Staubwischen - Anneliese Kachel - E-Book

Staubwischen E-Book

Anneliese Kachel

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Beschreibung

Das Buch "Staubwischen" ist für die Familie, Verwandte und Freunde geschrieben.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die 1934 in Tambach-Dietharz geborene Autorin Anneliese Kachel, geborene Raab, führte gemeinsam mit ihrem Mann Günter Kachel ihren in der DDR gegründeten Betrieb für Damenschuhe.

Nach der Enteignung 1972 beschäftigte sie sich in den Bereichen der Darstellenden Künste. Dabei erreichte sie in den Genres Gesang, Tanz und Schauspiel beachtliche Erfolge.

Genauso erfolgreich bewegte sie sich später zwischen ihren Tätigkeiten als Stadträtin, Mannequin und Journalistin.

Anneliese Kachel fing bereits 2004 mit dem Schreiben von Erzählungen an. Einige davon, zum Beispiel "Die Zeit der Schokolade", wurden in der Thüringischen Landeszeitung mit gutem Echo veröffentlicht.

Das nun erscheinende Buch "Staubwischen" ist also kein Zufall, sondern ganz folgerichtig und vor allem für die Familie, Verwandte und Freunde geschrieben.

Inhaltsverzeichnis

Dreck im Salat

Walzer im 4/4-Takt

Herbslebener Wurstereien

Pellkartoffeln oder Graupen

Zeit der Schokolade

Kammertheater

Guten Morgen, neue Zeit

Ausgangssperre in der Hochzeitsnacht

Ein kurzer Sommer in Berlin oder das Theater mit mir

Fünf Schritte zum Klavier

Verstaatlichung der Schuhfabrik Günter Kachel

Vom Stöckelschuh zum Spitzenschuh

Märchen für B.

Aus dem verschwundenen Land

Ein Cleverle

Glanz in Scherben

Morgenerwachen

Anneka bringt Schwung an die Quellen der Apfelstädt

Pfauenschöne Wünsche

An Budapest

Für B. Dancs

Tannenbäumchen und Wind

Spiegelglatt

Verletzbarkeit des Lebens

Kurze Bilanz

Der alte Apfelbaum

Nebel kniet in unserer Straße

Leben

Für Cordula von Mutti

Aus dem Fotoalbum

Fotoverzeichnis

Einen besonderen Dank möchte ich meinem Lebensgefährten Bèla Dancs für seine endlose Geduld und die große Unterstützung aussprechen. Ohne seine Vorschläge, die mich immer wieder neu ermunterten, wäre dieses Buch nicht entstanden.

Ebenso bedanke ich mich bei Dr. Thomas Gärtner und Roswitha Kaupe für deren Hilfe.

In meinem Erzählband „Staubwischen“ geht es nicht darum, dass ich unbedingt in mir aufräumen muss.

Durch vergangene Zeit und Räume zu schlendern, ist für mich ein schöner Zeitvertreib.

Erinnerungen sind genauso mit Staub belegt wie die Bücher in den Regalen. Wenn ich sie in meinen Gedanken vorsichtig berühre, wirbelt zuerst eine Schicht feinster Wölkchen auf. Dann aber, wenn sich der Vorhang hebt wie im Kino, sehe ich sehr deutlich die bewegten Bilder aus meiner Zeit. Manches erscheint nur sehr kurz, anderes nimmt mehr Raum ein.

Von diesem, meinem Kopfkino, möchte ich in erster Linie meiner Tochter Cordula und meinen Enkelkindern Jan und René erzählen.

Dreck im Salat

Wir mussten bei meinen Großeltern wohnen. Unser Haus war von den Amerikanern zu einem Lazarett umfunktioniert worden. Das dortige Mittagessen war für mich immer eine kleine Strapaze. Alle Familienmitglieder und drei Gesellen, mein Opa war Schuhmachermeister, saßen an einem langen, braunen Tisch mit dicken Beinen und einer starken, fast weiß gescheuerten Tischplatte, im Wohnzimmer neben der Werkstatt.

