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«Ich hatte in der Sekunde abgedrückt, als wieder ein Blitz einschlug», so beginnt Wolfram Meister zu erzählen. Doch deutet nichts in seiner Geschichte darauf hin, dass dies der Bericht eines Mörders ist. Meister ist ein Mann in den besten Jahren und ein erfolgreicher Unternehmer – er gehört zu denen, die es nach der Wende geschafft haben. Schnell erkannte er damals die Gunst der Stunde, zog ein Hotel auf. Nicht jeder seiner Freunde kann auf solchen Erfolg verweisen, Meister aber bleibt, allem sozialen Gefälle zum Trotz, um die alten Gefährten bemüht. Ist er jedoch alleine, träumt er gern von Weltflucht. Erst als er sich neu verliebt, beginnt die Zukunft wieder rosarot zu leuchten. Ist dies nicht der Moment, um das Hotel zu verkaufen und noch einmal auf Neustart zu drücken? Meister tut sich schwer, der schönen, ehrgeizigen Nelli zu vertrauen. Er will ihre Liebe auf die Probe stellen, indem er die Zivilisation für eine Weile hinter sich lässt. Doch ausgerechnet die, denen er sich am nächsten glaubt, durchkreuzen seine Pläne … Rainer Klis erzählt von der Sehnsucht nach Veränderung und vom Wagnis des Neuanfangs – unsentimental, pointiert und voll subtiler Spannung.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Rainer Klis
Steinzeit
Ihr Verlagsname
«Ich hatte in der Sekunde abgedrückt, als wieder ein Blitz einschlug», so beginnt Wolfram Meister zu erzählen. Doch deutet nichts in seiner Geschichte darauf hin, dass dies der Bericht eines Mörders ist.
Meister ist ein Mann in den besten Jahren und ein erfolgreicher Unternehmer – er gehört zu denen, die es nach der Wende geschafft haben. Schnell erkannte er damals die Gunst der Stunde, zog ein Hotel auf. Nicht jeder seiner Freunde kann auf solchen Erfolg verweisen, Meister aber bleibt, allem sozialen Gefälle zum Trotz, um die alten Gefährten bemüht. Ist er jedoch alleine, träumt er gern von Weltflucht.
Erst als er sich neu verliebt, beginnt die Zukunft wieder rosarot zu leuchten. Ist dies nicht der Moment, um das Hotel zu verkaufen und noch einmal auf Neustart zu drücken? Meister tut sich schwer, der schönen, ehrgeizigen Nelli zu vertrauen. Er will ihre Liebe auf die Probe stellen, indem er die Zivilisation für eine Weile hinter sich lässt. Doch ausgerechnet die, denen er sich am nächsten glaubt, durchkreuzen seine Pläne …
Rainer Klis erzählt von der Sehnsucht nach Veränderung und vom Wagnis des Neuanfangs – unsentimental, pointiert und voll subtiler Spannung.
Rainer Klis, 1955 in Karl-Marx-Stadt geboren, machte sich nach dem Studium am Leipziger Literaturinstitut schon zu DDR-Zeiten einen Namen als Autor von Kurzprosa. Nach der Wende ist er zum Weltreisenden geworden, hat neben Erzählbänden eine Reihe von Reisereportagen veröffentlicht.
WENN ICH DICH LIEB HABE, WAS GEHT'S DICH AN?
Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Viertes Buch
ICH HATTE DIE FÜNF MILLIONEN NOCH UND KEINE Ahnung, wem ich sie vermachen konnte. Dass mir das in diesem Moment einfiel. Ich dachte darüber nach, ließ den Hahn zurückgleiten und nahm den Lauf von meinem Kopf. Statt in Panik zu verfallen, weil ich noch am Leben war und er am Boden röchelte, wurde ich ruhig, so als ob ich es ein für alle Mal geschafft hätte. Eine Weile stand ich gegen den Heizungskessel gelehnt. Ich spürte keinen Hass mehr in mir, schon gar kein Mitleid. Warum sollte ich mich noch erschießen, jetzt, wo ein Gefühl der Erleichterung von mir Besitz ergriff. Ich steckte den Revolver zurück in den Parka, ging um den gekrümmten Menschen herum, dessen rechtes Bein in der Blutlache zuckte, und schloss hinter mir die Brandschutztür. Es war mir nicht so schwer gefallen, wie ich vermutet hatte. Ich hatte in der Sekunde abgedrückt, als wieder ein Blitz einschlug. Die Wände waren aus dickem Beton und hatten den Knall gedämpft. Man würde Tage brauchen, um zu entdecken, was geschehen war.
