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Freuen Sie sich auf den 5. Band der brachialen Military Science-Fiction-Serie über einen anderen 2. Weltkrieg jetzt als rundum überarbeitete Neuausgabe! Nie war Alternativweltgeschichte aus Deutschland besser! Synopsis: Die Invasion Nordfrankreichs ist abgeschlagen, doch die Regierung unter Kanzler Halder hat im Inneren des Reiches nach wie vor Feinde. Während sich die Wehrmacht auf den entscheidenden Schlag gegen die Sowjetunion vorbereitet, tritt der gefährlichste Mann der Opposition in Aktion – der von NS-Widerständlern aus dem Gefängnis befreite frühere „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler. Er und seine Anhänger schrecken vor nichts zurück, um die Macht wieder an sich zu reißen … Im Mittelpunkt dieser historisch detaillierten Alternativwelt-Serie stehen die lebendigen Figuren: Der Panzeroffizier Josef Engelmann, der Soldat der deutschen Spezialeinheit "Brandenburger" Schneider, der Infanterist Franz Berning und einige mehr. Über 12 Bände hinweg machen sie lebensverändernde Entwicklungen durch, während Deutschland, die Sowjetunion und die Westalliierten um die Vorherrschaft Europas ringen. Und über allem schwebt die spannende Frage: Was wäre, wenn …? Profitieren Sie zudem von dieser Neuausgabe, die der Autor inhaltlich und sprachlich vollständig überarbeitet hat. Erleben Sie Stahlzeit jetzt in seiner besten Version! Was Sie von dieser Serie erwarten dürfen: Keine Rücksicht! Erleben Sie den Pulverdampf, die Kämpfe und menschliche Abgründe in all ihren Facetten Packende Schlachtszenen und berührende Figuren werden Sie bis zum letzten Satz fesseln Historisch akkurat und glaubhaft entfaltet sich vor Ihren Augen eine alternative Zeitlinie, die aufzeigt, wie der Krieg auch hätte verlaufen können Die nach 12 Bänden abgeschlossene Stahlzeit-Serie, ursprünglich erschienen zwischen 2014 und 2017, konnte bereits zehntausende Leser fesseln und begeistern. Tauchen auch Sie jetzt in das vielschichtige Stahlzeit-Universum ein – mit der besten Version dieser Geschichte, die es jemals gab!
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Tom Zola
Stahlzeit Band 5
Himmlers grosse Stunde
Der andere Weltkrieg – Eine alternative Geschichte
EK-2 Militär
Ihre Zufriedenheit ist unser Ziel!
Berlin, Deutsches Reich, 11.07.1944
An: Frau Else Engelmann, 9.7.1944
Westlich von Cairon, 13.07.1944
Rechlin, Deutsches Reich, 16.07.1944
Dnjepropetrowsk, Sowjetunion, 19.07.1944
Caen, Frankreich, 23.07.1944
Außerhalb von Livno, Kroatien, 28.07.1944
Berlin, Deutsches Reich, 06.08.1944
Warschau, Polen, 06.08.1944
Herrlingen, Deutsches Reich, 06.08.1944
Kolonie Hegewald, Sowjetunion, 06.08.1944
Außerhalb von Livno, Kroatien, 06.08.1944
Berlin, Deutsches Reich, 06.08.1944
Außerhalb von Livno, Kroatien, 06.08.1944
Schitomir, Sowjetunion, 06.08.1944
Unbestimmter Ort, Sowjetunion, 07.08.1944
Flugplatz Rechlin, Deutsches Reich, 08.08.1944
Östlich von Priluka, Kroatien, 11.08.1944
Östlich von Priluka, Kroatien, 13.08.1944
Außerhalb von Stalinsk, Sowjetunion, 16.08.1944
Luftraum über Signôra, Schweiz, 18.08.1944
Östlich von Priluka, Kroatien, 18.08.1944
Südlich von Kiental, Schweiz, 18.08.1944
Südlich von Livno, Kroatien, 18.08.1944
Leutnant, 5.8.1944
Berlin, Deutschland, 20.08.1944
Nachspiel
Personenverzeichnis
Verpassen Sie auf keinen Fall den nächsten Band!
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Impressum
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Mit unserem Label EK-2 Militär möchten wir militärische und militärgeschichtliche Themen sichtbarer machen und Leserinnen und Leser begeistern.
Vor allem aber möchten wir, dass jedes unserer Bücher Ihnen ein einzigartiges und erfreuliches Leseerlebnis bietet. Daher liegt uns Ihre Meinung ganz besonders am Herzen!
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Heiko, Jill & Moni
von
EK-2 Publishing
Berlin, Deutsches Reich, 11.07.1944
Ein großer, grauer Klotz. Der Kanzlerbunker verunstaltete seit Anfang des Jahres 1944 die große Parkanlage, die sich um das Schloss Bellevue zog, der Dienstsitz des Reichskanzlers. Der flache, aus dickem Stahlbeton gegossene Bunker stand abseits des rechten Flügels der Schlossanlage. Lilafarbener Flieder und hochgewachsene Brennnesseln ummantelten die Bunkermauern. Doch auch das Gesträuch täuschte nicht über die Hässlichkeit des Zweckbaus hinweg.
Zwei braune Bombentrichter waren in den Grünstreifen gerissen worden, der Palais und Bunker umgab. Das Schloss Bellevue war größtenteils vom Bombenterror der Westmächte verschont geblieben. Andere Stadtteile hatten weniger Glück. Das Zentrum um Hitlers alte Reichskanzlei lag in Schutt und Asche. Charlottenburg war dem Erdboden gleichgemacht worden, 98 Prozent des Wohnraums vernichtet. Der Tierpark war schwer getroffen worden. Der Bombenhagel hatte viele der trotz Nahrungsmittelknappheit noch nicht geschlachteten Tiere getötet. Der Sitz des Heeresamtes in der Bendlerstraße war zum Jahresbeginn mit Brandbomben angegriffen worden, die das Hauptgebäude in Flammen hatten aufgehen lassen. 24 Beamte und Soldaten hatten dabei den Tod gefunden. Die Liste von Zerstörungen in der Hauptstadt Deutschlands ließe sich endlos fortschreiben.
Das ist ein einziges Verbrechen, was die Amerikaner und Briten betreiben, überkam es Reichskanzler Franz Halder nicht ohne Wut im Bauch, als er tief im Inneren des Kanzlerbunkers die große Berlinkarte studierte, die auf einen Kartenständer aufgezogen war. Dumpf und unwirklich dröhnte von draußen das Hämmern der Flakgeschütze in den Bunker, denn schon wieder verdunkelten alliierte Flugzeuge zu Hunderten den Himmel über Berlin. Deutsche Jäger warfen sich todesmutig zwischen die Feindflugzeuge und die Reichshauptstadt, doch sie waren nicht zahlreich genug, um die anhaltenden Angriffe verhindern zu können. Das Reich war dem Bombenkrieg nahezu schutzlos ausgeliefert. Galland und Speer versprachen, die Produktion der Me 262 zu forcieren als wirksames Abwehrmittel im Bombenkrieg. So lagen alle Hoffnungen auf den Düsenjägern, deren Bestand langsam zunahm.
Halder ließ mit müden Augen seinen Blick durch den Bunkerraum schweifen. Dutzende Karten, die alle relevanten Schauplätze des militärischen Konflikts aufzeigten, dekorierten die Betonwände. Glühbirnen, die eingesperrt waren in eisernen Käfigen, hingen von der Decke. Dem Kanzler schmerzte das künstliche Licht in den Augen. Wie gerne wäre er nun oben im so vortrefflich ausgestatteten Schloss ... wie gerne wäre er nun in seinem Bett!
Halder blickte in die Gesichter seiner Kameraden, die um einen massiven Holztisch versammelt waren, auf dem große Lagekarten ausgebreitet lagen.
Alles, was Rang und Namen hatte und nicht durch den Krieg verhindert war, befand sich in diesem Raum: Feldmarschall Walther von Brauchitsch, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Generaladmiral Wilhelm Canaris, Chef der seit Halders Machtübernahme deutlich erstarkten Abwehr. Der pummelige und stets aufbrausende Feldmarschall Kurt Zeitzler, Chef des Generalstabs des Heeres, sowie von Rundstedt persönlich, OB des OKH. Feldmarschall Erhard Milch, Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Generalleutnant Kressmann, Chef der Flugabwehr. Kurt Fricke, Admiral und Chef des Stabes der Seekriegsleitung. Dann natürlich der Waffengeneral der Artillerie, Generaloberst Berlin, in dessen Verantwortungsbereich das Ferngeschoss »Höllenhund« überstellt worden war. Weiter waren die OB der wichtigsten Fronten oder deren Vertreter vor Ort: Feldmarschall Hermann Hoth aus dem Stab des OB Ost. Kesselring, seines Zeichens OB Italien. Generalfeldmarschall von Kluge, der seit einigen Monaten der Oberbefehlshaber für den Raum Balkan war. Bodo Zimmermann, Generalmajor und Stabschef Erwin Rommels, der OB Frankreich-Benelux. Dann der Oberbefehlshaber Dänemark-Norwegen, Fedor von Bock. Feldmarschall von Weichs, OB Mitte-Ost. Dessen Machtbereich begann 125 Kilometer hinter der Ostfront und reichte bis an die Reichsgrenzen heran. Bei Verschiebungen an der Front setzte Halder die Linie zwischen von Mansteins und von Weichs' Verantwortungssphären immer wieder neu fest, was oftmals zu Verwirrungen führte. Zum Schluss noch ein niedriger Offiziersdienstgrad vom Oberquartiermeister, der mit der Anfertigung des Protokolls beauftragt war.
Halder blickte mit erschöpfter Miene in die Runde. Die meisten Anwesenden trugen rote Streifen an ihren feldgrauen Hosen, was sie als Generalstäbler auszeichnete. Dazu glänzten Orden über Orden an den Uniformen der hohen Offiziere: Eiserne Kreuze, Ritterkreuze, allerlei andere Abzeichen und sogar ausländische Verdienstorden verbündeter Nationen schmückten die Herren, deren Hosen glattgestrichen, deren Wangen rasiert und deren Haare gepflegt waren. Sie hielten Tassen in ihren Händen, aus denen duftender Dampf zur Bunkerdecke aufstieg. Ein herber Kaffeegeruch – echter Kaffee, keine Ersatzplörre – erfüllte den Raum, vermischte sich mit dem scharfen Odem unterschiedlicher Rasierwasser und dem feinen Geruch parfümierter Seife. Preiselbeerkuchen war auf einer Tafel am Rande des großen Kartentisches zur Selbstbedienung hergerichtet. Der Anblick der Kaffee schlürfenden und Kuchen mampfenden Herrschaften ließ kaum den Gedanken zu, dass Krieg herrschte. Die Berliner oben auf den Straßen sahen das sicherlich anders.
