Steinreise - Andreas Mundt - E-Book

Steinreise E-Book

Andreas Mundt

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Beschreibung

„Steinreise“ ist eine Neuauflage von „Der Stein“. Der historische Episodenroman wurde gründlich überarbeitet und korrigiert. Ein kleiner, schwarzer Stein reist durch die Zeit. Es lohnt sich, ihn zu begleiten. Er wandert durch die Hände von Steinzeitmenschen, weisen Frauen, Soldaten und Hochstaplern. Er begegnet dem Seeräuber Klaus Störtebeker und dem Wunderkind Mozart. Er ist bei einem illegalen Waffenstillstand 1914 dabei, geht beinahe mit dem Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" unter und landet in einem Wohnheim für geistig behinderte Menschen. Er wird verehrt, vergöttert und verdammt. Er geht verloren, wird wiedergefunden, versteckt, gestohlen, verschenkt und vergessen. Der kleine, schwarze Stein erlebt eine ganze Menge, wir dürfen ihn ein Stück auf seiner Reise durch die Weltgeschichte begleiten.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Georg

Inhalt

Gewalt und Zeit

Die Gunst der Götter

Odins Stein

Störtebeker

Mieze

Reliquie

In Österreich

Amadeo

Freundschaft

Der kleine Frieden an der Front

„Wilhelm Gustloff“

Love and Peace

Perinatale Hirnschädigung

Ende und Neubeginn

Gewalt und Zeit

Bevor die ersten Menschen diesen Planeten besiedelten, stöhnte der alte Berg unter dem gigantischen Zorn der Götter gequält auf.

Seit Tagen lag ein bedrohliches Grummeln in der Luft. Die meisten Tiere hatten schon längst das Weite gesucht. Riesige Aschewolken türmten sich auf und verdunkelten den Himmel. Mächtige Explosionen ließen die Erde erbeben und Lavafontänen schossen in die Höhe. Der felsige Hang platzte, einem gewaltigen Druck aus dem Erdinneren nachgebend, auf. Es entstand ein kilometerlanger Riss, aus dem ein dicker, zähflüssiger Brei von 970 Grad Hitze quoll. Der Vegetation fehlte die Zeit, in Ruhe zu verbrennen, sie verpuffte regelrecht in der Hitze. Die todbringende Masse walzte rot-gelb glühend den Hang hinunter, um sich zischend im Ozean zu ergießen, der gleich zu kochen begann.

Der alte Berg stöhnte und bebte in regelmäßigen Abständen wie eine Gebärende.

Bei einer finalen Explosion wurden riesige Gesteinsbrocken mit einem Gewicht von vielen Tonnen in die Luft geschleudert, als wären sie lächerliche Kieselsteinchen. Zwei dieser Giganten donnerten voller Gewalt gegeneinander. Beim Aufeinanderprallen splitterte ein Stückchen ab und fiel ins Wasser. Mit einem „Plumps“ versank es. Dieses Plumpsen ging im allgemeinen Getöse unter.

Während das Steinchen zum Meeresboden taumelte, kreisten und kreischten möwenähnliche Seevögel über dem Schauspiel und freuten sich über die Opfer der Katastrophe. Jedenfalls über die, die sich noch zerrupfen und verschlingen ließen. Die Leichenfledderer waren zwischen Gier und Furcht hin- und hergerissen. Sie wichen herumfliegenden Gesteinsbrocken geschickt aus, um nicht erschlagen und auf diese Weise zum Fraß ihrer Artgenossen zu werden.

Der kleine Stein hingegen sank in aller Ruhe hinab auf den Meeresgrund, wo er eine lange, eine sehr lange Reise begann.

***

Unablässig strömte warmes Wasser aus dem Süden in den Golf von Mexiko. Dort wirbelte es ein wenig herum und floss über den einzigen Wasserweg nach Norden wieder ab. Die Strömung nahm den Stein dabei mit. Vorbei an Nordamerika wurde er in einer Tiefe von 300 Metern unermüdlich weitergetragen, weitergetrieben.

