Star Wars™ - Der Aufstieg Skywalkers - Rae Carson - E-Book

Star Wars™ - Der Aufstieg Skywalkers E-Book

Rae Carson

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Beschreibung

Der Roman zum großen Kinofilm »Star Wars™ – Der Aufstieg Skywalkers«.

Der Imperator lebt! Selbst nach seinem vermeintlichen Tod kontrollierte er das Geschick der Galaxis, indem er die Erste Ordnung schuf. Und seine Pläne nähern sich der Erfüllung. Er erteilt Kylo Ren, dem Anführer der Ersten Ordnung, die Anweisung, die Jedi-Schülerin Rey zu vernichten. Als Lohn soll dieser eine unbesiegbare Flotte erhalten. Doch auch Rey und der Widerstand erfahren von dieser Flotte und suchen einen Weg, sie zu zerstören, bevor sie voll einsatzfähig ist. Der finale Kampf zwischen Licht und Dunkelheit beginnt, und wer auch siegen mag: Der Preis wird hoch sein!


Unverzichtbar für jeden »Star Wars«-Fan: Alle Episodenromane zur großen Kino-Saga sind jetzt in der edlen Silberedition erhältlich.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Buch

Der Widerstand hat sich neu formiert, der Kampf gegen die Erste Ordnung ist noch nicht vorbei. Doch gerade als sich der Funke der Rebellion wieder entzündet hat, hallt eine erschreckende Botschaft durch die Galaxis: Imperator Palpatine lebt!

Kylo Ren, der neue Anführer der Ersten Ordnung, zieht eine Schneise der Zerstörung durchs All. Er ist fest entschlossen, alles und jeden zu bekämpfen, der ihm die Herrschaft über die Galaxis streitig machen will. Und auch Rey, Finn, Poe und die Rebellen setzen alles daran, die Wahrheit aufzudecken.

Autorin

Die New-York-Times-Bestsellerautorin Rae Carson wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und war unter anderem Finalistin des Andre Norton Award. Seit 2017 begeistert sie die Fans mit ihren packenden Star-Wars-Romanen. Sie lebt mit ihrem Mann in Arizona, USA.

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag.

Rae Carson

Der Aufstieg Skywalkers

Der Roman zum Film

Basierend auf Charakteren von George Lucas und dem Drehbuch von Chris Terrio & J. J. Abrams (Story: Derek Connolly, Colin Trevorrow, Chris Terrio & J. J. Abrams)

Deutsch von Andreas Kasprzak

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Star Wars™ – The Rise of Skywalker« bei DelRey, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright der Originalausgabe © 2020 by Lucasfilm Ltd. & ®or ™ where indicated. All rights reserved.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2020 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Covergestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Emblem: Melanie Korte

Cover Art Copyright: © 2020 Lucasfilm Ltd. & ®or ™ where indicated. All rights reserved

HK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-26166-5V003www.penhaligon.de

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis …

Die Toten sprechen! In der Galaxis war eine mysteriöse Übertragung zu vernehmen – die Androhung von RACHE in der unheilvollen Stimme des verstorbenen IMPERATORSPALPATINE.

GENERALLEIAORGANA hat Geheimagenten entsandt, um Informationen zu sammeln, während REY, die letzte Hoffnung der Jedi, für den Kampf gegen die diabolische ERSTEORDNUNG trainiert.

Währenddessen wütet der Oberste Anführer KYLOREN auf der Suche nach dem Phantom des Imperators, entschlossen, jede Bedrohung für seine Macht zu vernichten …

1. Kapitel

Rey saß im Schneidersitz da und hielt die Augen geschlossen. Sie konnte sich nicht erinnern, vom Boden abgehoben zu haben, registrierte jedoch vage, dass sie schwebte – genau wie die Kiesel und die kleinen Felsbrocken um sie herum, die sie umkreisten wie ein Asteroidenfeld eine Sonne. Die Macht durchströmte sie, gab ihr Auftrieb und verband sie mit allem. Auf dem üppig wuchernden Dschungelplaneten Ajan Kloss wimmelte es nur so von Leben. Sie konnte jeden Baum und jeden Farn spüren, jedes Reptil und jedes Insekt. Einige Schritte entfernt putzte eine kleine, pelzige Kreatur in ihrem gut verborgenen Bau die vier Jungen ihres jüngsten Wurfs.

»So ist es gut, Rey«, vernahm sie Leias Stimme, so tief und beruhigend wie immer. »Sehr gut. Deine Verbindung zur Macht wird mit jedem Tag stärker. Kannst du es fühlen?«

»Ja.«

»Jetzt strecke deine Machtsinne aus. Wenn dein Geist dazu bereit ist, wirst du imstande sein, jene zu hören, die vor uns da waren.«

Rey atmete durch die Nase ein und drang mit ihrem Bewusstsein in die Leere vor, wobei Ruhe und Gelassenheit unerlässlich waren, wie Leia stets betonte. Rey ließ ihre Sinne schweifen, sie suchte, sie fühlte die Brise auf ihren Wangen, sie roch lehmige Erde, noch klamm vom letzten Regenschauer.

»Seid mit mir, seid mit mir, seid mit mir«, murmelte sie. Doch sie hörte … nichts außer dem Wind in den Bäumen und dem Zirpen der Insekten.

»Rey?«

Sie wollte nicht eingestehen, dass es ihr trotz aller Bemühungen nicht gelang zu tun, was Leia von ihr forderte, deshalb sagte sie stattdessen: »Warum habt Ihr aufgehört, mit Luke zu trainieren?« Ihre Worte kamen so schroff über ihre Lippen, dass sie fast wie eine Herausforderung klangen.

Doch Leia ließ sich davon nicht aus der Fassung bringen. »Weil ein anderes Leben nach mir rief.«

Ohne die Augen zu öffnen, fragte Rey: »Woher wusstet Ihr das?«

»Durch ein Gefühl. Durch Visionen. Ich wollte der Galaxis auf andere Weise dienen.«

»Aber woher wusstet Ihr, dass diese Visionen real sind?«, drängte Rey.

»Ich wusste es einfach.« Sie hörte das Lächeln in Leias Stimme.

Rey war außerstande zu begreifen, wie Leia sich dessen so sicher sein konnte. Und auch in allen anderen Dingen.

»Jeder Augenblick, den ich mit meinem Bruder verbracht habe, ist mir lieb und teuer«, erklärte Leia. »Das, was er mich gelehrt hat … Darauf greife ich jeden Tag zurück. Sobald du die Macht einmal berührt hast, ist sie ein Teil von dir – immer. Im Laufe der Jahre habe ich weitergelernt. Ich habe mich weiterentwickelt. Es gab Zeiten im Senat, da waren die Meditationsmethoden, die ich mit Luke trainiert hatte, das Einzige, was mich davon abhielt, einen galaktischen Zwischenfall herbeizuführen.«

Rey runzelte die Stirn. Leia brauchte keine Geduld. Mit der Macht hätte sie jeden dazu bringen können, das zu tun, was immer sie wollte. Hatte dieser Gedanke sie denn nie in Versuchung geführt?

»War Luke wütend? Als Ihr alles hingeworfen habt?« Sie hoffte, Leia würde bemerken, dass sie inzwischen gleichzeitig reden und schweben konnte. Das war immerhin schon ein Fortschritt, richtig?

Leia schwieg einen Moment, um darüber nachzudenken. »Er war enttäuscht. Aber er hatte Verständnis für mich. Ich glaube, er hat gehofft, dass ich eines Tages zurückkommen würde.«

Fast hätte Rey gelacht. »Das hätte er eigentlich besser wissen müssen.« Sobald Leia einmal eine Entscheidung getroffen hatte, war sie nicht mehr davon abzubringen.

»Ich gab ihm mein Lichtschwert, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Ich sagte ihm, er solle es eines Tages an einen vielversprechenden Schüler weitergeben – oder an eine Schülerin.« Doch Leias Stimme klang jetzt schroff und knapp. Rey spürte, dass sie mit etwas hinter dem Berg hielt.