Einzig der kleine Zeitzler wehrte sich gegen die Dekadenz seiner Offizierskameraden. Er war der Ansicht, ein deutscher General habe genauso verpflegt zu werden wie seine Truppe. Es war demnach für den Generaloberst zur Gewohnheit geworden, zu Besprechungen eine rote Kanne mitzubringen, die gefüllt war mit Malzkaffee aus dem Heereswaffenamt. Zeitzler hatte Feldmarschall von Brauchitsch mit dieser Marotte bereits angesteckt. So begab es sich, dass sich auch an diesem Tag der kleine Zeitzler und der väterlich wirkende von Brauchitsch dünnen Ersatzkaffee in die Kehle schütteten, dazu nagten sie an harten Panzerkeksen. Die anderen Offiziere beobachteten diese Angewohnheit mitunter mit feindseligen Blicken, fürchteten sie doch, die beiden wollten ihnen ihre hart erarbeiteten Privilegien streitig oder zumindest madig machen.
… von Brauchitsch! Der Blick des Reichskanzlers nahm sich noch einmal des alten Offiziers mit dem scharfkantigen Gesicht und dem zurückweichenden Haupthaar an, der unter Hitler in Ungnade gefallen war. Halder hingegen war froh, einen fähigen Mann wie ihn an der Spitze des Oberkommandos der Wehrmacht zu haben. Es war doch reinster Wahnsinn, alles selbst machen zu wollen, wie es Hitler versucht hatte, als er von Brauchitsch durch sich selbst ersetzt hatte. Halders Gedanken entglitten in die Vergangenheit ...
Erhard Milch war im Jahre 1941 durch Göring darüber unterrichtet worden, dass die Nationalsozialisten die Ausrottung der europäischen Juden und anderer Minderheiten planen würden, statt sie in den Osten umzusiedeln, wie der Öffentlichkeit suggeriert worden war.
Im Januar 1942 begann das schreckliche Treiben im Konzentrationslager Dachau. Zu jener Zeit war Milch für Experimente an Gefangenen im selben Lager verantwortlich, ließ unter anderem testen, welchem Druck der menschliche Körper standzuhalten vermochte.
Die Konzentrationslager waren Instrumente der NS-Gewaltherrschaft, doch auch Halder hatte sie nicht abgeschafft. Sie leisteten ihm gute Dienste im »Kaltstellen« von »Volksschädlingen« und dienten darüber hinaus hervorragend als Abschreckung für all diejenigen, die den Pfad der Tugend zu verlassen gedachten. Der Pfad der Tugend war natürlich der Pfad, den der Staat vorschrieb. Deutschtum, Nationalismus, Opferbereitschaft bis in den Tod – so sehr unterschieden sich die Werte des Ständestaates unter Halder gar nicht von denen des Nationalsozialismus.
Auch unter der Kanzlerschaft Halders wurden in den Lager weiter medizinische Experimente an Menschen durchgeführt. Der Kanzler hatte lediglich die Rahmenbedingungen anpassen lassen. Jede Versuchsperson musste durch eine Kommission aus dem Reichsjustizministerium freigegeben werden, und natürlich musste es sich um Landesverräter handeln, ein sicherlich dehnbarer Begriff. Halder aber konnte es verkraften, einzelnen Menschen einen qualvollen Tod aufzubürden. Er verkraftete es schließlich auch, dass jeden Tag an allen Fronten Europas tausende Deutsche verkrüppelt wurden und verbluteten. Er verkraftete es ferner, dass in seinem Namen Fahnenflüchtige und Widerständler erschossen wurden. Gezielte Tötungen waren in seinen Augen das Gebot des Krieges. Außerdem dienten die Experimente dem medizinischen Fortschritt, was Halder sich gern in Erinnerung rief, um sein Gewissen zu beruhigen. Den Auserwählten hätte ohnehin die Todesstrafe geblüht – eine weitere gedankliche Beruhigungspille.
Was für den Kanzler jedoch nicht hinnehmbar war, war die grundlose Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen. Das stand dem entgegen, was die deutsche Kultur und das deutsche Wesen seit Jahrhunderten ausmachte, so meinte Halder. Viele seiner Weggefährten sahen die Dinge ähnlich ...
Mitte 1942 bildete sich ein illustrer Verschwörerzirkel um zunächst Milch und Erwin von Witzleben, der sich selbst als MW-Zirkel bezeichnete. Rommel war einer der ersten Mitstreiter gewesen, aber auch von Hase, Kommandant von Berlin, und von Brauchitsch.
Generaloberst a. D. Beck war am Rande über den »MW-Zirkel« informiert. Milch und von Witzleben hatten Beck vor allem mit ins Boot geholt, um Zugang zu den prominenten Widerständlern zu erhalten, die sich seit Jahren im Windschatten des alten Generals bewegten. Kurz darauf konnten sie auch Halder für sich gewinnen.
Die Verschwörer waren zu diesem Zeitpunkt zerstritten. Es gab Monarchisten unter ihnen, Verehrer des preußischen Obrigkeitsstaates, Nationalsozialisten, wie Milch selbst einer war, Christen und Militaristen. Sie alle einte vor allem die Ablehnung des Massenmords, der in den Lagern stattfand, sowie der Wille, die Kriegführung zu verändern. Akribisch geplant wie die Produktion eines Industriegutes, funktionstüchtig wie ein Uhrwerk, war die Tötungsmaschinerie der Nazis angelaufen. Dabei ging es den Verschwörern oftmals nicht um das Morden an sich – ja, einige verstanden sich gar selbst als glühende Antisemiten. Was die Verschwörer gemeinsam hatten, war vielmehr die Angst, dass die »Endlösung der Judenfrage« Deutschland den Kopf kosten könnte. Wie konnten die Nationalsozialisten nur einen so immensen logistischen und materiellen Aufwand betreiben, um innenpolitische Ziele durchzusetzen ... während sie im selben Atemzug den größten Mächten der Erde den Krieg erklärten? Hitler und seine Bande mit ihrem ehernen Glauben an die absolute Überlegenheit des Deutschen, der mit einem Fingerschnippen alle Feinde hinwegzufegen vermochte, waren brandgefährlich.
Doch was war zu tun? Tyrannenmord war für viele der Verschwörer keine Option, dafür waren sie zu sehr Soldat und zu wenig Aufrührer. Also begann der MW-Zirkel damit, einen Plan auszuarbeiten, der die politische Absetzung Hitlers und seines Gefolges bewirken sollte.
Im November 1942 kam alles anders. Der »GröFaZ« starb – einfach so. Hitler hatte bis dato alle Macht im Staate und in der Armee auf seine Person vereint. Sein Tod hinterließ demnach ein gewaltiges Machtvakuum. Göring war im Grunde als Hitlers Nachfolger eingesetzt, doch die Männer des MW-Zirkels reagierten am Tage des Unfalls zügig, isolierten den Dicken in seiner Residenz in Berlin, um ihn von den weiteren Ereignissen auszuschließen.
Den Chef des Generalstabs des OKW hatte Hitler freundlicherweise mit dem rückgratlosen Generaldienstgrad Keitel besetzt. Es war für Milch und Halder ein Leichtes, diesen Wendehals ins Abseits zu stellen. Darüber hinaus hatte sich Hitler durch seine ständige Einmischung in militärische Angelegenheiten keine Freunde bei der Wehrmacht gemacht. Zeitzler war überaus schlecht auf den Führer zu sprechen. Canaris führte sogar Tagebuch, um bei späteren Gerichtsverhandlungen präzise gegen Hitler aussagen zu können. Und Fromm, der Opportunist, würde sich immer der Fraktion anschließen, die augenblicklich als die stärkere erschien. Mit solchen Leuten in der Hinterhand hatten die Verschwörer im November 1942 leichtes Spiel, wobei ihnen auch Himmler in die Hände spielte. Der nämlich schien um die Existenz des MW-Zirkels zu wissen, setzte darum nach Hitlers Tod bewaffnete SS-Einheiten in Bewegung, um Ersatzheer, das OKW, die Reichskanzlei, alle Reichsministerien und den Reichstag unter seine Kontrolle zu bringen. Ein plumper und unkluger Schachzug. Es hätte zum Bürgerkrieg zwischen Armee und SS kommen können, doch Gott sei Dank streckten Himmlers Männer die Waffen, als die Wehrmacht alle verfügbaren Kräfte in Berlin aktivierte. Hausser und Dietrich, die sich in erster Linie Deutschland und erst dann der SS verpflichtet fühlten, hatten entscheidenden Anteil daran, dass es in jenen Tagen zu keiner Katastrophe kam. Die Treue der beiden ranghöchsten SS-Offiziere hatte natürlich auch mit Halders Versprechen zu tun, ihnen nach seiner Machtübernahme hohe Truppenkommandos in der Wehrmacht zu verschaffen. Der Kanzler musste zugeben, ohne die Unterstützung von Hausser und Dietrich, die in SS und Waffen-SS hohes Ansehen genossen hatten, hätten sie selbige Organisationen nicht kampflos abschaffen können.
Die NSDAP hingegen verfügte über keinen bewaffneten Arm von Bedeutung, um ihre Interessen durchzusetzen. Da der MW-Zirkel von Anfang an genügend Waffenträger hatte um sich scharen können, hatten sie mit dem Gros der »Politischen« leichtes Spiel.
Den Verschwörern half im November ‘42 insgesamt die eigene Weitsicht. Milch und Halder war bewusst, dass ihnen die Parteigenossen, die Gauleiter, die Militärs und die Nutznießer der Nationalsozialisten nicht einfach so folgen würden. Nein, sie mussten sämtliche Strömungen mit ins Boot holen, durften nicht alle Mächtigen gleichzeitig düpieren. Auch die politische Uneinigkeit in den eigenen Reihen hatten sie zu berücksichtigen.
