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Wie kann Captain Sisko die Invasion aufhalten?
Vor Jahrtausenden fand im Alpha-Quadranten eine apokalyptische Schlacht statt. Die Verlierer wurden ans andere Ende der Galaxis verbannt. Doch was wurde aus den Siegern? Diese Frage muss sich die Föderation stellen, als sie das Wrack der Defiant findet: Jahrtausende war es in einem Eiskometen eingeschlossen. Doch wann wurde es zerstört und in die Vergangenheit versetzt? Erste Hinweise bieten Fragmente der Logbücher, die die Zeit überdauert haben. Und alles deutet darauf hin, dass die Katastrophe beim nächsten Transit durch das Wurmloch eintreten wird. Als jedoch ein vulkanisches Forschungsschiff im Gamma-Quadranten vermisst wird, bleibt Captain Sisko keine Wahl: Er fleigt mit der Defiant los ...
Der dritte Teil des fantastischen Abenteuers, das alle vier Star Trek-Serien umspannt!
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Seitenzahl: 545
Veröffentlichungsjahr: 2014
Vor Jahrtausenden fand im Alpha-Quadranten eine apokalyptische Schlacht statt. Die Verlierer wurden ans andere Ende der Galaxis verbannt. Aber was wurde aus den Siegern?
Mit dieser Frage muss sich die Föderation beschäftigen, als man das Wrack der Defiant findet: 5000 Jahre lang war das Schiff der Raumstation Deep Space Nine im Kern eines Eiskometen eingeschlossen. Doch wann wird es zerstört und in die Vergangenheit versetzt?
Erste Hinweise bieten Fragmente der Logbücher, die die Jahrtausende überdauert haben. Und alles deutet darauf hin, dass die Katastrophe beim nächsten Transit durch das bajoranische Wurmloch eintritt. Als jedoch ein vulkanisches Forschungsschiff im Gamma-Quadranten vermisst wird, bleibt Captain Sisko keine Wahl: Er fliegt mit der Defiant durchs Wurmloch …
Der dritte Band des phantastischen Abenteuers, das alle vier STAR TREK-
L. A. GRAF
DER FEIND DER ZEIT
Star Trek™
Deep Space Nine
Invasion 3
Hier draußen, wo das Sonnenlicht nicht mehr war als ein fernes Glühen in der Schwärze des Alls, hielt sich Eis lange. Dunkle Eismassen bildeten einen weiten orbitalen Ring – die Reste des rotierenden Nebels, aus dem dieses an Planeten reiche Sonnensystem entstanden war. Die kalte Finsternis hüllte jedes einzelne Fragment in einen Kokon aus Geborgenheit, bis sich zwei Brocken so nahe kamen, dass ihre Gravitation die Flugbahnen veränderte. Dann mochte es geschehen, dass eine Masse aus schmutzigem Eis mit einer langen Reise in Richtung der fernen Sonne begann, vorbei am eingefangenen neunten Planeten, vorbei auch an den vier Gasriesen und dem Ring aus Felsen, der an eine ungeborene Welt erinnerte. An dieser Stelle begann sie zu leuchten, angeregt von der zunehmenden Wärme des solaren Fusionsreaktors. Als sie den roten Wüstenplaneten passierte und sich jener von zarten Wolkenschleiern umhüllten Welt näherte, die Leben beherbergte, leuchtete die Masse heller als ein Stern. Mit einem langen Schweif zeigte sie sich am Nachthimmel des blauen Planeten, bestaunt von Primitiven, die jagten, sammelten und mit Stöcken den Boden aufkratzten, um Nahrung zu finden. Schon nach wenigen Tagen verblasste das Schimmern des Kometen, und er verschwand wieder in der Dunkelheit am Rand des Sonnensystems.
Ein Fragment war diesem Schicksal entkommen, obwohl das eigentlich nicht der Fall sein sollte. Es trug eine Last aus Stahl und Leere, gerade tief genug im Innern seines eisigen Herzens, um dafür zu sorgen, dass es nach einer Beinahe-Kollision mit einem anderen Brocken zur Kometenwolke zurückkehrte. Anschließend tanzte es jahrhundertelang mit wechselhaftem Kurs durchs All, bis es einen stabilen Orbit im Schatten des kleinen neunten Planeten erreichte. Weitere Jahrhunderte vergingen, während winzige Feuer auf der Nachtseite des blauen Planeten glommen, der Leben hervorgebracht hatte. Die Feuer wurden heller und breiteten sich aus, überquerten die Ozeane. Ihr Glanz gewann immer schneller an Intensität, und bald entstanden große Netzwerke aus Licht an Küsten, Seen und Flüssen. Es dauerte nicht lange, bis das Feuer ins All sprang. Zuerst erreichten sie den einzigen Mond des Planeten, dann den kalten roten Nachbarn und schließlich die Monde der Gasriesen. Noch weiter reisten sie, zu den Sternen. Während dieser Zeit blieben der Komet und seine sonderbare Last unbehelligt. Niemand bemerkte das winzige, flackernde Licht in seinem Innern.
»Sie scheinen sich auf eine Invasion vorzubereiten«, sagte Jadzia Dax.
Sisko brummte und blickte über eine weite Landschaft aus dunklem Kometeneis – die natürliche Hülle der Starbase Eins. Über dem gewölbten Horizont hätte sich in der dunklen Oort-Wolke das Leuchten von Sternen und das hellere Schimmern Sols zeigen sollen. Statt dessen glühten dort die Positionslichter von mehr als zehn Kurzstrecken-Kampfschiffen – ältere, kantigere Versionen der Defiant – sowie von zwei Raumschiffen der Galaxy-Klasse, der Mukaikubo und Breedlove. Der erste Blick hatte Sisko genügt, um zu wissen: Routinemäßige Wartungsaufenthalte und Landurlaub konnten eine solche Streitmacht sicher nicht erklären. Starfleet schien sich auf eine Konfrontation vorzubereiten. Die Frage lautete: Wer war der Gegner?
»Ich dachte, wir sind wegen eines nichtmilitärischen Notfalls hier.« In den Fenstern aus transparentem Aluminium sah Sisko Julian Bashirs Spiegelbild. Der Arzt hatte Platz genommen; das große Konferenzzimmer hinter ihm war noch ebenso leer wie vor zehn Minuten, als man sie hereingeführt hatte. »Sonst hätte uns Admiral Hayman bestimmt gebeten, mit der Defiant zu kommen anstatt mit einem Hochgeschwindigkeitskurier.«
Sisko schnaubte leise. »Admirale bitten nie um etwas, Doktor. Und sie sagen einem nie mehr, als unbedingt nötig ist, um ihre Befehle auf eine effiziente Weise auszuführen.«
»Was insbesondere für diesen Admiral gilt«, fügte Dax hinzu, wobei in ihrer Stimme ein Hauch von unerwartetem Humor erklang.
