Star Wars™ - Nachspiel - Chuck Wendig - E-Book

Star Wars™ - Nachspiel E-Book

Chuck Wendig

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Beschreibung

Der zweite Teil der packenden Vorgeschichte zu Das Erwachen der Macht - dem erfolgreichsten Kinoereignis aller Zeiten

Nachdem der zweite Todesstern zerstört worden ist, befindet sich das Galaktische Imperium weiterhin vollkommen im Chaos. In dieser Situation wollen Han Solo und Chewie den Heimatplaneten der Wookiees, Kashyyyk, zurückerobern. Doch sie geraten in eine Falle und nur Han Solo gelingt es zu entkommen. Nun setzt er alles daran, die Wookiees zu retten und das Imperium endgültig von den feindlichen Mächten zu befreien ...

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Seitenzahl: 644

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Chuck Wendig

NACHSPIEL – LEBENSSCHULD

Roman

Deutsch von Andreas Kasprzak

und Tobias Toneguzzo

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2016

unter dem Titel »Star Wars™: Aftermath: Life Debt«

bei Del Rey/The Ballantine Publishing Group, Inc., New York.

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1. Auflage

Copyright der Originalausgabe

© 2016 by Lucasfilm Ltd. & TM where indicated.

»Kindred Spirits« copyright © 2015

by Lucasfilm Ltd. & TM where indicated.

All rights reserved.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017

by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft, nach einer Originalvorlage

Cover Art Copyright: © 2016 by Lucasfilm Ltd.

Jacket art and design: Scott Biel

JvN · Herstellung: sam

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN 978-3-641-19565-6V003

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Für alle, deren Herz höher schlägt,

wenn Han Solo auf der Leinwand,

dem Bildschirm oder der Buchseite auftaucht …

Es war einmal vor langer Zeit

in einer weit, weit entfernten Galaxis …

Das Imperium versinkt im Chaos. Die alte Ordnung zerfällt, und die aufstrebende Neue Republik will den galaktischen Konflikt schnell beenden. Viele Mitglieder der imperialen Führung sind desertiert und hoffen, in den entlegensten Winkeln des bekannten Raumes ihrer gerechten Strafe zu entgehen.

Norra Wexley und ihre zusammengewürfelte Einheit sind auf der Suche nach diesen Deserteuren. Mehr und mehr Offiziere werden gefangen genommen und Planeten, die einst unter dem Joch des Imperiums litten, hoffen nun auf seine bessere Zukunft. Dabei ist keine Hoffnung größer als die der Wookiees von Kashyyyk. Zwei Helden der Rebellion, Han Solo und Chewbacca, haben ein Team von Schmugglern und Schurken zusammengestellt, um Kashyyyk ein für alle Mal von den imperialen Sklavenhaltern zu befreien.

Unterdessen bereiten die übrig gebliebenen Imperialen – nunmehr unter der Führung von Großadmiral Rae Sloane und ihrem mächtigen, rätselhaften Berater – einen schrecklichen Gegenschlag vor. Sollten sie Erfolg haben, würde die Neue Republik eine vernichtende Niederlage erleiden, und die Galaxis würde in dieser Zeit größter Not von Anarchie verschlungen werden …

Auftakt Jakku, vor dreißig Jahren

Der Junge rennt, und seine Schritte hallen über den harten, unnachgiebigen Boden. Er hat keine Schuhe an den Füßen; diese sind mit zerlumpten Stofffetzen umwickelt – die gleichen benutzt Mersa Topol, um die Wunden der Bergbauarbeiter und Schrottsammler zu behandeln, die sich auf der Suche nach Hilfe an die Krankenschwester der Anachoreten wenden. Entsprechend hart ist der Boden unter seinen Füßen; er beißt durch die Stoffbänder, schürft seine Haut ab. Doch der Junge blutet nicht, seine Füße sind widerstandsfähig, auch wenn viele ihn für einen Schwächling halten.

Jeder Schritt wirbelt Staubwolken auf. Steine knirschen über den Fels.

Der Junge folgt einem Paar Kondensstreifen, die den toten Himmel zerschneiden. Sie stammen von dem Schiff, das über ihn hinwegflog. Ein seltsames Schiff, wie er es noch nie gesehen hatte, schwarz glänzend wie poliertes Glas. Er war gerade draußen und schrubbte die Solarpaneele, als er es vorübergleiten sah. Einer der anderen Waisen, Brev, sagte: »Sieh dir dieses hübsche Schiff an, Galli.«

Narawal, das Mädchen mit dem toten Auge, verzog die rissigen, blutigen Lippen und erwiderte: »Lange wird es nicht mehr so aussehen. Hier bleibt nichts hübsch.«

Der Junge musste sich das ansehen. Er musste das hübsche Schiff sehen, bevor Jakku es ruinierte. Bevor die Steinwinde seine Hülle zerschrammten, bevor die Sonne seine Farbe ausbleichte. Der Anachoret Kolob hatte ihn angewiesen, dazubleiben und seine Arbeit zu erledigen, aber das konnte der Junge nicht. Er fühlte sich wie von unsichtbaren Händen gedrängt, als wäre es sein Schicksal.

Also rannte er davon. Einen Kilometer, dann noch einen, bis seine Beine so sehr schmerzten, dass sie sich anfühlten wie Klumpen gepökelten, getrockneten Fleisches. Und nun steht er auf dem Plateau der Bittenden Hand. Diesen schrägen, flachen Felsen halten die Anachoreten für einen heiligen Ort, einen Ort, der schon seit Jahrtausenden ihre Heimat ist, seit der Zeit, als Jakku angeblich noch ein üppiger, lebendiger Planet war.

Dort, unten im Tal, erspäht er das Schiff. Die Sonne spiegelt sich auf dem perfekten Stahl, und selbst im Tageslicht leuchtete es blendend grell.

Der Junge denkt: Ich könnte jetzt stehen bleiben. Tatsächlich sollte er stehen bleiben. Er weiß, er sollte sich umdrehen und nach Hause zurückkehren, zurück zum Habithaus, zurück zu seiner Arbeit und seinen Überlegungen und den anderen Waisen.

Und doch kann er nicht. Als würde er gezogen, von einem unsichtbaren Strick um seinen Hals, von einer Leine an einem Halsband. Ein wenig näher kann ich gehen. Niemand wird mich vermissen.

Der Junge schleicht den schmalen, gewundenen Pfad ins Tal hinab. Am Fuß des Hangs trennt ihn nur noch ein Dutzend Felsvorsprünge von dem Schiff; Säulen aus gezacktem, rotem Stein, die wie abgebrochene, blutige Zähne aus dem Sand ragen. Er huscht von einem zum nächsten, versteckt sich hinter ihnen. Dabei versucht er, leise zu sein – leise wie die Skittermäuse, die durch die Wüste huschen, wenn die Nacht kommt und der Boden abkühlt.

Das Schiff füllt sein Blickfeld aus. Es gehört nicht hierher. Ein dunkler Spiegel, lang und schlank, mit nach hinten geneigten Flügeln und roten Fenstern. Es kauert so still und geduldig da wie ein Raubvogel. Wie die wilden Vworkka, die vom Himmel herabschnellen und die kleinen Skittermäuse fressen.

Der Junge huscht von einem Stein zum nächsten, bis er ganz nah dran ist. Nah genug, um den Ozongeruch wahrzunehmen, der davon ausgeht; nah genug, um die Wärme der Sonne zu spüren, die von seiner Hülle abstrahlt. Ein Hitzeflimmern hängt über dem Schiff und verzerrt die Luft.

Nichts rührt sich. Kein Geräusch erklingt aus dem Inneren.

Ich habe genug gesehen. Ich sollte gehen.

Trotz dieses Gedankens bleibt der Junge wie angewurzelt stehen.

Schließlich ertönt ein Zischen, das Schiff erschaudert, und eine Rampe sinkt aus seinem glatten Bauch herab. Dampf wallt empor, in die erhitzte Luft.

Beinahe muss der Junge lachen, als eine Gestalt die Rampe hinabschreitet – gewiss muss sie sich verirrt haben, so wie sie gekleidet ist. Ein langer, violetter Umhang weht hinter dem Mann her, ein hoher Hut sitzt auf seinem Kopf. Doch dann überlegt der Junge, dass auch einige der Anachoreten schwere Roben wie diese tragen. Sie sagen, es ist eine Prüfung. Der Hitze zu widerstehen, das ist eine heilige Lektion. Es ist nötig, so sagen sie, um den Schmerz zu überwinden und jenseits seiner Reichweite zu leben.

Vielleicht ist dieser Mann also ein Anachoret. Aber die Anachoreten meiden hübsche, wertvolle Dinge. Keine materiellen Ablenkungen, sagen sie, und in den Augen des Jungen ist dieses Schiff ganz eindeutig eine materielle Ablenkung.

Ebenso wie die Droiden, die dem Mann rasch folgen. Insgesamt sind es sechs, jeder aufrecht gehend auf Beinen, die wie schwarzes, sonnenbeschienenes Glas funkeln. Antennen ragen von insektenartigen Schädeln hoch, und die Gestalt in der violetten Robe winkt sie wortlos zu sich. Mundschlitze vokalisieren eine Reihe von Tönen und Klicklauten, dann treten sie auf den harten, sandverwehten Fels hinaus. Der Junge sieht zu, wie sie schwarze Kisten abstellen. Kisten, die durch grüne Lichtstrahlen miteinander verbunden sind. Strahlen, die so hell sind, dass man sie selbst im Tageslicht sehen kann und eine Art Rahmen zwischen den Behältern bilden.