Ich ging zum Auto, verstaute die Waffe unter dem Ersatzrad und fuhr hinaus auf die Hauptstraße, dann stadteinwärts auf der Autobahn, so, wie ich gekommen war. Dass mein Dasein mit niemandem mehr zusammenhing, konnte sich nun als Vorteil erweisen. Auch der gängige Mittelklassewagen, den ich mir zugelegt hatte, würde mir die Flucht erleichtern. Ich bog auf den Außenring, fuhr einmal um die Stadt. Bald müsste ich mich für eine Richtung entscheiden.
Ich hielt an einer Raststätte, bestellte ein Schnitzel mit Pommes, aß mit Appetit und trank einen Pott Kaffee. So auferstanden ich mich eben noch gefühlt hatte, mir dämmerte, dass ich nur noch die Wahl hatte zwischen lebenslänglich in der Zelle oder der Wildnis, aus der ich gekommen war.
Im Dauerregen zog ich auf der Autobahn weiter Richtung Norden. Am nächsten Tag könnte ich abends schon bei Jerker Isakkai sein.
In Flensburg kleidete ich mich bei einem Jagdausstatter ein, versorgte mich mit Sturmfeuerzeugen, Sommer- und Winterstiefeln, Blinkern, Äxten, Schnur. Ich kaufte Proviant, zehn Kisten Zigarren und drei Kartons Whisky, denn Whisky liebte Jerker, und falls es einen gab, der mich, selbst wenn er alles wüsste, heimkehren ließe, so wäre er es. An seinem Platz spielten Uhren keine Rolle, weil es Uhren nicht gab. Es gab die Dunkelheit und die kurze Zeit der Mitternachtssonne, die lange Zeit des Todes und unser kurzes Leben. Was ich mit mir auszumachen hätte, bei ihm fände ich Gelegenheit dazu. In einer Welt, die zu unwirtlich war, als dass mich jemand in ihr vermuten könnte.
Ohne anzuhalten, passierte ich die Grenzen. Auf meiner Fahrt durch den Süden Schwedens sah ich weder Polizisten noch andere Uniformierte, und das war der am dichtesten besiedelte Teil des Landes. Die schnurgerade Straße, der ich jetzt folgte, glich einer Startbahn in die Wälder der Urzeit. Ich fühlte mich leicht und voller Kraft. Ich hatte mir die Freiheit genommen, einen Menschen zu töten. Der Alb hatte keine Gewalt über mich. Ich höhnte gegen den Gespenstgewordenen.
An einem See richtete ich mich für die Nacht ein, breitete unter einer Gruppe Fichten Matte und Schlafsack aus; zwischen den Preiselbeersträuchern hatte die Rentierflechte einen weichen Teppich gebildet. Ich begann Holz zu sammeln, wie ich es inzwischen gewöhnt war und wie ich es für den Rest meines Lebens tun würde. Bevor der Schnee käme, würden die Isakkais mit den Rens hinunter in die Wälder ziehen, und ich müsste in den Bergen zurückbleiben mit dem Fleisch, das sie mir überließen. Ich würde ihr Geheimnis sein, einer der Ihren, gleich, ob ich durchhielte oder Wölfen zum Opfer fiele, verrückt würde in der Einsamkeit der Polarnacht oder alles aufzuschreiben begänne, um bei Verstand zu bleiben. Ich besaß fünfzig Packungen Munition, eine Flinte, eine Büchse, einen Revolver. Ich war gesund und wollte nicht sterben.
