Steinmondsaga 1 - Lana Fawall - E-Book

Steinmondsaga 1 E-Book

Lana Fawall

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Beschreibung

Dunkelheit senkt sich über Malorien. Die Schergen des Tyrannen Nerones haben die mächtigste Schattenweberin des Reiches ermordet. Das Land scheint verloren. Doch noch Generationen später flüstert der Wald die Geschichte der Rettung: "Eines Tages wird der Auserwählte kommen und den zerrissenen Schutzbann flicken und all das Morden und die Qual werden ein Ende haben." In einer anderen Welt finden Justus, ein Findelkind aus Toronto, und seine Nachbarin Nella einen geheimnisvollen Steinmond. Scheinbar durch Zufall geraten sie auf eine magische Ebene. Doch was am Anfang wie ein Spiel aussieht, wird zum Kampf um Leben und Tod. Das Erbe der Schattenweberin ist der erste Teil der Steinmondsaga – ein Buch für alle von 14 bis 114.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Prolog: Magische Ebene 1 – In Zeiten der Eroberung

Unsere Welt – Jetztzeit

Justus

Nella

Blutlettern

Magische Ebene 2 – Jetztzeit

Nachtschattenwelt

Die Feste der Tränen

Unsere Welt – Jetztzeit

In der Küche

Die Prüfung

Die Herausforderung

64 schwarz und weiß

Eröffnung

Caissa

Aufbruch

Magische Ebene 1 – Jetztzeit

Justus' Reise

Die Herrscherin der weißen Wüste

Magische Ebene 1 – Jetztzeit

Nellas Reise

Der Spion

Justus' Reise 2

Magische Ebene 2 – Jetztzeit

Justus und Caissa

Magische Ebene 1 – Jetztzeit

Nellas Reise 2

Die Wächter

Drachenreiter

Die Wasserzauberin

Unsere Welt – Jetztzeit

Das Geheimnis

Hubertus erzählt

Magische Ebene 1 – Jetztzeit

Feuerfunken

Die Rettung

Im Verlies

Orkans bester Freund

Caissas Weg

Nerones

Die Hirtin

Luftlinien

Der verwunschene Steinbruch

Der Verräter

Lina

Der Prozess

Die Stadt der Trümmer

Die Hirtin 2: Der Beutel der Unendlichkeit

Im Haus des Raben

Der beste Plan

Der Turm

Nellas Aufbruch

Der Turm 2

Schlacht

Justus

Nella

Magische Ebene 2 – Nach dem Kampf

Unsere Welt – Nach dem Kampf

Der Brief

Prolog: Magische Ebene 1 – In Zeiten der Eroberung

 

Dieser Abend roch nach Gefahr. Die Erdhennen scharrten unter dem Boden. Es waren mehrere, das hörte Muna, die Lichtalbin. Sie ging in der Hütte wie gewohnt ihrer Arbeit nach. Erdhennen bedeuteten nichts Gutes, sie waren die Vorboten des Todes und wer sie hörte, sollte schleunigst das Weite suchen. Doch ihre Herrin war noch nicht bereit, zu fliehen. Muna pustete den Staub von den Spinnweben und fegte die Asche vom Lehmboden, die der Feuervogel bei seiner Wiedergeburt hinterlassen hatte. Der Phönix hatte sich neu erschaffen und war nun ausgeflogen, um den Jungen in Sicherheit zu bringen. Wohin, wusste die Albin nicht, vielleicht war es besser so.

Sie blieb unruhig. Zwar war das Kind außer Gefahr, doch ohne den Vogel an ihrer Seite war die Schattenfee Petruna, ihre Herrin, schutzlos. Lumus, der Phönix, bewachte sie und hatte sie schon meilenweit von ihren Feinden davon getragen. Doch die Flammenritter verfolgten sie. An keinem Ort im ganzen Reich war Petruna sicher. Solange der Vogel fort war, war sie für die Feinde eine leichte Beute. Die kurze Zeit bis zu Lumus' Rückkehr würde den Schergen des Roten ausreichen. Schon oft hatten sie Lebewesen in diesem Wald auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen. Viele schmachteten in dunklen, zugigen Kerkern und sahen das Sonnenlicht bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr.

Der Rote und seine Schergen – wie lange dauerte diese Herrschaft noch? Die Albin strich sich das weißblonde Haar aus dem Gesicht und seufzte. Nerones, der Grausame, hatte die Burg des Lichts besetzt und sie zur Feste der Finsternis gemacht. Seine Schergen zogen mordend und plündernd durchs Land. Valena, die Stadt der Farben, hatten sie innerhalb eines einzigen Tages in einen Trümmerhaufen verwandelt. Auch die Lebewesen in den Wäldern lebten in ständiger Furcht vor den Flammenrittern. Doch all das Leid war Nerones nicht genug. Er wollte Malorien, die fröhlichen Wälder und die Hauptstadt Valena dem Erdboden gleichmachen. Er stammte aus dem Vulkanland und brauchte nichts zum Leben als Rauch und Asche. Muna schauderte.

In diesen dunklen Stunden flüsterte der Wald die Geschichte der Rettung. So oft hatte die Albin sie schon gehört. „Eines Tages", tönte es von Bäumen und Blättern, „eines Tages", knackte das Geäst. Eines Tages würde der Tapfere kommen und den eingerissenen Schutzbann flicken. Und das gütige Königspaar würde aus dem Exil zurückkehren auf die Burg und alles wäre gut. „Ein schönes Märchen zwischen all dem Blut", flüsterte die Albin. Mit Bitternis dachte sie an die vielen Hoffnungen, die sich in den vergangenen Lichtwenden nicht erfüllt hatten.