Sisko musterte sie und wölbte die Brauen, doch eine Sekunde später öffnete sich mit einem leisen Zischen die Tür. Gleichzeitig räusperte sich jemand, und herein kam eine langgliedrige Frau, gekleidet in einen gewöhnlichen Starfleet-Overall. Sie durchquerte das Zimmer, und Dax trat ihr mit ausgestreckter Hand entgegen.
»Wie geht's, Judith?«
»Man hat mich befördert.« Das Gesicht der grauhaarigen Frau erhellte sich ein wenig. »Es schafft einen gewissen Ausgleich dafür, alt zu werden.« Sie drückte Dax die Hand, wandte sich dann an Sisko. »Dies ist also der Benjamin Sisko, von dem mir Curzon so viel erzählt hat. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Captain.«
Sisko warf dem wissenschaftlichen Offizier einen kurzen Blick zu. »Die Freude ist ganz meinerseits. Äh … Dax?«
»Benjamin, ich möchte Ihnen Konteradmiral Judith Hayman vorstellen«, sagte die Trill. »Wir – das heißt sie und Curzon – lernten uns vor einigen Jahren auf Vulkan kennen, während der klingonischen Friedensverhandlungen. Wenn ich vorstellen darf, Judith: Captain Benjamin Sisko von Deep Space Nine und unser Bordarzt Dr. Julian Bashir.«
»Admiral …« Bashir nickte höflich.
»In der Kom-Mitteilung war die Rede von einem Notfall der Priorität Eins«, sagte Sisko. »Daraus lässt sich vermutlich folgendes schließen: Was auch immer uns hierherbrachte – es handelt sich um eine dringende Angelegenheit.«
Das Lächeln verschwand aus Haymans Gesicht. »Möglicherweise«, erwiderte sie. »Wobei ›dringend‹ jedoch nicht die übliche Bedeutung hat.«
Sisko runzelte die Stirn. »Bitte verzeihen Sie meine Unverblümtheit, Admiral. Man hat mich ohne irgendeine Erklärung aufgefordert, die von mir befehligte Raumstation zu verlassen. Beim Flug zur ältesten und nutzlosesten Starbase der Föderation …« Bei diesen Worten vollführte er eine Geste, die der öden Kometenlandschaft jenseits der Fenster galt. »… sollte ich unter keinen Umständen mein eigenes Schiff einsetzen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie eigentlich gar nicht wissen, wie dringend die ganze Sache ist?«
»Niemand ist sicher, Captain. Auch deshalb haben wir Sie hierhergeholt.« Die Stimme der Admiralin brachte eine seltsame Mischung aus Ernst und Kummer zum Ausdruck. »Nur in einem Punkt gibt es keinen Zweifel: Wir haben es mit einer Situation zu tun, die zu einer Katastrophe führen könnte.« Sie griff in die Brusttasche ihres Overalls, holte zwei gewöhnlich aussehende Datenchips hervor und legte sie auf den Tisch. »Zuerst sollten Sie und der Arzt sich diese Aufzeichnungen ansehen.«
»Aufzeichnungen«, wiederholte Sisko und wählte dabei jenen neutralen Tonfall, den er so oft der überheblichen Kai Winn gegenüber benutzt hatte.
»Entschuldigen Sie bitte, Admiral, aber wir sind wirklich davon ausgegangen, dass es sich um einen Notfall handelt.« Julian Bashirs offen zur Schau gestellte höfliche Verblüffung erinnerte Sisko an das aalglatte Gebaren Garaks. »Mit irgendwelchen Aufzeichnungen hätten wir uns bereits vor zehn Stunden befassen können. Es wäre sicher möglich gewesen, sie Deep Space Nine per Subraum-Kommunikation zu übermitteln.«
»Zu gefährlich, selbst bei Verwendung unserer sichersten Codes.« Die absolute Gewissheit in Haymans Stimme ließ Sisko überrascht blinzeln. »Und wenn Sie genau zugehört hätten, junger Mann, so wäre Ihrer Aufmerksamkeit sicher nicht entgangen, dass ich von ›zuerst‹ gesprochen habe. Wenn Sie sich jetzt bitte setzen würden, Captain …«
Sisko nahm an einem der in den Tisch integrierten Terminals Platz und wartete, während sich die Admiralin an Bashir wandte und zu einer anderen Datenstation zeigte. Der Captain nahm zur Kenntnis, dass sie Dax nicht aufforderte, sich ihnen hinzuzugesellen, obgleich noch weitere Terminals zur Verfügung standen.
»Wir gehen diesmal nicht auf die übliche Weise vor«, sagte Hayman ohne Einleitung. »Um die Authentizität gewisser Daten zu verifizieren, bitten wir Sie um folgendes: Überprüfen Sie die Logbücher und medizinischen Aufzeichnungen, ohne ihren Ursprung zu kennen. Wir möchten eine Analyse von Ihnen. Computer, starte die Datenkontrollprogramme Sisko-Eins und Bashir-Eins.«
Der Monitor vor Sisko erhellte sich, zeigte jedoch keine Bilder, sondern ein breites Band aus vielschichtigen Symbolen und Abkürzungen, die langsam von links nach rechts glitten. Einige Sekunden lang betrachtete er das Band verwirrt, bis der fremdartige Eindruck plötzlich etwas Vertrautem wich. An der Starfleet-Akademie forderte man die Kadetten dazu auf, nach einem Ausfall des Computerdatenspeichers die letzten drei Flugtage eines Raumschiffs zu rekonstruieren. Die Lösung des Problems bestand darin, Computerdaten aus den individuellen Systempuffern wiederherzustellen. Solche Aufzeichnungen hatten ein derartiges Erscheinungsbild.
»Dies sind multiple Pufferdaten aus individuellen Bordsystemen, geschrieben in der üblichen Starfleet-Maschinensprache«, sagte Sisko. Dax gab ein leises Geräusch von sich, das auf Interesse hindeutete, und trat an die Seite des Captains. »Jemand scheint die letzten Anweisungen für Lebenserhaltung, Schilde, Steuerung und Phaserbänke gespeichert zu haben. Es ist auch noch ein anderes System betroffen, aber ich kann es nicht identifizieren.«
»Die Kontrollen der Photonentorpedos?«, fragte Dax und beugte sich zum Bildschirm vor.
