Stern geht - Thomas Heerma van Voss - E-Book

Stern geht E-Book

Thomas Heerma van Voss

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Beschreibung

"Seit dem Tag, an dem Hugo Stern in den Vorruhestand geschickt wird, ist nichts mehr, wie es war. Unaufhaltsam entgleitet ihm sein bisher so idyllisches Leben als Grundschullehrer in Amsterdam. Stern denkt zurück an seine Kindheit in dörflicher Enge, an seine Jugend im London der Swinging Sixties, die ihm auch nicht die erhoffte Freiheit gebracht hat, und an die Liebe zu seiner Frau Merel, die sich ihm mehr und mehr entfremdet. Sterns letzter Halt ist der unter großen Mühen im Ausland adoptierte Sohn, und auch dieser droht ihm zu entwachsen. Die Veränderungen in seiner Familie und die gesellschaftlichen Umbrüche stellen Stern auf eine harte Probe. Doch auch er verblüfft seine Umgebung mit seinem kompromisslosen Wesen und bringt sich dabei selbst in Schwierigkeiten. Mit "Stern geht" ist dem jungen Autor Thomas Heerma van Voss eine berührende Vater-Sohn-Geschichte und das Porträt eines eigenwilligen Träumers gelungen."

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

1. Teil: London

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

2. Teil: Amsterdam

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

3. Teil: Seoul

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

Dank

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Über das Buch

Impressum

Now what you need is silence And you don’t want no one to see you like this Maybe you don’t recognize it But this is your home, this is where your life lives(Atmosphere: Your Glass House)

1. TeilLondon

1.

»Sollen wir anfangen?«

Bestimmt schon eine Minute hält Hugo Stern die Bowlingkugel. Er sieht sich um, zu Bram, zu den Kindern an den Bahnen neben ihm, zu der blonden Frau hinter der Theke. Dann wirft er die Kugel, ohne weiter etwas zu sagen. Es gibt wenig, was ihn so beruhigt wie diese Bewegung. Vor allem in genau dem Moment, wenn seine Hand die Kugel gerade losgelassen hat, fühlt sich Stern unüberwindlich, alles ist exakt im Gleichgewicht, übersichtlich, wie es sein soll.

Patsch. Drei Kegel fallen um.

»Papa …«

»Moment.« Stern reibt sich die Hände, läuft zum Rack und nimmt eine neue Kugel. Er wirft mit aller Kraft. Wieder die unfassbare Kontrolle, aber es folgt kein erlösender Knall.

Die Kugel landet im Rücklauf.

»Papa …«

Stern spürt eine Hand auf seinem Rücken. Bram hat sich hinter ihn gestellt, hängende Schultern, müdes Gesicht. Stern beugt sich ein wenig hinunter, um auf gleiche Höhe zu kommen. »Was ist los?«

Während er fragt, sieht er Bram durchdringend an, direkt in seine dunkelbraunen Augen, von denen er vergeblich hofft, dass sie den seinen ähnlich sind.

»Ich will nicht.«

»Was?«

»Ich hab keine Lust zu spielen. Können wir gehen?«

»Bitte? Wir sind doch grad erst reingekommen. Du hast noch kein einziges Mal geworfen.«

»Weiß ich, aber ich will nicht. Heute nicht.«

Die Kugeln, die Stern eben gespielt hat, kommen zurückgerollt, bereit für den Nächsten.

»Warum heute nicht? Geht es dir nicht gut?«

»Nein, das hätte ich dann schon gesagt. Ich hab einfach keine Lust.«

»Aber wir gehen doch so gut wie jede Woche in De Kegel, mein Lieber. Das ist Tradition.« Stern tut sein Bestes, um überzeugend zu klingen, hört aber Gekränktheit in seiner Stimme, vielleicht sogar Entrüstung.

»Papa, bitte. Ich will einfach nicht mehr.«

Im letzten Monat hatte es bereits genügend Hinweise auf diesen Moment gegeben, wird Stern bewusst. Das eine Mal wollte Bram nicht spielen, weil er sich auf seine Abschlussprüfung vorbereiten musste, das nächste Mal, weil er sich nicht gut fühlte. Stern war jedes Mal allein gegangen. Und wenn er dann zwei Stunden später nach Hause kam, fand er Bram an seinem Computer. Manchmal beim Chatten auf Facebook, manchmal spielte er nur. Keinerlei Anzeichen von Unwohlsein oder Nervosität vor den bevorstehenden Prüfungen. »Alles in Ordnung?«, fragte Stern meist, worauf Bram antwortete: »Ach.« Oder: »Geht so.«

Er betrachtet die beiden Bowlingkugeln neben sich. Es ist, als würden sie ihn anflehen, aufs Neue benutzt zu werden. Stern kann der Verlockung nicht widerstehen, er nimmt die erste und wirft sie mit voller Kraft.

Patsch, sechs Kegel fallen um.