Mit Fingerspitzengefühl zogen Milch, Halder und ihre Weggefährten in den entscheidenden Tagen die richtigen Männer auf ihre Seite, wodurch ihnen ermöglicht wurde, andere aus dem Weg zu räumen. Beispiel Gestapo-Müller: Zwischen dem Chef der gefürchteten Sonderpolizei und Schellenberg, dem Leiter des Sicherheitsdienstes der SS, existierte eine lang schwelende Feindschaft. Diese nutzte der MW-Zirkel. Im Zuge der Zerschlagung der SS löste er das Reichssicherheitshauptamt auf und lagerte wichtige Dienste in andere Häuser aus. Die Gestapo durfte den SD und die Sicherheitspolizei der SS schlucken. Freudestrahlend führte Müller diese erste Order seines neuen Kanzlers aus. Dass die Gestapo zukünftig unter dem Dach der Abwehr agieren würde, die dann wie ein eigenes Ministerium aufgestellt sein würde, war für Müller im Zuge seines eigenen Machtzuwachses und Karrieresprungs annehmbar. Schellenberg hingegen wurde festgesetzt.
Viele Größen des Landes entpuppten sich nach Hitlers Tod als gnadenlose Opportunisten. Gestern noch hatten sie Juden deportiert und ermordet, heute unterschrieben sie deren Entlassung aus den Lagern – alles kein Problem. Ideologien spielten am Ende keine Rolle, solange der nächste Karriereschritt winkte und die üppige Pension nicht gefährdet war. Den Rest regelten die Vorschriften, denn so funktionierte der deutsche Beamtenstaat. Binnen Wochen drehten Milch und Halder das gesamte Regierungssystem des Reiches auf links, ein System, das in der Masse durch dieselben Menschen und Führungskräfte angetrieben wurde, die in der Vergangenheit Massenmorde hinter der Ostfront und in den Konzentrationslagern organisiert hatten. Plötzlich beschäftigten sich diese Leute mit Massenentschädigungen und Rückverlegungen von Deportierten. Müller jagte nun keine Juden mehr, sondern beinharte Nazis, die neuerdings Feinde der Regierung genannt wurden. Halder und sein Gefolge hatten nämlich präventiv Haftbefehle gegen Dutzende alter NS-Leuten ausgestellt, denen sie das Potenzial zutrauten, der neuen Regierung gefährlich zu werden. Die übrigen Größen des Dritten Reiches hefteten sich der Regierung Halders im Handumdrehen ans Bein. Kaltenbrunner, Teilnehmer der Wannseekonferenz Anfang 1942, wo die industrialisierte Ermordung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen besprochen worden war, verfolgte als Reichsinnenminister plötzlich Gewaltverbrechen mit antisemitischem Hintergrund, wie der entsprechende Paragraf lautete. Ein Paragraf, auf den vor allem Beck gepocht hatte, und der auch ins Ausland eine Wirkung entfalten sollte. Die Ordnungspolizei war dem Innenministerium unterstellt worden, so hatte man Kaltenbrunner den Posten besonders schmackhaft machen können.
Ideologien sind Schall und Rauch, stellte Halder nüchtern fest. Wahrscheinlich ist mit den Deutschen sogar eine waschechte Demokratie zu machen. Er schmunzelte, doch der Gedanke erschreckte ihn auch. Er musste an die Sozialisten denken, deren Partei verboten blieb. Dann kam ihm das nationalsozialistisch durchtränkte Kraft-durch-Freude-Projekt in den Sinn. Na ja, sie konnten nicht gleich alles verbieten. Halder konnte sich der unbewaffneten Organisationen leider nicht unter dem Vorwand des Waffenmonopols der Wehrmacht entledigen. Er hatte sie daher gezielt aufs politische Abstellgleis manövriert, ganz so, wie es Hitler einst mit seiner hauseigenen SA getan hatte. Fürs Volk hingegen waren die Änderungen kaum spürbar – und sie sollten auch möglichst unsichtbar bleiben, denn allzu große Veränderungen mitten im Kriege würden zu unnötiger Verunsicherung führen.
Von HJ- bis NSDAP-Veranstaltungen blieb alles beim Alten, nur dass das Spitzenpersonal der einzigen Partei Deutschlands entweder ausgetauscht worden war oder aber streng überwacht wurde. Bis auf Weiteres sollte die NSDAP weitermachen dürfen – unter Auflagen. Ihre »Arbeit an der Basis« war dem Kriege immerhin sehr zuträglich und stärkte die Moral der Deutschen, das musste Halder unumwunden zugeben.
Der Kanzler ging in Gedanken all die Mitstreiter durch, die ihn auf seinem Weg zur Macht begleitet hatten. Vortreffliche Männer waren darunter. Mit ihnen konnte er ein Deutschland nach den Vorstellungen des Offizierskorps schaffen – ein Deutschland ohne Reichstag, ohne Wahlen. Ein Deutschland, das sich vom Elsass bis nach Danzig erstreckte und vielleicht sogar darüber hinaus. Ein Deutschland, in dem die Wehrmacht der Mittelpunkt der Macht und das Zentrum des gesellschaftlichen Status bildete. Ein Deutschland, das durch hohe Offiziere, ausgebildet durch das Militär und gestählt durch das Feuer der Schlacht, in eine blühende Zukunft geführt werden würde. Doch zuerst musste Deutschland diesen elenden Krieg überstehen …
Die anwesenden Offiziere brüteten über einer großen Karte Russlands, die auf dem massiven Tisch ausgebreitet lag. Von Weichs hatte sich halb auf den Tisch gelegt, um einen Punkt mittig auf der Karte zu zeigen. Hoth nickte. Die Lage im Osten hatte sich wieder stabilisiert. Von Mansteins Heeresgruppen hatten Unglaubliches vollbracht, als die Sowjets Anfang Juni parallel zur Invasion im Westen mit aller Macht gegen die deutschen Linien angestürmt waren. Es war ein Ansturm gewesen, dem die Deutschen nicht viel entgegenzusetzen hatten, nicht, nachdem die Masse der kampfkräftigen Panzereinheiten nach Frankreich verlegt worden war. Doch durch intelligente Rückzüge hatte von Manstein das Schlimmste verhindern können. Kämpfend waren die Verbände unter seinem Kommando bis hinter den Dnjepr ausgewichen, an dessen oftmals erhöhten Westufern der OB Ost schon Anfang 1943 mit der Errichtung der Ausweichlinie »Moltke« begonnen hatte. Dort schafften es die Wehrmachtstruppen, die Offensive der Sowjets aufzuhalten. An keiner Stelle hatte es die Rote Armee über den Fluss geschafft. Sicherlich spielte in dieser Rechnung auch Japan seine Rolle. Der japanische Angriff von der Mandschurei aus hatte die Sowjets nicht nur in eine Art Schockstarre versetzt, er hatte auch zur Einstellung der Offensive geführt. Stalin ließ panisch Verbände von seiner Westfront an seine neue Ostfront verlegen.
»Geben Sie mir doch einmal das Lineal«, forderte von Weichs den Protokollanten auf, wies dabei auf einen der Kartenständer. Nach kurzen Messungen proklamierte er: »Wenn wir hier die Startrampen platzieren, könnten die Höllenhunde sowohl Moskau als auch Orel erreichen. Auch Gorki wäre … vielleicht möglich, mit Hinblick auf die Offensive.« Von Weichs tippte unnachgiebig auf die Karte.
Hoth beugte sich missmutig vor. »Reden Sie nun wieder vom Typ I oder Typ II?«, brummte er.
»Typ I.« Von Weichs griente hintergründig. »Ich rede immer nur von dem, was da ist.«
»Ich sage nur, Herr von Weichs, wir müssen immer mit Blick auf die Zukunft planen. Der Typ II hat eine größere Reichweite, da kommen ganz andere Ziele in Betracht.«
»Meine Herren«, warf Zeitzler ein. Der Generaloberst strich sich genüsslich über die Wampe, »noch ist über die Zukunft der Höllenhunde gar nicht entschieden. Der Einsatz gegen militärische Ziele ist doch aufgrund der Ungenauigkeit fast gar nicht zu machen.«
»Den Großraum Orel zu bombardieren, würde schon langen«, warf Hoth ein und erntete ein Nicken von Weichs'. »Das würde den Feind gehörig in seinen logistischen Anstrengungen hinter der Front stören.«
»Und Frankreich ist doch das Paradebeispiel, dass es gehen kann«, ergänzte von Weichs.
»In Frankreich hatten wir eine einmalige Truppenkonzentration des Gegners, meine Herren«, raunzte Zeitzler. Der Mann wurde rasch aufbrausend. »Und selbst dort sind die Raketen noch in unsere eigenen Truppen hineingeschlagen. Ich habe hier den Bericht über eigene Verluste durch Höllenhund-Beschuss. Es ist verheerend!« Zeitzler wedelte mit einer Mappe. »Überdies sprach ich von rein zivilen Zielen.«
Ein Murmeln ging durch die Reihe der anwesenden Generale. In diesem Punkt waren die Offiziere heftig zerstritten.
