Sterben üben - Kathrina Feist-Merhaut - E-Book

Sterben üben E-Book

Kathrina Feist-Merhaut

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Beschreibung

Katharina Feist-Merhaut möchte am Beispiel ihrer Großma sterben üben. Sie beobachtet, fragt, notiert exzessiv die Großmuttersätze, bricht ab, um an anderer Stelle weiterzumachen. Die Großma stellt sich bereitwillig zur Verfügung. Sie teilt ihre Erfahrung, erzählt mit viel Schmäh von ihren verstorbenen Männern, den Saunadamen, den Schmerzen und den liebevoll umsorgten Blumen. Und sie fordert die Erzählerin heraus: Was willst du verstehen über den Tod? Auf der Suche nach möglichen Antworten stellt sich die Enkelin der Vergangenheit, ihren bisherigen Erfahrungen mit dem Sterben, dem Doppelsuizidversuch der anderen Großeltern. Währenddessen verschlechtert sich der gesundheitliche Zustand der Großma und ihre Bedürfnisse treten in den Vordergrund. Katharina Feist-Merhaut hat sieben Jahre lang an "sterben üben" geschrieben. Das Ergebnis ist ein berührendes Debüt, das sich unerschrocken großen Fragen widmet: Wie lernen wir sterben? Welchen Einfluss haben unsere Erfahrungen und Prägungen? Wie können wir uns umeinander kümmern? Welche Rolle spielt die Familie dabei und gibt es Alternativen? "sterben üben" zeichnet sich aus durch seine Unmittelbarkeit, Nähe und Unverstelltheit. Eine Lektüre mit beeindruckend großer Wirkung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Katharina Feist-Merhaut

STERBEN ÜBEN

Roman

Katharina Feist-Merhaut

STERBEN ÜBEN

Roman

für meine großen Mütter

Elf Antworten auf eine Frage

Ja.

Nein.

Ich habe viele Seiten geschrieben und hoffe schon, dass die andauernde Beschäftigung einen Unterschied macht.

Zumindest versuche ich es mir einzureden. Sonst müsste ich aufhören zu schreiben.

Ich glaube, es geht nicht ums Besserwerden.

Ich übe, um mich anzunähern.

Ich übe, um mit meiner Angst umzugehen.

Ich will vorbereitet sein.

Bedeutet das, weniger Angst zu haben?

Ja?

Dann ja.

Eine Freundin stellte mir die Frage: „Und, wirst du besser beim Sterben?“ Ich habe ihr mit Nummer vier geantwortet. Sie fragte weiter: „Und wie viele Sätze brauchst du noch? Ist ein Ende in Sicht?“

SAMMELN

„Ich notierte das alles als Gepäck für das was kommen würde.“

Hélène Cixous

spielst du Telepathie mit mir? Ich hab gerade gedacht, jetzt könntest du anrufen, und da hat es schon geläutet

Seit ich ihre Sätze sammle, rufe ich sie jeden Tag an.

ich kann fast nicht reden, krieg keine Luft

Die ersten Minuten am Telefon sind ein Warten. Ich höre

Keuchen, den Rollator quietschen, meist ein

gleich

ich

komm

schon

wart wart wart

Ein lautes Ausatmen, sie ist beim Sessel angekommen. Ich spreche, während sie Luft sammelt. Mit einem Redeschwall übernimmt sie das Gespräch, als könne sie die Zeit aufholen.

weil ich ja immer recht nett frisiert bin und liebe Augen hab. Die glauben alle nicht, dass ich so Schmerzen hab, weil ich so blendend ausschau und so ein lustiges Wesen hab

Auch ich merke ihr die Schmerzen oft nicht an. Ich frage mich, ob das an ihrem Schmäh liegt.

und so langsam bin ich, wenn ich die Tabletten in der Früh nehm. Aber ich hab ja den ganzen Tag Zeit