Unter dem Boden scharrte es wieder. „Die Erdhennen, wir müssen fliehen!", mahnte sie ihre Herrin. Doch die hörte nicht. Sie saß da und webte. Seit Tagen ging das schon so. Die Schattenfee Petruna schien auf ihrem Webstuhl festgewachsen zu sein. Es ging um Leben und Tod und Petruna wob mit wunden Fingern Meter um Meter, Quadrat um Quadrat zu einem riesigen Ganzen. Die Meisterin verwob die Schatten der Burg, der Wege, der Wälder, der Gefangenen zu einer neuen Welt, der Nachtschattenwelt. Eine traurige Kopie dieses Landes, doch immerhin eine, in der der König geschützt war. Der Schutzzauber hatte einen Riss bekommen. Doch solange das Königspaar lebte, egal in welcher Welt, wirkte er weiter über den Wäldern. Der Rote konnte es sich in der eroberten Burg zwar gut gehen lassen, erlangte aber nicht die volle Macht. Nur ein paar Handgriffe noch und das Werk wäre vollendet. Die gewobene Kopie dieses Landes würde in wenigen Minuten fertig sein.

Sie suchten sie, das wusste Petruna. Sie hatte dem König zur Flucht verholfen und würde das mit ihrem Leben bezahlen, wenn sie in die Fänge der Schergen geriet. Aber wenigstens war ihr Sohn in Sicherheit. Und ihr Mann.

Der Phönix kam zu spät zurück. Muna, die Albin, schrie, als sie die Erdhennen sah. Eine ganze Schar kroch gackernd und scharrend aus dem Boden. Die Erdhennen waren harmlos, doch sie zeigten sich ausschließlich den Todgeweihten. Petruna verknotete ruhig ihren letzten Schatten und sah den Angreifern entgegen, die in die Hütte eindrangen. Die Schergen des Roten machten sich nicht einmal die Mühe, die Klinke herunterzudrücken, sondern traten die Tür mit ihren schweren, schwarzen Stiefeln einfach ein. Ihre Rüstungen hatten die Farbe frischen Blutes und sie kannten kein Erbarmen.

Der Phönix saß auf dem Ast der großen Eiche und weinte, während die Hütte in Flammen loderte. Er hatte Petruna nicht retten können. Doch in diesem Moment schwor sich der Feuervogel, die Nachkommen der Schattenweberin zu beschützen, und wenn dies sein eigenes Leben kosten würde.

Unsere Welt – Jetztzeit

Justus

Der Himmel war in dieser Nacht zu dichtem tiefblauem Tuch gewoben, bestickt mit funkelnden goldenen Punkten, den Sternen. Der Vollmond tauchte den Brunnen und seine steinernen Figuren in milchweißes Licht. Es war kurz nach Mitternacht und vor ein paar Minuten hatten sich die Straßenlaternen automatisch abgeschaltet.

Justus stand am Fenster seines neuen Zimmers und beobachtete das seltsame Mädchen da unten schon eine ganze Weile. Sie trug kurze, wuschelige Haare und ihre Kleidung wirkte verwahrlost und abgerissen. Sie stand einfach da und starrte in die sternklare Nacht als erwarte sie jemanden. Aber niemand kam.

Ihr Alter ließ sich von hier oben schlecht schätzen. Justus hoffte insgeheim, sie wäre vielleicht so alt wie er selbst, eine Nachbarin, die er bald kennenlernen könnte. Sie wohnten erst seit ein paar Tagen hier und Justus vermisste seine Freunde. Vielleicht konnte die da unten ja auch nicht schlafen, so wie er. Vielleicht hatte sie auch Albträume oder einen Traum, der immer wieder kam und ihr keine Ruhe ließ, so wie es bei ihm seit einiger Zeit war.

Sein Traum war seltsam real, obwohl er die Umgebung, in der er spielte, aus seinen Erinnerungen nicht kannte: Wald, nachtschwarze Schatten und diese Schreie, diese schrecklichen Schreie. So schrien nur Lebewesen, die in Todesangst waren. Und er? Er wurde verfolgt, von wem, wusste er nicht. Aber er raste Nacht für Nacht durch das Unterholz, ließ sich von kleinen spitzen Ästen tiefe, brennende Wunden ins Fleisch schneiden. Sie schmerzten ihn körperlich so, als befände er sich wirklich in dieser Welt, als sei dies alles mehr als nur ein Traum. Er roch den beißenden Geruch verbrannten Fleisches, hörte das Klirren der Schwerter in unmittelbarer Nähe.

Dann war da diese Stimme, gellend und verzweifelt: „Lauf Justus, lauf! Renn um dein Leben! Diese Welt braucht dich! Flieg, flieg!"

Jedes Mal versuchte es Justus, versuchte, die Flügel auszubreiten. Doch er konnte nicht fliegen. Er war ein Mensch und hatte keine Flügel, auch nicht im Traum. Er strauchelte, stürzte, sein Herz hämmerte. Sie waren ganz nah. Und sie wollten seinen Tod, das spürte er. Wer waren sie?

„Du musst es finden, du musst es finden, du musst leben, lauf!"

Da war wieder die Stimme, die ihn antrieb, die ihn anflehte, sich zu retten. Wer sprach? Wer rief ihn? Er wusste es nicht.

Der Traum riss Justus Nacht für Nacht aus dem Tiefschlaf. Sein Herz weckte ihn. Es pochte wie nach einer wirklichen Flucht durchs Unterholz. Sein ganzer Körper nahm Anteil an dem Albtraum. Anfangs war er immer stumm und fröstelnd in seinem Bett liegen geblieben, gefesselt von der Beklemmung, die diese Bilder in ihm auslösten. Jetzt schaffte er es immerhin, aufzustehen. Die Angst wurde kleiner, wenn er etwas tat.

Meistens schlich Justus zum Fenster und suchte den Mond. Am liebsten waren ihm Nächte wie diese, wenn er rund und prall am Himmel zu sehen war. Justus stellte sich vor, er sei ein großer Spiegel, der die Erde, alle Straßen und Häuser und alle Lebewesen in sich aufsog, sie beschützte. Der Mond war groß. Alles andere erschien dagegen klein und unwichtig, auch sein Traum. Das tröstete ihn.

Anfangs dachte er, der Traum würde mit dem Umzug zusammenhängen. Seine Eltern, die beide als Waldforscher in Toronto arbeiteten, hatten sich entschieden ihre Forschungen in einer deutschen Kleinstadt fortzusetzen anstatt in Kanada. Sie hatten Heimweh nach Deutschland und die Stadt war zwar klein, aber das Institut renommiert. Justus' Bitten, in Kanada zu bleiben, hatten sie abgeschlagen.