»London, Canterbury, Dover und so weiter.« Zeitzler räusperte sich. »Das Gebot der Stunde muss sein, dem Engländer zu zeigen, dass auch er sich auf seiner Insel nicht zu sicher fühlen darf.«
Vor allem von Bock erboste sich über derartige Vorschläge. Angefressen murrte er: »Das hat keinerlei militärischen Wert und ist eine Verschwendung kostbarer Ressourcen.«
»Es geht um den symbolischen Wert, der um ein Vielfaches höher liegt«, konterte Zeitzler. »Moralisch werden wir den Engländer durch die Zerstörung seiner Städte brechen.«
»Ach? Hat er uns gebrochen durch die Zerstörung unserer Städte?« Von Bock starrte den Chef des Generalstabes des Heeres mit scharfem Blick an. Die Frage war der Auftakt zu einem hitzigen Wortwechsel. Jeder, egal wie viel oder wenig er mit diesem Thema zu tun hatte, vertrat eine Meinung, die er eisern gegen alle anderen verteidigte. Sinn, Möglichkeiten und Einsatzgebiete wurden bei dem Höllenhund-Projekt seit jeher kontrovers erörtert. Auch der Ersteinsatz unter Gefechtsbedingungen während der alliierten Invasion in der Normandie lieferte streitbare Daten. Der moralische Eindruck auf die Soldaten das Gegners war zweifelsohne enorm, militärisch aber hatten die Ferngeschosse kaum einen Einfluss auf die Schlacht gehabt. Vor allem überraschte die Deutschen, dass kühne alliierte Piloten zügig Methoden entwickelt hatten, mit ihren Jägern die Höllenhunde vom Himmel zu holen. Abhilfe sollte da der Typ II schaffen, eine neuartige Rakete, die steil in das Firmament aufstieg, um dann hunderte Kilometer entfernt auf ihr Ziel niederzugehen. Die Ingenieure versprachen, ein Abfangen sei unmöglich. Zudem verfügte der Typ II über eine größere Reichweite, die insbesondere unter Zuhilfenahme des einfallsreichen japanischen Konstrukteurs Kazuo Ōno, der zusammen mit einer Delegation des Flugzeugbauers Nakajima nach Deutschland gekommen war, auf knapp über 500 Kilometer hatte erweitert werden können. An einer verbesserten Version mit noch größerer Reichweite wurde gearbeitet, gleichzeitig aber hatte Halder Hirngespinste wie die Amerika-Rakete auf Eis gelegt. Zuerst einmal sollten Waffensysteme entwickelt werden, die auf mehrere hundert Kilometer treffsicher waren, danach konnte man sich um Interkontinentalraketen kümmern, so sein Credo. Eine weitere Zersplitterung der fähigen Ingenieure der Achse auf unzählige unterschiedliche Projekte musste verhindert werden.
Laute Wortwechsel erfüllten die stickige, aufgewärmte Luft des Bunkers. Gestenreich wurden Argumente ausgetauscht. Von Weichs und Zeitzler bauten sich voreinander auf, während sie sich anblafften. Der kleine, dicke Zeitzler tippte beständig mit seinem Zeigefinger gegen von Weichs' Brust, was dessen Rage auf eine neue Ebene hievte. Es sah so aus, als würden sich beide jeden Augenblick an die Gurgel gehen.
Halder wohnte der grotesken Szenerie mit stoischer Ruhe bei. Er hatte die Entscheidungsgewalt inne, er würde das Schlusswort sprechen … und er hatte seinen Entschluss gefasst. Durch das Streiten der Anwesenden drang noch immer als schwacher Basston das Brummen der alliierten Flieger über Berlin hindurch. Das dumpfe Schlagen der Bomben war jedoch nicht zu vernehmen.
Nach Minuten flauten die hitzigen Gespräche langsam ab. Die Streithammel ließen voneinander ab und sammelten sich. Schließlich waren alle Blicke auf Halder gerichtet.
»Wie ich sehe, meine Herren, können wir endlich mit dem Tagesordnungspunkt 1 beginnen?« Halder lächelte schwach. Anschließend bat er Generaloberst Berlin, zum Sachstand der Höllenhunde vorzutragen. Berlin legte die Produktionszahlen beider Typen dar, sprach über die unterirdischen Produktionsstätten, über die große Zahl von Arbeitern, meist Kriegsgefangene, die bei der Montage ums Leben kamen, ging auf technische Probleme, auf das fast unverantwortlich hohe Maß an Fehlstarts und auf die Schwierigkeit der Treffergenauigkeit ein. Er sprach auch kurz über die Zusammenarbeit mit den Japanern bezüglich dieses Projekts; alle anderen Verbündeten beteiligten sich nicht an den Höllenhunden. Japan war skeptisch, weshalb der Typ I dort nicht in die Serienproduktion gehen würde. Dafür zeigte das Reich der aufgehenden Sonne großes Interesse am Typ II, und hatte sogar schon einige erfolgreiche Tests damit durchgeführt. Zum Abschluss ließ Berlin verlautbaren, dass der Typ II voraussichtlich ab August in anfänglich kleiner Stückzahl zur Verfügung stehen werde. Wie der Typ I, so werde auch der Typ II der Artillerietruppe übergeben werden. Der Einsatz beider Fernkampfbomben werde weiterhin unter Vorbehalt des Oberbefehlshabers der Wehrmacht stehen, also unter Vorbehalt des Kanzlers.
»Darf ich fragen, wie die Japaner den Höllenhund einzusetzen gedenken?«, fragte Milch. Halder wusste, dass sein Schweigen bezüglich der Zusammenarbeit mit dem Japanischen Kaiserreich einigen Offizieren missfiel. Japan aber war Kanzlersache. Die anderen Offiziere würden wenig Verständnis für Halders Vorgehensweise haben – immerhin hielten viele von ihnen das Kaiserreich langfristig für gefährlich, weshalb sie die unter Halders Herrschaft aufgeblühten gemeinsamen Kriegsaktivitäten Japans und Deutschlands ablehnten. Diese eine Frage aber vermochte der Reichskanzler wohl zu beantworten: »Die Japaner, meine Herren, werden ...« Plötzlich wurde die äußere Bunkertür aufgerissen. Halder hörte deutlich, wie Militärstiefel die Stahlstiege herabliefen, den Flur heruntertrampelten und sich der Tür zum großen Kartenraum näherten. Augenblicke später flog die Tür auf. Generaloberst Friedrich Fromm, ein Hüne von einem Mann, stand japsend im Türrahmen. In den Händen hielt er ein bedrucktes Papier.
»Bitte entschuldigen Sie die Störung, Herr Reichskanzler«, keuchte Fromm, »aber etwas Schreckliches ist passiert.«
»Ja, spannen Sie mich nicht so auf die Folter!«
»Himmler ist fort.«
»Bombenangriff?«
Fromm schüttelte den Kopf. »Er ist befreit worden. Aber nicht von außerhalb. Er hatte Hilfe aus dem Ordnungsbataillon!« Das waren grundsätzlich schlechte Nachrichten, doch Grund zur ernsthaften Sorge bestand nicht. Himmlers Machtstrukturen waren zerschlagen, seine alten Gefolgsleute saßen entweder hinter Gittern oder huldigten Halder für den Aufstieg, den er ihnen ermöglicht hatte. Was sollte da ein einzelner Alt-Nazi auf der Flucht schon anrichten? Hinter dem Kanzler aber flüsterten die Generäle.
»Und, was haben Sie da?« Halder zeigte auf das Papier, das Fromm in Händen hielt.
»Das werfen die Angloamerikaner über der Stadt ab.«
»Wieder Flugblätter?«
Fromm nickte.
»Lassen Sie mal sehen, was für eine Grütze der Amerikaner dieses Mal zu Papier gebracht hat.« Halder grapschte nach dem Zettel … und las. Mit jedem Wort, mit jeder Silbe, verengten sich seine Augen mehr und mehr. Seine Fäuste umfassten das zerknitterte Papier immer fester. Sein Mund verformte sich zu einem schmalen Strich; die Lippen presste er so hart aufeinander, dass sie weißlich leuchteten.
Nach 30 Sekunden blickte Halder auf. Er drehte sich zu seinen Generalen um. Seine Brust bebte in der unruhigen Atmung, die den Kanzler beim Lesen erfasst hatte. Mit einer heftigen Bewegung warf er das Flugblatt auf den Kartentisch. Dann brach der Zorn aus ihm heraus.
Halder schrie nicht, doch seine Worte kamen scharf und bedrohlich, dass niemand es wagte, ihm zu widersprechen: »Bereiten Sie alles für einen Einsatz der Höllenhunde gegen London vor. Ich will, dass sich diese Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelt!«
Die Offiziere blickten ihn aus großen Augen an. Schließlich traute sich Berlin, eine Frage zu stellen:
»Wie viele Höllenhunde?«
»Alle!«
Hoth und von Weichs tauschten irritierte Blicke. Halder wusste, dass sie fest mit einem starken Kontingent dieser neuen Waffe für die Ostfront gerechnet hatten. Doch das war nun egal.
»DIE WOLLEN UNS KAPUTT MACHEN!?«, donnerte der Kanzler mit einem Mal, als hätte ihn jemand um eine Erklärung für seine Entscheidung gebeten. »DANN MACHEN WIR SIE EBEN AUCH KAPUTT!«
*
Deutsche! Bürger Berlins! Es spricht zu Ihnen der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen in Nordwesteuropa, General Eisenhower!
Das Deutsche Reich unter der Regierung von Franz Halder ist der wiederholten Aufforderung zur bedingungslosen Kapitulation durch die Vereinigten Staaten von Amerika, das Englische Königreich und die Sowjetunion nicht nachgekommen. Das Deutsche Reich führt seinen verbrecherischen Vernichtungsfeldzug gegen die europäischen Völker fort. In Osteuropa töten Soldaten der Wehrmacht unbeteiligte Zivilisten, um Adolf Hitlers sogenannten Generalplan Ost, der die Vernichtung von 100.000.000 Menschen beinhaltet, in die Tat umzusetzen. In den Lagern der deutschen Armee werden Frauen und Kinder misshandelt und getötet. Wir, die rechtschaffenen Nationen, die sich unter dem Mantel der Freiheit zu einer militärischen Allianz zusammengeschlossen haben, werden die Umsetzung des Generalplans Ost und die Fortsetzung des deutschen Angriffskrieges nicht zulassen. Wir haben versucht, den Konflikt einer militärischen Lösung zuzuführen – eine Lösung, die unnötige zivile Opfer verhindert hätte. Das Deutsche Reich aber weigert sich, das unrechtmäßig besetzte und unter deutsche Gewaltherrschaft gestellte Frankreich aufzugeben.
Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, von nun an eine neue Strategie zu verfolgen: Ich werde keine weiteren Bodentruppen der Gefahr der offenen Schlacht aussetzen, um das bösartige deutsche Regime, das Europa in seinem Würgegriff hält, zu bekämpfen, denn dieses Regime konnte nur entstehen, weil Sie – die Deutschen – ihm den Nährboden dafür bereitet haben! Aus diesem Grund trägt jeder einzelne Bürger Deutschlands eine Mitverantwortung an den Verbrechen, die im Namen des Deutschen Reichs begangen werden.