Langsam tritt der Mann von der Rampe, und sein Mantel streicht über das Metall wie Sand, der über ein Stück Blech weht. »Hier ist es. Das ist der Ort. Markiert ihn und beginnt mit der Ausgrabung. Ich komme wieder.«

Einer der Droiden erwidert: »Jawohl, Berater Tashu.«

In diesem Moment erkennt der Junge, was sich ihm gerade für eine Möglichkeit eröffnet hat. Er hasst diese Welt. Er gehört nicht hierher. Während der Mann in der violetten Robe wieder die Rampe hochsteigt, denkt er: Das ist meine Chance. Meine Chance, diesen Ort zu verlassen und nie wieder zurückzukehren. Eine Sekunde lang ist er wie erstarrt. Gelähmt vor Unschlüssigkeit. Versteinert angesichts der Furcht vor dem Ungewissen. Schließlich hat er keine Ahnung, wohin das Schiff fliegen wird oder wer dieser Mann ist oder was er tun wird, falls er ihn entdeckt.

Doch er weiß, dass dieser Ort tot ist.

Die Rampe beginnt wieder hochzuklappen.

Der Junge, Galli, denkt: Ich muss mich beeilen. Und er beeilt sich – schnell und leise wie eine Skittermaus huscht er auf seinen nackten Füßen über den Sand und springt zum Rand der Rampe hoch, während sie sich schließt. Er zieht sich hoch und hinüber und kriecht in die Dunkelheit. Augenblicke später hebt das Schiff ab.

Teil I

1. Kapitel

Leia geht unruhig auf und ab.

Die chandrilanische Sonne brennt eine helle Linie rings um die zugezogenen Vorhänge des Zimmers, in dessen Mitte eine blaue Holoplattform aus Glas steht – und schweigt. Leia kommt jeden Tag zur exakt selben Zeit hierher und wartet auf eine Nachricht. Han hätte sich längst melden müssen. Ihre letzte planmäßige Kommunikation ist schon Tage her und …

Die Plattform erwacht flackernd zum Leben.

»Leia«, sagt ein schimmerndes Hologramm, während es sich aus einem Durcheinander von Voxeln in das Abbild ihres Ehemannes verwandelt.

»Han.« Sie tritt in Übertragungsreichweite. »Ich vermisse dich.«

»Ich dich auch.«

Die Art, wie er das sagt … etwas stimmt nicht. Da ist ein düsterer Unterton in seiner Stimme. Sie spürt Verzweiflung, und nicht nur das. Da ist auch Zorn, aber er gilt nicht ihr. Selbst von hier aus erreichen ihre Gefühle Han, und sie spürt, dass diese Wut nach innen gerichtet ist, wie ein Messer, dass auf den eigenen Bauch zielt. Er ist wütend auf sich selbst.

Sie weiß, was er ihr gleich sagen wird.

»Ich habe ihn noch immer nicht gefunden«, brummt Han. Chewbacca war verschwunden. Vor zwei Monaten hat Han ihr berichtet, sie hätten eine Chance zu tun, wozu die Neue Republik nicht in der Lage war: Chewies Heimatwelt Kashyyyk von den Ketten des Imperiums zu befreien. Sie sagte ihm, er sollte warten, genauer darüber nachdenken, aber er meinte nur, die Zeit wäre reif. Er hatte Informationen von einer alten Schmugglerin zugespielt bekommen – einer Frau namens Imra, vor der Leia ihn gewarnt hatte.

Und sie behielt recht.

»Bist du noch immer am Äußeren Rand?«, fragt Leia.

»In der Nähe des Wilden Raums. Ich habe ein paar Spuren, aber es sieht nicht gut aus.«

Sie wählt einen bittenden Ton: »Komm nach Hause, Han. Ich bearbeite gerade den Senat. Falls wir die nötigen Stimmen bekommen, können wir Kashyyyk zum Prioritätsziel machen – und Chewbacca und die anderen vielleicht so finden. Falls ein General wie du die Lage schildert, könnte uns das einen großen …«

»Beim letzten Mal konnte ich sie nicht überzeugen.«

»Also versuchen wir es noch einmal.«

Das Hologramm schüttelt den Kopf. »Ich kann so was nicht. Ich bin kein General. Ich bin nur ein dahergelaufener Pirat.«

»Sag so etwas nicht. Jeder hier weiß, dass du das Allianzteam auf Endor angeführt hast. Sie denken von dir als General, nicht als …«

»Leia, ich habe den Rang abgegeben.«

»Was?«

»Ich muss das auf meine Weise erledigen. Was passiert ist, ist meine Schuld, Leia. Ich habe meine Aufgabe, du hast deine. Kümmer du dich um die Republik. Ich suche Chewie.«

»Nein, warte. Sag mir, wo du bist, dann komme ich zu dir. Was brauchst du?«

Ein zögerliches Lächeln breitet sich auf dem Gesicht seines flackernden Abbildes aus. »Leia, sie brauchen dich dort. Und ich möchte auch, dass du dortbleibst. Ich komme schon klar. Ich finde Chewie. Und dann komme ich nach Hause.«

»Versprochen?«

»Vers…«

Das Hologramm erzittert unvermittelt, und ihr Mann reißt überrascht den Kopf herum. »Han!«, ruft sie.

»Bei den …« beginnt er, dann flackert das Bild erneut. »Werden an …« Die Worte brechen ab, und das Bild löst sich auf.

Leia spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht. Nein. Einmal mehr beginnt sie, auf und ab zu gehen, in der Hoffnung, dass die unterbrochene Verbindung wiederhergestellt wird, dass Han wieder erscheint und erklärt, dass es nur ein falscher Alarm war. Sie wartet Minuten, dann Stunden, bis es dunkel wird. Die Holoplattform bleibt dunkel.

Ihr Ehemann ist irgendwo dort draußen.

Und er steckt in Schwierigkeiten.

Sie muss ihn finden. Zum Glück weiß sie schon, wen sie um Hilfe bitten muss.

2. Kapitel

Das Grav-Floß treibt durch den Nebel. Ringsum stehen gewaltige Steinsäulen, schwarz wie die Nacht und gerade wie Speere. Sie erinnern an aufmerksame Wachen, vor allem, weil die Umrisse heulender Gesichter in ihre Spitzen gemeißelt sind. Unten in der Tiefe glühen derweil Ströme aus verschwommenem, grünem Licht – die leuchtenden Pilze im höhlenartigen Inneren von Vorlag.

Jom Barell streckt den Arm aus, greift nach einer Kette und zieht das Floß Hand um Hand weiter. Diese Ketten sind an den achteckigen Augenöffnungen jeder Säule verankert, reichen von einem der dunklen Steinwächter zum nächsten. Das Floß hat kein eigenes Triebwerk, und so ist das schwache Surren seiner Schwebeplatten das einzige Geräusch, während es durch den Nebel gleitet.

»Das gefällt mir nicht«, sagt Jom mit leiser Stimme.

»Wie könnte einem das auch gefallen?«, entgegnet Sinjir Rath Velus, der auf dem flachen Teil des Floßes liegt, die Arme über der Brust verschränkt. »Der Nebel ist kalt, der Tag hässlich, und ich bin so nüchtern wie ein Protokolldroide.« Ruckartig setzt er sich auf. »Wusstest du, dass es auf dem Todesstern eine Bar gab? Ein hässliches, schmuckloses Loch – typisch Imperium, eben –, und die Getränkeauswahl war kaum der Rede wert. Aber falls man den Kerl hinter der Bar, Pilkey, kannte, schenkte er einem manchmal von seinem ›Geheimvorrat‹ ein …«

Norra Wexley unterbricht ihn. »Alles ist in Ordnung. Alles läuft nach Plan.« Grundsätzlich war der Plan der gleiche wie immer: reinschleichen, ihre imperiale Zielperson schnappen und sie auf Chandrila ihrer gerechten Strafe zuführen. Der Hauptunterschied war, dass sie sich sonst nicht in die Bergfestung eines galaktischen Sklavenhändlers wagen mussten …

»Oh, ja.« Joms Erwiderung ist ein sarkastisches Grummeln. »Wir haben die Idioten-Reihe. Oder sollte ich besser sagen, wir sind die Idioten-Reihe? Hoffentlich erledigt unser Mädchen da drin ihren Job.«

»Sie ist nicht unser Mädchen«, schnappt Sinjir. »Sie ist nicht mal ein Mädchen. Jas ist eine Frau, die auf sich selbst aufpassen kann, und ich bin sicher, sie würde dich mit einem Tritt von diesem Floß befördern, falls sie das Geseiere hören könnte, das dir aus dem Schnurrbart tropft.«

»Sie ist eine Kopfgeldjägerin.« Jom ächzt, während er das Floß zur nächsten Steinsäule weiterzieht. »Und ich traue Kopfgeldjägern nicht.« Unbewusst hebt er die Hand an seinen buschigen Schnurrbart und streicht darüber.

»Ja, das wissen wir. Und wir wissen auch, dass du keinen ehemaligen Imperialen traust. Du lässt keine Gelegenheit aus, uns daran zu erinnern.«

Jom wendet sich ab und stößt den Atem aus. »Hätte ich etwa Grund, dir zu vertrauen?«

»Nach all der Zeit könntest du es zumindest mal versuchen.«

»Vielleicht begreifst du nicht, was das Imperium für Leute wie mich bedeutet, und warum die Rebellion …«

Norra unterbricht ihn erneut. »Wir haben es verstanden, Jom. Aber wir sitzen alle im selben Boot. Beziehungsweise auf demselben Floß.« Sie deutet mit den Händen.