»Wo ist Euer Lichtschwert jetzt?«

»Ich habe keine Ahnung. Jetzt hör auf, mich abzulenken«, sagte Leia. »Übe weiter!«

Rey zwang sich wieder zur Konzentration und leerte ihren Verstand von allen Sorgen, so wie Leia es sie gelehrt hatte. Sie schickte ihr Bewusstsein auf die Reise, öffnete sich allem, was die Macht ihr vielleicht mitteilen wollte. Zögernd rief sie nach ihm: Meister Skywalker?

Nichts, nichts und wieder nichts.

»Ich kann niemanden hören, Meisterin Leia.«

»Lass all deine Gedanken los. Entsage der Furcht. Strecke deine Sinne aus. Lade die Jedi der Vergangenheit ein, zu dir zu kommen … mit dir zu sein.«

»Seid mit mir … Seid mit mir …« Sie wartete eine, vielleicht zwei Sekunden. »Sie sind nicht mit mir.« Rey schnaubte verbittert, ehe sie einen geschmeidigen Salto vollführte, um wieder auf dem Boden zu landen. Rings um sie prasselten Felsbrocken auf die Erde.

»Rey«, sagte Leia. Der General konnte so viel in ein einziges Wort hineinlegen: Strafe, Akzeptanz, Belustigung, Zuneigung. Vielleicht war sie deshalb eine so mächtige Anführerin geworden. »Hab Geduld.«

»Ich glaube langsam, es ist unmöglich«, sagte Rey, während sie mit großen Schritten auf Leia zustapfte. »Die Stimmen der Jedi zu hören, die vor uns hier waren.«

Irgendwie schaffte ihre Meisterin es stets, gepflegt und ordentlich auszusehen, ganz egal, wie dreckig es in ihrem provisorischen Hauptquartier sein mochte. Ihr Haar war zu einem Reif aus Zöpfen geflochten, und sie trug eine Steppweste über einer braunen Uniformjacke. Wie immer baumelte alderaanischer Schmuck an ihren Ohrläppchen, zierte ihre Handgelenke und ihre Finger. Ihre Augen strahlten klar und wissend wie immer, aber Rey war aufgefallen, dass ihre Bewegungen in letzter Zeit ein wenig langsamer geworden waren, so als würden ihr die Knochen wehtun.

Auf Leias Antlitz zeigte sich die Andeutung eines Lächelns. »Nichts ist unmöglich.«

Rey schnappte sich ihren Helm und sprang auf die Füße. »Nichts ist unmöglich …«, wiederholte sie und versuchte daran zu glauben, dass es tatsächlich so war. »Ich gehe jetzt auf den Trainingsparcours. Zumindest das kriege ich hin.« Rey musste jetzt einfach laufen. Entweder das, oder auf irgendetwas einschlagen.

Leia hielt ihr Lukes Lichtschwert hin. Rey nahm es ehrfürchtig entgegen. Dann rannte sie los, hinein in den Dschungel. BB-8 rollte ihr hinterher.

Leia sah zu, wie Rey davonsprintete, und der Hauch eines Lächelns lag auf ihren Lippen. Das Mädchen zu trainieren erfüllte sie stets mit Stolz, zugleich aber auch mit Zweifel. Rey war eine wundervolle Schülerin, doch gleichzeitig ließ sie Leia fast verzweifeln. Sie war frustriert wegen all dessen, was sie nicht auf Anhieb beherrschte, ohne sich zuzugestehen, dass sie die Dinge in Wahrheit binnen kürzester Zeit lernte.

Doch es stand Leia nicht zu, sie dafür zu verurteilen. Schließlich hatte Leia Luke genauso zur Verzweiflung getrieben. Abgesehen davon hatte das Älterwerden ihre Verbindung zur Macht irgendwie noch stärker werden lassen. Im selben Maße, wie ihr Körper verfiel, ging ihr Verstand auf die Reise, frei von physischen Einschränkungen. Die Wahrheit war: Selbst wenn sie es gewollt hätte, wäre Leia nicht mehr imstande gewesen, durch den Dschungel zu laufen. Sie war innerlich so ruhig und gelassen, weil ihr Leib sich danach sehnte auszuruhen.

Andererseits: Vielleicht war sie ja überhaupt nie wirklich jung gewesen. Immerhin hatte sie in dem Alter, in dem Rey jetzt war, bereits eine Rebellion angeführt.

Rey besaß das Potenzial, eines Tages eine große Anführerin zu sein, und soweit es Leia betraf, würde sie es irgendwann auch sein. Gewiss, dem Mädchen wohnte auch Dunkelheit inne, genau wie Ben. Doch Leia würde den Fehler, den sie bei ihrem Sohn gemacht hatte, nicht wiederholen. Sie würde sich nicht der Angst ergeben – weder der Angst davor, dass die Finsternis in ihrer Schülerin wuchs, noch der vor ihrer eigenen fragwürdigen Qualifikation als Lehrmeisterin. Aber was am wichtigsten war: Sie würde Rey niemals fortschicken.

Leia wandte sich um und machte sich auf den Rückweg zur Basis. Sie streckte eine Hand aus und fuhr mit den Fingern durch die Farne und über die breiten Blätter der Schlingpflanzen, die ihren Weg säumten. Ajan Kloss barg so viele gute Erinnerungen. Vor vielen Jahren hatte sie hier mit Luke trainiert, der den Planeten als »Dagobah in hübsch« bezeichnet hatte. Er meinte, Ajan Kloss sei genauso feucht, warm, grün und voller Leben wie die Welt, auf der er von Yoda ausgebildet worden war – nur mit dem Unterschied, dass es hier nicht so streng roch.

Sie trat auf eine Lichtung. Rechts von ihr streckte sich ein großer Baum mit einem gewaltigen Stamm dem Sonnenlicht entgegen; die Äste überschatteten die freie Fläche und hinderten alles mit Ausnahme von Kriechfarnen und niedrigem, spärlichem Gras am Wachsen. Genau hier hatte Leia damals trainiert, an ebendieser Stelle. Sie streckte die Hand aus und berührte ehrfürchtig den Baumstamm. Rings um eine alte »Wunde« hatte sich ein dicker Wulst gebildet. Das Loch war inzwischen fast vollständig wieder zugewachsen.

Es war Leia gewesen, die den Baum verletzt hatte. Sie hatte mit ihrem Lichtschwert nach Luke geschlagen und ihn verfehlt, sodass sich die Energieklinge stattdessen in den Stamm gegraben hatte. Dieser Baum war seit über zwei Jahrzehnten dabei, sich selbst zu heilen.

Oh, Luke, ich hoffe, ich mache alles richtig, dachte sie. Leia war vielleicht keine Jedi-Meisterin, aber sie hatte von den Besten gelernt. Nicht bloß von Luke; im Laufe der Jahre hatte sie durch die Macht gelegentlich die Stimme von Obi-Wan Kenobi gehört, und bei noch selteneren Gelegenheiten die von Yoda. An manchen Tagen hatte es sich angefühlt, als hätte sie von der Macht selbst gelernt. Sie war vielleicht zuerst und vor allem Politikerin und General, doch sie hatte ihr Jedi-Vermächtnis akzeptiert und so gut wie möglich angenommen.

Und womöglich war das ja genau das, was Rey brauchte: nicht von einem richtigen Meister in der Macht unterwiesen zu werden, sondern vielmehr von jemandem, der mit den eher alltäglichen Elementen von Leben und Überleben vertraut war. Obi-Wan war es nicht gelungen, Vader von der Dunklen Seite fernzuhalten. Luke hatte bei Ben auf dieselbe Weise versagt. Doch sie, Leia, würde Rey nicht enttäuschen.

Insektengesang begleitete ihren Weg. Über ihr zwitscherten Vögel, und winzige Amphibien stießen ihre trillernden Paarungsrufe aus. Schon merkwürdig, wie solch ein rauer Ort so friedvoll sein konnte. Die Geräusche waren so laut, so allgegenwärtig und so beruhigend, dass sie fast so willkommen wirkten wie Stille.

