Stehvermögen - Peter Schierl-Montfort - E-Book

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Peter Schierl-Montfort

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Beschreibung

Wie versteinert sitzt Jerry Jones auf der Anklagebank, als er sein Urteil hört: 180 Tage Haft. Tiefer geht es im Leben nicht. Eigentlich kann es von hier nur noch bergauf gehen – und das tut es tatsächlich. Einem 70-jährigen Mithäftling, ein früherer Leichtathletikcoach, fallen Jerrys Laufqualitäten auf und er bietet ihm an, ihn zu trainieren. Vielleicht reicht das Talent sogar, um Profisprinter zu werden? Dieses Ziel verfolgt Jones nach seiner Entlassung konsequent. Nach dem High-School-Diplom kann er über ein Leichtathletikstipendium das College besuchen. Erste Erfolge stellen sich ein, Jerry erringt Medaillen, es wird Zeit für einen großen Traum: einmal Olympiasieger zu werden! Hartes Training und großes Talent lassen ihn zu einem Weltklasse-Läufer werden. Doch dann kommt der Rückschlag. Unmittelbar vor seinem Start bei den Olympischen Spielen verletzt sich Jerry schwer am Knie. Doch Jerry gibt nicht auf, nimmt vier weitere Jahre Training und Entbehrungen auf sich und qualifiziert sich erneut. Kann er seinen Traum wahr machen und Olympiasieger werden?

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die Handlung des Buches ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inhalt

Eingesperrt

Wieder draußen

Am College

Die Schönheit aus der letzten Reihe

Sprint in den Sommer

Patient

Zurück im Training

Auf der Suche nach Speed

Auf die lange Sprintstrecke

Bewährungsprobe

Der Sonne entgegen

Feinschliff

Olympiade

Lichtlosigkeit

Zurück auf der Bahn

Das Finale

24. Oktober 2022. D.C., Superior Court, Washington, D.C., USA.

Jeremiah »Jerry« Jones betritt den Verhandlungssaal. Gleich wird der Richter, Francis J. Roberts, sein Urteil über den Angeklagten fällen. Körperverletzung – der Staatsanwalt fordert 180 Tage Haft für den 20-Jährigen.

»Mr. Jones, Sie stehen jetzt zum dritten Mal vor mir. 2018, 2020 und jetzt – immer schön im Zweijahrestakt. Warum haben Sie sich nicht im Griff? Warum schlagen Sie auf andere Leute ein?«

»Euer Ehren, er hat angefangen. Ich habe doch nur meinen Freund George verteidigt«, entgegnete Jerry.

»Ach ja, Ihr Freund George«, lächelte der Richter zynisch. »Wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Feinde mehr. Der feine Herr hat es nicht einmal der Mühe wert gefunden, heute hier zu erscheinen und auszusagen.«

Jerry blickte verlegen zu Boden.

»Sehen Sie, Herr Jones, da verlass ich mich doch viel lieber auf die Aussage von Officer Kowalski. Der hat genau gesehen, wie Sie zugeschlagen haben. Und die Verletzung des Opfers – Sie können sich glücklich schätzen, dass das Opfer nur eine blutige Lippe davongetragen hat.«

»Ich bleibe dabei, er hat angefangen. Er hat zuerst meinen Freund und dann mich provoziert und dann als Erster zugeschlagen. Ich habe in Notwehr gehandelt.«

»Die Indizien sprechen nicht dafür«, antwortete der Richter knapp, ehe er Jerry schuldig sprach und das Strafmaß verkündete. »Dieses Mal kommen Sie nicht mit Sozialstunden oder Bewährung durch. Ich verurteile Sie zu 180 Tagen Haft. Ich denke, die Auszeit wird Ihnen guttun. Vielleicht kratzen Sie ja noch einmal die Kurve und wir müssen uns nie wieder sehen – ich würde es mir wünschen. Die Verhandlung ist geschlossen.«

Mit hängendem Kopf, wie versteinert saß Jerry auf der Anklagebank. Erst als ihn der Pflichtverteidiger anschubste, um ein paar Dokumente zu unterschreiben, löste er sich aus seiner Sitzposition. Er war ein athletisch gebauter, mittelgroßer Junge, mit großen Augen und einem freundlichen Gesicht – ein gutaussehender junger Mann. Seine zahlreichen Schlägereien seit frühester Jugend hatten noch keine Kampfspuren im Gesicht hinterlassen. Dazu musste man schon genauer hinsehen – zum Beispiel auf den linken Handrücken, wo der Pflegevater beim damals 13-Jährigen Zigaretten ausgedrückt hatte.

Nachdem die Formalitäten erledigt waren, verabschiedete sich der Pflichtverteidiger mit einem knappen »Passen Sie auf sich auf«. Immer noch in Trance, ging Jerry zurück in seine WG, gelegen im Washingtoner Stadtteil Anacostia – einem der härtesten Viertel der Bundeshauptstadt.

Er hatte noch zwei Wochen Zeit, um seine Angelegenheiten zu regeln, dann musste er im D.C. Detention Center seine Haftstrafe antreten.

Eingesperrt

7. November 2022. Es war ein nasskalter Spätherbsttag in Washington, D.C. Mit mulmigem Gefühl näherte Jerry sich dem Knast.

