mund an.
»Das haben Sie nicht gewusst, was? Dass es so etwas gibt?«
»Nein, habe ich nicht. Ich dachte … ich dachte …«
»Dass alles nun anders ist?« Lüdeking lachte gekünstelt. »Dieser ganze Wahn ist keine Staatsdoktrin mehr, mag sein. Er lebt aber ungezügelt in den Menschen weiter, und Menschen sind es, die den Staat formen. Schauen Sie sich an, was in der letzten Dekade geschehen ist! Synagogen brannten, jüdische Geschäfte wurden geplündert. An diesen staatlich verordneten Verbrechen waren Tausende beteiligt. Die verschwinden doch nicht einfach, nur weil ein Herr Beck mit seinem verordneten Humanismus um die Ecke kommt.«
Taylor nickte schwach.
»Darf ich fragen …«, stotterte er. Verunsicherung und Neugier stritten in seiner Brust um die Hoheit. »… Ähem … ob Sie … also …« Er druckste herum. Wusste nicht, wie er es fragen sollte. Ob er fragen durfte. Dann platzte es aus ihm heraus: »Sind Sie denn auch nach dem Osten umgesiedelt worden? Ich hatte immer wieder davon gehört, aber ich weiß gar nicht, wohin all die Juden gebracht worden sind.«
»Ich war im Süden.«
»Ach so … davon habe ich noch nicht gehört. Ich kannte nur die Umsiedelungsprogramme nach Osten. Wo waren Sie denn genau, wenn ich fragen darf?«
»In Dachau. Sagt Ihnen das was?«
»Nein.«
Lüdeking schien, als hätte er diese Antwort erwartet. Seine Augen waren wie dunkle Glaskugeln, der Mund zuckte. Seine Miene war mit einem Mal doch sehr bewegt. Hinter der Fassade des lebensfreundlichen Offiziers focht dieser Mann grausige Kämpfe aus, das meinte Taylor nun zu erkennen. Er sah etwas in den Augen des Leutnants, etwas, das ihn ängstigte.
»In Dachau gibt es keine jüdische Siedlung, nicht wahr?« Taylor atmete langsam ein und aus. »Was war in Dachau?«
Taylor musste es einfach wissen. Luise hatte von fürchterlichen Bosheiten erzählt, die den europäischen Juden angeblich angetan worden waren. Taylor hatte ihre Geschichten damals nicht so recht glauben können … hatte sie nicht glauben wollen. Seitdem jedoch nagten ihre Worte an ihm. Aus diesem Grund musste er es jetzt wissen.
»Dachau ist ein Konzentrationslager.«
»Und da hat man Sie eingesperrt? Warum das denn?«
Lüdeking belächelte Taylor wie ein Vater das ungeschickte Kind. Er grapschte die Weinflasche, trank den Rest auf ex.
»Wissen Sie«, äußerte der Leutnant, »das Zynische an der ganzen Sache ist, dass ich nicht darüber sprechen darf. Ich habe bei meiner Entlassung einen Wisch unterschrieben, und wenn ich doch rede, bestrafen die mich … wiederum mit KL. Die haben mir 800 Reichsmark in die Hand gedrückt und plötzlich stand ich vor dem eisernen Tor und war auf mich gestellt.«
»800 Reichsmark? Drei Monatsgehälter auf einen Schlag?« Taylor nickte anerkennend. »Eine Menge Holz.«
»Es ist gar nichts, wenn dir zuvor alles genommen worden ist! Halder und Beck mögen die Juden befreit haben, doch der jüdische Besitz ist verloren. Die deutsche Regierung kann oder will das konfiszierte Vermögen nicht herausrücken. – Aber das würde zu weit führen. Wir sollten den Tag überdies nicht mit Plaudern verplempern.« Lüdeking warf einen flüchtigen Blick auf seine Taschenuhr, ehe er Taylor aufforderte, sich zu erheben. Der jedoch atmete tief durch, beugte sich vor und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen. Taylor musste es einfach wissen.
»Herr Leutnant, bitte. Luise hatte mir von Dingen erzählt … von schrecklichen Verbrechen …«
Lüdeking seufzte.
»Ist es wahr?«, forderte Taylor mit Nachdruck eine Antwort ein.
