Staugefahr - Annett Volmer - E-Book

Staugefahr E-Book

Annett Volmer

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Beschreibung

Dieser Erzählbankd versammelt Texte aus den Jahren 2010 bis 2014. Die Geschichten kreisen um aktuelle Themen wie der zunehmenden Überwachung, der Umweltbelastung durch Atommüll, den Medikamentenmissbrauch oder den Wunsch, einfach auszusteigen. Ein wichtiges Thema ist die Verarbeitung von Kriegserfahrungen und tiefgreifenden Brüchen im Leben.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Eine Mühle und drei Menschen

Die Wartenden

Das Wunder

Unter Beobachtung

Ich kenne dich

Judas

Saluzzo oder das neue Leben

Staugefahr

Der kleine Vorplatz

Die Weichen des Lebens

Lebensansichten

Soccer City

Apokalypse

Tod auf der Sonnenbank

Eine Mühle und drei Menschen

Die Wohnung war leer, bis auf einen Tisch und einen Stuhl in der Küche. Der alte Elektroherd noch vom Vormieter hat dem Mieter offensichtlich letzte, wertvolle Dienste beim Kaffeekochen geleistet. Noch drei Tage muss Heiko Reuter hier gewesen sein, um eine Chronik niederzuschreiben. Nicht irgendwelche Notizen, sondern die Chronik seines Lebens, eine Art Abschied von seinem bisherigen Leben. Danach hat er seine Wohnung in Berlin-Neukölln verlassen und ist nicht wieder gesehen worden.

Zwei Bücher liegen noch im Fensterbrett seines kleinen Wohnzimmers, Pfisters Mühle und Levins Mühle. Daneben steht ein gelbes A mit einem schwarzen Schriftzug AufpASSEn. Raabe und Bobrowski. 22 Bilder und 34 Sätze. Großväter und Väter. Familiengeschichten und Prozesse. Zwölf Schlaglichter hat Heiko Reuter hinzugefügt, mehr nicht, so eine Art Verbindung zwischen seinen beiden liebsten Büchern, scheint es. Egal. Schließlich ist er weder Raabe noch Bobrowski, sondern einfach nur Heiko Reuter. Ein Verlierer offenbar, der so viel verloren hat, dass er eigentlich nur noch gewinnen kann. Aber was? Er ist weg, noch weiter abgetaucht. Keine Ahnung. Als seine Wohnung aufgebrochen wurde, fand sich dieses dunkelblaue, an den Ecken etwas abgewetzte Schreibheft auf dem kleinen Tisch. Mit deutlichen, spitzen Schriftzügen, sehr sauber, die wenigen Seiten beschrieben. Ganz so, als ob er die Worte schon seit Jahren in sich trug – ohne Korrekturen, Verbesserungen, Ausstreichungen.

ERSTES SCHLAGLICHT

Es ist ein Auszug, kein Umzug. Diese Möglichkeit gibt es nicht mehr, seit der Hund tot ist. Der Hund, der meine letzte lebende Verbindung war zu allem, was bereits von mir gegangen ist. Jetzt ist der Hund tot. Jetzt ist diese letzte Verbindung zur Welt abgerissen. Viel Geld hatte ich nicht mehr, das wenige Geld habe ich für seine Medikamente ausgegeben und die letzte Operation, die aber auch keine Besserung brachte. Er sollte seinen Tod haben, sich nicht länger quälen. Quälen müssen wir uns Menschen schon genug bis zum Tod. Wenn ich durch sein Fell strich, dann sah ich die Hände von Marie und Marta durch sein Fell streicheln. Maries schmale Mädchenhand, die im Fell fast verschwand. Und Marta, wie sie sich mütterlich zu ihm herabbeugte, ihn hinter den Ohren kraulte und den Rücken tätschelte.