Unsere Bomberverbände werden das Deutsche Reich niederringen. Von heute an werden wir Woche um Woche mit 4.500 Flugzeugen pro Anflug, in mehreren Anflügen, eine zuvor bestimmte und einen Tag zuvor öffentlich bekanntgegebene Stadt Deutschlands oder seiner Verbündeter von der Landkarte tilgen. Woche um Woche wird eine Stadt im Bombenhagel vernichtet werden. Wir haben die Flugzeuge und das Material, diesen Plan umzusetzen, bis auch der letzte deutsche Ort nichts weiter als ein Trümmerfeld ist. Wir haben nicht einmal die Not, unsere Angriffe geheim zu halten, denn die Luftwaffe des Deutschen Reichs ist hilflos angesichts unserer Übermacht. Schon jetzt fliegen unsere Piloten tagein, tagaus in das Territorium des Reichs hinein, ohne gestört zu werden. Wo wir hinwollen, da kommen wir hin. Was wir zerstören wollen, das zerstören wir. Wenn Sie also ein sein Vaterland liebender Patriot sind, dann erheben Sie sich jetzt, um Deutschland zu retten! Es liegt an Ihnen, deutscher Bürger, ob Ihre Heimat in zwei Jahren noch auf den Landkarten zu finden sein wird! Ein Deutsches Reich unter der Führung des Verbrechers und Mörders Franz Halder hat keine Zukunft! Erheben Sie sich! Bekämpfen Sie die, die Deutschland wahrhaftig zerstören, denn das sind nicht wir! Wir handeln nur aus der Not heraus, die das Deutsche Reich uns aufgezwungen hat. Es sind die Männer, die im deutschen Staatsapparat sitzen, die im Namen des deutschen Volkes Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Sie sind es, die Sie bekämpfen müssen. Sie sind es, die Schuld am Sterben deutscher Städte tragen!
Der Oberbefehlshaber der alliierten Expeditionsstreitmacht in Europa, General Eisenhower, gibt mit diesem Flugblatt die deutsche Stadt bekannt, die im Zeitraum vom 11. Juli 1944 bis zum 15. Juli 1944 vollständig zerstört werden wird: Würzburg.
Die Bekanntgabe wird auf allen den Alliierten zugänglichen Kanälen wiederholt.
An: Frau Else Engelmann, 9.7.1944
(23) Bremen
Hagenauerstr. 21
Liebe Elly,
danke für Deinen lieben Brief. Bitte beachte, daß uns eine neue Feldpostnummer zugeteilt worden ist: 31975.
Ich vermiße Euch zwei. Ihr beide bedeutet mir alles. Es schmerzt mich, fort von Euch zu sein. Bitte paß gut auf Gudrun auf. Sie ist mein Engel.
Dein Sepp
Westlich von Cairon, 13.07.1944
Engelmann hatte nicht annähernd zu Papier bringen können, was er wirklich fühlte.
Gudrun sagt schon ein paar Dinge, und manchmal sogar Papa. Sie vermisst Dich sehr. Ich hoffe, daß ihr beiden bald Zeit bekommt, Euch kennenzulernen! Mit diesen Worten hatte Elly ihren letzten Brief geschlossen. Engelmann hatte ihr eigentlich von seinem Enthusiasmus ob der abgeschlagenen Invasion des Feindes berichten wollen; hatte ihr sagen wollen, dass er nun fest an ein gutes Ende glaubte. Ellys Brief aber, vor allem diese letzten Zeilen, hatten ihn schwer getroffen.
Stundenlang hatte Engelmann über seiner Antwort gebrütet, hatte das gelbliche Papier angestarrt. Doch er war innerlich leer gewesen. Keine Silbe wollte von seinem Hirn über seine Hand auf das Papier finden. Irgendwann hatte er sich dann dazu gezwungen, ein paar Floskeln niederzuschreiben.
Engelmann war aufgewühlt. Nicht nur die Ereignisse in der Normandie zerrten an seiner Seele, nun auch noch die Post aus der Heimat! Dagegen war es fast schon ein Klacks, dass er sich noch immer stets übergeben musste, wenn er verbranntes Fleisch roch. So orientierungslos hatte er sich nie zuvor gefühlt. Er spürte, dass er zu lange schon dieses Scheißspiel namens Krieg mitmachte. Er fühlte sich ausgebrannt. Seit Ende der Normandie-Schlacht hatte er nicht mehr zu Gott gesprochen … und im Moment wollte er auch nicht.
»Gefechtsbereitschaft!«, meldete Jahnke. »Beide Waffen geladen und gesichert!« Der Ladeschütze hatte sich einige Panzergranaten aus dem Laderaum geholt und sie sich zwischen die Füße gestellt.
»Bug-MG geladen und gesichert!«, stöhnte Nitz. Schmerzen bestimmten seinen Gesichtsausdruck, verzerrten ihn, schienen das Antlitz des alten Oberfeldwebels zu einem Knäuel aus Hautfalten zusammenzudrücken. Doch wie immer wollte Nitz davon nichts wissen. Er hustete. Engelmann konnte hören, wie sich Schleim aus der Lunge des alten Funkers löste, dann krächzte der in seinem Leipziger Singsang: »Funke klar. Sie haben die Kompanie auf den Ohren.«
»Danke, Papa!«, rief Engelmann und tippte sich gegen die Ohrhörer. Er hörte ein leises Knacken in den Lautsprechern, als er sprach. Der Funkkreis stand.
»Hier Anna«, raunte Engelmann in sein Kehlkopfmikrofon. »Meldung an mich!«
»Anna 2 gefechtsbereit!«
»Anna 3 gefechtsbereit!«
»Anna 4 gefechtsbereit!«
»Anna 5 gefechtsbereit!«
»Alle Panzer Marsch!«, befahl der Oberleutnant.
Brüllend meldete sich der Zwölf-Zylinder-Maybach-Motor zu Wort. Ein Ruck fuhr durch den Panzer. 775 PS schoben das Stahlungetüm von 60 Tonnen an. Engelmanns nagelneuer Panzer VI Tiger Ausführung C setzte sich in Bewegung. Die neue Ausführung des Tigers verfügte nicht nur über einen etwas leistungsfähigeren Motor, sondern merzte auch den Hauptkritikpunkt an der Gestaltung des Tigers aus: Dessen senkrecht verschweißte Flächen, die vom Unterwagen rauf zum Turm führten, waren endlich durch abgeschrägte Panzerplatten ergänzt worden, um feindlichen Geschossen einen ungünstigeren Aufschlagwinkel zu bieten. War der Tiger vorher schon schwer zu knacken, sollte gegen die Ausführung C kein Kraut gewachsen sein, so die Propaganda.
Engelmann verschwand unter Luke, grapschte das Scherenfernrohr. Damit konnte er die Umgebung aus der geschützten Kuppel heraus sondieren, allerdings durfte ein Panzerkommandant keineswegs zu bequem werden. Die meiste Zeit musste er sich der Gefahr des Schlachtfeldes aussetzen und über Luke fahren, um seine Einheit vernünftig befehligen zu können. Die Sowjets machten nur allzu oft den Fehler, dass sie sich in ihren Kästen versteckten, die Luken verschlossen. Sie fuhren dann quasi blind durch die Gegend, weshalb schon ganze gepanzerte Verbände von einzelnen deutschen Panzern aufgerieben worden waren.
Einen Kilometer voraus stieg das Gelände steil an. Hinter der Kuppe des Hangs lag ein weites Feld, durchzogen von niedrigen Hecken und einzelnen Gehöftgruppen. Dort lag der Feind.
Mit brummenden Motoren schoben sich die Tiger-Panzer den Hang hinauf. »Irma« stand in weißen Lettern auf dem Rohr von Engelmanns Tank geschrieben. Der neue Motor dieser Ausführung des überschweren Panzers machte bei derlei Anstrengungen in der Regel nicht schlapp.
Engelmanns Tiger arbeitete sich die Kuppe hinauf. Münster hing in den Hebeln, trat das Gaspedal durch. Der Panzer jagte über die Kuppe hinaus, kippte ab und klatschte mit der Stirnseite der Ketten ins Gras.
Engelmann blickte durch die Optik ins abendsonnenvergoldete Vorfeld. Felder erstreckten sich bis zum Horizont. Schmale Kastenwälder begrenzten das Gefechtsfeld nach rechts und links. Zwischen Bodenwellen lagen Obstplantagen, in denen Apfelbäume in Reih und Glied standen, getaucht in lange Schatten.
Als Erstes klärte der Oberleutnant einen Sherman-Panzer rechts neben einem großen Bauernhof auf. Der Feindpanzer lag fast zwei Kilometer entfernt und war bis zum Turm hinter einer Mauer verborgen. Danach erst wurde Engelmann der weiteren Shermans und Churchills gewahr, die auf den Feldern lauerten, verborgen in Bodenlöchern oder hinter Heuballen. Die Tanks hatten vorteilhafte Stellungen bezogen, gaben meist nur ihren Turm preis. Engelmann zählte acht Panzer.
»Anna an alle!«, sagte er in sein Kehlkopfmikrofon. »Feind auf 12 Uhr, 2.000! Zielverteilung von links nach rechts. Ohne Befehl Feuer!« Hinter Irma preschten die restlichen Panzer der Kompanie über die Kuppe des Hangs.
Engelmann schrie seine Zielansprache in den Bauch des Tigers hinein. Ludwig nickte. Der Richtschütze hockte hinter der Optik, die eine Hand am Abzugsknopf, die andere an der Kurbel für die Höhenverstellung des Rohrs. Seine Füße ruhten auf einer Schwenkwippe, mit der die Position des Turms präzise gesteuert wurde. Der Turm von Irma war bereits auf den richtigen Winkel ausgerichtet, es kam nur noch auf die Höhe an. Ludwig hielt oberhalb der Naht zwischen Turm und Unterwagen des Feindpanzers an. Er feuerte. Die Patrone in Irmas Rohr zündete mit einem Knall.
Während das Projektil dem Ziel entgegenraste, schnellte die leere Kartusche zurück, wurde vom Auffänger aufgenommen und in den Hülsensack weitergeleitet. Jahnke schob sogleich die nächste Granate in die Ladevorrichtung.
Ein Feuerschlag traf indes den Sherman, der orangefarbene Flammen spuckte. Im Rücken von Engelmanns Tank feuerte seine Kompanie. Eine Salve aus vier Geschossen rauschte dem Gegner entgegen. Augenblicke später wurden vier Feindpanzer von Flammen verschluckt.
»Direkt nochmal drauf!«, forderte Engelmann. Ludwig schwenkte den Turm, suchte sein nächstes Ziel.