Tante Mariechen hockte oben an der schmalen Tischseite. Sie spielte das Oberhaupt in dieser Großfamilie, obwohl Oma gesund und munter an Körper und Geist war, hatte sie sich auf den zweiten Platz in der Hierarchie zurückgezogen. Am anderen Tischende hatte Großvater Karl auf seinem Patriarchensitz Platz genommen. Der Stuhl war unantastbar. Auch wenn Opa Karl nicht da war, wagte es keiner, sich darauf zu setzen. Oma Ernestine hatte rechts neben ihm ihren Platz. Ich habe alle gezählt, mit zehn Jahren war das für mich kein Problem. Neun Männer, Frauen und vier Kinder hatten vor den dampfenden Schüsseln Platz genommen. Für mich war es jedes Mal ein Martyrium, denn jeden Mittag geschah etwas, womit Tante Mariechen, ein niedlicher Name für diese harte Frau, Gelegenheit bekam, uns Kinder und unsere liebe Mama zu blamieren.

Einmal erbrach ich fast in die Krümel-Suppe. Sie bestand aus Milch mit kleinen Klümpchen, so dass mich der Anblick schon fertig machte. Ich würgte die Suppe unter dem scharfen Blick von Mariechen hinunter und mein Mund wurde immer voller. Die Gesellen tuschelten schon und warteten nur auf den Augenblick, dass die ganze Brühe auf dem Tisch landete.

Plötzlich krachte der Eichentisch gewaltig. Die Faust von Opa war darauf gelandet.

„Lasst das Määchen in Ruh!“

Absolute Stille im Wohnzimmer. Er schaute mich an und lächelte: “Du bist doch meine Blitznorbel, auch wenn dir Mariechens Milchsuppe nicht schmeckt!“

Er löffelte seine Krümelsuppe, aber ich brauchte nicht weiter zu essen.

Am nächsten Tag gab es Spiegeleier und Blättersalat. Ein seltenes Essen, worauf ich mich sehr freute, denn das war eine besondere Mahlzeit. Gemüse bekam man nur gegen Tauschobjekte. Opa reparierte dafür ein paar Schuhe.

Mein Gaumen wurde schon feucht in Erwartung auf das letzte große Salatblatt, viel mehr war für mich nicht übrig. Mein allerliebstes Tantchen Mariechen schaute mit Argusaugen zu uns herüber, damit wir Kinder ja nicht zu viel von den köstlichen Salatblättern abbekamen. Gott sei Dank wusste sie nicht, dass Oma Ernestine ihre so „kinderliebe“ und wachsame Schwiegertochter trotzdem manchmal austrickste. Sie gab uns Kindern heimlich ein Glas Milch. Ich mag keine Milch, aber meine Geschwister waren ganz verrückt danach.

Also saßen wir alle, Tante Mariechen, Onkel Paul, die Großeltern, die Gesellen, meine Mutter, wir vier Kinder und das Hausmädchen aus Pommern am Eßtisch. Unsere pommersche Nudel, wie sie Onkel Paul immer nannte, war aus ihrer Heimat vor den Russen geflüchtet. So richtig habe ich das alles nicht verstanden. Aber dass sie von ihrer Heimat weg musste, fand ich sehr traurig.

Anna war blond und rund und hatte immer eine weiße Schürze um. Zu mir sprach sie liebevoll: “Mein kleines Lieschen, du kannst so wunderschön singen. Auf meiner Hochzeit wirst du mir die große Freude machen und ein Lied vor meinen Gästen vortragen.“ So kam es auch und ich erhielt mein erstes selbst verdientes Geld, zehn Mark! Das war wundervoll.

Heute saß ich in der Stube der Großeltern an dem riesigen Eichentisch beim Mittagessen. Das Salatblatt schmeckte fantastisch. Mutter sah meine bettelnden Augen und nahm die Schüssel, kippte sie ein wenig und fischte das letzte Blättchen für mich heraus. Ich sah voller Begeisterung in die Salatschüssel und sagte: „Es schmeckt genauso wie bei uns zu Hause, aber bei Mutter ist in der Brühe immer noch ein bisschen Dreck!“

Alle lachten.

Aber Mariechen erstarrte, mit scharfer Stimme schrie sie über den Tisch: „Das ist gemahlener Pfeffer, das ist kein Dreck!!!“

Meine Mutter stand mit hochrotem Gesicht auf, ging nah an Tante Mariechen heran, stemmte die Arme in die Seite und sprach laut und deutlich: „Man merkt, dass du keine Kinder hast.“

Das hat gesessen!!!!

Walzer im Vier-Viertel-Takt

Die Schulglocke läutete dreimal. Das bedeutet „Große Pause“.

Erwartungsvoll blicken mich die Mädchen unserer Klasse an.