Links von ihnen schält sich ein titanischer Umriss aus dem Nebel – ein schwarzer Schatten. Die Konturen des Palastes lassen sich vage ausmachen: gewundene Türme und vorgewölbte Brustwehren. Falls sie weiter der Kette an den Felsen entlang folgen, werden sie bald höher steigen – höher und höher, bis zu den Haupttoren des riesigen Komplexes, der in der Caldera eines erloschenen Vulkans errichtet wurde. Dort residiert Slussen Canker, auch bekannt als Canker der Rote, Seine Tödliche Hoheit, Hüter der Seinen und Mörder aller Anderen, der Prinz und liebste Sohn von Vorlag, Meister Slussen Urla-fir Kal Kethin-wa Canker.

Mörder. Sklavenhändler. Abschaum.

Doch er ist nicht ihr Ziel.

Das Ziel ist ein ehemaliger Vizeadmiral des Imperiums, ein Mann namens Perwin Gedde. Er setzte sich vom Imperium ab, im Gepäck eine große Tasche voller Credits – so groß, dass er weiter in rauschendem Luxus leben und sich den Schutz eines Verbrecherfürsten wie Slussen Canker leisten kann. Er lässt sich von Gewürz umnebeln, von Sklaven bedienen, genießt sein ausschweifendes Leben. Sein geschütztes Leben in einer stark gesicherten Festung auf einem Vulkan. Einfach vor die Tore einer solchen Festung zu marschieren wäre höchst unklug, denn sie wird von einer geifernden Hroth-Bestie bewacht. Und von zwei Phasenkanonen. Und einem Paar Wachen, die sich um die Hroth-Bestie kümmern. Und dann ist da noch das Fallgitter aus sich überkreuzenden Lasern …

Zum Glück ist das nicht weiter wichtig, denn sie nehmen einen anderen Weg.

Anstatt sich von vorn zu nähern, nähern sie sich von unten.

Jom zieht das Floß an zwei weiteren Steinsäulen vorbei, dann streckt er die Hand nach hinten und hält Norra die Handfläche hin – eine stille Bitte, auf die sie jedoch nicht eingeht. Stattdessen sagt sie: »Ich kümmer mich darum. Du musst nicht alles selbst erledigen, weißt du?«

Sie nimmt den Kletterhaken und schraubt ihn auf die Spitze der Schockpistole. Jom beobachtet sie aus schmalen Augen, als sie auf den Berg zielt. »Gib das Signal«, fordert sie.

Sinjir hebt einen Notrufsender – den Sender, der auf ihrem Schiff, der Nimbus, installiert war, für den Fall, dass es je abstürzen sollte – und tippt das Gerät dreimal kurz an. Rote Lichter blinken in rascher Folge.

Sekunden vergehen. Dann …

… blinken am Fuß des Berges unterhalb der Festung ebenfalls rote Lichter auf. »Jas, du verfluchter Stachelkopf«, sagt Sinjir, dann lacht er und klatscht in die Hände.

Norra bedeutet ihm, still zu sein, und schießt den Kletterhaken ab, genau auf die Stelle, wo die Lichter im Nebel aufgeblitzt sind. Die Pistole verursacht kaum einen Laut, nur ein leises Pff !, als sie losgeht, dann surrt das Kabel, das am Floß befestigt ist, hinter dem Haken her durch die Luft.

In der Ferne ist ein Klacken zu hören. Genau ins Schwarze getroffen.

Jom packt das Kabel und zieht das Floß in eine neue Richtung – nicht länger auf die Tore der Festung zu, sondern ihrem Bauch entgegen. Irgendwo vor ihnen sollte sich eine Kluft im Fels befinden; Ihrem Informanten zufolge tun sich Slussen Cankers Hroth-Bestien dort gern an ihrer Beute gütlich. Diese grässlichen Kreaturen haben Flügel, und sie gehen mehrmals täglich auf die Jagd – und das ist der Ort, an den sie danach zurückkehren. Die Öffnung befindet sich oberhalb eines Felssimses, und normalerweise werden die Hroth-Bestien durch ein weiteres Gitternetz aus Lasern im Innern gehalten. Nur jetzt nicht, denn Jas, die vor mehreren Tagen schon hierherkam, hat die Laser deaktiviert. Ihr Signal in der Düsternis war eindeutig: Der Weg ist frei.

»Ich hab doch gesagt, sie wird uns nicht enttäuschen«, wispert Sinjir Jom ins Ohr.

Seine einzige Reaktion besteht aus einem skeptischen Schnauben.

Das Floß gleitet durch den Nebel, und vor ihnen wird der Weg in den Berg allmählich sichtbar. Es sieht aus wie ein klaffender Schlund mit Fängen aus Stalaktiten und Stalagmiten, die nur darauf warten, sie zu verschlingen. Rotes Glühen ist hingegen nicht zu erkennen; die Laser sind deaktiviert – der Weg ist wirklich frei. Jom zieht das Floß hinüber, hakt das Kabel ein und macht es an einem der Felsen fest, anschließend steigen sie einer nach dem anderen in die Höhle.

Der Gestank trifft sie wie ein Schlag. Entlang der Wand türmt sich totes Fleisch in Metallbehältern: gerupfte Vögel ohne Köpfe, verrottete Brocken, bei denen man nicht mehr sagen kann, zu welchem Wesen sie einst gehörten, Beine mit Hufen, glänzende Innereien. Wolken hungriger Stechmücken hängen in Schwärmen über dem Boden. Das muss das Fressen für die Hroth-Bestien sein, denkt Norra. Die roten Flecken auf dem trockenen Fels legen den Schluss nahe, dass bei der Fütterung jemand hier steht und das Fleisch in die Luft wirft – und die Bestien schnellen in die Luft hoch, um es sich zu schnappen.

Sinjir sagt: »Ich denke ernsthaft darüber nach, mich zu übergeben.«

»Dieser Geruch.« Jom verzieht das Gesicht. »Das würde einen kowakianischen Echsenaffen umhauen.« Er zieht die Brauen zusammen. »Wo ist Jas?«

»Vermutlich weiter drinnen«, erwidert Norra. »Gehen wir.«

Der Plan war denkbar einfach: Jas Emari hatte sich vor einigen Tagen Zutritt zur Festung verschafft, indem sie vorgab, eine Kopfgeldjägerin auf der Suche nach Arbeit zu sein. Was gar nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt war, immerhin war ihr Ruf weithin bekannt. Verbrecherfürsten ziehen Kopfgeldjäger an wie diese Fleischhaufen die Fliegen – die Jäger sind stets auf der Suche nach dem nächsten Auftrag, und die Bosse haben eigentlich immer irgendjemanden, der ihnen ein Dorn im Auge ist.

Jetzt, wo Jas den Eingang für sie geöffnet hat, beginnt die eigentliche Arbeit. Einen Grundriss der Festung besitzen sie bereits dank des Holocrons, das Surat Nuat ihnen zur Verfügung gestellt hat – mit anderen Worten: das sie ihm gestohlen haben. Der akivanische Boss führte genauestens Buch über die Verbindungen zwischen Imperialen und der kriminellen Unterwelt, um im Fall der Fälle ein Druckmittel zu haben. Sein Datenwürfel hat der Gruppe schon zahlreiche Informationen enthüllt. Tatsächlich spielte er eine nicht unerhebliche Rolle, das Team überhaupt zusammenzubringen.

Sobald sie diesen Raum verlassen haben – was laut Norras Nase gar nicht früh genug geschehen kann –, sollten sie am Ende eines langen Tunnels eine Lavaröhre erreichen, die durch die gesamte Festung nach oben verläuft. Natürlich führt der Schacht auch in den Bauch des Vulkans hinab, was bedeutet, dass niemand den Halt verlieren sollte. Wären sie dann erst in den südlichen Turm hochgeklettert, würden sie warten, bis Gedde auftauchte, oder aber zu seinen Gemächern schleichen, je nachdem. Dann würden sie ihn fesseln, betäuben und mitnehmen. Das Ziel war, ihn unbemerkt aus dem Palast und auf das Floß zu schaffen, um ihn anschließend dem Tribunal der Republik zu übergeben. Die Gerechtigkeit holt das Imperium ein, einen Kriminellen nach dem anderen.

Temmin würde sie mit dem Schiff abholen, und hoffentlich haben sie die Atmosphäre bereits verlassen, wenn Geddes Verschwinden schließlich jemandem auffällt.

Temmin. Ihre Gedanken wandern zu ihrem Sohn. Der arme, vaterlose Junge. Er ist ein Teil des Teams, und kein Tag vergeht, an dem sie sich nicht wünscht, er wäre es nicht. Er ist zu jung, sagt sie sich, auch wenn er sein Können jeden Tag mehr beweist. Er ist mir zu wertvoll, denkt sie, und das ist vermutlich der eigentliche Grund – jetzt, wo sie und ihr Sohn wiedervereint sind, fühlt sie sich daran erinnert, wie verwundbar er ist. Wie verwundbar sie alle sind. Vom Blickwinkel einer Mutter aus betrachtet, ist es völlig verantwortungslos, ihn mit auf ihre Missionen zu schleifen, und doch ist da ein selbstsüchtiger Teil von ihr, der sie frostig daran erinnert, dass es nur eine Alternative gäbe: ihn einmal mehr im Stich zu lassen. Sie würde es nicht überleben, Temmin erneut abzuweisen. Doch welche andere Wahl hat sie? Soll sie etwa in den Ruhestand gehen? Dieses Leben aufgeben?

