Stark allein - Linda S. Friedberger - E-Book

Stark allein E-Book

Linda S. Friedberger

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Beschreibung

Sarah wünscht sich von klein auf nichts sehnlicher als eine glückliche Familie, eine untrennbare Einheit, bestehend aus Mann, Frau und Kindern. Schon als Kind muss sie stark sein, der alkoholkranke Vater macht ihr ihre Kindheit nicht leicht. Sie will alles besser machen, und nach einigen Fehlversuchen scheint sie mit Gerhard die Basis für ihren Traum gefunden zu haben. Leider ist Gerhard aber nicht so verlässlich, wie es zunächst erschien. Sie muss wieder einmal feststellen, dass man sich auf niemanden verlassen kann, trotzdem gibt sie ihren Lebenstraum nicht auf. Ihre Kinder fordern sie, für eine lange Zeit ist sie ausschließlich Mutter. Im mittleren Lebensalter lernt sie schließlich einen Mann kennen, der die Erfüllung aller ihrer Sehnsüchte zu sein scheint. Trotz diverser Startschwierigkeiten erlebt Sarah die schönste Zeit ihres Lebens. Endlich fühlt sie sich angekommen, als Karsten ihr sagt, dass er sie liebt. Das erste Mal in ihrem Leben ist sie so richtig glücklich. Doch es ist zu schön, um wahr zu sein: Nach einer Woche Skiurlaub teilt ihr Karsten mit, dass er eine andere Frau kennengelernt habe, die besser zu ihm passe. Sarah durchleidet die schlimmste Zeit ihres Lebens. So richtig entscheiden kann sich Karsten aber dann doch nicht, Sarah wird zu seiner heimlichen Geliebten, die sich verstecken soll. Über Jahre sieht sie ihn nur heimlich, sie haben genialen Sex, aber sonst nichts. Zunächst versucht Sarah noch, ihn durch einen anderen Mann zu ersetzen, aber sie merkt, dass das keinen Sinn hat. Sie schafft es nicht mehr, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, aus Angst, wieder nur festzustellen zu müssen, dass man niemanden vertrauen sollte. Karsten ist die Liebe ihres Lebens, und Liebe kennt keine Vernunft.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel: Das Mädchen mit den roten Sandalen

1. Kapitel: Der Leib Christi

2. Kapitel: Die große weite Welt

3. Kapitel: Der schöne Franz

4. Kapitel: Der Traum vom großen Glück

5. Kapitel: Michaela

6. Kapitel: Wetten, dass jetzt alles besser wird?

7. Kapitel: Betrogen

8. Kapitel: Marius

9. Kapitel: Nora

11. Kapitel: 9/11

12. Kapitel: Murmeltierjahr

13. Kapitel: In die Schule geh ich gern

14. Kapitel: Karneval

15. Kapitel: Love of my Live

16. Kapitel: Schriftverkehr

17. Kapitel: Flaschenpost

18. Kapitel: Das wird unser Jahr

19. Kapitel: The Good Times

20. Kapitel: The Bad Times

21. Kapitel: Modell-Entscheidung

22. Kapitel: Abschied?

23. Kapitel: Warum tust du mir das an?

24. Kapitel: Stark wie drei

25. Kapitel: Sommerferienfreuden

26. Kapitel: Besser als nix

27. Kapitel: Romeo und Julia

28. Kapitel: @HOME

29. Kapitel: Abgesagt

30. Kapitel: Süßer die Glocken nie klingen

31. Kapitel: Neues Jahr, neues Glück

32. Kapitel: Verwaist

33. Kapitel: Ein halbes Jahrhundert

34. Kapitel: Das Wort mit „N“

35. Kapitel: Wenn du gehst

36. Kapitel: Udolaub 2017

37. Kapitel: Blockiert

38. Kapitel: Weil`s wirklich ganz schön geil ist …

39. Kapitel: Ett iss, wie ett iss2

40. Kapitel: Niagara Falls

41. Kapitel: Emergenz

1.Kapitel

Das Mädchen mit den roten Sandalen

70er Jahre – draußen in der großen weiten Welt tobte der kalte Krieg, drinnen im kleinen engen Kinderzimmer des Mädchens, das es sich mit zwei Geschwistern teilen musste, tobte der heiße. Mama hatte den Schnaps im Kleiderschrank der Kinder versteckt, um zu verhindern, dass der eh schon stark alkoholisierte Papa auch noch den Rest trank.

Manche Menschen werden lustig, wenn sie trinken, andere müde, wieder andere kreativ, manche redselig, leider aber auch einige hochaggressiv. Papa gehörte zu den letzteren. Sarah besuchte zwar erst die zweite Klasse der Grundschule, hatte aber schon gelernt, dass man sehr vorsichtig sein musste, wenn Papa blau war. Und das war er leider oft. Sie hatte Mama versprochen, Papa nicht zu sagen, wo sich die Flasche befand. Sie saß auf dem Sofa, das sich nachts in das Bett des Bruders verwandelte und hatte Angst.

Ihre Geschwister waren nicht zu Hause, sie war allein im Zimmer und hielt Peter, den verfilzten Stoffbären, der alles über ihre Gedanken, Wünsche und Ängste wusste und niemals etwas verriet, ganz fest. Das Gebrüll wurde lauter, gleich würde sich die Tür des Kinderzimmers öffnen, Papa würde hinein stürmen und sich auf die Suche begeben. Sarah hätte sich gerne ihre roten Sandalen angezogen, in denen sie sich in Kombination mit den weißen Spitzensöckchen so schön fand, und wäre gegangen - aber wohin hätte sie gehen sollen? Außerdem konnte sie doch Mama nicht alleine lassen – wer sollte sie trösten, wenn sie wieder weinte?