Bram setzt sich auf die Bank vor der Bahn. Er nimmt sein iPhone. Seit er es letzten Sommer gekauft hat, sind Bram und sein Smartphone unzertrennlich. Andauernd holt er das kompakte schwarze Gerät hervor und tippt hastig allerlei Nachrichten. Hin und wieder hat Stern den Eindruck, dass sein Sohn mehr über das Smartphone mitteilt als mündlich.

Andere Väter wären in diesem Moment eingeschritten. Sie hätten gesagt: Pack das Telefon weg, wir sind zusammen hier. Stern nicht. Er ist ruhig geblieben, als der Schuldirektor ihn vor Monaten zu einem Gespräch gebeten hatte, und auch jetzt lässt er sich nicht aus der Fassung bringen. Merel bezeichnet ihn in letzter Zeit schon mal als abwesend, oder, wenn sie einen schlechten Tag hat: teilnahmslos. »Wieso teilnahmslos?«, hatte er neulich gefragt. »Wie kommst du darauf? Ich nehme an allem Anteil, ich bin immer für euch da.« Sie hatte lange geschwiegen und schließlich gesagt: »Irgendwie bist du nicht richtig bei der Sache.«

Stern schaut zu der glänzenden Holzbahn und streckt schon die Finger aus, um eine neue Kugel zu greifen, zwingt sich dann aber, sich neben Bram zu setzen.

Schweigend ziehen sie die blauroten Bowlingschuhe, die sie beim Hereinkommen erhalten haben, wieder aus.

Mit den Schuhen in der Hand gehen sie zum Ausgang. Im Hintergrund spielt eintönige Discomusik aus den Achtzigerjahren, hin und wieder unterbrochen durch das beruhigende Geräusch einer rollenden Kugel und umfallender Kegel.

Am Tresen müssen sie warten, bis die Mitarbeiterin zu ihnen kommt. Sie steht hinter der Bar, serviert einer Gruppe von Kindern Limonadengläser und ein Schälchen Knackwurst. Stern beobachtet die Szene zufrieden. Dann merkt er, dass Bram seine Finger drückt, sanft, tastend, wie ein Baby, das zum ersten Mal eine erwachsene Hand berührt. »Papa, ich muss dir was sagen.« Er spricht die Worte im Flüsterton. »Ich hab so was wie eine Freundin. Da geh ich jetzt gleich hin.«

So was wie eineFreundin. Diese Formulierung suggeriert eine Menge, auch wenn Stern nicht genau weiß, was. Wer weiß, vielleicht ist die Beziehung nur sexuell oder gerade rein platonisch. Da schießt ihm der Gedanke durch den Kopf: Vielleicht findet das Mädchen Bram hässlich, stößt sein Äußeres sie ab.

»Meine Herren, wie kann ich euch helfen?« Die Mitarbeiterin am Tresen sieht Stern lange an. Nicht verführerisch, das tun Mädchen ihres Alters bei ihm schon seit Jahren nicht mehr, sondern freundlich, wie man Stammkunden behandelt.

»Claire, wir sind schon wieder fertig für heute«, sagt er. »Nächste Woche wieder.«

Sie nimmt die Bowlingschuhe und desinfiziert sie mit einem Spray, obwohl sie kaum getragen sind. Dann stellt sie Sterns Lederschuhe auf die Theke und danach Brams schäbige Turnschuhe.

Sie fahren mit dem Aufzug nach unten.

»Wie heißt sie?«, fragt Stern auf halber Strecke.

Die Discomusik verebbt, man hört nur noch leise eine Basslinie.

»Shayla.«

»Shai-la?«, wiederholt Stern. »Lustiger Name.«

»Lustig?«

»Auf jeden Fall ungewöhnlich.«

»Sie ist weiß, falls du das meinst.«

Die Aufzugtüren öffnen sich. Draußen ist es dunkel. Zehn Minuten, länger waren sie nicht drin. Stern versucht, noch etwas von Brams Gesicht abzulesen, doch es ist undurchdringlich. Er stellt keine Fragen mehr.

Auf dem Schulhof von De Regenboog hört er zu seinem Grauen immer wieder Väter über ihren Papa-Tag reden, als ob ein einziger Tag den Rest der Woche kompensieren könnte, als sei Vaterschaft ein Beruf, den man zu festgesetzten Zeiten ausübt. Sich für einen Moment interessiert geben, ein Späßchen machen, ein Butterbrot schmieren, und hoppla, die Arbeit ist wieder mal getan. Stern weiß es besser. Er ist jederzeit für seinen Sohn da, aber wenn Bram keine Lust auf ein Gespräch hat: auch gut. Er ist nun mal kein Plauderer. Außerdem: Gerade die Schweigsamen haben es in sich, eines Tages alle zu verblüffen. Mit einem Buch, einem Film, einer wissenschaftlichen Entdeckung, womit auch immer. Vielleicht bringt es Bram zum Psychiater. Oder zum Richter, oder wie wäre es mit einer Karriere als Mathematiker? Bis dahin wird Stern Abstand halten. Kein Jugendlicher will Eltern, die sich zu sehr aufdrängen.

2.