Das Steinchen verlor im sandigen Getriebe des Meeres die Ecken und Kanten. Es wurde sanft und beständig geschliffen. Durch die andauernden Schleif- und Polierarbeiten von Sand, Wasser und Zeit wurde die feine Zeichnung, die die Schwärze seiner Oberfläche unterbrach, deutlicher sichtbar.

Der große atlantische Strom bog hoch im Norden in östliche Richtung ab.

Zwischen Nordamerika und Schottland wurde der Stein in eine Felsspalte gespült; dort lag er über Jahre hinweg in stiller Bewegungslosigkeit.

Eines Tages suchte ein Krebs Schutz in dieser Spalte. Er warf das Hindernis hinaus und der Stein setzte die lange Reise fort.

Die Gunst der Götter

Der Knabe tastete mit den Fingern im kalten Wasser herum. Immer wenn das Meer zurückfloss, schnappte er, was zu schnappen war. In seinem Beutel hat Vraan schon eine Menge Krebstiere und Muscheln gesammelt. Doch nun war ihm die Lust vergangen, nach Essbarem zu suchen. Lieber griff er einen glatten Stein nach dem anderen und ließ ihn springen. Er musste nicht nur so werfen, dass der Hüpfer im flachen Winkel auf die Oberfläche traf, er musste auch die Welle an der höchsten Stelle erwischen. Und das, bevor sie brach. Oder exakt im Tal zwischen zwei Wogen. Dabei brauchte er so viel Schwung, dass der Stein über die nächste Welle hinweghüpfen konnte. Und das war schwierig. Meistens gelang dem Jungen eine der beiden Möglichkeiten.

Das Sammeln am Strand brachte bloß eine Ergänzung für die tägliche Kost, aber Vraan wurde zu Hause freudig begrüßt, wenn sein Beutel nach den Streifzügen gut gefüllt war.

Nachdenklich lauschte er dem Aufeinanderklackern der Steine, wenn das salzige Wasser sich zurückzog. Das Meer rauschte ununterbrochen, das tat es schon immer und Vraan konnte sich nicht vorstellen, dass es jemals damit aufhören würde. Ebenso wenig konnte er sich vorstellen, dass es noch andere Meere gab und dass an einem von ihnen, im späteren Ägypten und Mesopotamien, fremde Völker lebten, sonderbare Menschen, die riesige Bauwerke, fantastische Städte erschufen. Dunkelhäutige Menschen, die dabei waren, Schriften zu entwickeln. Sie huldigten mächtigen Göttern in prächtigen Tempeln, während Vraan, mit dem Clan in kümmerlichen Holzhütten hauste und nichts von den technischen und kulturellen Errungenschaften der Welt ahnte.

Nachdenklich sah er Seevögeln nach. Er folgte ihnen mit dem Blick, bis sie nicht mehr zu erkennen waren. Er wollte noch einen Stein springen lassen, beugte leicht die Knie, um den richtigen Wurfwinkel zu finden, da wurde er von menschlichem Geschrei abgelenkt.

Vraan drehte sich um und sah große Rauchwolken von dort aufsteigen, wo seine Leute lebten. Erschreckt ließ er den Hüpfer in seinen Beutel gleiten und rannte zur Siedlung zurück. Mohlla kam ihm entgegen. Sie blutete aus einer Wunde am Kopf und rief: „Wir werden überfallen. Komm, wir müssen fort von hier!“

Gemeinsam eilten sie davon.

***

Vraan kannte Mohlla schon so lange wie das Meer. Sie war es gewesen, die ihm einst ihm seinen Namen gegeben hatte. Natürlich erst, als er laufen und ein paar Worte sprechen konnte. Solange nicht klar war, ob Kinder lange genug leben würden, bekamen sie keinen Namen. Das hätte sich nicht gelohnt.

Mohlla war alt und weise. Sie war immer gut zu ihm gewesen. Und nun blutete sie aus dem Kopf. Jede Verletzung war eine Gefahr. Sie konnte eitrig werden und sich entzünden, eine Wunde konnte so tödlich sein, wie Durchfall oder ein kranker Zahn. Im Gegensatz zu den unbekannten Völkern in weiter Ferne kannte Vraans Sippschaft kaum medizinische Behandlungsmethoden.