Es war so weit. Papa riss die Kinderzimmertür auf, Mama kam hinterher.

„Wo ist die Flasche?!“ brüllte Papa, und starrte Sarah mit seinen eigentlich schönen blauen Augen, die so gruselig aussahen, wenn er betrunken war, an.

„Ich weiß es nicht“ antwortete sie leise und drückte Peter noch fester an sich. Papa guckte unters Bett, öffnete die Schubladen des Regals, schlug die Bettdecken zurück. Keine Flasche. Sarah dachte an den Geburtstag ihrer Schulkameradin letzte Woche, bei dem deren Vater so lustig mit den Kindern Topfschlagen gespielt hatte und stellte sich vor, Papa hätte die Augen verbunden und würde mit einem Holzlöffel suchen. Kalt, ganz kalt, wärmer, noch wärmer … fast musste sie lachen. Als es dann jedoch in Richtung heiß ging, verging ihr das innerliche Lachen. Sie wusste, dass er die Flasche gleich finden würde und wusste auch, dass Papa wissen würde, dass ihr das Versteck bekannt gewesen war. Bingo! Er hatte die Flasche gefunden.

„So, du wusstest also nicht, wo Mama den Schnaps versteckt hat? Du wagst es dich, deinen Vater anzulügen?“

Er nahm einen Schluck, ballte seine Hand, die so groß und stark war, die ihre kleine Hand so beschützend festhalten konnte, wenn er ausnahmsweise mal nüchtern war und sie zusammen zum Friedhof spazierten, zur Faust.

„Denk mal drüber nach, ob man seinen Vater anlügen darf!“

Die Faust landete in ihrem Gesicht. Der Schmerz kam sofort. Tränen schossen ihr in die Augen, aber die Nässe in ihrem Gesicht kam hauptsächlich von dem Blut, welches aus ihrer Nase strömte. Papa hatte seinen Schnaps, Tochter war bestraft, er konnte sich zurück ziehen. Mama weinte auch, sie nahm Sarah in den Arm und reichte ihr ein Taschentuch. Das weiße Taschentuch färbte sich langsam rot. Sarah musste wieder an ihre Sandalen denken und wie schön weiß und rot doch zusammen aussehen.

„Irgendwann bin ich groß, dann zieh ich mir die roten Sandalen an und die weißen Spitzensöckchen, dann bin ich so schön und kann überall hin gehen. Dann wird mir nichts mehr passieren!“, dachte sie.

Sarah war das vierte von den fünf Kindern ihrer Eltern, das erste Mädchen. Dennoch hatte sie nur zwei Geschwister, denn Walter und Detlef waren vor Sarahs Geburt bei einem durch den Vater verursachten Autounfall gestorben. Obwohl sie ihre beiden älteren Brüder niemals kennengelernt hatte, waren sie doch sehr präsent. Überall in der kleinen Wohnung hingen Bilder von ihnen, Mama erzählte oft, wie brav die beiden doch gewesen waren. Sie hatte eine große Holzkiste, da waren ganz viele Fotos drin. Mama, Papa, Walter und Detlef im Urlaub, Mama, Papa, Walter und Detlef bei einem Schiffsausflug, Walter und Detlef unterm Weihnachtsbaum und ganz ganz viele mehr.

Sarah guckte gerne mit Mama die Fotos an, denn auf allen Fotos lachte Papa. Mama erzählte dann, dass Papa früher oft gelacht hat und nur selten mal ein Bier getrunken habe. Oft ging Mama mit den Kindern zum Friedhof, manchmal kam auch Papa mit. Sarah bemühte sich, immer brav zu sein, denn sie wusste ja, dass Mama so traurig war wegen Walter und Detlef. Sie wusste, dass sie niemals so brav sein könnte wie ihre verstorbenen Brüder es gewesen waren.

Mama sagte oft: „das hätten Walter und Detlef niemals getan“. Trotzdem wollte sie es versuchen, damit Mama wenigstens ein ein bisschen braves Ersatzkind hat.

Sarah ging gerne zur Schule. Sie hatte meistens eine eins im Diktat, da freute sich Mama und sogar Papa sagte dann manchmal: „Ich bin stolz auf dich!“ Besonders gerne mochte sie ihren Klassenlehrer Herrn Roth, der gleichzeitig der Direktor der Grundschule war. Er hatte viel Macht, aber er brüllte nie wie Papa und lobte Sarah für ihren Fleiß.

Als der Schulwechsel bevorstand, empfahl er das Gymnasium. Mama war sehr skeptisch. Die Familie wohnte nicht gerade im besten Viertel der Stadt, aufs Gymnasium gingen eigentlich nur Kinder der „besseren“ Familien. Hier gingen die Kinder nach der Grundschule zur Hauptschule, wenn`s hoch kam, zur Realschule. Nur selten wechselte ein Kind aus diesem Viertel aufs Gymnasium und wenn, dann war es meist ein Junge, denn „Mädchen heiraten ja eh“.

Mama hatte nur einen Volksschulabschluss, sie sagte:

„Ich kann dem Kind doch gar nicht helfen!“.

Aber Herr Roth erwiderte:

„Wenn ich der Meinung wäre, dass Sie Ihrem Kind helfen müssten, würde ich nicht das Gymnasium empfehlen. Ihre Tochter ist schlau, sie wird sich durchbeißen. Wenn etwas nicht sofort klappt, bleibt sie so lange dran, bis sie es geschafft hat. Geben Sie Ihrem Kind die Chance!“.

