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2033: Ein neues Virus breitet sich aus Afrika kommend rasend schnell über den Erdball aus. Die Sterblichkeitsrate ist erschreckend hoch, deshalb kommt es weltweit zu Flüchtlingsbewegungen, was jedoch die Ausbreitung der Seuche nur noch mehr beschleunigt. Dann wird klar, dass die Sterblichkeit möglicherweise bei 100 Prozent liegen könnte. Schnell wird erkennbar, dass es nicht mehr um das Überleben möglichst vieler Menschen geht, sondern vielmehr darum, dass die Menschheit überhaupt noch überlebt, wenn auch nur im Rahmen einer sehr kleinen Minderheit. Die UNO ruft daher das 10.000-Familien-Rettungsprogramm aus. Zu diesen Familien gehören die 13-jährige Amelie und ihr 10-jähriger Bruder Finn mit ihren Eltern. Doch dann kommt alles anders als gedacht und die Kinder müssen nicht nur die Seuche überleben … Jetzt um einen Teil 4 ergänzt mit neuem Ende.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2023
Hauke Lenz
Sterblichkeit:
100 Prozent
Science-Fiction-Roman
Copyright: © 2024 Hauke Lenz
Hauke Lenz, Klinikum Coburg, Ketschendorfer Str. 33, 96450 Coburg
Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Titelbild: © 4492496 by Iakov (depositphotos.com)
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
Softcover
978-3-384-27458-8
Hardcover
978-3-384-27459-5
E-Book
978-3-384-27460-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Teil 1
07.01.2033 Bergland im Westen Kameruns – Grenzgebiet zu Nigeria
11.01.2033 Bergwald nahe Nigba /Kamerun
18.01.2033 Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen
21.01.2033 Murrhardt / Schwäbisch-Fränkischer Wald (nahe Stuttgart)
02.02.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
04.02.2033 Paris / Frankreich
05.02.2033 Murrhardt / Schwäbisch-Fränkischer Wald (nahe Stuttgart)
06.02.2033 Lyon / Frankreich
07.02.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
09.02.2033 Murrhardt
10.02.2033 Murol / Massif central / Frankreich
12.02.2033 Murrhardt
13.02.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
13.02.2033 Murol / Massif central / Frankreich
13.02.2033 Murrhardt
14.02.2033 Murol
14.02.2033 Murrhardt
14.02.2033 Murol
15.02.2033 Frankfurt/Main
15.02.2033 Murol
16.02.2033 Frankfurt/Main
Teil 2
18.02.2033 Salomon-Inseln / Westpazifik
18.02.2033 New-York/UNO-Hauptquartier
19.02.2033 Insel / Westpazifik
20.02.2033 Morro Bay / Kalifornien
26.02.2033 Delta / Westpazifik
15.03.2033 Valparaiso / Chile
16.03.2033 Delta / Westpazifik
17.03.2033 nichts außer Wasser und Himmel / mittlerer Pazifik
19.03.2033 hoch über dem mittleren Pazifik / nahe Tuamotu-Inseln
19.03.2033 Delta / Westpazifik
21.03.2033 hauptsächlich Wasser und Himmel / Westpazifik
21.03.2033 Delta / Westpazifik
22.03.2033 hoch über dem Westpazifik
22.03.2033 Delta / Westpazifik
23.03.2033 Delta / Westpazifik
24.03.2033 Delta / Westpazifik
27.03.2033 Delta / Westpazifik
29.03.2033 Delta / Westpazifik
Teil 3
31.03.2033 über dem westlichen Nordatlantik
01.04.2033 Gilbertinseln / Westpazifik
01.04.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
01.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
05.04.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
05.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
06.04.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
06.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
08.04.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
08.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
09.04.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
09.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
12.04.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
13.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
13.04.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
21.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
23.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
25.04.2033 Nerlerit Inaat / ostgrönländische Küste
25.04.2033 Irgendwo auf dem vereisten Fjord nahe Nerlerit Inaat
Nerlerit Inaat / Mittagszeit
26.04.2033 Nerlerit Inaat
Irgendwo auf dem vereisten Meer
Teil 4
16. 07.2033 Labrador/Ostkanada:
16.07.2033 Forschungsstation MC Murdo/Antarktis:
16.07.2033 Labrador/Ostkanada:
17.07.2033 Salzbergwerk Bad Friedrichshall/Baden-Württemberg:
17.07.2033 Labrador:
25.07.2033 Bad Friedrichshall/Baden-Württemberg:
05.08.2033 Labrador:
05.08.2033 Labrador:
06.08.2033 Murrhardt:
06.08.2033 Forschungsstation MC Murdo/Antarktis:
07.08.2033 Labrador:
15.08.2033 Ottawa Airport/Kanada:
16.08.2033 Labrador:
21.08.2033 Flughafen Stuttgart:
05.09.2033 Cockburn Town / Bahamas:
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Teil 1
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Teil 1
07.01.2033 Bergland im Westen Kameruns – Grenzgebiet zu Nigeria
Tief im tropischen Regenwald, Morgensonnenschein, der Wald dampft die Feuchtigkeit des gestrigen Starkregens ab. Von allen Bäumen tropft es, extreme Luftfeuchtigkeit. Durchdringendes Vogelgezwitscher und Zikadengesang. In tiefer Waldwildnis ein dunkelgrün getarntes Zelt. Der Reißverschluss öffnet sich: Eine junge Frau kriecht hinaus. Sie steht auf, gähnt und streckt sich. Sie kann ein leises Lachen nicht unterdrücken, als eine Horde von Meerkatzen schreiend durch die Baumwipfel jagt. Die Frau geht einige Schritte dem gewohnten Pfad entlang, bis sie den Bach erreicht. Ein kleiner Wasserfall ergießt sich hier in einen Tümpel. Am Ufer geht sie in die Hocke und berührt gefühlvoll das klare Wasser mit ihren Fingern. Sie betrachtet ihr Spiegelbild, blickt um sich in den Wald und dann nach oben in die hohen Baumwipfel. Zwischen den dichten schattigen Bäumen erreichen hier dennoch einige Sonnenstrahlen den Talgrund und zaubern im Nebeldampf eine fantasievolle Kulisse. Sie schließt die Augen, lächelt und lauscht den unterschiedlichsten Geräuschen der zahlreichen Tiere. Die junge Frau scheint mit der unberührten Natur beinahe zu verschmelzen. So vergehen einige Minuten.
Wieder jagen Meerkatzen durch die Bäume, während zahlreiche Vögel in beeindruckenden Tönen ein melodisches Konzert von sich geben. Die Sonne hat mittlerweile an Höhe gewonnen und verdrängt zunehmend den Morgennebel, während ihre warmen Strahlen die Wipfel der Bäume in ein leuchtendes Farbenspiel tauchen.
Die junge Frau ist ganz bei sich, die Augen nach wie vor geschlossen, ein zufriedenes Lächeln umspielt ihr hübsches Gesicht. Da hört sie ein Knacken aus der Richtung des Pfades, leise aber hörbar. Und vertraute Schritte hinter sich, leise aber wahrnehmbar. Die Schritte verlangsamen sich. Sie hört den leisen unterdrückten Atem und bleibt reglos. Und dann schließen sich vertraute Arme um sie. Sie spürt den Kuss auf ihrem Scheitel: „Guten Morgen, meine Frühaufsteherin.“
„Guten Morgen, mein Langschläfer.“
„Sophie, stell dir vor, die Sippe muss in unmittelbarer Nähe unseres Lagers sein!“
„Wie kommst Du darauf?“
„Die verschiedenen Geräusche der anderen Tiere lassen darauf schließen. Hier ist zurzeit Bewegung im Wald und es muss in unserer unmittelbaren Umgebung sein. Lass uns schnell unsere Kameraausrüstung einsatzbereit machen. Wir dürfen keine Zeit verlieren!“ Doch Sophie zieht ihn zu sich herunter: „Jetzt erst einmal langsam, wir haben den ganzen Tag noch vor uns und wenn wir jetzt in Hektik ausbrechen, haben wir auch nichts dabei gewonnen.“ Dabei zieht sie sein Gesicht an ihres. Ihre Lippen berühren sich und auf einmal erscheint alles andere nicht mehr wichtig.