„Deutschland, das wird dir gefallen, du musst es nur besser kennenlernen", hatten sie behauptet.

Aber Justus wollte nicht fort. Im Gegensatz zu seinen Eltern war für ihn Toronto die Heimat. Dort war er aufgewachsen und seine beiden kleinen Zwillingsschwestern Ada und Ida waren dort geboren.

Eigentlich waren es nur seine Halbschwestern, denn Justus war ein Findelkind, das seine Zieheltern Rosalie und Markus Semmelbrot einst als Biostipendiaten zwischen einer Lieferung seltener Proben im Institut gefunden und heimlich mit nach Hause genommen hatten. Er war damals ein verwaistes Baby und die vorsichtigen Versuche der beiden, mehr über seine Herkunft herauszufinden, liefen alle ins Nichts. Hinweise waren verwischt wie Spuren nach einem Sandsturm. So zogen sie ihn auf wie ein eigenes Kind. Deutschland kannte er nur von Besuchen in den Ferien. Kaum vorstellbar, dass dies sein Zuhause werden sollte. Aber Rosalie und Markus Semmelbrot hatten sich nicht erweichen lassen. Nach langen Jahren im Ausland sehnten sie sich nach ihrer Heimat.

Seit ein paar Tagen wohnten sie nun hier, in dieser Stadt, die klein war und bis in den hintersten Winkel nach fader Langeweile roch. Seine Freunde hatte Justus in Kanada zurückgelassen. Die Einsamkeit bohrte sich von Tag zu Tag tiefer in seine Seele, saß als dicker, schwerer Klumpen in seinem Bauch. Einzig der schlimme Traum war ihm aus Toronto gefolgt und quälte ihn sogar in dieser Nacht, obwohl der Mitternachtsschlag seinen Geburtstag eingeläutet hatte. Trost suchend blickte Justus ins Mondlicht. Das würde ein trauriger Geburtstag werden, ohne Freunde. Er fühlte sich allein in dieser neuen Stadt. Vielleicht könnte er das seltsame Mädchen da unten zu einer Mitternachtsparty einladen.

Wo war sie überhaupt? Justus' Blick blieb am Brunnen hängen, ein, zwei, drei Sekunden länger als nötig. Das Erstaunen riss ihn aus seinem Selbstmitleid. Für einen Moment hatten ihn seine Gedanken blind gemacht. Das Mädchen war verschwunden. Er hatte aus dem Fenster gestarrt, ohne zu sehen. Ohne zu sehen, wohin sie ging.

„Schade", dachte Justus. Die da unten hatte zwar einen seltsam verwahrlosten Eindruck gemacht, aber er hatte sich ihr nahe gefühlt. Vielleicht, weil sie dieselbe Einsamkeit ausstrahlte, die auch ihn seit Tagen begleitete. Wohin sie wohl gegangen war? Was wollte sie so mutterseelenallein nachts am Brunnen? Sie wirkte nicht wie eine Bewohnerin dieser gutbürgerlichen, sauberen Siedlung, in der sogar die steinernen Wasserspeier aussahen, als schrubbten sie sich einmal am Tag gründlich ab.

Erst jetzt fiel Justus das seltsame Leuchten auf. Zuerst hielt er es für eine Spiegelung des Mondlichts. Die Oberfläche des Brunnens funkelte wie eine Scheibe aus feinem Silber. Nein, dieses Strahlen konnte nicht vom Vollmond stammen, dafür war es viel zu intensiv. Plötzlich regte sich etwas in der Mitte des Silberwassers. Blau funkelnde Blasen stiegen auf, erst wenige, dann immer mehr. Sie formatierten sich zu Ringen, die im silbernen Wasser schwammen. Der Junge starrte auf den Brunnen. Er konnte sich nicht erklären, was dort unten los war. In den Nächten zuvor war dieses Licht nicht da gewesen, da war er sich sicher. Er stand schließlich öfter hier, um sich von seinem Albtraum zu erholen. Eine Brunnenbeleuchtung wäre ihm aufgefallen.

Justus blickte hinab auf die silbernen Wassertropfen und die blauen Blasen, die aus der Mitte emporstiegen, sprudelten und sich dann verteilten als folgten sie einer geheimen Ordnung. Seltsamerweise beruhigten ihn die gleichmäßigen Bewegungen. Sie scheuchten die letzten Gedanken an seinen schlimmen Traum beiseite. Auch die Beklemmung, die Justus seit Wochen Nacht für Nacht gefesselt hatte, löste sich. Sie wich einer Entschlossenheit, die er von sich nicht kannte. Das Licht zog ihn zu sich. Justus wollte los, nach unten. Dies alles, das wusste er mit plötzlicher Sicherheit, ging ihn etwas an. Dies war für ihn bestimmt! Das Mädchen war nicht zufällig da gewesen. Sie war wegen ihm gekommen! Doch wer war sie? Er hatte sie nie zuvor gesehen. Und was wollte sie?

Leise zog sich Justus eine Trainingshose und ein T-Shirt über seinen kurzen Schlafanzug und schlich die Treppe hinab. Im Kinderzimmer von Ada und Ida war alles still. Die beiden schliefen und atmeten ruhig. Die Zimmertür seiner Eltern war angelehnt. Das gleichmäßige Schnarchen seiner Ziehmutter kam Justus plötzlich fremd vor, fern wie aus einer anderen Welt. Er schlüpfte auf bloßen Füßen aus der Haustür, ohne entdeckt zu werden.

Die Luft war angenehm kühl. Justus atmete tief ein. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich gut, obwohl ihm diese Siedlung auch mitten in der Nacht nicht gefiel. Selbst im Schein des Mondlichts sah hier alles geordnet aus. Blitzeblank gefegte Straßen verliefen an Vorgärten, die den Eindruck machten, als würden sie täglich von einer Horde Putzfrauen gewienert. Alle Bäumchen am Weg hatten die gleiche Größe und Form. Sie waren zu jeder Jahreszeit mit dem passenden Schmuck dekoriert. Gerade hatten bunte Bänder die Plastikostereier abgelöst. Mit Sicherheit würden Herbstschmuck und Weihnachtsanhänger folgen. Selbst der Kinderspielplatz machte einen wohlgeordneten Eindruck. Verwunderlich, dass am Eingang kein Schild stand, man möge doch bitte Hausschuhe auf dem Gelände tragen.