Er hatte allerhand Schauergeschichten über das Detention Center gehört und nicht die geringsten Zweifel, dass sie nicht stimmen könnten. Auch die Rückfallquote sprach eine deutliche Sprache: 80 Prozent der Insassen würden nach ihrer Entlassung wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommen. »Werden Sie nur ja keine Statistik«, hatte ihm sein Sozialbetreuer mit auf den Weg gegeben.

Am Schalter musste Jerry zur Identifizierung seinen Ausweis herzeigen. Das »Willkommen« des Beamten rang ihm ein müdes Lächeln ab. Dann wurde er ins Innere des Detention Centers geführt, ein Gefängniswärter nahm die Personalien auf und bat ihn, Geldbörse und Handy abzugeben. Wie erwartet, musste er sich splitternackt ausziehen und um sicherzugehen, dass er nichts Verbotenes bei sich hatte, untersuchte der Wärter auch noch alle Körperöffnungen.

Nach dem weiteren Prozedere, inklusive kalter Dusche, wurden ihm orangefarbene Gefängniskleidung, Bettwäsche und Waschsachen ausgehändigt. »Zelle 243, folgen Sie mir«, befahl ein weiterer Wärter. Ein kurzes Schlüsselraschen, dann erheischte Jerry den ersten Blick auf seine Unterkunft für die nächsten sechs Monate – es war offensichtlich eine Zweimannzelle, mit je einem Bett und einem kleinen Tischchen mit Sessel. Die Toilette hatte keine Brille, der Blick nach draußen war durch Gitterstäbe getrübt.

Ein Bett war bereits bezogen, also legte Jerry seine Sachen auf das andere. Die Tür schlug hinter ihm zu – wieder ein kurzes Schlüsselrascheln, dann war Stille. Die Zelle war noch kleiner, als er das vermutet hatte, zumindest kam ihm das so vor. Es roch modrig, die Wand fühlte sich feucht an.

Wer würde wohl sein Zellennachbar sein? Er sah sich um. An der Wand gab es ein paar Fotos, am Tisch lag ein Miniatur-Football aus Schaumgummi, offensichtlich zum Stressabbau gedacht, sowie eine Dose Cola, eine Packung Kartoffelchips, und eine angebrochene Tafel Schokolade der Marke »Royal Brown«.

»Royal Brown« war keine besonders gute Schokolade, dennoch war sie für ihn immer etwas Besonderes gewesen. Seine Mutter Mary-Jo hatte sie ihm manchmal vom Einkaufen mitgebracht und, nachdem sie gestorben war, Vater Jack. Als er mit 13 Vollwaise wurde und zu seinen Pflegeeltern, den Smiths, kam, gab es keine Schokolade mehr – zumindest nicht für ihn. Einmal hatte er genug, es reichte ihm, dass immer nur die leiblichen Kinder der Smiths Schoko bekamen; also nahm er sich einfach seinen Anteil, zwei Rippen. Als der Pflegevater davon erfuhr, setzte es dafür eine Tracht Prügel – wie so oft. Mit blutender Nase und Tränen in den Augen schwor er sich, dass er irgendwann von den Smiths davonlaufen würde. Ganz weit weg.

Wieder das Schlüsselrascheln. Der Wärter von zuvor öffnete die Tür. »Da Fred, das ist dein neuer Kumpan – Jerry«, stellte der Wärter, der übrigens Mr. Agostini hieß, die beiden Zellennachbarn vor.

»Hi, Jerry«, sagte Fred mit monotoner Stimme. Dabei blickte er zu Boden und wirkte, als ob er sich überhaupt nicht für seinen Mitbewohner interessieren würde. Fred arbeitete in der Wäscherei, sein Job war es, die Kleidungsstücke in die Waschmaschinen zu geben, danach in den Trockner und letztlich nach Insassennummern zu ordnen. Er hatte eine ausgesprochene Mathematikschwäche und war insgesamt ein miserabler Schüler gewesen. Nachdem er mit 15 ohne Abschluss aus der Schule gekommen war, musste er sich auf der Straße durchschlagen. Mittlerweile war er 21, wegen wiederholten Diebstahls saß er zum ersten Mal ein – zwei Monate hatte er schon hinter sich, sieben noch vor sich.

Jerry musterte Fred sorgfältig, und atmete bald erleichtert auf – sein Zellengenosse war ein schmächtiger, verschüchterter Kerl. Von ihm würde keine Gefahr ausgehen. Jerry schloss die Augen und schlief zwei Stunden durch, erst das Schlüsselrascheln weckte ihn wieder – das Abendessen. An das Schlüsselrascheln, an das würde er sich hier gewöhnen müssen.

****

Jack ist auf dem Nachhauseweg. Wie immer, wenn der junge Witwer Geld von seinen Gelegenheitsjobs hat, hat er einen guten Teil davon in einer Bar ausgegeben. Und wie immer in solchen Fällen, ist er sternhagelvoll, als er zur Sperrstunde aus dem Wirtshaus torkelt. Er kann sich nur schwer auf den Beinen halten, die frische Oktoberluft scheint seinen Rausch noch zu verstärken.