Vor vielen Jahren, nicht lange nach der Schlacht von Endor, hatte sie die meditative Wirkung von Geräuschen entdeckt. Sie und Luke hatten sich vom Training fortgeschlichen, und irgendwie war sie dann später im Handstand gelandet, während Luke sie fröhlich verspottete. Selbst mithilfe der Macht dauerte es nicht lange, bis ihre Schultern brannten und ihre Arme zittrig wurden. Sie hatten die letzte Stunde über mit ihren Lichtschwertern geübt, und ihr Körper war erschöpft.

»Weißt du«, hatte Luke in selbstgefälligem Ton gesagt, »als ich das hier auf Dagobah gemacht habe, hockte Yoda auf meinen Füßen.«

So etwas sagte er damals ständig. Als ich das auf Dagobah gemacht habe … Das war nervtötend und so gar nicht hilfreich. Dementsprechend meinte Leia zu ihrem Bruder: »Du nervst und bist absolut nicht hilfreich.«

»Außerdem hab ich’s einhändig gemacht«, fügte er hinzu.

Natürlich versuchte er bloß, sie zu provozieren, ihr eine Lektion über Zorn und Ungeduld und all diesen Unfug zu erteilen. Luke hatte ganz vergessen, dass seine Schülerin eine geniale Strategin war, die noch dazu eine königliche Ausbildung und Erziehung genossen hatte. Leia ließ sich nicht provozieren.

Stattdessen dachte sie nach. Sie öffnete sich der Macht und ließ sie durch sich hindurchströmen wie das Blut in ihren Adern. Ein winziges Insekt begann, seine Mandibeln aneinanderzureiben, um ein süßes, hohes Lied zu pfeifen.

Irgendein Instinkt in ihr regte sich und brachte Leia dazu, sich auf das Geräusch zu konzentrieren. Das Lied des Insekts war wunderschön, rein, ätherisch – vollkommen frei von Sorgen über Führerschaft und Lehren, über Versagen und Lernen.

Fokussiert und voller Freude sorgte Leia dafür, dass sie sich vom Boden löste und in die Höhe stieg. Sie schwebte kopfüber, die Füße gen Himmel gerichtet. Nach einem Moment hob sie ihre Arme und hielt sie parallel zur Erde.

In Wahrheit war auch sie eine Schülerin, neu in den Wegen der Macht, und als sie wieder zu sich kam und vollends realisierte, was sie tat, riss sie die Hände wieder nach unten, um ihren Sturz abzufangen.

Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig. Ihr Körper sackte zusammen, und dann kniete sie im Matsch. Egal. Nächstes Mal würde sie es besser machen.

Als Leia aufschaute, stellte sie fest, dass Luke sie mit offenem Mund anstarrte.

»Hast du das je mit Yoda gemacht?« Diese Frage konnte sie sich einfach nicht verkneifen.

Er schüttelte schweigend den Kopf.

»Ich kann es besser«, beharrte sie. »Länger schweben.«

Luke fand seine Stimme wieder. »Durch dich werde ich ein besserer Lehrer«, sagte er.

Das war nicht die Reaktion, die sie erwartet hatte. »Was meinst du damit?«

Er hielt ihr die Hand hin und half ihr auf. »Deine Beinarbeit ist grässlich«, sagte er. »Versteh mich nicht falsch, mit dem Lichtschwert wirst du langsam immer besser, aber … andere Dinge beherrschst du ganz von allein. Instinktiv.« Seine Miene wurde reumütig. »Was ich damit sagen will: Du bist ein Ausnahmetalent. Einfach … anders.«

Dann hatte er gelächelt, mit diesem breiten Farmjungengrinsen, das bis zu der Nacht von Bens Verrat so etwas wie sein Markenzeichen gewesen war.

Leia schüttelte die Erinnerung mühsam ab. In letzter Zeit suchte die Vergangenheit sie lebhaft und plötzlich heim.

Gleichwohl, über diese spezielle freute sie sich. Diese Erinnerung würde der Schlüssel für Reys Ausbildung sein. Leia und Rey waren beide anders, die letzten Überlebenden eines toten Ordens, und gemeinsam würden sie einen neuen Pfad beschreiten.

Dichtes grünes Blattwerk peitschte an Rey vorbei, als sie durch den Dschungel lief. Bei jedem Auf und Ab ihrer Arme blitzte der rote Stoffstreifen in ihrer Hand auf. Sie sprang über verknäuelte Farne hinweg, wich herabhängenden Ranken aus. Schweiß tränkte ihren Kragen, und ihre Oberschenkel brannten von der Anstrengung.

Trotzdem war es nicht schwerer, durch den Urwald zu laufen als durch knöchelhohen Wüstensand. Sie hätte es den ganzen Tag lang tun können.

Rey hatte bereits die beiden ersten Trainingssonden ausgeschaltet und sich die Bänder geschnappt, die sie bewacht hatten. Sie war über einen gähnenden Abgrund hinweggesprungen, hatte »blind« über einer Schlucht gekämpft, während sie auf einem Seil aus Lianen balancierte, und hatte einen schmalen Felsrücken hoch über den Wipfeln der Dschungelbäume überwunden. Jetzt führte der Parcours sie wieder zurück, in die Richtung, aus der sie kam. Dort traf sie auf BB-8, der ihr etwas entgegentrillerte.

»Noch eine«, sagte sie. »Komm mit!«

Die letzte Sonde schaffte es, ihr auszuweichen, weil sie schneller war als die anderen. Und gerissener. Mehr Droide als Trainingsgerät. Sie hatte Leia gebeten, sich heute einer richtigen Herausforderung stellen zu dürfen, und Leia war ihrem Wunsch nachgekommen.

BB-8 sauste ihr hinterher und beschwerte sich jedes Mal piepsend, wenn er einer Baumwurzel ausweichen musste. Rey verkniff sich ein Lächeln. Sie war immer wieder beeindruckt, wie großartig der kleine Droide mit ihr mithielt, egal ob sie durch den Sand von Jakku liefen, über die felsigen Pfade von Takodana oder durch den Dschungel von Ajan Kloss. Seine enorme Manövrierfähigkeit machte ihn zum perfekten Trainingspartner.

Dann fiedelte er unvermittelt eine Warnung.

»Ich sehe sie, Bebe-Acht.« Sie kam schlitternd zum Stehen.

Die kugelrunde Sonde verharrte ebenfalls und schwebte jetzt mitten in der Luft, als würde sie auf Rey warten oder sie verhöhnen. Die Sonde unterschied sich von den anderen beiden, die sie unschädlich gemacht hatte; diese hier besaß eine fies aussehende rote Panzerung und war umringt von einem Kreis schimmernder metallischer Schubdüsen. Ihr Brummen war dunkel und so dumpf, dass Rey es tief in ihrer Brust spürte.

Rey hakte Lukes repariertes Lichtschwert von ihrem Gürtel und aktivierte es. Bläuliches Licht geisterte über die Blätter rings um sie her, während sie die Trainingssonde anstarrte. Sie würde dieses Ding zerstören !

Plötzlich schoss ein Blasterstoß aus einer der Düsen. In ihrem Oberarm explodierte stechender Schmerz. Rey widerstand dem Drang, ihren Arm zu umklammern oder auch nur vor Pein zu ächzen. Schließlich hatte sie es nicht anders verdient. Denn sie war nicht bereit gewesen. Entschlossen zu sein ist nicht dasselbe, wie bereit zu sein, hätte Leia gesagt.

Nun, sie hatte nicht vor, denselben Fehler zweimal zu machen. Als die Sonde das nächste Mal feuerte, riss sie ihr Lichtschwert hoch, um den Schuss abzuwehren und die Blastersalve in die Bäume zu lenken.

Doch ihr blieb keine Zeit, sich darüber zu freuen, denn schon traf sie der nächste Schuss direkt in die Brust. Natürlich bedeuteten mehrere Düsen auch mehrere Schüsse. Sie musste sich konzentrieren.

Sie atmete tief durch die Nase ein und öffnete sich der Macht.

