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Stefanie Robbins, in beschaulichem Umfeld im Schweizer Bern geboren und aufgewachsen, zog es der Liebe wegen – den Einwänden ihrer Eltern zum Trotz – mit knapp 20 Jahren in die Vereinigten Staaten von Amerika. Ihr erster Tag in Übersee: turbulent. Genau wie das Leben, das sie von nun an fern ihrer Heimat führen wird. Zu Beginn der Erzählung blickt Stefanie – gerade eben ihren 20ern entwachsen – bereits auf eine erfolgreiche Karriere als Musikerin und Lead-Sängerin der weltweit bekannten Rockband "Wild Angels" zurück. Um ihren Lebensgefährten zu überraschen, unterbricht sie ihre Europatournee und fliegt zu ihm nach Los Angeles. Als sie gerade mit dem Schlüssel die gemeinsame Wohnung aufschließt und Stimmen vernimmt, weiß sie noch nicht, dass ihr Leben vor einem Wendepunkt steht.
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Seitenzahl: 631
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 4
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26 260
27 278
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30 316
31 323
32 335
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35 366
36 375
37 379
38 383
39 391
40 400
41 405
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-476-9
ISBN e-book: 978-3-99131-477-6
Lektorat: Kathrin Skocek
Umschlagfoto: Sandyche, Michal Bednarek | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1
„Steff, wach auf, wir landen gleich!“
John rüttelte Stefanie sanft an der Schulter. Sie öffnete verschlafen die Augen und sah aus dem Fenster. Tatsächlich konnte man in der Ferne bereits die Silhouette von Los Angeles erkennen. Sie musste irgendwann über dem Atlantik eingeschlafen sein. Als die Durchsage des Flight Attendant aus dem Kabinenlautsprecher erklang, befolgten sie seine Anweisungen, richteten die Sitze gerade und schnallten sich an. Es war kurz nach fünfzehn Uhr, als das Flugzeug zur Landung ansetzte. Das Wetter war an diesem Montag Ende November der Jahreszeit entsprechend trüb und feucht. Stefanie und John verließen mit den anderen Passagieren der First Class als erste ihre Plätze und das Flugzeug. Wie immer ging die Zollkontrolle im VIP-Bereich ohne Probleme vonstatten. Vor dem Flughafengebäude verabschiedeten sie sich mit einer Umarmung. Während John für Stefanie die Tür des vordersten Taxis öffnete, sagte er:
„Vergiss nicht, unser Flug am Freitag zurück nach Deutschland geht um sieben Uhr. Sei bitte pünktlich.“
„Aber ja, mach dir keine Sorgen, ich werde rechtzeitig hier sein.“
Mit diesen Worten stieg sie ein und nannte dem Fahrer die Adresse. John ging auf das hintere Taxi zu und stieg ebenfalls ein. John wohnte mit seiner Frau Anna östlich der Stadt, während Stefanie und ihr Lebensgefährte Dave im Westen lebten. Es sollte ein Überraschungsbesuch werden und Stefanie hatte Dave nicht gesagt, dass sie für einen kurzen Besuch nach Hause kam.
John Hanson, Bob Mirrer und Stefanie Robbins waren mit ihrer Band, denWild Angels,seit drei Monaten auf großer Europatournee unterwegs. Der Mittwoch und der Donnerstag waren als freie Tage eingeplant, um etwas Zeit zum Durchatmen zu haben. Am Montag, zwei Stunden vor dem Konzert in Hamburg, war Frank zu ihnen in die Garderobe gekommen und hatte gesagt: „Die Halle in Lübeck, in der ihr morgen Abend auftreten solltet, steht in Flammen. Der Verantwortliche hat mich soeben angerufen. Leider ist es nicht möglich, in der Kürze der Zeit einen passenden Ersatz zu finden.“
Frank Smith war der Manager der Band. Er hatte schwarze, kurze Haare, in denen die ersten grauen Strähnen sichtbar wurden und ebenso schwarze Augen. Er war Anfang fünfzig, hatte jede Menge Berufserfahrung und sie waren froh, dass er sich bereit erklärt hatte, die Band auf ihrer ersten Tour in Übersee zu begleiten. Er kümmerte sich genau um solche Dinge und auch anderen, zum Glück meist kleineren Problemen, sodass sich die Band nur auf die Auftritte konzentrieren und alles andere Frank überlassen konnte. Da das Konzert ausfiel und sie, wenn auch unfreiwillig, einen Tag mehr zur freien Verfügung hatten, beschlossen Stefanie und John spontan, noch in der gleichen Nacht für einen Kurzbesuch nach Hause zu fliegen.
Der Taxifahrer musterte Stefanie immer wieder verstohlen im Rückspiegel. Sie war seit etwas mehr als vier Jahren mit der Band unterwegs und bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr hatte sie niemand auf der Straße erkannt. Es war immer noch merkwürdig, von den Menschen so angestarrt zu werden und sie fragte sich, ob sie sich je daran gewöhnen würde. Wenig später hielt das Taxi vor dem Haus, in dem sie mit Dave lebte. Sie bezahlte, stieg aus und ging mit der kleinen Reisetasche in der Hand die Auffahrt hoch. Sie staunte, als sie sah, dass Daves Auto vor dem Haus stand. Es war sechzehn Uhr, um die Zeit war er eigentlich nie zu Hause. Sie zuckte mit den Schultern, freute sich aber gleichzeitig, dass er da war, stieg die Treppe hoch und öffnete mit ihrem Schlüssel die Tür. Gerade als sie nach ihm rufen wollte, hörte sie Stimmen aus dem Schlafzimmer. Ohne sich etwas dabei zu denken, ging sie zur Tür, öffnete sie und erstarrte. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartet hatte, bestimmt nicht das, was sie sah.Dave vergnügte sich mit einer jungenFrau in ihrem Bett. Die Situation hätte nicht eindeutiger sein können. Schockiert sah Stefanie den beiden zu, ohne wirklich zu begreifen, was sich da vor ihren Augen abspielte. Es war wie in einem schlechten Film. Als die Frau Stefanie bemerkte, stieß sie einen spitzen Schrei aus, Dave fuhr herum, schubste die Frau grob zur Seite, blickte Stefanie erschrocken an und meinte etwas einfältig:
„Wo kommst du denn her? Es ist nicht das, wonach es aussieht.“
Daves Worte holten Stefanie in die Realität zurück. Sie drehte sich auf dem Absatz um und verließ, ohne weiter nachzudenken, fluchtartig die Wohnung. Sie wollte nur noch weg von hier, raus aus der Wohnung. Sie hörte noch, wie Dave mehrmals ihren Namen rief.
Sie lief verstört, wie in Trance, durch die Stadt. Irgendwann erwachte sie wie aus einem schlechten Traum. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass es angefangen hatte zu regnen. Sie war völlig durchnässt und fror entsetzlich. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es kurz nach 19 Uhr war. Sie war drei Stunden herumgelaufen, ohne zu wissen, wo sie überall gewesen war. Sie war erschöpft und hätte sich am liebsten einfach irgendwo hingesetzt. Bei Temperaturen um die zehn Grad und mit den nassen Kleidern nicht gerade die beste Idee. Sie hatte bei ihrerFluchtalles zurückgelassen, ihre Tasche und auch ihre Jacke. Stefanie sah sich um und stellte fest, dass sie in einer Gegend war, die sie nicht kannte. Sie lebte seit knapp zehn Jahren in Los Angeles, die Stadt war groß und die letzten vier Jahre war sie auch mehr unterwegs gewesen als hier. Trotzdem erschrak sie, dass sie nichtwusste,wo sie war. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Jetzt war sie sogar froh, dass es regnete. Die Menschen, die an ihr vorbei hasteten, wunderten sich so höchstens wegen ihrer Bekleidung. Es war nicht nötig, dass sie sich auch noch fragten, warum sie weinte. Sie waren aber alle zu sehr mit sich selbst beschäftigt und hatten nur ein Ziel vor Augen: möglichst schnell ins Trockene und Warme zu kommen. Kaum jemand beachtete sie, was ihr nur recht war. Was sollte sie tun? Ohne Geld, ohne Kreditkarte, wo sollte sie hin? Sie hatte auch ihr Handy zurückgelassen. Auf keinen Fall wollte sie nach Hause zurück.John, Anna!Sie musste zu John und Anna. Sie würden ihr helfen. Stefanie stellte sich an den Straßenrand und winkte ein Taxi herbei, besser gesagt, sieversuchteein Taxi herbeizuwinken. Die ersten drei fuhren einfach vorbei. Sie musste fürchterlich aussehen, vor Nässe triefend, und in der Zwischenzeit hatte sie auch noch einen Schüttelfrost bekommen. Erst der Fahrer des vierten Taxis erbarmte sich und hielt an. Nachdem sie eingestiegen war, nannte sie ihm die Adresse.