Der Offizier zeigte keine Reaktion. Zunächst zumindest nicht. Plötzlich aber zuckten seine Züge, vibrierte sein ganzer Leib, als stünde der Mann unter Strom. Seine Augen wurden glasig, dann feucht. Lüdeking presste die Lippen aufeinander, kämpfte mit aller Macht gegen seine Emotionen an. Er wandte sich dennoch nicht von Taylor ab, sondern erwiderte stoisch dessen Blick. Es war, als säße eine scharfe Bombe im Schädel des Leutnants, auf deren Entschärfung er jede Faser seines Körpers konzentrierte.
Taylor nickte traurig.
»Es tut mir leid«, hauchte er, kaum hörbar. Dann salutierte er zackig und verließ die Hütte. Er bekam nicht mehr mit, dass Lüdeking weinte.
Nördlich von Qiqihar, Mandschukuo, 04.03.1945
»Didi, halt mal die Plane«, befahl Serschant Berning seinem Kumpel Didrich Meister. Der griff nach der olivfarbenen Plane, breitete sie aus und stülpte sie über Berning und sich selbst. Der Serschant leuchtete mit der Taschenlampe nun eine Umgebungsskizze aus, die er auf dem lehmigen Untergrund ausgelegt hatte. Er strich sich durch sein dünn gewordenes Haar. Seine Zunge berührte hin und wieder einen Eckzahn, der sich aus dem entzündeten Zahnfleisch zu lösen begann. Die trotz der Privilegien eines Natschalniks schlechte Ernährung im Lager 525 und nun in der Wiedergutmachungs-Einheit manifestierte sich bei Berning immer mehr in körperlichen Leiden.
Es herrschte finsterste Nacht – kein Vollmond, nicht ein einziger Stern am Himmel. Es war gespenstisch dunkel; es war ohnehin gespenstisch in diesem exotischen Land, in dem die aus dem Deutschen Reich stammenden Soldaten unter sowjetischer Flagge gegen die Japaner und deren Marionetten zu kämpfen hatten.
Berning schwitzte erbärmlich. Seine aufgeplatzten Lippen sehnten sich nach einem Tropfen Wasser, der Magen nach Nährstoffen. Die Verpflegung durch die Rote Armee hatte sich als noch kärglicher herausgestellt als die der Wehrmacht. Berning mochte den eigenen knurrenden Magen ertragen können, doch er musste gleichzeitig ein waches Auge auf seine Männer haben. Längst nicht jeder Angehörige der 4. Kompanie war derart durchdrungen und beflügelt von der Idee des Kommunismus wie er. Manch einer zweifelte, viele plagte zusätzlich das Heimweh. Einige mochten sogar nur im Dienste der Sowjetunion stehen, weil sie Opportunisten waren … im Grunde faschistisch veranlagt, verrieten sie ihre eigene Ideologie, um ein Leben im Dienste der Kommunisten dem Tode vorzuziehen. Berning wusste nicht, wen er mehr verabscheuen sollte. Faschisten, die offen an ihrer falschen Ideologie festhielten, oder solche, die sich wanden wie Regenwürmer in der Mittagshitze, die alles und jeden verrieten, nur um selbst am Leben zu bleiben oder gar bessere Lebensumstände zu erreichen.
Berning war bewusst, dass die Stimmung innerhalb der Kompanie sehr schlecht war, ja, innerhalb des ganzen Wiedergutmachungs-Bataillons. Die Männer hatten das Gefühl, verheizt zu werden, um so sowjetische Kerneinheiten zu schonen. Zwangsrekrutierte russische Strafgefangene, die die Reihen der 3. und 6. Kompanie füllten, hatten sich sogar als ein undisziplinierter und unfähiger Haufen von Raufbolden herausgestellt, deren Kampfwert gegen Null tendierte.
Die deutschstämmigen Landser lamentierten heimlich über ihre Situation. Einen Ausweg aber gab es auch für diejenigen nicht, die am liebsten fortlaufen würden. Die sowjetischen Führer erschossen jeden, der sich von der Truppe abzusetzen versuchte oder auch nur einen Befehl infrage stellte. Sie zögerten keine Sekunde, wenn es um deutschstämmige Soldaten ging.