Warum ist diese Option so unvorstellbar für dich?, überlegt sie.

Doch jetzt ist nicht die Zeit, über solche Dinge zu sinnieren. Sie haben einen Job zu erledigen.

Sie geht in Richtung Tunnel los, dicht gefolgt von Jom und Sinjir …

Das Knistern eines Blitzes ertönt hinter ihnen, dann breitet sich ein rotes Glühen aus.

Das Lasergitter ist wieder aktiviert. Die verengenden Linien zischen, als sie einander berühren, und sie schneiden durch das Kabel, das am Fels befestigt ist. Das Floß treibt davon und verschwindet im Nebel. »Nein!«, entfährt es Jom.

Vor ihnen wird das Klacken von Stiefelsohlen hörbar.

Mehrere Gestalten bauen sich vor ihrem Fluchtweg auf. Die Festungswachen – Schläger unterschiedlicher Größe und Form, ihre Gesichter hinter rostigen Helmvisieren verborgen. Vier von ihnen sind es, und sie haben ihre Blaster erhoben. Jom zieht seine eigene Waffe, ebenso Sinjir. Norra will es ihnen gerade nachtun und nach der Pistole an ihrer Hüfte greifen …

Da erklingt hinter den Wachen ein lautes Räuspern.

Ein Vorlaggn tritt nach vorne. Seine Haut sieht aus wie ein verbranntes Stück Fleisch, klare Flüssigkeit quillt aus Rissen hervor, bevor er sie mit einem schmutzigen, braunen Stofffetzen abtupft. Seine drei tief in den Höhlen liegenden Augen blinzeln.

Slussen Canker.

Er klickt mit der Zunge, und als er spricht, ist seine Stimme schleimig, als müssten sich die Worte erst an einem Klumpen in seiner Kehle vorbeikämpfen. »Ihr dachtet wohl, ihr könntet den Frieden stören, den Seine tödliche Hoheit, Slussen Canker, hier geschaffen hat. Slussen will euch hier nicht. Slussen findet euer unerwünschtes Eindringen sogar äußerst unhöflich.«

Einen Moment überlegt Norra, ob es vielleicht doch nicht Slussen ist, doch dann erinnert sie sich an etwas, das Jas gesagt hat: Die Vorlaggn sprechen von sich in der dritten Person. Eine seltsame Sitte.

Jom hält seine Pistole weiter erhoben. »Wir sind nicht wegen Ihnen hier.«

»Wir wollen Gedde«, fügt Sinjir hinzu. »Überlass ihn uns einfach, dann verschwinden wir ganz schnell wieder aus diesem Dunghaufen, den du einen Palast nennst. Wie wär’s?«

Der Vorlaggn gurgelt. »Slussen wird euch nichts geben. Gedde?«

Hinter einer Ecke tritt ihre Zielperson hervor, der Vizeadmiral höchstselbst. Es heißt, er hatte das Kommando bei einem der grausamsten Biowaffenprogramme des Imperiums; dass er auf unterdrückten Welten uralte Seuchen erprobte, dass Tod und Krankheit aus seinen Schlachtschiffen herabregneten.

Er ist dürr, abgesehen von dem Bauch, der sich unter seinem offenen – und schmutzigen – grauen Hemd wölbt. Seine Haut ist teigig und fleckig; die Haut eines Gewürzabhängigen. Ein Mann, der völlig seiner Sucht erlegen ist.

Doch Gedde ist nicht allein.

Er zieht jemanden zu sich heran …

Jas. Der Imperiale hat sie am Kragen gepackt, hält ihr eine Pistole an die Schläfe, und jedes Mal, wenn sie versucht, ihren Kopf wegzudrehen, drückt er ihn grob wieder nach hinten.

»Slussen hat eure Kopfgeldjägerin erwischt. Falls ihr eure Waffen nicht fallen lasst, wird Slussen ihren Kopf durchlöchern lassen, dann kann ihr Gehirn den Hroth-Bestien als Mahlzeit dienen.«

Sinjir seufzt. »Poodoo.« Seine Pistole landet klappernd auf dem Boden.

Norra löst langsam ihr Holster und lässt es fallen.

Joms Blaster bewegt sich keinen Zentimeter. »Ich gebe meine Waffe nicht her. Bei den Spezialeinheiten haben wir gelernt, dass unsere Waffe ein Teil von uns ist. Ich kann sie also ebenso wenig fallen lassen, wie ich meinen Arm fallen lassen könnte, oder mein …«

Die Hand bewegt sich unglaublich schnell – dann hat Sinjir die Pistole von oben gepackt und sie Jom aus den Fingern gerissen. Er wirft sie gegen die Wand. »Sie haben Jas, du Trottel.«

Die Wachen rücken näher und heben die Waffen auf.

Gedde fährt sich mit der Zunge über die Lippen und grinst. »Ihr närrischen Rebellen. Wir werden euch an das Imperium verkaufen. Ich bin sicher, für euch kriege ich eine offizielle Begnadigung …«

Wütend reißt Jas sich von ihm los und schlägt die Waffe von ihrem Kopf weg. »Ich glaube, du kannst jetzt aufhören, damit auf mich zu zielen.«

Im ersten Moment denkt Norra: Das ist unsere Chance. Jas ist frei. Doch warum konnte sie sich so leicht befreien? Es war zu leicht. Sie kämpft auch nicht weiter, steht nur mit verärgerter Miene da. Die Erkenntnis triff Norra wie eine Triebwerksturbulenz: Jas hat sie verraten.

Die Kopfgeldjägerin macht einen Schritt von Perwin Gedde fort und schiebt die Hände gelassen in die Taschen. »Tut mir leid, Freunde«, sagt sie, und das letzte Wort betont sie mit besonderem Sarkasmus. »Ich kann meine Hörner nicht verschwinden lassen, ich kann meine Haut nicht färben. Ich bin eben, wer ich bin.« Sie zieht die Schultern hoch. »Sie haben das bessere Kopfgeld geboten. Um die Wahrheit zu sagen, ist ihr Deal ziemlich ansehnlich …« Sie zieht einen Datenblock hervor und wirf ihn Norra zu.

Wexley fängt ihn.

Mit zitternden Fingern aktiviert sie den Bildschirm.

Ein Steckbrief erscheint.

Ihr Steckbrief. Sie sieht ihre Gesichter, das Gesicht ihres Sohnes.

»Du intrigante, kleine Bilgenassel«, zischt Barell. »Ich habe dir vertraut.«

»Nein, hast du nicht«, entgegnet Jas. »Und das hättest du auch nie tun dürfen. Ich werde mir an euch eine goldene Nase verdienen. Nicht nur, dass Gedde mich dafür bezahlt, dass ich ihn vor euch gewarnt habe, nein, der Vorlaggn hier wird mir zwanzig Prozent …«

»Slussen sagte fünfzehn.«

»Na schön. Ich musste es zumindest versuchen. Dann eben fünfzehn Prozent. Fünfzehn Prozent des Kopfgelds. Das ist mein Finderlohn.«

»Tu das nicht«, bittet Norra.

Bedauern fällt über Jas Emaris Gesicht. »Tut mir leid. Aber ich muss einige Rechnungen bezahlen, und die werden bald fällig. Die Republik zahlt einfach nicht gut genug.« Mit einem spielerischen Salut fügt sie hinzu: »Es hat Spaß gemacht, solange es dauerte.«

Sie verlässt den Raum. Gedde lacht. »Dann wollen wir euch mal in die Käfige sperren.«

Sinjir hat nicht viel übrig für Käfige. Vor allem nicht die Art, die über einem Abgrund hängt, ganz gleich ob nun auf Vorlag oder auf Akiva in Surat Nuats Kerker. Hier sind die Käfige eng wie aufgestellte Särge, und sie hängen von schwarzen Felsvorsprüngen, nicht weit von dem Eingang entfernt, durch den sie zuvor die Fütterungshöhle der Hroth-Bestien betreten haben. Nebel steigt auf, und unter ihnen schaffen die glühenden Pilze ein Netz scharfer, heller Linien.

»Wie denkst du jetzt über deine kleine Freundin?«, ruft Jom. Sein Käfig hängt ungefähr zehn Meter entfernt. »Findest du noch immer, ich sollte ihr vertrauen?«

»Ich tue es jedenfalls«, erwidert Sinjir mit trotzig vorgerecktem Kinn.

Die Worte überraschen ihn selbst.

Er vertraut niemandem. Und ist doch so sicher, dass das alles nur Teil eines geheimen Plans ist, eines Plans, den sie nur noch nicht kennen.

Eine leise Stimme sagt ihm, dass er recht hat. Er ist schließlich ein Experte, wenn es darum geht, die Körpersprache eines Wesens zu interpretieren. Es war sein Job, Leute mit nur einem Blick einzuschätzen, sie in all ihre verräterischen Atome zu zerlegen. Doch eine zweite Stimme warnt ihn, dass er bei Jas Emari womöglich etwas übersehen hat.

