Star Trek - Deep Space Nine 9.03: Der Seelenschlüssel - Olivia Woods - E-Book
Beschreibung

Iliana Ghemor, die cardassianische Agentin, wurde vor Jahren körperlich und geistig verändert, um Kira Nerys zu ersetzen. Sie träumt davon, eine Prophezeiung zu erfüllen, laut der sie die einzig wahre Abgesandte des Spiegeluniversums sein wird - eine Messias-Figur, die ihre Jünger in eine Ära der erneuerten Hoffnung führen könnte ... oder in ein Zeitalter der zunehmenden Dunkelheit. Ghemors Anspruch auf den Titel der Abgesandten ist allerdings keinesfalls sicher, da der unaufhaltsame Sog der Vorsehung auch andere Seelen in den Strudel der Propheten zieht, jenen fernen und zeitlosen Wesen, die diese seltsamen Ereignisse in Bewegung setzten. Doch es steht mehr auf dem Spiel, als sich irgendjemand vorstellen kann: Der Ausgang dieses Kampfes um das Schicksal eines Universums wird auch in vielen anderen Universen Wellen schlagen. Aus ihm wird der Schlüssel werden, um eine Zukunft zu enthüllen, die sich als die bisher schwerste Prüfung für die Helden der Raumstation Deep Space 9 herausstellen wird.

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STAR TREK

DEEP SPACE NINE™

DERSEELENSCHLÜSSEL

OLIVIA WOODS

Based uponStar Trekcreated by Gene Roddenberry

Star Trek: Deep Space Ninecreated by Rick Berman & Michael Piller

Ins Deutsche übertragen vonChristian Humberg

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – DEEP SPACE NINE: DER SEELENSCHLÜSEL wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Christian Humberg; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – DEEP SPACE NINE: THE SOUL KEY

German translation copyright © 2013 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2009 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2013 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are marks of CBS Studios Inc. All rights reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-86425-173-3 (Mai 2013) · E-Book ISBN 978-3-86425-172-6 (Mai 2013)

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Für meine Tochter Valerie

»Das Schicksal ist keine Sache des Zufalls,es ist eine Sache der Entscheidung.«

– William Jennings Bryan

Sie können Ihre eigenen Entscheidungen fällen … oder Sie lassen diese Prophezeiungen sie für Sie fällen.

– Jadzia Dax, »Trekors Prophezeiung«STAR TREK – DEEP SPACE 9, geschriebenvon David S. Cohen & Martin A. Winer

Prolog

Alternatives Universum

Terok Nor

»Die Sache ist die, Miles: Die Lage da draußen ist nicht gerade gut … und wird täglich schlechter.«

Miles O’Brien runzelte die Stirn und ließ sich in seinen Sessel im Büro des Stationskommandanten sinken. Das Letzte, was er heute brauchen konnte, waren altkluge Besucher. Michael Eddington war Pragmatiker. Normalerweise nahm er kein Blatt vor den Mund, sondern kam schnell und nüchtern zum Kern eines Themas. Entsprechend wertvoll war er O’Brien als einer seiner engsten Berater – von seiner Position als einer der Anführer der Terranischen Rebellion ganz zu schweigen.

Nur heute stellte eine Ausnahme dar.

»Mich muss niemand daran erinnern, wie schlecht es aussieht«, blaffte O’Brien ihn an. »Sag mir lieber, wie dein Treffen mit den Repräsentanten des Autarks lief.«

»Na schön«, begann Eddington. »Zuerst einmal: Ich durfte gar nicht zu seinen Repräsentanten. Ich traf mich mit den Repräsentanten der Repräsentanten – einem Haufen Mizarianer, die einzig und allein auftauchten, um uns zu sagen, dass wir verschwinden sollen. Die Kurzversion lautet also: Auf Hilfe von den Tzenkethi können wir lange warten.«

O’Brien schnaubte. »Verdammte Idioten«, murmelte er. »Die haben viel mehr zu verlieren als wir, und doch begreifen sie nicht, wie verwundbar sie sind.«

Eddington zuckte mit den Achseln. »Wir wussten, wie gering unsere Chancen standen. Ehrlich gesagt hat es mich schon überrascht, dass sie mit uns sprechen wollten – und sei es auch nur durch eine dritte Partei. Der Autark hat nichts für die Allianz übrig, aber er geht auch nicht das Risiko ein, sie sich zum Gegner zu machen, indem er unseren Leuten Zuflucht gewährt – oder uns Waffen und Material liefert. Aus seiner Sicht handelt er vollkommen risikolos.«

»Noch wähnt er sich vielleicht in Sicherheit«, sagte O’Brien, »aber der Waffenstillstand zwischen der Tzenkethi-Koalition und der Allianz wird nicht ewig halten. Die Cardassianer reizt es seit Jahren, diese Welten zu annektieren. Irgendwann finden sie einen Angriffsgrund, und dann wird sich der Autark noch wünschen, sich mit uns verbündet zu haben – aber dann wird’s verflucht noch mal zu spät sein!«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch und traf die übliche Stelle, wo sich bereits eine Delle in der glänzenden schwarzen Oberfläche gebildet hatte.

»Vielleicht hat Leeta bei den Talarianern mehr Glück«, meinte Eddington. »Hat sie sich schon gemeldet?«

O’Brien schüttelte den Kopf. »Die Defiant hält Funkstille. Die Allianz wird immer entschlossener – erinner dich, wie sie uns in den Badlands nachjagten –, und da wollte ich kein Risiko eingehen.«

Flüche murmelnd drehte er sich um. Manchmal half es, aus dem großen Fenster des Büros zu blicken, um seine innere Ruhe wiederzufinden. Terok Nors Rotation hatte einmal mehr Bajor in Sicht kommen lassen. Die türkis-weiße Kugel lag halb in Dunkelheit. Aus dieser Entfernung sah sie friedlich aus. Nichts verriet, welche Spannungen seit vier Jahren auf ihr herrschten – seit O’Brien und seine Anhänger Terok Nor übernommen und gedroht hatten, den Planeten vom Orbit aus unter Beschuss zu nehmen, sollte die Klingonisch-Cardassianische Allianz auch nur den Ansatz eines Angriffs wagen. Seit vier Jahren garantierte diese Drohung der Station relative Sicherheit. Bajor war der Allianz zu wichtig, als dass sie es für Terok Nor geopfert hätte. Aber was hatte die Rebellion in dieser Zeit groß erreicht?