Die deutschen Panzer bildeten eine Reihe auf der Kuppe des Hangs. Feine, weißliche Flammenspritzer funkten zwischen den Öffnungen der Mündungsbremsen hindurch, als die Tiger erneut Feuer gaben. Mit der zweiten Salve vernichteten sie die Feindkräfte im Vorfeld restlos. Engelmann suchte durch seine Optik akribisch das Gelände ab.
Nach einer Minute ließ sich der Oberleutnant zufrieden in seinen Sitz zurückfallen. Er wischte sich eine einsame Schweißperle von der Schläfe, dann meldete er an seine Kommandanten: »Feindkräfte vernichtet! Gute Arbeit, Männer!«
Engelmann ließ sich die Abteilungsfrequenz einstellen, um seinen Erfolg weiter zu melden. Major Stollwerks Stimme mit dem schlesischen Einschlag drang aus den Kopfhörern: »Übung beendet. Ich wiederhole: Übung beendet.«
Die Flammen vorne bei den Wracks ehemaliger Sherman und Churchill waren längst erloschen, die Stahlmonster schwarz versengt. Von solchen Kaltzielen gab es seit Kurzem genug in Nordfrankreich, so dass die gesamte Panzertruppe der Wehrmacht vortrefflich hier hätte üben können. Engelmann schaute durch den ungewohnt geräumigen Innenraum seines nagelneuen Panzers. Er freute sich über die deutliche Aufwertung der Kampfkraft, doch noch fühlte sich der Tiger neu und fremd an. Das musste sich ändern – schnellstens.
Erst vor zwei Tagen hatte die Abteilung in Caen ihre neuen Panzer empfangen, gleichzeitig war durch das OKH der Befehl ergangen, die III. Abteilung zur schweren Abteilung 2 umzustrukturieren. Die ursprünglich schwere I. Abteilung musste ihre Panther fortan mit der II. Abteilung teilen und stattdessen zur Hälfte auf Panzer IV umsteigen, wodurch sie wiederum zu einer normalen Abteilung wurde. Das war ein Kuddelmuddel, der wohl nur in der deutschen Armee möglich war. Die antiquierten Panzer III wurden indes endlich aus der kämpfenden Truppe ausgesondert. Sie sollten künftig nur noch für Schulungszwecke herhalten.
Seitdem die Abteilung über die neuen Kampfwagen verfügte, kannte Major Stollwerk nur eine Tätigkeit für seine Männer: Üben! Üben, üben, üben. Schnellstmöglich mussten sich die Soldaten mit den neuen Kästen vertraut machen. Gleichzeitig stand fest, wohin es in Bälde gehen würde: Die 16. Panzer-Division sollte noch im Laufe des Julis auf den Balkan verlegt werden, wo die Auffrischung der Kräfte und die Ausbildung der Truppe am neuen Gerät im Fokus stehen würden. Kroatien hieß das Ziel, im ehemaligen Jugoslawien. Niemand wusste, wann es wieder in den scharfen Einsatz an die Front gehen würde, darum musste der Tiger zeitnah beherrscht werden. Darüber hinaus war auch Kroatien kein ruhiges Pflaster. Im Vergleich zu Frankreich herrschte auf dem Balkan schon fast ein konventioneller Krieg. Titos Kommunisten jedenfalls waren mehr als nur eine marodierende Partisanenbande.
Immerhin hatte Oberleutnant Engelmann Schlimmeres befürchtet bezüglich der technischen Mängel des Tigers. War seine Kampfkraft wahrlich unbestritten, geisterten gleichsam schreckliche Gerüchte durch die Panzertruppe. Es hieß, manchmal fange der Tank Feuer, wenn man nur den Zündschlüssel umdrehe. Die Besatzung verbrenne in so einem Fall elendig. Auch war überall von den vielen Ausfällen durch technische Defekte zu hören. Motorschäden durch Überhitzung, geplatzte Filteranlagen, Getriebeschäden – die Liste war lang. In Kursk 1943 war angeblich ein Drittel aller eingesetzten Tiger ohne Feindeinwirkung ausgefallen.
Irma allerdings schien nicht mit solchen Mängeln behaftet zu sein – anscheinend hatten die Ingenieure die gröbsten Fehler bei der neuen Ausführung behoben. Der Panzer ließ sich überdies butterweich steuern. Die 60 Tonnen bewegten sich durchs Gelände, als würden die Panzermänner einen Pkw fahren. Vor allem das Lenkgetriebe war eine Gabe Gottes. Beim alten Panzer IV musste noch viel Kraft aufgebracht werden, um den Tank zu wenden. Beim Tiger reichte es quasi, mit dem Finger die Lenkung anzutippen.
Engelmann konnte sich denken, woher die vielen Ausfälle rührten. Wer zu faul war, regelmäßig die Filter vom Staub zu befreien und Öl nachzufüllen, der brauchte sich auch nicht wundern, irgendwann stehen zu bleiben. Der gigantische Tiger war in solchen Punkten tatsächlich zartbesaiteter, als er ausschaute. Einzig der Sammler schien etwas schwach auf der Brust. Auf diesen Umstand wiesen auch die Ausbilder hin, die extra von der Ostfront nach Frankreich versetzt worden waren, um die Männer der Abteilung in die Tiger einzuweisen. Sie erzählten davon, dass vor allem im Winter von Zeit zu Zeit der Motor laufen müsse, da es sonst eine böse Überraschung geben werde, denn: Beleuchtung, Funkgerät, Kühler und Zündeinrichtung hingen allesamt vom Sammler ab.
»Anna, Ihre Leistung hat mich nicht überzeugt«, sagte Stollwerk über Funk. »Sie standen auf dem Hang herum wie Einladungen für ein Zielschießen. Ich will sehen, dass Sie das Gelände ausnutzen. Vor Ihnen liegen Bodenwellen, rechtsseitig ein lichter Wald. Die Möglichkeiten sind da, also nutzen Sie sie! Halten Sie sich nicht für unsterblich, nur weil Sie jetzt einen Tiger fahren.«
Engelmann seufzte. Er hatte sich letztlich doch dazu durchgerungen, eine Beschwerde über die grausame Folterung und Tötung des französischen Gefangenen durch Stollwerk zu verfassen. Meier war entsetzt, doch er hatte längst seine Dienstgeschäfte an Stollwerk übergeben und wartete nur noch auf seinen Marschbefehl. Bei von Burgsdorff aber, der ähnlich tickte wie Stollwerk, war Engelmanns Eingabe versandet. Er hatte gewusst, dass dies passieren würde, weshalb er auch so lange mit sich gehadert hatte. Nun hatte sein Schreiben nichts bewirkt außer der Tatsache, dass Stollwerk nicht mehr gut auf ihn zu sprechen war, was der Major Engelmann auf subtile Art spüren ließ. Stollwerk war ein zu gerissener Mann, als dass er offen und plump durch Ausnützung seiner Befehlsgewalt Engelmann angehen würde. In diesem Fall aber hatte Stollwerk auch recht, das musste Engelmann wohl zugeben.
Rechlin, Deutsches Reich, 16.07.1944
Schneider und seine Männer, das waren der Obergefreite Berger, der Gefreite Calvert, der Gefreite Schumann, der Obergefreite Moseneke, der Gefreite Schütz sowie die Neuzugänge der Gruppe, Obergrenadier Richter, die Gebrüder Dschibril, Unteroffizier Katczinsky und der Gefreite Blessing, saßen zusammen im Schummerlicht der kleinen Stube und genossen literweise Alkohol. Blessing stammte gebürtig aus Potsdam, wohnte aber schon von Kindesbeinen an zusammen mit seiner Mutter in Bernau bei Berlin. Dementsprechend kannte er sich in der Gegend aus und wusste auch, wo guter Stoff zu organisieren war. Keine Frage, dass Blessing während der Versorgungsfahrt einen kurzen Abstecher nach Hause hatte machen dürfen. Und Berger war das neue Glückskind der Gruppe. Vor eineinhalb Monaten in der Normandie schwer verwundet, war Berger schon wieder zurück ... vollständig genesen.
Die Glühbirne, die von der Decke hing, produzierte bei weitem nicht genügend Licht, um den Raum ausreichend zu erhellen. Die Männer und die vielen Flaschen glänzten im Schein der Lampe. Es roch nach Berliner Kindl, nach Merlot und Kartoffelschnaps. Eine rote Schachtel Asbach-Pralinen lag zwischen geleerten Pullen auf dem winzigen Schemel, den sich die Männer in ihre Mitte geholt hatten. Die Soldaten lachten und lallten, brüllten und grölten. Die Stimmung war ausgelassen, es gab einiges zu feiern. An der Brusttasche von Schneiders Feldbluse war neuerdings das Eiserne Kreuz 1. Klasse angeheftet, das im Lichtschein schimmerte. Der zum Oberfeldwebel beförderte Deutsch-Grieche hatte Auszeichnung und Beförderung für seine Verdienste um die Verteidigung der Doppelbrücken von Banville und Bénouville erhalten. Zeitgleich war der kleine Schütz zum Gefreiten gemacht worden, eine längst überfällige Sache. Beide hatten demnach tief in die Tasche gegriffen, um einen prächtigen Abend zu finanzieren, denn eines war klar: Die Brandenburger hielten sich nicht umsonst in Rechlin auf. Am kommenden Tag würde sie einmal mehr der Ernst des Lebens einholen.
Die ihnen bevorstehende Mission würde ein hartes Stück Arbeit werden, daran gab es keinen Zweifel. Eine Gruppe, auf sich gestellt, hinter den feindlichen Linien agierend: mit Karacho und Fanfaren rein, Chaos stiften, dann sich auf eigene Faust zurück ins Reich durchschlagen.
Schneider hatte es im ersten Augenblick nicht glauben wollen, als Fritze ihm den Auftrag aufgetischt hatte. Der Zugführer aber beliebte nicht zu scherzen. Und es ging um einen von Schneiders Jungs. Damit war die geplante Unternehmung auch dem Oberfeldwebel ein ernstes Anliegen, wenn auch der eigentliche Grund für den Einsatz der erhoffte politische Effekt war. Fritze hatte für das Bevorstehende aus den Vollen geschöpft, um den hohen Blutzoll aufzufangen, den Schneiders Gruppe in Frankreich entrichtet hatte. Nicht nur verstärkten der dürre Riese Blessing, der freche Berliner Richter und die Dschibril-Brüder Schneiders Gruppe. Auch der Neuzugang der Kompanie, der steinalte Weltkriegsveteran Unteroffizier Katczinsky, war seiner Gruppe zugeteilt worden. Schneider konnte für den bevorstehenden Auftrag somit auf zehn exzellente Soldaten zurückgreifen. Und sie alle sprachen mehr oder weniger fließend Englisch, eine Grundvoraussetzung für das Unternehmen »Steuerhinterziehung«.