Er war allein mit Mohlla, die vielleicht bald sterben würde.

Nachdem sie tagsüber gewandert waren, lagerten sie abends an einem Waldrand.

Mohlla starb noch nicht. Sie erzählte ihm vom Überfall und davon, dass sie keine Chance gehabt hatten, sich gegen die Übermacht zu wehren. Einige Mitglieder des Clans waren entführt, andere waren erschlagen worden. So etwas kam gelegentlich vor, so wie es auch vorkam, dass sich verschiedene Sippen friedlich trafen.

Schweigend sortierte Mohlla die Krebse und Muscheln aus Vraans Beutel. Was nicht zu gebrauchen war, ließ sie in eine flache Kuhle zu ihren Füßen fallen. Nach der Mahlzeit würde sie die Abfälle mit Erde bedecken, damit keine Tiere vom Geruch angelockt würden.

Mohlla hielt den Stein, den sie im Beutel gefunden hatte, in das Licht der Flammen. Sie kniff das linke Auge fast zu, so konnte sie ihn genauer betrachten. Überrascht schnalzte sie mit der Zunge.

„Wo hast du den her?“

Vraan hat gar nicht mehr an den kleinen Stein gedacht. Er hatte ihn ja kaum bemerkt, als er ihn einsteckte. Als sie ihn so direkt fragte, erinnerte er sich wieder.

„Den habe ich mit den Muscheln eingesammelt.“

„Einfach so?“

„Einfach so.“

Mohlla sah sich den Stein lange an. Sie neigte ihn im Schein des Feuers hin und her und betrachtete ihn aus allen Blickwinkeln. Vraan wartete gespannt.

Die Alte musste etwas Besonderes entdeckt haben.

„Komm her“, sagte Mohlla. „Seh ihn dir an.“

Vraan nahm den Stein und sah ihn genau an. Er war flach und glatt. Beinahe kreisrund schmiegte er sich angenehm in die Hand. Eine feine weiße Zeichnung hob sich von der ansonsten tiefen Schwärze ab. Und plötzlich sah er, was sie so beeindruckt haben musste. In den wenigen weißen Linien und Punkten war deutlich ein menschliches Gesicht zu erkennen.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er verwundert.

„Du hast ihn gefunden, als die Siedlung überfallen wurde?“

Vraan nickte. Mohlla nahm ihm den Stein wieder ab.

„Du hast ihn nicht gefunden. Er ist zu dir gekommen. Er wurde dir gegeben. Ein Zeichen der Götter. Eine Gottesgabe.“

Vraan wurde schwindelig vor Aufregung.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er erneut.

„Die Götter bieten dir Beistand an. Sie haben dir in deiner Not ein Zeichen ihrer Gunst geschickt.“

Mohlla steckte den Stein in ein Säckchen, das sie an einer Kaninchensehne um den Hals trug. In diesem kleinen Beutel verwahrte sie noch weitere magische und geheimnisvolle Dinge.

„Die Gunst der Götter werden wir gut gebrauchen können.“

***

Am nächsten Morgen brachen Vraan und Mohlla sehr früh auf. Die Ältere wollte ins Landesinnere ziehen, in der Hoffnung, dort Anschluss an einen neuen Clan zu finden. Noch war es Sommer und sie könnten sich durchschlagen. Schon bald würden die Nächte länger, dunkler und kälter werden. Erst seit wenigen Generationen war es üblich, sich an festen Orten niederzulassen. Mohlla wollte eine Siedlung suchen, die der ähnlich war, aus der sie geflohen waren. Ganz auf sich allein gestellt, überständen die beiden kaum einen Winter.

Die Flüchtlinge entfernten sich aus der vertrauten Umgebung und kamen in Gegenden, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Mohlla hielt gründlich Ausschau nach Anzeichen einer menschlichen Besiedlung.

