Steinwart Wurzelknopf und die Ebene von Marsandt - Henry Wimmer - E-Book

Steinwart Wurzelknopf und die Ebene von Marsandt E-Book

Henry Wimmer

4,8

Beschreibung

Nachdem Steinwart wieder zu Hause ist und er seinen Ruhestand genießen will, wird ihm eines Morgens klar vor Augen geführt, dass er sich getäuscht hat, als er glaubte, das Böse besiegt zu haben. Sind sie zu voreilig gewesen? Alles scheint ruhig. Dann stellt sich heraus, dass es nur die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm gewesen ist. Freunde entpuppen sich plötzlich als undurchschaubar. Das Misstrauen wächst. Auch wenn Steinwart müde ist, versteht er, dass es seine Aufgabe ist, Gorm für immer zur Strecke zu bringen. Er sammelt die Gefährten um sich, auf die er sich verlassen kann. Erneut stürzt er sich in ein Abenteuer, von dem er nicht weiß, wie es enden wird. Erlebnisse und Gefahren säumen seinen Fußmarsch, aber auch neue Freunde kreuzen seinen Weg und eine neue Liebe reift in Zeiten der Dunkelheit. Wird Steinwart es schaffen, das Böse für immer zu tilgen?

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Henry Wimmer

Steinwart Wurzelknopf

und die

Ebene von Marsandt

1 Ein neuer Tag

Steinwart gähnte laut und herzhaft und schälte sich aus seinem Bett. Seit er nicht mehr täglich in den Berg musste, hatte er sich auf einen Rhythmus eingependelt, der ihm morgens ein wenig mehr Ruhe schenkte. Zwar wurde er immer noch sehr früh wach, doch das machte ihm nichts aus. Er genoss diese Zeit, setzte sich vor seine neue Wohnung und schaute dem Leben zu, welches an ihm vorbeizog.

In der ersten Zeit nach all den Geschehnissen hatte er noch die alte gemeinsame Unterkunft bewohnt, die er sich über so viele Jahre mit seiner geliebten Hyazintha teilte. Doch, egal was er auch tat, egal, was er auch sah, er nahm sie in der kleinsten Kleinigkeit wahr. Was dazu führte, dass er sich einfach nicht mehr aus einer dauerhaften Betrübnis lösen konnte.

Als er Baldur davon berichtete, gab ihm dieser zu verstehen, was er dachte. Baldur war ihm zu seinem besten Freund geworden. Ihm zu Liebe erlernte Steinwart die Gebärdensprache. Heute nun, da die Dunkelheit lange zurücklag, unterhielten sie sich, als habe es nie eine andere Form der Verständigung gegeben.

Inzwischen waren der Sommer und der Winter zweimal ins Land gezogen. Langsam begannen die Erlebnisse zu verblassen, die so viel Unglück über sie gebracht hatten.

Doch zurück zu Steinwarts neuer Wohnung.

Als Baldur ihm erklärte, er täte besser daran, war der Zwerg im ersten Moment schockiert.

«Du erwartest wirklich, dass ich all das hier, was ich mir mit Hyazintha aufgebaut habe, einfach zurücklasse? Das ist nicht dein Ernst. Das ist ja fast, als würde ich alles infrage stellen, was jemals zwischen uns war!»

Baldur sah ihn aus seinen großen dunklen Augen an.

Wenn Steinwart genau hinsah, konnte er noch das erlebte Leid darin lesen. Vor allen Dingen in Phasen, in denen er nur vor sich hinsah, weit entrückt, ließ sich an den tiefen Gräben in seinem Gesicht ablesen, welch unvorstellbare Schmerzen Baldur hatte erdulden müssen.

Erst nachdem Steinwart über Baldurs Worte nachdachte, erkannte er, wie viel Wahrheit darin steckte. Er würde erst wieder zu sich selbst finden, wenn er mit der Vergangenheit abgeschlossen hatte. Dass er Hyazintha für immer tief in seinem Herzen tragen würde, war dabei selbstverständlich. Doch seine Frau hätte es nicht gewollt, dass er sich vergrub und zu anderen Gedanken nicht mehr fähig war.

Wie jeden Abend hielt er auch vor jener Nacht Zwiesprache mit ihr. Als alle gegangen waren, verzog sich Steinwart in sein Schlafzimmer. Er vertraute Hyazintha jeden Abend seine tiefsten Gedanken an. Alles, was ihn bedrückte. Nicht, dass er wirklich eine Antwort erwartet hätte. Er wusste, dass das nicht möglich war. Zumindest nicht ohne die Hilfe der Schmetterlingsfrau. Trotzdem war es ihm, als ob ihn diese inneren Gespräche von sehr viel Last befreiten. Er wusste, dass sie ihn hörte. Dass es eben nur nicht möglich war, eine Antwort zu erhalten.