Zwei Scheinwerfer kommen immer näher. Reifenquietschen, ein dumpfes Geräusch. Blut, ganz viel dunkles Blut. Sirenen, Ambulanz, keine Hoffnung mehr. Die Angehörigen, der 13-jährige Sohn Jerry wird benachrichtigt, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. »Dein Dad hatte einen Unfall.«

****

Jerry schlief sehr schlecht in seiner ersten Nacht im Gefängnis. Wie so oft hatten ihn Albträume geplagt, wie so oft konnte er nach dem Aufschrecken aus diesen keinen Schlaf mehr finden. Es war jetzt sieben Jahre her – Alkoholiker hin oder her, sein Vater hatte das Herz am rechten Fleck gehabt, er tat alles ihm Mögliche für Jerry. Wie sehr er ihn immer noch vermisste.

Er merkte, wie der Tag anbrach, langsam wurde es heller. Um Punkt 6:30 Uhr schaltete sich als Weckruf Musik ein – »Islands in the Stream« von Dolly Parton und Kenny Rogers. Die Musik kam scheinbar aus der Wand, es gab keine Möglichkeit, die Lautstärke zu regulieren oder gar ganz abzuschalten. Es folgten zwei weitere Songs zur kollektiven Beschallung, dann war der gesamte Zellenblock wach.

Das Frühstück wurde in einem großen Essenssaal eingenommen. Aus mehreren Türen fanden sich die Gefangenen ein, es war ein bunter Mix von Hautfarben und Altersgruppen. Er setzte sich zu einem Tisch mit mehreren anderen, vorwiegend jungen, Afroamerikanern.

»Vor denen da drüben, vor denen musst du dich in Acht nehmen«, sagte ein Mithäftling, der sich als Calvin vorstellte. »Das sind die Neonazis.« Jerrys Zellennachbar Fred, der auch am Tisch saß, nickte zustimmend.

Das Frühstück war nicht gerade appetitanregend – ein Klacks verklumpte Marmelade, ranzige Butter und ein weiches Stück Toastbrot. Dazu lauwarmer, wässriger Filterkaffee. Genauso wie Jerry es sich vorgestellt hatte. Widerwillig würgte er das Essen hinunter, dann tönte eine Pausenglocke – Signal für die Häftlinge, sich an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen einzufinden.

»Jones, Sie haben einen Termin beim Direktor«, sagte ein Wärter.

Jeder Neuankömmling hatte einen Termin beim Direktor – dabei wurden einem noch einmal die Anstaltsregeln verdeutlicht und mitgeteilt, welche Arbeit man zugeteilt bekommen hatte. Jerry hatte als seine drei Wünsche Elektriker, Bibliothek und Wäscherei angegeben – die Wünsche der Gefangenen würden nur selten erfüllt, hatte ihm der Wärter noch gesagt, als er das Formular ausgefüllt hatte.

»Mit 13 von den Pflegeeltern weggelaufen, mit 14 aus dem ersten Jugendheim, mit 16 aus dem zweiten, mit 18 aus dem dritten. Herr Jones, es sieht ganz so aus, als hätten wir es hier mit einem Läufer zu tun«, sagte Direktor Baxter, ein korpulenter, halbglatziger Mitfünfziger. »Wir werden sicherstellen, dass Sie nicht von hier auch noch ausbüxen.«

Jerry blickte aus dem Fenster, er hörte dem Direktor scheinbar nicht zu.

»Elektriker wollen Sie also hier sein«, las Baxter aus Jerrys Akte. »Macht Sinn, immerhin haben Sie in dem Job ja schon gearbeitet – allerdings nie lange. Länger als drei Monate haben Sie es offensichtlich nirgendwo ausgehalten.«

Jerry mied den Blickkontakt mit dem Direktor. Er wünschte sich, dass die Unterredung nun endlich zu Ende sein würde.

»Leider haben wir bei der Elektrik nichts für Sie, auch nicht in der Bibliothek oder in der Wäscherei – zumindest vorerst nichts. Bis dahin werden Sie als Gebäudereiniger tätig sein. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Herr Jones.«

****

»Gebäudereinigung, ha?«, stellte der Wärter rhetorisch fragend fest, ehe er Jerry zur Ausgabe der Putzutensilien brachte.

Julio, ein etwa 35-jähriger Latino, war der Boss der Putzbrigade, wie die gut 15 Häftlinge, die zur Gebäudereinigung eingesetzt waren, kollektiv genannt wurden. »Hier ist dein Anzug, da ist dein Eimer, und da dein Wischmopp. Los geht’s! Und schau, dass du alles blitzblank machst.«

Jerry nickte. Als Erstes sollte er den Essenssaal putzen. Er war froh, erstmals seit seiner Ankunft im Gefängnis an einem Platz, der größer als zwölf Quadratmeter war, allein zu sein. Er dachte daran, was er machen würde, wenn er wieder draußen sein würde – eine Portion Hühnerkeulen bei Ohio Fried Chicken, das wäre jetzt ganz nach seinem Geschmack gewesen.

Aber, was sollte er nur machen, wenn er wieder draußen sein würde? Als High-School-Abbrecher war es schon schwer genug, einen einigermaßen akzeptablen Job zu finden. Dass er jetzt auch noch eine Haftstrafe im Lebenslauf stehen hatte, würde seine Chancen nicht gerade erhöhen.