„Lernst du uns heute nun endlich die Walzerschritte?“

Waltraud, meine beste Freundin, steht sofort an meiner Seite und will alles erklärt haben.

„Also,“ sage ich, „Waltraud sowieso, Käte, Irmgard, Roswitha, Eveline, Edith! Ihr könnt hier bleiben. Die anderen gehen bitte raus zur großen Pause.“

Sie gehorchen ungern und gehen enttäuscht mit den Jungs auf den Hof hinaus.

„Alle in einer Reihe aufstellen.“ Meine Kommandos sind klar und deutlich und dulden keinen Widerspruch. „Achtung, es geht los.“

Mit lauter Stimme singe ich das aus allen Radiosendern ertönende Lied:

„Eine Dame, ganz in Weiß, wollte Schlittschuhfahren auf dem Eis“, damit die Melodie meinen Freundinnen ins Ohr geht.

Doch dann beginnt das Training:

rechtes Bein vor

- Eine Dame

linkes Bein zur Seite

- ganz

rechtes Bein ran

- in Weiß

linkes Bein zurück

- wollte Schlittschuhfahren

rechtes Bein rück

- auf dem

linkes Bein ran

- Eis

Schwierig, schwierig!

Meine Freundinnen sind leider nicht so begabt wie ich. Denn wie gut ich singen und tanzen kann, wird mir von den Erwachsenen immer erzählt.

„Beim nächsten Mal muss ich noch mehr aussortieren.“ Das nehme ich mir vor. Die Pause ist zu Ende. Alle Kinder kommen mit Geschrei ins Klassenzimmer gestürmt.

„Aus! Bis morgen!“ rufe ich. „Dann muss es unbedingt klappen. Die Drehung haben wir auch noch nicht geübt. Bei meiner nächsten großen Theatervorstellung am Kurhaus werdet ihr auftreten.“

Schuljahr 1941.

Ich bin sieben Jahre alt und habe den Walzer auf einen 4/4-Takt gelehrt!

Herbslebener Wurstereien

An den übervollen Regalen und Kühltheken vorbeigehend sehe ich den Überfluss und denke an die Zeit zurück, als dieses reichhaltige Angebot ein Wunschdenken war. Heute gibt es das alles, was man sich wünscht, wenn man es bezahlen kann.

An der reichhaltigen Wursttheke gehen die Gedanken zurück in meine Kindheit. Sorgfältig verpackt sehe ich große runde Scheiben Mortadella, gespickt mit zarten rosa und weißen, kleinen, viereckigen Stückchen Speck. Der Anblick lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen und meine Kindheit lebendig werden.

Meine Ferien bei meiner Patin Paula in Herbsleben werden lebendig.

Es war das Jahr 1943.

Mutter schickte mich zur Erholung auf 's Land. Paula hatte es ihr schon oft angeboten und meine Mutter war froh darüber, ein Mäulchen weniger stopfen zu müssen.

Wir sind vier Kinder: Christa, die Älteste, ist vierzehn, ich werde nach den Sommerferien stolze zehn, Margot wird sieben und unser kleiner Bruder Herbert hat gerade das vierte Jahr erreicht.

Schon immer war es ein Wunschtraum von mir, meine Patentante Paula zu besuchen. Die Einladung nach Herbsleben wurde jährlich erneuert mit den Worten: „Ich freue mich auf mein Patenkind.“

Herbsleben ist in meiner Vorstellung eine tolle Stadt, denn regelmäßig kommen von dort große Wurstpakete bei uns an.

Endlich ist es soweit, ich fahre in den Ferien zur Tante.

Schon die Bahnfahrt ist ein Erlebnis. Das erste Mal in meinem gefühlt schon ziemlich langen Leben bin ich von zu Hause weg. Es ist einfach wunderbar!

Am Zielort angekommen werde ich jedoch enttäuscht, denn für eine große Stadt habe ich mir den Bahnhof viel größer vorgestellt. Doch als mich ein lebhafter und lustiger Foxterrier namens Emil begrüßt und an mir hochspringt, vergesse ich den Bahnhof.

Die Familie meiner Patin Paula hat eine eigene Fleischerei. Hier hängen Würste, Schinken und herrlich glänzender Speck an Haken aufgereiht vor der weiß gekachelten Wand. Schon beim Sehen läuft mir das Wasser im Mund zusammen, so dass ich die herzliche Begrüßung von Onkel Fritz, der mit seiner blütenweißen Schürze hinter der Fleischtheke steht, gar nicht richtig wahrnehme, obwohl sein dicker Bauch mich ganz schön drückt.