Einige Augenblicke später: „Pierre, das hier ist echt groß. So etwas wie hier habe ich noch nie erlebt. Ich wünschte, diese Zeit würde niemals enden.“
„So geht es mir auch, Sophie. Bin ja schon auf einigen Expeditionen gewesen. Aber hier und dann auch noch alleine mit dir, das ist unbeschreiblich!“ Nochmals ein inniger Kuss. Schließlich nimmt er ihre Hand und zieht sie nach oben.
„Sophie, wir haben aber auch einen Auftrag und wollen einige Aufnahmen machen. Heute haben wir eine ganz besondere Gelegenheit. Komm, lass uns gleich starten.“
„Du alter Unruhegeist! Aber Du hast recht. Die Sippe sollte ganz in unserer Nähe sein und das dürfen wir uns wirklich nicht entgehen lassen.“
Am Zelt angekommen, macht das französische Biologenpaar die Filmausrüstung startklar. „Lass uns doch schnell noch etwas frühstücken, Pierre. Der Tag wird bestimmt wieder lang.“
„In Ordnung, danach sollten wir aber gleich aufbrechen.“ Wenige Minuten später machen sich die beiden mit ihrer Filmausrüstung auf den Weg. Pierre geht begeistert voraus: „In dieser Richtung müssten wir sie antreffen.“ Die beiden stapfen einen Hang hinauf, zunächst leicht ansteigend, dann immer steiler. Mit der Kameraausrüstung und dem Tagesgepäck im feuchtwarmen dampfigen Wald keine einfache Angelegenheit. Sophie wischt sich den Schweiß von der Stirn. Doch sie beklagt sich nicht. Beeindruckt von der schönen Morgenstimmung und der Aussicht, heute etwas ganz Besonderes zu erleben und mit der Kamera festhalten zu können, folgt sie tapfer den schnellen Schritten ihres Freundes.
Nach einer Weile erreichen sie eine Anhöhe. Pierre duckt sich und gibt Sophie, die einige Schritte hinter ihm folgt, Zeichen unbedingt leise zu sein. Nun kommunizieren die beiden fast nur noch in Zeichensprache. Behutsam tasten sie sich weiter durch das Dickicht. Pierre zeigt nach oben und nickt. Sophie versteht, dass die Tiere in den oberen Baumbereichen ein indirekter Hinweis für das sein können, was sich vor ihnen am Boden abspielt. Sie lächelt und streckt ihren rechten Daumen nach oben. Wieder scheint es Pierre mit seiner Erfahrung von bereits mehreren Expeditionen geschafft zu haben, diese Sippe schnell und treffsicher ausfindig zu machen. Noch einige Schritte, dann kauern sich die beiden auf den Boden. Nach einigen Momenten der ruhigen Beobachtung schleichen sie noch ein paar Schritte auf ihr Ziel zu.
Nun ist auch das Forscherpaar entdeckt worden. Die ihnen vertraute Gorilla-Sippe nimmt Kontakt zu ihnen auf. Sie begrüßen einander mit den vertrauten Lauten. Pierre und Sophie nehmen dabei ehrfürchtig eine gebückte Körperhaltung ein, vermeiden zunächst Blickkontakt. Die Gesichtsmimik und die Laute der beiden jungen Forscher stehen denen der Gorillas kaum in etwas nach. Es kommt sogar zu körperlichen Berührungen. Die großen schwarzen Riesen sind dabei unbeschreiblich zärtlich. Sophie ist dabei so gerührt, dass ihr die Tränen kommen. Geistesgegenwärtig hat Pierre seine kleine Foto-Kamera gezückt und macht ein paar Schnappschüsse von den Riesen und Sophie. Fast scheint es, als wären die Forscher ein Teil dieser Sippe.
Nach dem freundlichen Begrüßungsritual lässt das Interesse der schwarzen Riesen an Sophie und Pierre etwas nach. Routiniert wird die Filmausrüstung aufgebaut und los geht es. Durch ihre Kamera-Linse beobachten sie, wie die ihnen vertraute Sippe sich über die üppig sprießenden grünen Blätter und Sprossen hermacht. Die ganze Sippe von mehreren Tieren widmet sich nun ihrem Tagesgeschehen. Pierre und Sophie können ungehindert filmen. „Schau, wie zärtlich sie mit Baby umgehen. Und selbst Silberrücken strahlt so viel Ruhe und Feinfühligkeit aus. Es ist wie ein Wunder! Es ist so etwas Großes, das mit eigenen Augen sehen zu dürfen und teilhaben zu dürfen.“ Und wieder bricht Sophie gerührt in Tränen aus. Pierre schmunzelnd: „Also, wenn ich dich so sehe, dann sollten wir wohl für immer hierbleiben und nie wieder nach Europa zurückkehren.“
„Ja, für immer hier,“ erwidert Sophie gerührt. Dabei lässt sie sich in Pierres Arme sinken.
Im Laufe des Tages zieht die Sippe langsam weiter. Pierre und Sophie folgen den Tieren stetig. Doch am späten Nachmittag wird es Zeit, sich zu verabschieden. Die beiden Menschen gehen behutsam auf die Sippe zu und nehmen nochmals mit Mimik, Gesten und Lauten Kontakt auf, der von der Sippe freundlich erwidert wird.
Schließlich wenden sich Sophie und Pierre ab und sie treten den Abstieg an. „Wie eigentlich findest du in diesem undurchdringlichen Wald immer den richtigen Weg?“
„Wie meinst du: Den richtigen Weg?“
„Na, ich wäre jetzt da drüben abgestiegen, um unser Zelt zu suchen.“
„Das ist alles Erfahrung. Normalerweise orientiere ich mich am Sonnenstand. Falls Wolken aufziehen, habe ich immer noch den Kompass. Schließlich war mir heute Morgen klar, in welche Richtung wir aufstiegen.“
„Gib es zu, du hast bestimmt für den Notfall einen GPS-Navigator dabei?!“
„Wozu? Wir schaffen das ohne im Allgemeinen besser. Denn wenn die Technik erst einmal ausfallen sollte, dann ist es weitaus besser, wenn man sich nach gesundem Menschenverstand orientieren kann.“
Letztendlich erreichen die beiden relativ geradlinig ihr Zelt. „Ok., ich kann wirklich nicht meckern. Das war heute wieder mal alles aus einem Guss.“
Nach dem Verstauen der Filmausrüstung holt Pierre Wasser vom nahegelegenen Bach. Sophie hat bereits den Kocher angeworfen, es wird Gemüse klein geschnitten und während der Topf vor sich hin brodelt, liegen sich die beiden in den späten Nachmittagssonnenstrahlen, die den Weg zwischen den Baumriesen nach unten gefunden haben, in den Armen und genießen zum wiederholten Male wortlos einen dieser besonderen Momente.