Und auch die Japaner versprachen keine Rettung. Keiner der Zwangsrekrutierten verstand ihre Sprache; sie konnten ihnen darum auch nicht mitteilen, dass sie Verbündete aus dem Deutschen Reich seien. Die Japaner schienen zudem einen ganz besonderen Groll gegen jene zu hegen, die es wagten, sich zu ergeben. Sie richteten in grausiger Regelmäßigkeit Massaker unter Kriegsgefangenen an, verstümmelten sogar gefallene Rotarmisten. Die Japaner kämpften mit einer ungeahnten Todesverachtung, und selbst ihre Verwundeten warfen noch mit Granaten um sich oder versuchten, feindliche Soldaten abzustechen. Sie handelten nach Grundsätzen, die mit europäischen Denkmustern nicht zu erfassen waren.
Was die meisten Angehörigen des 12. Wiedergutmachungs-Bataillons jedoch nicht verstanden, hatte Berning längst begriffen: Der Dienst in diesem Verband war für alle, ganz gleich welcher Herkunft oder Vergangenheit, eine einmalige Möglichkeit, sich zu bewähren. Berning jedenfalls war darauf bedacht, sich rasch die Gunst der Russen zu erarbeiten. Schade, dass Generaloberst Sidorenko in Stalinsk geblieben war, er hätte gewusst, wie Berning am besten zu fördern war.
Der Krieg in China dürfte derweil nicht mehr lange fortdauern, schätzte Berning. Die japanische Kwantung-Armee lag in den letzten Zügen, so glaubte er. 750 Kilometer südöstlich von Qiqihar befand sich bereits die Küste des Japanischen Meeres. Weite Teile des Landes waren vom Feinde gar nicht besetzt, da die Japaner nicht mehr die Kräfte aufbringen konnten, eine durchgängige Front zu unterhalten. Schier unaufhaltsam marschierte die Rote Armee der Küste entgegen, hinter der bereits das japanische Heimatland lag.
Bernings Kompanieführer, der Starschi leitenant, hatte erklärt, die Rote Armee wolle auf der derzeit gewonnenen Frontlinie vorerst verweilen, um den Nachschub nachzuführen und ihre Kräfte aufzufrischen. Zudem mussten letzte japanische Widerstandsnester entlang der Front gesäubert werden. In einer Woche dann, oder in zwei, sollte die Offensive fortgesetzt werden. Moskau ging davon aus, die Reste der japanischen Armee bis zur Jahresmitte ins Meer geworfen zu haben. So viel zum großen Angriff des Japanischen Kaiserreichs auf Mütterchen Russland …
Am Ende hatte ebendieser Angriff nur den eigenen Untergang beschleunigt, denn während sowjetische Truppen im Verbund mit den Mongolen und den kommunistischen Kräften Chinas das asiatische Festland von jeder japanischen Präsenz befreiten, näherte sich die gewaltige Kriegsmaschinerie der US-Amerikaner den japanischen Hauptinseln. Es war nur noch eine Frage der Zeit …
Berning seufzte. Er würde lieber an anderen Fronten kämpfen, aber er musste nun einmal tun, was die Weltrevolution ihm verlangte. Er leuchtete seine mit Dreck verschmierte Skizze aus, stützte sich mit dem linken Arm auf der Erde ab. Umgehend zog ein heißkalter Schmerz durch seinen Oberarm, streute bis in die Schulter. Berning zuckte zusammen, fasste sich an die verletzte Stelle. Vor zwei Tagen hatte er einen Trupp angeführt, der einen japanischen Panzer IV knacken sollte. Jener Tank war bereits bewegungsunfähig geschossen, doch er konnte von seiner Position auf einem Hügel aus noch immer eine schmale Straße überwachen, die quer durch das Niemandsland zwischen den Fronten verlief. Unter Deckungsfeuer arbeiteten sich Berning und seine Männer an den Panzer heran. Dann attackierten sie plötzlich japanische Infanteristen, die sich bis dato in Erdlöchern versteckt gehalten hatten.
Berning sah das Weiße in den Augen seiner Gegner, so nahe waren diese ihm mit einem Mal. Er riss seine MPi hoch, mähte die mit Bajonetten und Messern bewaffneten Angreifer nieder. Ein japanischer Offizier aber tauchte urplötzlich in Bernings Rücken auf und schnitt ihm mit einem Schwert in den Oberarm, ehe Didi das Leben des Japaners durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe beendete. Jener Japaner hatte Berning tatsächlich mit einem Schwert attackiert. MIT EINEM SCHWERT! Überhaupt kämpften die Japaner mit einer lebensmüden Besessenheit, die Berning eisige Schauer den Rücken hinunter jagte. Sie rannten mit um den Bauch gebundenen Sprengsätzen auf Panzer zu, sie liefen kompanieweise ins sowjetische MG-Feuer hinein, bis den Schützen die Munition ausging. Menschenleben schienen für die Japaner keinen Wert zu besitzen … mehr noch schienen sie geradezu darauf erpicht zu sein, für ihren Kaiser in den Tod gehen zu dürfen.