ZWEITES SCHLAGLICHT

Ein Umzug birgt immer auch einen Neustart. Neue Umgebung, neue Wege. Ich ziehe einfach nur aus. Und fertig. Wie damals aus der Mühle. Es war ein erster Schritt weg von unserem Ort. Und Marta sagte immer, dass Marie danach krank geworden war. Wir hätten die Mühle nicht verlassen dürfen. Aber wir mussten doch, Marta. Meine Mühle, die Mühle, die von meinem Großvater über meinen Vater auf mich gekommen war. Unser Zentrum, unser Ort im Leben, unser rechtmäßiger Ort. Die Bühne unseres Leben und Schicksals. Statt Mühle nun Windpark. Das Land hier ist einfach wie geschaffen für die Windkraft. Wir konnten uns doch nicht dem technischen Fortschritt in den Weg stellen.

Das hatten wir schon über hundert Jahre getan, das ging doch so nicht weiter. Wir waren doch schon von einer Pleite in die nächste geschlittert. Marta schüttelte immer den Kopf. Nein, nein, nein. Was ist schon eine Pleite, machst du was Neues. Statt Pleite kam die Katastrophe, und das war wirklich schlimm.

DRITTES SCHLAGLICHT

Marta war morgens immer zum Bäcker Krause gegangen und hatte Brötchen geschmiert, mit Käse, Schinken, Ei und einem Salatblatt, einer Gurken- und einer Tomatenscheibe. Sie stand in einer kleinen Küche und konnte auf den Tresen blicken, wo Frau Krause die Brötchen verkaufte. Drei bis vier Stunden schmierte Marta. Sie sah und hörte die Dorfbewohner, die sie nicht sahen, sondern nur mit Frau Krause sprachen. Frau Krause war eine freundliche Frau, aber geizig. Sie rundete Martas Stunden immer großzügig ab. Marta ärgerte sich darüber, aber nur anfangs, dann betrieb sie Mundraub und brach hier eine Ecke Käse ab, ließ dort eine Scheibe Wurst mitgehen, einige Tomaten, Gurkenscheiben, sie war sehr geschickt in diesen Dingen und irgendwann war es ein Spiel geworden, das ihr ebenso gefiel wie ihre Arbeit. Sie war nicht mehr verärgert über Frau Krause, sondern freute sich auf den Heimweg, wenn sie unter den dichten Kastanienbäumen durch den Vormittag zur Mühle ging. Später zu dem kleinen Haus am Dorfrand. Das Abendbrot bereits in der Tasche. Wenn sie dann heiter ihre Beute vor mir ausbreitete, stand ich hinter ihr, hatte meine Arme um ihre Taille geschlungen und hörte gespannt zu, wer bei dieser Wurstscheibe gerade im Laden war oder was Frau Krause bei jener halben Tomate daher geschwätzt hatte.

VIERTES SCHLAGLICHT

Als Großvater die Bockwindmühle am Ende des 19. Jahrhunderts gekauft hatte, war die Zeit der Mühlen längst vorbei. Die Mühle stand schon über ein Jahrzehnt leer und verfiel langsam. Wir waren auch keine Müller, nie gewesen, und irgendwie war es merkwürdig, dass Großvater diese Mühle gekauft hatte. Die Leute im Dorf schüttelten den Kopf. Viel Geld hatte mein Großvater nicht. Aber er wollte hier leben, in diesem kleinen Ort zwischen Asse und Elm. Großvater arbeitete bei der Bahn, wie viele hier und Großmutter nähte und besserte die Kleider der Nachbarn aus. Die Mühle war die Romantik ihres Lebens. Großvater reparierte sein Leben lang die Mühlenruten und das Mühlgehäuse, er klopfte hier und hobelte dort. Obwohl die Mühle niemals wieder ihre eigentliche Arbeit aufnehmen sollte. Anfangs war es eine Attraktion für die Umgebung, die Familie Reuter wohnte in einer Mühle. Bald war es normal. Mein Vater versuchte, die Romantik neu aufleben zu lassen. Im Krieg musste das Holz der Mühle fast dran glauben, er baute sie wieder auf und machte ein Ausflugslokal daraus. Eine kleine Wirtschaft, die viele Jahre einigermaßen lief. Er legte einen kleinen Mühlenbach an, sammelte Mühlsteine aller Größen und richtete die Stube seiner Meinung nach typisch für eine Müllerfamilie her. Wenn Gäste kamen, die er besonders arrogant und unsympathisch fand, dann berichtete er von seinem früheren, schweren Müllerleben. Ich habe gemüllert, kicherte er dann immer. Doch Vater wurde alt, Mutter fiel die ganze Arbeit immer schwerer. Da übernahm ich mit Marta die Mühle. Marta war aus Polen. Erst kam sie, um die Eltern zu pflegen. Dann blieb sie. Bei mir, in der Mühle.