11.01.2033 Bergwald nahe Nigba /Kamerun
Das französische Biologenpaar Sophie und Pierre wandert mit schwerer Ausrüstung bepackt einem schmalen Dschungelpfad entlang, leicht abfallend, einem Bachlauf folgend. Pierre: „Es war nicht nur erlebnisreich, wir haben auch beeindruckende Aufnahmen und Beobachtungen gemacht.“ Sophie nachdenklich: „Ohne Frage. Und ich spüre jetzt zum ersten Mal tief in meinem Innersten, wie nahe diese Artverwandten uns stehen. Man könnte meinen, dass sie uns sogar irgendwie überlegen sind, auch wenn sie zahlenmäßig wenige sind und weniger technisiert sind als wir Menschen.“
„Wie meinst Du überlegen?“
„Diese tiefe Feinfühligkeit, wie sie miteinander umgehen oder auch wie sie mit uns Menschen umgehen, obwohl sie uns kaum kennen. Diese Gastfreundlichkeit uns gegenüber und diese Neugierde, selbst uns völlig fremde Wesen kennen lernen zu wollen. Ach Pierre, wenn auch wir Menschen so mit ihnen umgehen würden!“
„Tun wir doch.“
„Du weißt was ich meine. Die Menschheit als Ganzes, dieser ungestüme Elef – Wirbelsturm meine ich – im Porzellanladen Erde. Ich wünschte, unsere Aufnahmen und Beobachtungen könnten viele Menschen zu einem Umdenken bewegen.“
„Du hoffnungsvolle Optimistin.“
„Wo keine Hoffnung, da auch kein Weg! Wir werden viel Arbeit damit haben, unsere Aufnahmen und Beobachtungen auszuwerten. Doch ich denke, wir werden damit etwas erreichen können!“
„Schön wäre es. Ich fürchte aber, dass wir nur minimal etwas bewirken können. Aber für deine feurige Begeisterung liebe ich dich umso mehr.“ Daraufhin dreht sich der vorausgehende Pierre zu seiner Freundin um und möchte sie trotz der schweren Rucksäcke und Tragesäcke, die den beiden am ganzen Körper baumeln, in seine Arme schließen, um ihr einen Kuss aufzudrücken. Doch Sophie wehrt sich protestierend: „Pierre, du nimmst mich nicht ernst! Wir können etwas erreichen, wenn wir es nur richtig anstellen! Davon bin ich überzeugt! Und jetzt gehe bitte weiter. So schwer bepackt fällt mir das Stehen noch schwerer als das Gehen.“
Schließlich kehrt das Forscherpaar nach wochenlangen Forschungs- und Dreharbeiten aus dem Dschungel ins Bergdorf Voko zurück. Doch die Begrüßung durch die Dorfbewohner fällt anders aus als sonst: Keine fröhlich entgegenlaufenden Kinder, keine Freudentänze, niemand der ihnen gastfreundlich die liebevoll zubereiteten traditionellen Speisen reicht. Stattdessen fast nur Stille. Aus einigen Hütten ist Wehklagen und Wimmern zu hören.
„Was ist hier los?“
„Das frage ich mich auch.“ Die beiden bleiben zunächst am Rande des Dorfes zögernd stehen und laden ihre schwere Ausrüstung ab, die Blicke gebannt auf das Innere des Dorfes gerichtet. Nach einem Moment der vorsichtigen Orientierung geht Sophie weiter auf die Hütten zu. Pierre möchte sie noch aufhalten, sagt jedoch nichts und folgt ihr.
Sophie schlüpft durch den Eingang in eine der ersten Hütten und sieht, wie eine junge Mutter ihr Kind fest umschlungen in den Armen hält und weint. Daneben eine ältere Frau, die zusammengekauert auf dem Boden liegt. Daneben ein älterer Mann, auf dem Rücken liegend, überstreckt mit aufgerissenen Augen. Überall surren Fliegen und ein ungewöhnlicher Geruch. Sophie beugt sich zur jungen Mutter und legt ihr die Hand auf die Schulter. Doch die junge Frau scheint sie nicht wahrzunehmen.
Pierre bleibt nahe einer anderen Hütte stehen. Ein etwa 10jähriger Junge steht am Eingang und kommt ihm langsam entgegen, tränenüberströmt. Der Junge sagt nichts, schüttelt nur den Kopf und bleibt starr vor Pierre mit gesenktem Kopf stehen. Pierre nimmt ihn schließlich in seine Arme. Der Junge sackt zusammen. Nichts außer Schluchzen und Tränen.
Was war geschehen?
18.01.2033 Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen
„Ein neues Virus scheint sich in Teilen Afrikas auszubreiten. Entstehungsort unbekannt. Besonders betroffen scheint die äquatoriale Region. Es sollen bereits einige Menschen zu Tode gekommen sein. Genauere Opferzahlen sind nicht bekannt. Aber das Virus scheint hoch ansteckend zu sein. Die Bundesregierung hat bereits eine Reisewarnung für den gesamten afrikanischen Kontinent ausgerufen.
Experten aus aller Welt machen sich derzeit unter größten Sicherheitsvorkehrungen auf den Weg in die betroffenen Gebiete, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und um das Virus schnell unter Kontrolle zu bringen. Eine erneute Pandemie soll auf jeden Fall verhindert werden.“
Prof. Hartung/Hamburg: „Wir werden nicht zulassen, dass es erneut zu einer unkontrollierten Ausbreitung über den ganzen Erdball kommt, wie etwa 2020 mit Covid-19. Daher haben wir die extra dafür vorgesehen Task-Forces aus aller Welt in Alarmbereitschaft versetzt und ich kann ihnen versichern, wir werden diesmal schnell handeln. Uns fehlen noch genauere Erkenntnisse. Doch wir werden diesmal auf internationaler Basis gemeinsam miteinander zusammenarbeiten und offen miteinander kommunizieren, um gemeinsam den unbekannten Gegner gezielt ins Fadenkreuz zu nehmen. Wir haben also gute Chancen, diesmal rechtzeitig einzugreifen, so dass die Opferzahlen aller Wahrscheinlichkeit nach sehr begrenzt bleiben werden.
Die betroffenen afrikanischen Staaten sind dabei äußerst kooperativ. Somit können wir fürs Erste zurecht zuversichtlich sein!“
21.01.2033 Murrhardt / Schwäbisch-Fränkischer Wald (nahe Stuttgart)
Die bewaldeten Berge rings um die Kleinstadt Murrhardt sind in dichte Regenschleier getaucht. Der kühle Nieselregen hält bereits seit 2 Tagen an. Obwohl es Mittag ist, ist es so düster, dass in den meisten Häusern Licht brennt. Schulkinder schlendern mit ihren schweren Rucksäcken nach Hause.
Drei Viertklässler gehen nebeneinander her, die Blicke nachdenklich auf den Boden gerichtet. Der kleine Lian dabei empört: „Dieses Wochenende wird es schon wieder nichts mit unserem Treffen! Meine Mama mosert ständig herum, dass ich lernen soll. Die Lernproben in der 4. Klasse wären die allerwichtigsten überhaupt und ich soll lernen, lernen, lernen! In den Winterferien wäre da auch noch Zeit für unser Treffen. Aber ich habe einfach keine Lust mehr. Ich will einfach wieder das machen, was ich will! Will mich mit euch in das neue „Empire-Game“ einloggen und dann endlich loslegen!“
„Was meinste wie es mir geht,“ erwidert Paul, „ist bei mir auch nicht großartig anders. Mich fragt in letzter Zeit sogar mein Papa ab, obwohl es den bislang nicht die Bohne interessiert hat, was wir in der Schule so treiben. Dabei hat mein Papa sonst immer erzählt, als er noch klein war, hat er jede Gelegenheit genutzt, um draußen seine Kumpels zu treffen und Fußball zu spielen, egal ob es noch Hausaufgaben gibt oder schon wieder so eine blöde Probe geschrieben wird!“
Lian: „Warum müssen die Erwachsenen immer so spießig sein und uns jeden Spaß verbieten?! Wenn man immer nur über seinen Schulsachen sitzt, wird man dabei auch nicht schlau!“ Paul: „Genau. Und mein Papa hat mir früher selbst erzählt, dass die beste Schule das wirkliche Leben ist. Dabei hat er dann auch seinen Job gefunden und sein erstes Geld verdient: 1000 Euro!“ Lian: „Wenn ich mal groß bin, werde ich Spiele-Entwickler. Und um das werden zu können, muss ich eben diese Spiele auch umso besser können!“
Paul: „Was meinst denn du, Finn?“ Finn: „Ich weiß nicht so recht. Lust hätte ich auch, mit euch zu zocken. Aber die jetzige Zeit ist wirklich wichtig. Ich verstehe auch die Erwachsenen. Die wollen uns eine gute Zukunft ermöglichen, dass wir mal was Gescheites studieren und so. Und dass wir nicht die gleichen Fehler machen wie sie. Dass wir die Welt nicht weiter kaputt machen und die Pflanzen und Tiere eine Überlebenschance bekommen.“ Lian lachend: „Du alter Streber! Wenn man dich reden hört, genau wie meine Mama. Kannst ja gerne zu ihr gehen. Sie wird dich bestimmt mögen! Und dafür gehe ich zu deiner Familie. Deine Familie ist ja ganz anders, sagt man. Eure Eltern sollen da viel weniger streng sein und ihr dürft viel mehr selbst entscheiden, ist das wahr?“
„Na ja, kann man so nicht sagen. Auf jeden Fall kennst du meine Schwester nicht, zumindest nicht wirklich. Wenn die irgendeine Idee im Kopf hat oder irgendwas will, dann macht die voll auf Terror. Und es gibt nur noch Ärger und Geschrei. Dabei ist die schon fast 13. Und so kriegt sie dann immer, was sie will. Fast immer.“
„Und was ist mit dir?“ Finn leise: „Ich auch. Papa meint, ich wäre schon so vernünftig und da hätte ich mir auch eine Belohnung verdient.“
Paul frötzelnd: „Also ein echter Streber unser Finn, sogar auch bei Mami und Papi!“ Lian: „Und erst recht folgsam, wenn die große Schwester Befehle gibt!“
Die beiden Jungs lachen wild drauf los, während Finn ein etwas betretenes Gesicht macht. Nach einigen Augenblicken hat er sich gefangen und entgegnet entschieden: „Ihr könnt mir wirklich glauben, auch ich würde lieber in einer normalen Familie leben, auch wenn ich dabei nicht so viel über meine Schulsachen selbst entscheiden dürfte! Und trotzdem finde ich vieles, was in der Schule drankommt, wirklich spannend und ich will noch mehr erfahren!“
Lian legt seinen Arm um Finn: „Ist schon ok. Wir mögen dich auch so. Dafür kannst du uns ja immer mal wieder was abschreiben lassen. Und du bist ja auch nie ein Spielverderber, wenn wir mal was Tolles zusammen machen.“
Am Ortsrand angekommen sieht man die Streuobstwiesen, hauptsächlich mit Apfelbäumen bestanden, die sich bis an den nahegelegenen Waldrand erstrecken. Von dort an steigt der Mischwald in den Nebeldunst hinauf. Überall Pfützen und es tropft von allen Bäumen, auch in den Vorgärten der ruhig gelegenen Wohnsiedlung. Kaum ein Auto auf der Straße, obwohl es Freitagmittag ist. Finn erreicht das kleine Reihenhaus. Das Küchenfenster ist gekippt, dahinter Licht und Brutzeln. Man kann die Kartoffelpuffer bis nach draußen riechen.