Ein wahnsinniges, unbegreifliches Volk, diese Japaner!, dachte Berning.
Berning bezweifelte gar, dass die Japaner in der Lage waren, jemals die Ideale der Kommune zu verstehen. Mehr noch als die Deutschen schienen sie in einem hohen Maße fanatisch und faschistisch veranlagt zu sein. Für eine ideologische Heilung mochte es bereits zu spät sein. Nun denn, die Japaner würden die unvermeidliche Weltrevolution dennoch nicht aufhalten können. Berning war sich sicher: Auch das Volk der aufgehenden Sonne hatte sich in die bevorstehende neue Ordnung einzufügen – oder eben unterzugehen. Und spätestens, wenn die Japaner erledigt waren, würde auch das 12. Wiedergutmachungs-Bataillon an die europäische Front verlegt werden. Berning wurde warm ums Herz, wenn er sich vorstellte, an der Befreiung seiner Heimat mitzuwirken.
»Didi!«, zischte er und tippte auf die Skizze. »Die 11. Mechanisierte Division nimmt zur Stunde Qiqihar. Unser Bataillon hält sich nördlich der Stadt zur Abwehr japanischer Entsatzangriffe bereit. Der Genosse Starschi leitenant hat mir die Anweisung gegeben, den Hügelkamm 700 Meter nordöstlich unserer Position zu gewinnen und unter allen Umständen zu halten. Dieser ist vermutlich feindfrei. Unsere Nachbarn werden die 3. Kompanie an der linken Flanke sein, außerdem die 6. an der rechten.«
»Na, wunderprächtig. Die Massenmörder …«, sagte Didi in seinem vorpommerschen Dialekt. Er seufzte.
»Schnauze, Mann!«, raunzte Berning. »Sie werden kämpfen oder sterben, so einfach ist das! Außerdem liegt ein mongolisches Regiment in unserem Rücken, die anrücken, wenn es ganz dicke kommt.«
»Als wenn …«, erkühnte sich Didi zu bemerken. Sogleich ließ ihn der feindselige Blick Vernings verstummen. Ihm war nicht entgangen, dass Didis Moral von Tag zu Tag mehr zu wünschen übrig ließ und dass er manchmal sogar offen den Sinn dieses Kampfes infrage stellte. Der österreichische Serschant nahm sich vor, seinen alten Kumpel im Auge zu behalten.
»Solange der Genosse Starschi leitenant bei der Besprechung ist, habe ich das Kommando!«, erklärte Berning grantig. »Didi, du machst Meldung an die anderen Züge! Alle Mann gehen in Linie gegen die Hügel vor und graben sich dort ein. Ich will bis zum Morgengrauen vernünftige Deckungslöcher sehen! Die Unterführer vor Ort sollen passende Stellen dafür auswählen.«
In früheren Tagen hätte Berning sicherlich noch weitere Befehle erteilt … Schwerpunkt- und Schweigewaffen, geballte Ladungen vorbereiten, Einsatz von Minen … all das waren Punkte, über die er sich nun keinerlei Gedanken machen brauchte, denn seine Einheit war eher rudimentär ausgerüstet. Alles, was sie zur Verfügung hatten, waren Uniformen, alte Repetiergewehre vom Typ Mosin-Nagant, 30 Schuss pro Soldat sowie eine Maschinenpistole mit zwei Trommelmagazinen je Unterführer. Kein MG, keine Granaten, kein gar nichts.
»Jawohl«, bestätigte Didi in seiner hellen, verrutschten Jungenstimme. Das allein reichte Berning nicht. Er schaute seinen alten Kumpel erwartungsvoll an.
»Auftragswiederholung …«, forderte der Serschant genervt, als von Didi nichts mehr kam.
»Ach so, ja … ähem … alle Mann auf die Hügel und eingraben.«
»Gut so. Beweg' dich!«
»Na klar.«
»Und Didi?«
»Ja?«
»Gewöhne dir an, mich mit meinem Rang anzusprechen. Verstanden?«