Warum hatte er die Schule bloß abgebrochen? Drei Monate vor dem Abschluss. Er erinnerte sich daran, wie es dazu gekommen war. Er war das erste Mal verliebt gewesen und hatte eines Nachts den Zapfenstreich überzogen. Der Erzieher im Jugendheim hatte ihn daraufhin mit einem Ausgangsverbot für das folgende Wochenende belegt. Das ließ Jerry sich nicht gefallen, er lief davon, noch in der gleichen Nacht. Der Vater seiner Freundin ließ ihn nicht ins Haus, also rannte er weiter, bis er bei einem Freund unterkam. Der arbeitete als Elektriker und in dem Job begann auch Jerry – in das Jugendheim und in die Schule kehrte er nie wieder zurück.

»Geht das auch ein bisschen schneller, Jones«, herrschte ihn einer der Wärter an, der gerade vorbeikam. »Man könnte dir beim Putzen fast die Hose flicken, so langsam wie du bist, Mann.«

Jerry wandte dem Wärter einen verachtenden Blick zu. Wortlos tauchte er den Wischmopp in den Eimer, um ihn nass zu machen, dann klatschte er ihn auf den Linoleumboden und machte mit seiner monotonen Tätigkeit weiter. Was soll ich bloß mit meinem Leben anfangen?, fragte er sich.

****

Das Abendessen wurde wie immer in die Zellen serviert. Zellennachbar Fred fragte: »Was gibt es denn heute Schönes?«, als er sein Tablett in Empfang nahm.

Jerry lächelte nur müde. Wärter Agostini, mittlerweile Jerrys Lieblingswärter, lächelte kurz zurück, dann fragte er Jerry: »Spielst du eigentlich Baseball?«

»Ja, früher in der Schule.«

»Und, hast du einen guten Schlag?«

»Na ja, hält sich in Grenzen.«

»Vielleicht spielst du ja einmal mit, Junge.«

****

Donnerstag, 24. November 2022, Thanksgiving. Es hatte zum Abendessen tatsächlich Truthahn gegeben, mit pappigem Kartoffelpüree und Preiselbeersauce.

Jerry unterhielt sich noch ein wenig mit seinem Zimmerkumpel. Fred war nicht gerade eine Plaudertasche, aber nachdem er mitbekommen hatte, dass ihm Jerry gut gesonnen war, taute er langsam auf. Irgendwann zog er sein Hemd hoch und zeigte Jerry eine noch nicht verheilte Wunde. »Ein Messerstich vor zwei Monaten, das hat mir einer der Neonazis zugefügt. Zum Glück war es nur ein kleines Taschenmesser, sonst wäre ich heute nicht mehr hier.«

»Warum? Was hast du ihnen getan?«

»Nichts, natürlich. Ich bin ja nicht lebensmüde«, antwortete Fred. »Sie dachten, ich hätte sie bei den Wärtern verpfiffen, wegen unerlaubtem Waffenbesitz.«

Jerry schüttelte angewidert den Kopf.

Um Punkt 23 Uhr ging das Licht aus, so wie an jedem Abend, da gab es auch zu Thanksgiving keine Ausnahme.

Gegen 1:30 Uhr wachte Jerry plötzlich auf. Er bekam keine Luft. Er versuchte tief ein- und auszuatmen, aber es half nichts, die Atemnot blieb. Scheiße, verdammte, dachte er sich. Was mache ich nur?

»Fred, ich kriege keine Luft«, weckte er den Zimmernachbarn.

»Im Ernst?«

»Ja, im Ernst!«

»Soll ich den Notfallknopf drücken?«, fragte Fred nach.

»Ja, verdammt noch mal!«

Kurze Zeit später kamen die Wärter angerannt. Jerry atmete schwer, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, sein Puls war rasend schnell.

»Mach keinen Scheiß, Jones«, sagte einer der Wärter, während der andere die Rettung rief. »Verdacht auf Herzinfarkt!«

Die Rettungsleute verfrachteten Jerry in den Wagen und mit einem Wärter an Bord ging es in Richtung Notaufnahme des George-Washington-Spitals. Die Krankenpfleger legten Jerry eine Sauerstoffmaske an und schlossen in Windeseile das EKG an, die Maschine ratterte los. Mittlerweile war auch der diensthabende Arzt dabei, der das Resultat auswertete: »Ein völlig normales EKG. Wir werden noch ein paar Tests machen, aber eine erste Entwarnung kann ich schon mal geben.«

»Hast du dich etwa nur gespielt, Jones? War dir fad im Bau? Wolltest du einen Szenenwechsel?«, fragte der Wärter.

Jerry antwortete nicht, er schüttelte nur den Kopf. Es ging ihm mittlerweile schon wieder besser.

»Auch die Lungen und die Schilddrüse sind in Ordnung. Wir konnten nichts finden«, gab der Arzt Entwarnung. »Vielleicht war es eine Panikattacke.«

»Panikattacke«, schüttelte der Wärter ungläubig den Kopf, während er Jerry die Handschellen anlegte. Ein Wagen war bereits auf dem Weg zum Spital, um Häftling Nummer 45815 zurück in den Knast zu bringen.