Die Trainingssonde begann, um sie herumzuschwirren. Sie glomm in einem wütenden Rot, während sie in schwindelerregender Schnelligkeit schmerzhafte Salven abfeuerte, doch Rey ließ sich von ihrem Instinkt leiten und schwang ihr Lichtschwert in gleichermaßen wahnwitzigem Tempo, um geschickt jeden einzelnen Angriff abzuwehren.

Es fiel ihr neuerdings ausgesprochen leicht, mit der Macht in Kontakt zu treten. Tatsächlich war es für sie so einfach wie atmen. Doch die Gelassenheit und die innere Ruhe, von denen Leia ständig sprach, stellten sich bei ihr nicht ein, mit der Folge, dass sie zwar jede Attacke der Sonde blockieren konnte, in der Verteidigung des Trainingsgeräts aber keine Öffnung für einen eigenen Angriff fand. Sie stellte sich vor, wie Leia sagte: Geduld. Warte auf deinen Moment …

Die Sonde war hinter ihr, dann vor ihr, dann hoch über ihrem Kopf. Sie sauste durch die Luft wie eine brummende Fliege. Hätte Rey sie doch nur genauso mühelos erschlagen können …

Die Sonde schoss davon, und sie rannte ihr nach. Dann stoppte die Kugel wieder und feuerte ein paar Salven ab, wie um sie anzustacheln. Mit zusammengebissenen Zähnen schwang Rey ihr Lichtschwert. Die Sonde wich der Energieklinge aus, und ihr Schlag ging ins Leere, um stattdessen einen Baumstamm zu zerteilen; Funken und Blätter und Splitter von Borke regneten herab, als der Baum umstürzte und auf seinem Weg nach unten durch das Laubwerk krachte.

Rey sprang über den Baumstamm hinweg und sprintete der Sonde hinterher. Wieder schlug sie zu, doch dann wich die Sonde aus, als hätte sie den Schlag vorhergesehen, und entkam erneut, als das Lichtschwert durch einen weiteren Baum schnitt, als wäre er aus Butter.

In ihrem Innern baute sich eine brodelnde dunkle Wolke der Frustration auf.

Sie gewahrte kaum, was sie tat, als ihr bloßer Instinkt die Kontrolle übernahm. Rey schleuderte ihr Lichtschwert davon, warf es wie einen rotierenden Propeller durch die Luft nach der roten Trainingssonde. Die Kugel wich aus, und das Lichtschwert fällte noch einen Baum. Die Sonde kreischte, als sie in den Sturzflug überging und auf Reys Kopf zuschoss, aber diesmal war sie bereit.

Mit der Macht griff sie nach einem am Boden liegenden Ast, der sogleich in ihre Hand flog. Sie schätzte den exakten Angriffswinkel der Kugel ab, und dann riss sie den Ast hoch … und stieß ihn mitten durch die Sonde hindurch, um das Gerät damit wie mit einem Speer am nächstbesten Baumstamm festzunageln.

Mit einem befriedigenden Klatschen kehrte ihr Lichtschwert in ihre Hand zurück.

Die zertrümmerte rote Sonde ruckte und zuckte an dem Baum. Funken sprühten.

Rey starrte sie triumphierend an. Vielleicht wurde Geduld trotz allem ja doch überbe…

Flüstern erfüllte ihre Ohren. Nein, ihren Geist! Rey wirbelte herum, auf der Suche nach der Quelle des Flüsterns, als ihr eine Erkenntnis dämmerte: Es passierte schon wieder.

Der Dschungel um sie herum verblasste. Tödliche Stille senkte sich herab, während drückende Dunkelheit heraufzog, die sie zu verschlingen drohte. Ein Bild schoss durch ihren Kopf, und sie zuckte zurück, doch es war unmöglich, dem schrecklichen Anblick zu entkommen: Kylo Ren, schwarz gekleidet und fuchsteufelswild, der mit seinem knisternden roten Lichtschwert gnadenlos Gestalten in weiten Gewändern niedermetzelte. Sie hörte ihre Schreie, roch ihr Blut, musste mit ansehen, wie sie zu fliehen versuchten oder um ihr Leben flehten – beides vergebens. Nichts konnte Kylo aufhalten. Er war ein Moloch der Vernichtung, eine zerstörerische Naturgewalt, monströs und unaufhaltsam.

Eine Welle der Erleichterung überflutete sie, als das Bild wechselte, doch diese Erleichterung verwandelte sich schlagartig in völlige Verzweiflung, als sie sich selbst erblickte, allein und vom Wind gepeitscht, inmitten einer endlosen Einöde aus rissigem, aufgesprungenem Boden. Die feinen Härchen auf ihren Armen sträubten sich, und die Luft knisterte vor Elektrizität. Vor ihr ragte ein gewaltiger Monolith in die Höhe, fast so hoch wie der Himmel. Er war schwarz und schimmernd und warf einen mächtigen Schatten.

Der Monolith verschwand … machte Platz für ein gigantisches Gesicht aus Stein, umhüllt vom Bösen …

Nein, das war überhaupt kein Stein, sondern irgendeine Gestalt, teils menschlich, teils Maschine. Schläuche gingen davon aus wie Tentakel, allesamt gefüllt mit einer merkwürdigen Flüssigkeit. Lebte diese Kreatur? Oder war sie …

Flüchtige Impressionen von Lukes Gesicht durchzuckten ihren Geist … dann welche von Kylo … dann von Han Solo, der seine Hand auf Kylos Wange legte … Eine Frau mit einer Kapuze … ein Frachtraumer, der von Jakku wegflog …

Und schließlich eine schneidende Stimme in ihrem Kopf, so klar und unerträglich wie eine Wüstensonne: »Exegol.«

Mit zittriger Stimme, im Flüsterton, wiederholte sie das Wort: »Exegol …?«

Und mit einem Mal stand sie vor einer anderen riesigen Steinstruktur, die wie eine gigantische Klaue geformt war, mit kräftigen, gekrümmten Fingern, die sich für alle Ewigkeit greifend in die Höhe reckten. Ihre Beine zuckten, als wollten sie instinktiv fliehen, doch etwas an diesem Konstrukt lockte sie an, lud sie zu sich ein. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich diesem monströsen Klauending nähern wollte, dass sie wissen wollte, wie es sich wohl anfühlen würde, mit ihren Fingern über diese raue schwarze Oberfläche zu streichen.

Das schwarze Klauending war ein Thron; das erkannte sie jetzt.

Sie trat einen Schritt vor, doch da ertönte unmittelbar neben ihr ein Piepsen, und sie zögerte. Das Piepsen ging weiter, wurde zusehends durchdringender. Dann traf sie die Erkenntnis mit der Wucht eines Kampfstabs. Natürlich durfte sie diesen Thron nicht anfassen – er gehörte zum Bösen, zur Dunkelheit. Und sie hatte bereits einen anderen Pfad eingeschlagen, oder nicht?

Noch mehr Gepiepse. Etwas erschien auf dem Thron. Eine vertraute Gestalt. Rey blinzelte vor Überraschung und Entsetzen.

So schnell, wie sie gekommen war, löste sich die Vision auch wieder auf, verflüchtigte sich wie Morgennebel. Rey stand da, starrte mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen in den Dschungel. Sie war so erleichtert, das Leben, das Licht und das üppige Grün um sich her wahrzunehmen, dass sie einen Moment brauchte, um wieder ganz zu Sinnen zu kommen, um das Piepsgeräusch bis zu einem gefällten Baum zu verfolgen – unter dem ein überaus empörter BB-8 lag.

Rey eilte zu ihm hinüber und stieß einige Äste aus dem Weg. »Bebe-Acht, das tut mir so leid!«, sagte sie.

Er brabbelte wütend auf sie ein, während sie ihn unter dem umgestürzten Baumstamm hervorzog. Es erforderte ein wenig Unterstützung durch die Macht, um den Droiden vollends zu befreien.

Eine der orangefarbenen Scheiben, die sein Modulwerkzeugset schützten, war abgerissen, um einen dunklen Schacht ins Innere seines Bewegungsapparats freizulegen.

Sie hatte ihrem Freund Schaden zugefügt. Poe würde stinkwütend auf sie sein – allerdings nicht wütender, als sie auf sich selbst war.