Er schaffte es, Mama zu überzeugen.

Irgendwann waren die roten Sandalen zu klein. Sarah besuchte inzwischen die neue Schule. Dort gab es sehr viele Kinder, viel mehr als auf der Schule, auf der sie vorher war, wo sie die meisten Kinder aus der Nachbarschaft kannte, von denen sie wusste, dass es dort auch Papas gab, die ihre Macht mit der Faust demonstrierten. Hier war eine andere Welt, hier wurden die Kinder von ihren Eltern ernst genommen, als Persönlichkeiten akzeptiert. Anfangs bemühte sie sich noch, dazu zu gehören, irgendwann aber erkannte sie, dass es Grenzen gab zwischen der heilen Welt dort und ihrer.

Da Papas Chef nicht mehr wollte, dass Papa bei ihm arbeitet, war er inzwischen den ganzen Tag zu Hause. Deshalb konnte sie niemanden zum Geburtstag einladen, sich mal spontan mit jemanden bei sich zu Hause treffen. Papa war unberechenbar und hätte alles hochpeinlich werden lassen können. Die Schulkameraden deuteten ihre Zurückhaltung in gesellschaftlichen Dingen als Arroganz und ignorierten sie weitgehend. Sarah war das ganz recht so, es ersparte ihr die Mühe, Ausreden zu finden.

Neben der Schule befand sich die Stadtbibliothek, dort ging Sarah gerne hin. In der Kinderabteilung gab es eine ganze Regalreihe voll mit Märchenbüchern, nicht nur die altbekannten der Gebrüder Grimm, sondern Märchen aus aller Welt. Die lieh sie sich aus und las von bösen Stiefmüttern, fürchterlichen Drachen, mächtigen Königen, schönen Prinzessinnen. Am meisten mochte sie jedoch die Märchen, in denen ein armes Kind, das immer von allen ausgenutzt oder ausgelacht wurde, den bösen Drachen besiegte, am Ende den Prinzen oder die Prinzessin heiratete und das halbe Königreich geschenkt bekam. Sie versank in diesen Geschichten, fühlte mit, wenn der Protagonist mal wieder furchtbar ungerecht behandelt wurde und freute sich, wenn dieser am Ende die Nase vorn hatte und die Widersacher ihre gerechte Strafe bekamen. Sie überlegte oft, was sie sich wünschen sollte, wenn die gute Fee kommt und ihr drei Wünsche gewährt und kam sich unglaublich raffiniert vor, als sie sich vornahm, sich als letzten der drei Wünsche weitere drei Wünsche zu wünschen.

Nach und nach aber wurde ihr klar, dass Märchen eben nur Märchen sind und die gute Fee im wahren Leben nur selten erscheint.

1. Kapitel

Der Leib Christi

Mama war krank. Sie lag den ganzen Tag im Bett und legte sich einen kalten Waschlappen auf ihr Herz, weil es so weh tat. Sarah hatte Angst. Jedes Mal, wenn sie in der Schule war und die Sirenen eines Einsatzfahrzeuges hörte, dachte sie, es ist Mama, die abgeholt und ins Krankenhaus gebracht wird. Irgendwann war es wirklich so weit, Mama lag im Krankenhaus. Jetzt war niemand mehr da, der den Schnaps verstecken konnte. Der Vorteil war, dass Papa jetzt immer betrunken war und deshalb viel schlief. Sarah war besorgt wegen Mama.

In jener Zeit versuchte sie, Trost in der Religion zu finden. Sie ging jeden Sonntag in die katholische Kirche, war Mitglied im Kinderchor und im Kinderliturgiekreis. Kinderchor war super, hin und wieder gab es „Auftritte“ bei Volksfesten oder Gemeindefeiern. Im Kinderliturgiekreis traf man sich donnerstags, um die Kindermesse am Sonntag vorzubereiten. Zu den Aufgaben gehörte es, Fürbitten zu formulieren und in der Messe vorzutragen. Darin war Sarah richtig gut. Oft durfte sie die von ihr formulierten Fürbitten aufsagen. Sie kam sich dann immer wie ein Popstar vor – vorne vorm Altar am Mikrofon, und alle hörten ihr zu. Im Liturgiekreis bereiteten sie auch Veranstaltungen für das örtliche Altersheim vor.

Im Herbst dachte der Pfarrer, dass es ganz nett wäre, wenn die Kinder den alten Leuten zum Sonntagskaffee die Geschichte des heiligen St. Martin vorspielten. Sarah dachte sich, dass sie gerne einen ihrer drei Wünsche geopfert hätte, um die Hauptrolle – nämlich die des heiligen Martin – zu bekommen. Und – auch, wenn es gute Feen eigentlich gar nicht gibt – manchmal hilft magisches Denken. Sarah würde St. Martin sein für den einen Tag. Der Pfarrer gab ihr roten Stoff, der als Mantelersatzumhang dienen sollte, und den Auftrag, diesen durchzuschneiden und ganz locker wieder zusammenzunähen, damit die Mantelteilung während der Vorstellung klappt.

Mama hatte aus dem Krankenhaus heraus organisiert, dass Oma während ihrer Abwesenheit auf die Kinder aufpasste. Sarah liebte ihre Oma, die Mama ihres Papas. Oma war streng, sehr streng – aber sie war niemals ungerecht. Auch Papa wusste, dass Oma streng ist, deshalb lief es eigentlich ganz gut zu Hause. Er soff zwar weiterhin, tobte aber nur selten. Oma half Sarah bei der Mantelvorbereitung. Sarah war stolz. Der rote Stoff war geteilt und locker zusammengenäht, Sarah dachte oft daran, wie gerührt die alten Leute sein würden, wenn sie den „Mantel“ von ihren Schultern nehmen, ihn mangels Schwert in zwei Teile zerreißen und die eine Mantelhälfte mit den dramatischen Worten: „Da – nimm!“ an den Bettler geben würde.