****

Jerry verbrachte den Rest des Thanksgiving-Wochenendes vorwiegend in der Zelle. Er hatte keine Lust auf Spaziergänge im Hof oder gar Ballspiele, er wollte alleine sein. Die Episode mit der Atemnot ging ihm durch den Kopf – was war das nur gewesen?

Er hasste Spitäler, fast noch mehr als das Gefängnis. Als Achtjähriger war das noch nicht so – damals hatte er eine Blinddarmoperation gehabt, die Schwestern und Pfleger waren supernett gewesen und seine Mutter schenkte ihm als Belohnung für seine Tapferkeit ein ferngesteuertes Auto.

Mit zwölf begann er Krankenhäuser zu hassen, abgrundtief. »Junge, die Besuchszeit ist um«, diesen Satz konnte er nicht mehr hören. Jedes Mal, wenn er vom Krankenhaus nach Hause ging, hatte er instinktiv noch weniger Hoffnung, dass seine Mutter es noch schaffen würde. Der Brustkrebs war zu weit fortgeschritten, Metastasen in Leber und Lunge. Aber er wollte seinem Instinkt nicht glauben, auch seinem Intellekt nicht – irgendetwas, irgendwer wird meiner Mum helfen, sie wird wieder gesund, redete er sich jeden Abend vor dem Schlafengehen ein. Im Nebenzimmer rannte stets der Fernseher, die ganze Nacht lang. Das hatte auch etwas Beruhigendes, denn es übertönte das Schnarchen des Vaters, der allabendlich betrunken einschlief – auch er mit der Hoffnung, dass seine Frau es noch schaffen würde.

Am Thanksgiving-Feiertag 2014 waren Vater und Sohn bei der Mutter im Krankenhaus gewesen. Der Arzt zeigte sich erstmals wieder optimistisch, die Werte seien besser geworden, vielleicht könne sie in ein paar Tagen wieder nach Hause. »Bis morgen. Ich liebe euch, meine zwei Männer«, lächelte Mary-Jo, als sie sich an jenem Abend verabschiedeten. Es war das letzte Mal, dass Jerry seine Mutter sah. Noch in der Nacht fiel sie in ein Koma, eine Woche später war sie tot.

****

»Jones, du brauchst heute Morgen nicht mit der Putzbrigade ausrücken«, begrüßte ihn der Wärter am Montag beim Aufschließen der Zelle. »Du hast einen Termin beim Seelenklempner.«

Dr. Kirichenko, alias der Seelenklempner, war Anfang 60, mit schütteren, weißen Haaren, Dreitagebart und Hornbrille. »Nehmen Sie doch Platz, Herr Jones. Wie geht es uns denn heute?«

»Wie es Ihnen geht, kann ich nicht beurteilen. Mir geht es ganz gut.«

»Gut, das ist sehr gut, Herr Jones«, sagte der Psychologe, milde lächelnd. »Neulich ist es Ihnen nicht so gut gegangen. Panikattacke, steht da im Report. Worauf führen Sie das zurück?«

»Vielleicht auf den Umstand, dass ich eingesperrt bin«, antwortete Jerry sarkastisch.

»Ja, das ist natürlich eine belastende Situation. Aber wenn man im Leben Urvertrauen erfahren hat, kann einem auch das nichts anhaben. Wollen Sie, dass ich Ihnen dabei helfe, Ihr Urvertrauen zu finden?«

»Nicht wirklich.«

»Gut. Man kann das Pferd nur zur Tränke führen, man kann es nicht zwingen zu trinken.«

»Wow, ganz schön philosophisch. Und dafür haben Sie vier Jahre lang studiert?«

»Zehn Jahre, um genau zu sein«, antwortete Kirichenko knapp. »Und, was möchten Sie aus Ihrem Leben machen? Was ist der Sinn des Lebens für Sie? Wofür würde es sich für Sie lohnen, jeden Morgen aufzustehen?«

»Wollten Sie mir noch mehr mitteilen, oder kann ich mich dann vertschüssen? Ich habe nämlich einen dringenden Termin mit meinem Wischmopp, den möchte ich keineswegs versäumen.«

Kirichenko schüttelte den Kopf, während er in seinen Unterlagen »hoffnungslos« notierte.

****

Zurück bei seiner Arbeit, während er den Gang reinigte, kamen Jerry die Worte des Psychologen wieder ins Gedächtnis. Was sollte er tatsächlich aus seinem Leben machen? Er hatte keinen High-School-Abschluss, und es gab nichts, was ihn wirklich interessierte.

Er blickte auf die Wanduhr – zwei Stunden noch putzen. Am liebsten wollte er sich jetzt in seiner Zelle, unter dem Betttuch verkriechen.

»Hallo Jerry«, hörte er von hinten. Es war Agostini, der nette Wärter. »Heute gibt es wieder ein Baseballmatch. Mach doch mal mit, das bringt dich auf andere Gedanken.«

»Okay«, sagte Jerry. »Ich schaue es mir mal an.«

****

Im Hof des Detention Centers ging es dreimal die Woche zwischen 16:30 und 17:30 Uhr, also zwischen Arbeitsschluss und Abendessen, heiß her – beim Baseballmatch zwischen den »Roten« und den »Blauen«. Als Unterscheidungsmerkmal der beiden Teams dienten jeweils rote und blaue Armbinden.

