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In wenigen Tagen ist Weihnachten. Verstohlen schleichen zwei gestandene Männer im Schatten der Häuser durch das nächtliche, winterlich-kalte Istanbul. Ihre Absicht ist unredlich, um nicht zu sagen kriminell: Der Einbruch in die gut gesicherte Schatzkammer des historischen Topkapi-Palastes. Aber weder haben sie es auf den weltberühmten Topkapi-Dolch abgesehen, noch auf die dort verwahrten Barthaare Mohammeds. Nein, ihr Ziel ist ein geheimnisvolles Relief, auf dem sich die eingemeißelte Konstruktionszeichnung eines sogenannten Gravitativen Zeitdilatators befinden soll. Dieses schon steinalte, relativitäts-theoretische Gerät dient der Verlangsamung der Zeit. Und nur mit dieser Apparatur ist eine zeitnahe und pünktliche Bescherung in den guten Stuben möglich. Verkleidet sind die beiden Einbrecher als Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht. Das heißt: Eigentlich sind sie gar nicht verkleidet, denn sie sind es wirklich. Die Echten! Doch was, zum Teufel, treibt es die beiden dazu, zum Goldenen Horn zu jetten, um dort ein krummes Ding zu drehen? Auf ihrer mit Widrigkeiten des Istanbuler Alltages gespickten Mission, der einer konspirativen Verschwörung zugrunde liegt, bekommen es die beiden "Weihnachtlichen" am Goldenen Horn mit einer Bande hartgesottener Kidnapper zu tun, sowie mit einem teuflischen Hund, mit ungläubigen Einheimischen und nicht zuletzt mit der Elite der nationalen und internationalen Polizei. Zur Überraschung aller droht plötzlich die Gefahr aber von einer ganz anderen Seite. Das Durcheinander ist perfekt - bis zum unerwarteten Finale…
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Steinige Jagd
Eine andere Weihnachtsgeschichte
Thomas Jütte
Wenn der Humor ernstgenommen wird,
hört der Spaß auf.
Lionel Strachey (1864-1927), englischer Humorist
Ein herzliches Dankeschön an meine “Privat-Lektoren” - meine Ehefrau Andrea und meine Schwester Judith - für ihre Geduld und Verständnis für meine spezielle Art von Humor...
Thomas Jütte, Oktober 2015
Ungekürzte Ausgabe
1. Auflage November 2015
epubli GmbH,
Prinzessinnenstraße 20, 10969 Berlin
www.epubli.de
Umschlagkonzept: Thomas Jütte
Fotos: fotolia
Druck: epubli-GmbH
Knecht Ruprecht lief es eiskalt den Rücken herunter.
Angstvoll starrte er auf den maskierten Mann, seinen Entführer, der sich selbst "Billy the Kidnapper" nannte. Das konnte nicht nur, das musste ein Pseudonym sein.
Der Mann war mit einem furchteinflößenden Messer bewaffnet. Mit fiebrigem Glitzern in den Augen, das Schlimmes ahnen ließ, hob der Verbrecher langsam seine mörderische Stichwaffe, in der eindeutigen Absicht, gnadenlos zuzustechen.
„Das können Sie… doch… nicht tun“, flehte der prominente Gefangene, der bis zur Bewegungslosigkeit gefesselt war. Das Zittern in seiner Stimme war unüberhörbar.
„Kann ich nicht? KANN ICH NICHT?! Wieso KANN ich nicht?!?“
„Weil…, weil…, weil ich dann nie wieder ein Wort mit Ihnen rede...“
„Diese Sprüche… Immer diese Sprüche!“, rastete Billy förmlich aus, wieder einmal. „Aber damit ist jetzt endlich und endgültig Schluss!“
Mit rasendem Tempo fuhr das Messer nieder und bohrte sich unbarmherzig in sein Ziel, um dann in einer schlitzenden Bewegung brutal nach vorne gezogen zu werden.
Entsetzt heulte der Knecht auf.
War das das Ende? Sein Ende?
Das Ende einer langen Aera?
Das Ende der fruchtbaren Partnerschaft mit Santa Claus?
Obwohl, wirklich vermissen wird ihn wohl kaum jemand. Ungezogene Rotzlöffel zum Beispiel, die schmerzhafte Bekanntschaft mit seiner Rute gemacht hatten, könnten gut und gerne auf ihn verzichten. Zudem zweifeln immer mehr vom zügellosen Internet statt von strenger Hand erzogene Präpubertierende an der Existenz dieser einstigen weihnachtlichen Kultfigur.
Doch was war der Auslöser für diesen verbrecherischen Akt? Was steckte hinter der perfiden Entführung von Knecht Ruprecht? Wer, in aller Welt, war so respektlos, so abgestumpft, sich an dem Kompagnon des Weihnachtsmannes zu vergreifen? Wer riskierte es, auf deren berüchtigte schwarze Liste zu kommen, mit der bitteren Konsequenz, künftig keine Geschenke mehr zu bekommen?
Alles begann wenige Tage zuvor mit einer defekten Apparatur im winterlich verschneiten Lappland…
Er sei nur ein ganz gewöhnlicher „Elf“. Gewöhnlich und lustig. Ein Elf mit kugeliger, dicker Plautze. Der so drollig Beschriebene verzog säuerlich das Gesicht: „So ein ein hanebüchener Blödsinn.“
Als wäre das nicht schon genug, wurde ihm als Bekleidung noch ein Fell angedichtet: „Fell vor allen Dingen. Fell…!“
Wäre der unselige Verfasser dieser verunglimpfenden Personenbeschreibung - ein Mann namens Clement Clarke Moore - nicht schon längst bei den Seinen, hätte er ihm längst eine Klage an den Hals gehängt. Aber nicht wegen Rufschädigung. „Nein, wegen Beleidigung!“
Es soll übrigens auf das Jahr 1823 zurückgehen, als Moore, seines Zeichens Professor der orientalischen und griechischen Literatur sowie Schriftsteller eigenen Gnadens, besagte Beschreibung in einem seiner Gedichte veröffentlicht hatte.
„Von wegen Gedicht. Ein Pamphlet ist das, ein dummes...“, ärgerte sich der so Düpierte.
„Da erdreistete sich dieser, dieser… Künstler sogar, noch Einiges drauf zu setzen." Er hätte glitzernde Augen, rosige Bäckchen, eine Nase wie eine Kirsche (Kirsche!!!), einen langen, schneeweißen Bart und ständig eine Pfeife im Mundwinkel.
„Nein, diese Respektlosigkeit. Warum nicht gleich noch mehr solcher Klischees?!?“
Die gab es in der Tat später, im Jahre 1931, als der in die USA eingewanderte Schwede, Haddon Sundblom, von Beruf Grafiker und Cartoonist, für die Coca-Cola-Company eine Symbolfigur für die anstehende Weihnachtskampagne gestalten sollte.
Sundblom zog Moores „Elf“ kurzerhand das Fell über die Ohren und verpasste ihm ein neues Outfit in Form eines auffallend roten Mantels... mit weißem Fellbesatz. Dazu setzte er ihm eine farblich passende Zipfelmütze auf, drückte ihm eine halbvolle Coca-Cola-Flasche in die Hand und bot ihn, derart werbewirksam präpariert, einem Millionenpublikum in aller Welt dar.
Aus dem lustigen, bodenständigen Elf war ein recht markanter, cola-benebelter Hanswurst in schwulem Rot-weiß geworden, der vielen Kindern sicherlich nicht nur schöne Träume bescherte...
Derart der Lächerlichkeit preisgegeben, wäre seiner Meinung nach auch der Tatbestand der Vorsätzlichkeit erfüllt, geschweige der Verletzung des Persönlichkeitsrechts.
Wütend pfefferte der ehemalige „Elf“ seine Lieblings-Illustrierte Suomen Kuvalehti in die Ecke, in der ihm die doppelseitige Coca-Cola-Werbeanzeige ins Auge gesprungen war.
„Dieser Herabwürdigung widerspreche ich aufs Schärfste!" brachte sich der Betroffene immer weiter in Rage. Die Werbung kam ihm gerade recht, denn eigentlich war er schon den ganzen Tag übel gelaunt.
Der Elf hatte natürlich auch einen Namen. Von Amtswegen hieß er Aleksanteri Claus, wobei er von vielen kurzerhand Santa Claus genannt wurde, er aber den Namen Santu Claus favorisierte.
Letztendlich war ihm das aber egal. Seinetwegen könnte man ihn auch mit Heiliger Claus ansprechen, oder mit Herr Weihnachtsmann oder auch mit Heiliger Vater. Ach nein, da gab's ja schon einen, da in Rom.
Nicht aber einen Weihnachtsmann. Richtig gehört: Weihnachtsmann! Da gäbe es nicht den geringsten Zweifel, wie der Weißbärtige selbstgefällig und unermüdlich jedem, der es hören wollte, auf die Nase band: „Ich bin DER Weihnachtsmann, der echte, der einzige...!"
Fell trüge er übrigens seit der Erfindung der klimaregulierenden Kapokfaser-Feinstrumpfhose schon lange nicht mehr. Und rotweißes Outfit? „Na ja, gelegentlich." Daran gewöhnte man sich übrigens schnell. Auch aus praktischen Gründen. Denn es sorgte in der Dunkelheit schon für etwas mehr Sicherheit. Und da er meistens nachts unterwegs war... Warum also nicht?
Pfeife rauchte er allerdings nur, wenn es ihm richtig gut ging. Meistens gegen Feierabend, nach dem Weihnachtswahnsinn, wenn er endlich seinen gebeutelten Sack an den Nagel hängen konnte und zur Ruhe kam. Und wenn Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen, sein - seiner Meinung nach - recht tumbes Rengetier, erschöpft alle Hufe von sich streckte.
Im Moment war keine Pfeife angesagt, denn im Moment war er äußerst aufgeregt. Das war, gelinde gesagt, weit untertrieben: Schieres Entsetzen hatte ihn gepackt.
Dieses hatte weder etwas mit der Coca-Cola-Werbung noch mit dem alljährliche Kraftakt zu tun, der ihm noch bevor stand - schließlich schrieb man erst den vorweihnachtlichen 16. Dezember.