Jeden Abend, wenn sie ihr Lager aufschlugen, zog sie die Gunst der Götter aus dem Beutel. Dieses Wunder zu betrachten und sich bewusst zu machen, dass sie mächtigen magischen Beistand genossen, gab ihnen Kraft, Mut und Hoffnung.

Und eines Tages stießen sie auf eine Siedlung.

Vorsichtig schlichen sie sich an und beobachteten zunächst die Menschen aus einem Gebüsch in sicherer Entfernung. Es wäre zu gefährlich gewesen, einfach auf sie zuzugehen. Viele Sippschaften begegneten Fremden misstrauisch oder mit offener Feinseligkeit.

Fremde konnten neue Krankheiten bringen oder einen Überfall planen.

Mohlla flüsterte: „Wir müssen es wagen, folge mir.“

Sie verließ die Deckung und ging auf die Hütten zu. Mit sanfter, fast beschwörender Stimme sang sie monoton: „Wir kommen in Frieden. Wir tun niemandem Böses. Tut auch uns nichts Böses. Wir kommen in Frieden. Wir tun niemandem Böses …“

Sie hob beide Hände und drehte die Handinnenflächen so, dass deutlich zu sehen war, dass sie keine Waffen bei sich trug. Vraan tat es ihr gleich. Alle Anwesenden starrten sie mit offenen Mündern an. Diejenigen, die eben noch mit flachen Steinen Körner zermahlten, verharrten in den Bewegungen. Auf dem Platz zwischen den Hütten blieben die beiden stehen und ließen langsam die Hände sinken. Sie standen da und niemand sagte etwas. Nach einem kurzen Moment trat ein Mann hervor, sprach fremdartige Worte, die sie nicht verstehen konnten. In seiner Stimme lag kein feindseliger Klang. Mohlla und der Fremde, der offenbar der Anführer war, redeten miteinander, ohne den Sinn des Gesagten zu verstehen.

Vraan sah sich um. Ein Gestell an, auf dem Flussfische getrocknet wurden, fiel ihm auf. Das leiterartige Gerüst war senkrecht aufgestellt. Bei ihm zu Hause sind Vorrichtungen dieser Art immer leicht angewinkelt worden, so bekamen die Fische die Sonne besser und intensiver ab und trockneten schneller.

Ohne nachzudenken, kippte er den Rahmen in den optimalen Neigungswinkel und stützte ihn mit einem Stock, der dort herumlag, ab. Der Anführer verstummte und sah ihn finster an.

Mohlla erstarrte, beschwörend sprach sie: „Wir kommen in Frieden. Wir tun niemandem …“

Der Häuptling bellte sie an. Es lag keine Freundlichkeit mehr in seiner Stimme, sondern eher herrischer Zorn. Mohlla neigte demütig schweigend den Kopf. Der Anführer sah Vraan an. Ging um das Gestell herum und betrachtete es, als habe er noch nie im Leben eine Vorrichtung zum Trocknen von Fischen gesehen. Er murmelte vor sich hin, sah zur Sonne, redete kurz mit verschiedenen Leuten und wandte sich erneut an Mohlla.

Er schien eine Frage zu stellen, woraufhin sie langsam ihren Schatz aus dem Säckchen zog. Sie hielt ihn dem Häuptling hin und erklärte mit ruhigen Worten, was es damit auf sich habe.

Der Anführer nahm den kleinen Stein und musterte ihn. Mit Erstaunen erkannte er das magisch anmutende Gesicht, das sich dort in feinen weißen Linien abzeichnete. Er hob das Kleinod hoch, hielt eine Ansprache, zeigte dabei ständig das Wunder, deutete auf das Gestell und auf Vraan und Mohlla. Schließlich gab er ihr die Gunst der Götter mit einem Lächeln zurück und wies mit einer einladenden Geste auf die Hütten.

Mohlla atmete auf. Sie waren aufgenommen worden. Möglicherweise könnten sie den nächsten Winter überleben.