»Du kannst bei den Roten mitmachen«, orderte der Referee, der gleichzeitig auch als Organisator des Matches wirkte, an. Jerry wurde als Left Fielder eingesetzt, in dieser Position hatte er auch in der Schule gespielt.

Joe, ein Koloss von einem Mann, trat für die Roten als Pitcher an – ein ambitionierter Wurf, doch der Batter der Blauen war auf dem Posten und erwischte den Ball mit voller Wucht.

Jerry startete wie von der Tarantel gestochen, in Windeseile näherte er sich dem Spielgerät und streckte seinen Handschuh entgegen. Kurz spürte er noch den Ball, merkte seinen Drall, dann entwischte er ihm auch schon wieder. Der Batter der Blauen führte seinen Run in aller Ruhe zu Ende – 1:0.

Jerry trafen nicht gerade wohlmeinende Blicke seiner Mitspieler, er beschloss, in Zukunft nicht mehr mitzuspielen. Aber heute musste er noch mit dabei sein, denn die Blöße, noch während des Matches aufzugeben, wollte er sich nicht geben. Er hoffte, dass der Ball nicht mehr in sein Terrain fliegen würde. Doch kurze Zeit später war es wieder so weit – Jerry musste losspurten. Wieder war er superschnell am Ball, und wieder ließ er ihn fallen. »Konzentrier dich, du Trottel«, raunte ihm ein Mitspieler zu.

Jerry hatte genug, er täuschte eine Verletzung vor und humpelte vom Platz.

»Das hast du gut gemacht«, sprach ihn ein älterer, etwa 70-jähriger Mithäftling an.

Jerry lächelte müde. »Welches Spiel hast du gesehen?«

»Ich meine nicht deine Fangleistung. Du weißt ja sicher selbst, dass du zwei linke Hände hast«, sagte der Alte, der sich als Morgan vorstellte. Er hatte graumeliertes Haar und wirkte für sein Alter ausgesprochen fit und drahtig. »Ich meine deine Laufleistung – du bist der geborene Sprinter. Du hast das Zeug zum Profiläufer.«

»Ich bin schon 20, zu spät, um als Profisportler noch in die Gänge zu kommen, würde ich meinen«, erwiderte Jerry.

»Das glaube ich nicht. Ich denke, das kann noch was werden. Da habe ich ein Auge dafür, ich war früher Leichtathletikcoach. Wenn du willst, trainier ich dich – das Angebot steht«, fuhr Morgan fort, ehe er vom Ruf des Wärters unterbrochen wurde. Man müsste nun endlich in die Zellen zurückkehren, sonst würde es Saures geben.

Es gab Donuts an jenem Abend, zwei Stück pro Häftling.

****

Jerry versuchte mehrere Male, in einem Buch über den früheren Baseballstar Joe DiMaggio zu lesen. Seine Gedanken glitten jedoch immer wieder ab – die Worte von Morgan kamen ihm ins Gedächtnis. »Du bist ein Sprinter. Du hast das Zeug zum Profi.« Was für ein alter Spinner, dachte Jerry.

Ja, er war immer schon schnell gewesen, das stimmte schon. Beim Baseball, im Schulsport und beim Wettlaufen mit Freunden war er immer der Schnellste gewesen. Dieses Talent kam ihm immer auch dann zugute, wenn ihm andere zu Leibe rückten.

Er starrte an die Decke der Zelle. Wie viele waren schon vor ihm hier gelegen und hatten da hochgestarrt? Wie viele würden noch nach ihm kommen? Er erinnerte sich, als er als 16-Jähriger nach dem Kino zurück ins Jugendheim fuhr. Ein etwa 40-jähriger Mann saß ihm in der U-Bahn gegenüber, die beiden waren alleine im Wagon. Irgendwann beugte der Mann sich nach vorne und begann Jerrys Knie zu streicheln. »Ich könnte das stundenlang machen«, sagte der Mann, während seine Hand immer weiter nach oben wanderte. Jerry war wie versteinert.

»Next stop, Waterfront.«

Jerry musste weg, so schnell er nur konnte. Blitzschnell riss er sich los und rannte aus dem Wagon, aus der Station, und die ganze Meile ins Jugendheim. Er drehte sich nicht einmal um.

****

Wie jeden Morgen fanden sich die Gefangenen um Punkt 7 Uhr zum Frühstück ein. Jerry war noch nicht richtig wach, wie automatisiert stellte er sich bei der Essensausgabe an und setzte sich zu seinen üblichen Tischnachbarn.

»Der alte Weiße winkt dir zu«, machte ihn Calvin auf Morgan aufmerksam. Beim Rausgehen aus dem Essenssaal kam Morgan dann auf Jerry zu. »Na, mein junger Freund. Hast du nachgedacht? Wann fangen wir mit dem Training an?«

»Moment mal«, sagte Jerry.