Der kleine Droide trillerte.

»Ja, Bebe-Acht, es ist wieder passiert.«

Er stieß einen surrenden Laut aus, teils Frage, teils Ausdruck seines Mitgefühls.

»Nein, ich weiß immer noch nicht, was die Macht mir zu zeigen versucht, aber diesmal war es … noch schlimmer als sonst.« Viel schlimmer. Unaussprechlich viel schlimmer. Sie starrte die Bäume an, ohne sie wirklich zu sehen. Einige dieser blitzartigen Visionen waren Erinnerungen gewesen. Ihre und … die von Kylo Ren? »Gehen wir zurück.«

Vielleicht sollte sie dem General erzählen, was geschehen war. Vielleicht aber besser nicht. Leia hatte auch so schon genug um die Ohren, genügend Dinge, um die sie sich Gedanken machen musste, und Rey wollte, dass Leia an sie glaubte, ihr vertraute. Was würde sie wohl sagen, wenn sie erfuhr, wie Reys Frust und Zorn Visionen von tödlicher, düsterer Macht heraufbeschworen hatten?

Sie brauchte einfach mehr Training. Mehr Zeit, um mit der Macht zu meditieren, mehr Zeit, um in sich die Ruhe und die Gelassenheit zu finden, die Leia ihr beizubringen versuchte. Sie konnte es schaffen. Sie musste es schaffen!

Wäre sie doch nur imstande gewesen, Stimmen durch die Macht zu hören, so wie Leia es konnte. Dann hätte Luke sie gewiss leiten können. Während sie und BB-8 sich dem Lager näherten, beschloss sie, es noch einmal zu probieren. Nichts ist unmöglich, hatte Leia gesagt.

»Meister Luke«, sagte Rey. »Ich habe Angst.« Rey schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass BB-8 der Einzige war, der mitbekam, dass sie mit jemandem sprach, der gar nicht da war. Rey dehnte ihre Machtsinne aus und fuhr fort: »Ihr wusstet es bereits, bevor ich selbst es gespürt habe. Die Dunkle Seite zieht mich an. Oder vielleicht ziehe ich auch sie an. Keine Ahnung. Was immer es ist, es ist jetzt stärker, und ich kann mich ihm nicht entziehen, sosehr ich es auch versuche … Ich verstehe das alles nicht.«

BB-8 piepte.

»Psst, stör mich bitte nicht … Meister Luke? Ich glaube, Ihr könnt mich hören. Ich brauche Euren …«

BB-8 piepte erneut, beharrlicher diesmal.

Mittlerweile hatten sie den Rand des Lagers erreicht. »Ganz im Ernst, langsam nervst du. Geh da rüber«, sagte Rey. Sie deutete auf einen großen Frachtcontainer.

Er tat wie geheißen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, seiner Empörung lautstark Ausdruck zu verleihen.

»Doch, genau so funktioniert das«, konterte Rey. »Sie sind Machtgeister; Luke hat in den Jedi-Texten etwas über sie geschrieben. Sie kommen zu einem, wenn man sie am nötigsten braucht.«

Der Droide tat weiter seine Skepsis kund. Rey ignorierte ihn. »Meister Luke«, versuchte sie es von Neuem. »Ich habe Visionen von Dingen, die mich ängstigen. Ich will das alles hier nicht verlieren … Leia ist so, wie ich mir eine Mutter immer erträumt habe … Ich will sie nicht im Stich lassen.«

Das war ihre größte Angst. Mehr als alles andere hatte sie Angst davor, die Leute zu enttäuschen, die ihr so viel bedeuteten … sie vielleicht sogar zu verletzen … Sie war so lange Zeit allein gewesen … Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, auch nur einen von ihnen zu verlieren.

»Aber niemand hier versteht das … mit Ausnahme von Kylo Ren. Wenn sogar der Sohn von Han und Leia von der Dunklen Seite verführt werden kann, welche Chance haben dann wir anderen, ihr zu trotzen?«

Ein Zweig knackte, und Rey schaute auf. Snap Wexley und Rose Tico kamen näher, die Fragen standen ihnen ins Gesicht geschrieben.

»Wie viel davon habt ihr gehört?«, sagte Rey.

»Wovon?«, entgegnete Snap und versuchte erfolglos, unschuldig dreinzuschauen.

»Ach, nichts«, murmelte Rey.

Rose’ Gesicht wurde weicher vor Mitgefühl. Die Leiterin des Mechanikertrupps hatte etwas ungeheuer Entwaffnendes an sich. Wann immer sie mit Rey sprach, hatte Rey alle Mühe, sich zusammenzureißen und ihrer Freundin nicht all ihre Ängste und Sorgen anzuvertrauen. »Geht’s dir gut?«, fragte Rose.

»Ja, natürlich. Ich habe bloß …«

»… Jedi-Zeug gemacht«, beendete Rose den Satz für sie.

»Genau.«

Glücklicherweise beschloss Rose, es damit auf sich beruhen zu lassen. Stattdessen sagte sie: »Der General hat nach dir gefragt.«

Rey atmete tief ein. Es war an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Sollte sie Leia von ihrer düsteren Vision erzählen oder sie lieber für sich behalten?

2. Kapitel

Aus sicherer Entfernung beobachtete General Armitage Hux, wie der Oberste Anführer Kylo Ren und ein Bataillon Sturmtruppler eine Schneise aus Blut und Vernichtung durch die armseligen mustafarianischen Kolonisten zogen. Sie kämpften sich durch die düsteren Wälder von Corvax Fen, einen der wenigen Orte auf diesem höllengleichen Lavaplaneten, an dem es kühl genug war, um der Natur Wachstum zu ermöglichen – jedenfalls soweit von »Wachstum« und »Natur« überhaupt die Rede sein konnte. Auf dem giftgeschwängerten Marschland standen kahle Bäume, und die Luft war trüb von Nebel. Die barbarischen Kolonisten waren keine ernst zu nehmenden Gegner; ihre altertümlichen Hellebarden und Breitschwerter hatten der technischen Überlegenheit eines Blasters nichts entgegenzusetzen und einem Lichtschwert schon zweimal nichts, wie Hux zugeben musste.

Ren war ein stumpfes Werkzeug, ein geistloser Hund, dessen gegenwärtige Obsession dafür gesorgt hatte, dass die eigentlichen Pläne der Ersten Ordnung mittlerweile hinter dem Zeitplan zurücklagen. Fast war der General versucht, sich selbst mit in die Schlacht zu stürzen, um die Dinge zu beschleunigen, und wenn auch nur, damit sie diesen grässlichen Planeten endlich wieder verlassen konnten. Oder zumindest wäre er fast versucht gewesen, das zu tun, wenn seine Fähigkeiten anderswo nicht dringender gebraucht worden wären. Sollte Ren ruhig die Drecksarbeit erledigen; Hux’ Leben indes war zu kostbar, als dass er es aufs Spiel setzen durfte.

»Es hat fast etwas Sinnliches, ihm zuzusehen«, sinnierte Ehrengeneral Pryde, der in seiner ganzen bemerkenswerten Größe neben ihm aufragte. Der ältere Mann hatte arrogante blaue Augen und einen hohen Haaransatz, der selbst in einem Höllenklima wie diesem immun gegen jede Art von Transpiration zu sein schien. »Finden Sie nicht auch?«

Hux weigerte sich, darauf etwas zu erwidern, zumal er der Ansicht war, dass wahre Sinnlichkeit, wahre Schönheit, aus Disziplin erwuchs, aus Ordnung. Dementsprechend musste er sich praktisch gegen seinen Willen eingestehen, dass ihn der Anblick faszinierte, als er verfolgte, wie Ren mit wehendem Umhang geradewegs auf die barbarischen Angreifer zustürmte, während der Nebel um ihn herum wogte und wirbelte. Gelegentlich spielte das Glühen seines Lichtschwerts über die Narbe auf seiner Wange, sodass es aussah, als wäre sein Gesicht von einem Riss durchzogen, aus dem rot glühende Lava quoll. Es hatte fast etwas von einem Traum – oder eher: von einem Albtraum –, als der Oberste Anführer die lodernde Parierstange seines Lichtschwerts in den Bauch seines Widersachers rammte, ihn damit vom Boden hochhob und dann brutal auf den Rücken schleuderte. Kylo Ren würdigte seinen niedergestreckten Gegner keines einzigen Blickes; stattdessen stürmte er einfach weiter durch den Wald, auf der Suche nach seinem nächsten Opfer.