FÜNFTES SCHLAGLICHT

Die ersten Male kam ein kleiner, magerer Angestellter der Windkraftfirma. Er kam mit seinem Privatauto und erklärte uns immer wieder, warum sie unser kleines Stück Land bräuchten. Ich setzte auf Zeit. Aber natürlich war klar, dass wir früher oder später rücken müssen. Heutzutage ist auch der Eigentümer nicht mehr wirklich Herr über sein Eigentum. Es gibt immer reichere Leute, die kaufen einfach, was im Weg steht, die Aussicht verstellt oder einen Zufahrtsweg behindert. Beim letzten Mal kam ganz offensichtlich ein wichtiger Manager des neuen Windparks. Er war groß und schwer und saß in seinem Mercedes hinter abgedunkelten Scheiben. Leider konnte ich den Chauffeur nicht erkennen, stellte mir aber vor, es sei der kleine, magere Angestellte der ersten Besuche. Sie hatten uns ein schönes Haus am anderen Dorfrand versprochen. Es war viel moderner. In der Mühle hatten wir einen großen Raum und einige kleine Kammern. Jetzt liefen wir auf zwei Etagen umher. Hauptsache, wir laufen uns noch manchmal über den Weg, hatte Marta gesagt, als sie das erste Mal durch das neue Haus ging.

SECHSTES SCHLAGLICHT

Im Garten begann ich, eine Anlage mit einer Mühle, einem Mühlwehr und einem Mühlgraben in Miniatur anzulegen.

Mit Marie. Wir haben einen Sommer mit dem Bau der kleinen Mühle zugebracht. Bücher stapelten sich in der Garage, die langsam zur Tischlerwerkstatt wurde. Zu unserer alten Mühle gingen wir nur selten, um das eine oder andere Detail zu überprüfen. Wir wollten an dem neuen Ort heimisch werden. An einem Sommerabend kam Marie ganz außer Atem, blass und aufgewühlt angerannt. Die Mühle ist weg! Rief sie. Einfach weg! Ich war in der Garage und hielt kurz inne, dann hobelte ich weiter. Marta schaute auf und fuhr dann fort, den Tisch zu decken. Etwas langsamer. Beim Abendbrot sagte Marie ruhig, sie sei traurig wegen der Mühle, aber sie verstehe auch, dass wir dort nicht bleiben konnten. Schließlich habe sie ja auch noch nicht so viele Jahre in der Mühle gelebt wie wir. Wir legten ihr gleichzeitig eine Hand auf den Kopf und in Martas Augen glitzerten Tränen. Es war der Sommer, als uns zum ersten Mal bewusst wurde, dass irgendetwas nicht stimmte. Marie wurde immer dünner, sie fiel ein, in sich zusammen, so kam es uns vor. Sie schlief viel und ging kaum noch zu ihren Freundinnen. Sie sei müde und alles sei so anstrengend, sagte sie.

SIEBTES SCHLAGLICHT

Und dann dieser Arzt, Nestor Dunga. Er kam aus dem Kongo in unser kleines Dorf und er war ein guter Arzt, der schnell zur Familie gehörte und der die Alten besuchte, wenn sie krank waren. Gewissenhaft war er und er hörte zu und er sprach mit den Menschen. Die Leute flogen auf ihn wie die Fliegen. Er sah den Menschen in die Augen. In dem Behandlungszimmer standen kein Computer, der seinen Blick fesselte und kein Tisch, der ihn von seinem Patienten trennte. Gegen die Natur und das Schicksal kam auch er nicht an. Erst bei Marie, dann bei Marta. Zu Marta sagte er einmal, du willst nicht mehr, ich kann dir nur helfen, wenn du willst. Marie wollte leben, deshalb lebte sie auch länger. Du wirst an einer viel kleineren Sache viel schneller sterben, hatte er gesagt. Marta hatte sicherlich nur genickt, jedenfalls war sie nie wieder zu ihm gegangen. Es sei ehrlicher so, sagte sie zu mir.