»Nein, ich glaube nicht. Vielleicht ist ein Sensorpuffer betroffen.« Sisko behielt den vorbeiscrollenden Code aufmerksam im Auge. Die meisten Symbole ergaben nun einen Sinn, doch die Abkürzungen im Bereich der fünften Linie blieben rätselhaft. »Es gibt keine Hinweise auf die Navigation. Vielleicht wurden die Kommandopuffer jener Systeme von dem Faktor eliminiert, der den Ausfall des Hauptcomputers bewirkte.« Er brummte leise, als vier Aufzeichnungsbereiche starke Fluktuationen aufwiesen und dann zu schwarzen Linien schrumpften. »Damit wäre auch alles andere hinüber. An dieser Stelle scheint das Schiff kaum mehr zu sein als ein Wrack.«
Dax nickte. »Offenbar wurde es von einem starken elektromagnetischen Impuls getroffen, der praktisch jeden Schaltkreis an Bord lahmlegte. Alle Anlagen verloren ihre Energie, bis auf die Lebenserhaltung – die auf Reservesysteme umgeschaltet werden musste.« Die Trill sah zur Admiralin auf. »Sind das alle Aufzeichnungen? Sie betreffen nur einige Minuten.«
»Es sind diejenigen, denen wir trauen«, betonte Hayman. »Es gibt auch einige visuelle Aufzeichnungen von der Brücke, die ich Ihnen gleich zeigen werde, aber sie könnten manipuliert sein. Wir sind ziemlich sicher, dass der Inhalt der Datenpuffer nicht verändert wurde.« Sie sah zu Bashir, der nun nicht mehr unruhig wirkte, sondern sich ganz auf die Daten konzentrierte, die ihm der Monitor seines Terminals zeigte. »Die medizinischen Informationen sind weitaus umfangreicher. Sie können sich in der Zwischenzeit diese Aufzeichnungen hier noch einmal ansehen, wenn Sie möchten.«
»Bitte«, sagten Sisko und Dax gleichzeitig.
»Computer, wiederhole Datenprogramm Sisko-Eins.«
Wieder kroch Maschinensprache über den Bildschirm, und diesmal versuchte Sisko nicht mehr, die einzelnen Symbole zu identifizieren. Er erinnerte sich vage an den Hinweis eines Akademie-Professors, der die Rekonstruktion der Aktivitäten eines Raumschiffs auf der Basis individueller Puffer-Outputs mit dem Lesen einer Partitur verglichen hatte. Es kam nicht darauf an, jede einzelne Zeile individuell zu analysieren, sondern einen Eindruck davon zu gewinnen, wie alles zusammenwirkte.
»Dieses Schiff war in einen Kampf verwickelt«, sagte Sisko schließlich. »Aber ich glaube, es wollte nicht kämpfen, sondern entkommen. Bei den Phaserbänken kam es zu einer Entladung, nachdem bei den Schilden energetische Fluktuationen registriert wurden.«
»Verteidigungsmaßnahmen«, pflichtete Dax dem Captain bei und deutete auf den Monitor. »Sehen Sie nur, wie viel Energie von den Lebenserhaltungssystemen abgezogen wurde, um die Schilde stabil zu halten. Was auch immer das Schiff bedrohte: Offenbar hatte es ein sehr großes energetisches Potenzial.«
»Jetzt werden Ausweichmanöver eingeleitet …« Sisko unterbrach sich, als er etwas entdeckte, das er beim ersten Mal im geheimnisvollen fünften Band übersehen hatte. In seiner Magengrube krampfte sich plötzlich etwas zusammen, als er jenes romulanische Symbol sah, das immer dann in den Displays erschien, wenn die Tarnvorrichtung der Defiant aktiviert wurde.
»Ein getarntes Starfleet-Schiff!« Er drehte sich um und richtete einen durchdringenden Blick auf die Admiralin. »Soweit ich weiß, ist nur die Defiant offiziell mit einer romulanischen Tarnvorrichtung ausgestattet!«
Hayman erwiderte den Blick mit unerschütterlicher Gelassenheit. »Ich kann Ihnen garantieren, dass Starfleet keine verbotenen Tarnvorrichtungen einsetzt. Sehen Sie sich die Daten noch einmal an, Captain.«
Sisko wandte sich erneut dem Monitor zu. »Computer, wiederhole Programm Sisko-Eins mit fünfundzwanzig Prozent der bisherigen Geschwindigkeit.« Wieder krochen die fünf verschiedenen Aufzeichnungsbänder über den Bildschirm, und diesmal achtete Sisko auf die Interaktionen zwischen Steuerung und Phaserbänken. Vielleicht konnte er Klasse und Kategorie des unbekannten Schiffes bestimmen, indem er herausfand, zu welchen taktischen Manövern es imstande war.
»Vergleichen Sie die Richtungsänderungen mit den Entladungen der Phaser«, sagte Dax hinter ihm. Sie sprach ungewöhnlich leise, und Sisko fragte sich, ob sie den gleichen, geradezu unheimlichen Verdacht hegte wie er.
»Ja, ich weiß.« Während der letzten hundert Jahre waren die Geschwindigkeit von Kursänderungen einerseits und die Phaser-Refokussierung andererseits Grundlage der Gefechtstaktik gewesen. Siskos Blick huschte zwischen dem ersten und dritten Datenband hin und her, glitt dann zum Rand, wo eingeblendete Zahlen über die verstrichenen Millisekunden Auskunft gaben. Die Refokussierung der Phaser nahm erstaunlich wenig Zeit in Anspruch, aber noch verblüffender war die praktisch sofortige Reaktion des Schiffes auf Kursänderungen bei taktischen Manövern. Er kannte nur ein Schiff, das über ein ausreichend leistungsfähiges Warptriebwerk verfügte, um so riskante Manöver zu fliegen. Und er kannte nur einen Commander, der einen großen Teil seiner Freizeit investiert hatte, um festzustellen, wo die Grenzen lagen, wie weit man gehen konnte, bis aus Mut Leichtsinn wurde.