Die Häuser schienen ebenso im Tiefschlaf zu liegen wie ihre Bewohner. Sie sahen alle genauso aus wie das Haus, in dem er neuerdings wohnte. Alle waren dezent pfirsichfarben gestrichen und hatten grüne Fensterläden. Den einzigen Unterschied machten die Namensschilder an den Türen. Alle Straßen führten in der Mitte auf den Brunnen mit den steinernen Figuren zu. Ihre Schatten wirkten bedrohlich, irgendwie zu groß und falsch. Aber Justus hatte keine Angst.

Jetzt, weit nach Mitternacht, war hier niemand zu sehen. Der Junge blickte sich suchend um. Das seltsame Mädchen war immer noch fort. Er war enttäuscht. Insgeheim hatte er gehofft, es würde zurückkommen. Er hätte sie so gerne gefragt, wer sie war und warum sie sich nachts hier herumtrieb. Er hatte das unbestimmte Gefühl, sie hätte ihm mehr über das komische Licht sagen können. Von Neugier getrieben setzte sich Justus auf den Brunnenrand. Probehalber tauchte er seine Füße in das silberhelle Wasser. Nichts passierte. Lediglich ein paar Tropfen perlten wie glitzernde Funken auf. Er bewegte die Beine und versuchte mit den Zehen einen Ring aus blauen Blasen zu erwischen. Als er ihn berührte, stieb eine Fontäne aus der Brunnenmitte. Justus zuckte vor Schreck zusammen und zog seine Beine hastig auf den steinernen Rand zurück. Die Blasen quollen plötzlich überall hervor. Sie sprudelten wütend, zischten, schlugen kleine Wellen und übermalten das silberne Wasser dunkelblau, bis es aussah wie Tinte.

Justus sah vom Brunnenrand aus zu. Er bewegte sich nicht und wagte kaum zu atmen. Er starrte in den Brunnen. Wie lange? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Was ging hier vor? Irgendwann stiegen keine Blasen mehr auf. Die Farbe verzog sich nach und nach. Als nur noch ein paar Schlieren das Wasser durchzogen, bemerkte der Junge, dass auf dem Grund etwas lag, ein kleines Ding, das leuchtete.

Ein Feigling war Justus nicht! Seine Hosenbeine saugten sich bis über die Knie mit Wasser voll, als er in den Brunnen kletterte. Er fischte und griff mehrmals ins Leere. Das funkelnde Ding war schwer zu fassen. Endlich hielt er es in den Fingern. Er hätte nicht gedacht, dass es so klein war. Es fühlte sich an wie ein Stein und war gleichzeitig auf seltsame Art lebendig.

Der Junge umschloss seinen Fund mit der Faust und kletterte aus dem Brunnen. Auch die Ärmel seines T-Shirts waren inzwischen klamm und nass. Aber so beschäftigt, wie er war, bemerkte er das nicht.

Auf der Straße sah er sich seinen Fang näher an. So etwas hatte er noch nie gesehen. Das Ding hatte die Form eines Halbmondes, der an der Innenseite ausgefranst war, so als existiere eine zweite Hälfte, die jemand gewaltsam abgerissen hatte. Justus fühlte sich seltsam. Er konnte sich nicht erklären, was er da in den Händen hielt. So etwas hatte er noch nie gesehen. Und doch gefiel ihm dieser Steinmond auf eigenartige Art und Weise. Er hatte ihn gefunden. Er gehörte ihm ganz allein. Justus fühlte sich so glücklich wie seit Langem nicht mehr. Der Stein leuchtete immer noch. Aber ein Lämpchen war nicht zu erkennen. Und einen Schalter zum an- und ausknipsen gab es anscheinend auch nicht. Justus sah sich seinen Fund von allen Seiten an, drehte ihn, suchte, ob irgendwo doch ein Batteriefach versteckt war. Und da veränderte sich das Licht. Das dunkle Blau wurde heller und heller, bis es schließlich gleißend weiß strahlte wie eine Neonröhre. Justus brannten die Augen beim Hinsehen. Das Gefühl, er hielte etwas Lebendiges in den Fingern, verstärkte sich. Der Steinmond schien zu atmen, so kam es Justus vor. Und plötzlich erschienen auf der Oberfläche Buchstaben in blutroter Farbe. Sie waren so winzig wie Reiskörner und Justus hatte Mühe sie zu entziffern: „Dieses Kleinod hat verloren", begann er leise. Und dann schrie er vor Schmerz.

Die Eule war im Sturzflug vom Himmel gekommen. Sie rammte ihn mit voller Wucht. Normalerweise hätte Justus den Angriff gut parieren können. Das Tier war verhältnismäßig klein und er hatte eine sportliche Statur. Aber die Eule hatte ihn überrascht. Justus stolperte, fiel zu Boden und biss die Zähne zusammen. Sein Knie fühlte sich an, als sei es beim Aufprall auf den Asphalt in tausend Teile gesprengt worden. Geistesgegenwärtig hielt er sein Fundstück fest in der Faust. Er wollte sich wieder aufrappeln. Da kam die Angreiferin ein zweites Mal. Sauste über ihn hinweg, zauste sein kurzes blondes Haar, schrammte sein Gesicht mit ihren Klauen und streifte seine Faust. Justus ignorierte die Schmerzen und umklammerte fest den Steinmond.

„Du bekommst ihn nicht, das kannst du vergessen!", zischte er. Er hatte keine Zeit sich zu wundern, woher seine Aggression kam. Normalerweise löste er Probleme ruhig. Aber dieser leuchtende Stein machte etwas mit ihm. Er fühlte sich anders, seit er ihn gefunden hatte, irgendwie größer. Und er fühlte, dass er seinen Fund um jeden Preis verteidigen musste. Er wollte ihn unbedingt behalten!