Doch das ist noch nicht alles. Neben dem Fleischerladen geht eine große, braune Tür in die Gaststätte. Ich sehe weiß gedeckte Tische. Die Sonne scheint durch zarte Scheibengardinen und malt bunte Kringel auf den braunen, glänzenden Holzfußboden. Das Tollste aber ist die Theke. Staunend stehe ich davor. Sie glänzt im Licht wie pures Silber.

Ehrfurchtsvoll habe ich mir am nächsten Morgen alles angesehen. Das größte Erlebnis aber ist: ich darf abends aufbleiben und die Gäste bewirten.

Ich bin also in meinem Paradies angekommen.

Zu Hause wurde Wurst rationiert. Die Knackwurst vom Selbstgeschlachtetem war meine Lieblingsspeise, es gab sie aber nur am Wochenende, gerecht in Stücke geteilt. Wir Kinder haben alle Stücke nebeneinander gelegt und mit dem Lineal nachgemessen. Und wehe, sie waren nicht alle gleich! Nur der Vater bekam das größte Wurststück.

Am ersten Morgen beim Aufwachen zog der Duft der Gewürze in meine Nase. So schnell war meine Morgentoilette noch nie beendet. Ich flitzte in die Küche und stand staunend vor dem Frühstückstisch. Hier lagen auf den Tellern Rotwurst, Schinken, Mettwurst, Knackwurst und – meine geliebte Mortadella.

„Greif zu, iss dich satt!“ höre ich noch heute die Stimme meiner Patin Paula. Ich bin im Schlaraffenland.

In der ersten Nacht schlief ich auf Engelsflügeln. Ich hörte gar nichts und wachte morgens sehr spät auf. Von meinem Schlafzimmer konnte ich auf den Hof der Fleischerei sehen. Und, obwohl ich eine Langschläferin bin, am nächsten Morgen war ich schon um sechs in der Früh wach und schaute neugierig dem geschäftigen Treiben zu.

Es wurde ein kleines Kälbchen hereingeführt. Das hatte einen weißen Stern auf der Stirn und ein lockiges Fell. Ich hörte das ängstliche Blöken. Es schien zu ahnen, dass es geschlachtet werden soll. Schnell zog ich die Bettdecke über meinen Kopf. Das Fenster zum Hof blieb zu. Und bis heute kann ich kein Kalbfleisch essen.

Zum Frühstück habe ich dann aber trotzdem meine geliebte Zervelatwurst in großen Bissen verschlungen. Und diesen Geschmack wird meine Zunge niemals vergessen.

Obwohl ich mir die „Großstadt“ Herbsleben ganz anders vorgestellt hatte, kann ich bei den „Dorfkindern“ mächtig punkten. Ich rümpfte schon damals die Nase. Mit stolzgeschwellter Brust gehe ich mit dem lustigen, kuscheligen Foxterrier Emil an einer roten Hundeleine die Dorfstraße entlang und lasse mich von den Dorfkindern bewundern und beneiden.

Mein Schlafzimmer liegt im Seitengebäude. Bis zum Klosett muss ein langer Korridor durchschritten werden. Ich hatte aber versäumt, mir den Lichtschalter zu merken. Mitten in der Nacht erwache ich und verspüre ein dringendes Bedürfnis. Mein Herz beginnt zu klopfen. Vor meinen Augen habe den dunklen Gang zum Klo. Welche Gestalten werden da auf mich lauern? Meine Phantasie wird immer blühender und mein Bedürfnis immer dringlicher. Als es nicht mehr aufzuhalten ist, kommt mir der rettende Gedanke. Ich lege eine Zeitung neben mein Bett, hocke mich hin und die gute Wurst von gestern landet als eine andere Wurst auf dem Papier. Und zwar genau auf der Schlagzeile DER SIEG IST UNSER.

Nun kommt das nächste Problem: Wohin damit? Es riecht auch etwas unangenehm. Es muss einfach weg! Mein Fenster geht zum Hof, wo am nächsten Morgen wieder geschlachtet wird. Also ist ein unbemerkter Wurf aus dem Fenster nicht möglich.