Nein, der Grund war, dass das Unfassbare, das Unaussprechliche drohte: Weihnachten ohne ihn, dem Weihnachtsmann.
Tatsächlich. Das Highlight eines jeden Jahres, die Parade-Veranstaltung am 24. Dezember, das Finale also, drohte ins Wasser zu fallen, zumindest was die materielle Seite dieses Spektakels betraf. Denn es war etwas passiert, was nie hätte passieren dürfen…
„Chef‚ ‘s Zeit, die Hardware zu checken", erinnerte ihn Rooperti einen Tag zuvor: Wie immer pünktlich, aber auch wie immer unnötig.
Rooperti war die rechte Hand von Santa, bzw. Santu. Er selbst bezeichnete sich bescheiden nur als dessen Handlanger oder als Knecht seiner weihnachtlichen Eminenz.
Nun gut, im Grunde schmeichelte das Santu sehr. Dennoch sah er sich der Form halber hin und wieder dazu genötigt, diese Aussage zu relativieren, wenn auch nur halbherzig. Denn ohne Rooperti, alias Ruprecht, Rühpert, Rupperich oder Zwarte Piet, wie er von den einen oder anderen genannt wird, wäre ihr Job in ihrer speziellen Dienstleistungsbranche nur halb so effektiv. Sie beide bildeten quasi eine Symbiose, ein Dream-Team, galten bei den Kollegen hinter vorgehaltener Hand schon – oftmals milde bis mitleidig belächelt - als das „Dynamische Duo".
Aufgrund ihrer strikten Arbeitsteilung ergänzten sich beide nahezu perfekt und rannten mit ihrer scheinbar einstudierten „Guter-Cop-Böser-Cop-Nummer" regelrecht Türen ein, im wahrsten Sinne des Wortes.
Während Claus, der „Gute", für glückseliges Glitzern in den Augen der braven Kleinen sorgte, erfüllte sein Knecht, der „Böse“, den Gegenpart. Und zwar für ihr anderes Klientel, für die - ihrer Meinung nach - unartige, ungezogene und verstockte Brut, der es galt, ihre gerechte Strafe in Form drakonischer, oft schmerzhafter Maßnahmen zukommen zu lassen.
Im Grunde übte Santu seinen Saisonjob mit Herz und Leidenschaft aus. Es befriedigte ihn nicht nur, sonder es machte ihm sogar richtig Spaß – meistens zumindest.
Auch der „böse“ Rooperti war mit ganzem Herzen bei der Sache. Vor allem dann, wenn sein spezielles Arbeitsutensil zum Einsatz kommen durfte. Dabei handelte es sich um ein ruppig aussehendes Gebinde, zusammengesetzt aus rund 15 stramm-gebündelten Weidenruten…
Glückseligkeit war es, was sich bei der Arbeit in seinen Augen widerspiegelte. Ein fröhliches Glitzern, das beim Einsatz der Rute in krasser Opposition zu dem Schimmern in den Äugelein der domestizierten Betroffenen stand.
„Nein, nein Chef, es is‘ nich‘ so wie Sie denken", verteidigte sich Rooperti jedes Mal aufs Neue, wenn sich bei Santu wieder einmal tadelnd die weiße, buschige Monobraue hochzog, was seiner Stirn das Aussehen einer Steirischen verlieh.
„Sie wissen's doch genau, Chef: Es gibt jedes Jahr leider immer mehr Rotzlöffel, die das nötig haben, die's förmlich brauchen", wurde er nie müde, seine nicht unumstrittenen Methoden mit scheinheiligstem Blick zu begründen.
Fragt sich nur, wer das braucht, wurde Santu Claus ebenfalls niemals müde, sich seine ganz persönlichen Gedanken darüber zu machen.
Im Grunde war Rooperti nach Ansicht Santus ein lieber Kerl und eine treue Seele, wenn auch oftmals sehr tollpatschig.
Eigentlich ein richtiger Schatz, wie er fand. Und manchmal auch ein richtiger Spaßvogel. Na ja, ist nicht gerade mein Humor. Aber was soll's?
Santu und sein Kompagnon hatten beruflich schon viele Jahre zusammen zu tun. Jedoch konnte er nicht unbedingt sagen, dass er seinem Knecht dabei näher gekommen war. Dazu bot sich aber auch kaum Gelegenheit. Denn nach dem vorweihnachtlichen Stress und der heiligabendlichen Ochsentour machte sich sein Knecht, begleitet von Rentier Rudolph (das heißt tatsächlich so…), umgehend auf den Weg in seine Heimat nach Ukonkivi. Das ist eine winzige Insel im südwestlichen Teil des riesigen Inarisees, nicht weit entfernt vom Städtchen Inari gelegen.
Dort verbrachten Rooperti und Rudolph den ganzen Sommer unentdeckt, weil gut versteckt, in einem Gewölbe eines Berges, das aber eher den Ausdruck Hügel verdient hätte. Dieser Ort wurde von den Samen, den finnischen Ureinwohnern, als Kultstätte verehrt, respektiert und somit auch gemieden.
Womit sich "Roop & Rud" dort die ganzen Monate beschäftigten? Santu hatte nicht die leiseste Ahnung. Aber im Grunde interessierte ihn das auch nicht. Nicht wirklich.
„Ora et labora" faselte der Knecht erst kürzlich, wie immer unverbindlich und nichtssagend, als Santu wieder einmal von ihm wissen wollte, was sie denn dort den ganzen Sommer über so trieben.
„Beten und Arbeiten?“, äußerte Santu seine Verwunderung. „Beten, okay. Aber zusätzliches Knechten?“ Nein, das konnte er nun wirklich nicht nachvollziehen, bei ihrem arbeitsintensiven, stressigen Dezember-Job.
In Santus Team brodelte bereits die Gerüchteküche. Denn um Roopertis Vergangenheit rankten sich die merkwürdigsten Geschichten. So wurde er tatsächlich mit den spätmittelalterlichen Kinderfressern und anderen Unholden in eine Reihe gestellt, wie zum Beispiel dem Popelmann, dem Mumlar oder dem schandlichen Clauß (Clauß? Claus!).
„Der Kinderfresser", so drohte man seinerzeit dem ungehobelten Nachwuchs, „schnappt euch unchristliche Balgen, schlitzt euch auf, peitscht euch bis aufs Blut aus und frisst euch anschließend auf."
Kaum zu glauben, aber das war einst tatsächlich die landläufige Meinung: Knecht Ruprecht und seine unfreundlichen Spießgesellen verschleppten unartige Kinder, packten sie in Sack, Fass oder Korb, um sie dann zu verspeisen.
Nun, ein Knecht Rooperti verschleppte im 21. Jahrhundert wahrscheinlich keine jungen Menschlein mehr, um sie dann aufzuessen. Dennoch, so schien es zumindest, liebäugelte Rooperti sehr mit der althergebrachten Variante, züchtigende Elemente als legitimes Mittel für eine ordnungsgemäße Entwicklung körperlicher und geistiger Art einzusetzen - trotz aller neuzeitlichen, scheinbar so fortschrittlichen Erziehungsmethoden.
Alle Jahre wieder, immer Anfang Dezember, machten sich Rooperti und Rudolph auf den Weg durch die eisige Kälte zurück zu Santa/Santu Claus.
Der residierte und arbeitete im weit sichtbaren Korvatunturi. Dabei handelte es sich um einem ausgehöhlten, immerhin fast 500 Meter hohen Berg im Urho-Kekkonen-National-Park im finnischen Nord-Lappland. Dort hatte sich der Weihnachtsmann vor langer Zeit niedergelassen und seinen Vertrieb aufgebaut.
Dieses Jahr war es nicht anders. Wieder einmal stapften Rooperti und Rudolph zu Fuß durch die weiße, eisig erstarrte Winterlandschaft Lapplands in Richtung Korvatunturi.
Wie immer waren beide schon von Weitem zu erkennen. Kein Wunder, fielen sie doch auf wie ein bayrisches Pfingstochsen-Gespann in der namibischen Kalahari: Denn statt in seiner üblichen düster-grauen Berufskluft war Rooperti, der Tarnung wegen, so behauptete er zumindest, in traditioneller, grellbunter samischer Landestracht unterwegs. Also unauffällig auffällig - oder auch umgekehrt.
Rudolphs Äußere dagegen war reines Balsam für die Augen des Betrachters: Er stakste wie üblich in neutral-graubraunem Winterpelz durch die tiefverschneite Einöde.
Das erfahrene Rentier betrachtete übrigens auffällige Outfits als Ausdruck eines narzisstischen Selbstdarstellungs-Defizits. Rudolph hatte diesbezüglich halt seine eigene Meinung, und zudem ein dickes Fell. Außerdem gäbe es in seiner Größe ja eh nichts Passendes, Samisches…
Korvatunturi, der in grauer Vorzeit vermutlich nur durch vulkanische Aktivitäten aufgefallen war, bot mit seiner Infrastruktur ideale Voraussetzungen für einen reibungslosen Ablauf des Weihnachtsgeschäfts. Neben der Anbindung an das überschaubare Straßen- und Flusswegenetz verfügte die Vertriebsbasis - und das war das Einzigartige - mitten im flachen Krater über einen integrierten „Take-off“-Bereich für das Rentier-Fluggespann. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil: Die mittelbare Nähe zum weltbekannten Weihnachtspostamt im Weihnachtsmanndorf bei Rovaniemi, das alljährlich in einer Flut an kindlichen Bittbriefen förmlich ertrank.
„Boss, was ist denn nun mit der Hardware?!", drängelte Rooperti und stoppte die gedankliche Schlittenfahrt seines Vorgesetzten.
Santu schreckte hoch. „Ja, ja. Schon gut. Dann lass uns mal den Probelauf starten. Los, ab in die Zentrale. Habe schließlich wieder 'mal lange genug auf dich warten müssen. Ich dachte schon, die samischen Schamanen hätten dich geschnappt und ihrem Berg geopfert, so wie du wieder gemustert bist..." Rooperti ist dieses Jahr ungewöhnlich angespannt, fand er. Was hat er nur? Beziehungsstress mit Rudolph? Santu grinste innerlich über diese Vorstellung. Wäre doch nicht so schlimm. Das kommt schließlich in den besten Familien vor.