„Gute Frau“, meinte der, „sie wissen aber schon,weran dieser Adresse wohnt?“
„Natürlich, deshalbwillich ja dahin.“
„Ich glaube kaum, dass die uns reinlassen.“
„Glauben Sie mir,diewerden.“
Er zuckte nur die Schultern, fuhr dann aber doch los. Sie fror sogar hier im warmen Taxi fürchterlich. Der Taxifahrer war klein und gedrungen. Er mochte so um die sechzig sein, hatte schütteres, graues Haar und roch nach billigem Rasierwasser. Außerdem schien er Knoblauch über alles zu lieben. Die Kombination von beidem ließ in Stefanie Übelkeit aufsteigen, und sie musste sich zusammenreißen, dass sie nicht das Fenster öffnete. Zu allem versuchte der Fahrer auch noch eine Konversation anzufangen. Wenn sie nicht so froh gewesen wäre, dass er angehalten hatte, wäre sie auf der Stelle wieder ausgestiegen. Nur die Vorstellung, wieder in der Kälte zu stehen, ließ sie das hier ertragen.
„Was treibt Sie denn bei diesem Wetter ohne Mantel auf die Straße? Ich finde, das ist ein bisschen leichtsinnig, meinen Sie nicht auch?“
Stefanie brummte nur vor sich hin und hoffte, er würde aufhören zu reden. Er dachte aber nicht daran, er war einer von der hartnäckigen Sorte, die glaubten, sie müssten ihre Fahrgäste unterhalten und so führte er seinen Monolog brav weiter.
„Was hätten Sie denn gemacht, wenn ich nicht angehalten hätte? Ich habe schon gesehen, dass der Kollege vor mir vorbeigefahren ist. Irgendwie erinnern Sie mich an jemanden. Waren Sie schon einmal in Baltimore? Die Freundin einer Cousine meiner Frau lebt da. Vielleicht habe ich Sie da schon einmal gesehen. Wissen Sie, wir sind ab und an mal in Baltimore. Es ist eine wunderschöne Stadt und die Frauen gehen gerne einkaufen. Leider kauft meine Frau immer zu viele Dinge, die wir gar nicht brauchen.“
Stefanie ging sein Selbstgespräch unglaublich auf die Nerven. Das war absolut nicht das, was sie jetzt brauchte und sie war froh, als er in die Straße einbog, in der John und Anna wohnten. Er hielt etwa fünfzig Meter vor der Einfahrt und sagte:
„So, da wären wir.“
„Bitte fahren Sie vor zum Tor.“
„Hören Sie, ich will keinen Ärger. Die rufen doch gleich die Polizei!“
„Fahren Sie vor zum Tor!“,befahl sie ihm jetzt ungehalten.
Langsam verlor sie die Geduld, sie wollte endlich raus aus diesem Taxi. Widerwillig fuhr er los und hielt vor der Einfahrt. Aus dem Wärterhäuschen beim Eingang kam ein Mann auf das Taxi zu und Stefanie ließ die Scheibe hinunter.
„Hallo Sam. Sind Mr. und Ms. Hanson zu Hause?“
Sam war 32 Jahre alt und ein gut aussehender junger Mann mit braunen, kurzen Haaren und braunen Augen, die immer strahlten. Er war immer freundlich und gut gelaunt. John und Anna hatten eine Security-Firma beauftragt und die Einfahrt wurde rund um die Uhr bewacht. Stefanie mochte Sam und war jedes Mal froh, wenn er Dienst hatte. Selbst wenn Sam sich über Stefanies Aussehen wunderte, zeigte er dies mit keiner Regung.
„Hallo Ms. Robbins. Ja, sie sind da. Warten Sie, ich öffne das Tor.“
Stefanie bemerkte, wie dem Taxifahrer der Unterkiefer herunterklappte.
„Sie sindStefanie Robbins?Deshalb sind Sie mir so bekannt vorgekommen. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht erkannt habe!“
„Schon in Ordnung.“
„Ich muss ja noch schlimmer aussehen, als ich mich fühle“, dachte sie dabei. Das Taxi fuhr die Auffahrt hoch und hielt vor dem großen weißen Haus. Von Sam informiert, kamen Anna und John durch die Haustür heraus. Sie erschraken über Stefanies Anblick und im Gegensatz zu Sam zeigten sie das auch.
„John, kannst du bitte das Taxi bezahlen? Ich habe kein Geld dabei. Danke!“
Während John sich um die Bezahlung kümmerte, zog Anna Stefanie ins Haus.
„Was in Gottes Namen ist denn mit dir geschehen?“ fragte sie, winkte aber ab, als Stefanie zu einer Erklärung ansetzen wollte. „Nachher, zuerst nimmst du ein heißes Bad. Du bist ja völlig durchnässt und halb erfroren.“
Nur zu gerne folgte Stefanie Anna in den oberen Stock. Anna öffnete die Tür eines der Gästezimmer, ging ins Bad und ließ heißes Wasser in die Wanne laufen. Anna war eine Seele von einem Menschen und wusste immer genau, was zu tun war. Sie ging mit den Worten:
„Ich lege dir Kleider von mir auf das Bett, wärm dich richtig auf, ich mache in der Zwischenzeit Tee“, wieder hinaus.
Es war die richtige Entscheidung gewesen, hierher zu kommen. Mit Anna verband Stefanie seit dem Tag, als sie sich kennengelernt hatten, eine tiefe Freundschaft. John, den Stefanie etwas länger als Anna kannte, war der beste Freund, den sich ein Mensch nur wünschen konnte. Er hatte immer ein offenes Ohr für alles und war Stefanies Beschützer. Wenn sie mit der Band unterwegs waren, hielt er immer ein wachsames Auge auf sie und achtete darauf, dass ihr niemand zu nahekam.
Stefanie genoss das heiße Bad und hatte das Gefühl, langsam wieder zu sich zu kommen. Damit kamen aber auch die Bilder zurück, die sie am liebsten in der Wanne ertränkt hätte. Nach einer halben Stunde stieg sie aus dem Wasser, trocknete sich ab und zog die Kleider von Anna an. Zum Glück hatten sie die gleiche Kleidergröße. Dann ging sie nach unten, wo John und Anna schon auf sie und ihre Erklärung warteten. Sie saßen sich in der gemütlichen Wohnküche am großen Tisch gegenüber. John sah Stefanie kritisch an, als sie die Küche betrat und sich neben ihn auf die Bank setzte. Anna schenkte eine Tasse ihres heißenSeelen-Teesein und stellte sie vor Stefanie hin.
„Drink erst einmal, das tut dir gut.“
Annas Seelen-Tee,wie sie ihn selbst nannte, kam immer dann zum Einsatz, wenn es jemandem nicht gut ging. Sie hatte die Mischung selbst zusammengestellt und sie war ihr großes Geheimnis. Er verfehlte die Wirkung aber nie, es ging einem wirklich besser, wenn man eine Tasse davon getrunken hatte.
„Also?“
John sah Stefanie fragend an, nachdem sie etwas Tee getrunken hatte. Sie erzählte den beiden, was geschehen war. Es war das zweite Mal in den vergangenen 14 Jahren, dass Stefanie einen Mann, den sie liebte, überraschen wollte und das zweite Mal, dass es daneben ging. Sie sollte keine Männer mehr überraschen. Als sie fertig erzählt hatte, brummte John:
„So ein Idiot!“
Er sprach mehr zu sich selbst als zu den beiden Frauen. Als Stefanie zu weinen anfing, nahm er sie tröstend in die Arme. Anna sagte nur:
„Du bleibst erst einmal bei uns. Wir haben ja Platz genug.“
Anna und John hatten sich ihr Traumhaus gebaut. Wenn man das Haus betrat, war von der Eingangshalle aus gesehen auf der linken Seite die große Wohnküche. Anna wollte unbedingt eine Küche, in der man nicht nur kochen, sondern auch gemütlich beisammensitzen und plaudern konnte. So war ein großer Tisch, an dem sicher zwanzig Personen Platz fanden, ein absolutesMussgewesen. Die beiden hatten gerne Menschen um sich und es war einoffenesHaus, wo Freunde immer willkommen waren. Daneben führte eine Tür in den Proberaum der Band. Auf der rechten Seite war das Wohnzimmer, welches aber nur selten benutzt wurde. Annas Büro war gleich daneben. Zu Beginn der Karriere der Band hatte Stefanie die Post, PR und allen schriftlichen Verkehr selbst erledigt. Auch die Briefe der Fans hatte sie beantwortet. Je erfolgreicher die Band wurde, desto weniger Zeit fand sie dafür. Anna hatte sich dann anerboten, dies zu übernehmen. Nach dem ersten Hit, der in fast allen Ländern in die Top Ten kam, schossen Fanklubs wie Pilze aus dem Boden. Stefanie, John und Bob achteten sehr sorgsam darauf, wie die Fanklubs mit den privaten Informationen umgingen und gaben nur den seriösen die Erlaubnis, sich als offizielle Fanklubs zu bezeichnen. Die Fanklubs unterstanden alle Anna, sie gab ihnen die Informationen und Neuigkeiten der Band weiter, keiner durfte irgendetwas veröffentlichen, ohne dies vorher mit Anna abgeklärt zu haben. In Europa managte Stefanies Schwester Franziska die Fanklubs, hier koordinierte sie alles. Neben Amerika hatte die Band in Europa die meisten Fans.