Von den Baumstämmen im Wald holte ich Harz, vom Waldboden trockenes Moos und Flechten, dann steckte ich den Haufen an. Ich bohrte einen Spieß durch ein Stück Fleisch, ließ die Waffen im Wagen, was sollte mir zustoßen. Ich beeilte mich, den halbgaren Braten zu essen, um mir eine Zigarre anbrennen zu können, denn Mücken hatten mich entdeckt. Möwen standen über dem See, strichen zur Seite weg, stiegen, von einer sanften Brise getragen, wieder empor. Ich schob Äste ins Feuer, legte eine starke Wurzel darüber, um am Morgen noch Glut zu haben, zog das Moskitonetz über den Schlafsack und streckte mich aus. Vom Wald her waren junge Eulen zu hören, die nach den Altvögeln riefen. Ich erwartete, von dem Toten zu träumen, doch ich schlief tief wie lange nicht mehr.
WIR HATTEN VERGEBLICH AUF IHN GEWARTET. Wenigstens ein Anruf wäre fällig gewesen. Zuverlässigkeit, zumal unter Freunden, hielten wir für obligatorisch. Hassan, wie wir ihn nannten, weil er sich bei uns Gott weiß warum als Jude eingeführt hatte und wir rotzfrech so taten, als hielten wir das für einen starken jüdischen Namen – Hassan war nicht gekommen.
Gregor schaute zuletzt nicht mehr auf die Uhr und sagte, kurz nachdem der Wirt abkassiert hatte, klarsichtig und ohne Zorn: «Wenn der ein Jude ist, sind wir Königspinguine.»
Hassan war Atheist wie wir und sah überhaupt nicht so aus, wie wir uns aus Filmen und Büchern einen Juden vorzustellen hatten. Rank und schlank gewachsen, trug er sein aschblondes Haar zu einem langen, schütteren Pferdeschwanz gebunden. Zudem besaß er helle blaue Augen, wie zumindest zwei seiner Kinder auch. Ein paar Semester lang hatte er an der Katholisch-Theologischen Fakultät studiert und dann abgebrochen, Slawistik studiert und abgebrochen. Als Kellner hatte er sich durchgeschlagen und als Trauerredner. War jahrelang mit einem Zirkus gereist und als Gehilfe einer stockdürren südländischen Magierin aufgetreten. Viermal geschieden, war er nie auf einen grünen Zweig gekommen.
Was er in den Zeiten getrieben hatte, die nach der Addition uns bekannt gewordener Lebensabschnitte übrig blieben, wollten wir gar nicht wissen. Wir hielten uns etwas darauf zugute, dass wir ihm oft genug mit ein paar Scheinen halfen. Schließlich war er ein Freund.
Er rief mich an, drei Tage später, sagte, er käme vom Arzt und es stünde nicht gut um ihn, wenigstens nicht um sein Blut, in dem sich die Leukozyten hemmungslos vermehrten, der Rest sei noch gut beisammen. Er sagte es, wie man Lottozahlen vorliest, die nicht die eigenen sind, und ich schwieg. Was die Diagnose akute Leukämie bedeutete, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nur ahnen.
«Wenn das stimmt», sagte Gregor später, und Gregor ist Irrenarzt, «hat er nicht mehr lange.»
Kurz darauf, die Äste der Bäume knackten im Frost, brachte der Postbote den Brief mit den Papieren für meine Kubareise. Exkursionen zu den roterdigen Tabakplantagen waren geplant und Besichtigungen von Zigarrenfabriken, Verkostungen und eine Galavorstellung des Cabarets Parisien. Ich rief bei dem Zigarrenmagazin an, das die Reise veranstaltete, fragte, ob es möglich sei, noch für einen zusätzlichen Teilnehmer zu buchen. Egal, dass er Nichtraucher war, ich dachte nur daran, Hassan mit in die Sonne zu nehmen.
Erst tat er so, als verstünde er nicht, was ich ihm zugedacht hatte, dann zierte er sich, um sich überreden zu lassen. Ich überwies das Geld, denn um Hassan mitzunehmen, musste ich für Hassan aufkommen. Er besaß nichts, er hatte, seit wir ihn kannten, noch nie etwas besessen. Auch das kleine Übersetzungsbüro, mit dem er sich seit einem Jahr versuchte, warf nichts ab. Von Zeit zu Zeit ließ Gregor sich von ihm etwas aus dem Internet übersetzen und forderte mich auf, es ihm gleichzutun. Aber Hassan behielt kaum Geld übrig, erst recht nicht nach Abzug der Alimente.