Voller Panik schaue ich mich in dem großen Zimmer um. Auf einmal kommt mir die erleuchtende Idee. In der Ecke steht ein alter Kanonenofen. Vorsichtig schleiche ich über die fürchterlich knarrenden Dielen, weil es keiner hören soll, öffne die Tür mit dem großen Hebel und schaue in das mit Paper vollgestopfte Innere. Mein Herz macht einen Luftsprung vor Erleichterung:

Zwischen all das Papier, Pack- und Zeitungspapier, mit dem der Ofen vollgestopft ist, schmuggle ich mein kleines Päckchen mit dem anrüchigen Inhalt. Dabei kann ich auf meinem Papierknäuel gerade noch unseren Führer erkennen.

Gott sei Dank, endlich bin ich ihn und den braunen Abfall los.

Diese Ferien im Jahr 1943 hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck.

In der nächsten Nacht wurde ich von meiner Patin Paula aus dem Schlaf gerissen.

Alle Familienmitglieder standen vor dem Haus. Der Himmel war glutrot.

Mit belegter Stimme sagte sie zu mir, dabei nahm sie mich fest in den Arm:

„Sie bombardieren Kassel. Die Stadt brennt lichterloh.“

Pellkartoffeln oder Graupen

Die Nähmaschine wird von Mutters Fleiß vorangetrieben. Das rhythmische Geknatter erobert alle Räume unseres Hauses. Die Waldstraße langweilt sich in ihrer gesamten Länge ...

Unsere Ziege meckert im Stall ausdauernd wie Walter Ulbricht, unser Staatsratsvorsitzender, bei seinen Volksreden im Radio. Der Hahn Mitschurin mit seinem ungewöhnlich großen, roten Hahnenkamm kräht von Zeit zu Zeit. Wahrscheinlich bietet er seinen Hühnern schon wieder einen dicken fetten Regenwurm an. Walter beendet seine Agitation im Rundfunk und eine wohltönende Stimme kündet für die kommende halbe Stunde russische Volksweisen an.

Herrlicher Baikal, du herrliches Meer,

auf einer Lachstonne will ich dich zwingen.

Scharfer Nordost treibt die Wellen daher.

Rettung, sie muss mir gelingen!

Das Lied klingt schön und gefällt mir sehr. Ich werde es singen bei meinem nächsten Auftritt. Unsere Laiengruppe vom Schraubenwerk Tambach-Dietharz spielt demnächst in Burgtonna.

Bevor das Mittagessen auf den Tisch kommt, ordne ich meine Bücher. Da lugt unterm Bett mein geliebtes Häschenbuch hervor. Die Kinderzeit ist Vergangenheit, aber darin zu blättern, ist immer noch ein Vergnügen.

Auf Seite fünf von Herbert Kranz in Verse gefasst...

Er biss hinein drei Zähnchen weit,

aus Hunger nicht, aus Höflichkeit!

Höflichkeit, Höflichkeit, Höflichkeit! Wie denn, wenn man immer Hunger hat?

Mein Magen knurrt, als wüsste er, dass die Kirchturmglocke gleich dreizehn schlägt. Bei mir schlägt schon lange der Bauch Alarm. Lange vorher murrt er, als hätten hunderte Geister sich in ihm versteckt.

Heute gibt es Graupensuppe....

Die Gräupchen sind klein, grau und hart, übersät mit kleinen schwarzen Pünktchen, als hätten sie die Masern. Hilflos schwimmen sie in der Schmeckt-nach-gar-nichts-Brühe. Mir scheint, sie wollen unbedingt gerettet werden. Aber selbst mein Löffel will nicht zu ihnen hinein. Bevor ich ihn eintauche, rühre ich, trotz Kohldampf, lustlos einen spiralförmigen, immer schneller werdenden Strudel, um sie auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe zu versenken.

Aber der Hunger hat eine unbesiegbare Kraft und die Vernunft raunt mir zu: Schluck` sie runter, dann sind sie endgültig verschwunden. Zuerst haben sich meine Plagegeister vor lauter Ekel hinter unseren sieben Tälern versteckt. Gerne wäre ich ihnen gefolgt, aber eine innere Stimme sagt mir: Es gibt noch schrecklichere Dinge auf dieser Welt, die Menschenkinder ertragen müssen. Die Freundinnen nennen es Milch und reden vom himmlischen Getränk. Man fragt sich ernsthaft, wie konnte ich als Baby monatelang solche Grässlichkeit zu mir nehmen und dabei wachsen, gesund, groß und stark werden. Also, denke ich, kommt ihr kleinen, hässlichen Graupen...