Im oberen Stock befanden sich das Schlafzimmer der beiden und vier Gästezimmer.
Als Stefanie später am Abend im Bett lag, heulte sie vor sich hin und wälzte sich in Selbstmitleid. „Es geschieht dir ganz Recht. Du hättest vor Dave gewarnt sein sollen. Das hast du nun davon, du dumme Gans. Die letzten Jahre warst du auch kaum zu Hause. Ist doch klar, ein Mann wie Dave braucht eine Frau und wenn die eigene nicht da ist, holt er sich halt eine andere.“ Sie ging sehr hart mit sich zu Gericht und gab zu allem auch noch sich selbst die Schuld, dass Dave sie betrogen hatte.
2
Stefanie und Dave lernten sich bei der Polizei kennen, als Stefanie sich vor zehn Jahren von der Polizei in San Francisco nach Los Angeles versetzen ließ. Sie wurde damals Dave Baker und Howard Elliot zugeteilt. Sie waren Kriminalbeamte bei der Mordkommission und ein eingespieltes Team. Howard, 34 Jahre alt, groß gewachsen mit halblangen dunklen Haaren, war der Besonnene der beiden. Seine braunen Augen vermittelten den Eindruck, als ob sie einem direkt in die Seele blicken könnten. Stefanie hätte nicht von ihm verhört werden wollen. Er handelte nie unüberlegt und war sehr realistisch. Er hatte eine klare Sichtweise auf das Leben. Dave war genau das Gegenteil. Kurze blonde Haare, ein Jahr jünger als Howard und ein absoluter Draufgänger. Er fragte nie nach, sondern handelte erst einmal. Seine blauen Augen schienen immer zu lachen und einem zu erklären: „Hey, das Leben macht doch Spaß!“So grundverschieden die beiden auch waren, so sehr ergänzten sie sich zu einem perfekten Team. In einem Punkt waren sie sich einig: Sie waren beide nicht sonderlich begeistert, sich um eine junge Frau, Stefanie war zu dem Zeitpunkt 24 Jahre alt, kümmern zu müssen. Es war ihnen nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie die Verantwortung auferlegt bekamen, auf sie aufzupassen. Das änderte sich jedoch nach mehreren heiklen Einsätzen rasch, als sie merkten, dass sie sich auf Stefanie verlassen konnten.
Dave war ein richtiger Schürzenjäger. Er ließ nichts anbrennen. Was sehr schade war, denn Stefanie fand ihn eigentlich nett. Ihr gefiel seine Einstellung zum Leben. Er nahm alles leicht. Als Stefanie zwei Jahre in L. A. war, lernte Dave eine Frau kennen. Diesmal schien für ihn alles anders zu sein, er liebte Joanna wirklich. Auch wenn Stefanie Joanna heimlich beneidete, freute sie sich für die beiden. Joanna war auch eine patente Frau. Als die beiden etwa acht Monate zusammen waren, kam Joanna bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ein betrunkener Autofahrer überfuhr sie auf dem Fußgängerübergang. Stefanie und Howard taten alles, um Dave über diese schwere Zeit hinweg zu helfen. Nachdem der erste große Schmerz bei Dave etwas verklungen war, kamen Stefanie und er sich näher. Sie war gern mit ihm zusammen, vielleicht war es auch etwas naiv zu glauben, Dave hätte sich in sie verliebt. Daves Herz war gebrochen, er hielt sich wahrscheinlich einfach an allem fest, was da war. Es entwickelte sich langsam zwischen den beiden, aber irgendwann waren sie ein Paar. Als er Stefanie vorschlug, dass sie doch zu ihm ziehen solle, freute sie sich. Sie hatte lange alleine gelebt und es war schön, das Leben wieder mit jemandem zu teilen.
Stefanie, Dave und Howard verkehrten zu der Zeit viel in einer kleinen Kellerbar, demBeasty. Der Betreiber des Lokals, Georg Beast, genannt Beasty, war ein alter Freund von Dave und Howard. Die drei kannten sich schon, seit Dave und Howard bei der Polizei angefangen hatten. Beasty war Afroamerikaner und hatte es nicht einfach gehabt, sich mit seinem Lokal zu etablieren. Er wurde immer wieder überfallen, und man versuchte, ihn mit Schutzgeldzahlungen zu erpressen. Damals waren Dave und Howard noch Streifenpolizisten und sie nahmen Beasty unter ihren persönlichen Schutz. Erst nachdem sie eine ganze Gang verhafteten, wurde Beasty in Ruhe gelassen. Er bedankte sich mit einer lebenslangen Freundschaft bei den beiden. In dem Lokal hatte es eine kleine Bühne. Unbekannte Musiker bekamen hier die Chance, vor Publikum aufzutreten. Oft, wenn Stefanie, Dave und Howard da waren, trat eine Band bestehend aus vier Männern auf. Die Musik, die sie machten, gefiel Stefanie. Sie spielte seit ihrer Jugend Gitarre und versuchte, wie sie fand, leidlich dazu zu singen. Da Beasty das wusste, überredete er die Jungs, Stefanie doch einmal auf die Bühne zu holen. Sie genierte sich zuerst, ließ sich aber dann doch überreden. Sie ahnte nicht, dass dieser erste Auftritt ihr ganzes Leben verändern sollte. Sie ging auf die Bühne, der Mann an der E-Gitarre stellte sich als John vor, am Bass war Bob, am Keyboard Frank, am Schlagzeug saß Bill. Auf der Bühne stand eine Akustikgitarre und Stefanie fragte, ob sie sie benützen dürfe. John nickte und wollte wissen, welchen Song sie spielen wolle. Stefanie nannte irgendeinen Song, der gerade im Radio rauf und runter gespielt wurde. Bill am Schlagzeug gab den Takt vor und sie setzten ein. Stefanie sang und spielte diesen Song genauso, wie sie ihn auch alleine zu Hause für sich sang. Ihre anfängliche Nervosität verschwand, kaum dass sie angefangen hatten zu spielen. Als die letzten Takte verklungen waren, kam aus dem spärlichen Publikum großer Applaus. Stefanie war nicht aufgefallen, dass es, während sie gespielt und gesungen hatten, still geworden war und offenbar alle lauschten. John und Bob machten ihr ein Kompliment dafür, wie gefühlvoll sie diesen Song vorgetragen hatte und luden sie ein, doch öfter mit ihnen zu spielen.
Seit diesem Abend trat sie, wann immer sie imBeastywar und die Jungs spielten, mit ihnen auf. Je mehr sie mit ihnen auf der Bühne stand, umso mehr bekam sie Freude daran. Sie hatte auch schon eigene Songs getextet und fragte John, ob er ihr die Musik dazu komponieren würde. Eigene Songs zu singen, war zuerst ein eigenartiges Gefühl für Stefanie, sie gewöhnte sich aber rasch daran.
Als Joanna starb, schrieb Stefanie einen Song für Dave. Er hieß „For a Friend“und handelte davon, dass immer und zu jeder Zeit ein Freund an seiner Seite sei, der ihm beistehen und ihn auffangen würde und auf den er sich verlassen konnte.
John Hanson und Bob Mirrer, beide 33 Jahre alt, kannten sich aus der Schlulzeit. Seit der achten Klasse versuchten sie immer wieder, mit ihrer Band den Durchbruch zu schaffen. Das war ihr großer Traum, erfolgreich auf den Bühnen dieser Welt zu stehen. Stefanie konnte nicht verstehen, warum ihnen das noch nicht gelungen war. John hatte eine kräftige, tiefe Stimme, die genau zu seinem Aussehen passte. Er war zwei Köpfe größer als Stefanie, hatte dunkle, kurze Haare, einen durchtrainierten Körper und die wärmsten Augen, die sie bisher gesehen hatte. Bob war nur wenig größer als sie und eher schmächtig. Seine langen braunen Locken trug er offen und hatte stets ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen. Er hatte eine sanfte, melancholische Stimme. Die beiden ergänzten sich stimmlich perfekt. Eines Abends, Stefanie hatte gerade wieder einige Songs mit ihnen gespielt, fragte John sie, ob sie nicht Lust hätte, mit ihnen eine neue Band zu gründen. Sie freute sich über dieses Angebot, hatte aber doch so ihre Bedenken. Sie müsste ihren Job aufgeben, da die unregelmäßigen Arbeitszeiten bei der Polizei hinderlich für eine Musikerkarriere wären. Von was sollte sie leben, wenn es mit der Musik nicht klappen würde?