Die Nacht verbringt sie damit, die Tablettenschachteln zu füllen. Gegen halb eins beginnt sie zu geistern. Verlässt das Bett in Richtung Toilette, geht in die Küche, räumt das Geschirr vom Vortag in die Spülmaschine, kocht sich einen Tee oder eine warme Milch, setzt sich dann an den Tisch im Wohnzimmer. Auf einem Zettel stehen Anweisungen, in welcher Zusammenstellung wann und wie viele Tabletten einzunehmen sind. Das Zerteilen für die halben Dosen nimmt die meiste Zeit in Anspruch, die tauben Finger machen das Einlegen in den Tablettenschneider schwer, die halben Tabletten springen vom Tisch und spielen Verstecken auf dem Teppich.

die Einlagen kann ich doppelt nehmen, aber das andere ist die seelische Belastung

Davor sagt sie einen Satz, den ich fast nicht notiert hätte: Die Inkontinenz ist schlechter geworden.

Jeden Tag um fünfzehn Uhr erinnert mich das Handy: Großma anrufen. Ich setze mich an den Schreibtisch. Der kleine rote Spiralblock, in dem ich die Sätze sammle, liegt bereit auf einem Beistelltisch aus dunklem Holz, mit glänzender Oberfläche und geschwungenen Beinen. Er hat meiner anderen Großmutter gehört.

weißt, was ich für ein dumpfes Körpergefühl hab, der ganze Körper ist so brrr wääh bäääh

Ich habe die Schwierigkeit des Mitschreibens unterschätzt. Die Prozesse, die auf dem Weg vom Mund zum Ohr und vom Ohr zur Hand passieren. waist was i fiar a dumpfes kiarpagfühl hob ähh där gonze kiarpa is so mhm br wäeeh beeeäh

Das ist nicht mitschreiben. Das ist übersetzen.

ich kann mit dem Fuß kein Tempo machen, gar nichts. Und wenn es im Wasser nicht geht, kannst dir vorstellen

Bisher konnte sie ihren senkrecht im Wasser stehenden Körper mit kleinen Bewegungen der Beine langsam von einem Beckenrand zum anderen bewegen.

ich hab heute in der Früh ein ziemlich starkes Schmerzmittel genommen, absichtlich. Musste heute ja eine Sachertorte backen

Dieses nachgeschobene absichtlich. Kochen ist ihre Art sich zu kümmern. Sie besteht darauf, die Geburtstagstorte für Marcus, meinen Partner, zu backen.

wir sagen einschlafen, weil es friedlich klingt

Einschlafen ist ihr Wort für sterben. Mir ist es zu spezifisch. Es erzeugt die Vorstellung von einem gleitenden, sinkenden, einem sanften Aufhören.

Wie sehr mich ihre Vorstellung trotzdem prägt, merke ich während der Lektüre eines Essays übers Schlafen von Anne Carson. Ich lese „schlafen“ und denke „sterben“. Vor allem die problematischen Verhältnisse zum Schlafen lassen sich gut übertragen. Die Schwierigkeit loszulassen, zur Ruhe zu kommen, der quälende Übergang, das ewige Treiben zwischen Zuständen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist das eigene Bett. Es gilt als idealer Ort. Zum Schlafen und Sterben.

Bei Carson lese ich auch von der salbenden Wirkung, die John Keats dem Schlaf zuschreibt. Er allein kann den Tod, der seit unserer Geburt an uns hängt, verhüllen.

Eine ähnliche Wirkung schreibe ich dem Wort „einschlafen“ zu, wenn es als Synonym für „sterben“ verwendet wird. Es hat eine salbende Wirkung, verschleiert.

heut hab ich ein liebes Erlebnis in der Sauna gehabt

Liebes Erlebnis zieht mich zu einem anderen Satz: der Horsterle hat mich immer gestreichelt – das war supi

Der Horsterle war ihr zweiter Mann.