Die Eule wollte den Stein ebenfalls um jeden Preis. Beim nächsten Angriff hackte sie nach seiner geschlossenen Faust. Justus schrie auf, sah nachtschwarzes Blut seinen Daumen herunter rinnen. Die Angreiferin nutzte diesen Moment, packte mit ihrem Schnabel den kleinen, funkelnden Gegenstand und flog davon.

„Na warte!" Justus rappelte sich auf. Er ignorierte seine schmerzende Hand und das aufgeschrammte Knie und stürmte der Eule hinterher.

Natürlich hatte er keine Chance, sie zu erwischen. Im Mondlicht sah er sie nur als schwarzen Umriss in der Luft, der sich immer weiter entfernte. Zum Glück funkelte der Stein in ihrem Schnabel wie ein kleiner Stern und wies ihm den Weg. So rannte Justus die Sommerstraße entlang hinter der Eule her. Seine Schritte klangen dumpf auf dem nächtlichen Asphalt.

Verwunderlich, dass von dem Lärm ihres Kampfes niemand wach geworden war. Aber keiner trat auf die Straße und sah den blutenden Jungen, der wie besessen eine Eule verfolgte. Vielleicht konnte er wenigstens herausfinden, wohin sie ihre Beute brachte. Vielleicht bewohnte sie eine Höhle im Baum oder so etwas.

Dass die Sommerstraße am Ende in einer Sackgasse mündete, bemerkte der Junge erst, als er direkt vor dem Zaun stand. Das Tier war darüber geflogen und war nicht mehr zu sehen. Vermutlich hatte es sich in einem Baum versteckt. Vielleicht in der alten Kastanie, die die anderen Bäume überragte und so groß war, dass ihre Äste den Mond zu berühren schienen. In der Breite spannten sie sich ausladend über den großen Garten.

Hätte Justus tagsüber über den Zaun geblickt, dann wäre er überrascht gewesen, von der üppigen grünen Wiese und den bunten Blumen. Sie wuchsen so zahlreich und wild als habe ein Riese seine Hand geöffnet und wahllos unzählige Blumensamen auf die Erde regnen lassen. Auch das windschiefe purpurne Haus mit den schokoladenfarbenen Ziegeln hätte ihm gefallen. Es sah ganz anders aus als die ordentlichen Reihenhäuser in dieser Siedlung. Doch momentan interessierte sich Justus überhaupt nicht dafür. Alles, was er wollte, war sein Steinmond. Und dafür musste er wissen, wohin sich die blöde Eule verkrochen hatte.

Er hielt sich die schmerzende rechte Hand und lief am Zaun entlang. Irgendwo musste doch der Eingang sein! Da vorne war das Gartentor, jetzt würde er sich leise auf das Grundstück schleichen und... „Ahhhh!" Zum zweiten Mal in dieser Nacht schrie Justus vor Schmerz. Der Schlag kam mit voller Wucht. Etwas Schweres rammte seinen Kopf. Ohnmächtig sank Justus zu Boden.

 

Nella

„Hubertus! Hubertus! He, du da, wach auf! Wach auf, Mann, was ist mit dir?" Nella schrie um Hilfe und versuchte gleichzeitig diesen Typen wieder zu Bewusstsein zu bringen. Wer war das überhaupt? Und was machte er mitten in der Nacht vor der Gartentür? „He!" verzweifelt rüttelte sie ihn an der Schulter, schlug mit der flachen Hand auf seine Wange „Hey, wach auf!" Aber der Typ rührte sich nicht.

Was war das nur für eine Nacht! Erst war Caissa verschwunden, die wilde Eule mit dem verletzten Flügel, die sie seit Tagen pflegte. Und beim Versuch sie wiederzufinden, hatte sie das schmiedeeiserne Gartentor zu stürmisch aufgestoßen. Anscheinend hatte sie den Jungen mit voller Wucht am Kopf getroffen. Hoffentlich lebte er noch. Gruselig, wie er da so auf dem Gehweg lag und sich nicht rührte. Hoffentlich war er nicht ... „Hubertus!" rief sie mit weinerlicher Stimme. Dann hörte sie zum Glück seine schlurfenden Schritte.

„Lass mal sehen!" Die tiefe Stimme ihres Großvaters beruhigte sie etwas. Hubertus blickte auf den bewusstlosen Jungen und legte ihm sacht die Hand auf den Bauch. Dann untersuchte er die Verletzung an Justus` rechter Hand.

„Krankenwagen?", fragte Nella.

Hubertus schüttelte den Kopf. „Den kriegen wir schon wieder hin. Lass uns erstmal reingehen."

Justus in das Haus zu tragen, kostete ihn kaum Kraft. Hubertus war groß und kräftig, eine gewaltige, Respekt einflößende Erscheinung mit seinem kantigen, zerfurchten Gesicht und dem struppigen, grauen Bart. Doch das Knie seines rechten Beines war steif und er zog es beim Laufen immer leicht hinter sich her. „Meine Kriegsverletzung", sagte Hubertus immer lachend, wenn er auf das Bein angesprochen wurde. Aber Nella, die ihn gut kannte, sah, dass das Lachen ihres Großvaters nur gespielt war. In seinen Augen lag in diesen Momenten ein Schatten, als würde sich ein großer, schwarzer, trauriger Vogel über ihn beugen. Was wirklich mit seinem Bein passiert war, sagte Hubertus niemals. Der Krieg konnte es nicht gewesen sein. Nella kannte Kriege nur aus Geschichtsbüchern und sie waren schon viel zu lange her. Hubertus konnte keinen erlebt haben.

Hubertus legte den bewusstlosen Jungen auf das Wohnzimmersofa. Nella blickte in den großen Spiegel, der gegenüber an der Wand hing. Müde umrahmten ihre kupferroten Locken ihr blasses und übernächtigtes Gesicht. Auf die Locken waren sie stolz. Ansonsten fand sie sich nicht besonders hübsch mit den runden Wangen und ihrer hellen Haut, die blass schimmerte, wie feines Porzellan und die sich auch in der Sonne nie bräunen ließ. Völlig übernächtigt, wie sie um diese Uhrzeit war, sah sie noch schlimmer aus. „Blasser Pummel", beschimpfte sie sich in Gedanken.