„Sie dich mal in dem Laden um“, meinte John, „kannst du dich noch erinnern, wie viele Leute hier waren, als du das erste Mal mit uns gesungen hast? Und jetzt? Der Laden ist rappelvoll. Es kommen jeden Abend immer wieder Leute in der Hoffnung, dass wir da sind und du mit uns auftrittst. Frag Beasty, die Leute fragen ihn, wann denn diese Sängerin wieder da sei.“
Sie schaute ihn etwas ungläubig an und bat um Bedenkzeit, wäre es doch ein gewagter Schritt ins Ungewisse.
Später, als sie mit Dave darüber sprach, meinte er nur:
„Wenn du das willst, dann mach es doch. Es ist deine Entscheidung.“
Sie fand, er reagierte etwas gleichgültig, würde es doch auch für ihre Beziehung eine Veränderung bedeuten. Stefanie hätte sich gerne länger mit ihm darüber unterhalten. Das Dafür und das Dagegen abgewogen. Dave hatte sich aber bereits wieder seiner Zeitung zugewandt und signalisierte ihr damit, dass für ihn das Thema abgeschlossen war. Sie seufzte und dachte: „Was soll’s.“ Sie war jetzt dreißig Jahre alt, und vielleicht war es genau der richtige Zeitpunkt, um noch einmal etwas Neues anzufangen. So entschied sie sich allein, den Schritt zu wagen.
Ein paar Tage später saß sie mit John und Bob zusammen, um die Details zu besprechen. Sie waren bei John zu Hause und Stefanie lernte seine Frau Anna kennen, mit der er ein knappes Jahr verheiratet war. Sie begrüßte Stefanie sehr herzlich mit einer Umarmung. Die beiden Frauen verstanden sich vom ersten Augenblick an. Anna hatte ihre blonde, wilde Haarmähne zu einem Pferdeschwanz gebändigt.
„Es freut mich, dich endlich kennenzulernen“, sagte sie, „du glaubst nicht, jeden Abend, wenn du mit den Jungs aufgetreten bist, kommt John nach Hause und schwärmt von dir. Ich freue mich, dass du dich entschieden hast, mit ihnen eine neue Band zu gründen.“
Monate später fragte Stefanie Anna einmal, ob sie nicht eifersüchtig gewesen sei, wenn John immer wieder von ihr erzählt und geschwärmt hatte. Anna hatte nur gelacht und gemeint:
„Ich vertraue John zu 100 %. Mach dir keine Gedanken, ichweiß,dass mein Mann mich nie betrügen würde.“
Stefanie hatte damals über diese Aussage und die Sicherheit, die Anna über die Treue ihres Mannes ausstrahlte, gestaunt. Je länger sie die beiden aber kannte, umso klarer wurde ihr, dass nichts und niemand sich zwischen diese beiden Menschen würde drängen können. Die Macht einer solchen bedingungslosen Liebe begriff Stefanie erst, als sie Jahre später Alex kennenlernte.
Als Erstes musste ein Name für die Band gefunden werden. Sie warfen unzählige Namen in die Runde, die sie aber wieder aufgaben. Sie waren zu ähnlich mit bereits bestehenden Gruppen oder sagten zu wenig über die drei aus. Da meinte Bob plötzlich:
„Es muss etwas mit einem Engel im Namen sein. Schließlich ist Stefanie wie ein Engel zu uns gekommen. Ohne sie würden wir das Ganze doch gar nicht wagen.“
„Na ja“, warf Stefanie ein, „so ein Engel bin ich aber auch nicht. Ich kann ganz schön wild sein, wenn es sein muss.“
„Das ist es“, sagte John jetzt begeistert, „Wild Angels. Das ist doch genau der richtige Name für uns.“
Auch mussten sie überlegen, wie groß die Band werden sollte und was für Musiker sie brauchten. Frank und Bill, die bis dahin mit John und Bob aufgetreten waren, wollten bei dem Projekt nicht mit dabei sein. Ihnen war das Risiko zu groß, sie hatten beide Familien und wollten ihre sicheren Jobs nicht aufgeben.
„Was wir sicher brauchen ist ein Schlagzeuger und einen Keyboarder. Vielleicht einen dritten Gitarristen? Wir haben junge Talente an der Musikschule. Schauen wir uns doch da einmal um“, meinte John schließlich.
John und Bob, beide arbeiteten als Musiklehrer, würden ihre Jobs zur Absicherung der Finanzen vorerst noch behalten. Sie konnten sich ihre Zeit frei einteilen. Stefanie würde ihre Stelle bei der Polizei aufgeben und Management, PR und Terminplanungen übernehmen. John und Bob würden ihr dafür ein – zugegebenermaßen sehr bescheidenes – Gehalt bezahlen. Zum Überleben würde es Stefanie aber reichen.
Das Konzept für dieWild Angelsstand fest. Es sollte auch nicht sonderlich schwierig sein, geeignete Musiker zu finden, die bereit waren, das Wagnis mit ihnen einzugehen. Talente hatten John und Bob genügend unter ihren Schülern. Sie überlegten, wer ihrer Meinung nach zu ihnen passen würde und den Anforderungen genügte. Sie entschieden sich pro Instrument, Schlagzeug, Keyboard und Gitarre, je drei in die Auswahl zu nehmen und sie vorspielen zu lassen. Für das Schlagzeug entschieden sie sich für Paul Anderson. Er spielte sehr gefühlvoll und war in der Lage, das Instrument fast zu streicheln. Am Keyboard überzeugte sie Lucas Taylor und bei der Gitarre war es Basil Hunter. Hier war ihnen wichtig, dass sowohl die Akustik-, die E- und die Bass-Gitarre beherrscht wurden. Sie hatten ihre Band zusammen und waren sehr zufrieden. Es sollte sich weisen, dass sie die richtigen Musiker ausgewählt hatten. Sie entschieden sich, die drei in ein Anstellungsverhältnis zu nehmen. Somit blieben alle Entscheidungen, was die Band betraf, bei Stefanie, John und Bob.
Das weitaus größere Problem war, eine Plattenfirma zu finden, die an die Band glaubte und sie produzieren würde. Sie schickten Demobänder an alle bekannten Labels in den USA. Doch niemand schien an sie und ihre Musik zu glauben, sie bekamen nur Absagen. Von einem Label hatten sie allerdings noch nichts gehört, waren sich aber sicher, dass auch hier eine Absage kommen würde. Mittlerweile spielte die Band fast jeden Abend imBeasty. Es war immer noch besser, als nur herumzusitzen und abzuwarten und sie konnten so als Band schon einmal etwas Routine bekommen. Dann kam der Anruf vonWalton Music. Die Dame am Telefon erklärte Stefanie, dass der Eigentümer, Steve Walton, die Band einlud, ins Studio nach Denver zu kommen. Sie sollten live spielen und singen, damit er sich ein Bild von ihnen, ihren Stimmen und ihrem Auftreten machen konnte. Stefanie konnte es kaum glauben!
Als sie zwei Wochen später mit den Männern nach Denver flog und die Studios vonWalton Musicbetrat, war sie sehr nervös, schließlich hing viel davon ab, wie Steve Walton die Band fand. Sie hatten unaufhörlich geprobt, manchmal bis zu zehn Stunden am Tag und auch einige neue Songs einstudiert. Sie wussten, nach allen anderen Absagen hatten sie nur diese eine Chance. Am Empfang saßen zwei Damen. Die jüngere der beiden stellte sich als Isabel vor und war die Tochter von Steve. Sie war Anfang zwanzig, sehr hübsch, hatte lange blonde Haare und grüne Augen. Wenn sie lächelte, bildeten sich kleine Grübchen um ihren Mund. Sie führte die Band durch Gänge und Türen, bis sie schließlich ins Aufnahmestudio kamen. Stefanie hatte noch nie eines gesehen und war sehr beeindruckt. Durch die Glasscheibe, die den Aufnahmeraum vom Technikraum trennte, sahen sie drei Männer, die sich unterhielten.
„Macht euch bereit, Schlagzeug und Keyboard stehen zur Verfügung und eure Gitarren habt ihr ja dabei. Braucht ihr sonst noch etwas?“
„Nein danke, es passt alles“, gab John ihr freundlich zur Antwort.
„Perfekt! Mein Vater wird gleich kommen und alles Weitere mit euch besprechen.“
Mit diesen Worten ging sie hinaus. Sie packten die Gitarren aus und stimmten sie, während Paul das Schlagzeug in Augenschein nahm und Lucas das Keyboard einstellte. Kurz darauf kam einer der Männer aus dem Technikraum zu ihnen herüber.
„Ich bin Steve Walton. Es freut mich, euch kennenzulernen“, stellte er sich vor.
Er begrüßte jeden Einzelnen mit einem Handschlag. Er war Stefanie von Anfang an sympathisch. Sie konnte sich gut vorstellen, mit ihm zusammen zu arbeiten. Sie schätzte ihn auf Mitte fünfzig, er wirkte aber sehr rüstig und fit. Seine ergrauten Haare verliehen ihm etwas Respektvolles. Seine Augen hatten das gleiche Grün wie die von Isabel. Er blickte die Musiker freundlich und erwartungsvoll an.