Eine Studentin, die ungefähr in meinem Alter war, hat eine Stunde lang in der Sauna tratsch-tratsch-tratsch mit ihr gemacht. Sie erzählt mir, was ihr die Studentin erzählt hat und wie sie ihr nach dem Duschen beim Rückeneinschmieren geholfen hat.

ich hab die ganze Nacht fast nichts geschlafen. Das hängt mir jetzt nach. Ich hab trotzdem die Fenster geputzt, damit man raussieht

Dieser Satz enthält ein Muster, das bei ihr häufig vorkommt: Einer Zustandsbeschreibung stellt sie ein Trotzen entgegen. So funktioniert auch einer meiner Lieblingssätze: ich bin ein saumüdes Objekt mit diesen Pulvern und saukalt ist mir. Jetzt hab ich mich ins Bett gelegt und schau fern und ess eine Mandarine. Ich finde es besser, man macht dann was zur Entspannung

ich konnte nicht gehen, nicht sitzen, nicht liegen – ein 10er-Schmerz war das

Ich behandle die Wörter wie Werte eines Befundes und versuche eine Lesart zu finden, die mir Informationen über ihren Zustand geben kann.

auf die Spritzen hab ich heute Nacht geschwitzt wie eine Drecksau, nicht wie ein Schwein

Manche Sätze erzeugen so große Unruhe in mir, dass ich überzeugt bin, es handle sich um Vorboten ihres Sterbens.

hallo meine liebe süße kleine große dicke dünne Puppe, bei uns im Haus ist schon wieder jemand eingeschlafen

Ich stehe am Parkplatz vor dem Haus. Ein langer Bau, errichtet 1959 von der Stadt Wien. Ein Gemeindebau mit acht Stockwerken, drei Stiegen mit je vierundzwanzig Wohnungen und einem Keller mit Waschküche. Die Wohnungen am linken Ende des Gebäudes, dazu zählt ihre Wohnung, wurden nachträglich mit Balkonen ausgestattet. Hinter dem Gebäude ist eine kleine Grünfläche mit Sitzbänken, daran grenzt noch ein Gemeindebau, dann wieder eine kleine Grünfläche mit Sitzbänken, dann noch ein Bau.

Ich stehe vor der Eingangstüre zu ihrer Stiege. Letztes Jahr wurden die Namen auf den Klingelschildern gegen Nummern getauscht. Und obwohl ich in letzter Zeit häufig hier bin, habe ich immer noch Angst falsch zu klingeln. Während der Zeit, bis sie sich meldet, suche ich in meinem Handy nach der Notiz mit der richtigen Türnummer, überlege, ob sie eingeschlafen ist. Ich will sie gerade anrufen, da bellt es aus der Sprechanlage: ich bin schon da, komm schon Sie sitzt auf ihrem Sessel in der rechten Ecke des Wohnzimmers. Neben ihr ein Sessel, auf dem ein Korb steht, in dem sie all ihre Papiere sammelt. Briefe, Rechnungen, Krankenbefunde, Medikamentenlisten, Sudokus und Rezepte, die sie aus Zeitungen herausgerissen hat. Auf dem Tisch vor ihr liegt alles, was sie in Griffweite braucht. Der Kalender, das Telefon, die Medikamentenkisten, eine Zeitung, zwei Sudoku-Blöcke, ein kleines Messer mit schwarzem Griff, eine Plastikflasche mit Mineralwasser, eine Bierflasche, ein Plastikeimer für den Müll. Heute liegt außerdem noch ein weißes Plastikbrett vor ihr. Darauf Knochen mit Fleischresten dran, einen davon kiffelt sie gerade genüsslich ab. Ich greife automatisch zum Handy. Frage, ob ich sie filmen darf. Sie nickt. Ich habe Angst, diesen Moment nicht ausreichend beobachten zu können, wichtige Details zu übersehen.

das ist jetzt etwas Wirkliches. Es ist wahr

Wann immer wir über das Sterben sprechen, erzählt sie von ihren Männern. Abhängig von ihrem Zustand, verändern sich die Formulierungen. Meist leitet sie mit einem Satz ein, der die Echtheit bezeugt. Spricht dann von ihrem ersten Mann, der mit zweiunddreißig Jahren an Nierenversagen gestorben ist. da war die Taktik, ihn ins Badezimmer zu schieben, das war das Sterbezimmer, weil er so geschrien hat. Du hast gewusst, jetzt ist es aus. Da gab es keine Sterbebegleitung Beim Sprechen über ihren zweiten Mann gibt es ein Wort, das nie fehlt: ihr Wort für „sterben“. ein Zimmer auf der Sterbestation. Da hab ich mich auf die andere Seite gesetzt, hab seinen Kopf auf meine Brust gelegt und hab ihn gestreichelt und dann ist er eingeschlafen. Das war so ein lieber, friedlicher Abschied

ich hatte so eine Schmerzattacke heute, dass ich nicht gewusst habe, ob ich ein Mänderl oder Weiberl bin