Bei der Hardware, die es jedes Jahr zu überprüfen galt, handelte es sich um einen Gravitativen Zeitdilatator. Ein hochtechnisches Gerät, das schon bessere Tage erlebt hatte. Aber ohne diese Apparatur wären die zeitlich eng gefassten Auslieferungstermine für die unzähligen Weihnachtsgeschenke unmöglich zu halten.
Der Gravitative Zeitdilatator war ein Gerät, welches – laienhaft ausgedrückt – die Zeit auf der Erdoberfläche um etwa den Faktor 7•10−10 langsamer macht, als im fernen, näherungsweise gravitationsfreien Weltraum.
Santu, voll des Sendungsbewusstseins, erinnerte sich mit selbstgefälligem Schmunzeln an Roopertis Gesicht, als er ihm das erste Mal die Funktionsweise dieses Wundergerätes zu erklären versucht hatte. Da der Knecht zugab, nur „Bahnhof" verstanden zu haben, machte er sich sogar die Mühe, ihm das noch einmal haarklein auseinanderzuklamüsern:
„Stell' dir vor, du bist in einer ständig gleichförmigen Bewegung. Dann ruhst du in einem sogenannten Inertialsystem. Dann geht nach der speziellen Relativitätstheorie jede relativ zu dir bewegte Uhr aus deiner Sicht langsamer. Wobei diesem Phänomen allerdings nicht nur Uhren, sondern die Zeit im bewegten System selbst und damit jedem beliebigen Vorgang unterliegen. Jetzt verstanden, mein lieber Knecht?"
„Wie Sie meinen, Chef..."
Santu seufzte. Hatte sein Knecht das also immer noch nicht kapiert. Aber kein Grund zum Verzweifeln. Für solche Fälle hatte Santu, dem vor Begeisterung über sein eigenes Wissen förmlich die Bartspitze zitterte, die farblose Kurzform parat: „Der Gravitative Zeitdilatator ist eine Zeitraffermaschine. Die Zeit wird gestreckt, vom Tempo her verändert - verschoben quasi. Jetzt geschnallt, du bedauernswerter Unwissender?"
„Ach sooo. Na, das ist ja einfach."
Eben…, bzw. eben nicht.
Fakt war: Die Sache schien weitaus komplizierter als man dachte. Kompliziert, aber unverzichtbar. Denn ohne dieses fantastische Gerät wäre der Besuch von Millionen Haushalten, inklusive heimlicher Zutrittindiewohnungverschaffung, kreativer Geschenkeunterdembaumpositionierung und leise Ausdemstaubmachen einfach nicht möglich.
Der Zeitdilatator hatte die Ausmaße eines größeren Einbaukühlschranks.
Auf den ersten Blick kam er dem Betrachter recht altertümlich und verspielt vor, so, als hätte der englische Schriftsteller H.G. Wells bei seiner Entwicklung mitgemischt. Wells hatte 1895 ebenfalls an einer Zeitmaschine gearbeitet, zumindest in seiner schriftstellerischen Fantasie. Diese Apparatur wurde später als „The Time Machine" gnadenlos in Schrift und Bild, bzw. Zelluloid, vermarktet.
Doch dem ersten antiken Eindruck sollte man in diesem Fall eine zweite Chance geben. Denn das System funktionierte tadellos, so alt es auch schien. Und nur das war entscheidend.
Der zeitraffende „Kühlschrank" stand in der Zentrale im Untergeschoss. Diese war das Herzstück der gesamten Anlage, quasi das Heiligtum.
Unter dem gleißenden Licht der Tageslichtröhren betraten Rooperti und Santu Claus, begleitet von zwei grimmig blickenden Sicherheitswichteln in grüner Uniform, den gnadenlos weißgetünchten und mausgrau bodengefliesten, vollklimatisierten Raum. Obwohl es nicht kalt war, ließ die sterile Atmosphäre Santu jedes Mal frösteln.
Der Begriff steril war eine ordentliche Untertreibung. Denn gegen die Atmosphäre in diesem Raum verströmte sogar eine forensische Pathologie den verträumten Charme einer ostfriesischen Teestube.
„Eine rote Bordüre tät‘ Wunder wirken", murmelte Claus in seinen Bart angesichts des kalten Ambientes.
„Wie meinen, Boss?", Rooperti hatte akustisch nicht verstanden.
„Nichts. Hab' nur laut gedacht.“
Das harte Summen der Kühl- und Stromaggregate durchschnitt die kalte Luft, kitzelte unangenehm Santus empfindliches Trommelfell.
„Leg‘ schon mal die Hebel 2 bis 7 um", befahl Santu und bohrte, um das lästige Kitzeln in den Ohren loszuwerden, leidenschaftlich mit den Zeigefingern in seinen Gehörgängen herum, dass es nur so knatschte. Dann stellte er eigenhändig mit gewichtiger Miene die Zeitschaltuhr auf die gewünschte Verzögerung ein und machte sich an verschiedenen Knöpfen zu schaffen. Anschließend schlug er mit der linken Hand übertrieben heftig auf den roten Sicherheits-Buzzer, der einerseits zum Entsperren, andererseits, beim zweiten Hieb, als Not-Stopp diente. Mit rechts legte er zugleich behutsam den schwarzgelben Master-Stick um.
In Erwartung des erst langsam, dann blitzartigen Hochfahrens des Generators, das dem Crescendo eines jaulenden Katers ähnelte, dem man versehentlich auf den Schwanz getreten war, schloss Claus die Augen.
Wie erwartet tat sich… nichts. Rein gar nichts. Nach einem kurzen Augenblick der Überraschung öffnete er die Augen. Aber alles blieb unverändert: Nichts schnurrte oder jaulte. Nichts blinkte. Und das Schlimmste: Keine Zeit raffte.
Überrascht drehte er sich nach Rooperti um.
„Was ist los? Was hast du jetzt wieder angestellt…, beziehungsweise nicht angestellt? Welchen Schalter hast du vergessen?"
„Negativ, Boss", beschied der Beschuldigte. „Alle Schalter auf ON!"
Merkwürdig. Was hat denn das nun zu bedeuten?
„Chef, ist vielleicht der Stecker ‘raus?", traute sich Rooperti die Mutter aller Unfragen, die meistens den nicht männlichen Fragestellern vorbehalten war.
Santu ließ sich natürlich nicht auf dieses Niveau herab, verdrehte hingegen nur seine Augen, was seinem Knecht allerdings verborgen blieb.
„Hmmm. Dann alle Schalter wieder auf OFF… Und jetzt die Prozedur nochmals von vorne."
Nach einem verstohlenen Blick auf die Steckdose (nur zur Sicherheit! Könnte vielleicht, möglicherweise, eventuell, gegebenenfalls ja doch… wie‘s der Teufel nun mal will), das gleiche Prozedere noch einmal: Alle benötigten Schalter umlegen, Knöpfe drücken und auf den Buzzer hauen…
Atemlose Spannung legte sich über den Raum.
Doch wieder nichts: Das Wundergerät streikte, ignorierte sie, schien sich förmlich über sie lustig zu machen.
Santu war mit seinem Latein am Ende: „Was nun, Rooperti. Einen Einfall, aber rasch!“
„Schrotthändler anrufen, Koffer packen und ab nach Hause", entgegnete der Angesprochene hoffnungsvoll wie praktisch. „Hätt‘ natürlich gerne einigen Blagen den Hintern versohlt", fuhr er leutselig fort. „Andererseits täte es der Menschheit vielleicht ganz gut, wenn wir einmal nicht am Start sind, was meinen Sie, Chef?"
„Ganz ausfallen lassen? Warum?"
„Na, dann würde das gemeine Volk erst einmal merken, wie wichtig wir sind. Und was von dem gewohnten Weihnachtsfest ohne uns übrig bliebe! Das wär' mal eine ganz neue Erfahrung." Dann etwas nachdenklich: „Vielleicht würde man dann endlich wieder auf das Wesentliche und auf den eigentlichen Kern dieses Spektakels zurückkommen."
Natürlich, so war der Knecht felsenfest überzeugt, sei ohne ihr Engagement die pure Langeweile angesagt, abgesehen von den Nebenschauplätzen des Festes, nämlich der ausufernden Völlerei, der kurzweiligen Familienkräche und der obligatorischen Fernseh-Nonstop-Berieselung.
Rooperti weiter: „Wir haben's in der Hand. Denn wir sind schließlich die Stars dieses Spektakels. WIR sind Weihnachten! Und den Aufschrei, den würde ich schon gerne mal hören…" Erwartungsvoll schaute Rooperti den Weihnachtsmann nach seiner ungewohnt emotionalen Eruption an.
„Na, na, na. Mal nicht so aufmüpfig, lieber Kollege. Schön wär's vielleicht. Aber das geht leider nicht", entgegnete Santu mechanisch, während sein Gehirn bereits auf Hochtouren arbeitete und nach einer Lösung des eigentlichen Problems suchte. „Das würde uns Millionen kosten. Ach, was sag‘ ich: Milliarden!" Denn schließlich ginge es bei dem „ganzen Brimborium“ nur ums Business, as usual. „Und wir sind nur ein kleines Rädchen in diesem System."
„Überleg' mal", erläuterte Santu weiter, „der Riesenberg an Geschenken. Was machen wir damit? Was ist mit den Lagerkosten? Und dann noch unser Personal, die Zulieferer, die Ausfallhonorare, und nicht zuletzt, unser Tier- und Fuhrpark… Was ist damit?"
Rooperti überlegte - zumindest tat er so. Eine direkte Antwort hatte er also nicht.
„Stell dir einmal vor, jemand verschickt einen Hund oder eine Katze", fuhr Santu fort, „gut verpackt in einem Pappkarton."
„Ja, schooon, aber…"
„Was meinst du wohl, wie die Tierchen nach drei oder mehr Wochen aussehen…?", fuhr Santu unbeirrt fort.