„Also, dann lasst mal hören. Wenn uns das, was ihr live macht, genauso gut gefällt wie euer Demoband, steht einer Zusammenarbeit nichts im Wege. Wir haben auf dem Band drei Stimmen gehört“, er sah sie dabei fragend an.
„Ja“, sagte John, „Stefanie, Bob und ich sind die Sänger der Band.“
„Gut, dann würden wir gerne drei Songs hören, jeweils mit einer anderen Lead-Stimme. Wenn möglich gerne andere Songs als auf dem Band sind.“
„Ja sicher, das ist möglich. Wir haben genügend Material.“
„Perfekt“, meinte Steve und ging wieder hinüber zu den beiden Männern.
Dann gab er ihnen mit Handzeichen zu verstehen, dass sie anfangen konnten. Stefanie hatte Angst, dass sie vor lauter Nervosität keinen Ton herausbringen würde. Den ersten Song sang John, Paul gab den Takt vor und sie spielten. Nach den ersten Takten vergaß sie völlig, wo sie war. Sie war einfach mitten in der Musik und ging völlig darin auf. Das war auch der Hauptgrund gewesen, warum sie sich für diesen Schritt entschieden hatte. Dieses Gefühl würde sie all die Jahre nie verlassen. Beim zweiten Song sang Stefanie die Lead-Stimme und beim dritten Bob. Als sie alle drei Songs gespielt hatten, tauchte Stefanie wieder in die Realität ein und war jetzt noch nervöser als zuvor. Doch jetzt konnten sie nichts mehr ändern, es hing alles davon ab, wie es Steve und den beiden Männern gefallen hatte. Sie sahen, wie die drei angeregt miteinander diskutierten, und es schien ihnen, als verginge eine halbe Ewigkeit, bis sich Steve über den Lautsprecher meldete:
„Meine Tochter wird euch abholen und in mein Büro begleiten. Wir kommen gleich nach.“
War das ein gutes Zeichen? Sie sahen sich an und Stefanie sah, dass sich die anderen die gleiche Frage stellten. Isabel kam und führte sie wieder durch unzählige Gänge in das Büro ihres Vaters.
„Nehmt euch etwas zu trinken und setzt euch ruhig schon hin. Mein Vater wird gleich da sein“, dann ging sie hinaus.
„Was glaubt ihr, ob es ihnen gefallen hat?“, Stefanies Nervosität stieg fast ins Unermessliche.
Bevor einer antworten konnte, öffnete sich die Tür und Steve kam mit einem der Männer, der mit ihm im Technikraum gewesen war, herein.
„Ich möchte euch Liam vorstellen. Liam ist mein Chef-Aufnahmeleiter und ich gebe sehr viel auf sein Urteil.“
Er betonteChef-Aufnahmeleiterundsein Urteilund das ließ in Stefanie nicht viel Gutes erahnen. Zum Glück sollte sie sich irren.
„Uns hat das, was wir gehört und gesehen haben, sehr gefallen“, sagte Steve, „und wir sind bereit, einen Versuch mit euch zu wagen.“
„Wir geben euch erst einmal einen Vertrag für zwei Studioalben“, sagte Liam dann. „Vom Erfolg der Alben hängt ab, ob wir einen mehrjährigen Vertrag mit euch abschließen werden.“
„Die Songauswahl werdet ihr zusammen mit Liam treffen“, ergriff jetzt Steve wieder das Wort. „Er wird letztendlich auch entscheiden, welche Songs wir veröffentlichen.“
„Es ist euch untersagt, Songs öffentlich zu singen, die wir nicht abgesegnet haben“, ergänzte Liam das Ganze.
Steve nahm aus der Schublade seines Schreibtisches einen Vertrag hervor und reichte ihn John. Offensichtlich waren sie sich schon einig gewesen, was die Band anbelangte, denn der Vertrag war bis auf die Unterschriften bereits vollständig ausgefüllt.
„Schaut ihn euch an, wenn ihr einverstanden seid, unterschreibt unten rechts.“
Sie lasen ihn durch und sahen sich dann an.
„Dürfen wir kurz allein darüber sprechen?“, wandte John sich dann an Steve.
„Ja sicher, wir geben euch ein paar Minuten. Komm Liam, lassen wir sie allein.“ Sie standen auf und gingen hinaus.
„Eigentlich sieht der Vertrag ja gut aus“, meinte John, „aber das mit der Songauswahl stinkt mir gewaltig. Ich würde lieber selbst entscheiden, was wir singen und veröffentlichen wollen.“
„Das sehe ich auch so. Wir geben uns völlig in ihre Hände und können nicht mehr das machen, was wir wollen“, fügte Bob an.
„Ihr müsst aber auch bedenken, sie sind die Einzigen, die sich überhaupt die Mühe gemacht haben, sich mit uns zu befassen. Sie geben uns wenigstens die Chance, dass wir uns beweisen können. Ich bin der Meinung, wir sollten diese Chance ergreifen“, meinte Stefanie nur.
Es war wirklich nicht gerade das, was sie sich erhofft hatten, aber es war immerhin ein erster Schritt und sie hatten den Fuß in der Tür. Schließlich nickte John und auch Bob zeigte sich einverstanden. Die Tür öffnete sich, und Steve und Liam kamen zurück.
„Nun?“, Steve sah sie fragend an.
„Warum diese Klausel, dass wir keine Songs öffentlich singen dürfen, ohne dass Liam sie abgesegnet hat und warum liegt die Entscheidung, welche Songs wir veröffentlichen dürfen, einzig und allein bei euch? Wir möchten gerne unsere Musik machen und nicht das, was andere uns vorschreiben“, John sah erst Steve, dann Liam fragend an.
„Das liegt daran, dass wir mit anderen Künstlern schlechte Erfahrungen gemacht haben. Zuerst waren die Songs in unserem Interesse und plötzlich haben die Songs geschrieben, mit deren Inhalt wir nicht einverstanden waren. Wir machen das zum Schutz für den NamenWalton Music.Solange ihr Musik in der Richtung macht, wie auf dem Band oder das, was ihr eben live gespielt habt, wird es auch keine Probleme geben. Wir wollen keine Texte, die jemanden angreifen oder verletzen, sexistisch oder rassistisch sind“,Steves Erklärung ergab absolut Sinn.
Sie sahen sich an, dann unterschrieb John als Erster, reichte Stefanie den Vertrag, sie unterschrieb und gab ihn an Bob weiter, der ebenfalls unterschrieb. Es war ein magischer Moment.
Steve bereute nie, dass er ihnen die Chance gegeben hatte. Die beiden Studioalben wurden große Erfolge. Daraufhin bekamen dieWild Angelseinen Zwei-Jahres-Vertrag, welcher sich, wenn keine der Parteien ihn kündigte, automatisch um zwei weitere Jahre verlängerte. Die Alben Nummer drei und vier wurden sogar noch erfolgreicher. Mit dem Erfolg klopften plötzlich auch einige der anderen Labels bei der Band an und boten ihnen sehr lukrative Verträge. Aus Dankbarkeit blieben sie aber bei Steve. Sie vergaßen ihm nie, dass er als Einziger an sie geglaubt hatte.
3
Dies alles ging Stefanie durch den Kopf, während sie sich von einer Seite auf die andere wälzte, nicht schlafen konnte und sich immer wieder fragte:Warum? Sie sah das Bild vor sich, Dave, wie er sich mit der jungen Frau in ihrem gemeinsamen Bett vergnügte. Misstrauen machte sich breit. War es das erste Mal oder hatte Dave sie schon öfters betrogen? Ihr war bewusst, sie war mit der Band viel unterwegs, Dave und sie waren nicht mehr Tag und Nacht zusammen. Es war anders gewesen, als sie noch bei der Polizei gearbeitet hatte. Aber sie betrog ihn ja auch nicht deswegen. Für sie waren Liebe, Treue und Vertrauen die Grundelemente einer Beziehung. Er war untreu und somit war auch ihr Vertrauen zu ihm weg, und die Liebe hatte einen Riss bekommen. Im Augenblick wusste sie nicht, wie es weiter gehen sollte. Sie griff zum Telefon und rief ihre Schwester Franziska in der Schweiz an. Franzi war Stefanies Ratgeberin, wenn sie nicht weiterwusste. In der Schweiz war es jetzt früher Vormittag und Stefanie erreichte Franzi sofort. Sie erzählte ihr die ganze Misere.
„Du weißt, ich bin immer ehrlich zu dir“, sagte Franzi als Stefanie fertig erzählt hatte. „Sei froh, bist du diesen Windhund los. Ich habe Dave nie getraut.“
Das war nicht gerade das, was Stefanie hören wollte, ihre Reaktion kam deshalb wohl etwas trotzig, als sie sagte:
„Du kennst ihn doch eigentlich gar nicht. Ihr habt euch nur einmal getroffen und das ist auch schon eine Weile her.“ Stefanie nahm ihn in Schutz und merkte es nicht einmal.