«Meine Liebe, da bin ich wieder. Wieder habe ich einen Tag ohne dich hinter mich gebracht. Wahrscheinlich wirst du ohnehin alles wissen, was ich dir hier jetzt erzähle. Aber ich brauche einfach diese wenigen Minuten, in denen ich mich dir ganz nah fühle.

Baldur meinte heute zu mir, ich soll mir ein neues Zuhause suchen. Ich habe ihn zuerst gefragt, ob er überhaupt wisse, was er da von mir erwartet. Doch nun habe ich nachgedacht. Ich glaube, er hat Recht. Hier erinnert mich zu vieles an unser gemeinsames Leben. Natürlich weiß ich nicht, ob du es gutheißen kannst, wenn ich mir eine neue Unterkunft suche. Aber ich habe beschlossen, dies zu tun. Ich wünschte mir so sehr, du könntest mir ein Zeichen geben. Es würde mir so viel bedeuten.»

Steinwart lauschte. Aber da kam nichts zurück.

Als er jedoch aufstand, wehte der Wind ihm durch die offenen Fenster so über den Kopf, dass es ihm von hinten durch sein graues Haar strich. Genauso hatte auch Hyazintha dies immer getan.

Zufall oder nicht. Für Steinwart war das ein untrügliches Zeichen für ihre Zustimmung.

Bereits am nächsten Tag machte er sich auf die Suche nach einem neuen Heim. Und er wurde schnell fündig.

Eine Wohnung, tief in einen riesigen Baum eingebettet, dessen Zweige und Blätter bis hinab zum Boden reichten. Schattig. Und trotzdem so viel Sonne, dass es ihn nicht bedrückte. Das Schönste aber war die Terrasse, die nach hinten heraus auf einen kleinen See zeigte. Steinwart liebte es, dort zu sitzen und stundenlang dem Leben im und auf dem Wasser zuzuschauen.

So auch an diesem Morgen, da meine neue Erzählung aus Steinwarts Leben beginnt. So friedlich es auch der Anschein war, so täuschte der Schein. Die Freunde gingen damals auseinander, um sich in alle Winde zu verstreuen. Wie so oft im Leben war aus den Beteuerungen sich wiederzusehen, bisher nichts geworden. Steinwart war darüber ein wenig enttäuscht. Aber böse war er nicht. Targor und Barina lebten ihr eigenes Leben. Das war auch gut so. Sie waren noch junge Leute. Was wollten sie mit einem alten Zwerg anfangen?

Sy-Bita allerdings hatte ihn wirklich zutiefst getroffen. Auch wenn die Schmetterlingsfrau mit eine der Auslöserinnen gewesen war für die Abenteuer in jener Zeit. Auch wenn sie ihnen auf ihre Art manchmal lästig gewesen war, so hatte er doch ein paar mehr Worte zum Abschied erwartet. Als sie aber von einem Moment auf den nächsten verschwand und ihn und seine Freunde vor dem Sumpf Brom alleine ließ, hatte er das lange Zeit nicht begriffen. Sie mochte ihre Gründe dafür gehabt haben, so kurz und schmerzlos das Weite zu suchen, aber das hieß nicht, dass er ihre Beweggründe verstehen musste.

Steinwart saß an seinem See.

Auch wenn er ihm nicht wirklich gehörte, nannte er ihn gerne so. Und hatte er nach all den Schwierigkeiten nicht ein wenig Lob und Anerkennung verdient? Von daher beschloss er einfach, dass es sein See sein würde. Sollte doch jemand kommen und etwas anderes behaupten.

Der Winter war lang und hart gewesen. Erst vor wenigen Tagen hatte die Eisdecke begonnen zu schmelzen. Steinwart gehört nicht zu den Lebewesen, die sich einen Spaß daraus machten, über das blanke Eis zu rutschen. Dafür hatte er einfach zu viel gesunden Respekt vor Wasser. Egal, ob in flüssiger oder in fester Form.

Ein Heidenspaß aber war es für ihn, den anderen aus seiner sicheren Behausung zusehen zu können. Wie sie auf dem Eis lachten, wie sie rutschten, spielten. Und manchmal, das musste er zugeben, schmunzelte er auch voller Schadenfreude, wenn es jemand die Beine wegzog und derjenige mit einem harten Schlag auf seinem Hinterteil landete.

Da bis zu diesem Zeitpunkt jedoch alles glimpflich abgelaufen war, gab es keinen Grund hilfreich einzugreifen.

Heute Morgen wollte er sich nun gar nicht von diesem geliebten Anblick lösen. Wenn er ehrlich war, musste er Baldur mehr als dankbar sein, dass er ihn bewegt hatte, umzuziehen.