O’Briens Ansicht nach bestand die Antwort aus zwei Worten: Verdammt wenig. Sie hatte überlebt, weiter nichts.

»Fragst du dich nicht auch manchmal, ob wir uns nur etwas vormachen?«, sinnierte er, während er beobachtete, wie ein Wirbelsturm über Bajors Tag-Nacht-Grenze zog.

»Absolut nicht«, antwortete Eddington mit Nachdruck. Es lag eine Schärfe in seiner Stimme – eine Warnung, die signalisieren sollte, dass er keine weiteren entmutigenden Aussagen von O’Brien akzeptieren würde.

Der ignorierte den Unterton einfach. »Ich schon«, gestand er.

»Dann tue ich mal so, als hätte ich das nicht gehört.«

O’Brien schnaubte wieder, drehte sich um und sah seinem Freund direkt in die Augen. »Das passt gar nicht zu dir, Michael.«

»Was soll ich tun?«, erwiderte Eddington gleichgültig. »Dich deines Kommandos entheben? Besten Dank, aber mein Job ist auch so schon kompliziert genug.« Er hielt inne, und seine Züge wurden weicher. »Sieh mal, Miles, wir wussten beide, dass das hier nicht einfach werden würde. Und, ja, wir hatten ein mieses Jahr.«

O’Brien hätte beinahe losgelacht. Mit seinem Talent zur Untertreibung hätte Eddington es mit jedem Iren aufnehmen können. Das vergangene Jahr war also »mies« gewesen? Genauso gut könnte er die Vergangenheit der grünen Insel, all die brutalen, blutigen Auseinandersetzungen früherer Jahrhunderte mit den Briten und untereinander als »Problemchen« bezeichnen.

»Empok Nor war ein Debakel«, fuhr Eddington fort, »und brachte uns jede Menge Rückschläge ein. Ohne Zweifel zieht die Allianz die Daumenschrauben an – nicht zuletzt dank Kiras Wiederaufstieg als Intendantin Bajors.«

O’Brien nickte. »Sie schien die Rebellion schon immer persönlich zu nehmen, oder?«

»Eine Rebellion, die du und Sisko begonnen haben«, sagte Eddington. Er legte die Hände flach auf O’Briens Tisch und beugte sich vor. Die Schärfe in seinem Tonfall war zurück. »Du bist einer der Väter der Rebellion, Miles. Vergiss das nicht. Du darfst keine Zweifel haben, darfst nichts bedauern. Du kannst dir den Luxus nicht erlauben, unsere Arbeit als kolossalen Fehler zu betrachten und zu hinterfragen. Du nicht.«

O’Brien nickte seufzend. Eddington hatte recht, so sehr er sich auch wünschte, er könne diese bittere und unausweichliche Wahrheit leugnen. Aber er wusste, dass er das nicht konnte – nicht, wenn er der Mensch werden wollte, den er selbst in sich sah. O’Brien gehörte einer Spezies an, die als Sklaven lebte, seit die Klingonen und Cardassianer im vorigen Jahrhundert das korrupte, brutale Terranische Imperium – ein gewaltiges Reich, das bis dato diesen Bereich der Galaxis beherrscht hatte – erobert hatten. O’Brien hatte in jungen Jahren nur Qualen, Armut, Elend und Demütigung gekannt.

Doch vor gut sechs Jahren hatte sich all das geändert. Bewohner eines Paralleluniversums waren gekommen und hatten ihm und Ben Sisko gezeigt, dass die Menschheit zu Größerem bestimmt sein konnte. Zu einem Schicksal jenseits der Extreme ihrer Geschichte. Zu mehr als den Grausamkeiten und Gräueltaten, die sie anderen angetan hatten und für die sie nun quasi kollektiv büßen mussten.

Die Rebellion gegen die Klingonisch-Cardassianische Allianz war aus jener Zufallsbegegnung erwachsen. Sisko hatte sie angeführt, O’Brien an seiner Seite, und ein bunt zusammengewürfelter Haufen Ex-Sklaven, die kaum hoffen durften, auch nur den ersten Tag zu überleben, hatte sich ihnen angeschlossen. Niemand von ihnen hatte darauf hoffen können, wirklich etwas zu verändern. Und doch gab es sie immer noch, und mit den Jahren hatten sich weitere Mitstreiter ihrer Sache angeschlossen – Menschen wie Vertreter anderer Spezies, die von der Allianz unterdrückt wurden.

Nachdem Sisko nicht mehr da war, hatte O’Brien den Anführer in sich entdeckt. Er hielt die Rebellion am Laufen, denn er klammerte sich nach wie vor an den Glauben an ein besseres Leben. Falls die Menschheit fähig war, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, dann, so hatte er gedacht, könne ein Miles Edward O’Brien das auch. Diese Überzeugung trieb ihn an.

Zumindest meistens.

»Du hast recht, Michael«, sagte er endlich. »Kommt nicht wieder vor.«

Der andere Mann nahm die Hände vom Tisch und entspannte sich sichtlich. »Gut. Also weiter. Ungeachtet dessen, ob Leeta bei den Talarianern vorwärts kommt, solltest du vielleicht …« Als sich die Bürotür öffnete, verstummte er.

Luther Sloans faltiges Gesicht erschien in der Türöffnung. »Ihr kommt besser alle beide raus. Tigan hat da was.«

O’Brien wäre fast über seinen Tisch gesprungen, so dringend wollte er plötzlich auf die Ops. Tigan stand am zentralen Kontrolltisch und schüttelte den Kopf über das, was sie von diesem ablas.

»Was ist los, Ezri?«

»Wenn ich das mal wüsste«, antwortete sie. Strähnen ihres zotteligen schwarzen Haares fielen ihr in die Augen, während sie die Anzeigen einer Komm-Konsole studierte. »Angeblich erhalten wir gerade eine Subraumnachricht, aber ich kann nicht erkennen, von wo.«

O’Brien sah ihr über die Schulter. »Eigenartig.«

»Vielleicht haben unsere Freunde auf Bajor eine neue Methode gefunden, ihre Signale zu verschlüsseln«, schlug Sloan an der taktischen Station vor.