Ich schleppte ihn zum Herrenausstatter, suchte zwei helle Sommeranzüge aus, zwei Binder, einen grünen für ihn, einen blauen für mich, zwei Paar weiße Schuhe, zwei Panamahüte von Borsalino. Belustigt drehten wir uns vor dem Spiegel hin und her, und Hassan ließ sich nicht anmerken, dass er krank war, nicht wusste, wie er die paar Aufträge, die er hatte, nun wieder loswerden sollte. Dazu seine Schulden, das Finanzamt, das hinter ihm her war, weil er keine Steuererklärung abgegeben hatte, und die Krankenkasse, die er nun ja brauchen oder auch nicht mehr brauchen würde. Denn bald würde Schabbes sein, hatte er sich ausgedrückt – einer, der nur zu gut wusste, dass mit Luft schlecht handeln ist.
Aber das war er vor allem, ein Mensch, der mit Luft handelte, mit windigen Ideen, die er weinselig bebrüten konnte, bis auch wir einsahen, dass mit Egon, seinem Gouldamadinenmännchen, eigentlich viel Geld zu verdienen wäre. Ein Freund aus alten Tagen hatte ihm das Tierchen vererbt, und nun saß es trübsinnig in seiner Voliere im Erker der Dachwohnung zwischen Gummibäumen. Wenn er nur ein passendes, rotköpfiges Weibchen zu einem vernünftigen Preis fände, das würde Egon nach vorn bringen, und dann irgendwann ein zweites, drittes, sechstes Paar, was allerdings ein Glücksfall wäre. Vier Gelege pro Paar und Jahr, vier bis acht Nestlinge pro Gelege. Eine hübsche Zucht könnte das werden, und jede neue Brut brächte zweihundert bis vierhundert Euro. Für ein einziges solches Nest müsste er im Moment mindestens fünfzig Seiten technische Begriffe ins Polnische oder Tschechische übersetzen. Alles finde letztlich einen Käufer, für sein Übersetzungsbüro würde es schon genügen, einen Nachmieter zu akquirieren! Eine kleine Zoohandlung zum Beispiel, dafür wären die Räume durchaus geeignet, dann könnten seine Prachtfinken gleich mit angeboten werden. Wenigstens fünf Bruten pro Saison an den Händler verkaufen, zehn an privat, mehr als jetzt wäre das allemal.
Ich begutachtete ihn von vorn und von der Seite, lächelte darüber, wie er sich im Spiegel gefiel und keck den Hut nach hinten schob.
Ich sagte ihm, alles passe gut und er schaue aus, wie man sich Onkel Joschi vorstellt, den er gern im Mund führte, und konnte erkennen, wie ihm das schmeichelte, denn Onkel Joschi, der ihm als Hauptakteur für jüdische Witze diente, schien ihm geradezu ein Vorbild zu sein.
Das mit seiner Herkunft hatten wir ihm gern abgenommen, womöglich war es sogar sein Eintrittsbillett zu jener Tischrunde damals gewesen, die sich aus Wissenschaftlern, Künstlern und Leuten aus der Industrie rekrutierte und in der Pfaffen oder verkrachte Theologiestudenten normalerweise keinen Fuß auf den Boden und kein Bier hingestellt bekommen hätten. Gregor war durch seinen Professor in den Kreis gekommen, ich durch Gregor auf den nächsten vakanten Platz.