ACHTES SCHLAGLICHT

Als Marie starb, war sie 14 Jahre alt. Krebs. Die Leute deuteten auf das Bergwerk, die giftigen Stoffe, die dort lagerten, alles verseucht. Das sei doch kein Zufall, dass sie so jung sterben musste. Sagten sie. Das waren die mit dem gelben A überm Gartenzaun. Und ich solle einen Prozess führen gegen die Betreiber. Oder lag es am Haus, das sie uns gegeben hatten, vielleicht war mit dem Haus etwas nicht in Ordnung. So ein modernes Haus gegen die alte Mühle, sagten die Leute. Ob Zufall oder kein Zufall, ob Unfall oder Krankheit, für mich machte das keinen Unterschied. Unser Kind war tot. Marta war wie ausgelöscht, eine menschliche Hülle, der keine Energie und kein Appetit mehr innewohnte. Ich konnte sie nicht auffangen, ich fiel selbst. Als ich sie endlich begraben konnte, war ich froh.

NEUNTES SCHLAGLICHT

Marie, mein Kind. Marta, meine Liebe. Ich zeichne eure Namen in mir, ich spreche eure Namen immer wieder. Ich musste alles verlassen. Die Mühle, den Ort meines Vaters und meines Großvaters. Das Dorf, wo wir immer leben wollten. Vielleicht hätten wir schon früher, woanders hingehen sollen. Gleich nach Maries Tod. Aber mit Marta war nicht mehr zu reden. Sie sagte ja, sie sagte nein. Es war ihr egal. Ich war ihr egal, sie war sich selbst egal. Einmal habe ich beobachtet, wie sie die Hauptverkehrsstraße im Dorf überquerte. Sie ging einfach, sie schaute nicht. Ein Autofahrer hupte, sie drehte sich nicht einmal um. Als ich ihr das später sagte, zuckte sie nur mit den Schultern. Dann lächelte sie mich an, so wie früher, als wir noch glücklich waren.

ZEHNTES SCHLAGLICHT

Ich bin dann nach Berlin-Neukölln, weil hier das Leben der Menschen schwerer ist als anderswo. Die kleinkriminellen Ausländer, die durch den Suff verarmten Männer und die kranken, alten Frauen. Ich hatte mich während meiner Lehrzeit hier schon wohl gefühlt. Es war der einzige Ort, wo ich mir ein Leben vorstellen konnte. Kein ganz fremder Ort, so eine Art Rückkehr in die Zeit vor das Glück. Und natürlich, weil hier viele Menschen nur noch ihren Hund haben. Ich hatte das mal in der Zeitung gelesen und es hatte mich beeindruckt. Ich wollte untertauchen, von Menschen umgeben, aber allein. Es blieb mir noch eine Gnadenfrist, das spürte ich. Und das war der Hund. Als Marie immer schwächer wurde, die Krankheit immer mehr von ihr Besitz ergriff, hatten wir ihr einen kleinen Welpen geschenkt. Es war die letzte große Freude, die wir ihr machen konnten.

ELFTES SCHLAGLICHT

Dabei habe ich noch jede Sekunde genau vor mir. Jedenfalls kommt mir das so vor. Damals im Krankenhaus, als Marie in der kleinen durchsichtigen Kiste lag und ihre ersten Tage auf dieser Welt verbrachte. Wenn sie zwischen uns lag und wir drei uns einfach nur anschauten. Der Stoff des Lebens war plötzlich ein anderer und das Leben in diesem Stoff auch. Marie war unser Licht.