Finn schließt leise die Haustüre auf und schiebt sich langsam in den Flur. Miauend läuft ihm die Katze entgegen und schlüpft an ihm vorbei schnell nach draußen. Doch bevor er die Haustüre schließt, hat die Katze bereits Kehrtwende gemacht und ist wieder drinnen. Diesmal schmiegt sie sich an Finn und schnurrt. Finn lädt den schweren Schulrucksack ab und setzt sich zu dem rötlichen Kater auf den Boden. Er legt seine Arme um das schnurrende Tier, drückt sein Gesicht in das weiche Fell und lächelt vergnügt. Die beiden schmusen ein Weilchen, da öffnet sich die Küchentüre, das Brutzeln wird lauter, das Licht geht im Flur an und Mama lehnt im Türrahmen: „Hallo meine beiden Schmusetiger. Endlich Wochenende, mir reicht es auch nach dieser Woche. Jetzt wollen wir es uns doch erst einmal gemütlich machen. Na, Hunger? Kannst du es bereits riechen?“ Finn, der immer noch sein Gesicht ins Katzenfell geschmiegt hat: „Ja, super, Kartoffelpuffer!“
„Dann zieh dich aus und komm herein. Du kannst gleich schon etwas essen. Bei Amelie wird es heute etwas später. Dafür können wir beide uns schon mal auf die frischen warmen Köstlichkeiten stürzen.“
Finn lässt die schnurrende Katze los, setzt sich sogleich an den Tisch und bekommt die erste Ladung Kartoffelpuffer mit Apfelmus auf seinen Teller.
„Hmm lecker!“
„Wie war denn heute dein Schultag?“
„Wie immer. Zum Schluss viele Hausaufgaben, obwohl doch Wochenende ist! Aber spannend, was wir über den Wald gelernt haben. Stimmt es, als du und Papa noch zur Schule gegangen seid, damals hat es das ganze Jahr immer wieder viel geregnet und der Wald soll damals im Frühling und Sommer ganz grün gewesen sein, sagt Frau Vasel. War das wirklich so?“
Finns Mutter setzt sich nun auch an den Tisch und nickt dabei nachdenklich: „Ja, so war das damals. Wenn der Frühling kam und im April die Laubbäume die leuchtend grünen Blätter trieben, begann eine wunderschöne Zeit. Es regnete zwar öfters, doch mindestens genauso oft gab es Sonnenschein. Wenn wir Kinder mal durch den Wald zogen, konnten wir die frische Walderde, Moder und Pilze riechen. Es gab die verschiedensten Blumen und Insektenarten. Auch im Wald gab es mehr Baumarten als heute. Und viel mehr Singvögel zwitscherten vor allem morgens und abends in den Bäumen. Es war etwas ganz Besonderes, was selbst wir Kinder bewunderten.“
„Und warum ist es heute nicht mehr so?“
Finns Mutter langsam sprechend: „Das ist ein kompliziertes Geschehen. Gerade wir Erwachsenen haben vieles falsch gemacht und tun dies auch weiter, leider. Du weißt ja, dass wir den CO2-Ausstoß viel früher hätten reduzieren sollen. Doch jede Staatsregierung meinte damals, so schnell ginge das nicht. Und warum sollten wir zuerst etwas für die Umwelt tun, während die anderen sich mehr Zeit lassen würden oder manche Staaten gar nicht mitmachen würden? So ging viel wertvolle Zeit verloren. Und erst als es selbst in Mittel- und Nordeuropa zu Dürreperioden kam, was bis dahin kaum der Fall gewesen war, kam es bei uns in Europa zu einem Umdenken. Doch bis es zu einem entschiedenen Handeln kam, verschenkte man noch viel kostbare Zeit.“
„Heißt das, dass es jetzt zu spät ist, um unsere Natur zu retten?“
„Aber nein, Finn. Auf jeden Fall lohnt sich umweltbewusstes Handeln immer. Wir können noch viel retten und werden dies auch tun. Jetzt können wir froh sein, dass wir wenigstens einmal einen regenreichen Winter haben.“
„Und hat es früher auch im Sommer viel geregnet?“
„Ja. Es gab zwar auch Sonne und Hitze. Doch dann gab es immer einmal wieder ein kräftiges Gewitter, so dass der meiste Regen des Jahres sogar in den Sommermonaten fiel.“
„Und im Winter gab es Schnee und Eis, sogar bei uns unten im Murrtal!?“
„Ja, teils so viel Schnee, dass wir den Weg zur Straße frei schaufeln mussten. Wenn du willst, kann ich dir heute Abend mal unsere alten Fotos zeigen.“
„Ja, gerne!“
Finn sitzt bereits an seinen Hausaufgaben, als seine Schwester Amelie nach Hause kommt. Aufgeregtes Rufen im Flur: „Mama, Mama, wo bist du, Mama?!“
„In der Küche mein Schatz. Es gibt etwas Leckeres.“ Amelie stürmt durch die offene Küchentür und ohne Luft zu holen: „Mama, Lisa hat gemeint, dass ich in den Winterferien mit ihr und ihrer Familie nach Österreich zum Skifahren mitkommen kann. Sie haben ein Ferienhaus gebucht, hoch oben in den Bergen. Da darf ich doch bestimmt mit?! Bitte Mama!“
„Jetzt erst einmal langsam. Ziehe bitte deine Schuhe aus und lege deine nassen Sachen ab, dann können wir in Ruhe beim Essen alles besprechen.“
Amelie wie aus der Maschinen-Pistole geschossen: „Och man, sag bitte gleich, dass ich mitkann! Bitte, bitte, bitte!“
„Amelie, wenn du dich ausgezogen hast, dann erzähle mir doch erst einmal in Ruhe, wie das Lisa gemeint hat, ob das alleine ihre Idee ist, ob ihre Eltern überhaupt davon wissen und so weiter.“
„Ha, man, wenn meine beste Freundin mich fragt, ob ich mitgehen will, natürlich will ich das! Ihre Eltern sind bestimmt einverstanden!“
„Bestimmt?“
„Ganz bestimmt!“
„Wenn du deine Schuhe und Jacke ausgezogen hast, lass uns doch in Ruhe reden.“
„Ach Mensch, wenn du so anfängst, dann weiß ich doch gleich, dass du mich nicht mitfahren lassen willst, weil du immer nur willst, dass ich wie ein kleines Kind mit Mami, Papi und meinem kleinen Bruder zusammen einen superlangweiligen Familienurlaub machen soll! Ach, vergiss es!“
Finn hört, wie im Flur erst ein Schuh, dann der andere Schuh gegen den Fußboden gepfeffert wird, wie wütende schnelle Schritte die Treppe hoch gestapft kommen und wie die Türe des Nachbarzimmers lautstark zuknallt, so dass das ganze Haus zu wackeln scheint. Gleich darauf geht die Musikanlage an, laut, richtig laut. Finn steckt sich die Finger in die Ohren und seufzt.