„Ja und das hat mir auch schon gereicht. Glaub mir Schwesterlein, ein untreuer Mann wird nicht plötzlich treu. Ich habe bei Dave von Anfang an ein ungutes Gefühl gehabt. Da du aber so glücklich warst, habe ich nichts gesagt.“
Obwohl Stefanie ihr tief in ihrem inneren recht geben musste und sie die offene, ehrliche Art ihrer Schwester nur zu gut kannte und auch schätzte, trafen sie ihre Worte doch ziemlich hart.
„Ich weiß natürlich, dass du Recht hast, auch wenn ich mir gewünscht hätte, etwas anderes von dir zu hören“, sagte sie traurig.
„Steff, du hast etwas Besseres verdient als einen Mann wie Dave. Glaub mir, du wirst jemanden finden, der dich verdient und der dich auf Händen trägt.“
Stefanie beendete das Gespräch mit den Worten:
„Ich freue mich, euch alle in ein paar Wochen zu sehen. Sicher haben wir dann Zeit, uns noch zu unterhalten. Bitte erzähle Mutti und Vati nichts von unserem Gespräch, ich möchte es ihnen selbst sagen.“
„Keine Sorge. Ich werde meinen Mund halten“, versprach Franzi und sie verabschiedeten sich.
Als Stefanie den Hörer auflegte, war sie einerseits froh, dass sie Franzi angerufen hatte und mit ihr reden konnte, andererseits hatte Franzi ihr nur bestätigt, was sie eigentlich selbst schon gewusst hatte. Sie musste sich von Dave trennen. Es sollte aber lange dauern, bis sie es wirklich fertigbringen würde, ihn endgültig zu verlassen und sich auch innerlich von ihm lösen konnte. Es war gut, dass John und sie am Freitag zurück nach Europa fliegen würden. So bekam sie etwas Abstand und hatte Zeit zum Nachdenken, wie es weitergehen sollte. Vor dem Rückflug musste Stefanie in die Wohnung, um ihre Tasche zu holen, in der sich alle Ausweise und ihre Kreditkarten befanden. Gepäck hatte sie nicht viel mitgenommen, da sie nur für zwei Tage nach Hause gekommen waren.
„Ich werde mit dir kommen“, sagte John, noch bevor Stefanie ihn darum bitten konnte. Sie war ihm dankbar dafür.
So fuhren sie am Donnerstag zu der Wohnung, die ja eigentlich immer noch ihr Zuhause war. Es fühlte sich aber nicht mehr so an. Stefanie hoffte, dass Dave nicht da war. Sie hatte keine Lust, sich jetzt mit ihm auseinandersetzen zu müssen. Er war nicht da. Sein Schlüssel lag wie immer in seinem Versteck, er trug ihn nie bei sich, so konnten sie und John in die Wohnung. Sie holte ihre Tasche und frische Wäsche für den Rückflug. Es war schlimm, dass sie dafür das Schlafzimmer betreten musste. Sofort waren die Bilder wieder da. Sie verließen die Wohnung, Stefanie legte den Schlüssel zurück an seinen Platz und atmete auf, als John losfuhr und der Abstand zur Wohnung immer größer wurde.
Gegen Abend klingelte ihr Handy.Dave!Es war im nicht entgangen, dass Stefanies Sachen nicht mehr da waren und er wusste, dass sie jetzt auch wieder über ihr Handy erreichbar war. Er hatte am Vortag bei John und Anna angerufen und gefragt, ob sie wüssten, wo Stefanie sei. Anna hatte ihm nur gesagt, dass es im Augenblick besser sei, wenn er Stefanie in Ruhe ließ, sich von ihm verabschiedet und aufgelegt. Jetzt versuchte er es direkt über ihr Handy. Stefanie drückte ihn weg, es war ihr unmöglich, mit ihm zu sprechen. Sie hatte keine Ahnung, was sie ihm sonst alles gesagt hätte. Bestimmt Dinge, die sie später bereuen würde, das wollte sie vermeiden. Er gab keine Ruhe und versuchte es immer wieder. So lange, bis sie es leid war und das Handy ausschaltete.
Am Freitag früh fuhr Anna, Stefanie und John zum Flughafen. Die beiden hatten gerade eingecheckt, als jemand Stefanies Namen rief. Es war Dave. Ihr Herz schlug schneller, woher er wohl wusste, dass sie genau jetzt abfliegen wollten? Sie wollte ihm auf keinen Fall begegnen.
Wie sich später herausstellte, hatte Dave Bob angerufen und von ihm erfahren, mit welchem Flug Stefanie und John nach Berlin kommen würden. Da Bob keine Ahnung hatte, was sich in L. A. abgespielt hatte, gab er Dave Auskunft, obwohl er sich wunderte, dass Dave ihn danach fragte.
„Geh schon mal vor“, sagte John zu Stefanie, „ich regle das.“
Rasch durchquerte sie die Schleuse und ging die Gangway hinunter zum Flugzeug. Dave rief noch einmal ihren Namen und sie hörte, wie John und er ziemlich laut miteinander sprachen. Dann war sie auch schon im Flugzeug und atmete erleichtert auf. Als John wenig später nachkam, schüttelte er nur den Kopf.
„Ich glaube, Dave ist sich gar nicht bewusst, was er getan hat. Er betrachtet es offensichtlich als kleinen Ausrutscher. Weiß er, wo wir noch überall auf der Tour sind?“
„Ich habe ihm wie jedes Mal eine Liste mit den verschiedenen Stationen gegeben, aber es hat ihn nie sonderlich interessiert, wo genau wir sind. Meistens hatte er die Listen schon verlegt, bevor wir überhaupt weg waren. Ihn hat viel mehr interessiert, wann ich wieder nach Hause komme. Ich habe mich gefreut, weil ich gedacht habe, er freue sich, wenn ich wiederkomme. Offensichtlich ging es ihm aber um etwas ganz anderes.“ Ihr Herz wurde noch schwerer bei der Vorstellung, was da alles abgelaufen sein könnte, wenn sie unterwegs war. Als das Flugzeug abhob, hoffte sie, ihre trüben Gedanken weit unter sich zurücklassen zu können.
4
Auf dem Tour-Plan standen neben den beiden Konzerten in Berlin auch Hannover, Saarbrücken und München. Dann ging es für drei Konzerte nach Österreich und schliesslich in die Schweiz, worauf sich Stefanie ganz besonders freute. Sie war in Bern geboren und aufgewachsen und erst mit zwanzig Jahren in die Staaten ausgewandert. Es waren die ersten Konzerte, die sie in ihrer Heimat gaben und sie waren etwas ganz Besonderes für Stefanie. Es standen fünf Konzerte auf dem Plan. Je eines in Basel, Zürich und Lausanne und zwei in Bern. Bern hatte nur eine kleine Konzerthalle im Vergleich zu den anderen Städten, aber als Stefanies Heimatstadt war es ihr Wunsch gewesen, hier aufzutreten. Die Halle war in null Komma nichts ausverkauft. Der Veranstalter hatte gemeint, dass die Halle am nächsten Tag noch frei sei, wenn sie Zeit hätten, bestände die Möglichkeit eines Zusatzkonzertes. Da dies die letzte Station der Tour war, hatten sie Zeit. Stefanie hatte danach einige Tage Urlaub eingeplant, die sie mit ihrer Familie verbringen wollte. Alle waren sofort bereit gewesen, ein zweites Konzert zu geben, welches ebenfalls sehr rasch ausverkauft war.
Stefanie freute sich, die Eltern und die Schwester wieder zu sehen und auch einige alte Freunde zu treffen. Ihre Eltern, Hans und Eva Mayer, lebten immer noch in dem Vorort von Bern, wo sie aufgewachsen war. Ihre Schwester Franziska lebte zusammen mit ihrem Mann Albert in Thun im Berner Oberland. Sie hatten keine Kinder, Franzi hatte mehrere Fehlgeburten erlitten und sich irgendwann damit abgefunden, keine eigenen Kinder zu haben. Als Stefanie sie vor drei Jahren gefragt hatte, ob sie Lust habe, den Vorsitz der Fanklubs für Europa zu führen, hatte Franziska begeistert zugesagt.