Mit einer hastigen Bewegung schwinge ich meinen Löffel durch die Luft und zwinge ihn Richtung Mund. Mit einem kräftigen Schluck würge ich sie hinunter.

Siehst du, sage ich schluchzend zu mir, sie schmecken immer noch besser als Grießbrei und wische mir eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel.

Toll ist es, wenn Mutter Kartoffeln auf den Herd setzt. Der riesige Topf ähnelt einem Wassereimer. Mit der Zeit besetzt ein herrlicher Duft die Küche und auch meine Nasenlöcher. Wenn meine Mama dann endlich die große, runde, weiße Schüssel mit den Pellkartoffeln auf den Tisch stellt, dürfen wir so viel essen wie wir wollen und hoffentlich auch vertragen können.

Wir tun das mehr als hastig Sie könnten ja alle sein, ehe wir satt sind.

Aber meine große Schwester Christa isst, als wäre sie mit sich selbst in den Fresswettbewerb getreten. Sie verschlingt mühelos das Dreifache von uns, sogar mein Opa schafft nicht so viel.

Die ersten Kartoffeln flutschen bei ihr hinunter, als wenn es gar nichts wäre. Aber ihr Mund wird immer voller und ich frage mich, wann schluckt sie überhaupt?.

Ihre Backen ähneln einem Hamster. Irgendwie schafft sie es. Jetzt habe ich zehn Stück gezählt. Sie mampft schwer atmend immer noch weiter. Bei der Zahl fünfzehn komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Da spricht meine Mama: „Um Himmels Willen, Christa hör auf, du erstickst mir noch am Ende.“ Aber sie hört nicht und schlingt gierig immer weiter.

Opa witzelt: „Jetzt weiß ich auch, woher dein großer Busen kommt, da sitzen die Pellkartoffeln drin.“ Mit hochrotem Kopf rennt sie aus der Küche. Wir aber lachen gnadenlos hinter ihr her.

Die Zeit der Schokolade

Im Garten, nahe an unserer Hauswand, blühen kleine Blümchen mit hängenden Blütenköpfchen. Sie stehen eng in kleinen Gruppen, als wollten sie sich vor der Kälte schützen. Ich sitze gern davor und schaue die kleinen, blauen Sternchen an. Wenn die Cillas zum Leben erwachen, dann dürfen wir bald wieder Kniestrümpfe anziehen.

Die Front kommt näher, die Eltern reden von nichts anderem. Wir sitzen im Keller unseres Hauses und warten darauf, dass der Spuk bald vorbei ist, so sagt es unser Vater.

Die Waschküche ist unser Wohn- und Schlafzimmer; Es ist immer dämmrig, schummrig. Die Glühbirne verliert gegen die Sonnenstrahlen, die durch den

Fensterschacht vom Hof her eindringen, sie verirren sich, streicheln meinen Arm und hüpfen über den kalten Steinfußboden.

Der kupferne, fest eingemauerte Waschkessel in der Ecke, mit einem festen Brett darauf, ist unser Tisch. Kurz über dem Boden hat der Kessel eine kleine Eisentür, dahinter glüht das Feuerloch. Mutter heizt Tag und Nacht, es ist trotzdem kalt.

In der anderen Ecke befindet sich eine große Eisentür, sie ist fest verschlossen. Ein Mal steht sie einen Spalt weit offen, tiefschwarze Nacht erschreckt uns, wir trauen uns nicht hinein. Es riecht stark nach Geräuchertem.

Abends starre ich auf die rotglühenden Fädchen in der Glühbirne. Schon bei der kleinsten Bewegung knarren die Bretter unter mir, sie dienen den Schwestern und mir als Schlafstatt. Meine Puppe Eva mit der Pagenfrisur ist schon eingeschlafen, lange Wimpern verdecken ihre braunen Augen. So möchte ich aussehen, wenn ich groß bin. Margot hat ihre Babypuppe mit dem dicken Kopf und den blau aufgemalten Augen im Arm. Und neben meiner großen Schwester liegen ihre geliebten Bücher.