Dann - der große Tag, die große Stunde, der große Augenblick – Sarah alias St. Martin nahm den roten Billigstoff alias Mantel von den Schultern, die Nahtstelle zwischen ihren Händen, die großen Worte: „da – nimm!“ auf ihren Lippen …

Sarah liebte Oma – sie hatte zwei Weltkriege überstanden, dabei Kinder und Brüder verloren, doch sie lebte immer noch. Oma war es gewöhnt, alles, was sie tat, ordentlich zu machen. Sie hatte die zwei „Mantel“ – Teile gut zusammengenäht. Sarah riss und zerrte – der Mantel wollte sich nicht teilen lassen. Die alten Leute lachten – sie wollte weinen und im Erdboden versinken. Irgendwann klappte es dann doch noch, der Mantel war geteilt, die alten Leute zufrieden und Sarah gerettet.

Der Höhepunkt der Sonntagsmesse war die Verteilung der Hostie, die der Pfarrer mit den Worten: „der Leib Christi“ jedem einzelnen Gemeindemitglied übergab. Sarah sah das jedes Mal als Geschenk an. Eines Sonntags, als sie Mama wieder Mal so schrecklich vermisste, legte sie sich die Hostie in den Mund, kniete nieder, blickte sich nach links und rechts um – ein bisschen peinlich war das ja schon - und holte sich den Leib Christi heimlich wieder aus ihrem Mund. Sie würde ihn Mama zukommen lassen, die ja, weil so krank war, den Leib Christi nicht selbst in Empfang nehmen konnte. Und dann würde alles wieder gut werden.

Sarah durfte Mama nur selten besuchen. Der Zugang zur psychiatrischen Station war Kindern unter 14 Jahren verboten, und Mama war meistens noch zu schwach, um runter zu kommen, um Sarah zu sehen. In der Woche nach dem „Leib-Christi-Diebstahl“ klappte es. Sarah übergab Mama feierlich das angelutschte Stück mit den Worten: „ Wenn du das isst, wird alles wieder gut!“. Mama nahm es gerührt, aß es.

Aber gut wurde gar nichts.

Gute Feen halfen nicht, der Leib Christi wohl auch nicht … Da musste wohl was anderes her.

2. Kapitel

Die große weite Welt

Sarah hatte eine Freundin gefunden. Die Lehrer an ihrer Schule hielten es für eine gute Idee, die rebellische Elisabeth neben die stille, niemals aufmüpfige Sarah zu setzen, damit sich Elisabeth ein Beispiel daran nimmt, wie man sich in der Schule zu verhalten habe. Falsch gedacht – anstatt Elisabeth die aus Lehrersicht guten Eigenschaften annahm, verhielt es sich umgekehrt.

Elisabeth lehrte die mittlerweile zwölfjährige Sarah, wie man richtig raucht und wie man sich interessierten Jungs gegenüber zu verhalten habe. Elisabeth zeigte Sarah, dass es außer Märchen und Kirche und Schule und zu Hause auch noch was anderes gab, nämlich die Musik. Der Leib Christi wurde uninteressant, Musik wurde zu Sarahs Religion. Vor allem die Texte, die Poesie, die genialen Wortspielereien von Udo Lindenberg berührten sie zutiefst.

Zu jener Zeit verbrachte sie fast jedes Wochenende bei Elisabeth. Sie hatte ein eigenes Zimmer, für Sarah der Inbegriff der Freiheit. Elisabeth und Sarah redeten viel, über die Schule, über die Jungs, über die ersten Knutschereien mit diesen, über die Musik. Auch Elisabeths Elternhaus war nicht so das Bilderbuchmäßige, aber Sarah kam es so vor, als ob es Elisabeth nicht so sehr störe. Sarah bewunderte sie dafür, dass sie den Eindruck vermittelte, dass sie über all diesen Dingen stand, dass sie so stark wirkte. Das war die Zeit, in der Sarah sich vornahm, sich nur noch auf sich selbst zu verlassen und niemandem – außer dem Stoffbären Peter und Elisabeth vielleicht - ihre Gedanken anzuvertrauen. Sie wollte auch stark sein, so stark wie Elisabeth, stark allein.

Mit vierzehn nahm Sarah einen Nebenjob an. Jeden Mittwoch- und Freitagnachmittag arbeitete sie in einer Reinigung, legte schmutzige Kleidung in die Maschine, holte saubere raus und übergab sie den Kunden. Es war kein Job, der Freude machte, vor allem hatte sie immer Angst, dass der Chef ihr wahres Alter erfahren könnte. Sie hatte sich für sechszehn ausgegeben, um den Job zu erhalten.

Aber sie verdiente Geld, für ihre Verhältnisse unbeschreiblich viel Geld, welches sie sparte. Sie hatte ein Sparbuch und brachte ihren Verdienst jede Woche zur Bank, damit er sicher ist. Früher hatte sie eine Spardose – nein, nicht eine, sondern mehrere. Von ihrem mageren Taschengeld hatte sie schon immer versucht, etwas zurück zulegen, für alle möglichen Ereignisse. Sie hatte eine Spardose für Geschenke, eine Spardose für Süßigkeiten, eine Spardose für Bücher, eine für „mal gucken, wofür ich es brauchen kann“. Leider wusste aber auch Papa von ihren Spardosen, die dann ab und an auch mal aufgebrochen wurden, wenn Mama mal wieder das Geld versteckt hatte, damit sich Papa keinen Schnaps kaufen konnte.