„Selbst, wenn sich die Sache nur zwei Wochen verzögern würde“, fuhr er fort, „dann stell‘ dir einmal vor: Das aufgeregte Kindchen packt mit großen Augen erwartungsvoll sein Geschenk aus. Und statt eines schmuseweichen Kläffers hält es plötzlich ein Steifftier in der Hand, das nie wieder bellen wird, geschweige denn mit dem Schwanz wedeln. Ein ehemaliges Tier, das nach ein paar Tagen Einzelhaft nur noch an einen makabren Scherzartikel zu Halloween erinnert. Und dann noch, brrrh, der Geruch. Ich möchte mir‘s gar nicht vorstellen…"
„Ja, ja, ist schon gut, ich verstehe", stoppte Rooperti die plastischen Ausführungen seines Chefs. „War ja nur so ein Gedanke. Also, was schlagen Sie vor?"
„Ganz einfach: Wir müssen das selbst in die Hand nehmen. Was kaputt geht, kann auch wieder repariert werden. Und zwar von uns: WIR reparieren es!"
Leichter gesagt als getan: Denn in seinem ganzen Stab gab es nicht einen einzigen wirklichen Spezialisten auf diesem Gebiet. Niemanden, der sich mit altertümlichen Transistoren und Kondensatoren auskannte. Es gab lediglich die unbedarften Wichtel, die aber nur für grobe Packarbeiten taugten, sowie das phlegmatische Nutz- und Zug-Getier.
Santu seufzte: „Da bleibt mir wieder einmal nichts anderes übrig, als es selbst zu richten...“
Nur, ohne Schaltplan, Netzliste, Blitz-Zeichnung oder Blaupause bestand von vornherein nicht die geringste Chance für eine erfolgreiche Reparatur. Was er brauchte, war zumindest eine Kopie davon.
„Die Maschine ist schon recht alt", sinnierte Claus laut. „Ich kann mich vage daran erinnern, dass ein Schaltplan von diesem Gerät existiert. Aber wo ist der? Wo, zum Teufel, fliegt dieser Wisch rum… hmmm?!? Los, Knecht, streng auch 'mal deine grauen Zellen an! Schließlich bist du für den ganzen Schlamassel verantwortlich."
Natürlich. Schuld sind immer die Anderen.
Gespannt beobachtete der „Verantwortliche“ seinen grübelnden Vorgesetzten, um ihn plötzlich in seinem Brainstorming zu unterbrechen.
„Der Plan könnte auch beim letzten, letzten… äh Vulkanausbruch verschütt‘ gegangen sein, oder?!" Rooperti war zumindest bemüht, sich konstruktiv an der Lösung des Problems zu beteiligen.
„Vulkanwas?" Santu verdrehte die Augen. „Nee, mit Sicherheit nicht. Einen Vulkanausbruch gab's hier seit Menschengedenken nicht mehr. Wenn dir nichts Besseres einfällt, müssen den Plan eben suchen. Und zwar sofort!"
Gesagt getan. In den nächsten Stunden glich Korvatunturi einem Ameisenhaufen. Alles was zwei, drei - selbst versehrte Tiere machten mit - oder vier Beine hatte, suchte, schnüffelte und durchstöberte jeden Winkel, kehrte Unterstes zuoberst, räumte alles, was nicht niet- und nagelfest war, von links nach rechts. Doch ohne Erfolg. Im ganzen Betrieb gab es weder Bauplan, noch Blaupause. Und erst recht keine Blitz-Zeichnung.
„Ok, geben wir's dran", resignierte Rooperti nach stundenlanger, ermüdender Suche. „Da kann man eben nichts machen. Das ist wirklich Pech. Also, was nun? Jetzt doch packen?"
Claus war sichtlich am Boden zerstört. Sein doppeltes Kinn, das unter der reichlichen Manneszier nur zu erahnen war, schien lang und länger zu werden. Es fehlte nicht viel, und die weiße Bartspitze würde Muster in den Staub auf den Estrich malen.
Das darf doch wohl nicht wahr sein, grübelte der Weißbärtige. Und das KANN NICHT sein. Da muss es doch einen Ausweg geben. Mühselig durchforstete er die hintersten Winkel seiner drei Gedächtnis-Areale, so dass das Glühen seines neuronalen Netzwerkes selbst bei einer Mondfinsternis zu sehen wäre.
„Wir haben doch den Gravitativen Zeitdilatator seinerzeit von meinem Vorgänger übernommen, stimmt‘s?", kam er zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zurück.
Damit meinte er niemand Geringeres als den Nikolaus, auch Sankt Nikolaus genannt, den Mann des 6. Dezembers.
Nikolaus, amtlich-korrekt auch Bischof Nikolaus von Myra genannt, der von seinen Anhängern auch Heiliger Nikolaus gerufen wurde, war in der Tat der erste amtliche Besitzer des besagten Zeitdilatators.
Der Bischof lebte und wirkte um 300 nach Christi in Myra, einem kleinen Örtchen an der lykischen Küste, seinerzeit hellenistisch, dann römisch, später osmanisch und heute türkisch.
Nikolaus wurde damals wie heute als Heiliger verehrt. Er soll den Überlieferungen zufolge sein ganzes, von seinen Eltern geerbtes Vermögen verschenkt haben.
„Das Geld", so schilderte Santu Claus die Legende, „hatte Nikolaus einer verarmten Familie zukommen lassen, damit der Vater nicht gezwungen war, seine Töchter zur, pfui, Prostitution hergeben zu müssen. Nikolaus soll es durch den Kamin geworfen haben. Und es landete in den darin zum Trocknen aufgehängten Strümpfen."
„Wahrscheinlich in Fishnets…", kommentierte Rooperti im Bestreben um eine geistreiche Bereicherung dieser Geschichte.
„Fishnets?!?"
„Schon gut, Chef. Unwichtig."
Die Nummer mit dem Strumpf hatte man dann als alljährlichen Brauchtumstag übernommen, mit dem Stichtag 6. Dezember, dem Nikolaustag, wusste Santu weiter zu berichten, um sich dann zu empören:
„Da aber heutzutage die kindliche Erwartungshaltung das Fassungsvermögen von Socken und Strümpfen bei weitem übertrifft, stellt der Nachwuchs mitlerweile gleich ganze Stiefelpaare vor die Tür. Eine Unverschämtheit, oder?“
„Genau. Und deswegen gibt's dann Haue…", ergänzte Rooperti.
Claus schüttelte den Kopf. Das war es eigentlich nicht, worauf er hinaus wollte, sondern auf etwas anderes: Denn seit dieser Sockenstory seines bischöflichen Vorgängers hätten sie beide jedes Jahr die ganze Plackerei mit den Paketen, die von Jahr zu Jahr zahlreicher und voluminöser zu werden schienen.
Vielleicht sollten wir doch einmal eine Pause einlegen? Nachdenklich holte Santu seine Thermoskanne und ein in Pergamentpapier eingewickeltes Butterbrot aus seiner Aktentasche. Zeit für eine kleine Stärkung.
Plötzlich versteifte sich Santus Haltung, und sein Blick fiel wie magnetisch angezogen auf das Butterbrotpapier. „Pergamentpapier! Bauplan! Steinrelief! Abdruck!", brach es aus ihm heraus.
Rooperti erschrak: „Chef, alles in Ordnung? Soll ich einen Arzt rufen?“ Seine Sorge war diesmal wirklich echt.
„In der Transportverpackung des Zeitdilatators befand sich seinerzeit ein Pergamentpapier! Ein Abdruck, der von einem Steinrelief genommen wurde. Denn auf dieser steinernen Tafel war dieser vermaledeite Bauplan eingemeißelt worden, weißt du nicht mehr, Rooperti? Rooperti!?!"
„Ja, so vage…", erinnerte sich der Angesprochene kein bisschen.
„Schön akribisch und haarklein eingemeißelt. Ein regelrechtes Kunstwerk seinerzeit. Und wenn‘s einen Abdruck auf einem Pergament gibt, dann gibt's auch ein, ein...?“
Rooperts‘ Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
„…richtig, du ahnungsloser Traumtänzer. Ein Original. ORIGINAL! Und dabei handelt es sich genau um diese Druckplatte, dieses Stein-Relief", nahm der Weihnachtliche weiter Fahrt auf.
„Aber nach so langer Zeit? Wo, zum Teufel, sollen wir denn danach suchen, Chef?"
„Fluche nicht, mein Sohn. Der Heilige Nikolaus hat bekanntlich in Myra das Zeitliche gesegnet. Wer weiß? Vielleicht hängt dort die Tafel in seiner alten Kirche `rum, oder in einem Museum? Oder es gibt dort zumindest einen Hinweis auf sie", ließ Claus sich nicht beirren. „Übrigens heißt die Stadt mittlerweile Demre beziehungsweise Kocademre. Und genau dort sehen wir uns um. Basta!"
„Wir? Heißt das etwa, ich muss mit?", fragte Rooperti entgeistert, auf dem jetzt alle Augen ruhten.
Mittlerweile hatte sich eine aufgeregte wie neugierige Schar Wichtel, einige Rentiere, Schafe und Ziegen - kurz, ein Großteil der Belegschaft von Korvatunturi - um Santu, Rooperti und den defekten Zeitdilatator gebildet.
„Natürlich kommst du mit. Vielleicht kannst du dich nützlich machen", bestimmte Santu und erntete damit bei seinen zwei- und mehrbeinigen Betriebsangehörigen ein zustimmendes Gemurmel.
Das hatte sich der Knecht ganz anders vorgestellt. Koffer packen jawohl, aber nicht um ins unchristliche Anatolien zu pilgern, sondern um zu seiner geliebten Insel der Glückseligkeit zurückzukehren. Ins heimische Ukonkivi. Gemeinsam mit Rudolph, seiner treuen Seele. Aber so wie es aussah würde daraus wohl nichts werden.
Nach einem kurzen Moment unschlüssigen Schweigens: „Und wann soll's losgehen? Wir nehmen doch sicherlich den Rentierschlitten, oder?", schien sich Rooperti offensichtlich damit abgefunden zu haben.