Nun sind nochmals schnelle Schritte auf der Treppe zu hören. Die Türe des Nachbarzimmers wird aufgerissen, die Szenerie gewinnt nun Richtig Fahrt: „Lass mich in Ruhe!“
„Amelie, stell bitte die Musik leiser, Amelie!“ Sehr wütend: „Lass mich in Ruhe!“
„Amelie, wir können über alles reden, ich habe ja nicht ‚nein‘ gesagt. Stell doch bitte die Musik leiser!“ Amelie schreiend: „Was hast du gesagt?!“ Dabei wird die Musik noch lauter gedreht. Wütende Schritte stürmen ins Zimmer hinein. Zeterndes Geschrei. Die Musik ist auf einmal aus, das Geschrei einer Mädchen- und einer Frauenstimme durchdringt nun das ganze Haus. Finn hat die Finger tief in den Ohren und denkt sich: „Armer Kater, was der hier bei uns immer alles aushalten muss. An seiner Stelle wäre ich schon längst weggelaufen.“
Wieder wird die Türe das Nachbarzimmers zugeknallt. Wütende Schritte stapfen nach unten und man hört dabei Mama rufen: „Die Musikanlage ist erst einmal weg! Wenn man sich benimmt wie ein Kleinkind, dann muss man auch leben wie ein Kleinkind!“
Finn hört, wie nebenan seine Schwester zu heulen anfängt und wütend mit Stiften auf ihren Schreibtisch trommelt. „Und die wird bald schon 13, ich glaube es ja nicht!“
Schließlich kehrt Ruhe und Frieden ein, welch eine Erholung für alle im Haus.
Am Abend sitzen Amelie, Finn und deren Eltern alle beisammen am Esstisch in der Küche. Die Mama: „Amelie, du brauchst doch nicht gleich so auszurasten, wie heute Mittag. Wir müssen eben erst einmal alles klären.“
„Ist schon ok.,“ erwidert Amelie ruhig und leise. Der Papa: „Wieso, was war denn heute wieder los?“
„Amelie ist mal wieder völlig aus der Haut gefahren, als sie mich fragte, ob sie in den Winterferien mit Lisa und ihrer Familie in den Skiurlaub kann. Als ich ihr noch keine verbindliche Antwort geben konnte, ist sie dann völlig ausgerastet.“
„Und ich habe mir so doll die Finger in die Ohren gestopft, dass mir jetzt noch die Ohren weh tun.“
„Halt die Klappe, Finn!“ brummelt Amelie. „Selber!“
„So ihr beiden, jetzt hört ihr mal bitte auf, damit wir jetzt mal sachlich sprechen können. Ich habe bereits mit Lisas Mutter telefoniert. Sie hätte dies bereits mit ihrem Mann besprochen, so dass es vollkommen in Ordnung wäre, wenn Amelie mitfahren würde.“
„Und ich werde mal wieder vor vollendete Tatsachen gestellt“, erwidert Papa. „Nein, jetzt eben wollen wir dich fragen, ob dies auch für dich in Ordnung geht?“
„Nun, es scheint ja bereits allseits beschlossene Sache zu sein, was soll ich dazu noch sagen?“
„Danke Papa!“ Amelie steht auf, fällt ihrem Vater um den Hals und gibt ihm einen dicken Kuss auf die Wange. „Ich wusste es ja, dass es klappen würde, schließlich habe ich ja die besten Eltern der Welt!“
„Alte Schleimerin, heute Mittag hast du dich noch ganz anders angehört“, wirft Finn ein. „Halt die Klappe!“
„Und verhalte du dich wenigstens nur einmal wie ein normaler Mensch!“ Als Amelie auf Finn losgehen will, greift Mama energisch ein: „So, jetzt reicht es aber! Amelie, setze dich bitte wieder auf deinen Platz! Wir wollen wenigstens beim Essen friedlich miteinander umgehen, wenn es bei uns leider sonst kaum klappt mit einem freundlichen Miteinander.“
Nachdem Amelie sich wieder gesetzt hat, meldet sich Papa zu Wort: „In Sachen Winterurlaub habe ich wirklich nichts dagegen, wenn du mit Lisa mitfahren willst. Doch es könnte ein anderes Problem geben.“
„Was denn?“ Die Kinder sehen Papa mit großen Augen an.
„Ihr wisst doch aus den Nachrichten der letzten Tage, dass in Afrika ein neues Virus entdeckt worden ist.“
„Und?“
„Dieses Virus scheint sich schnell auszubreiten und scheint für uns Menschen gefährlich zu sein. Es könnte in den nächsten Wochen zu einem neuen Lockdown kommen, wie 2020 bei Covid-19.“
„Ein Lock … was?“
„Ein Lockdown. Das heißt, dass das öffentliche Leben von uns Menschen auf das Nötigste reduziert wird und nur die notwendigsten Dinge, wie Arbeiten oder Lebensmittel Einkaufen erlaubt bleiben. Urlaube, selbst kleine Ausflüge wären dann zunächst nicht mehr erlaubt.“
„Aber Joachim,“ wirft Mama ein, „die Politiker haben doch aus 2020 gelernt. So einen strikten Lockdown wie damals will man doch in Zukunft auf jeden Fall vermeiden. Wir haben doch heute eine ganze Palette an möglichen Sicherheitsmaßnahmen, so dass es auch anders gehen können wird.“
„Vielleicht nicht bei diesem Virus. Dieses Virus scheint anders zu sein als alle bisherigen, ganz anders.“
„Woher willst Du das wissen? In den Medien wird behauptet, alles wäre unter Kontrolle.“
„In den Medien wird viel behauptet. Meine Arbeitskollegen in den USA, mit denen ich regelmäßig im Kontakt bin, haben Hinweise darauf, dass wir diesmal ein richtig dickes Problem haben werden.“
02.02.2033 Taiga nahe Tura / Sibirien
Tiefe Waldwildnis abseits aller menschlichen Siedlungen und Straßen. Zaghaft scheint die tief stehende Mittagssonne auf die verschneiten und tiefgefrosteten Baumwipfel.
Jewgeni stapft mit Rucksack und geschultertem Gewehr dem gefrorenen Flusslauf entlang durch den knirschenden Schnee. Außer seinem Stapfen und seinem angestrengten Atem ist absolut nichts zu hören. Der frische Pulverschnee schluckt die wenigen Geräusche, die vielleicht sonst noch zu hören wären. Tiere sind in diesen Wintertagen nur selten zu sehen. Als hätte die Taiga sie alle verschluckt. Doch ab und zu findet sich eine Spur, welche Jewgeni stets sehr aufmerksam begutachtet. Sein Atem dampft weithin sichtbar in der glasklaren Luft.
Doch was ist das? Diese Spur stammt nicht von einem Tier. Es ist die Fußspur eines Menschen, mehrerer Menschen. Jewgeni stößt einen Fluch aus. Er sieht sich aufmerksam um und betrachtet dann nochmals genau prüfend diese ungewöhnliche Spur. Wer zum Teufel treibt sich hier herum, hier in seinem Revier? Diese Spuren sind ihm nicht geläufig. Es sind nicht die Spuren seiner Nachbarn, die hier ohnehin kaum jemals zu finden wären. Außerdem scheinen diese Menschen einen Typ von Schneeschuh zu tragen, welcher sehr ungewöhnlich für diese Region ist. Es müssen also Fremde sein. Fremde hier? Und dann noch mitten im Winter! Das hat Jewgeni in seinem 57jährigen Dasein noch nie erlebt. Jewgeni schaut sich nochmals prüfend am Flussufer um. Diese Spur kommt aus südlicher Richtung vom Berghang herab und führt dann dem Flusslauf folgend weiter. Aufmerksam, langsam und möglichst leise folgt er dieser Spur. Schließlich führt sie genau in die Richtung, die er ohnehin einschlagen wollte.