Oft verwendet sie Redewendungen und Vergleiche, um ihren Zustand zu beschreiben: es ist zum Aus-der-Haut-Fahren; als hätte der Blitz mich getroffen; wie eine Salzspritze direkt ins Knie; als würde jemand zudrücken – Quetschhals, Drückhals, Würghals

Manchmal probiert sie es mit einer Skala. Ein 10er-Schmerz bedeutet, nicht gehen, sitzen und liegen zu können. Einschränkungen werden zum Messinstrument.

momentan absolutes Sauna- und Schwimmverbot

Ein Satz, der mir Angst macht. Am Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag geht sie üblicherweise in die Sauna. In ihrem Kalender steht an jedem zweiten Tag in Großbuchstaben über den ganzen Vormittag „SAUNA“. Die Besuche strukturieren ihre Woche.

du hast angerufen? Da war ich wahrscheinlich gerade Mist ausleeren

Ich versichere mich, dass sie noch lebt. In den letzten Tagen war das meine Hauptbeschäftigung.

das bricht einem das Herz, wenn man sieht, wie die Blumen

Nach meinen Besuchen beginnen Telefonate stets mit einer Zustandsbeschreibung der mitgebrachten Blumen.

Sie schickt mir ein Foto ihrer neuen Medikamentenliste und schreibt: „Was sagt Marcus dazu?“ Marcus ist Arzt. Ich rufe sie an und frage, warum sie ihn nicht direkt fragt. ich will ihn nicht im Krankenhaus stören „Er schaut doch eh nur aufs Handy, wenn er Zeit hat.“ aber nicht, dass er sich verpflichtet fühlt Ich lache und leite das Foto weiter. Marcus schreibt ihr direkt zurück. Großma ruft mich an: ich habe gerade mit deinem Schatz geflirtet

in der Früh tut erst mal die Kniescheibe weh, dann massiere ich sie, dann setze ich mich auf, dann tun die beiden Hüften weh, dann gehe ich mit dem Rollator und bring alles in Ordnung und dann, wie ich stehe, meldet sich die Körpermitte, die Wirbelsäule, und dann geht es wieder von vorne los, bald scheiß ich drauf

Die Schmerzen sind allgegenwärtig. Ihre Verzweiflung darüber bringt sie nur selten zur Sprache.

Vier kleine Spiralblöcke habe ich bereits mit ihrem Sprachmaterial gefüllt. Ich würde meine Auswahl gerne besser verstehen. Doch es ist ein automatisches Mitschreiben von Sätzen, die mich anziehen.

ich hab momentan ein Problem mit meinem Körpergestell Ein neues Wort geistert durch ihre Sätze. Ich stelle mir den Körper wie einen Setzkasten vor, der mit allem Möglichen zugestellt ist. Doch sie ist schon beim nächsten Thema, erzählt mir von der Nachbarin im ersten Stock, die vor einigen Tagen überraschend in eine Pflegeeinrichtung gezogen ist. Ich stehe vom Schreibtisch auf, räume die Bücher zurück ins Bücherregal, stelle die leere Kaffeetasse in die Spülmaschine. Während sie über all die lieben Erlebnisse berichtet, die sie mit der Frau aus dem ersten Stock verbindet, beginne ich die Aubergine fürs Abendessen vorzubereiten, schneide sie in dicke Scheiben, lege sie auf dem Holzbrett auf, salze sie großzügig, damit sie Wasser verliert. Sie fragt mich, was sie der Tochter der Nachbarin mitgeben soll. Ich schlage Blumen vor, doch sie hat schon eine andere Idee: Kirschen, die liebt sie auch so wie ich Während ich die Wäsche abnehme und zusammenlege, überlegen wir, ob es zu viel Belastung für die Tochter ist, wenn Großma ihr nur das Geld gibt und sie bittet, die Kirschen zu besorgen. Ich halte inne, lege die Wäsche beiseite. Ihre Stimme hat sich verändert. innerhalb von zwei Wochen hat sie plötzlich vergessen, ist nicht mehr zur Ärztin, ihre Medikamente, hat sich Essen gekocht und in der Küche stehen gelassen, hat ihren Urenkel nicht erkannt – heute haben sie schon angefangen die Wohnung auszuräumen. Die Tochter hat ein Unternehmen beauftragt, die schmeißen alles weg, traurig ist das. Wenn du das nächste Mal kommst, müssen wir schauen, was du von meinen Sachen noch brauchen kannst Schon öfter hatte sie den Wunsch auszumisten. Ein Versuch war, mir möglichst viel zu schenken.