»Möglich«, fand O’Brien. Das wäre ein Quantensprung für die Rebellion. Nie wieder heimliche Shuttleflüge zum Planeten, um sich mit den religiösen Enklaven zu treffen. Vielleicht ließe sich der Trick sogar auf die Transporter anwenden!

Langsam, Miles. Erhoff dir nicht zu viel.

»Der Bandbreite nach zu urteilen handelt es sich um eine audiovisuelle Übertragung«, stellte er fest. »Rufen Sie sie auf den Monitor.«

Tigan gehorchte. Doch auf dem Hauptbildschirm erschien nur ein statisches Rauschen, das an einen Schneesturm erinnerte.

O’Brien legte die Stirn in Falten. »Ezri, suchen Sie weiter nach dem Signal … und reden Sie mit denen, wer auch immer die sind. Michael, mir nach. Mal sehen, ob wir unseren Empfang nicht optimiert kriegen.«

Er und Eddington traten an die Komm-Station auf der oberen Ebene. »Hallo?«, hörte er Tigan rufen. »Wer ist da? Bitte identifizieren Sie sich.«

Eddington versuchte, die Subraumantenne zu rekonfigurieren. O’Brien selbst nahm die Transmission genauer in Augenschein, die zu ihnen durchdringen wollte. Die Wellenform kam ihm allmählich bekannt vor.

»Oh, Kacke. Ich glaub, ich weiß, was das ist.«

»Das Signal wird klarer«, sagte Eddington.

O’Brien seufzte und sah, wie die Störungen langsam vom Holo-Schirm verschwanden. »Wir werden uns noch wünschen, dass das nicht passiert wäre.«

Auf dem Monitor erschienen vier Personen. Zwei Menschen und zwei Ferengi.

Eddington stand vor lauter Schock der Mund offen. »Ist … Ist das Bashir da links?«

»Ist es«, antwortete O’Brien grimmig. »Und auch wieder nicht.« Tatsächlich waren alle vier Personen tot – zumindest die, die O’Brien aus diesem Universum kannte. Bashir, Sisko, Nog und Quark standen in einer exakten Kopie der Ops, direkt vor dem Büro des Stationskommandanten.

O’Brien beugte sich zu Eddington. »Schaff Keiko hier hoch«, flüsterte er. »Sofort.«

»Oh nein«, sagte Ezri unverhohlen entsetzt. »Nicht Sie.«

Nog, der jüngere Ferengi, wandte sich zu dem älteren, der in die Kamera lächelte. »Sie wirkt nicht allzu glücklich, dich zu sehen.«

»Da sieht man mal wieder, wie wenig du von Frauen verstehst«, tadelte ihn Quark. »Sie und ich sind recht eng miteinander … Nicht wahr, meine Liebe?«

»Quark!«, bellte jemand außerhalb des Kamerawinkels.

»Das ist ein Trick«, sagte Tigan.

»Ist es nicht«, flüsterte O’Brien so leise, dass ihn niemand anderes hören konnte.

»Ich weiß, das muss ein Schock sein«, wandte sich Sisko an Tigan. »Ihre Seite hat das mit uns schon so oft gemacht, dass wir das Gefühl gut kennen. Aber ich versichere Ihnen: Wir sind ganz genau, wofür Sie uns halten.«

»Mhm, das müsst ihr wohl sein«, murmelte Tigan. Dann sah sie zu O’Brien hoch. »Wollen Sie vielleicht auch mal was sagen?«

Seufzend ging O’Brien die Stufen hinunter und zurück zu ihr an den Kontrolltisch. »Hallo, Captain Sisko. Doktor Bashir. Schön, Sie wiederzusehen. Allerdings wirft das einige Fragen auf.«

»Gleichfalls … Smiley«, sagte Sisko. »Es freut mich, dass wir keine Zeit darauf verschwenden müssen, Ihnen unsere Identität zu beweisen.«

»Ich hab die Trägerwelle, die Sie verwenden, wiedererkannt. Clevere Idee, mein Modul zum Dimensionstransport für die Kommunikation zwischen unseren beiden Universen zu benutzen.« O’Brien entging nicht, dass Nog bei diesen Worten stolz die Schultern straffte. »Ich muss auch zugeben: Es ist ein netter Zug, Leute zu benutzen, die bei uns hier drüben tot sind.« Aus irgendwelchen Gründen rollte Quarks Gegenstück plötzlich mit den Augen.

O’Briens Erster Offizier trat aus dem Turbolift. Wie Eddington gehörte auch Keiko Ishikawa zu seinen engsten Vertrauten, seit sie vor knapp zwei Jahren eine Schiffsladung befreiter Sklaven von Korvat nach Terok Nor gebracht hatte. Er und sie hatten sich ineinander verliebt. Beim Anblick ihres schönen Gesichts und des langen schwarzen Pferdeschwanzes entspannte er sich ein wenig. Keiko starrte fasziniert auf den Holo-Schirm, als sie, gefolgt von Eddington und Sloan, zu ihm und Ezri an den Tisch trat.

O’Brien stellte alle einander vor, und Sisko tat es ihm gleich. Neben Sisko standen Tigans Gegenstück, das der Intendantin und sogar die parallele Iliana Ghemor.

»Smiley, ich bin’s«, sagte letztere.

O’Brien stutzte. »Äh. Was?«

Ghemor seufzte. »An dem Morgen, als ich die Station in Richtung Bajor verließ, waren Sie hundemüde. Sie sagten, die Wühlmäuse in den Luftschleusen hätten Sie die halbe Nacht auf Trab gehalten.« Bevor O’Brien reagieren konnte, wandte sich die Cardassianerin Tigan zu. »Übrigens, Ezri, wie fand Leeta die kleine ‚Überraschung‘, die Sie für ihren Geburtstag geplant hatten?«

»Hey!«, beschwerte sich Tigan.

»Iliana«, sagte O’Brien, der keinen weiteren Beweis brauchte. »Verflucht, was machen Sie da drüben?«

Luther Sloan amüsierte sich gewaltig, aber das sollte niemand merken. Sein Wissen über das Alternativuniversum basierte auf den Berichten von O’Brien und Tigan – den einzigen Verbliebenen auf Terok Nor, die noch aus erster Hand Erfahrungen mit diesem parallelen Kontinuum gemacht hatten. Und auch wenn er nicht glaubte, dass es irgendwo einen Julian Bashir geben mochte, der kein Idiot war, weckte der Anblick derer, die O’Brien und Ben Sisko zur Terranischen Rebellion inspiriert hatten, in ihm gehörige Begeisterung.