Als sich Sisko diesmal zu Judith Hayman umdrehte, war aus seiner Besorgnis kalte Gewissheit geworden. »Wo haben Sie diese Daten gefunden, Admiral?«
Sie schüttelte den Kopf. »Zuerst Ihre Analyse, Captain. Ich brauche Ihre unvoreingenommene Meinung, bevor ich irgendwelche Fragen beantworten und Ihnen die visuellen Daten zeigen kann. Andernfalls wissen wir nie, ob wir diesen Informationen trauen dürfen.«
Sisko atmete tief durch und versuchte, die richtigen Worte für Schlussfolgerungen zu finden, die ihm selbst unglaublich erschienen. »Dieses Schiff … Es verfügte nicht nur über eine Tarnvorrichtung wie die Defiant. Es war die Defiant.« Er hörte, wie Dax nach Luft schnappte. »Und als sie bei einem Kampf zerstört wurde, führte ich das Kommando.«
»Captain Sisko würde es mir erlauben.«
Wenn Kira während der vergangenen achtundvierzig Stunden jedes Mal einen Streifen Latinum bekommen hätte, um sich diese unsinnigen Worte anzuhören, so wäre sie inzwischen imstande gewesen, die ganze Raumstation und alle geifernden Ferengi an Bord zu kaufen. Was keineswegs bedeutete, dass ihr die Aussicht gefiel, Eigentümerin von einem halben Dutzend verschrumpelter, großohriger Halunken zu werden. Aber bei Ferengi wusste man wenigstens, was man erwarten durfte. Sie waren nicht sofort beleidigt, wenn man gelassen auf ihre Kom-Mitteilungen reagierte und ihnen die Banalität ihrer Probleme verdeutlichte. Schließlich waren es Ferengi, was bedeutete: Alle Aspekte ihres Lebens, die nicht mit Geld in Zusammenhang standen, verdienten die Bezeichnung ›banal‹.
Menschen hingegen glaubten, dass sich in der Galaxis alles um ihre Wünsche und Sorgen drehte. Ihr empfindliches Selbstbewusstsein nahm sofort Schaden, wenn man darauf hinwies, dass sie sich vielleicht irrten. Mit dem Gedanken daran hatte Kira zwei oder drei Stunden ihres ersten Tages als Kommandantin von Deep Space Nine verbracht, indem sie besänftigte, beschwichtigte, Kompromisse vorschlug und immer wieder versuchte, Anteilnahme zu zeigen. Sie ging dabei von der Annahme aus, dass die Crew nur einige metaphorische Streicheleinheiten brauchte, um während der Abwesenheit des Captains zurechtzukommen. Doch irgendwann gegen Mittag stieß sie den verdammte Lederball zum vierten Mal von Siskos Schreibtisch, und der fünfte Arbeitsplan-Konflikt platzte ins Büro, während sie unter dem Schreibtisch nach dem Ball suchte, und die sechste Subraum-Mitteilung von Bajor – oder von Starfleet oder von irgend jemandem sonst – ließ den Kommunikator piepen, und plötzlich wurde es enorm wichtig, dass sie selbst die externe Kontrolle des Waffensegels vornahm. Kira floh ins OPS, während der Ball irgendwo in Siskos Büro verschwunden blieb. Unterwegs schickte sie ein jammerndes Besatzungsmitglied zur Personalabteilung und nickte zehn Minuten lang einem schwafelnden bajoranischen Minister zu, in der Hoffnung, ihn dadurch schneller abzuwimmeln und genug Zeit zu bekommen, den Schutzanzug anzuziehen und die Station zu verlassen. O'Brien stotterte nur überrascht, als sie ihm auf dem Weg zum Turbolift die Reparaturanweisung abnahm.
Kira dachte daran, Deep Space Nine beim nächsten Mal ohne Schutzanzug zu verlassen. In gewisser Weise wäre dann alles viel einfacher gewesen.
»Nun?« Quark hatte noch nicht das Stadium von Verdrießlichkeit erreicht. Doch eine weinerliche Ferengi-Stimme in unmittelbarer Nähe des rechten Ohrs zu hören … Dadurch konnte man selbst in einem viel zu großen Strahlenschutzanzug Platzangst bekommen. »Ich versichere Ihnen, dass Sisko davon begeistert wäre.«
Kira schnaubte verächtlich – und erinnerte sich zu spät an die besonderen Aspekte ihrer Situation. Die Innenseite der Helmscheibe beschlug. Sie verankerte die magnetischen Sohlen der Stiefel am Segel und wartete darauf, dass die automatischen Klimamodule des Schutzanzugs für eine Absorption der zu hohen Luftfeuchtigkeit sorgten.
»Quark, Captain Sisko erlaubt Ihnen nicht, das OPS zu betreten.« Wahrscheinlich hätte er auch keine Zeit damit verloren, ein solches Kom-Gespräch mit dem Ferengi zu führen, dachte Kira. »Was mich betrifft: Mir ist es ein Rätsel, warum er Ihnen überhaupt gestattet, sich an Bord der Raumstation aufzuhalten.«
Sie beobachtete, wie Quark im Aussichtsbereich über seinem Kasino von einem Fenster zum nächsten hastete. »Weil der Captain ein gutes Marktgefühl hat, zumindest für einen Menschen. Leider fehlt ihm das Gespür dafür, gute Gelegenheiten für zusätzlichen Profit zu nutzen.«
Kira stieß sich vorsichtig ab und gewann gerade genug Bewegungsmoment, um zur vorderen Seite des Segels zu gleiten und dadurch Quarks Blickfeld zu verlassen. Ich bin hier draußen, um zu arbeiten, erinnerte sie sich, als sie einen diagnostischen Scanner hervorholte. Was allerdings nicht bedeutete, dass sie keine Genugtuung empfinden durfte, wenn Quark durch einen schmalen Korridor zum nächsten Fenster eilte, um sie auch weiterhin zu beobachten.