„Den auffälligen Schlitten? VOR Heiligabend durch die Weltgeschichte herumkutschieren? Warum nicht gleich mit dem Space-Shuttle. Komm, ruf Houston in Texas an, und mach eins klar.“
Rooperti überlegte, ob sich Santu über ihn lustig machte.
„Dann lass uns wenigstens die Schafe vorspannen. Die sind kleiner, unscheinbarer und fallen nicht so auf." Dieser Vorschlag wurde mit einem aufgeregten Blöken quittiert.
„Oh ja bitte, wir wollen in den Süden!", bettelte einer der Wiederkäuer.
„Mögen die uns auch?", wollte ein anderer wissen.
„Ja, gut durchgebraten, du dummes Schaf", mischte sich das Leittier ein, das ein bisschen mehr Verstand zu besitzen schien, als seine Artgenossen, die jetzt wie belämmert aus der Wolle glotzten.
Der kurzen schockstarren Stille folgte ein regelrechter Sturm der Entrüstung, das reinste Tohuwabohu. Ein Schaf versuchte das andere zu übertönen.
„Näääh, näääh!", beanspruchten die betroffenen Vierbeiner ihr Recht auf Meinungsfreiheit und blökten sich kollektiv ihren Paradigmenwechsel von der Seele. Die gedankliche Kehrtwende war eindeutig und unmissverständlich.
So ergriff auch der Leithammel letztendlich und beschlussfassend das Wort und gab die endgültige Entscheidung bekannt: „Näääh, wir bleiben hier!"
„Dann nehmen wir halt die Ziegen", versuchte Rooperti seine Idee zu retten, die er überaus genial fand.
„…die werden vorher gern in Knoblauchöl mariniert", kommentierte deren Anführer sarkastisch. Mit einem einvernehmlichen Gemeckere schmetterten so auch die vierbeinigen Bartträger diesen für sie völlig abstrusen Vorschlag ab. War man nicht eben erst bezüglich der barbarischen Essgewohnheiten dieser südostländischen Kannibalen sensibilisiert worden?
„Und wenn wir nur Rudolph nehmen, ganz alleine, ohne die anderen?", versuchte es Ropperti ein letztes Mal.
Rudolphs Nase schwoll an, drohte fast zu platzen, verfärbte sich dramatisch ins Dunkelrote: „Bin ich etwa KEIN Rentier? Und bin ich etwa kleinwüchsig? Vielleicht haben die auch Appetit auf mich?! Hallo!?! Kann mich jemand hören?!?"
Dieser Argumentation war natürlich weder Wesentliches hinzuzufügen, noch entgegenzusetzen.
„Rentierfleisch", gab nur Santu überflüssigerweise seinen Senf dazu, „zählt nicht von ungefähr zu den weltweit wohlschmeckendsten und nahrhaftesten Fleischsorten." Grundsätzlich hatte er ja recht. Denn aufgrund seines niedrigen Cholesteringehalts und des hohen Eiweißanteils gilt es als sehr wichtig und als eine gute Ergänzung für eine gesunde Ernährung. Weltweit.
Santu Claus, völlig in Dozier-Laune, blickte selbstgefällig auf sein Auditorium, das mit aufgerissenen Augen und Mündern zuhörte - allen voran die betroffenen Geweihträger.
„Sehr beliebt ist übrigens der Schinken aus Rentierfleisch", nahm er diese unverhoffte Aufmerksamkeit zum Anlass, weiter vorzutragen. „Dafür verwendet man vor allem das Fleisch aus der Keule. Und zubereitet wird das folgendermaßen: Nach dem Salzen muss das Fleisch über 20 Tage sorgfältig kalt geräuchert werden, so dass man einen sehr zarten, aromatischen Schinken erhält…"
Erwartungsvoll blickte Santu in die Gesichter seiner nun völlig verstummten Zuhörerschaft. Wie jedes Mal freute er sich auch diesmal, sein Team mit seinem fulminanten Wissen beeindrucken zu können.
Ok, dachte er bei sich, die Wichtel gaben sich ob seines Monologs wie üblich betont desinteressiert. Aber was will man von diesen Schrumpfhirnen auch anderes verlangen?
Die Schafe und Ziegen indes hatten - sicherlich vor interessierter Aufmerksamkeit - die Luft angehalten, wie deren rote Köpfe eindeutig bewiesen.
Und die Rentiere erst, wie die mich bewundern, ja, anhimmeln, konstatierte er in koketter Selbstgefälligkeit. Schaut nur, diese aufgerissenen Augen in den blassen Gesichtern. Nein, wie putzig…
Auch auf Rooperti schien der Vortrag, zumindest seiner Meinung nach, nicht ohne Wirkung geblieben zu sein: Seht, wie ihm das Wasser im Munde zusammenläuft. Und dann dieser sabbernde Speichelfluss, rechts und links, aus den Mundwinkeln. Brrrrh...
Der undefinierbare Blick Roopertis wechselte dabei ständig von Santu zu Rudolph, der sich mittlerweile vor Angst erbrochen hatte.
Natürlich glaubte Claus zu wissen, welche Gedanken seinem Knecht gerade durch den Kopf schossen: Rudolph mit einem Apfel im Maul, angerichtet nach Art des Hauses...
Wie es aber aussah, schien offensichtlich nun doch keines der Getiere wirkliche Lust auf eine Exkursion in den sonnigen Süden zu haben.
„Ok, ok, Kommando dann zurück", beruhigte Claus seine verstörte Mannschaft.
„Wir verreisen dann eben ohne Vierbeiner. Also los, mein lieber Knecht. Schlaf' nicht ein. Buch' uns fix für morgen Abend zwei Flüge nach Antalya. Und dann ab, Reisetasche packen. Morgen, in aller Herrgottsfrühe, brechen wir nach Kittilä auf, zum Flughafen. Wenn der türkische Halbmond im nächtlichen Zenit steht, will ich da sein."
Die Würfel waren gefallen. Erleichtert atmete das versammelte Viehzeug aus. Auch Rudolph fiel eine Zentnerlast vom Herzen und sackte ermattet in sich zusammen. Hatte das Ren doch richtig Schwein gehabt, da es - zumindest im Moment - weder in der Türkei noch im heimatlichen Ukonkivi schmackhaft zubereitet würde, wobei ihm der Ort seiner lukullischen Apokalypse letztendlich egal gewesen wäre.
Es herrschte ein fürchterliches Schneetreiben bei mindestens 20 Grad Minus, als sich zwei vermummte Gestalten frühmorgens zu Fuß auf ihren langen Weg in südwestlicher Richtung machten.
Primäres Ziel der beiden Wanderer war Kittilä. Unbestrittenes Highlight dieses Sechseinhalbtausend-Seelen-Städtchens war ihr Flughafen, der immerhin den Anspruch auf Internationalität erhob.
Der Winter in Finnland ist legendär und lässt jeglichen Spaßfaktor vermissen. Minustemperaturen von über 30 Grad sind der Normalfall, entlocken den abgehärteten Einheimischen aber nur ein warmherziges Lächeln, aber meist erst nach dem zweiten Saunagang.
Begleitet wird die klirrende Kälte von einem unablässigem, eisigen Wind, der schneidend durch Mark, Bein und jeglichem positiven Gedanken fährt. Der Windchill-Effekt tut sein Übriges, um einen restlos um die gute Laune zu bringen.
Ohne Vliesbekleidung und Thermo-Unterwäsche, Thermo-Handschuhe, Winterstiefel und Mütze mit Ohrenschutz hätten unbedarfte Spaziergänger in der finnischen Tundra ein echtes Problem, soweit sich - abgesehen von Menschen mit unbehandelten Psychopathien - überhaupt jemand ins Freie gewagt hätte. Falls doch, wurde das auch meist mit Frostbeulen und Erfrierungen allerhöchster Gradierung an allen denkbaren, kälteexponierten Körperstellen geahndet. Und das war dann nicht unverdient.
Aber Santu und Rooperti waren schließlich keine Anfänger oder unbedarfte Touristen. Im Gegenteil. Sie waren Spezialisten in Sachen Frost, Kälte und Extremwinter. Aufgrund ihrer Arbeit, die genau in die Wintersaison fiel, kannten sie die harten Bedingungen aus dem Effeff und hatten sich natürlich isolationstechnisch bestens vorbereitet.
Nachdem die beiden einsamen Wanderer die Bergwelt hinter sich gelassen hatten, erreichten sie endlich die große Ebene, ihr erstes Etappenziel. Es war die südliche Spitze eines großen, zugefrorenen Sees, von den Einheimischen Inarijärvi, von den Ausländern Inarisee genannt. Dabei handelte es sich um einen 1.000 Quadratkilometer großen, zugefrorenen See mit angeblich über 3.000 kleinen Inseln.
„Genau hier gehen wir rüber. Das spart Zeit", bestimmte Santu Claus fachmännisch, der den See eigentlich nur aus luftiger Höhe kannte, aus dem Rentierschlitten heraus.
In der Tat: Die Passage, der sogenannte Engpass Juutuanvuono im westlichen Teil des riesigen Sees, war gut gewählt.
„Hier bin ich ja fast schon bei mir Zuhause", brummte Rooperti, der ansonsten eher wortkarg hinter ihm her trottete. „Echt ärgerlich.“
Nach zweistündigem Marsch durch das dichte Schneetreiben, durchbrach ein ohrenbetäubendes Scheppern die Nacht. Es hörte sich an, als hämmerte der nordische Gott Thor mit seinem gewaltigen Hammer gegen die Fahrertür eines Caterpillar 797, dem größten Lastwagen der Welt. Erschreckt blickte Santu zu Rooperti, der noch nicht einmal gezuckt hatte.
„Keine Angst, Chef. Das ist das Eis. Es wächst", erklärte Rooperti. Aber das musste er auch wissen. Schließlich kannte er den sechstgrößten Binnensees Europas wie seine Westentasche.
„Da nach unten kein Platz ist, dehnt es sich halt nach oben aus", berichtete er, motiviert durch Santus fragendem Blick. Und irgendwann bräche es dann eben mit lautem Getöse.