Im Spiegel beobachtete sie, wie ihr Großvater den bewusstlosen Jungen sorgsam auf das purpurfarbene Wohnzimmersofa bettete. Sie sah ihre Oma, Helen, im Bademantel, die mit kleinen schlaftrunkenen Augen Verbandszeug, eine Schüssel mit Wasser und schließlich noch eine Tasse dampfenden Tee hereinbrachte. Sie musste von den Geräuschen im Haus wach geworden sein. Dass sie den fremden Jungen versorgte, war typisch Oma; immer hilfsbereit und fleißig.

Früher war sie Model gewesen, das behauptete sie. Und sie liebte es, Nella von ihren Reisen nach Paris, Mailand und New York zu erzählen. Vom Model-Dasein war ihr Diätwahn übrig geblieben. Helen war fast siebzig. Da sie für ihr Leben gern Pralinen aß, war sie längst nicht mehr schlank und testete deswegen eine Diät nach der anderen. Nella und ihr Opa hatten sich den Mund fusselig geredet bei jeder neuen Idee von Helen: Fleischdiät, Essen ohne Kohlenhydrate, Salat-Diät, Fett-Diät, Fastenkur, Heilerde. Oma wurde von ihren Experimenten meistens schlecht, und wenn ihr nicht schlecht wurde, dann bekam sie üble Laune. Manchmal nahm sie auch tatsächlich ab. Einmal hatte sie sogar fünfzehn Kilo geschafft. Weil sie zur Belohnung aber sofort wieder Pralinen aß, hatte sie kurze Zeit später gleich wieder zwanzig Kilo zugenommen.

Nellas Blick fiel auf den großen, gepolsterten Briefumschlag, der auf der Konsole neben dem Spiegel lag. Wut schäumte in ihr auf. Klar, dass dieser Tag in einer Katastrophe endete. Er hatte auch schrecklich angefangen. Vollmond war außerdem und das verhieß nichts Gutes. Nella hasste Vollmondnächte. Vollmond fanden alle romantisch. Aber romantisch war in ihrem Pummel-Leben nichts. Wutschnaubend fischte sie den Brief aus dem Umschlag.

Seit Wochen hatte sie sich auf ihre Mutter gefreut. Mit ihr zusammen wollte sie ihren Geburtstag feiern. Die Archäologin Felicitas Marzipan war oft in fernen Ländern unterwegs, um Ausgrabungen zu leiten. Das kannte Nella nicht anders. Sie war es mittlerweile gewohnt, die meiste Zeit zusammen mit ihren Großeltern Hubertus und Helen und ihrem Vater Marian zu sein. Als kleines Mädchen hatte sie sich nach ihrer Mutter gesehnt, wenn diese wieder einmal freudestrahlend aus dem Haus gestürzt war, um das nächste Flugzeug zu einer neuen Ausgrabungsstätte zu erwischen. Nella war oft im Hausflur sitzen geblieben, um den Duft ihrer Mutter so lange wie möglich riechen zu können.

Seit sie denken konnte, trug ihre Mutter dasselbe Parfüm „Bon Voyage Nr.7“, ein Duft, der sich über lange Zeit im Raum hielt, auch wenn Felicitas Marzipan längst weg war. Wenn Nella so traurig im Flur saß, kam irgendwann einer der Erwachsenen, um sie zu trösten. Meistens Helen mit einer Tasse Kakao. Doch diese Zeiten waren vorbei. Mittlerweile hatte sich Nella in einem Leben mit wenig Mutter eingerichtet. Heute Morgen, nachdem dieser fiese Brief ins Haus geflattert war, hatte sie Helens Trost seit Langem wieder gebraucht. Der Brief besagte eindeutig: Felicitas Marzipan würde zu ihrem Geburtstag nicht kommen: Und sie schien auch nicht die leiseste Ahnung zu haben, dass dies für ihre Tochter wichtig sein könnte. Wie immer dachte Felicitas Marzipan als erstes an sich. Nella blickte mit finsterer Miene auf den Brief:

 

Liebste Nella,

wir sind hier von der Zivilisation abgeschnitten. Den Brief schicke ich einem Kollegen mit, der in die Stadt reist. Ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem Geburtstag! Eigentlich wollte ich ja schon wieder zu Hause sein. Aber unsere Ausgrabungen machen große Fortschritte, sodass wir unmöglich an dieser Stelle abbrechen können.

Ich weiß, du verstehst, dass ich etwas länger bleiben muss. Deinen Geburtstag holen wir beide nach, versprochen! Anbei schicke ich dir einen Spielstein. Er sieht süß aus. Wie ein kleiner Halbmond, den eine Maus angefressen hat ;-). Irgendwie ist er mir versehentlich in mein Gepäck gerutscht. Ich kenne ja deine Leidenschaft für Spiele und hoffe, du hast ihn nicht vermisst. Nun muss ich aber weiter machen. Die Arbeit ruft. Mach es gut und grüße alle. Bis ganz bald! 1000 Küsse.

Deine Mama.

 

Nella zerknüllte den Brief. Sie hätte heulen können, so elend fühlte sie sich. Bei all den mysteriösen Dingen, die in letzter Zeit passiert waren, sehnte sie sich ihre kühl denkende Mutter herbei. Vielleicht wüsste sie eine sachliche Erklärung auf alles.

Irgendetwas passierte in Nellas Leben. Etwas veränderte sich. Tagsüber war sie wie immer der blasse Pummel, der im Sportunterricht keinen Fuß vor den anderen setzen konnte und sich darüber mit Kakao und viel Sahne tröstete. Aber nachts, da war plötzlich dieser Traum, der immer wiederkehrte und ihr keine Ruhe ließ. Der Wald, die Schreie, Menschen in Todesangst.