Aber es war keines mehr übrig. Leichen lagen auf der Erde verstreut, im Zwielicht des Forsts kaum mehr als schattige Haufen. Die Luft stank nach Ozon und versengter Vegetation. Es war unheilvoll still, als Ren sich – ein wenig nach Atem ringend – umschaute. Selbst aus dieser Entfernung konnte Hux seine Enttäuschung darüber spüren, dass das Massaker vorüber war, dass es niemanden mehr gab, an dem er seine Wut auslassen konnte.

Kylo Ren sammelte sich und marschierte mit großen Schritten durch den Wald, die Schultern entschlossen gestrafft, das flammende Lichtschwert in der Hand. Das geheimnisvolle Objekt, dessentwegen er hergekommen war – dessentwegen er sie alle quer durch die Galaxis geschleift hatte –, war für ihn jetzt fast zum Greifen nah.

»Er ist verrückt geworden«, sagte General Hux, und die Verachtung in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Überall in der Galaxis brennen die Feuer der Rebellion, und Ren jagt einem Geist nach.«

»Nein«, entgegnete Ehrengeneral Pryde ruhig, aber nachdrücklich. »Irgendjemand steckt hinter dieser Übertragung. Und Anführer Ren wird sich niemandem beugen.«

Hux kniff die Augen zusammen. Doch, eines Tages würde Ren sich definitiv jemandem beugen. Eines Tages würde er sich für seine Taten verantworten müssen. Er wusste es nur noch nicht.

Kylo Ren ließ nichts und niemandem gegenüber Gnade walten, doch er hegte eine widerwillige Wertschätzung für Dinge, die um ihr Überleben kämpften. Obwohl der nächste Lavastrom viele Klicks entfernt war, schien es, als wäre die Luft trotzdem viel zu heiß, viel zu chemisch verseucht, als dass hier irgendwelches Leben hätte gedeihen können. Bei ihrer Landung hatte Hux den Planeten als »desolaten Höllenpfuhl« bezeichnet, doch Kylo hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn zu korrigieren. Denn in Wahrheit wimmelte es auf Mustafar nur so von Leben – und alles war durch die Macht verbunden. So wie diese unglückseligen Kultisten, die er gerade getötet hatte, die so erpicht darauf gewesen waren, Vaders Vermächtnis zu beschützen. Oder wie dieser Wald aus verkrüppelten Eisenbäumen, die taten, was sie konnten, um an diesem ungastlichen Ort zu wachsen. Oder wie die Mikroorganismen, die sich in den Lavaströmen tummelten. All dieses Leben – fragil, aber entschlossen; verstümmelt, aber unbeugsam.

Kein Wunder, dass sein Großvater diese Welt sein Zuhause genannt hatte.

Kylo marschierte durch die Bäume, ohne sein Lichtschwert zu deaktivieren. Vor ihm lauerte Bosheit, zusammen mit einer Dunkelheit, die nichts mit dem Tag-und-Nacht-Zyklus des Planeten zu schaffen hatten. Das war allerdings nicht der Grund, warum er seine Waffe gezückt ließ. Nein, er weigerte sich, sie wegzustecken, weil er sie wahrgenommen hatte, als er die Mustafarianer niedergemetzelt hatte, und wenn auch nur für einen einzigen, flüchtigen Moment. Er hatte gespürt, wie sie ihn beobachtete. Jetzt war er auf der Hut, und das würde er auch bleiben, bis er hatte, weshalb er gekommen war.

Wie auf einen stummen, einvernehmlichen Befehl hin waren die Sturmtruppler, die ihn begleiteten, zurückgeblieben, anstatt ihm durch den Wald zu folgen, was ihm nur recht war. Er zog es ohnehin vor, hierbei allein zu sein.

Nach einigen weiteren Schritten wurde der Boden matschig. Der Nebel verdichtete sich. Ein leises Platschen verriet ihm, dass seine Anwesenheit nicht unbemerkt geblieben war. Schließlich öffnete sich das Dickicht der Bäume und gab den Blick auf einen kleinen Brackwassersee frei, der zu allen Seiten von Wald und großen schwarzen Brocken umgeben war, die wie Felsen aussahen und in seltsamen, schrägen Winkeln aus dem Boden ragten. Nein, das waren keine Felsen, erkannte er, als er genauer hinschaute. Das waren die eingestürzten Überreste von Darth Vaders Burg.

Auf der unbewegten Oberfläche des Sees lag ein glänzender, öliger Film. Doch als Kylo näher kam, begann das Wasser in der Mitte des Gewässers zu blubbern, und winzige Wellen schwappten gegen seine Stiefel.

Dann erhob sich eine monströse Kreatur aus den Fluten, ein gänzlich haarloses Geschöpf, das vor Nässe glänzte. An seiner teigigen Haut klebten Laub und halb vermoderte Pflanzen. Das Ding hatte die Augen fest zusammengekniffen, doch in gewisser Weise konnte es trotzdem sehen, denn auf seinem riesigen, kahlen Schädel und quer über einer Schulter kauerte eine zweite Kreatur mit langen, spinnenartigen Tentakeln. Die beiden waren symbiotisch miteinander verbunden. Kylo fühlte den Schmerz des großen Wesens, als wäre es ein Sklave des Spinnendings, das sich an ihm festklammerte. Doch keins der beiden Geschöpfe konnte allein überleben. Sie brauchten einander.

»Ich bin das Auge des Nebelsumpfs«, sprach die Spinnenkreatur. »Ich weiß, was du suchst.«

»Dann gib es mir«, entgegnete Kylo.

Das Auge legte seinen Kopf schief und stieß einen unheimlichen kreischenden Laut aus. Kylo brauchte einen Moment, bis ihm klar wurde, dass die Kreatur ihn auslachte. »Dazu besteht kein Anlass«, sagte das Auge. »Glaubst du ernsthaft, mein Lord hätte es der Obhut von jemandem überlassen, der sich mit einem simplen Machttrick überlisten ließe?«

Nein, vermutlich nicht, dachte er.

»Du suchst schon eine ganze Weile danach, nicht wahr? Ich muss dich warnen: Unser feuriger Planet brennt jede Täuschung hinfort wie Dunst. Wenn du diesem Pfad weiter folgst, wird er dich zu deinem wahren Selbst führen.«

Allmählich verlor Kylo die Geduld. Er starrte das Geschöpf schweigend an.

»Also, gut«, sagte die Kreatur, offenkundig enttäuscht darüber, dass Kylo keinen Wert auf irgendwelche feierlichen Zeremonien legte. »Du hast meine Beschützer besiegt. Gemäß Lord Vaders Wünschen hast du ihn dir damit verdient: seinen Wegfinder.«

Der blinde Riese unter dem Auge hob seine gewaltige Hand aus dem Wasser und wies auf eine kleine Insel im See. Darauf befand sich eine steinerne Struktur, ähnlich einem Altar.

Kylo deaktivierte sein Lichtschwert und hakte es an seinen Gürtel. Er watete durch das flache Wasser, das sogleich seine Stiefel und seinen Umhang durchnässte. Der See war warm und der Grund so schlammig, dass er kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Doch er ignorierte alles um sich herum und griff nach dem pyramidenförmigen Objekt, das auf dem Altar thronte. Es schmiegte sich nahtlos in seine Handfläche, schwer und heiß, und er starrte es einen Moment lang an, verloren in seinem roten Schein. Die Seiten des Objekts bestanden aus geätztem Glas, eingefasst und umrandet von einem dunkelgrauen, an Kunstharz erinnernden Granulat. Das karmesinrote Licht im Innern schien schwach zu pulsieren. Ren hatte einen weiten Weg hinter sich gebracht, um diesen Gegenstand in seinen Besitz zu bringen; dennoch zögerte er jetzt und musterte die Pyramide voller Misstrauen.