Der besondere Reiz dieses Momentes verflog jedoch, als Iliana Ghemor ihre – Sloans Ansicht nach lächerliche – Geschichte begann.

Ghemor hatte ihm von Anfang an nicht gefallen. Zwar hatten sich schon vor ihr Cardassianer der Rebellion angeschlossen, doch Sloan kaufte ihr die Verräterin nicht ab. Ghemor war die Tochter eines einstigen Allianz-Direktors und Agentin des Obsidianischen Ordens gewesen, bevor sie vor einigen Monaten unter höchst mysteriösen Umständen vor ihren eigenen Leuten geflohen war. Andererseits: Bis vor Kurzem hatte er auch Ishikawa noch für suspekt gehalten, insbesondere als sie anfing, mit General O’Brien ins Bett zu gehen. Doch der Anführer ihrer Rebellion hatte beiden Frauen sein Vertrauen geschenkt. Und eines musste Sloan dieser Ghemor lassen: Nur dank ihrer Informationen waren den Rebellen einige Angriffe auf militärische Ziele im klingonisch-cardassianischen Territorium gelungen.

Und dann, vor gerade mal zwei Wochen, war Ghemor ohne ein Wort verschwunden.

Zu den wertvollsten Geheimnissen der Rebellion gehörte ihr Kontakt zu einer stetig wachsenden Dissidentenbewegung im bajoranischen Untergrund. Dieser stand eine Gruppe Mystiker vor, die die Allianz vertreiben wollten, damit Bajor zurück zu seinem verlorenen spirituellen Erbe fand. Die Gruppe hatte Unterstützer in allen Gesellschaftsschichten. Ob man dem religiösen Mumpitz, den sie von sich gaben, nun Glauben schenkte oder nicht – man sagte nicht Nein zu einer Partnerschaft mit einem Netz aus Terra-Sympathisanten auf einem der wertvollsten Planeten der Allianz. Nicht lange nachdem die Rebellen Terok Nor übernommen hatten, waren die ersten Vertreter der Dissidenten heimlich auf die Station gekommen und hatten ihren Vorschlag unterbreitet. O’Brien konnte es sich nicht leisten, sie abzuweisen.

Sofort hatten sie begonnen, Pläne zu schmieden, Ziele zu formulieren und gemeinsame Strategien zu entwickeln. Aus Angst vor einer Enttarnung blieb der Kontakt zwischen der Station und den religiösen Enklaven auf ein Minimum beschränkt. Nie tauschten die zwei Gruppen Informationen über das Komm-System aus. Dafür nutzten sie Boten, und auch das nur, wenn sicher war, dass diese bei ihren Reisen nicht entdeckt werden würden.

Iliana Ghemor war für diese Aufgabe perfekt geeignet gewesen. Vielleicht sogar zu perfekt. Zumindest hatte Sloan das gedacht, als O’Brien sie ins Vertrauen zog. Ghemor wusste, wie man die bajoranischen Sicherheitssperren umging, war eine talentierte Agentin und cardassianischen Ursprungs – gehörte also einer der zwei Spezies an, die sich auf dem Planeten bewegen konnten, ohne aufzufallen. Als es hieß, Intendantin Kira käme nach Bajor, um sich mit dessen Regierung zu beraten, schickte O’Brien Iliana Ghemor aus, um das Gerücht zu überprüfen. Sollte es sich als wahr herausstellen, sollte Ghemor nach Mitteln und Wegen suchen, um sicherzustellen, dass Kira die Welt nicht lebend verließ.

Ghemor war zu ihrer Mission nach Bajor aufgebrochen … und nie zurückgekehrt.

Fünf Tage lang dachte sich niemand etwas dabei. Als aber Woche zwei anbrach, war klar, dass etwas schiefgelaufen sein musste. Natürlich konnte es zu Verzögerungen kommen. Vielleicht suchte sie noch immer nach einem Weg, nach Terok Nor zurückzukommen, ohne von den stets wachsamen Augen der Allianz entdeckt zu werden. Doch Sloan, der Ghemor nie vertraut hatte, sah das anders. Und er vermutete, dass auch O’Briens schlechte Laune der vergangenen Tage damit zu tun hatte, dass der General allmählich Zweifel an der Cardassianerin bekam. Die Rebellen konnten die Enklaven aber nicht kontaktieren, ohne deren Enttarnung zu riskieren. Also warteten sie weiter.

Bis jetzt. Bis ihre Ghemor aus einem alternativen Universum zu ihnen sprach und vor einer Bedrohung warnte, die ihrer Ansicht nach alles überstieg, womit die Rebellion bislang konfrontiert gewesen war. Sloan entging nicht, dass sie nicht verraten wollte, wie sie zu diesem Schluss gekommen war. Und sie schien sich auch nicht ganz über die Folgen im Klaren zu sein.

»Was für’n Abgesandter soll das sein?«, fragte O’Brien.

»Der Abgesandte der Propheten«, wiederholte Ghemor, was sie gerade gesagt hatte. »Das ist alles ziemlich komplex. Wichtig ist: Das Wurmloch und die Wesen, die in diesem Universum darin leben, existieren auch in unserem. Sie wurden nur noch nicht entdeckt. Doch wenn das geschieht, werden die Bajoraner darauf reagieren – ob sie noch immer ihrem alten Glauben angehören oder nicht. Wer das Tor zum Wurmloch öffnet und in Kontakt mit den Wesen jenseits der Schwelle tritt, der wird für die Bajoraner zu einer einflussreichen religiösen Ikone. So ist es auch hier drüben geschehen. Und, O’Brien: Die Person, die sich bei uns derzeit massiv darum bemüht, ist die geistig verwirrte Iliana Ghemor des hiesigen Universums, verkleidet als Kira Nerys. Falls sie unser Wurmloch findet, wird sie für die Bajoraner zu einer Art Halbgöttin – und Sie wollen gar nicht wissen, wozu sie fähig wäre, wenn sie erst diese Macht besitzt.«