***

Die beiden Flüchtlinge lernten die fremde Sprache und wurden im Laufe der Zeit zu vollwertigen Mitgliedern der Gemeinschaft. Mehr als das: Mohlla erlangte den Rang einer weisen Frau, den sie schon in ihrem alten Clan innegehabt hatte.

Nachdem die sprachliche Barriere überwunden war, kannte bald jeder in der Siedlung die Geschichte vom Stein. Alle waren sich einig: Es war kein gewöhnlicher Kiesel, sondern die Gunst der Götter. Und Vraan war sie zuteilgeworden. Solange er bei ihnen blieb, galt sie der gesamten Sippschaft. Dass sich das Anwinkeln der Trockengestelle gut bewährt hatte, wurde als weiterer Beweis für diese Theorie angesehen.

Auch die Bedeutung Mohllas war allen bewusst. Sie verfügte über magisches Wissen. Und sie war die ältere der beiden. Das Wichtigste dieser zwei Götterboten war und blieb jedoch der kleine schwarze Stein mit dem Gesicht, die Gunst der Götter.

Auf Dauer konnte nicht geduldet werden, dass eine Frau einen solchen Schatz in einem Lederbeutel um den Hals trug. Eine Hütte wurde errichtet, die den Zweck hatte, diesem wertvollsten aller Gegenstände einen würdigen Platz zu bieten.

Mohlla trennte sich nur ungern von der Gunst. Aber sie sah ein, dass sie ihr auf Dauer nicht allein überlassen sein konnte. Außerdem wusste sie, je höher der Stein geachtet und geehrt wurde, umso wichtiger wurde ihre eigene Rolle in dem neuen Clan. Sie fing an, jeden Morgen die Hütte aufzusuchen und der Gunst der Götter mit rituellen Verneigungen zu huldigen. Auf ihre Anregung hin tat Vraan es ihr gleich. Bald versammelte sich die Gemeinschaft allmorgendlich pünktlich zum Sonnenaufgang vor der Hütte, um das Kleinod zu verehren.

Diese tägliche Zeremonie wurde von Mohlla geleitet.

Der Anführer, der Baahall genannt wurde, ließ es gerne geschehen. Schleichend entwickelte sich eine klare Aufteilung der Macht. Während Baahall in allen weltlichen Belangen die uneingeschränkte Herrschaft trug, übernahm Mohlla ganz selbstverständlich das Sagen in den geistlichen, magischen Dingen.

Vraan war zunächst ihr Gehilfe, obwohl er derjenige war, dem die Gunst der Götter einst gegeben worden war.

Als Mohlla Jahre später als alte Frau starb, war die einstige Siedlung zu einem kleinen Ort herangewachsen. Die Kunst des Ackerbaus war langsam verbessert worden. Der Clan hatte herausgefunden, wie die bescheidenen Ackerflächen bewässert werden konnten, sodass sie von den Regenfällen nicht mehr so unmittelbar abhängig waren. Kornspeicher, Lagerhallen waren errichtet worden. In der Mitte des Dorfes befand sich ein freier Platz, auf dem gemeinsame Feiern abgehalten wurden oder Baahall Gericht hielt, wenn jemand eines Vergehens beschuldigt wurde.

Und es war der Ort, an dem Baahall feierlich erklärte, Vraan solle die Nachfolge der Priesterin Mohlla antreten. Der war inzwischen ein erwachsener Mann und klug genug, um zu wissen, dass ihm diese Ehre ein gutes Leben für viele Jahre bescheren würde. Er glaubte fester als je zuvor daran, dass der Stein ein untrügliches Zeichen für die Gunst sei, die die Götter ihm persönlich gegeben hatten. Es wäre nicht recht, diese auszuschlagen.

Vraan wurde ein würdiger, ein gütiger Priester. Er veranstaltete regelmäßig prächtige Feiern zur Huldigung der Steins. In jeder Vollmondnacht ließ er auf dem Platz vor der heiligen Hütte ein festliches Mahl reichen. Für diese Anlässe wurde ein schmackhafter Brei zubereitet, der sich aus wildem Honig, würzigen Kräutern und allerlei pflanzlichen Zutaten zusammensetzte.