Die Konzerte in Basel, Zürich und Lausanne waren, wie alle Konzerte der Band, ein großer Erfolg. Die Leute mochten die Musik derWild Angels, weil sie ehrlich war. Ihre Songs handelten nicht von Herzschmerz oder heiler Welt. Ihre Lieder waren authentisch, sie sangen von ihren eigenen Erlebnissen, Erfahrungen und Gefühlen. Die Fans spürten das. Am Morgen nach dem Konzert in Lausanne fuhr die Band nach Bern, wo sie erst einmal die Zimmer im Hotel bezogen. Stefanie hatte zusätzlich zwei Doppelzimmer für ihre Familie im Hotel reservieren lassen, damit sie nach dem Konzert nicht noch nach Hause fahren mussten und sie so auch mehr Zeit zusammen verbringen konnten. Als sich Stefanie in ihrem Zimmer einrichtete, meldete sich Frank über das Hoteltelefon. Er sagte, dass ihre Familie eingetroffen sei und er der Rezeptionistin gesagt habe, sie solle ihnen die reservierten Zimmer geben. Wie in jedem Hotel hatten sie auch hier bei der Anmeldung ausdrücklich gesagt, dass sie für niemanden zu sprechen seien. Jeglicher Kontakt lief ausschließlich über Frank. Sie hätten sonst keine Ruhe vor den Fans. Obschon hier in der Schweiz die Fans viel gesitteter waren als in vielen anderen Ländern. Sie waren immer gerne für ihre Fans da, brauchten aber zwischendurch auch etwas Freiraum für sich. Stefanie fragte sich, warum ihre Familie sich nicht übers Handy direkt bei ihr gemeldet hatte. Sie nahm ihr Handy hervor und sah, dass es ausgeschaltet war. Ja, klar, Dave hatte wieder genervt und sie hatte es ausgeschalten und vergessen wieder einzuschalten. Sie rief Franzi an und sagte ihr, dass sie im Restaurant einen Tisch für die Familie reserviert habe und sie zusammen zu Mittag essen würden.
Eine Stunde später traf sie sich mit ihrer Familie im Restaurant. Sie umarmten sich herzlich und die Mutter wollte sie am liebsten gar nicht mehr loslassen. Es gab so viel zu erzählen und die Zeit verflog viel zu schnell. Stefanie war nicht einmal dazu gekommen, den Eltern von Dave zu erzählen. Um 16 Uhr musste sie für den Soundcheck in der Festhalle sein. Die Männer waren schon vorausgegangen. Anstatt erst am Abend in die Halle zu kommen, nahm Stefanie ihre Familie gleich mit. So hatten sie vor dem Konzert noch etwas Zeit und sie wollte ihnen die Bandmitglieder vorstellen. Franziska freute sich besonders, dieJungsendlich kennenzulernen. Sie war vor allem von Bob ein großer Fan, sie mochte seine melancholische Stimme. Stefanie zog sie manchmal damit auf, dass sie doch eigentlichihrgrößter Fan sein müsste. In der Halle angekommen, führte Stefanie ihre Familie durch den Künstlereingang auf die Bühne, wo die anderen schon auf Stefanie warteten.
„Ich möchte euch gerne meine Familie vorstellen. Meine Eltern Hans und Eva, meine Schwester Franziska und ihr Mann Albert. Meine Eltern und Albert sprechen kein Englisch“, ergänzte Stefanie noch. Dann wandte sie sich an ihre Familie.
„Das sind John, Bob, Lucas, Basil, Paul und Frank, unser Manager.“
Sie begrüßten sich sehr herzlich.
„Wir machen den Soundcheck, dann haben wir noch etwas Zeit für euch.“
John sagte das in Richtung von Stefanies Familie, sah Stefanie dann an und sie übersetzte seine Worte ins Deutsche.
„Mit Franzi könnt ihr Englisch sprechen. Sie spricht es länger und fast noch besser als ich“, sagte Stefanie dann wieder in Englisch zu den Männern. Stefanie sah Franzi grinsend an, als die abwehrend die Hände hob.
„Erzähl bloß nicht so etwas. Länger ja, aber besser bestimmt nicht.“
Fasziniert schaute und hörte Stefanie’s Familie zu. Sie hatten das noch nie erlebt, welcher Aufwand nötig war, damit nachher beim Konzert alles klappte, wie jedes Instrument und jede Stimme einzeln über das Mischpult eingestellt werden musste, da der Widerhall in jeder Halle anders war. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus. Als alles fertig eingestellt war, gingen sie zu den Garderoben, wo Snacks und Getränke bereitstanden.
„Wie geht es eigentlich Dave?“, fragte Stefanies Vater plötzlich unvermittelt.
Stefanie wusste, dass ihr Vater Dave mochte, auch wenn sie sich nur einmal begegnet waren und nicht direkt miteinander hatten reden können, schienen sich die beiden ausnehmend gut zu verstehen. Dave und Stefanie waren im Urlaub einmal zusammen in der Schweiz gewesen, weil sie unbedingt wollte, dass er ihre Familie und ihr Land kennenlernte.
Stefanie sah Franziska erschrocken an. Diese schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie hatte also dichtgehalten und nichts gesagt.
„Tja Vati, das kann ich dir leider nicht sagen.“
„Habt ihr euch etwa getrennt?“ – das war typisch Mutti.
„Sagen wir so, wir haben im Moment eine Beziehungspause“, meinte Stefanie nur, „und mehr möchte ich jetzt auch nicht dazu sagen. Ich werde es euch später erzählen.“
Franziska sah Stefanie durchdringend an und sie wusste, worauf sie hinauswollte. „Du wirst dich doch hoffentlich nicht wieder mit ihm versöhnen“, sagte ihr Blick. Stefanie zuckte nur mit den Schultern und wandte sich ab. Sie wollte jetzt, kurz vor dem Konzert, nicht mit Franzi darüber diskutieren, ob sie zu Dave zurückkehren würde oder nicht. Wenig später begleitete Frank Stefanies Familie hinaus. Er kümmerte sich um sie, damit sich die Band auf das Konzert vorbereiten konnte. Frank hatte für Stefanies Familie die besten Plätze reservieren lassen. Sie waren alle zum ersten Mal bei einem Livekonzert ihrer Tochter und Schwester dabei.
Immer, wenn Stefanie zu ihrer Mutter sah, entging ihr der Stolz in ihren Augen nicht. Der Stolz einer Mutter auf ihre erfolgreiche Tochter. Auch beim zweiten Konzert waren sie alle da. Sie wollten es sich nicht entgehen lassen. Wer wusste schon, wann dieWild Angelswieder hier auftreten würden. Stefanie freute sich riesig, als sie in der Menschenmenge unter sich zwei Frauen erkannte. Es waren ihre Freundinnen Elisabeth und Claudia aus der Jugendzeit.
Am nächsten Tag flogen John und Bob mit der Band und dem ganzen Equipment zurück nach Los Angeles. Stefanie blieb wie geplant noch in der Schweiz und genoss die Zeit mit ihrer Familie in vollen Zügen. Sie machten Ausflüge an Orte, wo sie als Kinder gewesen waren und schwelgten in Erinnerungen. Sie erzählte den Eltern auch, was sich abgespielt hatte und dass sie im Augenblick nicht wusste, wie es zwischen ihr und Dave weitergehen würde.
„Das ist aber schade“, meinte Mutti, „er ist so ein hübscher junger Mann.“
„Ja Mutti, aber was nützt mir ein hübscher junger Mann, wenn er mich betrügt? Ich muss das nicht haben.“
„Da hat Stefanie vollkommen recht“, ergriff nun Vati für sie Partei.
So oder so, die Entscheidung lag letztendlich bei ihr.
Franzi und Stefanie fanden Zeit, um allein miteinander zu reden. Seit frühester Kindheit waren sie eng miteinander verbunden. Franzi, lange dunkle Haare, die sie stets offen trug, braune Augen, 1,70 m groß, Stefanie, blonde lange Haare, immer zu einem Knoten im Nacken gebunden, blaue Augen, 1,65 m groß. Eigentlich recht unterschiedlich für Schwestern. Franzi war drei Jahre älter als Stefanie und schon seit dem 21 Lebensjahr mit Albert zusammen. Sie kannte die harte Seite der Liebe, wie Stefanie sie schon zum dritten Mal erlebte, nicht. Trotzdem fragte Stefanie sie immer wieder um Rat und staunte, wie realistisch Franzi manche Dinge sah. Franzi beschwor Stefanie dann auch immer wieder, nicht zu Dave zurückzukehren. Das sagte sich so einfach, schließlich hatte Stefanie immer noch Gefühle für ihn, auch wenn sie gerade nicht wusste, welcher Art sie waren.
Einmal nahm sie Daves Anruf entgegen. Er beteuerte ihr, wie leid ihm das alles tue und er nicht wisse, was in ihn gefahren sei.
„Bitte verzeih mir und komm zu mir zurück.BitteSteff, ich war ein Rindvieh, aber die Frau hat mich verführt und ich war zu schwach, um ihr zu wieder stehen.“
Dass er seine Untreue jetzt auch noch der Frau zuschob, machte Stefanie wütend. Wenn er wenigstens zu dem, was er getan hatte, gestanden wäre. Sie beendete das Gespräch. Der gute Wille auf eine Aussprache war ihr vergangen.