Ihr Sparbuch war sicher, sie trug es immer bei sich. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Freiheit. Die erste große Ausgabe, die sie von ihrem Sparbuch tätigte, war eine Reise mit einer Jugendgruppe nach England, die sie zusammen mit Elisabeth machte. Sie wären lieber alleine gefahren, aber da spielten die Eltern nicht mit. Unter der Obhut der Sprachreisengruppenleiter erhielten sie die Erlaubnis, die Reise antreten zu dürfen.

Sarah war noch nie im Ausland gewesen. Sie hatte zwar gelernt, dass die Menschen in England englisch redeten, fand es aber trotzdem faszinierend, dass es auch tatsächlich so ist. Sarah konnte gut Englisch, nicht wegen des Englischunterrichts an ihrer Schule, sondern, weil sie außer Udo Lindenberg auch andere Musik hörte, zumeist in englischer Sprache. Für Sarah waren vor allem die Texte wichtig, die wollte sie verstehen. In Ermangelung des zu dieser Zeit noch nicht existierenden Internets hörte sie die Lieder immer wieder, versuchte, die ihr unbekannten Vokabeln im Wörterbuch nachzuschlagen und war immer glücklich, wenn sie so nach und nach den Sinn der Texte verstand. Oft war der Inhalt enttäuschend, manchmal aber auch nicht. Immer wieder fand sie Lieder, deren Texte ihr neue Kraft gaben.

Elisabeth und Sarah verbrachten eine schöne Zeit in einer kleinen Stadt in der Nähe von Oxford. Sie machten Ausflüge in die Umgebung, auch nach London. Sarah war sehr angetan von dieser Stadt, von dem Hauch der Freiheit, den sie in London zu verspüren glaubte, von der Pracht des königlichen Palastes, bei dessen Anblick sie sich wieder in ihre Märchenwelt zurückversetzt vorkam. Es kam Sarah vor, als ob England so anders sei als das steife Deutschland mit seinen unglaublich vielen Vorschriften …

Am letzten Abend fand ein Barbecue statt, auf einem Feld neben der Themse. Es gab ein Lagerfeuer, es war ein wunderschöner Sommerabend. Als es langsam dunkel wurde, tauchte das Feuer die Veranstaltung in ein magisches Licht. Am Lagerfeuer saß ein Junge mit langen Haaren und einer Gitarre, der darauf Lieder von Bob Dylan spielte und dazu sang. Sein Name war George, niemand wusste so genau, wieso er dort war, aber das war ja auch egal. Sowohl Elisabeth als auch Sarah waren sofort verliebt in diesen Jungen. Er konnte Gitarre spielen und so schön singen und – er war Engländer.

Auch die schönsten, romantischsten Lagerfeuersommerabende enden irgendwann – die Realität kennt keine Gnade. Sarah und Elisabeth mussten zurück nach Deutschland. Sie beschlossen, AUF JEDEN FALL im nächsten Sommer zurückzukommen.

Sarah arbeitete neben der Schule weiterhin in der Reinigung. Sie wusste ja jetzt, wofür. Der nächste Sommer kam, Arbeit lohnt sich eben, die Ersparnisse reichten. Die mittlerweile stolze fünfzehn Jahre alten Freundinnen kehrten zurück in die kleine Stadt next to Oxford. Untergebracht in einer Familie mit fünf Kindern knüpften sie nahtlos an den letzten Sommer an. Es kam Sarah vor, als ob die elf Monate, die seit dem Englandssommernachtslagerfeuerabend vergangen waren, nie stattgefunden hätten. Sie fühlte sich zu Hause, heimgekehrt.

Die Stadt war klein, schon am ersten Abend, als sie über die Hauptstraße schlenderten, sahen sie George, den Jungen mit der Gitarre. Sie beobachteten, wie er in einen Bus stieg. Nicht lange überlegen, tun … Sie schafften es gerade noch, ebenfalls in den Bus einzusteigen. George hatte die Mädchen wohl nicht erkannt, ein paar Haltestellen später stieg er aus, Sarah und Elisabeth ebenso. Sie folgten ihm und landeten auf dem Schulhof einer Schule. Dort fand ein Sommerfest für ehemalige und aktuelle Schüler dieser Schule statt. In gebührender Entfernung beobachteten sie, wie George sich zu einer Gruppe weiterer Jungs stellte. Sarah und Elisabeth diskutierten, wie man ganz unauffällig Kontakt aufnehmen könne – sie trauten sich nicht, ihn anzusprechen.

Dann – George bemerkte sie, man kam ins Gespräch. Georges bester Freund Marc war einer der Jungs der Gruppe. Er sah Sarah an und sie ihn … beide wussten sofort, dass irgendwas passieren würde.

Es passierte das Jahr darauf. Elisabeth war inzwischen Georges Freundin, oder, andersherum betrachtet, George Elisabeths Freund. Marc war sehr schüchtern, Sarah auch. Man traf sich zu viert, spazierte durch die Wiesen und Felder neben der Themse und betrieb Völkerverständigung der besonderen Art. Nach ein paar Tagen war`s geschafft. Nicht nur Elisabeth und George, sondern auch Marc und Sarah waren ein Paar. Sarah war sechszehn, Marc zwanzig. Sarah hatte sich oft über das berühmte „erste Mal“ Gedanken gemacht, darüber nachgedacht, wie es wohl sein würde … sie erfuhr es in diesem Sommer.