»Hier gibt es nicht viele Momente zum Nachdenken«, warf Morgan ein. »Zum Beispiel, jetzt haben wir höchstens noch drei Minuten, dann wischst du wieder den Boden auf und ich sitze in der Bibliothek und schlichte Bücher. Also, junger Freund – antwortete einfach so schnell, wie du rennen kannst, und alles wird gut.«

»O.K. Wir können ja mal beginnen«, lächelte Jerry. »Du bist aber wirklich unnachgiebig.«

»Warte erst mal, was passiert, wenn ich dich beim Training in die Mangel nehme«, schmunzelte Morgan.

»Auf geht’s! Eure Arbeitsplätze warten«, unterbrach ein Wärter das Gespräch.

Während er den Boden wischte und schrubbte, fragte sich Jerry, worauf er sich da eingelassen hatte. Wo und wann würde er hier überhaupt trainieren können? Was würden die anderen Gefangenen sagen? Und, war er wirklich gut genug, um ein Sprintprofi werden zu können? Was, wenn der Alte nur Mist gelabbert hatte, so wie es im Gefängnis viele gab, die sich wichtig machten?

Er war auf jeden Fall neugierig geworden und konnte kaum warten, Morgan wiederzusehen. Um Punkt 16:30 Uhr, zu Beginn der täglichen Frischluftzeit, trafen sich die beiden wie verabredet am Rande des Basketball-Courts.

****

»O.K., jetzt fangen wir also an«, sagte Morgan. »Ich kann verstehen, dass du unsicher bist. Aber, wie gesagt, ich habe ein Auge für Talente. Was aber nicht heißt, dass ich immer richtig liege.«

Jerry hörte aufmerksam zu.

»Als Erstes möchte ich gerne einmal sehen, wie schnell du über 100 Meter bist.«

»Was, jetzt schon? Ich habe doch gar nicht dafür trainiert.«

»Genau deswegen. Der Sprint ist nicht nur die faszinierendste aller Sportarten, er ist auch eine der unfairsten – wie hart jemand auch trainiert, Talent kann durch nichts ersetzt werden«, führte Morgan weiter aus. »Dass du Talent hast, wissen wir schon. Jetzt möchte ich gerne sehen wie viel.«

Morgan deutete auf die Laufstrecke. »Hier, von dieser Linie, bis da rüber – bis zum Wärterturm. Das sind genau 100 Meter, habe ich mindestens 20-mal abgemessen.«

»Ich weiß nicht, das ist mir peinlich. So viel Aufmerksamkeit erregen«, sagte Jerry.

»Was die anderen denken, muss dir vollkommen wurscht sein. Du läufst für dich, für dich allein und sonst niemanden. Ist das klar?«

Jerry nickte.

»Also, auf die Plätze. Fertig. Los!«

Jerry kam gut weg und sprintete so schnell er nur konnte. Die Mithäftlinge wurden aufmerksam, manche unterbrachen ihre jeweiligen Tätigkeiten. Auch die Wärter hielten kurz inne.

Jerry war im Ziel, Morgan drückte die Stoppuhr.

Morgan starrte auf die Uhr, man konnte keine Emotionen bei ihm erkennen.

»Und?«, fragte Jerry neugierig.

»Gut. Sehr gut sogar. Noch besser als erwartet.«

»Und die Zeit?«

»10,98 Sekunden. Auf Asphalt, ohne spezielle Schuhe, ohne Training – ja, das kann was werden.«

Jerry war verblüfft, dass er unter elf Sekunden geblieben war. Wie Morgan ihm gesagt hatte, galt diese Zeit gewissermaßen als Schallmauer. Wenn man die durchbrechen konnte, dann hatte man tatsächlich Talent. Und wenn man dann hart trainieren würde, dann könnte man es zu was bringen.

Er dachte auch an die Worte des Psychologen. Was wollte er aus seinem Leben machen? Wofür würde es sich für ihn lohnen, jeden Morgen aufzustehen? Erstmals fiel ihm eine Antwort auf diese Frage ein: Er wollte Profisprinter werden. Und nicht irgendeiner, sondern der Schnellste der Welt – er wusste, dass dieses Ziel weiter weg war als der Mond. Aber er wollte nach den Sternen greifen, der Gedanke, in irgendetwas der Beste zu sein, beflügelte ihn.

Er konnte kaum auf den nächsten Tag warten, auf das nächste Training mit Morgan, um seinem Ziel einen Schritt näher zu kommen.

****

»O.K., Sportsfreund. Ich weiß, du brennst darauf, die Laufbahn runterzuglühen. Aber vorher müssen wir ein bisschen Theorie machen«, sagte Morgan und dirigierte Jerry zu einer Parkbank in der Nähe des Basketball-Courts. Dort holte er einen Zettel Papier heraus, auf dem die folgenden Worte standen – Reaktionsschnelligkeit, Schnellkraft, Lauftechnik, Koordination, Sprintschnelligkeit, Sprintausdauer. »Das sind die Sachen, auf die es im Sprint ankommt. Und die werden wir trainieren.«

Als Erstes müsste Jerry die Lauftechnik trainieren, eine optimale Technik sei die Grundvoraussetzung für schnellere Zeiten. Morgan ordnete eine Reihe von Übungen an – Lauf mit Anfersen, Hopserläufe und Skipping, also Lauf mit hohem Knieheben.