»Dies wird dich durch die Unbekannten Regionen leiten«, erklärte das Auge. »Zur verborgenen Welt Exegol. Zu ihm.«

Wer immer er war. Die angeblich von Palpatine stammende Übertragung war bis in die fernsten Winkel der Galaxis vorgedrungen. Kylo kannte sie auswendig:

Endlich ist das Werk von Generationen vollendet. Der große Fehler wurde korrigiert. Der Tag des Triumphs steht bevor. Der Tag der Vergeltung. Der Tag der Sith.

Er war sich nicht sicher, was davon man für bare Münze nehmen konnte, doch es gehörte nicht viel dazu, sich auszurechnen, dass Kylo nicht der Einzige war, der nach Antworten suchte. Früher oder später würden andere derselben Fährte folgen, die ihn hierhergeführt hatte, und auf der Suche nach ebendiesem Objekt nach Mustafar kommen.

Hätte sein Großvater es einem da nicht schwerer machen müssen, diesen »Wegfinder« in die Hände zu bekommen? Diese Kultisten zu töten war zu leicht gewesen. Diese Kreatur hatte sich zu einfach überzeugen lassen. Doch andererseits war er Vaders Erbe. Das Objekt gehörte ihm.

Jetzt, wo er es aus der Nähe in Augenschein nahm, bildeten sich in den Ätzungen im Glas Muster. Sternkarten. Richtungsmarkierungen. Tief in seinem Innern regte sich etwas, das uraltes Wissen und Macht versprach, und ein Gefühl des Triumphs überkam ihn. Letzten Endes waren all die Mühen und Opfer die Sache wert gewesen: Aufklärungsschiffe umzuleiten, Spione auszusenden, alte Aufzeichnungen aufzuspüren. Und auch die selbstgefällige Missbilligung dieses Schwachkopfs Hux zu ertragen – das alles hatte sich ausgezahlt.

Kylo schaute auf und stellte überrascht fest, dass das Auge des Nebelsumpfs verschwunden war. Die Kreaturen waren wieder unter die Oberfläche des Sees geglitten, der so still und reglos dalag, dass es schien, als würde überhaupt nichts darin leben.

Wie lange hatte er die Pyramide angestarrt?

Egal. Kylo Ren vergeudete nicht noch mehr Zeit. Getrocknetes Blut ließ seine Gesichtshaut jucken, seine Stiefel und sein Umhang waren vollgesogen von Seewasser, doch anstatt zu seinem Kommandoschiff, der Steadfast, zurückzukehren, befahl er allen, sich wieder ihren regulären Pflichten zu widmen, und sprang in seinen modifizierten TIE-Whisper-Abfangjäger, um die nächste Etappe dieser Reise allein anzutreten.

Niemand erhob dagegen Einspruch.

Er verband die Pyramide an den Stellen mit seinem Navigationscomputer, an denen die Markierungen im Glas auf so etwas wie Ports hinwiesen. Neue Daten scrollten über den Navschirm, zugleich ertönte ein Warnsignal.

Denn diese Koordinaten würden ihn über die Grenzen der Westlichen Bereiche hinausführen, in die Unbekannten Regionen. Kylo überbrückte die Warnung und sprang mit seinem TIE in den Hyperraum. Die Sterne verwandelten sich in helle Streifen.

Aufgrund des Umstands, dass ein chaotisches Netz kosmischer Anomalien eine nahezu undurchdringliche Barriere bildete, die eine umfassende Erkundung des Sektors unmöglich machte, waren die Unbekannten Regionen bis heute nicht kartografiert worden. Nur die Törichtesten, die Tollkühnsten und die Verzweifeltsten wagten sich dorthin – Kriminelle, Flüchtlinge und, wenn die Berichte stimmten, auch Überlebende der alten Imperialen Flotte, die sich geweigert hatten, die Herrschaft der Neuen Republik anzuerkennen.

Zwar waren inzwischen einige Planeten in den Regionen entdeckt worden, doch die Bevölkerungsdichte dort war weiter gering, und das Navigationsrisiko, wenn man dorthin gelangen wollte, gestaltete den Handel mit dem Rest der Galaxis ausgesprochen schwierig. Gleichwohl, die Sith und die Jedi hatten schon Wege zu noch gefährlicheren, noch versteckteren Welten gefunden – jedenfalls gab es Legenden, die davon berichteten –, und die speziellen, sorgsam geplanten Koordinatensprünge, die erforderlich waren, um die Anomalien sicher zu passieren, gehörten zu ihren bestgehüteten Geheimnissen.

Doch die Reise würde das Risiko wert sein. Irgendjemand war dort draußen, der behauptete, der Imperator selbst zu sein, und Kylo konnte bereits erste Spuren des Zweifels in den Reihen der Ersten Ordnung ausmachen. Nach allem, was er getan hatte, nach allem, was er geopfert hatte, um der Oberste Anführer zu werden … wer würde es da wagen, ihn jetzt noch herauszufordern?

Doch was ihn vor allem anderen mit vollkommenem, weißglühendem Zorn erfüllte, war der Gedanke, dass Snoke – sein Meister; derjenige, der ihn dazu gebracht hatte, dem scheinheiligen Licht den Rücken zu kehren; der Mann, zu dem er mehr aufgeschaut hatte als zu irgendwem sonst – die ganze Zeit über die Marionette eines anderen gewesen war.

Kylo hatte genug von Meistern. Er würde niemandes Lakai mehr sein. Er würde vernichten, wen oder was immer er in den Unbekannten Regionen vorfand. Dann würde niemand mehr sein Recht auf die alleinige Herrschaft über die Galaxis in Frage stellen.

Und Vader hatte ihm einen Wegweiser hinterlassen, einen Kompass.

Der TIE fiel mit einem rauen Rucken aus der Lichtgeschwindigkeit; es fühlte sich an, als würde er durch Schotter fliegen. Er überprüfte den Navcomputer – der TIE war weiterhin auf Kurs. Er musste darauf vertrauen, dass Vaders Wegfinder ihn sicher ans Ziel bringen würde.

Er musste auf den Wegfinder vertrauen – und auf die Macht. Kylo Ren zog seine Kraft aus all der Wut und der Frustration der letzten paar Tage und umklammerte mit kühler Konzentration die Steuerkontrollen. Sobald sich der Flug des Raumjägers stabilisiert hatte, steuerte er mit seinem TIE die nächsten Koordinaten an.

Diesmal erwartete sein Schiff statt der Sternstreifen des Hyperraums ein Netzwerk aus glühend roten, sechseckigen Rauten. Er hatte Geschichten über die »Honigwaben-Zone« irgendwo im fernen Raum gehört – manche nannten das Gebiet das Blutnetz, andere den »Schiffsfresser« –, doch bis zu diesem Moment war er sich nicht sicher gewesen, ob er etwas davon glauben konnte. Angeblich handelte es sich hierbei um eine der wenigen bekannten sicheren Passagen durch die Anomalien der Unbekannten Regionen, doch die Route wirkte unheilvoll und gefährlich, und die Sensoranzeigen an seiner Konsole blinkten hektisch, da das System nicht wusste, was es von alldem halten sollte.

Die meisten Piloten, die für längere Zeit mit Überlichtgeschwindigkeit reisten, nutzen die Zeit, um sich zu recken, die internen Systeme zu überprüfen, Wartungsarbeiten vorzunehmen oder sogar zu schlafen. Doch Kylo war nicht bereit, das Risiko einzugehen, unachtsam zu werden. Er musste auf alles gefasst sein. Abgesehen davon waren ihm auf seiner Jagd nach Vaders Wegfinder Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Zeit und Entfernung in diesem bizarren Raum praktisch bedeutungslos waren. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wann er wieder in den Realraum zurückkehren würde oder was ihn erwartete, wenn er es schließlich tat.