Ghemor hielt kurz inne, bevor sie fortfuhr. »Ich weiß – ich hätte zu Ihnen kommen sollen, bevor ich hierherreiste. Ich habe überreagiert, weil sie nun einmal ist, wer sie ist. Ich dachte, ich könnte sie auf eigene Faust aufhalten. Das war ein Irrtum.«

»Iliana, ich weiß nicht, ob ich das alles glauben kann«, sagte O’Brien und kratzte sich am Hinterkopf. »Sie sagen, die Intendantin sei vielleicht schon tot – aber nicht so richtig, weil Ihre Doppelgängerin vielleicht ihren Platz eingenommen hat, um eine bajoranische religiöse Prophezeiung zu erfüllen?«

»Mir ist bewusst, dass das viel verlangt ist«, erwiderte Ghemor. »Und ich bedaure, mich erst jetzt zu melden. Aber Sie müssen verstehen, dass die Bedrohung, die ich hier bekämpfe, nicht nur die Rebellion, sondern das Gleichgewicht der Mächte in unserem gesamten Universum betrifft. Falls diese Frau ihr Ziel erreicht, wird Bajor sie für eine Art Messias halten. Sie könnte einen verfluchten Heiligen Krieg vom Zaun brechen, mitten in der Allianz!«

»Bei Ihnen klingt das so schlecht«, kommentierte Tigan lakonisch.

»Und das wäre es«, schaltete sich Ishikawa ein. »So ein Krieg würde diese Region ins Chaos stürzen. Leute wie wir wären seine ersten Opfer.«

»Die Gläubigen gegen die Ungläubigen«, stimmte Eddington zu. »Und eine Verrückte hat das Sagen.«

»Sie verstehen, warum wir das Bedürfnis hatten, Sie zu warnen«, sagte die Doppelgängerin der Intendantin. »General O’Brien, ich hege auch ein persönliches Interesse daran, diese Frau aufzuhalten. Sie erwies sich auch schon auf unserer Seite als Bedrohung. Meine Leute und ich stehen bereit, Ihnen zu helfen.«

»Danke für das Angebot, Captain«, entgegnete O’Brien. »Ich nehme es gerne an. Wie wäre es, wenn Sie mir als Erstes erklären, wo … Was zum Teufel …?«

Sloan lief schon zu seiner Konsole zurück, während O’Brien noch fluchte. Die lauten, tiefen Warntöne, die den General unterbrochen hatten, sorgten überall für Hektik. Irgendetwas hatte den Alarm von Terok Nors Langstreckensensoren ausgelöst.

»Mehrere Warpsignaturen in Anflugvektoren«, berichtete Ishikawa. »Klingonen allem Anschein nach. Ankunft in zwei Minuten.«

»Schilde hoch«, befahl O’Brien. »Alle Waffen aktivieren. Halten Sie sich bereit, den Planeten zu bombardieren. Ich will Ashalla binnen dreißig Sekunden im Zielraster der Torpedos wissen, klar?«

Sloans Hände flogen über die taktische Konsole und führten geübt die Befehle aus, die O’Brien die gewünschten Ergebnisse brachten.

»General, was machen Sie da?«, fragte die alternative Kira.

»Das, wovor ich sie gewarnt hatte, Captain.«

»Sie dürfen Bajor nicht angreifen!«, sagte sie. »Millionen unschuldiger Leben …«

»Captain, was glauben Sie, wie wir all die Zeit Terok Nor gehalten haben?«, fragte O’Brien. »Nur, indem wir die Allianz überzeugten, dass Bajor, wenn sie mich zu sehr ärgern, die Konsequenzen spüren würde.«

Abermals zogen statische Interferenzen über den Holobildschirm. »Nog … lieren ihn!«, rief Kira. »Unternehmen Sie etw …«

»…ersuche es … stört das …ignal und überlag…«

Dann war die Verbindung tot.

»Wir haben das Signal verloren«, las Eddington von den Anzeigen auf seiner Seite des Kontrolltisches ab. »Irgendjemand hat uns unterbrochen.«

»Die Klingonen?«, fragte O’Brien.

»Vielleicht.« Schweißtropfen erschienen auf seiner hohen Stirn. »Glaubst du, sie haben die Übertragung bemerkt?«

»Ich glaube, das ist mir egal. Luther, was macht meine Zielerfassung?«

»Ziel wurde erfasst«, meldete Sloan. Nun, da die Schlacht – und vielleicht der Tod – nah war, kam eine nahezu surreale Ruhe über ihn. »Die Waffen sind geladen und bereit.«

»Feindliche Schiffe nähern sich unserer Reichweite«, berichtete Ishikawa. »Noch eine Minute.«

Eddington schüttelte den Kopf. »Wenn nur die Defiant hier wäre …«

»Wie viele Schiffe siehst du?«, wandte sich O’Brien an Ishikawa.

»Zwölf. Inklusive der Negh’Var.«

O’Brien schenkte ihr ein freudloses Grinsen. »Dann haben wir ja auch ohne die Defiant gute Chancen.«

»Das ist nicht witzig, Miles … Was, wenn sie dich tatsächlich zwingen, Bajor zu beschießen?«

»Dazu wird es nicht kommen.«

»Aber …«

»Keiko, vertrau mir«, sagte Smiley und sah sie beruhigend an. »Dazu wird es nicht kommen.«

Opaka Sulan stand auf der obersten Balustrade des Wachturms und ließ den Blick über ihr Arbeitslager schweifen. Die Disziplin der Arbeiter und ihrer Kontrolleure gefiel ihr. In den drei Jahren, die sie die Mine nun schon leitete, hatte sie für Ordnung und eine nahezu mechanische Effizienz gesorgt. Nördlich des Lagers führten riesige Grubenschächte tief in Bajors Inneres wie Stufen in eine mythische Unterwelt.

Aufgrund der neuen Adern von Rohuridium, die sie kürzlich entdeckt hatten, mussten sie nun weiter als je zuvor in die bereits stark in Mitleidenschaft gezogene Kruste ihrer Welt eindringen. Doch Bajor erlebte einen nie gekannten wirtschaftlichen Wohlstand, seit es zum Hauptlieferanten dieses wertvollen Metalls in der gesamten Allianz geworden war. Auch Bajors politische Macht war seit den dunklen Tagen des Terranischen Imperiums exponentiell gestiegen. Die Bajoraner hatten gelernt, die Großen und Mächtigen des Quadranten zu manipulieren. Bajors Fähigkeiten als verborgener Strippenzieher hatten aus einem einfachen Untertanen einen respektierten Verbündeten gemacht.