Dinge, die ich nicht ablehnen konnte:

Schreibmaterialien aus den Vorräten ihres zweiten Mannes

ein schwarzes Kleid

einen Salz- und Pfefferstreuer

einen Teppich

Semmelknödel aus dem Tiefkühlschrank (4 × 4)

es gibt heißen Apfelstrudel. Ich hab mir gedacht, wer mich heute besucht, bekommt ein Stück

An ihrem Geburtstag kommt einer der ältesten Tricks zum Einsatz: Anlocken mit Essen. Ich habe nicht viele Kindheitserinnerungen an sie, die nichts mit Essen zu tun haben. Als ich klein war, hatte meine Mutter kaum Kontakt mit ihrer Ma. Das lag bestimmt auch an Großmas zweitem Mann, der seine Frau gerne für sich hatte. Ein Zustand, der auch die Kindheit meiner Mutter sehr geprägt hat. Ihr Vater starb, als sie ein Jahr alt war, und zwei Jahre später heiratete ihre Ma wieder.

Ich erinnere mich an den Geruch von dampfendem Apfelstrudel und eingelegten Rumrosinen. Die Anweisung, sich nur ein Vanillekipferl aus der Keksdose zu nehmen. Die Konsistenz der Fischsuppe, die sie in der Weihnachtszeit kochte. Ihren freudigen Gesichtsausdruck beim Abkiffeln der Knochen. Ihr geschminktes Gesicht, der Lidschatten war abgestimmt auf die Farbe der Kleidung. Ein Bild, und ich bin unsicher, ob es eine Erinnerung an ein Foto ist: Sie sitzt in der Hollywoodschaukel im Gartenhaus, trägt einen bunten Badeanzug, ihr Kopf ist in den Nacken geworfen, sie lacht mit weit geöffnetem Mund.

Mir fällt noch ein Bild ein, obwohl es eigentlich meine Mutter zeigt. Wattepads liegen unter ihren geschlossenen Augen, die Wimpern liegen darauf und sind angemalt. Wann immer Großma bei uns zu Besuch war, hat sie meiner Mutter die Wimpern gefärbt. Während meine Mutter die Augen für eine gefühlte Ewigkeit geschlossen halten musste, durfte ich mit dem Werkzeugkoffer spielen, mit dem Großma zu anderen Leuten ging, um ihnen die Haare zu schneiden. Nur die drei großen Scheren durfte ich nicht anfassen.

Bevor ich anfing diesen Text zu schreiben, bestand unsere Beziehung aus Einladungen zum Essen, die erst nach dem Tod ihres zweiten Mannes regelmäßig wurden. Sie hat gekocht, hat Schweineschmalz in mein fleischloses Essen geschummelt, weil sie Angst hatte, dass es mir als Vegetarierin an etwas mangelt.

zum Geburtstag haben mich sechsundzwanzig Leute angerufen und vier Blumensträuße habe ich bekommen. Nach Opas Beerdigung hatte ich vierzig Vasen voll Blumen zu Hause

Der Tote bekommt vierzig Vasen.

Die Lebende bekommt vier.

Ein Freund meines Vaters hat mir vor einigen Jahren ein Buch aus seiner Bibliothek geschenkt. Ein Ausstellungskatalog mit dem Titel „Erst wenn einer tot ist, ist er gut“. Der Freund meines Vaters ist mittlerweile verstorben und ich habe seitdem öfter an ihn gedacht.