Auf den ersten Blick schien Hassan sogar der heimliche Vorsitzende des zwölfköpfigen Zirkels zu sein, der sich um den runden Tisch im Keller des Wehrturms versammelte und von der Knappenschänke mitbewirtschaftet wurde. Benno, der mir als Doktor Aßmann vorgestellt worden war, ließ Krimsekt auffahren, und alle prosteten Hassan, damals noch schlicht Hans-Hasso Neugebauer, im Kerzenschein zu. Hassan musste es gerade irgendwie bewerkstelligt haben, Bennos Arsch zu retten. Noch im Startflug zu einer bravourösen Physikerkarriere im Atomforschungszentrum war der buchstäblich über Nacht ins Fadenkreuz geraten, weil sein Schwager auf einem Surfbrett nach Dänemark entkam. Nicht nur sei der Name von Bennos Institutschef Hassan geläufig gewesen, er habe auch angeboten, ein paar Nummern anzurufen. Ob er wirklich über entsprechende Kontakte verfügt hatte, wusste natürlich keiner. Die meisten glaubten offenbar seinem Lächeln, denn Benno war mit kleinem Verhör und erneuter Vergatterung davongekommen.
Hildebrandt, bei dem Gregor promoviert hatte, hielt sich zurück. Etwas an dieser Geschichte oder an Hassan gefiel ihm nicht, so jedenfalls kam es mir vor. Er hob sein Glas in meine Richtung, als ob er Trotzdem willkommen sagen und sich für die Brüder entschuldigen wollte. Von allen akzeptiert, setzte ich mich vom nächsten Treffen an neben ihn, selbst dann noch, als Gregor, Hassan und ich ein Trio bildeten.
Nicht wenige aus dieser Versammlung gingen nach dem Zusammenbruch in den Westen, andere flogen als Spitzel auf oder blieben einfach weg. Geheimnisse gab es genug. Warum hätten wir ausgerechnet an Hassans ausgefallener Geschichte zweifeln sollen. Es amüsierte uns, wie er sich, obwohl er seinerzeit mit großem Aufwand über jüdische Speisegebote referiert hatte, Eisbein oder Hackepeter bestellte, wo immer das angeboten wurde – wenn schon Schwein, dann fett, lautete sein Kommentar, dem oft eine Schnurre zum Thema folgte.
Wenn er zu viel intus hatte, griff er erst richtig in die Tasten. Es war vorgekommen, dass er sich zu voller Größe aufrichtete, die lateinische Karfreitagsliturgie anstimmte oder mit tiefem Bass und Himmelsblick «Vergib mir meine Sünden» sang, worauf unser Knappenschänkenwirt sich nicht lumpen ließ und mit reuigem Mienenspiel eine Runde spendierte.
Verstehen konnte ich schon, dass es Gregor von Anfang an merkwürdig vorkam, dass ein Mensch wie Hassan genauso aufgewachsen und zur Schule gegangen, bei den Pionieren und der Freien Deutschen Jugend mitmarschiert sein sollte wie wir. Ebenso seltsam fand auch ich, dass offenbar niemand aus seiner Familie unter den Nazis irgendeinen Schaden erlitten hatte.
Er spielte mit uns, keine Frage. Er verstand es trefflich, einen Menschen zu analysieren und dann umso gezielter auf ihn einzugehen. Mich störte das nicht, ja, es gefiel mir, wenn sich ein Freund um mich kümmerte, wenn er mich mit weiblicher Begleitung einlud und mir hinterher auseinandersetzte, was er von der jeweiligen Frau hielt.
Doch dass wir über Jahre hinweg so etwas wie Labormäuse für Hassan waren, ihm vielleicht genau die Ergebnisse brachten, auf die er aus war, kam mir nicht in den Sinn. Jetzt war er krank, und ich hielt es durchaus für meine Pflicht, etwas für ihn zu tun. Etwas, das ich leisten konnte.
Er bedankte sich verlegen. «Ich werde es nicht mehr gutmachen können, alter Waldschrat», sagte er, drückte meinen Arm, und wir folgten der blutjungen Verkäuferin zur Kasse. Ich zwinkerte dem Mädchen zu, als ich meine Karte hinreichte, zu spät hinreichte, um ihren Blick noch auf mich ziehen zu können. Hassan lächelte sie an, eine Kapitulation sein Lächeln, ein älterer Knabe, der es nicht wagte, Hoffnungen zu nähren. Und doch flirtete sie mit ihm, und verschwörerisch nickte er ihr zu, was mich peinlich berührte, denn fast zeitgleich verneigte er sich mit einem ihr unsichtbaren Augenaufschlag vor mir, seinem Publikum.