Inzwischen dienten die Terraner und ihre früheren Alliierten den Bajoranern. Sie schufteten sich die Buckel krumm, um den Wohlstand Bajors – und damit auch den der Allianz – zu erhalten. Eines Tages, und dieser Tag mochte früher kommen, als die Mächtigen glaubten, würden die Rohstoffe von Opakas Welt erschöpft sein. Sie hoffte, diesen Tag nicht mehr zu erleben. Doch sie hatte schon vieles nicht zu erleben gehofft, und es war trotzdem geschehen.

Wie sich die Zeiten ändern …

»Woran denkst du?«, fragte ihre Begleiterin.

Opaka wandte den Blick nicht von den Zäunen. »An die Vergangenheit«, gestand sie und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Und die Gegenwart … und die Zukunft.«

»Wirklich?«, fragte die andere Frau. »Also ehrlich, manchmal kommt’s mir vor, als seist du stolz auf diesen Ort.«

Opaka runzelte die Stirn und sah die Freundin an. Winn Adami mochte die Bemerkung als Tadel gemeint haben, doch ihr Lächeln signalisierte das Gegenteil. »Du machst dich über mich lustig«, sagte Opaka.

Winn zuckte mit den Schultern. Die Bewegung war unter der dicken Schutzkleidung, die ihren Oberkörper umhüllte, kaum zu erkennen. »Vielleicht. Ein bisschen.«

Kopfschüttelnd widmete sich Opaka wieder der Aussicht. Östlich der Mine wurden mehrere Frachtskimmer mit Rohuridiumerz beladen. Die Lieferung würde nach Ilvia gehen, ins Verarbeitungszentrum. »Hast du nichts Besseres zu tun, als mich zu ärgern?«

»Dich muss man hin und wieder ärgern«, meinte Winn. »Schon allein, damit du wachsam bleibst.«

»Bislang bin ich’s noch.«

»Richtig. Aber als du hierherkamst, warst du deutlich unsicherer als heute.«

»Das war eine andere Zeit«, erklärte Opaka. »Ich war eine andere.«

»Genau das meine ich«, erwiderte Winn. »Das Unerwartete hatte dich überrascht und alles verändert. Du musst aufpassen, Sulan. Sonst wird die nächste Veränderung weit weniger zu deinen Gunsten sein.«

Allmählich verlor Opaka die Geduld. »Falls du mir etwas zu berichten hast, spuck’s aus, Adami! Ich werde langsam zu alt für das Vorspiel, mit dem du unangenehme Nachrichten abzuschwächen versuchst. Raus damit!«

»Terok Nor wird angegriffen.«

Opaka nickte. Irgendwie überraschte sie das nicht. »Du würdest mir das nicht sagen, wenn es nicht längst bestätigt wäre, richtig?«

»Deine Tochter behält das Komm-Netz im Auge und …«

»Kannst du das nicht endlich lassen? Sie ist nicht meine Tochter!«

»Aber so was Ähnliches«, sagte Winn. »Immerhin sieht sie zu dir auf wie …«

»Ich schwöre dir, Adami: Beende diesen Satz, und ich werfe dich vom Turm!«

Winns Schultern zuckten erneut. »Na gut, wie du willst. Jedenfalls hat die Schlacht um Terok Nor begonnen. Wir müssen auf ihr Resultat gefasst sein und …« Sie hielt inne. Irgendetwas am Rand des Lagers schien sie abzulenken. »Was ist denn da los?«

Opaka hörte plötzlich Schreie unter sich. Südlich ihrer Position, direkt am Hauptwachturm, herrschte hektisches Treiben. Jenseits des Zaunes, der das Lager umgab, traten zwei Gestalten aus dem Wald und auf das Tor zu.

»Wer zum Kosst ist das?«, wunderte sich Opaka.

»Ich habe keinen Schimmer.« Winn kniff die Augen zusammen. »Aber hier oben erfahren wir’s nie.«

Opaka fluchte erneut und ging zum Lift. Winn folgte ihr. Während der Fahrt zum Fuß des Turmes prüften sie den Zustand ihrer Schusswaffen. Unten angekommen bellte Winn ihren Aufsehern ein paar Befehle zu, dann eilte sie mit Opaka zum Tor. Zu Opakas Schrecken und Missfallen öffneten ihre Sicherheitsleute es gerade für die zwei Reisenden.

Der oberste Wachmann lief Winn entgegen, das Gesicht kreidebleich.

»Was ist hier los?«, verlangte Opaka zu erfahren. »Warum öffnen Sie ohne meinen Befehl?«

»Herrin, es … es ist die Intendantin«, sagte der Oberste.

Opaka stutze und sah zu den Besuchern. Die kleinere Gestalt war eindeutig Kira Nerys, doch sie trug nicht ihre Amtskleidung, sondern schäbige, weite Sachen, wie Opaka sie nur von den Bauern aus den Siedlungen im Tal kannte. Ihr Begleiter war ähnlich gewandet, hatte aber eine Kapuze auf. Obwohl er hinter Kira stand und den Kopf gesenkt hielt, erkannte Opaka, dass er ein Mensch war und einen kurzen grauen Bart hatte.

Ein unangekündigter Besuch und ein Angriff auf Terok Nor?, dachte sie. Das kann kein Zufall sein. Ihre Anspannung wuchs.

»Ich schätze, Sie wissen, wer ich bin?«, fragte Kira mit bösem Lächeln.

»Natürlich, Intendantin«, sagte Opaka und verneigte sich tief. »Willkommen in Vekobet. Ich bin die Administratorin dieser Einrichtung, Opaka Sulan. Und dies ist meine leitende Aufseherin Winn Adami. Ihr Kommen ehrt uns, Intendantin. Ich bedaure, dass mir Ihr Besuch nicht angekündigt wurde. Hätte ich davon gewusst, hätte ich Ihnen einen angemessenen Empfang bereitet.«

»Natürlich«, wiegelte Kira ab. »Aber Sie sollten nichts davon wissen. Mein Diener und ich reisen im Geheimen.«

»Darf ich fragen, was Sie zu uns führt?«

Die Intendantin lächelte noch immer. Sie beugte sich vor. »Meine Gründe sind nicht für die Ohren des Gesindels bestimmt, das unter Ihnen dient«, flüsterte sie verschwörerisch. »Können wir hier irgendwo unter vier Augen sprechen?«

»Selbstverständlich. Bitte folgen Sie mir.« Opaka nickte Winn kurz zu und führte die zwei Besucher zu den alten Gebäuden am östlichen Zaun des Arbeitslagers. Außer ihnen war nichts mehr von der einstmals wohlhabenden Siedlung übrig, die hier gestanden hatte, bis der Ministerrat das Land zum Bergwerk der Allianz bestimmt hatte.