Manchmal wurde bei diesen Festen Fleisch über einem offenen Feuer gebraten.

Noch beliebter als das Essen und die ausgelassenen Tänze war der berauschende Trank, den Vraan nach einem Rezept, das ihn Mohlla gelehrt hatte, aus Pilzen und geheimen Kräutern braute. In der Siedlung aus der Vraan einst gekommen war, war das Rauschmittel zum Vergnügen eingenommen worden. Hier, wo Vraan die Rolle eines Priesters innehatte, achtete er sorgfältig darauf, den Umtrunk mit einem magischen, religiösen Zauber zu verbinden. Er wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Sinnesreise kein Spaß sei, sondern die Stimmen der Götter hörbar mache.

So wurde der Rausch zu einer heiligen Handlung erhoben, über die Vraan allein wachte. Das Geheimnis der Zubereitung behielt er für sich. Vraan benutzte den Trank auch, um Kranke zu behandeln. Entweder sie wurden trotz seiner Behandlung gesund oder sie starben mit einem seligen Lächeln auf den Lippen, was ebenfalls als göttliche Gnade ausgelegt wurde.

Vraan, der einst als Fremder in die Siedlung kam, wurde wichtiger, wurde verehrt und hochgeachtet. Er war der Einzige, von dem nicht verlangt wurde, sich an den gewöhnlichen Arbeiten zu beteiligen.

Ihm wurden bloß die besten Speisen gebracht und die edelsten Opfer dargeboten.

Obwohl er sich nicht für sein Tun zu rechtfertigen brauchte, achtete er sorgfältig darauf, nicht wie ein Faulpelz zu wirken. Stundenlang konnte er Zwiesprache mit den Göttern halten, erst recht, da er derjenige war, der den magischen Trank einteilte.

***

Nachdem der Häuptling mit einem selig berauschten Lächeln auf den Lippen verstorben war, wurde Baazuhn der Anführer.

Vraan nahm ihn zur Seite, als der Tote noch warm in der Hütte lag.

„Baahall bat mich, die geistige Führung des Clans fortzuführen. Für gestern, heute und für alle Zeiten, die da kommen und gehen werden. Und die Götter haben ihm zugestimmt.“

Der Angesprochene schien überrascht. „Mein Freund, das ist seit jeher so gewesen, wer sollte das ändern wollen, gegen den Willen der Götter, die dir ihre Gunst gaben?“

„Es freut mich, dass wir einer Meinung sind. Der Stein und ich, wir wünschen, dass du, Baazuhn, uns auf Erden leiten mögest. Und ich werde mich um all die geheimnisvollen Dinge sorgen, die die mystische Welt mit dem menschlichen Gewürm verbindet.

Um uns die Gunst der Götter zu erhalten, ist es notwendig, dass der Priester einem neuen Häuptling das Amt übergibt. Und es ist notwendig, dass ich zukünftig meine Gehilfen und Nachfolger selber wähle. Mit Hilfe der Götter. So schlage ich vor, dir das Amt in einer feierlichen Zeremonie zu übergeben. Drei Tage und drei Nächte soll der Clan Zeit haben, sich von Baahall zu verabschieden. In diesen drei Tagen und drei Nächten sollten wir die Feier zu deiner Benennung vorbereiten.“

So festigte Vraan geschickt seine Macht. Nun würde er Gehilfen und seine Nachfolger bestimmen können und sogar der Häuptling würde von ihm benannt werden. Und wen er benannte, den könnte er auch wieder absetzen.

***

Es wurde ein wildes und buntes und rauschendes Fest.

Baazuhn wurde von Vraan feierlich zum neuen Anführer berufen. Höhepunkt der Festlichkeit war der von Vraan erfundene „Steinkuss“. Baazuhn fiel hierzu auf die Knie und küsste den Stein, den der Priester ihm gebieterisch hinhielt. Bei diesem Ersatz handelte es sich nicht um die wirkliche Gunst der Götter. Die war zu kostbar für eine solche Zeremonie. Es war ein gewöhnlicher Kiesel, der das echte Kleinod symbolisch vertreten sollte.