Wir nahmen jeder unsere Tüte, knöpften die Mäntel zu, denn draußen hatte es nach einer Reihe von sonnigen Tagen zu schneien begonnen, ich meine Kutte, Hassan seinen schweren schwarzen Paletot. Aber das Mädchen im engen mausgrauen Kleid fragte noch, wohin es denn gehen solle, und Hassan blieb für die Zugabe einen Augenblick stehen und sagte: in die Südsee, weil das Wort Südsee die Träume einer Verkäuferin vermutlich mehr anreizte als die Erwähnung einer Allerweltsurlaubsinsel im Atlantischen Ozean.
Für sie wurden wir nun endgültig zu zwei exotischen Figuren, zumal, wer Hassan sah, auch so schon darauf kommen konnte, dass er keinen gewöhnlichen Menschen vor sich hatte, allein sein altmodischer Zopf. Gütig ruhte sein kaum wahrnehmbarer Silberblick auf einem oder wirkte derart abwesend, dass es sein Gegenüber frieren konnte. Sie wäre nicht erstaunt gewesen, wenn er sich als Politikchef einer eben noch verbotenen irisch-republikanischen Tageszeitung, als Schiffskapitän oder als Solo-Bass bei den Donkosaken vorgestellt hätte. Aber einen Sachbearbeiter für irgendwas, einen Versicherungsvertreter oder eben den vergrämten Inhaber eines kleinen Büros mit einer weiblichen Teilzeitkraft für Englisch- und Französischübersetzungen, die sich daran gewöhnt hatte, ihr Salär in kärglichen Dosierungen zu erhalten, hätte sie niemals in ihm vermutet.
Hassan tippte an die unvermeidliche Baskenmütze, die wie die biederen schwarzen Schuhe und die braune Manchesterhose seinem abenteuerlichen Gesamteindruck kaum etwas anhaben konnte, und wandte sich zum Gehen, nicht ohne sich bei der einfältigen Schönen überschwänglich für die gediegene Beratung zu bedanken. Das hatte er von jeher im Sinn: Frauen sich geneigt zu machen, am liebsten sich erobern zu lassen und ihnen traurig nachzuschwärmen, um dabei mit seinem Alter zu kokettieren – dem langen Abschied vom vollen Leben, den er wohl mit dem ersten ausgefallenen Haar angetreten hatte, verbal zumindest. Wie hätten wir uns auch vorstellen sollen, dass er litt, wo er uns doch immerzu Demut und Selbstbeherrschung antrainieren wollte.
Anders als ich konnte er Misserfolge wegstecken, geduldig auf nicht angekündigte Züge warten, wenn es sein musste, oder ohne zu murren stundenlang im Stau ausharren. Er verblüffte uns damit, dass er quasi auf Befehl in Tiefschlaf fiel, was er uns Kindern, wie er sich gern ausdrückte, bereitwillig vorführte, wissend, Psycho würde ihm den Puls fühlen, das Lid nach oben ziehen und zugeben müssen, dass er tatsächlich schlief.
Wir nahmen die Rolltreppe nach unten, traten über die warme Luftdusche, die uns aus den Rosten in die Hosenbeine fuhr, auf den Marktplatz hinaus, wo Händler im Schneegestöber Stände abräumten, Apfelsinenkisten und Blumensträuße in Kleintransporter verluden und ein Clown mit einem lethargischen Esel neben sich auf Spenden wartete.
War das nicht wieder mal ein perfektes Stück Disziplin, wie er sich hielt an diesem Abgrund? Ich sagte, um ihn aufzumuntern: «Nicht mehr lange, und wir lagern mit Cocktails am Meer.»
Hassan, der Gedankenleser, nickte schwermütig. «Wolfram, ich werde dich auch vermissen.» Er kniff die Augen zusammen, legte den Arm um meine Schultern und erzählte mir von zwei Jidden, die nach Amerika fahren, und als das Schiff untergeht, ruft der eine: Der Dampfer sinkt!, und der andere, Onkel Joschi nämlich, antwortet: Nu, isses dein Dampfer?