Opa döst in seinem Lehnstuhl, die grauen Haare auf dem Kissen mit den vielen kleinen Kreuzstichen. Die Eltern schlafen im Nebenkeller auf dem Kartoffelhaufen. Es riecht feucht, muffig und modrig. In der Mauernische steht der Suppentopf, denn Mutter hat vorgekocht. Der Geruch von abgestandenem Essen, alten Kartoffeln und Wäsche vermischt sich. In dem runden, braunen Holzbottich mit den dicken Eisenringen schläft mein Brüderchen.

„Siiiiiiii Bum, Siiiiiiii, Siiiiiiii, Bum, Bum!!!“ Surrend und zischend schlagen die Granaten rundherum ein. „Gott sei Dank, wenn wir sie hören, dann treffen sie nicht unser Haus.“ sagt Vater.

Dumpfes, grollendes Dröhnen, erst leise, dann immer lauter werdend, erschüttert die Decke über uns.

„Was ist das?“ frage ich.

„Panzer!“ antwortet Vater mit einem dicken Kloß im Hals.

Eine Fliege summt am Kellerfenster; es ist still geworden.

„Ich gehe nach oben und sehe nach.“ Vaters Stimme wirkt beruhigend. Mutter will ihn zurückhalten, sie hat große Angst, das spüre ich. Er geht langsam und vorsichtig, seine Schritte sind leise, wie wenn wir uns beim Indianerspiel anschleichen. Opa ist aufgestanden, stellt sich neben Mutter. Wir sitzen wie angewurzelt und in mir würgt sich langsam etwas nach oben.

„Es ist vorbei! Ihr könnt raufkommen!“

Meine Angst ist verflogen. Zögernd, aber neugierig gehen wir hinauf, erst bis zur Haustür, dann bis zum Gartenzaun.

Da steht er!

An der Kreuzung links von uns, groß, riesengroß, ein Ungetüm. Plötzlich erzittert die Erde, die Motoren brummen, die geschrumpften Häuser scheinen zu wackeln, die Raupen wühlen sich in die Erde, Staub wirbelt auf!

Ich öffne den Mund, will schreien!

Der Koloss zuckt und steht wieder still. Der Buckel ganz oben sieht aus wie Mutters Kochkessel. Der Deckel hebt sich und ein Mann in Uniform klettert heraus.

Das sind also die Amerikaner?

Die Soldaten, auf den Köpfen Stahlhelme mit grünen Zweigen, Maschinengewehre im Anschlag und hohe Schnürstiefel, stehen geduckt im Schutze des Panzers. Ein Schwarzer ist auch dabei. Ist das der Mohr aus meinem Bilderbuch? Weiße Zähne und fleischige Lippen, die sich kauend hin und her bewegen wie das Maul der Kuh von meiner Oma.

Mein Magen knurrt. Aus dem Nebenhaus kommen die Nachbarn. Onkel Karl hält ein Bettlaken mit den hoch erhobenen Händen, Onkel Fritz hat auch beide Arme in der Luft. Grüßt er? Ich kenne das nur mit dem rechten Arm und sehr viel straffer.

PENG! Es fällt ein Schuss. Die Soldaten liegen flach auf dem Boden und Mutter schreit: „Zurück in den Keller!“

Weitere einzelne Schüsse sind zu hören. Unruhig geht Vater hin und her wie ein wildes Tier im Zoogehege. Er ist sehr aufgeregt, denn er murmelt in Platt: „Se lahn unser Hüsschen z’samm. Ich häng a Bettlak’n us en Fenster.“

Mutter steht resolut auf und nimmt den Suppentopf aus der Nische: „Wir essen heute wieder in der Küche!“

Das ist das Signal für uns, die Kellertreppe hinaufzustürmen. Im Flur angekommen geht ruckartig die Haustür auf und im Türrahmen steht breitbeinig der schwarze Soldat. Er kaut noch immer. Seine runden Knopfaugen sehen uns drohend an und das Gewehr zielt auf den Suppentopf in Mutters Händen. Es ist nicht der lustige Mohr aus meinem Bilderbuch. Sein breiter Mund öffnet sich und heraus kommt ein schnarrender Ton: „Rrraus, rrrechts von der Burg.“ Er zeigt in die Richtung des Anwesens unserer Tante. „Ten minutes!!!“ Die Knarre drohend auf uns gerichtet geht er rückwärts wieder hinaus.

Mutter schluchzt, der Topfdeckel zittert, mein Bruder heult und Vater flüstert: „Unser Haus ist beschlagnahmt.“ Die Suppe ist vergessen.