»Ich registriere nach wie vor Restemissionen«, teilte sie O'Brien mit. Das Strahlungsdisplay befand sich rechts neben der Helmscheibe, und der entsprechende Indikator wies auf einen niedrigen Wert hin. Kira spürte, wie sich neuerlicher Ärger in ihr regte. »Nicht annähernd genug, um einen Ausflug in diesem unförmigen Ding zu rechtfertigen.«
»Tut mir leid, Major – so verlangen es die Starfleet-Vorschriften.« Der irische Akzent des Chefingenieurs brachte echtes Bedauern zum Ausdruck – obwohl O'Brien das allgemeine Starfleet-Protokoll häufig ›vergaß‹. »Wenn jemand beauftragt wird, in Hinsicht auf ein externes Strahlungsleck Nachforschungen anzustellen, so muss die betreffende Person einen schweren Schutzanzug tragen.«
»In meinem Fall bedeutet das: Ich muss mit einem Anzug zurechtkommen, der jemandem wie Sisko genug Platz bietet.«
»Nun, für solche Schutzkleidung gibt es eine Einheitsgröße.«
Fast hätte Kira erneut geschnaubt und damit einen neuerlichen Kondensfilm an der Helmscheibe verursacht. »Sie meinen eine Einheitsgröße, die sich auch für über zwei Meter große Menschen eignet.«
»Ja, Ma'am«, gestand O'Brien. »Etwas in der Art.«
»Major«, ließ sich Quark vernehmen, »ich glaube, Sie schenken meinem Anliegen nicht die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.«
Kira zog sich langsam an der Außenseite des Segels entlang und dachte daran, sich vom Wurmloch in den Gamma-Quadranten transferieren zu lassen, weit weg von allen Ferengi. »O'Brien, gibt es keine Möglichkeit, Quark aus diesem Kom-Kanal zu verbannen?«
»Das lässt sich nur bewerkstelligen, wenn Sie ganz auf einen Kommunikationskontakt mit der Raumstation verzichten, Ma'am. Tut mir leid.«
Kira fragte sich, ob sie dem Chefingenieur mitteilen sollte, dass sie seinen Vorschlag durchaus in Erwägung zog.
»Leider schätzt Captain Sisko die geistige Bedeutung von Entspannung anders ein als …«
»Nein, Quark.«
Der Ferengi quiekte wie jemand, der ein Messer in seinem Bauch spürte – bei Quark wies dieses Geräusch auf Entrüstung hin. »Major, ich gebe Ihnen mein Wort, dass sich die Veranstaltung auf meine hinteren drei Dabo-Zimmer beschränkt.«
»Das haben Sie auch bei Ihrem letzten Glücksspielturnier behauptet.« Kira setzte beide Füße mit einem Klong auf, das sie zwar nicht hörte, aber deutlich fühlte. Anschließend stieß sie die Luke zum inneren Bereich des Segels so heftig auf, wie es die Mikrogravitation zuließ. »Mit dem Ergebnis, dass die bajoranische Handelskommission eine vierseitige Beschwerde über die starke Zunahme von Ladendiebstählen in der Promenade verfasste. Und Morn verklagte gleich sechs Ihrer Spieler wegen sexueller Belästigung.«
Rhythmisches Schnaufen kündete von einem weiteren Sprint durch den Korridor. Es folgte ein dumpfes Pochen, als Quark das nächste Beobachtungsfenster erreichte. »Aber in diesem Jahr …« – Kira stellte sich vor, wie Quark bei diesen Worten grinste und seine krummen Zähne zeigte –, »… setze ich eine elasianische Kohorte als Türwächter ein.«
»Nein!« Kira beobachtete, wie der Strahlungsindikator plötzlich wesentlich höhere Werte anzeigte. Sie streckte die Hand aus und berührte eine Taste, woraufhin es im Innern des Segels hell wurde. »Und jetzt sagen Sie mir bitte, welches meiner Worte Sie nicht verstehen.«
»Vermutlich die deklarative Verneinung. Dieses Problem tritt bei Ferengi recht häufig auf.« In der Stimme ertönte nicht nur Sarkasmus, sondern auch offene Feindseligkeit, deutlicher Hinweis darauf, dass die Worte von Odo stammten. »Offenbar gibt es in der Ferengi-Sprache kein Wort für ›nein‹.«
Quark schniefte empört, und es gelang ihm, dieses Geräusch sowohl unterwürfig als auch spöttisch klingen zu lassen. »Das stimmt nicht«, widersprach er. »In unserer Sprache gibt es gleich mehrere solche Wörter. Ihre Verwendung hängt davon ab, wie viel Überredungskunst notwendig ist, um einen Meinungswechsel zu bewirken.«
»Wenn Sie mir versprechen, dass Ihr Turnier im Gamma-Quadranten stattfindet …«, begann Kira.
»Und Sie keine Rückkehr hierher beabsichtigen …«, fügte Odo hinzu.
»… gestatte ich Ihnen vielleicht, Deep Space Nine als Ausgangspunkt Ihrer Reise zu verwenden. Bis dahin …« Weiße Kontrollen leuchteten am diagnostischen Scanner und wiesen Kira auf folgendes hin: Das Waffensegel enthielt genug primäre Strahlung, um eine kleine Stadt ein Jahr lang mit Energie zu versorgen. Kira steckte den Scanner ein und verließ die Kammer rasch. »Haben Sie die Anzeigen gesehen, Chief?«
»Ja.« O'Brien klang nicht besorgt, eher zerknirscht. Vermutlich wünschte er sich jetzt, an Kiras Stelle zu sein. »Ich hätte schwören können, dass wir bei der letzten externen Inspektion alle Energiemodule der Phaserbatterien überprüft haben. Eins scheint defekt zu sein.«
»Könnte davon so intensive primäre Strahlung ausgehen?«
»Normalerweise nicht«, erwiderte der Chefingenieur. »Aber was auch immer da drin passiert ist: Man sollte es nicht mit einem kleinen Handscanner und einer Taschenlampe untersuchen. Wir wissen jetzt, wo das Problem liegt. Meine Leute kümmern sich darum.«
»Wodurch Ihnen mehr Zeit bleibt, um über meinen Vorschlag nachzudenken«, warf Quark fröhlich ein.
»Nein!«, wiederholte Kira mit Nachdruck.
Nie zuvor hatte sie einen Ferengi auf diese Weise zischen gehört. »Na schön.« Kira befand sich nun wieder am Habitatring und sah, wie Quark auf der anderen Seite eines Fensters die Arme hob und wieder senkte. »Na schön! Ich habe Sie für eine großzügige, verständnisvolle Frau gehalten, die ihre Pflichten gegenüber Besatzungsmitgliedern und Bewohnern der Station genau kennt.« Er richtete einen kurzen, mürrischen Blick auf die hochgewachsene Gestalt hinter ihm. »Nun, offenbar habe ich mich geirrt. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden … Ich muss mich allein der Aufgabe widmen, die Wirtschaft von Deep Space Nine vor dem Ruin zu bewahren.« Der Ferengi schob arrogant das Kinn vor und stolzierte wie jemand fort, von dem die Zukunft der Raumstation abhing.