Plötzlich, nur kurze Zeit nach dem Scheppern, begann das Eis mit einem klagenden, langgezogenen Ton zu singen. Irritiert schaute Santu wieder zu seinem Knappen. „Grundgütiger, was ist das denn schon wieder?!“
„Das sind die gebrochenen Eisplatten", wusste Rooperti auch hier die Antwort, „Die fangen jetzt an, sich gegeneinander zu verschieben."
Mein Knecht, der Allwissende. Der hat bestimmt einen Nebenjob als Schlaumeier, ärgerte sich Claus ein wenig, wohl mehr über seine eigene Unkenntniss, als über das Allgemeinwissen seines Angestellten. Schade, dass er nicht auch noch allmächtig ist, dann könnte er uns ja gleich in Antimaterie verwandeln und dann zum Ziel teleportieren – wahrscheinlich nicht, ohne mir das vorher auch noch genau zu erklären.
Nach weiteren Stunden in der schier unendlichen Eiswüste machten sie plötzlich vor sich eine schemenhafte Gestalt im dichten Schneetreiben aus.
Es war vermutlich ein Einheimischer, der vor einem kleinen, mit der Spitzhacke offen gehaltenen Loch hockte und pilkerte, was so viel wie Angeln bedeutet.
Wie witzig dieses Männlein ausschaut, schmunzelte Santu. Durch den Schnee sowie sein zu Eis kristallisiertem Atem und den gefrorenen kleinen Schweißtropfen an Brauen, Wimpern und Haarspitzen ähnelte der Mann eher einem Schneemann, als einem Kerl aus Fleisch und Blut. Wie drollig. Ein Schneemann, mitten in dieser weißen Einöde.
Nach diesem kurzen Ausbruch selbstbefangener Rührseligkeit, gewann aber sogleich Santus „analytischer Verstand“, wie er ihn selbst zu bezeichnen pflegte, wieder die Oberhand: Angeln bei gefühlten minus 40 Grad im dichten Schneetreiben? Das ist ja schon ein bisschen… krank.
„Petri-heil, Herr Angler", begrüßte er den offensichtlich Verrückten.
Der Angesprochene hob kurz den Blick. Unwillig ob der Störung brummte er sich irgendetwas in den gefrorenen Bart und widmete sich wieder seiner vermeintlich sinnlosen Beschäftigung.
„Wir sind auf dem Weg zum Flughafen in Kittilä, müssen aber erst grob in Richtung des Städtchen Inari, guter Mann. Sind wir da auf dem richtigen Weg?", blieb Santu freundlich, aber hartnäckig.
"Wer will das wissen", antwortete der Schneemann widerwillig, ohne seinen Blick von dem Eisloch abzuwenden.
„Der Weihnachtsmann und sein Knecht Ruprecht, wenn es beliebt".
Langsam hob der Angler seinen Kopf und griff zu seinem schmalen, erschreckend scharf aussehenden Fischmesser, das in einer mit Perlen verzierten Lederscheide vor ihm auf dem blanken Eis lag:
„Wenn ihr beiden Strolche nicht sofort das Weite sucht, werde ich EUCH gleich filetieren und ausnehmen, so wahr ich der…, der… Nikolaus bin!"
Oooh-booah, wie unfreundlich. Der Weihnachtsmann war geradewegs bestürzt über diese personifizierte Unhöflichkeit.
Ihm jetzt noch mitzuteilen, dass sich das gut träfe, da sie ja auf der Suche nach eben diesem Nikolaus seien, konnte er sich gerade noch verkneifen. Mit Kopfschütteln ließen sie den eindeutig Gestörten links liegen und setzten ihren beschwerlichen Marsch durch die eisige Kälte fort.
„Ich hätt‘ dem unverschämten Kerl liebend gern eins mit der Rute übergebraten." In Roopertis Stimme schwang die Hoffnung mit, dass sie umkehrten, um den Anhänger Petri für dessen ungehöriges Benehmen zur Rechenschaft ziehen würden.
„Nein, lass mal", beschwichtigte Claus ihn, „schließlich sind wir im Namen des Herrn unterwegs."
„Wir sind was?!?"
„Vergiss es einfach, mein lieber Knecht. Vergiss es."
Schweigsam setzten sie ihren beschwerlichen Weg fort.
Nach einer kleinen Ewigkeit hatten sie es geschafft. Die erstarrte See war bezwungen, Land in Sicht - soweit sich die weißgraue Abstufung überhaupt so definieren ließ. Mühsam krabbelten sie kurze Zeit später die karg bewachsene, steinhart gefrorene Uferböschung hinauf.
Und da war sie: Die Route 955, eine der wenigen wintertauglichen Nord-Süd-Verbindungen nach Kittilä, auf der sie mehr zufällig als beabsichtigt gestoßen waren.
Weiter ging's.
Ohne sich eine Pause zu gönnen, marschierte das mehr durchgefrorene als dynamische Duo auf der schneeverwehten Straße in Richtung Süd-Westen. Da, nach gut einer Stunde, schälte sich aus dem treibenden Schnee ein Häuschen heraus, das sich als Bushaltestelle entpuppte.
Endlich Pause, und wohlverdient dazu.
Völlig ausgepumpt schmissen die beiden Wanderer ihr Gepäck in die Ecke des kleinen, überdachten Wartehäuschens und ließen sich auf die einzige Holzbank fallen.
„Chef, und was nun? Was wollen wir hier? Etwa auf den Fahrenden Ritter warten?", fragte Rooperti. „Ist das überhaupt die Route nach Kittilä?"
Obwohl dem hypoglykämen Zustand recht nahe, bewies Santu tatsächlich so etwas wie Humor.
„Route, Rute: Du und deine Ruten. Ruf‘ uns einfach ein Taxi, und lass uns guter Hoffnung sein."
„Das wird aber ganz schön teuer. Von hier sind's bestimmt noch wer weiß wie viele Kilometer - wenn nicht noch mehr", überging Rooperti das Wortspiel seines anstrengenden Vorgesetzten.
Aber Claus war das jetzt egal: „Ruf ein Taxi - oder trag' mich!"
„Dann lieber Taxi", erwiderte er und konnte sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Neben den Koffern schaffe ich gerade noch 150 Kilo zu schleppen. Und das langt ja wohl nicht…“
Unverschämter Knilch. „Ich kann auch nichts dafür, dass mein Gehirn so viel wiegt“, behielt Santu wie gewohnt das letzte Wort. „So, und jetzt Schluss mit dem Lamentieren.“
„Empfindlich, der feine Herr Weihnachtsmann, äußerst empfindlich", murmelte Rooperti in seinen Bartansatz und zückte sein schlichtes Smartphon. Ja, tatsächlich: Ein Smartphon. Neben GPS-Outdoor-Navi, Leatherman-Multitool und Schweizer Militärarmbanduhr ein unerlässliches Utensil der Weihnachtsvertreter von heute.
Nach stundenlanger Autofahrt durch das Schneechaos hatten sie endlich ihr Ziel erreicht: Der Flughafen in Kittilä.
„326 Euro? Das grenzt ja schon an Wucher!", meckerte Rooperti. Der Taxifahrer hatte ihm soeben mit unbewegtem Gesichtsausdruck den Fahrpreis genannt. Nur widerwillig händigte der Knecht den geforderten Betrag aus. Santu hatte zuvor bestimmt, dass er für das Bezahlen zuständig sei. Zumal er ja schließlich auch das Taxi gerufen hätte.
Dem Chauffeur war das egal, von wem er die Kohle bekam. „Sei mal froh, dass ich Sie und diesen komischen Typ mit seiner albernen Kappe überhaupt mitgenommen habe", und wies mit seinem doppelten Kinn unhöflich in Richtung Santu.
Komischer Typ? Meint der jetzt komisch mehr als lustig oder merkwürdig? Und alberne Kopfbedeckung? Warum beleidigt diese arme Sünderseele meine selbstgestrickte phrygische Mütze. Soll ich hier etwa mit der Mitra herumlaufen? Schließlich sind wir inkognito unterwegs. Ignorant, Unverschämter!
Im Grunde genommen war ein Spruch dieser Art nicht eine Frage ob sie kommt, sondern wann sie kommt. Ähnelte seine ausgebeulte Mütze, die tatsächlich von den antiken Phrygern zu stammen schien, doch auffallend der Kopfbedeckung eines Gartenzwergs, des deutschen Michels oder eines jakobinischen Revolutionärs: Sie hatte einen längeren rundlichen Zipfel, der mal lustig zur Seite, mal adrett nach hinten und mal störend in Richtung Stirn fiel.
Üblicherweise war eine solche Mütze aus Wolle. Es gab sie aber auch aus Leder. Überliefert wurde, dass die phrygische Mütze ein gegerbter Stier-Hodensack einschließlich umliegender Fellpartie sei (Fell, da war es wieder…). Die alten Griechen waren der Meinung, dass dadurch die Fähigkeiten des Stiers auf den Mützenträger übergingen. Fähigkeiten, mit denen der Weihnachtsmann wahrlich nichts am Hut hatte.
In der überschaubaren Flughafenhalle spürte man nur wenig vom Duft der großen, weiten Welt. Kein nervendes Gedränge, kein hektisches Treiben, das man normalerweise in einem Abflugterminal erwartete.
Die wenigen, antiquierten Chrom-Strahler, allesamt schon grünbräunlich angelaufen, schmissen ihre unangenehm gleißendhellen Lichtkegel gegen schmucklose Wände und auf einen stumpfen Fliesenboden.
„Überwältigend", staunte Rooperti beim ersten Flughafenkontakt seines Lebens.
„Trostlos“, moserte Santu, der den erfahrenen Aeronauten gab. „Das ist kein Flughafen, dass ist ein besseres Flugplätzchen. Eher was für Segelflieger. Modellsegelflieger …“
Die meisten der wenigen Check-in-Schalter dieses so herabgewürdigten Verkehrsknotenpunktes waren geschlossen. An den spärlich besetzten Abferigungseinrichtungen standen sich, mangels Sitzplätze, bepackte Reisende Löcher in den Bauch. Nach kurzer Suche steuerte das „Dynamische Duo“ auf den einzigen Finnair-Schalter zu.