Marcs Eltern waren nicht zu Hause, die beiden waren alleine in seiner elterlichen Wohnung. Auch Marc spielte Gitarre, viel besser als Sarah. Egal – Sarah nahm seine Gitarre und spielte ein Lied von Udo Lindenberg, dessen Sinn sich Marc mangels Deutschkenntnissen natürlich nicht erschließen konnte, aber das spielte keine Rolle.

Sie sahen sich an, sie wussten, es ist soweit … Marc nahm Sarah die Gitarre aus den Händen, legte sie zur Seite, nahm Sarah sanft in den Arm. Sie sahen sich an und küssten sich, ganz weich, ganz zärtlich. Sarah hatte immer Angst gehabt, etwas „falsch“ zu machen, aber hier gab`s kein „Richtig“ und kein „Falsch“. Es war ein magischer Moment. Für beide war es das erste Mal, etwas, was für immer tief im Gedächtnis bleiben wird.

Leider endete auch dieser Sommer. Die Zeit von Billigflügen und Internet war noch nicht angebrochen, ein Briefwechsel dauerte bis zu zehn Tagen. Sarah liebte Marcs Briefe, die immer als Luftpostbriefe in himmelblauen, mit an den Rändern blau-roten Streifen versehenden Umschlägen ankamen. Sie legte sie sich unter ihr Kopfkissen, las sie, wieder und wieder. Er konnte so schön schreiben, seine Zeilen trugen sie durch den Alltag, gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit und des geliebt Werdens.

Zu Ostern des folgenden Jahres hatte Marc genug Geld gespart, um nach Deutschland zu reisen. Sarah holte ihn vom Bahnhof ab, wagte es sich, ihn ihren Eltern vorzustellen, obwohl er kein Wort Deutsch sprach und Mama und Papa kein Wort Englisch. Trotzdem klappte es, irgendwie. Auch Jahrzehnte später, als Mama schon eine alte Frau war, sagte sie noch manchmal: „Der Marc war so richtig nett!“

Im Sommer, als Sarah ihren siebzehnten Geburtstag feierte und Marc seinen 21., durfte sie dank Omas Intervention (wer hätte gedacht, dass die so konservative Oma Mama und Papa überzeugen konnte, die Zustimmung zu geben?) mit Marc verreisen. Er kam nach Deutschland, sie trafen sich am Bahnhof und begaben sich mit Rucksack und Zelt auf die große Fahrt. Ziel war ein Campingplatz in Lausanne, gelegen am Genfer See. Ein Engländer und eine Deutsche in der französischen Schweiz … Vive l`Europe.

Die Sommer der frühen 80er waren der Rückhalt Sarahs für das ganze Jahr. Doch das Leben ging natürlich auch in den anderen Jahreszeiten weiter. Sie hatte sich distanziert von „zu Hause“, sie wollte unabhängig sein von Mama und Papa. Sie wollte ein eigenes, selbstbestimmtes Leben, Unabhängigkeit. Sie zählte die Tage bis zu ihrem 18. Geburtstag, wollte alles besser machen als ihre Eltern, wollte ihnen zeigen, dass es sowas wie eine „glückliche Familie“ geben kann und stellte sich ihre zukünftige eigene schon in Gedanken vor. Aber das hatte noch viel Zeit.

Immer, wenn sie traurig war und Marc vermisste oder wütend oder ängstlich, hörte sie die Lieder von Udo Lindenberg. Für jede Lebenslage hatte er die richtigen Worte parat. Sie wollte so frei sein wie er, das sagen dürfen, was sie fühlt und sich über all die Dinge auslassen können, die sie als ungerecht empfand. Ein Highlight war sein Konzert in ihrer Heimatstadt, welches sie zusammen mit Elisabeth besuchte. Es war das erste Mal, dass sie ihn live erlebte, es kam ihr vor wie ein Traum. Dieser Mann, dessen Texte sie wieder und wieder gehört hatte, existierte wirklich, war keine Märchenfigur und wohnte auch nicht im Himmel. Klar, sie war kein Kleinkind mehr und konnte durchaus zwischen Realität und Traumwelt unterscheiden, trotzdem konnte sie kaum glauben, was sie sah. Es war nicht nur ein Konzert, es war eine Riesenshow. Seltsame Gestalten huschten über die Bühne, großes Theater. Sie war fasziniert.

Marc hatte sich für die Weihnachtsferien angesagt, Sarah zählte die Tage bis dahin. Er war Student, sein Nebenjob brachte ihm nicht sehr viel ein. Anfang November dann die Nachricht, dass er bis Weihnachten nicht genug Geld gespart haben würde, um nach Deutschland zu kommen, man müsse es auf Ostern verschieben. Sarah war traurig, wütend, enttäuscht.

Nach wie vor traf sie sich mit Elisabeth, oft gingen sie zusammen in ein irisches Pub in ihrer Stadt, immerhin sprach man dort Englisch. Kurz nach Erhalt des weihnachtsfeierabsagenden Briefs begegnete sie dort Franz. Franz sah gut aus, das wusste er auch. Er sprach Sarah an, machte ihr Komplimente. Sarah liebte Marc, aber er war nicht da, er würde es erst in einem knappen halben Jahr wieder sein. Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit, wenn man erst siebzehn ist und sich nach Zärtlichkeit sehnt.