ZWÖLFTES UND LETZTES SCHLAGLICHT

Jetzt werde ich aufstehen und weggehen, weg von diesem letzten Ort. Nur mit den Sachen, die ich am Leib trage. Ich werde dieses Heft hier liegen lassen, meinen Ausweis daneben legen und meine beiden liebsten Bücher. Vielleicht gelingt es mir, an der nächsten Straßenkreuzung überfahren zu werden. Marta würde mich beneiden. Vielleicht treffe ich eine Frau, die mich diese Nacht aufnimmt. Vielleicht muss ich laufen, bis ich in einzelne Atome zerfalle. Ich gehe jetzt einfach los.

Die Wartenden

Der Kalender lag auf dem großen, runden Wohnzimmertisch. Er lag dort schon lange. Monate, Jahre, vielleicht. Mal verschwand er in der Schreibtischschublade, mal lag er wieder auf dem Schreib- oder Wohnzimmertisch. Dieser kleine blaue Kalender, mit dem schmalen blauen Bleistift an der Seite. Ein Kalender ist ein persönliches Dokument und offizielles zugleich. Es werden Termine notiert, Ereignisse kurz festgehalten. Ein Leben in Stichpunkten und fest vereinbarten Treffen. In diesem Kalender waren nur wenige Eintragungen verzeichnet. Viele Seiten blieben frei. Ein Kalender aus dem Jahr 1941. Der Kalender eines gewissen Helmut Hoppe. Ein Kalender, der skizzenhaft einen kurzen Abschnitt aus einem noch kürzeren Leben entdeckte.

Zwischen dem Eintrag„Käsetorte gebacken“ vom 31. Januar 1941 und der Notiz „zum Reichsarbeitsdienst“ am 20. November lag ein Jahr, das letzte Jahr, das der zukünftige Wehrmachtsoldat Helmut Hoppe in seiner Heimatstadt Halberstadt verbrachte, bevor er zum Reichsarbeitsdienst und dann an die Ostfront kam. Das war der letzte Eintrag in seinem Kalender.

Niemand ist einfach nur tot, wenn er stirbt.

(Alexander Kluge)

I

Der junge Mann trat aus dem elterlichen Haus ins Freie. Er trug eine Uniform, die nur sichtbar wurde, wenn ein Windstoß den grauen Mantel aufschlug. Der erste Schnee des Winters war am 3. November gefallen, vor gut zwei Wochen. Der erste Frost war schon vorbei, als er aufbrach. Am 15. November hatten sie noch Lottes Geburtstag gefeiert. Jetzt fünf Tage später, durchmaß er den endlos kurzen Weg bis zum Vorgartenzaun, gefolgt von seiner Mutter, die ihn schluchzend umarmte, und von seinem Vater, dessen Schritte so gar nicht fest waren. Helmut zog die kleine Gartentür auf und hielt noch einen Moment inne. Seine Mutter weinte an seiner Schulter, fast irre. Der Vater sagte: „Pass auf Dich auf. Wir warten“. Seine zitternde Hand versuchte einen festen Händedruck. Helmut war blass, als er sich nach links wandte und die Harmoniestraße hinunter in Richtung Bahnhof ging. In Halberstadt, am 20. November 1941. Wir warten. Er war der einzige Sohn, er war so gewollt und geliebt von den beiden älteren Leuten, die jetzt am Zaun standen und ihm nachsahen, zurückblieben, ihn ziehen lassen mussten für Gott-wer-weiß-was.

II

Mino steht benommen in der Küche. Schwindel, immer stärker, das Gefühl zu fallen. Festhalten, nur festhalten. Ihre Hände krampfen sich um die heiße Stange des Kohleherds. Sie spürt die Hitze nicht. Was hat er gesagt? Helmut soll vermisst sein. Vermisst? Was heißt das? Vermisst? Ist er gefallen? Lebt er noch? Ist er in Gefangenschaft? Vermisst. Was bedeutet das? In der Tür steht Wolfgang, sein Gesicht ist verzerrt. Er schaut zu seiner Frau, wie sie sich festhält an der heißen Herdstange, der Kopf auf die Brust gesunken, die Schultern hochgezogen, erstarrt. Das kann man ihr doch nicht antun, das können sie uns doch nicht antun. Er sagt langsam, er habe ein Schreiben erhalten, in dem steht, dass Helmut vermisst werde. Was steht dort noch? Er schweigt und atmet schwer. Er weiß doch auch nicht, was das bedeutet. Sicherlich besteht Hoffnung, dass er bald zurückkommen werde. Hoffnung. Das ist gut.