Wenige Tage nach der großen Feier ernannte Vraan Meezdall zu seiner Gehilfin. Der Priester hatte sie seit einiger Zeit beobachtet. Ihm war aufgefallen, dass sie bei den Bewohnern der Siedlung hochgeschätzt war. Meezdall wurde oft bei Dingen um Rat gefragt, die nicht wichtig genug schienen, um den Hüter der Gunst oder Baazuhn persönlich aufzusuchen. Und ihre Meinung wurde immer sehr wohlwollend bedacht.

Vraan berief Meezdall, um ihre natürliche Autorität und Ausstrahlung für sich zu nutzen. Auch wollte er sie zu seiner Gehilfin machen, um sie als mögliche spätere Kritikerin oder Gegnerin auszuschalten.

Sie war überrascht und hoch erfreut, als der Priester sie erwählte. Wissenshungrig war sie begierig darauf, alles zu erfahren, was mit dem Priesteramt und dem Stein zusammenhing. Der Hüter der Gunst stellte ihr in Aussicht, sowohl von ihm zu lernen, als ihm auch dienen zu dürfen. Wenn die Gehilfin sich als würdig erweisen würde, könne sie eines Tages unter Aufsicht kleinere heilige Pflichten übernehmen.

Und eines Tages, in ferner Zukunft, würde ihr das hohe Amt übertragen werden. Meezdall nahm die Aufgabe begeistert an. Sie lernte. Sie diente. Wenn sie auch Vraan unterstand, so blickten alle anderen der Sippschaft bewundernd und ehrfürchtig zu ihr auf. Eines Tages bemerkte sie, dass sogar Baazuhn, der Häuptling, den Blick senkte, wenn er ihr begegnete.

Vraan brachte ihr bei, wie sie den Zeremonien den Glanz strahlender Feierlichkeiten verleihen konnte. Und er lehrte sie, Kranke zu behandeln und Trauernde zu trösten. Der Priester erzählte seiner Schülerin, welche Zutaten für den berauschenden Trank benötigt wurden und wo sie diese finden konnte. Nach vielen Jahren enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit zeigte er ihr sogar, wie er gebraut wurde. Nur die letzte magische Handlung, die der Flüssigkeit die besondere Wirkung verlieh, hielt er lange geheim.

Wenn das Gebräu fertig angerichtet war, schickte Vraan seine Gehilfin los, um die Gunst der Götter, zu holen. Er verlangte jedes Mal, mit dem Stein und dem Trank allein gelassen zu werden, um ein heiliges Ritual durchzuführen.

Als er ein Greis geworden war und den nahen Tod spürte, zeigte er Meezdall, wie die Zubereitung des magischen Getränkes vollendet werden musste.

Er schlurfte um den Topf herum, hielt die Gunst der Götter in die Höhe und murmelte beschwörend: „Schenke uns die Kraft, schenke uns die Macht, schenke uns die Kraft, schenke uns die Macht …“

Zum Abschluss ließ er den Stein in der geschlossenen Faust über dem Behälter kreisen. Erst nach dieser heiligen Handlung, so erklärte der alte Priester, entfalte der Trank seine berauschende Wirkung.

***

Als Vraan starb, übernahm Meezdall das Priesteramt und den Stein. Nach Meezdall war es Tzaahack. Viele Nachfolger und Nachfolgerinnen kamen und gingen. Die Ortschaft wuchs und gedieh prächtig, der Platz in der Dorfmitte wurde zu einer Art Marktplatz, die Hütte zum Tempel.

Lange, nachdem Vraan, Mohlla und Baahall vergangen und vergessen waren, blieb der Stein, die Gunst der Götter, noch bestehen.

Odins Stein

Vor vielen Jahren hatte Sigurd den kleinen schwarzen Stein in einen Krug gelegt und beinahe schien es so, als habe er ihn dort vergessen. Nun war der Wikinger alt geworden. Alt und grau. Er lag wortlos und matt auf dem Lager.