Das Ganze ging natürlich nicht, ohne die Aufmerksamkeit der Mithäftlinge und Wärter zu erregen. Am Anfang war es Jerry noch peinlich, aber bald war er so sehr auf seine Aufgabe fokussiert, dass er die Blicke nicht mehr wahrnahm.

»O.K., jetzt widmen wir uns der Schnellkraft. Zehn Steigerungsläufe über 40 Meter, wenn ich bitten darf«, sagte Morgan. Zum Abschluss der Einheit ließ er seinen Schützling noch zehn Minuten um den Gefängnishof traben. Dabei bekam Jerry ein paar unflätige Zurufe zu hören – »Angeber«, »Schwuchtel«, »Nicht ganz richtig im Kopf« und so weiter. Ein Mithäftling deutete ihm den Vogel. Zu Jerrys Überraschung ließ ihn das alles kalt. Das Gefühl, endlich seine Berufung gefunden zu haben, war stärker als jede Angst vor sozialer Ächtung oder Schlägen durch die Mithäftlinge. »Ich bin ja nur noch fünf Monate hier«, sagte er sich. »Und dann brauche ich diese Typen nie wieder zu sehen.«

****

Der nächste Tag, 6:30 Uhr. Wie immer erklang der musikalische Weckruf in der Zelle. Jerry war vor Fred auf der Toilette. Vor einem anderen zu kacken war eines der unangenehmsten Dinge, die das Gefängnisleben so mit sich brachte.

Er war gerade mit seinem Geschäft fertig, als er das Aufschließen der Tür hörte. Zum Glück war es an jenem Tag wieder Agostini, der nette Wärter. »Ich habe gehört, dass du es am Hof krachen hast lassen. Die Kollegen haben mir gesagt, du bist richtig schnell. Und dass Morgan dich trainiert – eine gute Wahl, soviel ich weiß, war er früher einmal Proficoach«, sagte Agostini. Und, nach kurzer Pause: »Was willst du mit deinem Talent machen, wenn du hier rauskommst? Football?«

»Nein«, winkte Jerry ab. »Ich bin zwar ganz schön muskulös, aber so ein Riegel bin ich auch wieder nicht. Ich will Profisprinter werden.«

»Wäre es dafür nicht gut, zuerst in einem Collegeteam zu sein?«

»Weiß nicht.«

»Ich glaube schon«, sagte Agostini. »In jedem Fall wäre es meiner Meinung nach gut, wenn du deinen High-School-Abschluss nachmachst. Dir fehlt ja nicht mehr viel, nicht wahr?«

»Genau, nur die Abschlussprüfungen«, antwortete Jerry.

»Die kannst du hier machen. Wir bieten ja auch Klassen an, da kannst du dich auf das Examen vorbereiten«, erklärte der Wärter.

»Mr. Agostini, warum sind Sie eigentlich so nett zu mir? Sie haben doch nichts davon«, fragte Jerry.

»Ich glaube, dass du ein guter Junge bist und das Herz am rechten Fleck hast. Und außerdem habe ich selbst einen Buben, der ist nicht viel jünger als du. Wenn er einmal in der Scheiße sitzt, würde ich auch wollen, dass er gut behandelt wird.«

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»Weiter, Jones! Keine Müdigkeit vorschützen, sonst kannst du dir das Mittagessen in die Haare schmieren«, herrschte ihn Wärter Kilroy an. »Und schau, dass ja alles blitzblank wird.«

Jerry dachte sich, dass die beiden Vorgaben – schnell zu putzen und gleichzeitig genau – sich wechselseitig ausschlossen. Er biss sich auf die Lippen, um nur ja nichts zu sagen, denn er hatte gehört, dass Kilroy Widerspruch überhaupt nicht dulden konnte und zum Jähzorn neigte. Leute seien von ihm schon für Kleinigkeiten in der Isolierungszelle gelandet, und da wollte Jerry auf keinen Fall hin. Er erweckte den Anschein, als ob ihn Kilroys Worte angestachelt hatten – scheinbar enthusiastisch tauchte er den Wischmopp in den Wassereimer und klatschte ihn auf den Boden. Dazu dachte er sich, dass Kilroy ihn mal konnte.

Nach dem Mittagessen war Jerry für eine Stunde von der Arbeit freigestellt. Er hatte einen Termin mit Dr. Reneberg, der Gefängnisschuldirektorin. Die Pädagogin sah sich Jerrys Schulunterlagen an, dann nickte sie mehrmals hintereinander. »Ja, Sie haben recht. Sie können Ihr High-School-Diplom machen, während Sie hier sind. Das geht sich aus. Das heißt, ich meine, theoretisch.«

»Was heißt das?«

»Dass Sie sich dahinterklemmen müssen, wenn Sie es schaffen wollen. Es wird Ihnen hier nichts geschenkt«, sagte die Direktorin.

»Das ist ja gut zu wissen. Ich war glatt dem Irrglauben aufgesessen, dass hier Milch und Honig fließen und einem die gebratenen Vögel zufliegen«, spottete Jerry.

Die Direktorin lächelte milde und schien Jerrys Antwort zu ignorieren. »Sie können morgen schon anfangen, Herr Jones. Unterricht, bis zum Examen. Dafür stelle ich Sie ab sofort jeden Nachmittag vom Putzdienst frei.«