Es schien, als wäre nur wenig Zeit vergangen, bevor sein TIE die Rote Zone mit einem erneuten Ruck verließ und langsamer wurde. Kylo war darauf vorbereitet, anzugreifen oder auszuweichen, doch der Anflugvektor auf den Planeten Exegol, der vor ihm das Sichtfenster füllte, war vollkommen normal.

Vom Weltall aus wirkte die Welt tot und grau, eingehüllt von mächtigen dunklen Unwetterzellen. Als er näher kam, durchzuckten Lichtblitze die dichten Wolken. Ihm stand ein holpriger Flug nach unten bevor.

Kylo Ren entfernte sich von seinem TIE-Whisperer und marschierte über eine schier endlose Fläche rissigen Bodens. Der Anflug war nicht einfach gewesen, doch die Landung ging mühelos vonstatten. Die Oberfläche des Planeten war eine einzige riesige Landezone – eben und leer. Als er seine Machtsinne ausstreckte, konnte er in der näheren Umgebung ein gewisses Maß an Leben ausmachen – das meiste davon tief unter der Erde –, doch verglichen mit diesem Planeten wirkte Mustafar wie ein blühendes Paradies.

Die Luft war trüb und heiß und trocken, und Blitze spalteten den Himmel in endloser Wut. Er trat mit dem Stiefel gegen einen kleinen Siliziumdioxid-Baum, wo ein Blitzeinschlag Schotter und Sand zu einem verästelten Glastumor gebrannt hatte. Einen Moment lang dachte er besorgt an seinen TIE, der schutzlos in der Einöde stand, und ihm wurde klar, dass er schleunigst irgendwo Schutz vor den Elementen suchen musste.

Die Atmosphäre des Planeten war so trüb, dass er kaum die Hand vor Augen sah. Deshalb entdeckte er die Zitadelle erst, als er schon fast davorstand; sie ragte über der trostlosen Landschaft auf, ein grobschlächtiges Bauwerk aus Stein, das sich so weit in die Höhe erhob, dass sich die Spitze fast im Nebel verlor. Er aktivierte sein Lichtschwert.

Kylo brauchte den Eingang nicht zu sehen, um zu wissen, wo er sich befand, denn er konnte fühlen, wie die schwarze Zitadelle ihn lockte, ihn willkommen hieß. Doch es war nicht das süße, warme Willkommen eines Zuhauses, das einem Geborgenheit und Sicherheit versprach, sondern vielmehr der Ruf von Verheißung und Notwendigkeit. Seine Haut kribbelte. Die Macht war hier sehr stark. Allerdings fühlte sie sich anders an als sonst, irgendwie verdreht und verdorben, wie durchtränkt vom Pesthauch des Verfalls.

Er zwang sich, nicht zu vergessen, dass neue Dinge aus Moder und Verfall erwuchsen.

In der Lücke zwischen dem Boden und dem Bauwerk, das ein Stück über dem Boden schwebte, zuckten Blitze. Kylo hatte gerade genügend Platz, um aufrecht marschieren zu können. Er spürte das Gewicht des massiven Baus, als er darunter entlangging, und vertraute darauf, dass es nicht plötzlich nach unten krachen und ihn zerquetschen würde.

Es erforderte Macht, um etwas derart Ehrfurchtgebietendes zu erschaffen. Und diese Macht würde ihm gehören.

Kylos Schritte erzeugten Echos, und die nackte Steindecke schien im Licht seiner Energieklinge rötlich zu glimmen. Ein dumpfes, metallisches Klappern war zu hören, wie von einem gigantischen Zahnrad, das sich in die richtige Position bewegte. Mit einem Mal löste sich der Bereich, auf dem er stand, vom Boden, um sich in eine schwebende Scheibe zu verwandeln, die ihn in die Untiefen der Zitadelle hinabsinken ließ.

Während er nach unten glitt, musterte er fasziniert die Wand vor sich, in die gigantische Steingesichter gemeißelt waren, allesamt bis ins kleinste Detail dargestellt. Mächtige Eisenketten baumelten von der Decke herab, als würden sie die Statuen an Ort und Stelle halten. In Kylos Innerem regte sich etwas Dunkles und Unausweichliches, und ihm wurde klar, dass er ein Denkmal vor sich hatte. So viel Geschichte und Erinnerung an einem einzigen Ort, und er war zwischen Ehrfurcht und Wut gefangen. Das hier war sein Erbe – das wusste er mit absoluter Sicherheit. Doch Denkmäler dienten dazu, die Vergangenheit zu erhalten, und wenn er in letzter Zeit etwas gelernt hatte, dann, dass die Vergangenheit sterben musste.

Die Scheibe kam in einem riesigen Gewölbe, das Kylo unwillkürlich an eine Kathedrale denken ließ, sanft zum Stillstand. Die steinernen Gesichter waren jetzt hoch über ihm, zierten die gigantischen Statuen uralter Lords. Der Boden zu seinen Füßen war von finsteren Abgründen durchzogen, die so tief waren, dass sich unmöglich sagen ließ, wie weit es dort noch hinunterging. In den Klüften zuckten Blitze, die ihn blendeten und sein Sehvermögen beeinträchtigten, als wäre ein Stück vom Himmel des Planeten hier, weit unter der Oberfläche, gefangen.

Er war nicht allein. In den Schatten bewegten sich Gestalten, schwächlich und gebeugt. Sie stellten keine Gefahr dar – noch nicht, jedenfalls – und gingen weiter unbeirrt ihrer Beschäftigung nach, wie immer diese auch aussah. Sie trugen schwarze, fadenscheinige Gewänder, und ihre Gesichter waren von Bandagen verhüllt.

»Endlich«, ertönte eine Stimme. Ren wirbelte herum und suchte nach dem Sprecher. Die rasselnde Stimme wirkte halb mechanisch, gequält, als litte ihr Besitzer Schmerzen. Und doch ließ ihr Klang sein innerstes Selbst erzittern. »Snoke hat dich gut ausgebildet«, sagte die Stimme – eine Stimme, die Kylo kannte. Er hatte sie schon sein ganzes Leben lang gehört. Als er noch ein junger Mann gewesen war, war sie ihm vorgekommen wie das Wispern eines Traums, den er nicht recht zu fassen bekam. Dann war die Übertragung des Imperators in der ganzen Galaxis zu empfangen gewesen, und da wusste Kylo mit vollkommener Gewissheit, dass Palpatine irgendwie überlebt hatte; dass die flüsternde Stimme, die ihn so viele Jahr lang ermutigt, geleitet und gepeinigt hatte, die des ehemaligen Imperators gewesen war.

»Ich habe Snoke getötet«, erklärte Kylo. »Jetzt töte ich Euch !«

»Mein Junge, ich habe Snoke erschaffen! Ich bin jede Stimme gewesen, die du je in deinem Kopf gehört hast.« Er sprach langsam und bedächtig; das Timbre seiner Stimme veränderte sich, wurde erst zu der von Snoke, dann zu der von Vader und schließlich zu Palpatines. »Ich war schon immer dein Meister!«

Vor ihm begann sich eine Gestalt zu materialisieren, noch immer in Schatten gehüllt, ein dunkler Umriss vor den zornig zuckenden Blitzen der Abgründe ringsum. Die Bewegungen der Gestalt wirkten merkwürdig mechanisch, fast wie bei einer Maschine. Wäre die Macht nicht gewesen, die von der Kreatur ausging, wäre Kylo Ren sich nicht sicher gewesen, ob das Ding – was immer es war – überhaupt lebte.

Ein Blitz erhellte einen großen Glastank, in dem drei Kreaturen trieben; mechanische Versorgungsschläuche pumpten flüssiges Leben durch ihre Adern. Nein, nicht drei Kreaturen, erkannte Ren verblüfft – es war dreimal dieselbe Kreatur, mit verschrumpelter Haut und einem übergroßen, kahlen Schädel, die Gesichtszüge in einem Zustand ewig währender Qual verzerrt. Alle drei waren Snoke.

Snoke stammte von diesem Ort. Doch Kylos einstiger Meister hatte ihm nichts davon erzählt. Was hatte er seinem Schüler wohl sonst noch alles verschwiegen?