Den Stein interessierte das nicht. Sigurds erstgeborener Sohn Svend saß bei ihm und lauschte brav dem Schweigen und dem alten Atem, der immer schwächer pfiff. Håkan, der Heiler, hat keinen Zweifel daran gelassen, dass es mit ihm zu Ende ging.

Als der Morgen graute, brach Sigurd mit rauer, brüchiger Stimme endlich die Stille: „Bring mir Harald.“

Möglicherweise war der Sohn kurz eingenickt gewesen. Er glaubte zunächst, sich getäuscht zu haben, als er ihn hörte. Der Alte hat seit Stunden kaum noch geröchelt. Als Sigurd die Forderung mit Nachdruck wiederholte, fragte sein Sohn ihn, ob er nicht lieber den Priester rufen solle. Sigurd schwieg, da tat Svend, was Vater von ihm verlangte.

Er erhob sich, ging rasch zur Tür und rief hinaus: „Er will Harald sehen.“

Sofort wurde der Bursche gesucht, in den Ställen gefunden und an das Krankenlager gebracht.

„Mein Junge!“ Die greise Hand ergriff die des Knaben. „Da bist du ja.“

„Ja, Großvater, da bin ich.“

Zu seinem Sohn sprach der Alte hart: „Geh, ich muss mit Harald reden.“

Das tat Svend im Herzen weh. Gehorsam verließ er den Raum.

„Ist er weg?“, fragte Sigurd, der den eigenen Augen kaum traute, da sie trüb geworden waren.

„Ja, Großvater, er ist rausgegangen.“

„Dein Vater taugt nicht viel.“

Als der Junge nichts darauf sagte, setzte er hinzu: „Wenn jemand so abfällig über deinen Vater redet, solltest du ihm… oder zumindest widersprechen.“

„Ja, Großvater“

„Ein guter Sohn sollte zum Vater stehen. Und zur Mutter.“

Langsam schien sich die Stimme wieder daran zu gewöhnen, Worte zu formen.

„Stehe immer zu deinen Wurzeln.“

Harald war sich nicht sicher, was er darauf antworten sollte.

Der Alte stellte bestimmt fest: „Aber dein Vater taugt trotzdem nichts.“

„Er ist mein Vater“, antwortete Harald, „also achte ich ihn.“

Sigurd lächelte.

„Und“, setzte der Knabe mutig hinzu, „du solltest ihn ebenfalls achten. Er ist dein erstgeborener Sohn.“

Sigurd lachte leise.

„Du bist ein guter Junge, dein Vater kann stolz auf dich sein.“

Sigurd schloss die Augen.

„Großvater, stirbst du?“

„Ja, es sieht danach aus.“

„Soll ich Pater Franziskus holen?“

„Halte mir diesen Christen mit dem schwachen, einsamen Gott vom Hals. Jahrelang habe ich ihn hier geduldet, sogar geachtet. Jetzt wo es zu Ende geht, will ich wieder zurück zu meinen Wurzeln. Zu Thor und zu Odin. Ich will nach Walhall und im großen Kampf der Kämpfe bestehen, ich will neben Odin und seinen Kriegern in Ragnarök stehen.“

„Ich verstehe das nicht, Großvater. Was ist mit dem Allmächtigen und Jesus Christus, seinem Mensch gewordenen Sohn?“ Sigurd lachte leise und bitter auf.

„Das verstehst du nicht? Aber ich verstehe es. Wir haben unsere Götter von einem schwächlichen Gott, der nicht einmal seinen eigenen Sohn schützen konnte, verjagen lassen. Sie sind vergangen, vergessen, wertlos. Ich will nach Walhall.“

„Walhall“, wiederholte Harald andächtig. „Was bedeutet das? Ist es das Paradies der alten Götter, über die niemand reden soll?“

Sigurds Atem wurde schwerer.

„Das ist nicht so wie das Paradies von diesem weichen, schwachen Gott. Das ist vielmehr, es ist …“

Sigurd suchte nach Worten.