Er schiebt den Brief in die Innentasche seiner Joppe. Sie soll diesen Brief nicht sehen, vor allem soll sie ihn nicht lesen. Vorsichtig nimmt er Mino bei den Schultern und führt sie rückwärts an den Tisch. Langsam drückt er sie auf einen Stuhl und lässt seine Hände auf ihren Schultern liegen. Du wirst sehen, er wird zurückkommen. Er wird vermisst, das bedeutet, er ist nicht gefallen. Sie wissen einfach nicht, was mit ihm passiert ist. Er kann in Gefangenschaft geraten sein oder er wurde verletzt und von einem anderen Sanitätszug aufgenommen. Er wird zurückkommen. Helmut, Helmut, mein Kind, mein Kind, schluchzt sie.

III

Helmut saß oft bei seiner Mutter in der Küche und sah zu, wie sie buk und kochte. Kochen fand er langweilig, viel spannender war es, wenn seine Mutter Mino, einen Kuchenteig zubereitete. Er lauerte auf die auszukratzenden Schüsseln, die Teigreste, die Momente, wenn Mino kurz in der Speisekammer verschwand und seine Finger schnell in die Teigschüssel huschen konnten und darauf in seinem Mund verschwanden. Am liebsten mochte er den Rührteig, Mürbeteig war nicht so lecker. Beim Rührteig schmeckten alle Entwicklungsstufen. Süßer Hefeteig hatte den Vorzug, dass er am längsten von ihm naschen konnte.

Nachdem er die Verwaltungslehre begonnen hatte, naschte er weniger, denn er war häufiger unterwegs. Kino, HJ-Dienst und Turnen in der Roonstraße. Seine Mutter schimpfte immer über seine Leckerhaftigkeit und klopfte ihm auf die Finger. Sie genoss es, wenn er bei ihr saß und verfolgte, was sie tat. So genau, dass er selbst eine Käsetorte backen konnte. Ende Januar, für Lotte, als sie krank war. Das Mädchen aus der Nachbarschaft kam seit einiger Zeit häufiger. Die beiden gingen gemeinsam ins Kino. Sie war einige Monate älter als er, schon 18, und konnte Helmut leichter ins Kino schmuggeln. Sie hatte etwas Rehkitzartiges an sich, etwas Schüchternes und zugleich sehr Lebenslustiges. Man nahm ihr die 18 Jahre nicht ab, doch wenn sie dann ihren Ausweis präsentierte, stets leicht entrüstet ob dieser Unverschämtheit, dann wurde Helmut für zwanzig gehalten und die beiden tuschelten kichernd, während die neuesten Erfolgsmeldungen von der Front über die Leinwand flimmerten.

Wenn Lotte bei den Hoppes vorbeikam, um Helmut abzuholen, dann wartete sie für gewöhnlich an der kleinen Gartentür und winkte der Mutter und dem Vater freundlich zu. Selten kam sie näher oder betrat das Haus, denn sie fürchtete Helmuts Eltern ein wenig und hatte den Anflug eines schlechten Gewissens, wenn sie Helmut abends ins Kino entführte. Als ob sie ihnen den Sohn stahl. Helmut eilte auf sie zu und begrüßte sie mit einem kurzen Druck der Schulter. Dicht nebeneinander gingen sie die Harmoniestraße oder den Kanonenberg hinunter und waren sofort in ein Gespräch vertieft. Sechsundzwanzig Mal sind sie in diesem Jahr, an dessen Ende er in den Krieg zog, den Kanonenberg hinuntergegangen und im Kino gewesen.

IV

Filme, Bücher und Sport – das waren die wichtigsten Linien dieses letzten „friedlichen“ Jahres des Verwaltungslehrlings Helmut Hoppe. Dann musste er in den Krieg ziehen.