Während sie die leere Kreuzung in der Mitte des Lagers überquerten, betete Opaka kurz die Geschichte Vekobets herunter, verwies auf besondere Bauten, betonte den großen Erfolg ihrer Administration … und tat ihr Bestes, die Besucher nicht merken zu lassen, dass sie – gleichzeitig und sehr, sehr langsam – ihren klingonischen Disruptor vom Gürtel löste.

Erst als sie die Mündung einer ihr unbekannten Waffe im Nacken spürte, wusste sie, dass ihre Mühen vergebens gewesen waren. »Lassen Sie sie fallen«, flüsterte ihr Kira ins Ohr.

Opaka lächelte nur.

»Ich sagte: Lassen Sie sie fallen«, zischte Kira und presste ihr die Mündung noch fester in den Nacken.

»Das werde ich nicht tun«, flüsterte Opaka zurück. »Sehen Sie sich mal um.«

Sie spürte, wie die Jüngere den Kopf drehte, erst nach rechts und dann nach links. Dann ließ der Druck an ihrem Hals langsam nach. Im gesamten Lager war es totenstill geworden. Auf Winns stummen Befehl hin hatten die »Arbeiter« und die »Aufseher« – insgesamt knapp dreihundert Personen – die Disruptoren gezückt. Jeder einzelne von ihnen zielte auf die Besucher.

»Also schön, hören Sie zu«, sagte Captain Kira Nerys, als die Winn Adami des Paralleluniversums ihr den Phaser abnahm. »Wir sind nicht die, für die Sie uns halten.«

Opaka lachte. »Oh, ich weiß sehr wohl, wer Sie sind, junge Dame. Ich wusste es, als ich ihn sah.« Dabei deutete sie auf Vaughn. »Was ich wissen will, ist, warum Sie hergekommen sind – noch dazu als angebliche Intendantin.«

Kira musste grinsen. Der Anblick von Opaka Sulan als Waffen schwingende Herrin eines Arbeitslagers und Winn Adami als ihre rechte Hand war einfach zu absurd.

Vaughn schien die Mienen der Umstehenden genau zu studieren, auch wenn Kira nicht wusste, was er dadurch zu erreichen hoffte. Nog hatte sie beide von Deep Space 9 aus in die andere Dimension befördert, und in den zwei Stunden, die sie von Akorems Fels bis nach Vekobet gewandert waren, hatten sie kaum gesprochen. Während ihrer einzigen Pause hatten sie sich in einem leer stehenden Bauernhaus hiesige Kleidung stibitzt und über ihre Uniformen gezogen.

»Ich bin wegen Iliana Ghemor hier«, erklärte Kira nun.

Opaka hielt ihr den Disruptorlauf unters Kinn. »Wo ist sie?«, zischte sie. »Falls Sie sie getötet haben …«

»Es geht ihr gut«, antwortete Kira ruhig. »Nur zwei von uns konnten herreisen. Sie ist in Sicherheit, das garantiere ich. Sie sagte uns, wo wir die religiöse Enklave finden, von der sie ihr … Wissen über ihre Doppelgängerin erhielt.«

»Und was sollte dann das Täuschungsmanöver?«, fragte Opaka.

»Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, wem von Ihnen ich trauen konnte. Ghemor fehlte die Zeit, uns genauer vorzubereiten und uns Kontaktpersonen zu nennen. Als ich sah, dass Vekobet ein Arbeitslager ist, entschied ich mich, die Intendantin zu spielen, bis ich auf Mitglieder der Enklave träfe.« Sie sah zu der kleinen Armee, die sie umstellt hatte. »Ich hätte nie gedacht, dass das gesamte Lager dazugehört.«

Opaka schien Kira sehr genau zu beobachten. Plötzlich streckte die alte Frau den Arm aus und packte Kiras Ohr mit Daumen und Zeigefinger. Dann schloss sie die Augen. Nach ein paar Momenten verschwand der Disruptor, und sie ließ das Ohr wieder los.

»Sie wollen uns nicht schaden«, wandte sich Opaka an Winn. »Unsere Leute sollen sich zurückziehen. Der Besuch bekommt seine Waffen zurück.«

Winn stutzte. »Ist das wirklich eine gute Idee?«

»Mach’s einfach«, befahl Opaka. »Und dann führe die Gäste in den Speisesaal. Wir reden dort weiter.« Sie drehte sich um und ging. Dabei sprach sie leise in ein kleines Komm-Gerät, das sie aus einer Tasche ihres langen Mantels gezogen hatte.

Winn reichte Kira und Vaughn die Phaser, beobachtete sie aber skeptisch. »Los«, sagte sie dann. Gemeinsam folgten sie Opaka zu einem der größten Bauwerke des Lagers.

Kira fiel auf, dass Vaughn noch immer die Gesichter der fremden »Arbeiter« studierte. Diese waren inzwischen wieder auf ihren Posten. Zum Großteil handelte es sich um Menschen, doch sie sah auch einige Tellariten, ein paar Bolianer und Vertreter anderer bekannter Spezies.

»Was ist?«, fragte sie ihren Ersten Offizier flüsternd.

Vaughn zögerte. »Ich suche jemanden, der uns hilft.«

»Ich hoffe doch, den haben wir längst gefunden«, sagte Kira. Dennoch freute es sie, dass er nach weiteren Möglichkeiten Ausschau hielt.

Sie erreichten ein Gebäude, das komplett aus Nya-Holz gezimmert war. Riesige Baumstämme, die jahrzehnte- oder jahrhundertealt sein mussten, verliehen den Wänden eine Stabilität, die der von Steinmauern in nichts nachstand und dem Zahn der Zeit trotzte. Im Inneren des Hauses befand sich ein großer, rustikal anmutender Speisesaal mit etwa einem Dutzend leerer Tische und Bänke. Diese standen in langen Reihen. An der Wand befanden sich unbesetzte Essensausgaben. Große ovale Fenster im Osten und Westen ließen Tageslicht herein. In der Luft hing der Geruch vergangener Mahlzeiten.