Schneider schossen die Details des Auftrags durch die betrunkene Birne, derweil grapschte Berger mit erdbeerroten Backen nach dem EK des Oberfeldwebels. Schneider wehrte die Pranke des Obergefreiten ab, der dabei fast vom Stuhl fiel. »Lass mich doch nur mal gucken«, lallte Berger.
»Tu zur Abwechslung mal was Sinnvolles, dann verdienst du dir vielleicht eines Tages dein eigenes, Vlakas!«, höhnte Schneider. Die Brandenburger prusteten los. Flaschen klimperten gegeneinander.
»Prost!«
»Ich hasse es, wenn du mich auf Griechisch beschimpfst!«, stellte Berger fest, verschluckte dabei jede zweite Silbe. Er nahm sogleich einen Schluck aus seiner Bierflasche.
»Tu skurwy sym!«, dröhnte Katczinsky und rülpste. Seine Kameraden starrten ihn mit unverständlichen Blicken an.
Der gebürtige Pole Katczinsky rülpste noch einmal mitten im Lachen, wobei er sich verschluckte und daraufhin kräftig hustete, was für Heiterkeit bei den anderen sorgte. Katczinsky, ein großer Mann von gemütlicher Statur, schleppte einen ordentlichen Bauch mit sich herum, der ihn zur Verwunderung aller in seiner Bewegungsfreiheit niemals einschränkte. Wenn es drauf ankam, konnte der Unteroffizier rennen wie ein Gepard und darüber hinaus schleppen wie zwei Esel. Das Gesicht des Unteroffiziers war von Akne-Malen zerfurcht, die Haare grau und verfilzt wie bei einem Straßenköter. Seine Backen waren unrasiert, sehr zum Ärger seiner Vorgesetzten, genauso wie auch die Uniform Katczinskys selten vorschriftsmäßig saß.
Befand Katczinsky sich nicht im Einsatz, genügten ihm eine Tasse Bier oder Schnaps und seine Tabakpfeife, um glücklich zu sein. Freunde oder Familie hatte der alte Haudegen nicht. Als Kriegsfreiwilliger des Großen Krieges hatte er schon 1914 den Duft des Kampfes geschnuppert und war dem Kriegsgeschäft seitdem treu geblieben. Er hatte nach dem Kriege in diversen Freikorps gekämpft und es irgendwie zurück in die winzige Reichswehr geschafft. 1939 war er in Polen dabei gewesen, 1941 beim Überfall auf die Sowjetunion. Als er Anfang des Jahres erstmals von der Existenz der Brandenburger erfahren hatte, hatte er sich umgehend freiwillig gemeldet. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen, den Empfehlungen vieler ehemaliger Vorgesetzter bis hoch zu einem General sowie seinem Erfahrungsschatz war er angenommen worden. Katczinsky ging stramm auf die 50 zu, doch das hatte weder seiner Einsatzbereitschaft noch seinen körperlichen Fähigkeiten bisher einen Abbruch getan. Allein sein beschränkter Verstand verbaute ihm das Erreichen höherer Ränge, doch zum Unteroffizier, dem niedersten Vorgesetzten der Wehrmacht, war er bestens geeignet. Er war dabei eher der Mann fürs Grobe … auch in seiner Art. An Ausdünstungen und Ausscheidungen seines Körpers ließ er seine Kameraden gerne teilhaben, darüber hinaus war Hygiene nicht sein bester Freund.
»Bekommt dir wohl nicht, alter Mann!«, stichelte Berger gegen den würgenden Katczinsky und wies auf dessen Flasche.
»Ich habe den Scheiß schon getrunken, da warst du noch weiße Soße in den Nüssen deines Vaters, Kurwa!«, hustete Katczinsky mit Tränen in den Augen. Er klopfte sich mehrmals gegen die Brust, dann ging es allmählich. Die anderen johlten wie toll, unterdessen winkte auch Berger ab, der sein Grinsen nicht verbergen konnte.
Katczinsky hatte keine Probleme damit, sich in die Gruppe der deutlich jüngeren Kameraden einzufügen. Er hätte von den meisten Anwesenden locker der Vater sein können, doch Alkohol hatte bisher noch immer geholfen, Brücken zwischen Generationen zu schlagen. So lallten und sangen und brüllten und diskutierten die Männer noch die halbe Nacht. Das dürre, aber laufstarke Sprachtalent Blessing saß irgendwann sturzbetrunken in einer Ecke der Stube, hatte beide Arme um Mosenekes Hals geschlungen. In einer Tour berlinerte er dem schwarzen Wehrmachtssoldaten ins Ohr, was für eine tolle Gemeinschaft die Brandenburger doch seien und dass sie alle immer zusammenhalten müssten. Moseneke war allerdings längst ins Land der Träume versunken. So ging es bei Mosenke immer zu: Trank er auch nur einen Tropfen Alkohol, ratzte er binnen einer halben Stunde weg.
Schneiders alkoholgeschwängerter Verstand kreiste derweil um den Auftrag, den sie ab dem nächsten Tag in Angriff nehmen würden. Das Unternehmen »Steuerhinterziehung« würde definitiv die heftigste Nummer seiner bisherigen Karriere werden. Schneider fragte sich, ob die ganze Geschichte ein Blindflug ohne Fahrkarte für die Wiederkehr sei. Zur Vorbereitung waren er und die Männer zuvor eine Woche lang im Hauptquartier der Brandenburger gewesen, dem Quenzgut bei Brandenburg. Die Ausbildung auf dem hermetisch abgeriegelten Gutshof, den die Männer liebevoll »Hexenküche« nannten, hatte nicht viel gemein mit der sonstigen Ausbildung in der Wehrmacht. Keine grimmigen Zwölfender, die einem den Tag versauten, stattdessen lässige Unterrichtsstunden und praktische Übungen, oftmals in Zivil – Ausbildung in der Herstellung von Sprengstoffen, Sabotage, Sprachen, fremde Kulturen, lautloses Töten und Umgang mit den Waffen des Feindes. Nur der ständige Exerzierdienst war ätzend. In der letzten Woche hatte sich die Ausbildung auf die Englischkenntnisse der Männer konzentriert – und das aus gutem Grund.
Irgendwann, der Stundenzeiger wies auf die vier, beendete Schneider die Veranstaltung und trieb die Männer in ihre Betten. Er hatte weniger getrunken als üblich, und auch weniger, als er beabsichtigt hatte, denn die Gedanken an den bevorstehenden Einsatz ließen ihn nicht los. Auch feierte er sich nicht so sehr auf seinen Orden ab, wie es die anderen für ihn taten.
Was nützte ihm schon ein Stück Blech an der Bluse, wenn die Zukunft des Vaterlandes im Ungewissen lag und seine Kameraden einer gefährlichen Zeit entgegensahen? Selbst zehn an seine Brust geheftete Eiserne Kreuze würden im Gefecht nicht verhindern können, dass etwas schieflief, dass es einen seiner Soldaten erwischte … dass er am Ende des Tages Hundemarken abzugeben hatte … der Krieg war ein grausames Spiel. Und Schneider war am Zug.
*
Der Leutnant vom Versuchsverband des Oberbefehlshabers der Luftwaffe, ein schlanker Mann mit einem schmalen Gesicht, dünnen Lippen und einem leichten Sprachfehler, öffnete die Nebentür zum großen Hangar. Er würde in den nächsten Wochen für die Ausbildung von Schneiders Brandenburgern verantwortlich sein. Er winkte den Männern zu, die ihm schlurfend in die gigantische Halle folgten. Schneider verfügte über die Gabe, selbst mit dicker Birne oder nach tagelangem Schlafmangel wie ein erholter Urlauber auszuschauen. Seinen Kameraden hingegen war anzusehen, wie scheußlich ihnen zumute war. Katczinsky sah völlig zerzaust aus und bekam die Augenlider nicht richtig auseinander. Calvert hatte sich nach dem Frühstück übergeben und Moseneke wirkte, als habe er ein halbes Jahrhundert lang nicht geschlafen. Seine Augen waren schon den ganzen Morgen über unterschiedlich weit geöffnet, den Mund hatte er seit dem Erwachen noch nicht einmal geschlossen.
Der für das Unternehmen abgestellte Leutnant, ein bodenständiger, verheirateter Familienvater mit dem plakativen Namen Max Stahl hatte Schneiders Gruppe in der Früh mit einem fetten Grinsen empfangen. Schneider hatte seine verkaterte Truppe gerade aus der Kantine, dem Café Achteck, gescheucht und sie sammeln lassen, als Stahl aufgetaucht war. Der Oberfeldwebel machte sofort Männchen, um ordentlich zu melden, doch der Offizier von der Fliegertruppe winkte ab. Mit den Worten »Nicht nötig. Ich erkenne auf drei Kilometer, dass sie meine Pappenheimer sein müssen!« hatte er die Brandenburger in Empfang genommen, dann aber gleich allen das »Du« befohlen und sich als Max aus Maxstadt vorgestellt. Das war kein Scherz.
Stahl machte auf Schneider einen guten ersten Eindruck. Der Mann hatte Format, verzichtete gerne auf jegliche Formalien und schien sehr intelligent, auch wenn es ihn im ersten Moment irritierte, dass er jeden »s-Laut« merkwürdig lispelnd aussprach. Stahl musste keine fünf Sätze sprechen, da war Schneider schon klar, dass der Mann von der Luftwaffe ein Guter sein musste. Die Mischung aus Lässigkeit und Gehirnschmalz gefiel Schneider. Ja, mit dem Mann konnte er arbeiten.
Stahl führte die verkaterte Truppe an meterhoch aufgestapelten Kisten vorüber, die zuerst den Blick in den Hangar versperrten. Dann aber, als die hundsmüden Brandenburger freie Sicht ins Innere des Hangars erhielten, gingen ihnen wie durch Zauberei die Augen auf.