3. Kapitel

Der schöne Franz

Es kam wie es kommen musste. 600 km Entfernung, kein Internet, keine Flatrate, keine Billigflieger … Zu hart für zwei so junge Menschen. Noch am selben Abend schaffte es der in den Augen Sarahs so selbstsichere Franz, ihren Traum von einem Leben in England mit Marc und der im Geiste schon gegründeten happy family ins Wanken zu bringen.

Sarah verabredete sich mit Franz für den nächsten Abend. Es blieb nicht bei dieser einen Verabredung, Wiederholungen folgten. Schon zwei Wochen später schrieb Sarah den für viele Jahre letzten Brief an Marc – sie stand vor dem gelben Briefkasten, der schon viele Botschaften von ihr geschluckt hatte. Minutenlang hielt sie den Brief in der Hand, schloss schließlich die Augen, öffnete die Klappe und warf ihn ein. Sie wusste, in ein paar Tagen würde Marc ihn öffnen und lesen. Bedrückt ging sie nach Hause, legte eine Platte von Udo Lindenberg auf und kam sich schäbig vor. Aber andererseits … Franz war hier, Marc nicht.

Franz wohnte noch bei seinen Eltern, aber er hatte ein Auto, immerhin. Jeden Abend, wenn Franz Sarah nach Hause brachte, legten sie noch einen Zwischenstopp auf einem einsam gelegenen Parkplatz ein. Sarah wünschte sich einen Ort, an dem sie ungestört alleine sein könnten, ohne ständig Angst haben zu müssen, unerwünschte Zuschauer beim Austausch von Intimitäten zu haben … Sie sahen sich nun fast jeden Abend, immer mit dem Limit 22:00 Uhr, das die mittlerweile 17 ½ jährige Sarah von Mama und Papa auferlegt bekommen hatte. Sie fühlte sich so eingeengt, wollte endlich raus aus dem kleinen, mit den Geschwistern zu teilenden Kinderzimmer, weg vom besoffenem Papa und der weinenden Mama.

Noch ein halbes Jahr, dann würde sie achtzehn, dann wäre sie frei … Der große Showdown kam früher. Sarah hatte sich informiert. In ihrer Stadt gab es eine Schule, die Erzieher ausbildet. Sie mochte Kinder, wozu Abitur, eine Ausbildung ist doch auch was Feines … An diese Schule angeschlossen war ein Wohnheim, in dem man für wenig Geld ein Zimmer mieten konnte, ein EIGENES. Es gab zwar ein Gemeinschaftsbad und eine Gemeinschaftsküche, aber egal. Problem war, dass Minderjährige die Unterschrift der Eltern brauchten.

Noch lange schämte sie sich im Nachhinein für die Vorwürfe, die sie Mama machte, um deren Unterschrift zu bekommen, aber sie schaffte es. Drei Monate vor ihrem achtzehnten Geburtstag zog sie ein und begann die Ausbildung zur Erzieherin. In dem irischen Pub, in welchem Sarah inzwischen Stammgast war, wurde eine Bedienung gesucht, Sarah bewarb sich, bekam den Job und konnte sich so die sehr günstige Miete leisten. Sarah fühlte sich wie im siebten Himmel. Sie hatte eine Tür, die sie hinter sich zu machen konnte, und jemand anderes kam dort nur rein, wenn sie es wollte.

Sie wollte oft, dass Franz rein kam. In den ersten Monaten wollte er es auch, aber irgendwann gab es immer wieder Gründe, warum er nicht kommen konnte.

Wer so schön ist wie Franz, ist ständig Verlockungen ausgesetzt, das muss man doch verstehen … Sarah verstand es nicht. Sie war wütend, verletzt, enttäuscht. Sie träumte von einem Leben mit ihm, ganz konservativ mit Kindern und Treue und füreinander da sein. Franz hielt nicht viel von diesen Plänen, Kinder nerven nur und kosten Geld, und sich für ein ganzes Leben festlegen? Nein.

„Ich liebe dich, aber wer sagt mir, dass das nächstes Jahr immer noch so ist? Kinder sind ein Klotz am Bein und heiraten ist was für Spießer!“

Sarah war noch zu jung und zu einsam, um darauf die einzig richtige Antwort: „Dann verpiss dich doch!“ zu geben, was sie im Nachhinein oft bereute.

Es gab so etwas wie einen Wohnheimleiter, der im Nebenjob ab und zu, hauptsächlich für Verwaltungsangelegenheiten, vor Ort war. Er war um die dreißig, studierte Sport und Religion – in Sarahs Augen eine abstruse Kombination - und das schon ziemlich lange, gut Ding will Weile haben. Die überwiegend weiblichen, fast alle um einige Jahre älteren Bewohnerinnen des Wohnheims fanden ihn „süß“. Sarah hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, ob sie die Geschmacksempfindungen ihrer Nachbarinnen teilen sollte, sie hatte ja Franz. Außerdem war Stefan „alt“.

An einem Abend, als sie wiedermal von einer anderweitigen Vergnügung Franz` erfahren hatte, war Stefan in seinem Büro. Sie trafen sich zufällig vor dem Eingang, Stefan bemerkte Sarahs gerötete Augen und fragte, was los sei. Sarah war gerade achtzehn und hatte noch nicht erkannt, dass nicht alle Männer, die sich freundlich geben, das aus purer Nettigkeit und ganz ohne Hintergedanken tun. Stefan schlug ihr vor, dass man sich doch auch mal außerhalb des Wohnheims treffen könne, um in Ruhe quatschen zu können.