Natürlich trafen Franzi und sie sich auch mit Elisabeth und Claudia. Sie waren damals eine Clique von vier Mädchen, die jede freie Minute zusammen verbracht hatten, Franzi, Claudia, Elisabeth und Stefanie. Sie trafen sich zum Abendessen, Claudia und Elisabeth hatten sich, außer dass sie natürlich auch älter geworden waren, kaum verändert. Sie verstanden sich auch nach vierzehn Jahren, solange hatten sie sich nicht mehr gesehen, als wenn sie sich erst gestern getrennt hätten. Claudia, eine kleine Brünette, war immer die lustige in der Clique gewesen. Das war sie auch heute noch. Ständig hatte sie einen Spruch auf den Lippen, ohne jemals jemandem persönlich zu nahe zu treten. Elisabeth war einen Kopf größer und hatte schwarze, lange Haare, in denen sich die ersten grauen Strähnen zeigten. Sie hatte es nicht leicht gehabt. Kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter war ihr Mann krank geworden und wenig später gestorben. Sie war schon immer der ruhende Pol von den vieren gewesen. Sie erzählten sich aus ihren Leben und was in der Zwischenzeit alles geschehen war.
„Du hattest es aber auch nicht immer einfach“, meinte Claudia, nachdem Stefanie ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte.
„Mag schon sein“, gab sie zur Antwort, „aber ich hatte trotzdem auch immer wieder Glück. Wie es mit Dave weitergeht, wird sich zeigen. Auch wenn ich traurig bin, wer weiß, für was es gut war. Schließlich geschieht nichts im Leben ohne Grund.“
„So kann man es auch sehen“, meinte nun Elisabeth, „ich habe bis heute nicht verstanden, was am frühen Tod von meinem Mann hätte gut sein sollen oder was es für einen Grund gehabt hätte.“
„Schau“, sagte Stefanie nun wieder, „alles, was dir im Leben geschieht, ob es gut oder schlecht ist, hat einen tieferen Sinn. In allem Negativen, das man erlebt, ist auch etwas Positives, auch wenn man das in dem Augenblick oft nicht erkennt. Mir jedenfalls ist es immer so ergangen. Wenn mir etwas trauriges oder schlimmes widerfahren ist, hat sich am Ende daraus immer etwas Neues, oft besseres ergeben. Ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin, ich wäre keinWild Angel,ohne die schlimmen, traurigen Erfahrungen in meinem Leben. Nur die haben mich immer zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort gebracht.“
„Das war jetzt aber ein sehr philosophischer Satz“, meinte Claudia lachend.
„Ich weiß, aber er sagt alles genau so, wie es ist.“
„Da bin ich wohl diejenige, die das langweiligste Leben hatte“, fuhr Claudia dann fort. „Es erzählt sich in einem Satz. Mann kennengelernt, geheiratet, zwei Söhne im Abstand von vier Jahren bekommen und glücklich wie am ersten Tag.“
Wieder mussten sie lachen. Das war typisch Claudia.
„Da kann ich locker mithalten“, sagte jetzt Franzi, „ich habe meinen Mann ja auch früh kennengelernt, wir haben geheiratet und sind immer noch glücklich zusammen. Leider ist es uns verwehrt geblieben, dass wir Kinder haben durften. Irgendwann haben wir uns damit abgefunden, dass es wohl so sein sollte.“
Später beschlossen sie, in ihre alte Stammdisco zu gehen. Sie waren gespannt, wie es dort jetzt aussah. Zu ihrer aller Freude schien sich nichts verändert zu haben. Die Tische und Bänke hatten immer noch die gleiche verwaschene Farbe und in ihrer Lieblingsecke, die per Zufall gerade frei wurde, waren immer noch die gleichen Löcher im Polster. Sie lachten, als sie das sahen. Sogar der Besitzer war immer noch der gleiche. Lediglich der DJ war ein anderer. Sie setzten sich erst einmal hin und bestellten Getränke. Als dann einer der alten Songs, die früher schon immer liefen, aufgelegt wurde, hielt sie nichts mehr auf den Bänken. Sie tanzten,als ob die Zeit vierzehn Jahre zurückgedreht worden wäre! Dass dem nicht so war, wurde ihnen genau in dem Augenblick bewusst, als ein Song derWild Angelsaufgelegt wurde. Franzi war das ja gewohnt, aber für Claudia und Elisabeth war es etwas völlig Neues. Nicht der Song, sie verfolgten die Karriere ihrer alten Freundin von Anfang an. Dass sie danebenstand, wenn ein Lied derWild Angelslief, war aber neu. Die vier wurden urplötzlich in die Gegenwart katapultiert.
„Warum singst du nicht mit?“, fragte Claudia jetzt.
„Komm lass sie“, das war die vernünftige Elisabeth.
„Warum denn? Wann haben wir schon die Gelegenheit, Steff inunsererDisco singen zu hören?“
„Bis jetzt hat mich hier niemand erkannt. Lassen wir es doch dabei. Was glaubst du, was los ist, wenn die wissen, wer ich bin? Unser gemütlicher Abend wäre dann auf jeden Fall vorbei.“
Claudia hatte Stefanies letzte Worte gar nicht mehr gehört. Sie sah, wie Claudia Richtung DJ ging, mit ihm sprach und dann in ihre Richtung zeigte. Es schien, als wenn der DJ ihr nicht glauben würde, jedenfalls sah er sehr skeptisch aus. Wer aber Claudia kannte, der wusste, dass sie nicht lockerließ, und schließlich schien sie ihn überzeugt zu haben. Er stellte die Musik leiser und sagte:
„Ladies und Gentlemen, wie ich soeben erfahren habe, ist die Sängerin des Songs, der gerade läuft, Stefanie Robbins, tatsächlich heute Abend hier. Ich bin mir zwar auch noch nicht so sicher, es wurde mir aber glaubhaft versichert. Was meint ihr, wollen wir sie bitten, dass sie den Song live mitsingt?“
Ein Höllenlärm brach aus. Stefanie seufzte. Alles schrie und klatschte wild durcheinander, alle schienen Stefanie Robbins zu suchen, sahen sie an und – erkannten sie nicht.Liebe heile Schweiz!Nirgends auf der Welt konnte sie so unerkannt in die Menge eintauchen wie hier in ihrer Heimat.
„Singen, singen, singen“, schrien jetzt alle durcheinander.
„Herzlichen Dank“, knurrte Stefanie, als Claudia wieder neben ihr stand und knuffte sie in die Seite, musste aber selbst lachen. „Eigentlich bin ich ja hier, um mit euch Spaß zu haben.“
„Wir auch, und wenndusingst, habenwirSpaß.“
Was sollte man dazu noch sagen! Stefanie ging zu dem Podest, hinter dem der DJ stand und ging die drei Stufen zu ihm hoch. Der sagte völlig perplex ins Mikrofon:
„Sie ist es jawirklich.“
Sie sah, dass hinter der Musikanlage eine Gitarre stand und hatte eine Idee.
„Ist das deine Gitarre?“, fragte sie den DJ und als der nickte, sagte sie: „ich mache dir einen Vorschlag. Wenn ich deine Gitarre benutzen darf, singe ich euch einen Song unplugged, anstatt zu der CD zu singen. Ich finde es nämlich ziemlich doof, wenn meine Stimme schon da ist, noch darüber zu singen. Eine Play-back-Version des Songs hast du ja nicht zufällig da, oder?“ Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Natürlich verneinte er die Frage.
„Das ist eine super Idee. Natürlich darfst du meine Gitarre benutzen. Es ist mir sogar eine große Ehre“, er strahlte übers ganze Gesicht.
Während Stefanie prüfte, ob die Gitarre gestimmt war, stellte Franz, so hieß der DJ, einen Hocker vor das Pult und schloss das Mikrofon an. Sie setzte sich hin und sah in die Menge hinab.
„Liebe Freunde“, begann sie und wartete erst einmal ab, bis einigermaßen Ruhe einkehrte. „Es freut mich, dass ihr offensichtlich alle wisst, wer ich bin. Ich bin seit vielen Jahren wieder einmal, nachdem dieWild Angelsihre erste große Europa-Tournee mit einigen Konzerten in der Schweiz beendet haben, hier zu Hause bei meiner Familie und bei Freunden. Diese Disco ist etwas ganz Besonderes für mich. Das war einmal unsere Stammdisco. Als junges Mädchen war ich fast jeden Samstag mit meiner Schwester und zwei Freundinnen hier. Die eine von den beiden hat mir das hier übrigens gerade eingebrockt.“ Wieder Gelächter. „Natürlich bin ich gerne bereit, für euch ein Lied zu singen. So im Privaten, nur unter uns. Ich habe aber gerade Franz erklärt, dass ich es komisch finde, über meine eigene Stimme zu singen. Deshalb werde ich euch live und unverfälscht, nur mit Gitarren-Begleitung, einen Song vortragen. Natürlich nur, wenn ihr damit einverstanden seid.“