GREGOR WAR SEINE FRAU AUF ÄHNLICHE WEISE losgeworden wie ich, und das verband uns. Seine Stelle hatte der Chefarzt eingenommen, meine ein Gymnasialdirektor, in dessen Vorzimmer Thea lange genug herumgestakst war. Hassan hatte beide Desaster für exemplarisch befunden, und ich zog Lehren daraus, nicht aber Gregor. Bei ihm dauerte es nämlich keine zwei Jahre, bis er wieder heiratete.
Für mich kam dergleichen nicht in Frage. Wann immer es auf ein Zusammenleben hinauslief, brach ich die Beziehung ab. Das war oft passiert, und doch war ich zufrieden gewesen, bis im Frühsommer Nelli Kock arbeitsuchend in meinem Büro auftauchte. Ihre Stimme hatte mich am Telefon an die meiner Tochter erinnert, doch klang sie weich. Ohne den zögerlichen, manchmal unterwürfigen Tonfall anderer Bewerberinnen hatte sie gesagt: «Ich würde mich gern bei Ihnen unentbehrlich machen.» Ein freundliches Angebot, keine Bitte. Dass sie, wie sich im Verlauf des Telefonats herausstellte, älter war, als ich sie ihrer Stimme nach geschätzt hatte, steigerte meine Neugier.
Ihre Ankunft wurde mir von Ines Brandstätter gemeldet. «Du hast einen Termin mit einer Dame Kock?», säuselte sie durchs Telefon. Sie ahnte schon, dass es sich um ihre Nachfolgerin handeln könnte, nachdem von Gästen und Personal wiederholt Beschwerden laut geworden waren. Sie brachte Termine durcheinander oder vergaß sie. Der Regierungspräsident war mit seiner alten Mutter empört wieder abgezogen, weil sie die beiden ins Vereinszimmer gesetzt hatte, in dem noch ein Trupp Gewerkschaftsfunktionäre vor sich hin dümpelte. Weil ich ihrem Mann einen Gefallen schuldete, hatte ich sie seinerzeit aus dem Kombinat mitgenommen. Offenbar leitete sie daraus eine unbefristete Arbeitsplatzgarantie ab, zumal es auch beim althergebrachten Duzen geblieben war.
«Soll eintreten!», rief ich.
Die Tür wurde schwungvoll geöffnet. Ines, die Klinke noch in der Hand, zwinkerte mir zu und sagte nach draußen: «Bitte, junge Frau, Herr Meister wartet schon!»
Und Nelli, ohne dem Zerberus eine Geste des Dankes zu gönnen, zauderte kurz und nahm mich dann neugierig in Augenschein. Sie kam auf den Schreibtisch zu, blieb auf halbem Weg stehen.
Es war der Moment, in dem ich wusste, dass es mit uns klappen würde. Sie war kurzhaarig, was ich nicht erwartet hatte, groß und übermäßig schlank, was ich auch nicht erwartet hatte. Obwohl sie mir ein einnehmendes Bewerbungslächeln schenkte, glaubte ich, eine Spötterin vor mir zu haben. Sie wirkte längst nicht wie Anfang dreißig in ihrem schlichten olivgrünen Kleid, den grauen Stiefeletten. Ein leichter Pfefferminzduft kam zu mir herüber. Ich wollte mich erheben, um sie zu begrüßen. Das Telefon klingelte dazwischen, und Frau Meier stellte den Koch durch. Er rief aus dem Großmarkt an, weil er sich mein Einverständnis für ein paar Pfund verbilligten Kaviar, zehn zusätzliche Kartons Château Pétrus und andere Posten einholen wollte. Ich sank zurück in den Sessel.
Der Knall eines Überschalljägers trieb einen zitronengelben Falter zum Fenster herein, der flatterte zu mir herüber und setzte sich auf den Aschenbecher. Nellis dunkle Augen folgten ihm, und ich hatte das Gefühl, dass sie auf diesem Weg auch alles andere im Zimmer erfassten: die Papierberge in den Ecken, die bei der Zimmerreinigung mit dem Staubsauger umrundet worden waren, und den Kaffeefleck auf meinem Schlips, auch meine Schuhe, die ich vergessen hatte, rechtzeitig wieder anzuziehen.