Was ist, wenn diese ungewöhnlichen Fremden bereits seine Jagdhütte entdeckt haben? Ist es eine kluge Entscheidung, einfach so dieser Spur zu folgen? Jewgeni hält an und überlegt. Doch er kann sich keinen Reim darauf bilden. Es gibt zwar in letzter Zeit einige touristische Gruppen, die selbst im Winter mit Hilfe eines erfahrenen einheimischen Führers Survival Camps im wilden Sibirien durchführen. Doch hier in dieser extrem abgelegenen Gegend? Alles andere als wahrscheinlich! Allein hierherzukommen bedarf bereits großer Anstrengung und einer genauen Kenntnis dieser Region. Was hat das zu bedeuten?
Oder gab es vielleicht in der Nähe einen Flugzeugabsturz und die Überlebenden versuchen sich durchzuschlagen in Richtung des vermeintlich nächsten Ortes? Alles sehr seltsam! Was könnte sonst noch in Frage kommen? Jewgeni hat keine Idee.
Langsam und aufmerksam folgt er weiter dieser Spur. Sie folgt dem Flusstal, das ganz leicht ansteigt. An jeder Biegung macht er noch langsamer und hält kurz Inne. Die Spuren sollten recht frisch sein. Jewgeni schätzt sie nur wenige Stunden alt ein. Es hat sich auf den glatten Flächen noch kein Raufrost gebildet.
Jewgeni flucht nochmals leise. Welche Fremden zum Teufel kommen aus südlicher Richtung und queren weiter einem Flusslauf leicht ansteigend in nordöstliche Richtung, in der über hunderte Kilometer gar kein bewohnter Ort mehr zu erwarten ist? Jewgeni schüttelt nur den Kopf. Das werden wohl so verrückte reiche Europäer sein, denen es in ihrem warmen Luxusland einfach zu langweilig geworden ist. Hier meinen sie richtig zu sein, auf Abenteuersuche, zumindest für ein paar Tage, bevor sie sich dann einen Hubschrauber ordern und sich bei Kaviar und Champagner wieder heimfliegen lassen.
Die Sonne steht bereits sehr tief und erreicht nur noch die bewaldeten Anhöhen. Die Talsohle mit dem vereisten Flusslauf liegt tief im Schatten. Es ist noch kälter geworden. Selbst Jewgeni zieht seine dicke Pelzmütze tiefer in den Nacken.
Da, direkt hinter der nächsten Biegung, seine Jagdhütte. Tatsächlich, es steigt Rauch auf. Die Spuren führen direkt dahin. „Die habe ich gern! Haben es sich also bei mir so richtig bequem gemacht.“ Jewgeni nimmt sein Gewehr von der Schulter und lädt es durch. Er kauert sich hinter einen Busch, um erst einmal einen genaueren Überblick zu gewinnen. Nichts regt sich.
Nach einer Weile geht die Tür auf und ein Mann mittleren Alters stapft hinaus, zum gelagerten Brennholz. Er lädt sich ein paar Holzscheite auf und geht wieder hinein.
Jewgeni wartet weiter ab. Der Kaminrauch nimmt zu. Dieser steigt in der glasklaren, windstillen Luft kerzengerade auf. In der Hütte brennt Licht, während es draußen allmählich düster wird. Der hellblaue Himmel hebt sich aber noch deutlich von der dunklen Waldsilhouette ab.
Schließlich beschließt Jewgeni sich der Hütte durch den Wald zu nähern. Ein paar Minuten später steht er seitlich daneben, in der Nähe eines Fensters. Er versucht sich im Verborgenen der Dunkelheit zu halten.
Es werden einige Menschen im Kerzenlicht erkennbar. Es sind mehrere Erwachsene, vorwiegend junge Leute, aber auch ebenso viele Kinder, die sich größtenteils um den Tisch geschart haben und aus dampfenden Tellern essen. Er hört eine Sprache, die ihm nicht geläufig ist. Jewgeni staunt nicht schlecht. Das sind wahrhaftig keine typischen Survival-Abenteurer! Also wohl doch die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes?
Jewgeni hält immer noch den Abzug seines Gewehrs umklammert. Dabei zieht er sich ins Dunkel der nahestehenden Bäume zurück. „Zum Teufel, um diese Uhrzeit wollte ich bereits wieder zu Hause sein! Jetzt stehe ich vor meiner eigenen Jagdhütte und fühle mich selbst wie ein Fremder. Kann man diesen Menschen wirklich trauen?“
Jewgeni wartet zur Sicherheit ab. Dies fällt ihm selbst in der größten Kälte nicht schwer.
Es ist bereits stockfinster geworden, als die Türe erneut aufgeht und ein Mann mit zwei Frauen lachend heraustreten. Sie unterhalten sich lebhaft und schauen sich mit Hilfe einer Stirnlampe um. „Also meinen Wodka haben sie auch probiert“, knirscht Jewgeni mit den Zähnen.
Schließlich macht sich Jewgeni bemerkbar und grüßt in tiefstem Russisch. Die Fremden bleiben versteinert stehen. Jewgeni tritt in den Lichtkegel der Hütte und redet ein paar beruhigende Worte, wohl ahnend, dass ihn niemand versteht. Er bekommt den Lichtschein der Stirnlampe ins Gesicht gestrahlt, welchen er nach einem kurzen Augenblick mit der linken Handfläche abwehrt. Jewgeni stellt ein paar Fragen, auf welche er erwartungsgemäß keine Antwort erhält. Der Schein der Stirnlampe senkt sich und nun sendet der Mann ein paar Worte an ihn, für Jewgeni völlig unverständlich.
Eine der beiden Frauen öffnet die Türe und ruft aufgeregt hinein. Daraufhin kommt ein weiterer Mann heraus und grüßt betont freundlich in gebrochenem Russisch: „Wir wünschen ihnen einen guten Abend.“ Jewgeni erwidert den Gruß. Der Mann fährt fort: „Wir sind auf der Durchreise und als wir diese verlassene Hütte fanden, dachten wir, es wäre in Ordnung, wenn wir uns hier für eine Nacht einquartieren würden. Wir werden alles ordentlich hinterlassen und lassen selbstverständlich auch etwas Geld da.“
„Wer seid ihr?“
„Wir sind zwei Familien und kommen aus Spanien. Wir sind auf der Flucht vor dem Virus und wollen in der oberen Tunguskaregion unsere neu erworbene Hütte ansteuern. Bis dorthin sind es aber noch mindestens zwei Tagesmärsche. Gehört diese Hütte ihnen? Es tut uns leid, wenn wir ihnen Unannehmlichkeiten bereiten.“
„Ihr seid auf der Flucht?“
„Ja, wir haben über eine Agentur unsere Hütte erworben und wollen dort die nächste Zeit überdauern, bis es wieder geordnetere Verhältnisse gibt?“
„Geordnetere Verhältnisse? Wovon redest du?“
„Na wegen der Pandemie. Bei uns in Barcelona ist das Chaos ausgebrochen. So wie es derzeit scheint, bieten möglichst wilde Regionen die besten Überlebenschancen. Und wir dachten, dass es die wenigsten Virus-Flüchtlinge in diese bitterkalte Gegend ziehen würde. Genau deswegen sind wir hier.“
„Wovon redest du?“
„Na von dem neuen Virus, der Pandemie …“ Fassungsloses Staunen des jungen Mannes. „Haben sie noch nichts davon mitbekommen?“
„Doch, ab und zu höre ich Nachrichten. Ja, da war was. Es ging wieder um so ein Virus. Ich dachte, so was Ähnliches wie Corona … vor zehn Jahren war da doch mal was.“
„Ja, aber diesmal ist es ganz anders. Wir sind froh, dass wir sehr früh die Initiative zur Flucht ergriffen haben. Zwei Tage später wäre es gar nicht mehr möglich gewesen, nach Sibirien zu fliegen, weder mit einer Linienmaschine noch mit einem privat gecharterten Flugzeug.“
„Und jetzt seid ihr hier, im wildesten Sibirien!?“
„Ja, so ist es.“
Jewgeni schüttelt ungläubig den Kopf. „Ihr Europäer seid doch noch verrückter als ich dachte! Ihr macht immer gleich Panik und aus jeder Mücke einen Elefanten und kommt auf die wahnsinnigsten Ideen. Unser Präsident hat so Recht, dass er euch, vor allem euch Westeuropäern nicht traut! Und eure kleinen Kinder nehmt ihr auch mit hierher! Wisst ihr, was das Leben hier bedeutet? Diese bitteren langen Winter! Was wollt ihr essen? Was wisst ihr über unsere Gegend? Wie wollt ihr hier überleben? Und wie habt ihr es überhaupt hierhergeschafft?! Ich fasse es nicht! Die Welt wird immer verrückter!“
„Wollen wir uns vielleicht einmal gemeinsam in der warmen Hütte unterhalten, wenn sie uns diese eine Nächtigung gestatten? Das ist also ihre Hütte?“
„So ist es.“
„Wir erzählen ihnen gerne unsere Geschichte. Es sei denn, sie haben Angst vor uns, ich meine vor dem Virus.“
04.02.2033 Paris / Frankreich
Freitagnachmittag: Die tief stehende Sonne kommt gerade aus den Wolken hervor und bescheint die dunkelblauen nach Osten abziehenden Schauerwolken. Im fahlen Nachmittagslicht wird dabei ein Regenbogen erkennbar. Die Stadt dampft vor Nässe. Die großen herausragenden Bauwerke, wie etwa der Eiffel-Turm oder der Triumphbogen, leuchten in goldenem Sonnenlicht.