Doch dieser Zweifel wird von einer Woge Selbstvertrauen hinfortgespült, und ein seltsames Gefühl der Gewissheit überkommt ihn. Also verkündet er den anderen: »Sie wird uns hier rausholen. Wartet einfach ab.«

Jom schnaubt. »Träum weiter, Imperialer.«

»Ob sie nun uns oder die Gegenseite übers Ohr haut, wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie uns rettet«, wirft Norra ein. Ihr Käfig hängt hinter dem von Sinjir, und sie hat die Finger um die Eisenstäbe geschlossen. »Wir müssen uns aus eigener Kraft befreien. Sie wollen uns an das Imperium verkaufen, und das dürfen wir nicht zulassen.«

»Ich glaube, wir haben es bereits zugelassen«, brummt Jom. Er lehnt sich nach vorne gegen den Käfig und starrt in die Ferne. »Was ist das Imperium überhaupt noch? Wer kontrolliert es? Wer wird für uns zahlen?«

Das ist eine Frage, die Sinjir sich auch schon gestellt hat. Zunächst hat es ihn überrascht, wie schnell die imperialen Streitkräfte auseinandergebrochen sind. Doch je länger er sich damit beschäftigt, desto weniger verwundert es ihn. Die Einheit des Imperiums rührte allein daher, dass alle Fäden und Ketten in einer Hand zusammenliefen: der Hand des Imperators. Jetzt ist der Imperator tot. Wer also soll das Imperium zusammenhalten? Vader? Der ist angeblich auch ums Leben gekommen? Wer dann? Die Admiräle? Die Moffs? Die waren immer nur Ratten, die von den Katzen im Zaum gehalten wurden, und jetzt gibt es keine Katzen mehr.

Es gibt keine klare Nachfolgeordnung. Palpatine hatte keine Familie, zumindest nicht, soweit irgendjemand weiß. Und Vader ebenso wenig (soweit es Sinjir angeht, war er nicht einmal mehr menschlich). Zudem sind viele der besten und begabtesten Mitglieder des Imperiums mit den beiden Todessternen untergegangen. Die Neue Republik hat diese Gelegenheit ergriffen. Die Rebellion ist vorbei, und an ihrer Stelle wächst schnell, wenn auch noch unbeholfen, die neue Regierung heran.

Somit muss das Imperium ums nackte Überleben kämpfen. Es gibt keine klare Führung, weil sämtliche Anwärter um die Kontrolle kämpfen. Und Tag für Tag verlieren sie Ressourcen, die entweder zerstört, aufgegeben oder gestohlen werden.

Sinjir vermutet, dass es dem Imperium als Ganzem ähnlich ergehen muss wie ihm an jenem schicksalhaften Tag auf dem Waldmond Endor – benommen, verletzt, umgeben von Leichen, nicht sicher, wohin es sich wenden, was es tun, woran es noch glauben soll.

Eine Glaubenskrise. Eine Sinnkrise. Das ist es.

Er selbst leidet noch immer darunter. Die Neue Republik konnte ihm nicht helfen. Dieses Team vielleicht ein bisschen, aber jetzt, wo es aussieht, als hätte eine Freundin sie verraten, wird ihm einmal mehr der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Frage nach Sinn und Vertrauen hängt wieder über ihm, und eine einfache Antwort ist nicht in Sicht.

Das Imperium braucht ebenfalls eine Antwort – andernfalls wird es untergehen. Was es vermutlich auch verdient hat.

Ich brauche einen Drink, denkt er.

Nicht weit entfernt verstummt das Summen des Lasergitters plötzlich – und eine unheimliche Stille breitet sich aus. Doch nur ein paar Sekunden lang.

Dann ertönte ein neues Geräusch: lautes Schnauben und feuchtes Krächzen. Aus der gähnenden Öffnung in der Flanke des Berges werden mehrere Stücke Fleisch in den Nebel hinausgeworfen.

Die Hroth-Biester folgen dichtauf. Rote, ledrige Kreaturen mit langen Flügeln und einem Dutzend Beinen springen in die Leere und stürzen ihrem Futter hinterher. Ihre Gesichter kann man kaum als solche bezeichnen: Da ist lediglich eine augenlose Anhäufung von Polypen und Tubuli – eine fleischige Masse, die mehr wie ein Pilz aussieht und weniger wie ein Teil eines lebenden Wesens. Insgesamt drei Bestien sind es, die durch die Luft rollen und peitschen und das Fleisch fangen, das ihnen zugeworfen wird. Doch schon bald wird ihnen kein Fleisch mehr zugeworfen.

Und niemand befiehlt die Tiere wieder nach drinnen.

Die Hroth-Bestien steigen höher in den Himmel. Vermutlich haben sie noch immer Hunger.

Oder schlimmer, fährt es Sinjir durch den Kopf: Ihnen ist langweilig.

Und wir geben tolle Spielzeuge ab.

Als hätte es seine Gedanken gelesen, schnellt eines der Wesen direkt auf seinen Käfig zu und rammt ihn mit der Wucht eines geschleuderten Evaporators. Die Bestie hält sich an der Seite fest und presst seine Tentakel zwischen den Stangen hindurch. Sinjir hat gerade genug Platz, um mit dem Fuß danach zu treten – bis das Tier seinen Stiefel erwischt und ihn ihm vom Fuß saugt. Die Bestie gibt gierige, schmatzende Laute von sich, während es … versucht, den Stiefel zu fressen? Einen Moment später würgt die Kreatur verärgert, dann dreht sie den Schädel zur Seite und spuckt den Stiefel in den Nebel.

Jom formt mit den Händen einen Trichter und ruft: »Lass dich nicht berühren. Diese Dinger auf seinem Gesicht sind voller Stacheln. Es wird dich betäuben.«

Verflucht. Sinjir presst sich gegen die andere Seite des Käfigs, während die Kreatur mit ihrem Schädel und ihren Vorderklauen gegen das Metall schlägt.

Seine zuckenden Tentakel schlängeln sich wie Würmer zwischen den Gitterstangen hindurch, und an seinem Hals fällt Sinjir etwas Seltsames, Glänzendes auf. Etwas, das von einer Kette herabhängt. Es sieht aus wie …

Ein Schlüssel. Ein dunkler, achteckiger Metallschlüssel. Genau wie der, den Slussens Leute benutzten, um sie hier einzusperren.

Na, so was.

Plötzlich fliegt das Tier davon und flattert einmal mehr in den Nebel hinaus.

Nein, nein, nein!

Dieser Schlüssel …

Wer immer ihn der Bestie umgehängt hat, es war sicher keiner von Slussens Männern – die sind nicht schlau genug für so grausame Spiele. Was bedeutet, jemand wollte ihnen auf geheimem Wege diesen Schlüssel zukommen lassen. Und das bedeutet, jemand will sie befreien.

»Jas«, wispert Sinjir leise, plötzlich voll freudiger Erregung. Es ist genau wie in Surat Nuats Kerker – er ist gefangen, und sie kommt ihm einmal mehr zur Hilfe. Ein seltsam erfreuliches Muster. Und ein klassischer Trick! Sinjir schiebt sich zur Vorderseite des Käfigs und zwängt die Hände durch die schmalen Lücken – er kann die Arme bis zu den Ellbogen hinausstrecken, und er wedelt mit ihnen herum wie ein panisches Tier. »He! He! Du fliegender Schleimbeutel! Hier, hier! Sehe ich nicht lecker aus? Mmmh. Sehe ich nicht zum Anbeißen …«

Rumms. Die Bestie saust von oben herab, ohne dass Sinjir sie sieht, dann packen ihre Tentakel seinen linken Arm. Es fühlt sich an, als würde er einen Stromschlag bekommen; im ersten Moment prickelt sein Arm, dann ist es, als würden tausend Nadeln in sein Fleisch stechen. Er schreit, aber er weicht nicht zurück. Seine freie Hand schnellt vor und reißt der Kreatur mit zuckenden Fingern den Schlüssel vom Hals, anschließend reißt er seinen Arm von der zuckenden Masse der Tentakel los.

Zwischen zusammengepressten Zähnen ächzend, zieht er rasch die Fetzen seines Ärmels zurück – sein Unterarm ist gerötet, bedeckt von Bläschen, und er schwillt bereits an.

Außerdem ist er völlig taub, genau wie Jom sagte. Sinjir schüttelt ihn, versucht, wieder ein wenig Gefühl in dem Arm zu bekommen.

Er widersteht dem Drang, den Käfig sofort aufzuschließen und …

Und was, eigentlich?

Ins Nichts zu springen?

Oder auf eine dieser Bestien und dann zu versuchen, sie zu reiten?

Beides klingt nach sicherem Selbstmord. Und wenn es etwas gibt, das Sinjir nicht will, ist es zu sterben. Er weiß zwar nicht so genau, wofür er lebt, aber nicht zu sterben ist schon mal ein guter Anfang. »Geduld, alter Junge. Geduld«, flüstert er vor sich hin.

Er wartet. Die Kreaturen verschonen auch Norra und Jom nicht, rammen ihre Käfige, dass das Metall gegen den Fels hinter ihnen donnert. Sinjir würde ihnen am liebsten zurufen, dass sie die Augen nach Schlüsseln offen halten sollen, aber Slussens Wachen, die Bestien-Hüter, könnten ihn hören. Schließlich werden die Tiere es leid, nicht an das widerspenstige Fleisch in den unnachgiebigen Metall-Exoskeletten heranzukommen, und kurz darauf ertönt eine schrille Pfeife. Die Bestien springen in die Luft und fliegen zurück in die Höhle, aus der sie kamen.