Im Traum hechtete Nella Nacht für Nacht durch das Dickicht, flüchtete vor den Schreien, dem Gemetzel. Sie roch den Geruch verbrannten Fleisches, hörte das Klirren der Schwerter ganz nahe. Plötzlich lichtete sich das Unterholz und sie stand auf einer Anhöhe. Der Vollmond schien. Und dann kamen immer die Schatten. Anfangs fürchtete sie sich. Doch da der Traum immer wieder kehrte, wusste Nella inzwischen, dass die Schatten ihr nichts taten. Im Gegenteil, sie halfen ihr, gehorchten ihr. Nella hatte Macht über die Schatten, die sie umschlossen wie ein schützender Ring. Sie retteten sie vor den Angreifern, die das Unterholz plötzlich auf die Anhöhe spie. Dunkle Gestalten mit flammenden Schwertern. Sie suchten ihre Augen, wollten sie töten. Die Schatten hoben Nella in die Höhe, trugen sie, ließen sie fliegen. Ja sie konnte fliegen in ihrem Traum, entwischte dank der Schatten, ließ die Todesbringer mit ihren Feuerschwertern auf der Anhöhe zurück und schwebte davon, Nacht für Nacht.

Nella drehte sich um. Der Fremde auf dem Sofa hatte einen leisen wimmernden Laut von sich gegeben. Doch er schlug die Augen nicht auf. Helen, ihre Großmutter, tupfte ihm mit einem feuchten Tuch die Schweißperlen von der Stirn. Sie blickte Nella an und legte einen Finger auf ihre Lippen. Ruhe, das braucht der Junge, bedeutete sie.

Der Vollmond schien zum Fenster herein. Es war dasselbe Licht wie im Traum, wenn sie auf der Anhöhe stand und in die Visiere der dunklen Ritter blickte. Der Mond war Freund und Feind gleichermaßen. Er machte sie sichtbar für ihre Gegner und holte gleichzeitig ihre Retter herbei, die Schatten. Ohne das Mondlicht würden die Schatten des Nachts unsichtbar bleiben.

Wenigstens war sie seit einiger Zeit nicht mehr allein, wenn sie aufwachte. Caissa, die Eule, war bei ihr. Sie verließ auch in der Nacht das Zimmer nicht, obwohl Nella das Fenster beim Schlafen immer offen ließ. Wahrscheinlich fühlte sich Caissa mit dem verletzten Flügel noch nicht sicher genug für Ausflüge. Doch in dieser Nacht war sie plötzlich verschwunden. Nella machte sich Sorgen um sie. Wo sie wohl steckte?

„Schschsch!" Der Junge auf dem Sofa stöhnte im Schlaf laut auf. Helen strich ihm behutsam mit der Hand über den Arm und beruhigte ihn wie ein kleines Kind. Nella betrachtete den schlanken Jungen mit dem blonden zerzausten Haar und dem ebenmäßigen Gesicht, in dem sich die blutige Schramme wie ein Feuermal abzeichnete. Athletisch sah er aus in dem gelben T-Shirt und der braunen Jeans. Einer von denen, die unter normalen Umständen nie mit ihr sprechen würden. Kein Wunder, sie war ja auch hässlich - und komisch. Alles was ihr passierte, war total bescheuert, besonders das, was sie in den vergangenen Wochen erlebt hatte.

Vielleicht war es gut, dass Felicitas Marzipan nicht kam. Sie hatte ihrer Tochter schon vor Wochen geraten, einen Psychiater aufzusuchen. Und Hubertus hatte Felicitas Marzipan nur mit Mühe davon abhalten können, umgehend selbst bei einem Facharzt anzurufen. Wenn sie ihrer Mutter nun auch noch von den Träumen erzählte, würde sie sie wahrscheinlich gleich in eine Klinik einweisen lassen. Die Sache mit den Spielen hatte wirklich für genug Aufregung gesorgt. Nella seufzte. Es klang wirklich zu komisch.

Die Marzipans liebten Brettspiele. Jeder in der Familie sammelte sie. Sogar Felicitas Marzipan brachte von jeder Reise mindestens ein neues mit. Hubertus hatte die Regale in den Hausfluren bis zur Decke verlängert, um alle unterbringen zu können.

Zum Zeitvertreib hatte Nella vor einigen Monaten eine der bunten Kisten aus dem Regal gezogen und die Figuren aufgestellt. „Zwergenreise" hieß das Spiel. Weil niemand Zeit hatte, beschloss sie, eine Partie gegen sich selbst zu spielen. Und dann musste sie irgendwie die Kontrolle verloren haben. Anstatt in ihrem Zimmer stand sie plötzlich auf dieser Wiese, auf der die Grashalme ihren Kopf überragten. Und dann kam der Riesenkäfer. Nella schüttelte sich beim Gedanken daran. Das behäbige Tier hatte sie übersehen und hätte sie mit seinem großen schwarzen Körper fast zerquetscht.

War es Traum oder Wirklichkeit? Nella war sich zuerst nicht sicher und testete verschiedene Spiele. Beim „Mensch ärgere dich nicht!" geriet sie in eine Prügelei. Das blaue Auge schimmerte noch tagelang in ihrem Gesicht. Der Staub, den ihr die Feen bei ihrer Wanderung durch das „Bergland Catanoia" auf die Arme pusteten, ließ sich mit Seife nicht abwaschen und glitzerte mehrere Wochen auf ihrer Haut.

Da hatte Nella Gewissheit: Ihre Reisen auf die magischen Ebenen, so nannte sie die Spielewelten, waren real. Doch wieso sie die Welten wechseln konnte, wusste sie nicht. Sie hatte ihre Mutter eingeweiht, Professorin Felicitas Marzipan, in der Hoffnung, sie hätte eine Erklärung für alles. Aber für ihre Mutter war sie einfach die Verrückte.

„Zuviel Fantasie, Nella. Du bist zu oft alleine. Niemand verschwindet in einem Spiel", hatte Felicitas Marzipan gesagt. Dann hatte sie Nella seufzend und geistesabwesend über den Kopf gestrichen. Was sollte sie bloß machen mit dem Kind? Therapie, das war das Einzige, was Felicitas Marzipan zu Nellas Problem einfiel.