Opaka wartete am Kopfende einer Tischreihe. Sie signalisierte Kira und Vaughn, an ihren Seiten Platz zu nehmen. Sie saßen kaum, als ein Bajoraner durch die vermutlich zur Küche führende Tür eintrat und ein Tablett brachte. Auf diesem befand sich Brot und Obst sowie mehrere Tassen, deren Inhalt nach frisch aufgebrühtem Deka-Tee duftete. Der Kellner stolperte fast, als er Kira sah, doch ein strenger Blick Opakas genügte, um ihn zu beruhigen. Er stellte das Tablett ab und verschwand wieder in seiner Küche.

Winn blieb neben der Tür stehen. Sie hatte die Waffe noch immer in Händen, den Lauf aber zu Boden gerichtet.

»Essen Sie ruhig«, sagte Opaka. »Das dritte Mitglied von Vekobets Führung wird bald bei uns sein. Bis dahin genießen Sie bitte unsere Gastfreundschaft.«

»Wir danken Ihnen für Ihre Großzügigkeit«, entgegnete Kira. »Uns genügt aber schon die Chance, mit Ihnen zu sprechen.«

Opaka lachte leise. »Sie sind ganz und gar nicht wie Ihre Doppelgängerin, oder? Diese herrische Art von eben – die entspricht Ihnen nicht.«

»War das so offensichtlich?«, fragte Kira und griff nach einer reifen Moba-Frucht.

»Nein«, beschwichtigte Opaka. »Aber ich sehe Facetten an Ihnen, die die andere nicht einmal vorgaukeln könnte. Und ich habe Intendantin Kira viele Jahre lang studiert, wenn auch aus sicherer Distanz.«

»Lady Opaka«, sagte Vaughn. »Stimmt es, dass die religiösen Enklaven Bajors in Kontakt mit der Terranischen Rebellion stehen?«

Opaka sah zu ihm, und ihre Miene drückte schon fast Belustigung aus. »Ja«, antwortete sie. »Man könnte sogar sagen, Vekobet sei die Verbindung beider Gruppierungen. Als Benjamin Sisko vor einigen Jahren erstmals für die Freiheit der unteren Schichten der Allianz eintrat, schlug ich mich schnell auf seine Seite. Ich kämpfte mit ihm, bis wir beide begriffen, dass ein Aufstand ehemaliger Sklaven nicht reichte.«

»Was gedachten Sie zu tun?«, fragte Vaughn.

»Wir hatten kaum Möglichkeiten«, gestand Opaka. »Zumindest nicht, wenn wir den Konflikt nicht intensivieren wollten. Um langfristig den Sieg zu erlangen, brauchte die Rebellion Sympathisanten innerhalb der Allianz. Willige Komplizen, die die Rebellen heimlich unterstützen und mit Informationen und Ressourcen versorgen. Also verließ ich die Front und kehrte nach Bajor zurück. Ich wollte hinter den Kulissen tun, was immer in meiner Macht stand, um die Rebellion zu stärken, denn ich ahnte, dass es noch mehr Dissidenten wie mich geben musste – andere bajoranische Männer und Frauen, die sich danach sehnten, unser unheiliges Bündnis mit den Klingonen und Cardassianern zu beenden. Personen, die sich ein Bajor wünschten, wie es einst gewesen war. Doch erst hier in Vekobet erfuhr ich, was wirklich nötig ist, um unsere verlorene Identität zurückzugewinnen.«

Sie hielt kurz inne, als wolle sie die Worte wirken lassen. »Hier in der Enklave traf ich Brüder und Schwestern im Geiste«, fuhr sie dann fort und nickte in Winns Richtung. »Gemeinsam arbeiten wir seitdem daran, die bajoranische Dissidentenbewegung und die Terranische Rebellion zu vereinen. Wie Sie inzwischen zweifellos ahnen, ist Vekobet viel mehr als ein Arbeitslager. Es ist eine religiöse Zuflucht und ein geheimes Ausbildungszentrum für Freiheitskämpfer. Unsere Arbeiter sind keine Sklaven, sondern Soldaten, die auf den richtigen Moment warten. Um der Tarnung willen verdingen sie sich in den Gruben und Stollen … und nicht einmal das bajoranische Parlament weiß, wie viel Uridium unsere Mine tatsächlich liefert. Mithilfe dritter Parteien schmuggeln wir einen stolzen Teil unserer Produktion zu Rebellenstützpunkten außerhalb des B’hava’el-Systems.«

»Was ist mit den übrigen Enklaven?«, fragte Vaughn.

»Nicht alle sind wie wir. Aber jede einzelne tut ihr Möglichstes für Bajors Freiheit und einen Neubeginn ohne die Allianz.«

»Mir scheint, Sie alle gehen große Risiken ein«, bemerkte Kira.

»Täten wir nichts«, sagte Winn, »wären die Risiken für unser Pagh noch viel größer, mein Kind.«

»Gut gesprochen, Adami«, erklang plötzlich eine neue Stimme. Vaughn und Kira wandten sich um. Ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und kurzem weißem Haar hatte den Saal durch eine Hintertür betreten. Er trug blaue Medizinerkleidung, die seiner Statur schmeichelte. »Bitte sehen Sie mir meine Verspätung nach. Ich hatte noch einen Patienten und kam, so schnell ich konnte.«

Sein Tonfall war sanft, und doch lag Schärfe in seinen Worten. Kira erkannte ihn sofort. In ihrem eigenen Universum hatte dieser Mann einst versucht, mittels eines Militärputsches auf Bajor die Macht zu ergreifen. Sofort erhob sie sich. »Jaro.«

»Doktor Jaro Essa«, stellte der Mann klar. »Ich bin der Arzt dieses Lagers und dritter Anführer der Enklave Vekobet. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Kira.«

»Captain Kira«, korrigierte sie ihn trocken. »Dies ist mein Erster Offizier Commander …«

»Elias«, keuchte Jaro. Überraschung lag in seinen dunkelbraunen Augen.