Anschließend ertönt wieder das vertraute Summen des Lasergitters.

Jetzt ist der richtige Moment.

Sinjir streckt seinen heilen Arm aus dem Käfig, den Schlüssel fest zwischen seinen Fingern. Es dauert eine Weile, aber schließlich hat er den Schlüssel herumgedreht und ins Schloss geschoben. Jetzt noch eine kleine Bewegung, und die Tür springt auf.

»Äh«, machte er und räuspert sich. »Ich bräuchte hier ein wenig Hilfe.«

Jom und Norra drehen sich mit offen stehenden Mündern zu ihm um.

»Dein Käfig ist offen?«, fragt Jom.

»Offensichtlich«, erwidert Sinjir abfällig. »Eine Halluzination ist es jedenfalls nicht.«

»Wie hast du das geschafft?«, will Norra wissen.

»Ein Schlüssel. Jas hat ihn um den Hals eines dieser … schrecklichen fliegenden Viecher gebunden. Er, ähm, war ziemlich hilfreich, aber jetzt …« Er beugt sich aus dem Käfig, wobei er sich mit der heilen Hand festhält. Der andere Arm ist noch immer taub, er baumelt an seiner Seite wie ein umgeknickter Ast. »Sagen wir einfach, ich hänge gerade ein bisschen in der Luft.«

»Wir wissen nicht, dass es Jas war«, ruft Jom. »Könnte ebenso gut einer der Sklaven gewesen sein. Sie haben sicher großes Interesse daran, befreit zu werden.«

Ja, denkt Sinjir, aber das ist nicht der Grund, weswegen wir hier sind. Auch wenn er es vielleicht sein sollte.

Er zieht den Schlüssel aus dem Schloss, nimmt ihn zwischen die Zähne und beißt fest darauf, anschließend greift er zur oberen Kante des Käfigs hinauf. Die Gitterstäbe wie die Sprossen einer Leiter benutzend, klettert er auf das Metallgebilde. Der Käfig schwingt unter ihm hin und her, und um ein Haar verliert er den Halt – aber er kann noch rechtzeitig nach oben greifen und sich an dem Fels abstützen, von dem der Käfig baumelt. Über diesem Felsen befindet sich ein Sims, gerade breit genug für eine Person. Auf diesem Weg wurden sie hergebracht: Zwei von Slussens Wachen zogen ihre Käfige herbei, hakten sie an den Ketten ein und ließen sie dann über den Rand kippen – ein kurzer, heftiger Fall, der zumindest für Sinjir mit dem Gefühl zusammenprallender Zähne und sich umstülpender Innereien endete.

Einatmen, ausatmen.

Die imperialen Fitnessvorschriften haben ihn ziemlich gut in Form gehalten, aber nachdem er desertierte … hat er sich zugegebenermaßen etwas gehen lassen. Er wurde ein wenig dünner, hat ein wenig Muskelmasse abgebaut. Und es ist nicht, als würde die Neue Republik hohe Anforderungen stellen. So etwas wie Fitnessvorschriften gibt es dort nicht. Bislang gibt es dort ganz generell kaum etwas.

»Du kannst es schaffen«, sagt Norra, die ewig Motivierende. Die kollektive Mutter der Gruppe. Das Komische ist: Es funktioniert. Er glaubt ihr.

Ich kann es schaffen.

Er greift nach dem Fels über sich und tastet sich vor, bis er festen Halt findet. So. Jetzt schwingt er seinen tauben Arm nach oben, nur für den Fall, dass er so vielleicht wieder zum Leben erwacht – aber es bringt nichts. Das Positive: Allmählich kehrt das Gefühl in den Arm zurück. Das Negative: Es ist ein Gefühl brennenden, prickelnden Schmerzes.

Er muss es also mit einem Arm schaffen. Sinjir zieht sich hoch, sucht mit den Beinen vergeblich Halt an der Kette. Bereits jetzt tut sein Arm weh – vor allem am Gelenk. Es fühlt sich an, als würde er jeden Moment abbrechen. Wie der Arm einer Puppe in den Händen eines übermütigen Kindes.

Und dann ist sein halber Oberkörper auf dem Sims. Keuchend schiebt er sich weiter nach vorne.

Jetzt fehlt nur noch ein kleines Stück. Für jemanden mit so langen Gliedmaßen sollte das kein Problem sein.

»Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit«, ruft Jom.

Würde Sinjir nicht nach Atem ringen und auf den Schlüssel beißen, würde er jetzt sagen: Noch mal so ein Spruch, und ich lass dich für das Imperium hier. Stattdessen bringt er nur eine dreifingrige Geste zustande, die auf vielen Welten am Äußeren Rand als Beleidigung gilt. Zumindest hat man ihm das gesagt. Soll irgendetwas mit der Mutter des Adressaten und einem Gravitationsbrunnen zu tun haben.

Um Jom zu ärgern – und weil es das Vernünftigere ist –, beschließt er, zuerst Norra zu befreien. Er kriecht über den Sims und streckt den Arm nach unten, den Schlüssel zwischen seinen Fingerspitzen.

Norra greift hoch und nimmt ihn.

Sie braucht nur wenige Minuten, um den Käfig zu öffnen und auf den Sims hochzuklettern. Jetzt ist Jom an der Reihe, und schon bald ist auch die in Sinjirs Augen unsympathischste Person der Galaxis befreit und oben auf dem Sims.

»Was jetzt?«, fragt Sinjir, wobei er mit dem Finger seinen Arm anstupst, der inzwischen weniger taub ist, dafür aber umso mehr wehtut. »Falls ich mich recht erinnere, ist am Eingang ein Lasergitter, das uns alle in kleine, blutige Würfel schneiden würde.«

Jom überlegt kurz. »Schaut mal, hier.« Er geht zum Ende des Simses, direkt vor die knisternden Laser. »Normalerweise ist das ein geschlossenes System. Die Strahlen stammen aus diesen Emittern …« Er deutet auf die rostigen Emitter, die aus dem dunklen Berg des Felsens ragen. Sie sehen aus wie die Spitzen von Blasterläufen. »Ich brauche einen Stein.«

Norra sucht den Sims ab und findet einen neben ihren Füßen. »Hier.«

Jon nimmt den Felsbrocken in die hohle Hand und hämmert ihn seitlich gegen den Emitter. Nichts geschieht. Noch einmal holt er aus, und noch einmal, dann legt er seine ganze Kraft in seinen Arm und schlägt brüllend ein viertes Mal zu, so heftig, dass ihm der Felsbrocken aus der Hand springt und ins Nichts hinabfällt.

Es scheint, als wäre alles umsonst gewesen. Sinjir seufzt, er und Norra sehen sich erfolglos nach weiteren Steinen um … da speit der Emitter unvermittelt Funken und kippt nach unten; nur ein Bolzen hält ihn noch an der Felswand.

Das Lasergitter löst sich zischend auf.

Und mit einem Mal ist ihr Weg frei.

Einer nach dem anderen schleichen sie zurück in den einzigen Raum der Festung, den sie bereits kennen – die Fütterungshöhle der Hroth-Bestien. Einmal mehr wallt ihnen der Gestank entgegen, und Sinjir muss sich zusammenreißen, um nicht zu würgen.

»Was jetzt?«, fragt er, seine Stimme verzerrt, weil er die heile Hand flach über Mund und Nase gepresst hat. »Haben wir einen Plan? Jas ist noch immer irgendwo hier, und das bedeutet …«

»Das bedeutet gar nichts«, unterbricht ihn Jom. »Wir wissen nicht, ob sie es war. Also halten wir uns an den ursprünglichen Plan: Wir klettern die Lavaröhre hoch, schnappen uns Gedde und …«

»Ich kann diesen Schacht nicht hochklettern. Mein Arm ist taub, und ich bin kaputt.«

»Ich hätte gedacht, dass du besser in Form bist, Rath Velus.«

»Entschuldige, aber habe ich nicht gerade deinen ungewaschenen Hals gerettet? Denn … du musst verzeihen, ich nahm an, du würdest mir zum Dank dafür die Füße küssen. Aber stattdessen stichelst du schon wieder gegen mich.«

Norra schiebt sich zwischen die beiden. »Sinjir, du suchst nach einem Komm. Unsere haben sie uns ja leider abgenommen, und wir müssen irgendwie Temmin oder Jas erreichen. Wir kommen auf dem Rückweg wieder hierher und …«

Außerhalb des Raumes erklingen Stimmen und Schritte. Jom flüstert: »Wir bekommen Besuch. Und wir haben keine Waffen …«

Begleitet werden die Stimmen von einem weiteren vertrauten Geräusch.

Grunzen, Schnauben, Krächzen.

Hroth-Bestien. Verflucht.

Den Tieren folgen Slussens Wachen – vermutlich hat sie der Lärm angelockt; vielleicht haben sie auch entdeckt, dass das Lasergitter deaktiviert ist. Jedenfalls stürmen sie im Eilschritt herein, die Blaster erhoben, die Hroth-Bestien an langen Leinen haltend. Die Tentakel der Kreaturen peitschen suchend durch die Luft.

Doch Norra ist gedankenschnell – und reaktionsschnell. Sie springt zu den Behältern mit verrottendem Fleisch, und Sinjir beobachtet voller Bewunderung (und Ekel), wie sie beginnt, die roten Brocken zu werfen. Sie zielt auf die Wachen, deren Blasterschüsse danebengehen, weil ihnen verrottendes Fleisch ins Gesicht und gegen die Arme klatscht.