Das Flugzeug, das den Hangar ausfüllte, war eine gigantische Konstruktion. Vier mannsgroße Propeller waren an den Tragflächen angebracht, die sich insgesamt über eine Länge von über 30 Meter spannten. Das wahrhaftig Brachiale an dem schwer gepanzerten Fluggerät aber waren die rundherum angebrachten Waffensysteme, die den Giganten der Lüfte in ein fliegendes Schlachtschiff verwandelten. Eine schwenkbare Waffenkuppel saß auf dem Dach der Maschine, dazu je eine Kanzel mit Zwillingsmaschinengewehren im Kinn, unter dem Rumpf sowie im Heck. Weitere Rohrmündungen ragten seitlich aus den Flanken des Flugzeuges. Die Lackierung war olivgrün, der weiße Stern auf dunkelblauem Grund der amerikanischen Luftwaffe prangte auf beiden Seiten auf dem Metall. Die ganze Maschine glänzte stolz im Schein der Beleuchtung.
»Das ist sie«, proklamierte Stahl, der offenbar genau wusste, welche Wirkung das gigantische Flugzeug auf Uneingeweihte entfaltete. Die Müdigkeit war aus den Gesichtern der Brandenburger gewichen.
»Heureka«, flüsterte Schneider ehrfürchtig. Seine Männer nickten stumm.
»Wir nennen sie Do 200«, erklärte der Leutnant. »Aber mir persönlich ist ihr originaler Name lieber.« Stahl legte eine dramatische Pause ein. »Die Amis nennen sie Flying Fortress.«
Calvert pfiff durch die Zähne. »Fliegende Festung«, flüsterte er. »Testen wir sie aus.«
Dnjepropetrowsk, Sowjetunion, 19.07.1944
Finstere Nacht hielt die Industriestadt Dnjepropetrowsk in ihrem Bann. Weißes Mondlicht brach sich im rauschenden Wasser des Dnjepr, der sich wie ein graues Band durch die Stadt schlängelte. Zerschossene Bauten zierten die Ufer.
Irgendwo in der Ferne krachte ein Gewehrschuss. Einmal, zweimal. Die verklingenden Schüsse hinterließen nichts als Stille, die sich wie eine bleierne Decke über die Stadt legte. Kaum mochte man glauben, dass sich an dieser Stelle zwei bis an die Zähne bewaffnete und bis aufs Blut verfeindete Armeen gegenüberlagen. Tausende Männer, die nur darauf lauerten, einen unvorsichtigen Feindsoldaten zu töten, der zum falschen Zeitpunkt den Kopf aus der Deckung nahm. Das beizeiten einsetzende Störfeuer der Granatwerfer erinnerte die dreckverkrusteten Landser beider Seiten daran, dass noch immer Krieg war. Die Männer zogen dann den Kopf ein, steckten sich eine Zigarette an, warteten ... horchten. In der Ferne das vertraute plop plopplop der Werfer, das Orgeln der Geschosse und die Einschläge.
Unteroffizier Berning setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als er die Böschung hinabschlich, die zum Flussufer führte. Achtsam wie ein scheues Rehkitz lauschte er in die Nacht hinein. Kaum wagte er es, Luft zu holen. Etwas knackte hinter ihm. Berning erschrak, hielt den Atem an. Minuten vergingen. Das Herz pochte dem jungen Unteroffizier bis in beide Ohren. Er hielt die Augen geschlossen, konzentrierte sich auf sein Gehör, doch neben dem rasenden Bum-BUM-Bum-BUM-Bum-BUM seines eigenen Pulses vernahm er kein einziges Geräusch. Totenstille. Langsam hob Berning seinen Stiefel, streckte das Bein nach vorne und suchte im glitschigen Morast des Hangs einen Halt.
In seiner Brust wütete ein Gefühlschaos aus Angst, Wut, Hass und Enttäuschung. Dieses Chaos trieb ihn an. Er würde nicht mehr umkehren … und er konnte auch nicht mehr umkehren. Die Sehnsucht nach einer Zigarette quälte Berning zusätzlich.
Seine Stiefel gerieten in schmierigen Schlick, als er das Ufer erreichte. Jeder Schritt hörte sich an, als würde jemand laut mit der Zunge schnalzen. Berning erschrak abermals, horchte wieder in die Nacht hinein. Nichts.
Also weiter! Der Unteroffizier kämpfte sich durch seichtes Wasser. Keuchend folgte er der Wasserkante, dann endlich fand er das modrige Holzboot, das im Schilf verborgen lag. Berning hatte es vor einigen Tagen durch Zufall entdeckt.
Er kraxelte in das Boot, das nach faulendem Holz stank und glitschig wie ein Fisch war. Die kleine Nussschale wankte fürchterlich auf dem Wasser. Koppel und Ausrüstung hatte Berning am Platz der Gruppe gelassen. So hatte er nur sein Gewehr bei sich … und das Stückchen Stoff, das er sich organisiert hatte.
Noch einmal hielt der Unteroffizier inne … ließ die Umgebung auf sich wirken. Der Fluss rauschte. Am Ufer plätscherten feine Wogen, die gegen das Land und Bernings Boot schwappten. Mehr gab die Geräuschkulisse nicht her.
Dann los!, befahl er sich selbst, verharrte aber noch einen Moment lang in völliger Bewegungslosigkeit, als würde ihn eine unsichtbare Hand zurückhalten. Berning starrte in die Düsternis. Vor ihm wühlte sich der gewaltige Dnjepr durch die Stadt, fast so breit wie ein Meer, so kam es ihm vor. Die Strömung spülte Milliarden Liter Wasser durch den Flusslauf. Der Dnjepr war ein Monster der Naturgewalt.
Bernings Hände umklammerten das Gewehr. Er hatte keine Wahl! Hatte er nicht? Er hatte keine Wahl! Das sagte er sich immer wieder, denn in seinem Rücken lag der menschenverachtende Militärapparat der Wehrmacht, der drohte, ihn zu zerquetschen. Dieser Gedanke wischte mit einem Mal all die Zweifel hinfort, die in seine Seele gekrochen waren. Berning kochte vor Wut. Berning platzte fast vor elendem Zorn über diese nichtsnutzigen Militärs, die sein Leben zu zerstören suchten. PAPPENDORF!
Zivilversager!, herrschte er innerlich. Außer Krieg und Zerstörung haben die nichts auf dem Kasten! Was Produktives können die zur Menschheit nicht beisteuern!
Nein, Berning hatte keine Wahl. Die in seinen Augen lächerliche Anklage gegen ihn wegen der Erschießung des Rotarmisten Viktor Mintz war der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hatte. Berning gefiel sich in dem Gedanken, nicht nur seine eigene Haut retten zu müssen. Nein, sagte er sich, er müsse seine Heimat retten! Dieser Schritt, dieser unumkehrbare Schritt, den zu gehen er beabsichtigte, sei kein Akt des Egoismus. Berning habe vielmehr endgültig erkannt, wie gefährlich die mit Preußentum und Wahnsinn vollgestopfte Wehrmacht sei. Diese Institution, diese Organisation der Zerstörung und des Schreckens, die nichts als Tod und Kampf über die friedlichen Völker Europas gebracht habe, müsse entfernt werden. Sein Handeln in diesem Moment müsse der erste Schritt sein, um Österreich von der Piefke-Regierung in Berlin loszulösen. Darum gab es für Berning nur noch einen probaten Weg: Er selbst musste die Wehrmacht, diesen gierigen, tausendfüßigen, stählernen Moloch bekämpfen. Er musste zur Vernichtung dieser Militärkaste beitragen. Nur so glaubte er den Untergang seines Vaterlandes abwenden zu können. Und seinen eigenen. Die militärische Niederlage des Deutschen Reiches würde letztlich seine Erlösung sein ... und die seiner Heimat.
Berning ließ das Gewehr los. Es platschte ins Wasser des Dnjepr. Der Unteroffizier griff ein breites Holzbrett, das er sich als Ruder bereitgelegt hatte. Er stieß sich damit vom Ufer ab, dann suchte er wieder und wieder mit dem Brett den Wassergrund, um die kleine Nussschale durch das Schilf zu manövrieren. Feuchte Pflanzen griffen nach ihm. Berning befreite sich vom Grünzeug, ruderte aufs offene Wasser hinaus. Augenblicklich wurde sein Boot von der Strömung erfasst, die an dem winzigen Kahn zerrte wie ein Wirbelsturm. Berning umklammerte das Ruder mit aller Macht. Das Paddeln war ein Kraftakt. Langsam, ganz langsam kämpfte er sich zur Mitte des Flusses vor.
In seiner Brust tobte weiterhin eine erbitterte Schlacht der Gefühle. Kurz übermannten ihn die Zweifel, doch sie wurden vom lodernden Zorn hinfort gefegt. Berning brannte innerlich. Er wusste genau, was seine »Kameraden« von dieser Aktion halten würden. Er konnte sich ausmalen, wie Balduin von ihm als Verräter sprechen würde, wie er Bernings Tat vor der Truppe verurteilen würde. UND PAPPENDORF! Pappendorf wird schäumen, wenn er davon erfährt! Fast musste Berning grinsen. Er stellte sich vor, wie Pappendorf außer sich vor Wut herumplärrte wie ein spitzer Gockel. Er stellte sich vor, wie die Ärmchen des Feldwebels ruderten, während er hasserfüllte Reden vor dem Zug hielt. Dieser von Ideologie und Rassenwahn verblendete Holzkopf war viel zu versessen auf den Kriegswahnsinn der Nazis, als dass er Bernings Motive hätte verstehen können. Doch was kümmerte den Unteroffizier das? Seine einzigen Freunde waren tot. Allesamt! Bongartz, Hege, Weiß, Reuben, der Krieg hatte diese guten Männer verschlungen. Sie hätten Berning verstanden! Von einem Pappendorf oder einem Balduin erwartete er kein Verständnis. Charaktere wie diese würde er schon bald mit einer Kugel versehen!
Bernings Rage erreichte sekündlich neue Höhen, indes arbeitete er sich durch die Strömung, die stark und nicht ungefährlich war. Der Dnjepr zog mit mächtigen Urkräften an dem winzigen Boot. Das Wasser schlug gegen die hölzernen Flanken. Bernings Kahn schwankte fürchterlich. Doch es ging. Irgendwie ging es. Berning näherte sich der anderen Uferseite. Irgendwo weit weg schnatterte ein russisches Maschinengewehr. Berning duckte sich in seinem winzigen Kahn so weit zusammen, wie ihm das möglich war. Schreckhaft blickte er über die Ränder der Holzplanken hinaus.