Betont unauffällig legten sie der netten blonden Airline-Angestellten ihre Reisepässe vor, die Santu extra für diese Aktion hatte anfertigen lassen. Man war ja schließlich kein Anfänger.
„Herr Virtanen, Herr Korhonen", wurden sie von der netten Blondine nach einem kurzen Blick in die Ausweise begrüßt. Dabei nickte sie ihnen freundlich zu.
Virtanen? Korhonen? Amüsiert verzog Rooperti sein Gesicht. Na, unauffälliger ging's wohl nicht.
Ging es wirklich nicht. Denn dabei handelte es sich um die mit Abstand häufigsten Nachnamen in Finnland, vergleichbar etwa mit Müller oder Schulz in Deutschland, Smith oder Brown in den USA, Garcia oder Lopez im spanisch sprechenden Raum. Menschen, die sich mit solchen Namen vorstellen, sind automatisch verdächtig...
„ICH bin Herr Korhonen", konnte sich Rooperti nicht verkneifen, das Humorverständnis der Angestellten zu überprüfen. Dafür erntete er von Claus einen unauffälligen, aber schmerzhaften Fußtritt mit der Schuhspitze seitlich gegen die Kniescheibe, die protestierend aus ihrem Gleitlager rutschte.
Die Frau schien verwirrt. „Nein, nein", verbesserte er schnell seinen Knecht, der, kalkweiß im Gesicht und mit zusammengebissenen Zähnen, wieder die Kniescheibe richtig positionierte.
„Mein Kollege hat nur einen kleinen Scherz gemacht. Es ist schon richtig: ICH bin Herr Korhonen. Sie erkennen das ja auch anhand der Passbilder."
Mit einem gequälten Lächeln reichte die Hostess ihnen die Bordkarten und Ausweise zurück und zwang sich zu einem stereotypen „Na, dann guten Flug."
Von ihrer Gepäcklast befreit schlenderten Herr Korhonen und Herr Virtanen zum Abflugbereich. Dort erwartete sie bereits eine überschaubare Schar Mitreisender, die gespannt auf den Aufruf ihres gemeinsamen Fluges warteten.
„Onkel, warum hast du so rosige Bäckchen?" Eine etwa Sechsjährige hatte sich mit verschränkten Armen vor Santu aufgebaut und musterte ihn unverhohlen.
„Von drauß‘ vom Walde komme ich her, und dort ist's halt lausig kalt, mein liebes Kindchen", missbrauchte er mit gütiger Stimme wahrscheinlich zum tausendsten Male den alten Fontane, zumindest partiell.
„Und warum hast du einen sooo langen weißen Bart?", bohrte der neugierige Fratz weiter.
„Na, weil ich ihn hab‘ wachsen lassen und ihn nicht abgeschnitten habe. Was meinst du denn?!"
„Kitzelt der nicht? Doch, der kitzelt, stimmt's?" Langsam beginnt die Göre zu nerven.
„Nein, mein Kind, der kitzelt nicht, und deshalb muss ich auch nicht kratzen. So, jetzt reicht es aber mit der Fragerei, ok? Geh‘ schön spielen", antwortete er nun etwas ungehaltener als beabsichtigt, konnte sich aber eine rhetorische Gegenfrage nicht verkneifen: „Die Härchen auf deinen Milchzähnen kitzeln ja auch nicht, oder?"
Fehler, wie er zu spät merkte. Denn mittlerweile waren andere Fluggäste auf sie aufmerksam geworden. Ach, wie unangenehm.
„Und wie lustig: Deine Nase sieht ja aus wie eine Kirsche…", prustete die Göre plötzlich los.
„Ich finde, meine Nase sieht NICHT wie eine Kirsche aus", zischte der Gepiesackte zwischen seinen zusammengepressten Zähnen hervor, nur noch mühsam beherrscht.
„Chef, darf ich?", fragte ihn Rooperti mit erwartungsvollem Gesicht und öffnete ohne auf eine Antwort zu warten seinen Mantel, um ihm und der Rotznase sein hölzernes Schlagwerkzeug zu präsentieren, das drohend an seinem Gürtel baumelte.
Erschreckt wich die Sechsjährige zurück. „Maaami!"
„WAS haben Sie dem Kind da gezeigt?", krakelte ein unglaublich dickes und großes Weib los und baute sich, ihre wurstigen Finger in die schwammigen Hüften gestemmt, vor den beiden auf.
„Ich hab‘ dem Kind nur meine Rute gezeigt. Was geht Sie das denn an?", raunzte Rooperti unfreundlich zurück.
Ach du heilige Sch…, murmelte Claus, das war nicht klug.
„Iiiiihhh - Sittenstrolche! Polizei! Polizei!", schrie die Korpulente und begann, mit ihren fleischigen Fäusten wie mit einem Dampfhammer auf Rooperti einzuhämmern.
Der Aufruhr war perfekt.
Komisch, schon das zweite Mal heute, dass wir als Strolche bezeichnet werden, ging es Claus durch den Kopf. Ob das wirklich an unserer Verkleidung liegt? Doch nicht etwa an meiner schönen Mütze, dachte Santu und beobachtete interessiert die vergeblichen Abwehrbemühungen seines Knechtes.
Kurze Zeit später wurde der Innenstirnkreis, der sich mittlerweile um sie aufgebaut hatte, rücksichtslos durch ein uniformiertes Quartett durchbrochen: Vier Polizisten mit grimmig zur Schau gestellten Mienen waren im Sprint herbei gestürmt und drängten sich nun zwischen den Weihnachtsvertretern und der zu Fleisch gewordenen Furie und forderten die beiden Störenfriede auf, mitzukommen. Und das ohne vorherige Klärung des Tatherganges. Das nervöse Öffnen und Schließen ihrer Hände in Höhe der Pistolen-Holster leistete der schneidenden Aufforderung unmissverständlich Nachdruck.
Schön, dass sie uns nicht gleich mit finalem Rettungsschuss zur Stecke bringen, atmete Santu erleichtert auf, der den Auftritt der Staatsgewalt mehr als überzogen fand. Ach, wie gern hätte er noch etwas der hämmernden Matrone zugeschaut, die seinen hilflosen Knecht auf das Fürchterlichste in der Mangel hatte.
„Deine Nase merk‘ ich mir", raunte Santa Claus der Sechsjährigen im Vorbeigehen zu, die den ganzen Aufruhr neugierig, mit großen Augen verfolgt hatte. „Gibt nix. Dieses Jahr nix, nächstes Jahr nix. Niemals, nix!!!"
„Onkel, du siehst aus wie ein kleiner, dicker Elf…", legte die Sechsjährige unbeeindruckt nach. Dabi konnte sie von Glück reden, dass die beiden Pechvögel mit Handschellen aneinander gekettet waren und gerade von den Uniformierten durch eine unscheinbare Tür in ein Hinterzimmer des Flughäfchen gedrängt wurden.
Lieber Gott, danke für die Handschellen, schickte Santu ein Stoßgebet zum Himmel, sonst wäre ich bestimmt über diesen vorwitzigen Fratz hergefallen. Manchmal konnte er Roopertis offensichtliche Neigung, Kinder mit rabiaten Mitteln zu züchtigen, wirklich nachvollziehen.
Natürlich war alles nur ein Missverständnis. Natürlich.
So konnte die Sache auch relativ schnell geklärt werden. Relativ.
Nach obligatorischer Überprüfung der Personalien hatten die Beamten zusätzlich eine Körperdurchsuchung angeordnet - laut deren Aussage rein routinemäßig, laut Santus Meinung hochnotpeinlich und schikanös. Die Polizisten führten sie dafür in getrennte Räume, und ließen sie, aller Proteste zum Trotz, tatsächlich bis auf die nackte Haut ausziehen.
Ein Beamter im geheimen schwarzen Anzug, mit geheimer Sonnenbrille (Sonnenbrille im Winter…) sowie geheimem Ohrtelefon ließ sich sogar Santus Mütze aushändigen, um sie misstrauisch von allen Seiten akribisch unter die Lupe zu nehmen. Claus indes staunte nicht schlecht über das Interesse des Anzugträgers an seinem phrygischen Prunkstück.
„Gell? So eine schicke Kopfbedeckung hätten Sie auch gern, sie Geheimagent, hab' ich recht?"
Geflissentlich ignorierte der Angesprochene diese Frage, schickte aber einen gekonnt bösen Blick (das hat er vorm Spiegel einstudiert, das seh' ich...) in Richtung des weihnachtlichen Mannes.
Nach dem bürokratischen Abschluss mit sechzehn zu leistenden Unterschriften auf dem achtseitigen Vernehmungsprotokoll, entließen die Beamten sie wieder in die Abflughalle. Knapp 45 Minuten Zeit hatte die ganze Aktion gekostet. Verpasst – beispielsweise ihren Flug - hatten sie zum Glück aber nichts.
Gottseidank, das ist ja noch einmal gut gegangen, atmete Claus auf. Rooperti dagegen schien nur bedingt froh zu sein, pendelte seinen Oberkörper unruhig, aufgestützt auf einem Regenschirm, hin und her.
Regenschirm?
„Woher hast du auf einmal diesen Regenschirm? Raus damit!". Claus stemmte seine Hände auf die Hüften und wartete auf eine Antwort.
„Ach den? Den habe ich aus dem Verhörraum", berichtete der Knecht zurückhaltend.
„Wie, aus dem Verhörraum?“
„Nun ja, der Schirm steckte in einem Ständer neben der Ausgangstür. Einem Regenschirmständer..." Über dem Ständer sei ein Schild mit dem Wort „Fundsachen" angebracht gewesen. Also habe es sich doch wohl um einen herrenlosen Schirm gehandelt. „Und außerdem", fügte er hinzu, „haben die Gendarmen schließlich meine Rute eingezogen. Zur Not kann ich den Schirm..."
„Du hast den Schirm MITGEHEN lassen?!"