Rush-Hour: Doch wo bleibt der Stau? Nur wenige Autos sind auf den Straßen zu sehen. Kaum Fußgänger und schon gar keine Touristen haben sich auf die Bürgersteige verirrt. Die Touristenattraktionen sind völlig menschenleer.
Gerade beginnt der französische Präsident mit einer Ansprache an die Nation, die von vielen Menschen aufs Aufmerksamste mitverfolgt wird. Auch Jules sitzt mit seiner Familie vor dem Fernseher. Der Präsident wirkt verändert, irgendwie fremd. Langsam und etwas heiser beginnt er seine Rede: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Wieder stehen wir vor einer großen Herausforderung. Doch es scheint diesmal anders zu sein als mit dem Corona-Virus zu Beginn der 2020er Jahre. Das neue Virus verlangt uns unablässig neue Maßnahmen ab. Der in der letzten Woche verhängte Lockdown scheint leider nur mäßig zu wirken. Die Krankenhäuser sind völlig überlastet und können kaum mehr jemanden aufnehmen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Erkrankten und Opfer rapide weiter an. Wir haben mittlerweile keine verlässlichen Statistiken mehr darüber. Ich möchte sie bitten, besonnen zu bleiben und keine Panik aufkommen zu lassen. Bleiben sie zu Hause! Wir müssen den Lockdown noch weiter verschärfen. Ab sofort müssen auch die Lebensmittelgeschäfte geschlossen bleiben. Das Militär sowie verschiedene Hilfsdienste werden ihnen in den nächsten Tagen die wichtigsten Lebensmittel nach Hause liefern. Sie brauchen dafür nicht zu bezahlen. Bleiben sie einfach nur zu Hause und verfolgen sie die Nachrichten. Wir werden für geordnete Verhältnisse sorgen, bis sich die Lage entspannt haben wird. Wir müssen jetzt alle zusammenhalten und dürfen nicht die Nerven verlieren. Zu unserer aller Sicherheit dürfen ab heute Abend 21 Uhr nur noch autorisierte Personen ihre Wohnung verlassen. Wir werden selbstverständlich auch Straßenkontrollen durchführen. Diese Maßnahme gilt für mindestens die nächsten 2 Wochen. Ich appelliere an ihre Vernunft, dies einzuhalten. Das Militär und die Polizei werden diese Maßnahmen überwachen. Bei Nicht-Einhaltung der Regeln müssen wir harte Strafen verhängen. Die Lage ist diesmal extrem ernst.
Bei medizinischen Notfällen dürfen sie selbstverständlich den Notruf wählen. Doch auch hierbei möchten wir sie bitten, nur in sehr dringlichen Notfällen anzurufen, da unsere medizinische Versorgung bereits völlig überlastet ist. Wir müssen dabei die bisherige Alters-Versorgungsgrenze von 70 auf 60 Jahre weiter absenken, leider. Das heißt, dass wir nur noch Menschen, die jünger als 60 sind, versorgen werden, soweit unsere Kapazitäten ausreichen.
Auch wenn dies hart klingen mag, ich bitte sie eindringlich um Verständnis und ich werde …“ Wütend schaltet Jules den Fernseher aus. „So ein Gelaber, jetzt reicht es mir! Claire, wir haben genügend Politikergerede gehört. Wir müssen jetzt handeln, im Sinne unserer Kinder. Claire, wir packen jetzt Kleidung, Bettzeug und ein paar andere wichtige Dinge und dann fahren wir los. Jede Minute zählt. Vivienne und Lucie, ihr dürft gerne ein paar Spielzeuge mitnehmen. Aber dann müssen wir los. Claire, wir müssen handeln, schnell und zwar ganz schnell!“ Claire, mit weit geöffneten Augen: „Jules, wie stellst du dir das vor? Wohin sollen wir?“
„Ich habe so etwas wie einen Plan. Aber wir müssen los, wir dürfen keine Minute verlieren, im Auto werde ich euch Genaueres erzählen!“
„Aber Jules, du hast doch gehört …“
„NEIN Claire, du weißt es selbst, wir müssen JETZT handeln, wenn wir eine Chance haben wollen! Ich dulde KEINE Diskussion!!“
Wenige Minuten später sitzt Familie Girard in ihrem kleinen Peugeot. Mit quietschenden Reifen verlässt das Auto die Tiefgarage und steuert auf den Boulevard Richtung Stadtrand. Die Abenddämmerung hat bereits begonnen, während der Peugeot auf den fast leeren Straßen durch tiefe Pfützen jagt. Vivienne, die ihre Puppe im Arm hält: „Papa, wo sind denn die ganzen Menschen? So leer habe ich unsere Stadt ja noch nie gesehen.“
„Die sitzen alle brav zu Hause und hören unserem ehrenwerten Präsidenten bei seiner Ansprache zu.“ Lucie: „Und warum nicht wir? Warum hast du den Fernseher vorhin einfach ausgemacht?“
„Weil wir vielleicht etwas schlauer sein wollen als die meisten anderen.“
„Aber der Präsident ist doch schlau.“
„Schlau genug, um mit seinen Ansprachen fast alle in falscher Sicherheit zu wiegen!“
„Was meinst du, Papa?“
„Lucie und Vivienne, wir werden euch in Sicherheit bringen, das verspreche ich euch. Aber dafür müssen wir als Familie unseren eigenen Weg gehen. Ihr werdet es schon noch begreifen.“
„Mama, verstehst du, was Papa meint?“ Claire: „Jules, du bist auch mir eine Erklärung schuldig. Wie ist dein Plan?“
„Wir fahren jetzt nach Murol. Ich habe ja den Passierschein, dass ich mich um meine alten Eltern kümmern darf. Wir sollten also die Straßenkontrollstellen passieren dürfen.“
„Meinst du wirklich, wir kommen damit durch, wir als ganze Familie?“
„Ich denke schon. Sollte ich euch etwa alleine zu Hause lassen?“
„Bis Murol, da sind wir ja bis spät in der Nacht unterwegs.“ Vivienne und Lucie ganz fröhlich: „Jawohl, wir fahren zu Oma und Opa! Super, Papa, das ist ja eine tolle Überraschung!“ Claire Kopf schüttelnd: „Ganz toll, Jules, ganz toll!“ Jules: „Hättest du einen Gegenvorschlag?“
„Nein, aber ich weiß nicht, ob das jetzt die richtige Entscheidung ist.“
„Aber Mama, das ist doch super. Wir haben doch Oma und Opa seit letztem Sommer nicht mehr besucht und jetzt klappt es endlich mal wieder! Das ist doch die schönste Überraschung seit Weihnachten, danke Papa!“ Jules: „Merkst du, Claire? Ganz nebenbei machen wir unseren Kindern sogar noch eine Freude.“ Claire: „Ich glaube, das ist wenig durchdacht. Du hast mich vorhin überrumpelt.“
„Ja, aber was ist dein Gegenvorschlag? Willst du zu Hause sitzen bleiben und darauf warten, dass nichts geschieht und wir in unserer Wohnung eingesperrt verhungern? Schau mal genauer hier auf den Bürgersteig. Ich will es nicht aussprechen. Das wäre auch unser Schicksal, wenn wir weiter brav nichts tun.“
Lucie: „Was meinst du, Papa?“