Der Gestank ist zu verlockend, als dass die Hroth ihm widerstehen könnten.

Brillant, denkt Sinjir, als die Bestien zu ihren Meistern herumwirbeln. Sie greifen an, schlingen ihre feuchten Tentakel um die Wachen und suchen verzweifelt nach Stücken des übel riechenden Fleischs.

»Los!«, ruft Jom, und sie rennen an dem abstoßenden Anblick vorbei.

Die Lavaröhre ist eng, aber weit genug, um sich darin zu bewegen. Die Wände sind mal ausgekehlt, mal ragen sie vor, was ihren Händen und Zehen beim Klettern ausreichend Halt bietet. Norra und Jom stützen sich mühelos ab und steigen durch den langen Schacht. Langsam, aber stetig.

Tief unter ihnen glüht ein stecknadelkopfgroßer Fleck orangefarbenen Lichts.

Nicht abrutschen, nicht abrutschen, nicht abrutschen, wiederholt Norra, als wäre es ein Mantra. Ein Sturz wäre alles andere als angenehm. An dem porösen Vulkangestein entlang in die Tiefe zu rutschen würde ihr vermutlich sämtliche Haut vom Körper reißen, noch bevor sie in ihrem siedend heißen Magmabad landet. Und bei lebendigem Leib verbrennt.

Durch Röhren wie diese beheizt Slussen seine Festung, so scheint es – die Luft, die um sie herum aufsteigt, fühlt sich an wie der heiße Atem eines höllischen Monsters. Hin und wieder stoßen sie auf weitere Schächte, die ihren Gang in schrägen Winkeln kreuzen, und wenn sie daran vorbeiklettern, hören sie die Geräusche eines Aufruhrs, der sich in Slussen Cankers Palast ausbreitet – Schreie, schallende Alarme. Wir haben nicht viel Zeit.

Weiter, weiter, weiter nach oben. Ihre Arme und Beine schmerzen. Mehrmals fordert Jom sie auf, nicht stehen zu bleiben, und am liebsten würde sie erwidern ›Ich bin nicht für so was gemacht‹, aber sie muss es schaffen. Für alles andere ist es längst zu spät, also schiebt sie sich weiter, und als ihre Hände schließlich den Rand am oberen Ende des Ganges ertasten, fühlt es sich an, als wäre eine Ewigkeit vergangen. Sie zieht sich nach oben, spürt, wie der Stein gegen ihren Bauch schabt, dann findet sie sich keuchend in einem opulenten (und schrecklich hässlichen) Raum wieder.

Norra hebt den Kopf. Die Wände sind mit kitschigen Gold- und Borzitspiegeln behangen, in der Ecke steht eine Statue von Slussen, aus feuerrotem Kwarzkristall gehauen. Dann ist da noch ein Bett, achteckig, ebenso wie der Schlüssel für ihre Käfige – und es ist beladen mit Tierhäuten und roten Lederkissen. Ein derartiger Luxus ist Norra fremd. Und an einem Ort wie diesem scheint er zudem eine absolute Verschwendung.

»Da seid ihr ja. Gut.«

Norras Herz schlägt ihr bis zum Hals, als Jas’ körperlose Stimme aus einer Ecke des Raumes ertönt. Sie dreht sich um und sieht die Kopfgeldjägerin auf einem hochlehnigen Stuhl sitzen, einen imperialen Vizeadmiral zu ihren Füßen liegend. Geddes Hände sind mit Draht hinter seinem Rücken gefesselt, und etwas, das aussieht wie ein aufgerollter, hinter seinem Kopf zusammengeknoteter Kissenbezug, dient als Knebel.

Jetzt klettert auch Jom aus der Lavaröhre. Er sieht die Zabrak sofort, und kaum dass er aufgestanden ist, stampft er auf sie zu und brüllt vor Zorn.

»Du hättest uns beinahe getötet, du …«

»Ich habe uns alle und unsere Belohnung gerettet. Ich habe den Job erledigt. Aber darüber können wir diskutieren …« Sie nimmt das Komm von ihrem Gürtel, aktiviert es. »Temmin, du musst uns abholen. Wir sind noch immer im Turm. Du wirst wissen, wo.« Als sie den Kommunikator wieder an ihrer Hüfte eingehakt hat, fragt sie: »Wo ist Sinjir?«

»Unten. Er sucht nach einem Komm«, antwortet Norra.

Jas verzerrt auf eine kränkende Weise das Gesicht. »Das … macht die Sache komplizierter. Ich werde ihn holen gehen. Wir treffen uns in der Hroth-Höhle.«

Außerhalb des Raums wird das Trommeln von Schritten hörbar. Die Tür ist ein rundes, goldglänzendes Portal, durch eine elektronische Kontrolltafel versiegelt – eine Tafel, die herausgerissen ist, sodass die Drähte, noch immer funkenspeiend, herabhängen. Jemand hämmert gegen die Tür, dann erklingt eine gedämpfte Stimme von der anderen Seite.

»Slussen will wissen: Ist Gedde da drin?«

Gedde scheint ihn nicht mal zu hören. Seine Augen sind gerötet, die Pupillen groß und rund, und er blinzelt nicht einmal. Durch seinen Knebel gibt der Imperiale leise, ächzende und gurgelnde Geräusche von sich. Norra erkennt, dass er zugedröhnt ist. Nicht weit entfernt entdeckt sie eine kleine Büchse – auch diese von achteckiger Form – voll mit dunklem Gewürz.

Jenseits der Tür erklingen die Worte: »Slussen verlangt Einlass.« Das Surren eines Bohrers schwillt an. Sie werden die Tür aus der Wand schrauben.

»Wie kommen wir hier raus?«, fragt Norra. »Der Schacht?«

»Das ist der Weg, den ich nehmen wollte«, erwidert Jas. »Aber ihr beide geht da lang.« Während sie ›da lang‹ sagt, deutet sie auf ein gewaltiges Bogenfenster auf der anderen Seite des Raumes.

Norra will schon protestieren, aber zu ihrer Überraschung nickt Jom Barell.

»Guter Vorschlag. Machen wir es auf.«

Jas sagt noch: »Die Nimbus sollte bald hier sein. Wir sehen uns.« Anschließend verschwindet sie ohne ein weiteres Wort in der Lavaröhre.

Barell und Norra eilen zum Fenster hinüber und tasten es ab. Sie suchen nach Angeln, einem Riegel, irgendetwas. Schließlich erklärt Norra, dass sie nichts finden kann, und er nickt. Dann geht er hinüber, nimmt den Stuhl, auf dem Jas eben noch saß, und schleudert ihn kommentarlos durch die Scheibe.

Klirr!

Der Stuhl schlägt ein Loch in das Glas und verschwindet außer Sicht.

Barrel tritt den Rest der Scheibe mit dem Stiefel aus dem Rahmen.

Draußen, über dem Nebel und den Gipfeln weiterer, dunkler Berge erspäht Norra ein Schiff – ein SS-54-Kampfschiff. Die Nimbus.

Temmin.

»Sag Vizeadmiral Gedde, dass seine Mitfluggelegenheit hier ist«, grinst Norra. Dann begeht sie den Fehler, nach unten zu blicken. Ein Schwindelgefühl überkommt sie. »Und sag ihm auch, ich hoffe, dass er Höhenangst hat.«

Klappernd und ratternd schneidet die Nimbus durch den Nebel über Vorlag. Die Ionentriebwerke auf beiden Seiten sind horizontal ausgerichtet und heulen laut, während das Kampfschiff – vom Hersteller, den Botajef-Werften, als leichter Frachter deklariert, um offizielle Bestimmungen zu umgehen – dahinrast. Vor ihm taucht Slussen Cankers Vulkanfestung aus dem Dunst auf; ihre gekrümmten Türme sehen aus wie verkohlte Knochenfinger, die sich dem Himmel entgegenrecken, als wollten sie ihn zu sich herunterzerren.

Temmin sitzt an den Kontrollen, den Steuerbügel ganz nach vorne gedrückt. Das Schiff ist nicht so schnell wie ein X-Flügler, aber es hat Kraft – vor allem jetzt, nachdem er einige Modifikationen an den Triebwerken durchgeführt hat. Es bewegt sich träge, aber entschlossen, und während er es fliegt, pocht Temmin das Blut in den Schläfen wie eine akivanische Trommel. Er lässt seine Knöchel knacken und spreizt die Finger; eine nervöse Angewohnheit, die er sich von seinem Vater abgeschaut hat.

»Bist du bereit?«, fragt er seinen Kopiloten.

»ROGER-ROGER«, antwortet Mister Bones. Der B1-Kampfdroide ist gleichermaßen Leibwächter und Freund, und er verfügt über mehr als ein paar »spezielle Modifikationen«. Sein rot-schwarzer Körper erinnert an ein menschliches Skelett, gekrönt vom Schädel eines Felsgeiers – und Temmin hat im Lauf der Jahre daran gearbeitet, ihn noch einschüchternder zu gestalten. Gezackte Metallstücke sind aus der Vorderseite seines Kopfes geschnitten, um den Eindruck von Zähnen zu vermitteln, und seine Hände sind zu Klauen angespitzt. Zudem verfügt sein Körper über ein halbes Dutzend zusätzlicher Gelenke, was ihn noch biegsamer macht als eine normale, ohnehin schon zusammenklappbare B1-Einheit. Die kleinen Knochen, die ihn bis vor Kurzem zierten, mussten leider weichen – ihre Missionen verlangen nach unbemerktem Vorgehen, und Jas war der Meinung, die Knochen würden klirren wie ein Windspiel. Temmin war nicht glücklich darüber, aber er befolgte ihren Rat. Er vertraut ihr, und falls sie sagt, dass sie unauffällig sein müssen …

Dann ist es eben so.