Hubertus hatte sie ebenfalls lange und besorgt angesehen. Wenn auch auf eine andere Art. Hätte Nella es nicht besser gewusst, hätte sie schwören können, Angst in seinem Gesicht zu lesen. „Wenn du schon zwischen den Welten wanderst, dann meide bitte diese", hatte er zu ihr gesagt und einen kleinen Holzkasten in der hintersten Ecke des großen Regals verstaut.

In jenem unscheinbaren braunen Kasten befand sich Hubertus' Heiligtum. Er hütete und hegte es, als handle es sich bei den Spielfiguren um echte Lebewesen, die seinen Schutz und seine Pflege brauchten. Das Spiel und Hubertus gehörten zusammen. Instinktiv akzeptierten alle im Haus diese unausgesprochene Regel. Hubertus hätte das Kistchen also nicht extra verstecken müssen. Doch für Nella war sein Handeln ein Zeichen dafür, wie ernst ihr Großvater ihre Geschichte nahm. Mehr noch, sie spürte den Schrecken, der ihn gepackt hatte.

Er glaubte ihr und schien äußerst besorgt, wenn auch auf völlig andere Art und Weise als ihre Mutter. Nella lächelte. Spielewelten, magische Zeitebenen. Mittlerweile kannte sie Hunderte davon. Auch dieser Spielstein aus Mutters Päckchen kam ihr bekannt vor. Ein Halbmond, der in der Mitte ausgefranst war. Er weckte keine guten Erinnerungen in ihr. Beklommen drehte sie ihn in den Händen.

In diesem Moment schlug der Verletzte auf dem Sofa die Augen auf. Er hustete und holte Nella aus ihren Gedanken zurück in die Wirklichkeit.

„He", sie eilte zu ihm, setzte sich neben Helen, die das Handgelenk des fremden Jungen umfasst hatte und seinen Puls fühlte.

Benommen blickte Justus die beiden an. „Das Mädchen, die Eule", flüsterte er.

„Caissa", dachte Nella, „die Eule. Hat er Caissa gesehen?"

„Trink!" Hubertus war herangetreten und hielt dem Jungen die Tasse mit süßem, warmem Tee an die Lippen. Der Fremde trank einen Schluck und schloss dann wieder die Augen. Hubertus betupfte den blutigen Striemen auf seiner Wange.

„Wer bist du?", fragte Nella schüchtern.

„Justus, Toronto", flüsterte der Fremde leise. Dann schloss er die Augen wieder und atmete ruhig.

Das Holz auf dem Beistelltisch klackte kurz, als Hubertus einen kleinen Stein darauf legte. „Er lag auf dem Weg zum Gartentor. Ich schätze, er gehört dem Jungen", murmelte er.

Wortlos blickte Nella auf den Stein. Die Form kannte sie. Ein Halbmond, der an der Innenseite ausgefranst war. Das Gegenstück zum Fund, der im Päckchen ihrer Mutter gesteckt hatte. Ein Spielstein, der eigentlich in eine andere Welt gehörte, zu einer anderen magischen Ebene. Nella wusste das besser als ihr lieb war. Aber wie kam der Typ an den Stein? Darüber zermarterte sie sich den Kopf.

„Lasst ihn schlafen. Er erholt sich schon wieder. Ihr solltet euch auch noch ein wenig aufs Ohr hauen. Es dämmert bald." Helen schickte Hubertus und Nella nach oben. Sie breitete eine Decke über Justus und setzte sich neben ihn. Höchstpersönlich würde sie den Genesungsschlaf dieses Jungen bewachen.

 

Blutlettern

„Boaaaa, Uäng, Pffffff" - komische Töne brachten Justus' Bewusstsein zurück. Schief und scheußlich bohrten sie sich in seinen Kopf. Ein Prusten, ein Schnaufen, ein Kreischen. Sie taten ihm weh, streiften die pulsierende Wunde an seiner Wange, weckten den tickenden Schmerz in seiner Hand.

„Er wacht auf", sagte eine Stimme, die er kannte. Im Vergleich zu dem schrecklichen Husten und Prusten kam sie Justus äußerst freundlich vor. Aber auch etwas dünn. Als würde ein Vogel gegen einen Tornado ansingen. „Uääng, booong, pfiiiiiiiii.“

Justus blinzelte und blickte in das Gesicht eines Mädchens: grüne Augen, dunkelrote Locken, etwas pummelig und blass. Sie sah ihn besorgt an.

„Alles klar?", fragte sie.

„Nella, lass mich mal!" Das Mädchengesicht verschwand aus seinem Blickfeld. „Ich bin Hubertus, Nellas Opa", stellte sich der Mann mit dem Bart vor. Sein knorriges Gesicht erinnerte Justus an einen alten Baum.

„Steinmondträger, du warst vorhin schon einmal wach. Kannst du dich erinnern?", fragte Hubertus.

Justus wollte beherzt mit dem Kopf schütteln. Doch der heftige Schmerz, der ihn durchzuckte, sorgte dafür, dass er es nur ganz leicht tat. Steinmondträger hatte der Mann ihn genannt und ihn dabei angesehen, als wolle er ihn prüfen.

„Wie geht's dir jetzt?" Hubertus zauberte ein Lächeln in sein knorriges Gesicht. „Meine Enkelin hat dich tatsächlich mit unserem Gartentor niedergestreckt. Ich habe ihr schon hundert Mal gesagt, sie soll nicht so aus der Tür stürmen." Es klang wie eine Entschuldigung.

Uääääng, buoong, töööööööt – da war es wieder, dieses scheußliche Geräusch. Justus verzog schmerzhaft das Gesicht.

„Mein Vater und seine Schüler", sagte Nella.

Den Beruf ihres Vaters zu erklären, war eine weitere Peinlichkeit in ihrem Leben. Marian Marzipan spielte Trompete und hatte einst großen Erfolg als Straßenmusiker gehabt. Irgendwann hatte er das Herumreisen satt und folgte stattdessen seiner Passion: Er wollte musikalisch unbegabten Menschen die Musik näher bringen. Dazu hatte er das Label „Schiefe Töne" gegründet. An drei Tagen in der Woche gab er zu Hause in der Sommerstraße Musikunterricht für Menschen ohne Ton- und Taktgefühl.