»Ich weiß gar nicht, wie es Sisko gelingt, seine Arbeit zu erledigen«, sagte Kira zu sich selbst, als die Luke des Waffensegels hinter ihr zuschwang.
»Indem er in seinem Büro bleibt, schätze ich.«
Kira blickte zum Fenster, als rechnete sie damit, trotz der recht großen Entfernung in Odos wachsglattem Gesicht irgend etwas zu entdecken. Es fiel ihr schwer, die Bemerkungen des Constable zu interpretieren, wenn er nicht deutlich sarkastisch war. Sprach er das Offensichtliche aus, um Kritik zu üben, oder weil er Wert auf die Wahrheit legte? Bei Odo beschränkten sich Antworten manchmal darauf, einfach nur Antworten zu sein. Das mochte erfrischend sein, wenn man diesem Verhalten die komplizierte Politik von Föderation und Bajor gegenüberstellte. Aber manchmal waren damit auch Probleme verbunden.
»Was kann ich für Sie tun, Odo?« Kira wandte sich der Luftschleuse zu und konnte es gar nicht abwarten, den unförmigen Schutzanzug abzulegen, um in der Ruhe ihres Quartiers eine Mahlzeit einzunehmen und dann unter die Decke zu schlüpfen. »Wollen Sie mir vielleicht sagen, dass sich Sisko gemeldet und seine baldige Rückkehr angekündigt hat?«
»Leider nein«, erwiderte Odo entschuldigend, so als sei Kiras Frage ernst gemeint gewesen. »Obwohl es bestimmt noch andere Leute gibt, die sich über seine Rückkehr freuen würden.«
Ein weiteres Display im Innern des Helms erhellte sich, und Datenkolonnen wanderten durchs kleine Projektionsfeld. Kira blickte erneut zum Fenster und runzelte die Stirn, ärgerte sich dann über ihre eigene Reaktion.
»Was ist das?«, fragte sie.
»Lesen Sie.«
Sicherheitsberichte, bis zu sieben Tage alt und alle mit Odos knapper Unterschrift versehen. Die ersten drei ähnelten Dutzenden von anderen, die Kira auf Siskos Schreibtisch gesehen hatte: der nächtliche Einbruch in einem Lebensmittelladen für Touristen, die eine lange Wandertour auf Bajor planten; Unterschiede zwischen tatsächlich eingetroffenen Waren und der auf den Lieferscheinen angegebenen Menge von Computerkomponenten, die für Andor bestimmt waren; der Diebstahl von …
Kira blieb stehen, neigte den Kopf im Helm ein wenig zur Seite und las den vierten Punkt auf Odos Liste. »Diebstahl.« Sie sah über die Station hinweg, in Richtung Wurmloch und Sterne. »Es handelt sich in jedem Fall um Diebstahl, und die Ereignisse betreffen die vergangenen sieben Tage. Versucht vielleicht eine Verbrecherorganisation, auf Deep Space Nine Fuß zu fassen?« Eigentlich war die Raumstation dafür ein gut geeigneter Ort: Das Wurmloch bot einen perfekten Fluchtweg, und es gab keine Auslieferungsabkommen mit dem Gamma-Quadranten.
Odo knurrte leise – seine Version grimmiger Erheiterung. »Bei uns ist das organisierte Verbrechen bereits fest in Quarks Hand – daneben gibt es keinen Platz. Außerdem …« Der Constable schien Kontrollen zu betätigen, denn die Anzeige von Kiras Helmdisplay veränderte sich. »Mir scheint, es gibt keinen großen Schwarzmarkt für Haushalts-Energiemodule oder für mobile Thermo-Behälter.« Ein anderer Bericht glitt im Projektionsfeld nach oben. »Andererseits: Taktische Plasmasprengköpfe versprechen noch immer hohen Profit, ganz gleich, an wen man sie verkaufen möchte.«
Kira verstand nicht sofort die Zusammenhänge, sah nur die Hinweise des Displays. »Sechs Liter flüssiges Plasma mit Waffenpotenzial, vermisst bei einer Lieferung für die Raumschiffwerft von Okana.« Irgend etwas in ihr erzitterte. »Das ist auf Bajor.«
»Und nur drei Flugstunden von Deep Space Nine entfernt.« Nur Odos ernste Stimme leistete Kira Gesellschaft – von einem Augenblick zum anderen fühlte sie sich außerhalb des Habitatrings sehr allein. Sie setzte sich wieder in Bewegung und lenkte ihre Schritte in Richtung Luftschleuse. »Wer über die auf der Liste angegebenen Materialien verfügt«, fuhr Odo fort, »braucht nur einige Stunden in einer Föderationsbibliothek zu verbringen, um eine Bombe zu bauen, mit der sich die ganze Station vernichten ließe.«
Andere Verwendungszwecke fielen Kira ein: die Zerstörung eines mittelgroßen Raumschiffs oder die Verheerung einer bajoranischen Provinz. Sie fauchte einen zornigen Fluch, betätigte Kontrollen und öffnete das Außenschott von Runabout-Hangar F. »Haben Sie irgendwelche Vermutungen in Hinsicht auf das Ziel?« Wieso machte die Föderation solche Informationen frei zugänglich, so dass sie jeder Psychopath ganz nach Belieben verwenden konnte? Begriffen die Verantwortlichen denn nicht, dass auf Bajor keineswegs lammfromme Pazifisten wohnten, sondern erfahrene Soldaten und ehemalige Widerstandskämpfer, die gelernt hatten, praktisch alles als Waffe zu verwenden?
»Das hängt von verschiedenen Faktoren ab«, entgegnete Odo. »Zunächst einmal: Wir wissen noch nicht, wer dahintersteckt.«
Die Unruhe in Kira nahm immer mehr zu, während sie auf den Druckausgleich wartete. Ein langsam lauter werdendes Zischen wies darauf hin, dass sich die Schleusenkammer allmählich mit Luft füllte. »Ich schätze, wir können die eine oder andere Vermutung anstellen.«
Stille folgte diesen Worten, und Kira ahnte, was Odo nun durch den Kopf ging. Er wusste ebenfalls von den paramilitärischen Gruppen in den nördlichen Provinzen. Sie bestanden aus früheren Mitgliedern des aktiven Widerstands und wurden immer radikaler. »Unterdrückung ist Unterdrückung!«, lautete ihre Parole. Sie sahen kaum einen Unterschied zwischen der eisernen Faust der Cardassianer und der wohlwollenden Kontrolle-durch-Beispiel-Politik, die von Deep Space Nine aus praktiziert wurde. Kiras Ansicht nach brauchte man sich nur die jeweilige medizinische Versorgung anzusehen, um sofort darüber Bescheid zu wissen, wer es besser meinte. Wie dem auch sei: Fanatiker neigten dazu, jene Meinungen zu ignorieren, die ihre jeweilige Sache nicht unterstützten, und die neuen Gruppen schienen ebenso engstirnig zu sein wie andere vor ihnen. Noch hatten sie keine offiziellen Drohungen geäußert, aber Kira kannte solche Leute und wusste daher, dass es nur eine Frage der Zeit war.