„Mitgehen hört sich aber doof an, Chef.“
„Mitgehen lassen, gemopst, geklaut, gestohlen, geklemmt, wie auch immer...“
„Ja, äh, nein, Chef. Ich schwöre. Ich habe ihn mir nur ausgeliehen. Sobald ich wieder im Besitz einer ordentlichen Rute bin, liefere ich den Schirm wieder ab. Ehrenwort. Ich komme mir ohne mein Werkzeug in der Hand doch so... so nackt vor."
„Du bist ein Dieb. Und ein Taugenichts.“ konstatierte Santu abschließend. Das wird ja immer schlimmer mit dem... Zumindest aber hat er Geschmack, wie ihm das Fabrikat des Schirms verriet: Ein „Maple Handle Umbrella“. Für den müsste man bei „Swaine Adeney Brigg“ in London schlappe 200 Pfund hinblättern. Schade, ärgerte sich das Teufelchen in Santu, warum nur ist mir der Schirm nicht aufgefallen…?
Und an Rooperti gewandt: „Zu deiner Information: In der Türkei wachsen hochbiegsame Weidenstöcke quasi an jeder staubigen Straßenecke. Richtig stramme Teile. Die tun schon beim Anschauen weh", erklärte Santu, langsam wieder etwas verbindlicher.
„Ehrlich Chef? So richtig schmerzhaft?"
„Ja, ganz sicher", beteuerte er, „Damit ziehst du den Kindern nicht nur den Ärmelstoff von der Haut, sondern gleich die ganze Pelle mit." Ich weiß schon, wie ich meinen Pappenheimer kriege, grinste Claus innerlich, angesichts der glänzenden Augen seines Adlatus.
Mit gemischten Gefühlen näherten sie sich wieder der Reisegruppe, betont unauffällig und vorsichtig. Ihren Blicken ausweichend nahm die wartende Schar sofort Abstand zu ihnen, den vermeintlichen Sittenstrolchen und offensichtlichen Außenseitern. Halte Abstand - und du behältst die Übersicht, fiel Santu ein Sinnspruch des Schriftstellers Wilhelm Hasenclever ein. Aber egal. Damit kann ich leben.
Alle wichen ihnen respekt- oder gar angstvoll aus, bis auf eine Person: Der personifizierte Fleischberg. Mit tiefgezogenen Brauen, die Augen zu Sehschlitzen verengt und die mächtigen Arme vor der gewaltigen Brust verschränkt, starrte die „Dicke Berta“ mit hypnotischem Blick auf die Beiden, dem einer Klapperschlange nicht unähnlich, die in tödlicher Beißabsicht eine aufgeschreckte Wüsten-Springmaus fixierte.
Die Wuchtbrumme ist eindeutig die Mutter dieser Göre, überlegte Santu Claus. So, wie die sich ins Zeug legt. Aber vielleicht ist sie auch die Betreiberin eines Frauenhauses und fühlt sich dazu berufen, potentiellen Nachwuchs zu unterstützen. Oder sie ist die Anführerin eines geheimen, militanten Amazonen-Rings oder einer noch unbekannten Walkürenbewegung. Wer weiß?
Fragend schaute er zu Rooperti.
Grundgütiger, was treibt er denn jetzt schon wieder?
Regungslos und mit ausdrucksloser Miene starrte sein Knecht zu Pauline Potter - seinerzeit dickste Frau der Welt - zurück. Eine Ewigkeit lang, wie es Claus schien.
Himmel, ist der von allen guten Geistern verlassen? Denn urplötzlich riss Rooperti für einen Sekundenbruchteil mit den in den Taschen vergrabenen Händen seinen Mantel beidseitig auseinander und verzog gleichzeitig das Gesicht zu einer gierigen Fratze.
Das blieb nicht ohne Reaktion: Das Gesicht der Schwammigen verfärbte sich im Sekundenbruchteil ins Puterrote. Doch bevor sie als Folge eines emotional-unkontrollierten Ausbruchs implodierte oder, schlimmer noch, explodierte, zog Santu seinen feixenden Knecht am Ärmel und drängte ihn unnachgiebig in Richtung Ausgang, der zum Flugfeld führte. Der Aufruf zum Entern des Airbus‘ kam goldrichtig.
„Onkel, warum…?" Nein, nicht die schon wieder…
Das Kind mit völliger Missachtung strafend schubste Claus seinen Knecht durch die vorbildlich gereinigte Glastür, die leider auch durch ihre Geschlossenheit glänzte. Bedingt durch das dumpfe Dröhnen, das Roopertis Kopf durch den Aufprall an dem dicken Sicherheitsglas erzeugte, war sich das Duo sofort wieder der Aufmerksamkeit aller Mitreisenden gewiss.
„Rooperti, du Unglücksrabe, guck nur, welche Schweinerei du hier anrichtest. Du tropfst hier ja alles voll. Hör' sofort auf zu bluten. Schau nur, wie sie alle wieder glotzen... Und jetzt komm' auch endlich!"
Nachdem der Angesprochene seine lädierte Nase notdürftig mit zwei zusammengerollten Papiertaschentuchfetzen präpariert, und den Rest vom „Tempo“ auf die aufgeplatzte Stirn gedrückt hatte, kämpften sie sich durch das dichte Schneetreiben zur Gangway des winzigen Flugzeugs.
In ihrem Gefolge: Das schadenfroh grinsende Mutterschiff, der vorwitzige Rotzlöffel und die anderen, sich köstlich amüsierenden Mitreisenden.
Ihr Flug-Marathon, der lästigerweise mit Zwischen-Stopps in Helsinki, Stockholm und Istanbul gespickt war, startete pünktlich. Vorausgesetzt, es passierte nichts Unvorhergesehenes, würden sie rund 13 Stunden unterwegs sein. Kaum in der Luft, ging es schon wieder abwärts, denn ihr erster Zwischenstopp war der nahegelegene Flughafen Helsinki-Vantaa.
„Rooperti, jetzt zieh' mal langsam die albernen Taschentuchröllchen aus der Nase. Du siehst ja aus wie ein unterentwickeltes Walross-Baby", forderte Santu seinen Begleiter auf, bevor sie zum nächsten Gate trabten. Eine schnuckelige Boeing 717 der Scandinavian Airlines wartete dort bereits mit laufenden Triebwerken auf ihre menschliche Fracht.
Das Fluggerät beförderte sie binnen weniger Minuten zum Arlanda-Airport in Stockholm, Schwedens Hauptstadt. Dort genossen sie erstmals ausgiebig ihre Wartezeit: Satte zweieinhalb Stunden. Und wenn ihnen nicht die gemeingefährliche Dicke und die neunmalkluge Frucht ihrer wulstigen Lenden über den Weg liefen, konnten sie es zum ersten Mal etwas lockerer angehen lassen und entspannen.
Rooperti und Santu nutzten den längeren Stopp eilig zum Besuch der Räumlichkeiten, zu denen selbst der Weihnachtsmann zu Fuß hingeht. Nach Erledigung dringend-drängender Stoffwechselvorgänge, entledigten sie sich dort ihrer eskimoähnlichen Winterbekleidung und durchschwitzten Thermowäsche. Aus ihren Koffer-Trolleys zauberten sie unauffälliges, mitteleuropäisches, touristisches Winter-Outfit hervor. Nur auf seine eigenwillige Mütze, darauf wollte Santu nicht verzichten.
Erleichtert und erfrischt machten sie es sich anschließend in der Besucher-Lounge bequem, um sich ein paar Sandwiches sowie einen Glühwein mit Schuss zu genehmigen. So konnte man es sich gefallen lassen.
„Kippis!"
„Kippis!" prosteten sie sich durchatmend zu.
Langsam fiel die Spannung von ihnen ab. Während Claus bereits gedanklich ihre Vorgehensweise an ihrem Ziel in Demre bzw. Myra durchplante, schien Rooperti zu träumen. Wie geistesabwesend starrte er nur auf seine Schuhspitzen.
Endlich ihr nächster Aufruf. Gemächlich schlenderten sie zum Zielpunkt der Order: Terminal 5.
Ihr Fluggerät war diesmal eine Nummer größer, ein Airbus 320, und ihre Fluggesellschaft Turkish-Airlines. Eine türkische Fluggesellschaft UND ein betagter Airbus. Na, das hat mir gerade noch gefehlt. Lieber Gott, nutzte Santu seinen engen Draht nach oben, lass uns auch diesmal nicht in Stich.
Ließ er nicht. Denn nach viereinhalb Stunden ruhigem Flug, die sie komplett verschliefen, landeten sie wohlbehalten und einigermaßen ausgeruht auf dem Flughafen Atatürk-International Havalimani in Istanbul.
Istanbul, das über 1350 Jahre alte Byzantion, auch Byzanz genannt, wurde 330 nach Christus als Hauptstadt des oströmischen Reiches in Konstantinopel umbenannt, nach Konstatin des Großen.
Konstantinopel, die einzigartige Stadt am Golden Horn. Die Stadt der Reliquien der beiden großen Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos und Gregor von Nazianz.
Konstantinopel, das seit der Eroberung durch den Sultan Mehmet II. und seiner Janitscharen-Armee im Jahre 1453 nicht mehr zu Santus und Roopertis Verbreitungsgebiet gehörte.
Doch die vier Stunden Zeit, die sie bis zu ihrer letzten Flugetappe nach Antalya zur Verfügung hatten, reichten nicht einmal für den kleinsten Blick auf die Besonderheiten dieser Stadt. Nicht einmal auf einen der zahlreichen Regenschirmverkäufer, die bei diesem Wetter - es schien gerade Hunde und Katzen zu regnen - wie Pilze aus dem Boden schossen. „Schade", seufzte Claus. „Wie gern hätte ich mich hier ein bisschen umgesehen."
„Hier gibt's bestimmt viele freche Kinder - und dazu noch gottlose…", bedauerte auch Rooperti ihren kurzen Aufenthalt.
Mit einer ebenfalls nicht mehr ganz so neuen Boeing 738 jetteten sie dann endlich dem vorläufig letzten Flugziel ihrer Reise entgegen: Antalya, die okkupierte Perle an der türkischen Riviera, der Rubin in der Krone namens lykische Küste. Der Traum aller betagten Rentner und gut betuchten Langzeiturlauber.