Auch wenn sie im Moment ungefähr so unauffällig sind wie eine Banthaherde.

»ICHFREUEMICHDARAUF, UNSEREGEGNERAUSZULÖSCHEN«, sagt Bones mit verzerrter, trillernder Stimme. »ICHHOFFE, SIEINROTENDUNSTVERWANDELNZUKÖNNEN. SIEMÜSSENNURDENBEFEHLGEBEN, MASTERTEMMIN.« Die Hände des Droiden sind um die Waffenkontrollen geschlungen. Die Nimbus verfügt über gewaltige Durchschlagskraft: ZX7-Zwillingslasergeschütze unter dem gut gepanzerten Cockpit und eine Vierlingskanone auf einem behelfsmäßigen Geschützturm. Jetzt besteht ihre Mission aber nicht darin, die Landschaft mit Laserfeuer in Schutt und Asche zu legen, sondern ihre Freunde abzuholen, also weist Temmin seinen Droiden an, sich zu beruhigen.

Bones nickt und summt vor sich hin, wobei er seinen Schädel rhythmisch zur Melodie bewegt.

»Los geht’s«, sagt Temmin, während er Schub von den Triebwerken nimmt, dann richtet er das Schiff auf und geht in einen Schwebeflug über. Von ihrer Position aus kann er den zweithöchsten Turm der Festung sehen – sein Fenster ist zerschmettert.

Seine Mutter – sichtlich nervös und angespannt – winkt ihn näher heran.

Er zeigt an, dass er verstanden hat, und dreht das Kampfschiff zur Seite, sodass die Einstiegsrampe dem Turm zugewandt ist. »Bones, geh und hilf ihnen. Ich halte uns in Position.« Der Droide springt auf, katapultiert sich mit einem Radschlag über den Sitz und verschwindet im Bauch der Nimbus.

Temmin legt die Bilder der Außenkamera auf den Schirm und fährt die Rampe aus. Die Seite des Schiffes schält sich nach außen und wird zu einem Einstieg. Bones hilft Norra, ihren Gefangenen an Bord zu bringen, anschließend springt auch Jom mühelos an Bord.

Da trifft etwas die Seite des Schiffes, und die Nimbus erzittert.

Die Scanner piepsen, als sie einen Kontakt erfassen.

Vier rote Punkte. Sie nähern sich von achtern.

Temmin überprüft die Signaturen – ein imperialer Shuttle und ein Trio von TIEs. Er ruft über die Schulter: »Wer hat das Imperium zu dieser Party eingeladen?«

Seine Mutter schiebt sich ins Cockpit. »Slussen Canker. Und Gedde – er wollte sich von der Bestrafung für einen desertierten Vizeadmiral freikaufen.« Anschließend erklärt sie ihm, wo Jas und Sinjir sind. »Wir müssen sie holen.«

»Und falls sie nicht da sind?«

»Dann warten wir.«

Unvermittelt streckt Jom seinen Kopf durch die Tür – und so grimmig, wie er dreinblickt, weiß Temmin bereits, was er sagen wird: Wir lassen sie zurück, die Mission hat Vorrang. Denn so ist er nun mal. Die Mission ist wichtiger als alles andere. Ganz abgesehen davon scheint er Jas und Sinjir nicht leiden zu können.

Umso größer ist darum die Überraschung, als Jom erklärt: »Wir lassen niemanden zurück.«

Temmin grinst. »Nicht mal einen Imperialen und eine Kopfgeldjägerin?«

»Es sind unser Imperialer und unsere Kopfgeldjägerin. Also los.«

Temmin dreht das Schiff, fort von der Festung. Laut Scanner kommen der Shuttle und die TIEs schnell von hinten näher.

Da kommt ihm eine Idee. Er neigt das Schiff nach vorne, gibt kurz vollen Schub auf die Triebwerke und kehrt dann abrupt in einen Schwebeflug zurück. Seine Mutter protestiert: »Warum hältst du an? Wir müssen in Bewegung bleiben!«

»Ich weiß, was ich tue«, entgegnet er, während er die Nimbus um 180 Grad wendet.

»Temmin. Temmin!«

Die TIE-Jäger rasen nun direkt auf sie zu. Sie durchschneiden die Luft wie Rasierklingen, und während sie sich noch im Tiefflug der Festung nähern, prasselt auch schon Laserfeuer auf den Bug der Nimbus ein.

Jetzt, sagt sich Temmin.

Er legt einen Schalter um und übernimmt die Waffenkontrollen, dann richtet er die Kanone nach vorne und oben aus und drückt den Abzug. Nanofaserdünne Strahlen zucken aus der Waffe, mehrere Hundert pro Sekunde. Die Geschosse hageln auf den schwarzen Felsturm ein, sodass das Gestein in einem Meer aus Splittern auseinanderbirst.

Wie ein gefällter Baum beginnt der Turm, auf die Seite zu kippen. Und er stürzt direkt auf zwei der TIE-Jäger. Einer wird sofort zerstört – mitten in der Luft zerschmettert, bleibt nichts weiter von ihm übrig als ein flammender Schweif am Rand von Temmins Blickfeld. Die andere Jagdmaschine wird von Trümmern am Flügel getroffen, und sie wirbelt unkontrolliert dem Boden entgegen, wie ein Vogel, dem man einen Flügel abgeschnitten hat.

Jom klopft dem Jungen auf die Schulter. »Gut mitgedacht, Junge. Jetzt lass uns unsere Leute holen und von hier verschwinden.«

Was ist aus meinem Sohn geworden?

Die Frage sticht in Norras Bauch wie ein Messer. Ihre Gedanken sind völlig von ihrem Handeln losgelöst, als wäre sie zwei unterschiedliche Personen. Eine davon ist die innere Version von Norra, ein Bündel aus Sorgen und Ängsten; die andere ist Norra, die Soldaten, die Pilotin, die die Waffensysteme übernimmt und die Festung mit Laserfeuer beharkt.

Die innere Norra ringt mit einem Durcheinander von Gefühlen, die alle um die Vorherrschaft kämpfen wie Planetensysteme, die einander dominieren wollen. Ihr Sohn tut genau das, was er tun soll; er kämpft für die Neue Republik. Das Imperium ist ihr Feind. Was er getan hat, ist schlau, gerissen, ein Beweis seiner Fähigkeiten – was bedeutet, dass er jetzt wirklich beides ist, Soldat und Pilot.

Doch ist es das, was sie für ihn will?

Er ist jung, gerade erst fünfzehn (obwohl er in Kürze Geburtstag hat, erinnert sie sich; die Zeit vergeht so schnell, und umso schneller, wenn man Kinder hat). Nun hat er gerade zwei TIE-Jäger zerstört. Mehr noch – er hat zwei Piloten getötet. Zwei Leben ausgelöscht. Die Frage ist nicht, ob sie dieses Schicksal verdienten; sie waren Soldaten in einem Krieg, und sie kannten die Risiken. Die Frage ist, was das aus Temmin macht. Sie wird den Gedanken nicht mehr los. Werden seine Taten ihn verfolgen? Ist er zu jung, um wirklich zu verstehen, was hier vor sich geht? Wird er eines Tages aufwachen und die Geister der Toten hören? Oder wird es ihn zu schnell abhärten – wird es die Güte in ihm auslöschen und ihn in jemanden wie Jom Barell verwandeln?

Diese Gedanken zerreißen sie innerlich, während sie weiter ihrer Pflicht nachgeht und die Geschütze bedient. Als Temmin das Schiff auf den Eingang der Fütterungshöhle zusteuert, mäht sie die maskierten Wachen nieder, die herbeieilen, um Cankers Reich zu verteidigen.

»Da«, sagte Jom, wobei er ihr eine Hand auf den Unterarm legt. Seine Stimme klingt weit entfernt. Norras Puls pocht in ihrer Brust, in ihrem Hals, in ihren Handgelenken. Das Adrenalin frisst sie auf, so wie die Kanone den Turm der Festung zernagt hat. Sie blinzelt und verdrängt alles andere.

Zwei weitere Wachen tauchen am Ausgang der Höhle auf, aber bevor sie irgendetwas unternehmen können, zucken sie beide zusammen und kippen mit dem Gesicht voran in den Abgrund. Hinter ihnen erscheinen Jas und Sinjir. Erstere hält ihren Blaster in der einen Hand, während sie Sinjir mit der anderen stützt. Er humpelt neben ihr her, und sein Arm hängt noch immer leblos an der Seite herab.

Der letzte TIE rast von oben heran, und Norra richtet die Kanone rasch auf dieses neue Ziel aus, während Temmin die Nimbus dicht vor den Ausgang navigiert. Eine kurze Salve lässt den TIE abdrehen; zumindest für den Moment bricht er seinen Angriff ab.

Jetzt sind Jas und Sinjir an Bord, und Jom ruft dem Jungen zu: »Voller Schub.«

Norras Blut rauscht aus ihrem Kopf in ihre Füße, als die Nimbus beschleunigt und durch die Atmosphäre über Vorlag jagt. Doch der TIE-Jäger setzt sich rasch auf ihre Spur und nimmt die Verfolgung auf.

3. Kapitel