Morgens Sport. Vorbereitung auf die Hallensportfeste im Januar, von halb acht bis zehn. Körperschule, Laufschule, Kastenspringen, Prellball. Er machte das Sportabzeichen, spielte Handball und verfolgte regelmäßig die Liga-Spiele seines Handballvereins. Hin und wieder HJ-Dienste in der Mittelschule. An einem Nachmittag zur Jugendfilmstunde „Der ewige Jude“. Am 30. Januar schon um 4 Uhr Feierabend, Führerrede. Abends mit Lotte ins Kino, in die Kinohits dieses Jahres. Am 29. Januar hatte er schon „Das Wunschkonzert“ mit Ilse Werner und Carl Raddatz gesehen. Der Film war gerade rausgekommen. Bis zum 7. Februar hatten 90 000 Menschen in Deutschland diese Geschichte von einem jungen Mädchen und einem Fliegerleutnant gesehen, die sich nach einer unvorhergesehenen, langen Trennung durch eine Sendung des Wunschkonzerts wieder finden. Filme dieser Art hat Helmut viele in diesem Jahr gesehen. Filme über die Liebe, über Frauen zwischen zwei Männern, über wartende Frauen, über Kameradschaft, Sehnsucht, falsche Wege und das Einschwenken auf den rechten Weg. Filme von den angesagten Regisseuren der Zeit wie Georg Papst oder Eduard von Borsody, mit den großen Schauspielern wie Will Quadflieg, Brigitte Horney, Emil Jannings oder Gustav Gründgens. Manchmal ging er mit Lotte auch ins Theater, leichtere Kost, Operetten zumeist, Zar und Zimmermann. Er las historische Bücher, von Ludwig Huna über die italienische Renaissance, von Ilse Leutz über Maria Stuart.

Im Februar begann er mit dem Tanzunterricht. Natürlich mit Lotte. Von Mitte März bis Mitte April war er dreizehn Mal beim Zahnarzt. Seine Eltern machten Mitte Juni eine Urlaubsreise nach Bad Harzburg. Im Juli hatte er Urlaub und verreiste. Von Halberstadt nach Magdeburg, weiter nach Burg, Genthin, Rathenow. Von Rathenow über Rhinow, Wusterhausen nach Neuruppin. Weiter nach Rheinsberg, Wustrow, Neustrelitz, Neubrandenburg, bis nach Friedland. Der Zielort war Roggenhagen, Kreis Stargard im Mecklenburgischen, dort wohnten Verwandte, die er besuchte. Gemeinsam machten sie einen Ausflug nach Usedom und Swinemünde. Bis zum Ende seines Urlaubs, am 28.7., folgten weitere Ausflüge. Er fuhr an die Ostsee und nach Mecklenburg. Am Sonntag, den 27. Juli, notierte er: „abgefahren v. Roggenhagen“. Seinen Kalender hatte er immer dabei.

V

Wolfgang Hoppe in seinem kleinen Arbeitszimmer am Schreibtisch und zieht die große Schublade auf, in der er die wichtigen Papiere aufbewahrt, das Sparbuch und das Geld. Er faltet langsam den Brief auseinander. Vom 25. August 1944 von einem Oberstleutnant der Divisionskampfgruppe 268. Bei Kämpfen „auf verschiedenen Straßen und Waldungen mit Sumpfgelände“, so schrieb der Oberstleutnant, „ist Ihr Sohn seit dem 27. Juni 44 vermisst. Es ist uns trotz vielfacher Bemühungen nicht gelungen Gewisses zu erfahren.“

Das ist der zweite Brief, der ihn erreicht hat. Der Brief mit der relativ hohen Wahrscheinlichkeit, dass Helmut nicht zurückkehren wird. Wolfgang Hoppe beschließt: Niemals soll Mino diesen Brief lesen. Es wäre ihr Tod und seiner wahrscheinlich auch. Er nimmt sich vor, an die Rückkehr des Sohnes zu glauben, ganz fest. Gegen jede Vernunft.