»Ich dachte, darin besteht der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur«, sagte sie laut und trat vor, als das Innenschott beiseite glitt. »Man braucht nichts in die Luft zu jagen, um sich Gehör zu verschaffen.«
Odo stand auf der anderen Seite des kleinen Hangars, am Bug eines bisher noch namenlosen Runabouts. »Wie heißt es bei den Menschen? ›Alte Liebe rostet nicht.‹«
Eine weitere Gemeinsamkeit von Bajoranern und Terranern, dachte Kira. Wir teilen nicht gerade die besten Eigenschaften.
Der Helmkommunikator summte und bewahrte sie davor, eingehender über dieses Thema nachzudenken. »OPS an Major Kira.«
Rasch löste sie die Siegel, nahm den Helm ab und klemmte ihn sich unter den Arm – sie wollte einfach nicht länger in dem Schutzanzug gefangen sein. »Ich höre, Chief.«
»Wir registrieren erhöhte Neutrino-Aktivität beim Wurmloch, Major. Offenbar steht ein Transfer bevor.«
Kira richtete einen verwunderten Blick auf Odo. »Erwarten wir ein Schiff aus dem Gamma-Quadranten?«
Der Constable schüttelte den Kopf.
»Nein, Sir«, erklang erneut die Stimme des Menschen. »Während der nächsten drei Tage ist keine Passage geplant, weder in der einen noch in der anderen Richtung.«
Kira wölbte eine Hand über den Mikrofonbereich des Helmkommunikators. »Können wir von den Bombenbauern erwarten, dass sie ausgerechnet diesen Moment wählen, um ihre Höllenmaschine fortzuschaffen?«
Odo musterte sie mit väterlicher Missbilligung – offenbar glaubte er, dass Kira ihre Worte ernst meinte. Sie nahm sich nicht die Zeit, ihren derzeit recht müden Sinn für Humor zu erklären. Statt dessen legte sie den Helm auf den Boden, löste auch die übrigen Siegel des Schutzanzugs.
»Chief, ich bin noch immer in Runabout-Hangar F und gerade damit beschäftigt, aus dem Schutzanzug zu klettern. Schalten Sie die Verteidigungssysteme der Station auf Bereitschaft und transferieren Sie dann ein externes Bild auf den Schirm des Runabouts.« Kira stieg aus den dicken Hosenbeinen und bedeutete Odo, ihr zu folgen, als sie das kleine Raumschiff betrat. »Ich möchte sehen, was dort draußen vor sich geht.«
»Aye, aye, Major.«
Das Innere des neuen Runabouts war genauso beschaffen wie das aller anderen Schiffe dieser Art. Es fehlten lediglich Kratzer in den ein wenig zu hell wirkenden Bodenplatten, und Schutzüberzüge bedeckten die vier Sessel sowie die einzelnen Stationen. Aber exakt die gleiche Anzahl von Schritten brachte Kira von der Luke zu den Navigationskontrollen. Als sie im Sessel des Piloten Platz nahm, konnte auch der Schutzbezug den Eindruck des Vertrauten nicht stören.
Nichts lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem Bildschirm ab, der wenige Sekunden zuvor zu elektronischem Leben erwacht war.
Licht glühte in der Dunkelheit des Alls, eine spiralförmige Blume aus Energie und Quantenwahrscheinlichkeit, viel zu prächtig, um jenen hässlichen Namen zu verdienen, den die Menschen ihr gegeben hatten: Wurmloch. Als Kira zum ersten Mal beobachtete hatte, wie sich dieses Portal öffnete, wurde ihr sofort klar, dass sich mehr wundervolle Bedeutung damit verband, als die Mathematiker der Föderation zu erklären vermochten. Es spielte kaum eine Rolle für sie, dass Wissenschaft die Spitze dieses Eisbergs berühren konnte – das Verstehen der Teile eines Dings gewährte nicht unbedingt Einblick in seine Natur. Selbst eine noch so genaue Beschreibung aller biologischen Systeme eines Bajoraners vermittelte keinen umfassenden Eindruck von der Person, die in der organischen Hülle steckte. Vier Jahre lang hatte Kira immer wieder beobachtet, wie Raumschiffe aus der schimmernden Öffnung des Wurmlochs kamen und darin verschwanden, doch sie hielt auch weiterhin an ihren ursprünglichen Überzeugungen fest. Allein die Existenz dieses Phänomens bewies ihrer Meinung nach, dass es im Leben mehr gab, als man zunächst zu erkennen glaubte.
Diesmal bestand das Geschenk des Wurmlochs aus einem winzigen Glitzern, einem kleinen Objekt, das sich am Rand des Tunnels durch Zeit und Raum drehte. Es wurde nur deshalb sichtbar, weil es Licht reflektierte. Als sich die Blütenblätter aus strahlender Energie in die Singularität zurückfalteten und verschwanden, blieb nur der funkelnde Punkt zurück. Langsam und wie träge glitt er in Richtung Bajor.
»Offenbar ist das Objekt nicht mit eigener Antriebskraft ausgestattet.« Odo beugte sich zum Bildschirm vor und betrachtete das winzige Etwas aus farblosen Augen. »Entweder ist sein Triebwerk ausgefallen, oder es hat gar keins.«
Kira nickte nachdenklich und klopfte auf ihren Insignienkommunikator, um eine Verbindung mit O'Brien im OPS herzustellen. »Haben Sie eine Ahnung, womit wir es zu tun haben, Chief?«
Er schwieg einige Sekunden lang – vermutlich sah er auf die Instrumentenanzeigen. Kira trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Konsole und musste sich zwingen, O'Brien nicht zur Eile anzutreiben. Das von ihr verursachte Geräusch störte Odo, und er durchbohrte sie mit einem verärgerten Blick.