Sie trafen sich in einer nahegelegenen Kneipe. Sarah erzählte Stefan von dem, was sie bedrückte. Er tat sehr verständnisvoll und nahm sie tröstend in den Arm, bat aber gleichzeitig darum, den Nachbarinnen nichts von diesem Treffen zu erzählen. Als er sie plötzlich küsste, war sie sehr überrascht. Sie empfand nichts dabei, aber sie glaubte ihm, als er sagte, dass Franz das verdient habe. Sie ließ sich zu einem weiteren Treffen bei Stefan zu Hause überreden, dort könne man ja weiter reden.

Es folgten noch einige Jahre und viele Stefans, bis Sarah endlich erkannte, dass das nicht das war, wonach sie suchte. Sie merkte, dass sie jedes Mal, wenn sie sich mit einem „Stefan“ bei Franz revanchierte, für ihn interessanter wurde – was aber nicht bedeutete, dass er nicht weiterhin diverse Damen beglückte, obwohl sie mittlerweile zusammen wohnten.

Franz hatte einen Freund, Gerhard, ein seriöser Beamter, der irgendwie überhaupt nicht zu ihm passte. Gerhard war genau das Gegenteil von Franz, still, zurückgezogen und häuslich. Hin und wieder unternahmen sie etwas zu dritt. Eines Nachts, als Franz schon schlief, kamen sie sich näher. Sarah fühlte, dass das mehr war als nur eine der vielen „Retourkutschen“, die Franz „bestrafen“ sollten und Sarah eine Art Selbstbestätigung vermittelten, wenn auch mit einem schlechten Nachgeschmack. Ja, ihr Körper kam gut an bei den Männern, aber sie selbst, ihr Innerstes, unabhängig vom äußeren Erscheinungsbild? Sie wusste es nicht.

Bei Gerhard hatte sie das Gefühl, dass er sich wirklich für sie interessierte. Es dauerte nur ein paar Wochen, bis Sarah Franz voller Großmut mitteilte, dass er wieder „frei“ sei. Sie hatten dieses Spielchen schon so oft gehabt, aber diesmal merkte er, dass es wirklich ernst war, was einen spontanen Einstellungswechsel bei ihm bewirkte:

„Bleib bei mir, ich liebe dich doch! Wir gehen morgen zum Standesamt und bestellen das Aufgebot, und ich mach dir sofort ein Kind!“ Zu spät – zum Glück … Die Episode Franz war nach fast sechs Jahren abgeschlossen, Sarah hatte sie mit einem „blauen Auge“, aber ohne Folgeschäden, überstanden.

4. Kapitel

Der Traum vom großen Glück

Sarah war glücklich. Es schien, als ob sie mit Gerhard endlich das gefunden hätte, wonach sie sich immer gesehnt hatte – einen Mann, der zu ihr steht, der immer für sie da ist und sie niemals enttäuschen wird. Es dauerte nicht lange, bis sie bei ihm einzog. Sie gingen nicht aus, wozu? Sie hatten ja sich.

Sarah arbeitete neben ihrer Ausbildung zur Versicherungskauffrau, die sie nach ihrer Erzieherausbildung angefangen hatte, weiterhin im Irish Pub, immer montags. Nachdem sie um ein Uhr nachts – wenn sie Glück hatte – den Laden abgeschlossen hatte, musste sie noch die Abrechnung machen und die Geldkassette mit den Tageseinnahmen zum Nachttresor bringen.

Früher hatte sie immer Angst, wenn sie sich mitten in der Nacht mit jeder Menge Bargeld auf den Weg machte. Aber jetzt nicht mehr. Gerhard erschien, pünktlich wie ein Uhrwerk, jeden Montag (naja, eigentlich Dienstag) kurz nach Mitternacht, trank einen Kaffee und begleitete Sarah zum Nachttresor. Es folgte für beide eine kurze Nacht, dienstags mussten beide früh wieder arbeiten. Sie waren ein eingespieltes Team. Alles war so einfach, so planbar, so verlässlich … Jeden Samstag zu Sarahs Eltern, jeden Sonntag zu Gerhards. Papa beherrschte sich, nur selten war er betrunken, wenn Sarah mit Gerhard erschien.

Als Sarah nach eineinhalb Jahren berichtete, dass sie und Gerhard im Mai heiraten würden, waren sowohl Papa als auch Mama zufrieden. Sarah auch – sie fühlte sich angekommen in einer Welt ohne Gewalt, ohne Angst. Was machte es schon, dass sie nicht viel empfand, wenn Gerhard sie berührte? Er würde für sie da sein, für sie und ihre zukünftigen gemeinsamen Kinder, da war sie sich ganz sicher. Die Ausbildung hatte Sarah als Jahrgangsbeste abgeschlossen, sie hatte einen sicheren Job, Gerhard als Beamter sowieso. Ihr konnte nichts mehr passieren.

Sie heirateten am 17. Mai, Udos Geburtstag, das musste ja Glück bringen. Die Hochzeit war kein großes Fest. Nur die engste Familie war eingeladen, die Hochzeitskleidung günstig erworben, der Ehering zwar der billigste, der zu finden war, aber immerhin aus Gold. Wozu Geld verschwenden? Beide sagten „ja“, als der Standesbeamte die Frage aller Fragen stellte. Die anschließende Feier fand in einem Lokal in der Nähe des Standesamtes statt. Sie hatten sich Geld gewünscht, die Gäste folgten ihrem Wunsch. Am späten Nachmittag war die Feier vorbei, sie kamen nach Hause und waren verheiratet.

Als Sarah noch ein kleines, naives Mädchen war, hatte sie immer gedacht, der Moment, an dem man als frischgebackenes Ehepaar nach der Hochzeitsfeier endlich alleine ist, müsse der Augenblick sein, wo sich Mann und Frau nur noch küssen.