„Schon gut, Lucie. Ist nicht der Rede wert. Wir fahren zu Oma und Opa, dort ist alles besser als in Paris und wir können auch mal wieder nach draußen gehen, zu den Kühen auf die Weiden und die schönen Waldpfade entlang, zur Eichquelle und vieles mehr.“ Vivienne aufgeregt: „Mama, Papa, sind das tote Menschen, die hier herum liegen?“ Claire zögerlich, nervös: „Kinder, wir wissen es nicht.“ Lucie: „Da liegen aber viele herum. Und dort liegen alle auf einem Haufen. Mama, Papa, was ist das?“
Jules: „Kinder, was die Leute hier immer auch haben mögen, vielleicht ist es nur Bauchweh oder sie ruhen sich aus, weil sie nicht genug zu essen bekommen haben, uns geht es auf jeden Fall besser. Wir fahren jetzt zu Oma und Opa und lassen es uns gut gehen. Seid froh, dass wir unseren guten alten Peugeot haben, der wird uns verlässlich hinbringen!“ Claire nervös: „Jules, da vorne Blaulicht, ist das eine Kontrollstelle?“
„Du hast recht, wir biegen besser links ab.“
Nach einigen hundert Metern hat sich ein kleiner Stau gebildet. Erneut Blaulicht im Straßenverlauf. „Jules, ich habe Angst.“
„Jetzt bloß nicht nervös werden, wir haben unsere Papiere dabei, alles in bester Ordnung.“
Einige Minuten später rollt der Peugeot an den Schlagbaum. Ein Gendarm inspiziert mürrisch das Auto von der Fahrerseite aus. Jules hat bereits die Scheibe heruntergelassen. „Bonsoir Monsieur.“ Der Polizist blickt zunächst wortlos und mürrisch Jules in die Augen. Schließlich beginnt er in barschem Ton: „Na wen haben wir denn da?! Eine ganze Familie. Wo soll denn die Reise zu so später Stunde hingehen?!“
„Wir müssen uns um meine kranken Eltern kümmern, hier meine Papiere.“
„Aha, um die armen kranken Eltern kümmern. Sehr aufopferungsvoll!“ Dabei blickt der Gendarm Jules provokativ in die Augen. „Und die ganze Familie kommt mit. Wenn das mal nicht echte Nächstenliebe ist!“
„Ja, soll ich meine Familie in diesen Zeiten einfach alleine zu Hause lassen?“
Der Gendarm blickt Jules kalt und starr in die Augen und erwidert in knurrendem Ton: „Was glauben sie, wie oft ich so eine Phrase heute schon gehört habe? Haben sie keine originellere Ausrede parat?“
Dabei fängt Lucie auf der Rückbank an zu schluchzen. Vivienne nimmt sie wiegend in den Arm und fängt an zu singen: „Frère Jaques, Frère Jaques, dormez vous, dormez vous …“
Claire beugt sich vom Beifahrersitz Richtung Gendarm, blickt ihm in betroffener Weise in die Augen und öffnet den Mund, hält dann aber Inne, ohne etwas zu sagen.
Der Gendarm erwidert ihren Blick und nickt zunächst nur wortlos, bis auch er seine Sprache wieder gefunden hat: „Ich sollte euch einsperren lassen! Doch mein Job ist es, hier meine beschissene Aufgabe zu erledigen!“ Und um Fassung ringend fügt er hinzu: „Auch ich habe Kinder … Fahrt, fahrt zur Hölle, fahrt einfach!“ Dabei wendet er sich ab und wenige Sekunden später öffnet sich der Schlagbaum. Jules nickt dankend, dann tritt er auf das Gaspedal, zunächst zögerlich, dann immer fester. Der Peugeot nimmt Fahrt auf und wenige Minuten später auf der fast leeren Stadtautobahn missachtet Jules jegliche Geschwindigkeitsbeschränkungen.
Spät in der Nacht erreicht der Peugeot Murol, im Massiv central.
05.02.2033 Murrhardt / Schwäbisch-Fränkischer Wald (nahe Stuttgart)
Erneut Nieselregen. Familie Weller beim gemeinsamen Frühstück:
Der Papa: „Wisst ihr noch, vor 2 Wochen haben wir uns über die Winterferien Gedanken gemacht und jetzt haben wir den totalen Lockdown und es geht erst einmal gar nichts.“
Die Mama: „Hat doch auch sein Gutes, wir machen es uns einfach zu Hause gemütlich.“
Amelie: „Aber heute mache ich kein todlangweiliges Gesellschaftsspiel mit! Viel lieber möchte ich mal wieder mit Lisa etwas unternehmen, richtig, nicht nur über Skype.“
Mama: „Du weißt aber, dass das leider nicht geht.“
Amelie seufzend: „Kann man da nicht mal eine Ausnahme machen?“
Mama: „Leider nicht.“
Finn: „Blöd, dass wir nur eine Katze haben. Paul darf immerhin mal mit seinem Hund raus.“
Amelie: „Die Idee! Mama, können wir auch einen Hund kaufen, dann könnte ich wenigstens Maja treffen. Die haben nämlich auch einen.“
Mama: „Wenn das so einfach wäre. Es können ja nicht alle Hundebesitzer draußen ein munteres Treffen veranstalten. So ist der Lockdown nicht gedacht. Außerdem, wo sollen wir jetzt einen Hund herbekommen, wo nur noch Lebensmittelabholungen erlaubt sind?!“
Amelie: „Ich mache aber heute kein doofes Spiel mit!“
Papa: „Schon gut. Wenn ihr wollt, können wir gerne mal unsere Urlaubsfotos der vergangenen Jahre ansehen.“
Finn: „Ok. Zeigst du uns dann auch wieder die Fotos von euch, als du und Mama noch klein wart und hier im Winter viel Schnee lag?“
„Sehr gerne.“
Amelie: „Papa, ist das Virus wirklich so gefährlich, wie im Netz berichtet wird?“
„Was hast du denn gelesen, Amelie?“
„Na, dass es in den Großstädten sehr schlimm sein soll, es viele Tote gibt und einige Menschen sogar auf der Flucht sind!“
Mama: „Das ist schon richtig, aber hier bei uns in unserem beschaulichen Städtchen, das von viel Wald umgeben ist, hier sind wir an einem wirklich recht sicheren Ort.“
„Was meinst du mit recht sicher?“
„Das Virus wird sich hier sicher nicht so schnell ausbreiten.“
Finn: „Und was, wenn doch?“
Mama: „Macht euch mal nicht so viele Gedanken. In den Nachrichten wird berichtet, dass man genau wie bei Covid-19 schnell einen Impfstoff finden wird und dann wird der ganze Spuk vorüber sein.“
Amelie: „Aber die Politiker sagen doch, dass es diesmal anders wäre, dass das Virus sich rasend schnell ausbreitet und dass diesmal noch viel mehr Menschen daran sterben können.“
Mama: „Amelie, du hast schon recht. Diesmal ist die Lage noch verzwickter als 2020. Doch die Erfahrungen, die die Menschheit damals gesammelt hatte, werden uns weiterhelfen. Ich glaube schon.“
Amelie: „Was heißt: du glaubst schon?“
Papa blickt Amelie nachdenklich in die Augen.
Mama: „Wollen wir uns mal lieber darüber Gedanken machen, was wir heute Mittag kochen wollen?!“
Joachim blickt seiner Frau tief in die Augen: „Claudia, wir sollten den Kindern nichts vormachen. Sie erfahren aus den verschiedensten Medien ohnehin so viel, dass es nur beängstigend ist, wenn wir nicht offen darüber reden. Sie haben zudem ein Recht darauf, zu erfahren, was Sache ist.“