»Eisen …«, ertönte schließlich die Stimme des Chefingenieurs. »Nickel … Spuren von Duranium und Methaneis …« Er brummte überrascht, und es klang auch ein wenig enttäuscht. »Es könnte der Kern eines Kometen sein. Vielleicht auch das Fragment eines Asteroiden.«
Mit anderen Worten: nichts Interessantes. Mit einem zufriedenen Nicken lehnte sich Kira zurück. Um so besser. Nach weiteren ›interessanten‹ Dingen stand ihr derzeit nicht der Sinn.
»Major?«
Kira war erst halb aufgestanden, hatte O'Brien gerade für seine Mitteilung danken und dann den Kom-Kontakt beenden wollen.
»Major, die Berechnungen des Computers zeigen, dass die Flugbahn des Objekts direkt durch die zentralen bajoranischen Erztransportrouten führt. Vielleicht sollten wir etwas unternehmen, solange es sich in der Reichweite unserer Phaser befindet.«
Alles, was mit einem eigenen Bewegungsmoment aus dem Wurmloch kam, geriet früher oder später in die bajoranischen Verkehrsrouten. »Enthält das Fragment etwas, das negativ auf unsere Waffen reagieren könnte?«
»Nein, Sir. Die Mineralien sind recht gleichmäßig verteilt. Das Objekt sollte problemlos verdampfen.«
Kira strich den Schutzbezug des Sessels glatt und lächelte kurz, als Odo diese Geste bei der Konsole wiederholte. »In Ordnung, Chief. Minimale Energie. Ich möchte vermeiden …«
Der immer noch aktive Bildschirm zeigte Bewegungen. Ärger regte sich in Kira, als sie daran dachte, dass O'Brien die Phaser eingesetzt hatte, ohne ihren Befehl abzuwarten. Dann begriff sie, dass sie gar keine Energieblitze gesehen hatte. Rasch trat sie am Pilotensessel vorbei und konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Projektionsfeld. Dort, wo sich eben noch ein einzelner funkelnder Punkt befunden hatte, zeigte sich nun eine glänzende Wolke. Kira verglich den Vorgang mit einem jähen Atemstoß, der die Samen eines Löwenzahns löste – aus Einem wurden Viele.
O'Brien wartete nicht darauf, dass sie eine Frage an ihn richtete. »Ich schätze, wir können uns Schießübungen sparen. Das Ding ist auseinandergebrochen.«
»Auseinandergebrochen?«, wiederholte Odo und runzelte verwundert die Stirn.
»Ja«, bestätigte der Chefingenieur. »Es gibt jetzt etwa hundertzwanzig einzelne Teile, keins davon größer als drei Meter.« Klein genug, um von den Schilden aller mit Sublicht fliegenden Raumschiffe aufgelöst zu werden.
Der Constable wirkte nicht gerade begeistert, als er beobachtete, wie sich die Wolke im All verlor. »Auf der anderen Seite des Wurmlochs erstreckt sich interstellarer Raum«, erklärte Kira, die froh war, dass sich das Problem auf diese Weise von selbst löste. »Vermutlich hat sich das Methaneis im hiesigen Sonnenwind aufgelöst, und daraufhin gab es nichts mehr, das den Asteroiden zusammenhielt.« Sie klopfte ihrem Begleiter kurz auf die Schulter. »So was passiert immer wieder.«
Odos Gesicht wurde schmaler – auf diese Weise reagierte er manchmal, wenn sich seine Aufmerksamkeit von innen nach außen kehrte. »Und warum entfaltet das Wurmloch solche Aktivität?«
Kira sah erneut zum Bildschirm und bemerkte eine vage bernsteinfarbene Korona dort, wo sich bei einem Transfer der strahlende Wirbel des Wurmlochs zeigte. Das sanfte, wogende Glitzern schien von Goldstaub zu stammen, den jemand in der Schwärze ausgestreut hatte.
Die Bajoranerin schob den Schutzbezug der Konsole ein wenig beiseite, aktivierte die wissenschaftlichen Kontrollen und schickte eine Anfrage an den OPS-Computer. Selbst wenn die Sensoren des Runabouts in Betrieb gewesen wären – vom Innern des Hangars aus konnten sie keine Daten gewinnen. Die Antwort des Computers war auf die gleiche elegante Weise unromantisch wie alle angeblichen Wahrheiten der Wissenschaft: »Geringfügige Fluktuationen in der Subraum-Membran.«
Kira deaktivierte die Kontrollen wieder und bedachte Odo mit einem beruhigenden Lächeln. »Wahrscheinlich fand sie keinen Gefallen am Geschmack des Asteroidenfragments. In ein oder zwei Stunden herrscht wieder Ruhe, warten Sie's ab.«
Odo brummte nur, und Argwohn glomm in seinen Augen, als er sich von Kira in den Hangar führen ließ.
»Constable …« Sie seufzte. »Sisko bleibt vielleicht noch viele Tage fort, und außerdem besteht die Gefahr, dass der bajoranische Widerstand direkt vor unserer Nase eine Bombe zusammenbastelt. Unter solchen Umständen machen Sie sich Sorgen um ein Asteroidenfragment, das sich selbst zerstörte, als es dieses Sonnensystem erreichte?« Kira schüttelte den Kopf und schaltete das Licht im Hangar aus. »Wenn doch nur alle unsere Probleme so einfach wären.«
Wenn man auf die Erfahrungen mehrerer Leben zurückgreifen konnte, so ergab sich nach Meinung von Jadzia Dax ein wichtiger Vorteil: Es existierte im Universum nur noch wenig, das einen überraschen konnte. Ein Nachteil bestand darin, dass man vergaß, mit Überraschungen fertig zu werden. Als erstaunlich neu erwies sich das Gefühl, mit einer so unwahrscheinlichen Realität konfrontiert zu sein, dass die Logik sie leugnete während alle Sinne darauf hinwiesen, dass sie tatsächlich existierte.
So verhielt es sich mit der Erkenntnis, gerade das Ende des eigenen Raumschiffs beobachtet zu haben.
»Danke, Captain Sisko«, sagte Admiral Hayman. »Das bestätigt unsere Annahmen.«
»Aber wie ist das möglich?« Dax straffte die Gestalt und wandte sich der älteren Frau zu. »Wenn diese Aufzeichnungen echt sind und nicht von einem Computer konstruiert wurden, Admiral … Es würde bedeuten, dass sie aus der Zukunft stammen!«
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