Obwohl ich ihr mit der Hand einen Sessel zuwies, blieb sie stehen, vielleicht um mir ihren Gesamteindruck zu präsentieren. Ihre Beine waren dünner, als ich es an Frauen mochte, aber so wie sie das eine etwas vorsetzte, den Fuß auf dem Absatz leicht ankippte, stellte ich sie mir statt an der Rezeption unweigerlich im Bett vor. Das Riemchen ihrer Ledertasche schnitt zwischen die kleinen Brüste. Ich zog den Schreibtischkasten auf, griff nach einem Blatt Papier, um mir wenigstens die dreistelligen Positionen des Küchenchefs aufzuschreiben. Meine Füße suchten derweil unter dem Tisch nach den Schuhen. Sie nutzte den Moment, um den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen und ihn in ihrer Tasche zu entsorgen. Es handelte sich, grob überschlagen, um eine Summe weit über dem Limit, die Zwinscher ausgeben wollte. «In Gottes Namen, ja!», brach ich seinen Redeschwall ab. Wahrscheinlich stammte der Tipp, mich gerade jetzt anzurufen, von Ines Brandstätter, der Kuh.
«Nun zu Ihnen!» Ich stand auf, ging rüber zu den Sesseln und sagte: «Setzen Sie sich.» Ich lehnte mich zurück und versuchte, mich locker zu geben. «Wie sind Sie auf uns gekommen? Naschen Sie gerne in der Küche?»
«Das auch», sie ging auf meinen Ton ein, «aber ich habe früher mal hier übernachtet, und das hat mir gefallen.» Sie versuchte, ein bisschen unzüchtig auszusehen, ich sollte wohl glauben, dass sie mit Kerlen hierhergekommen war. Ich stellte mir ein halbes Zimmer vor, dem sie entfliehen musste, nur zwanzig Zentimeter Raum zwischen Tisch und Bett, Eltern, die hinter der mit Postern beklebten dünnen Wand schliefen.
Ich musste säuerlich dreingeschaut haben, denn ich sah sie schmunzeln. Sie hatte gespürt, dass sie schon jetzt, nach den ersten fünf Minuten, Eifersucht in mir entfachen konnte, sich mein Misstrauen gegen jeden richten würde, wenn es erst einmal ausbrach.
Mit lebhaften Gesten wickelte sie ab, was ein Lebenslauf sein sollte. Geboren dort und dort, Abitur gemacht, fünf Semester Jura, dann Fachschulabschluss in Gastronomie, Bezirksmeisterin im Florettfechten. Sie lächelte, schob eine imaginäre Haarsträhne zur Seite. Ich fragte mich, ob die Erwähnung einer Florettklinge in irgendeinem Zusammenhang mit einer Bewerbung bei mir stand. Nun gut, sie war noch jung und ich ein Mann von Mitte vierzig, der Mühe hatte, sich in einen englischen Sattel zu schwingen.
Sie schlug die Beine übereinander, zog sich dabei das Kleid zurecht. Es war an der Zeit, arbeitgeberisches Interesse zu zeigen, und ich bekam prompte Antworten. Das Jurastudium habe sie aus Frust abgebrochen, in einem Hotel wolle sie arbeiten, weil sich bunte Fische dort tummelten, von denen sie sich den fettesten angeln würde, und so weiter. Ich schmunzelte zurück. Auf erfrischende Weise stand die Frau zu allem, was Hassan und ich den Weibern unterstellten. Ich rief die Meier herein. Ich hätte sie telefonisch anweisen können, einen Arbeitsvertrag vorzubereiten, doch ich wollte sehen, wie das erste Aufeinandertreffen ausging. Wie die meisten meiner Angestellten gehörte mein altes Fräulein einer freikirchlichen Gemeinschaft an; nach solchen Mitgliedschaften hatte ich das Personal ausgewählt. Mochten einige verschroben wirken, niemand würde in die Kasse greifen, Handtücher mitgehen lassen, sich krankmelden, wenn’s nicht ans Sterben ging. Hoffte ich jedenfalls. Es wurde Zeit, dass ich mit Nellis Einstellung endlich etwas für mich tat.