Im Büro hing ein Foto des Direktors mit seinen zwei halbwüchsigen Söhnen. Sie saßen zu dritt am Strand, von einer grellen Sonne beschienen, und hatten einander die Arme um die Schultern gelegt. Sooft Stern diesen Raum auch betrat, er brachte es nicht über sich, länger als ein paar Sekunden auf das Foto zu sehen, sonst wäre er von einer akuten Übelkeit befallen worden, einer Mischung aus Neid und Widerwillen.

Vor sieben Monaten war er zum letzten Mal dort gewesen. Der Direktor fing ihn am Ende eines angenehm verlaufenen Donnerstags – die Schüler hatten aufmerksam zugehört, es war hart gearbeitet worden – auf dem Flur ab und sagte: »Hugo, kann ich dich mal kurz sprechen?« Stern machte sich sofort Sorgen. Der Direktor war ein Typ, für den der Besitz von Macht Grund genug war, sie auch auszuüben. Noch keine drei Jahre im Amt, hatte er schon mehr Veränderungen veranlasst als alle seine Vorgänger zusammen. Die hervorragend intakte Sporthalle war renoviert worden, die Schulbibliothek bekam ohne Grund einen neuen Standort, und mehrere junge Praktikantinnen nahmen ihren Dienst auf, während geschätzten Teilzeitkräften ungerührt die Tür gewiesen wurde.

»So«, sagte der Direktor, sobald sie in seinem Büro waren. »Wie geht’s? Läuft in der Klasse alles rund?«

Stern nickte, antwortete aber nicht. Angespannt blickte er in das junge, joviale Gesicht ihm gegenüber.

»Hugo, lass mich ehrlich sein. Das hier wird ein Gespräch, das wir nicht gerne führen. Aber als Schulleiter habe ich eine gewisse Verantwortung. Also würde ich sagen, setz dich mal.«

Stern nahm Platz. Auf dem Schreibtisch vor sich sah er einen Stapel ungeöffneter Post liegen: mehr Karten und Kuverts, als er selbst in Monaten bekommen hatte.

»Schau, als Schule müssen wir gewisse Entscheidungen treffen. Wir müssen tun, was uns auf lange Sicht am besten erscheint. De Regenboog ist letztlich auch nur ein Unternehmen.« Es folgte eine detaillierte Geschichte, der Direktor sprach immerzu von »wir«, wenn er ganz klar »ich« meinte, doch ansonsten ging so ziemlich alles an Stern vorbei. Eigentlich drang nur ein einziges Wort zu ihm durch. Vorruhestand. Stern kannte den Begriff nur ungefähr, aber gerade deshalb war ihm sofort klar, dass es um etwas Schwerwiegendes ging.

Er dachte an seine Klasse, die 4. Klasse. An alle 4. Klassen, die er in der Vergangenheit unterrichtet hatte. Es waren Dutzende, jedes Mal wieder eine neue Ansammlung sieben-, achtjähriger Schüler. Alle hatte er sie auf die 5. Klasse vorbereitet, für die Zukunft getrimmt. Aber über eine Zukunft im Vorruhestand hatte er niemals etwas gesagt. Diese Zukunft hatte er während der Vorbereitungen versäumt.

»Ich verstehe, wenn dich das ziemlich unerwartet trifft«, sagte der Direktor. »Lass es erst mal sacken. Aber du bist mit Abstand der, wie sollen wir sagen, erfahrenste Lehrer des Kollegiums. Eigentlich der einzige alten Schlages. Du passt da nicht mehr so gut rein, das musst du selbst doch auch gemerkt haben? Die Idee ist, dass wir es in aller Ruhe reduzieren. Ende Mai wird ein neuer Lehrer übernehmen. Und keine Sorge, du wirst normal weiterbezahlt.«

Der Direktor lächelte, immer dieses selbstgefällige, unausstehliche Grinsen. Als ob das Leben ein einziges großes Fest wäre, ein Witz, dessen Pointe sich Stern nicht erschloss.

Stern schob seinen Stuhl etwas zurück. Sollte er jetzt etwas sagen? Den Gegenangriff starten? Er wusste nicht einmal, wogegen genau. Es erschien ihm klüger, erst einmal Abstand zu gewinnen und die Lage zu sondieren, bevor er reagierte. Das Familienfoto im Rücken, verließ er das Büro. An der Tür überlegte er es sich jedoch anders: »Wie ist das mit dem Sportfest?«, fragte er. »Kann ich das denn noch weiter koordinieren?«

»Mach dir keine Gedanken. Das Problem lösen wir intern.« Nachdem er einen Blick in sein MacBook geworfen hatte, erhob sich der Direktor ebenfalls von seinem Stuhl. »Das kommt für dich jetzt ziemlich überraschend, oder? Nun ja, das verstehe ich gut, so etwas wie das hier kommt immer unerwartet. Aber du weißt doch, Hugo: Manchmal ist eine Veränderung für beide Seiten einfach das Beste! De Regenboog muss sich weiterentwickeln.«

Aber warum, wollte Stern fragen, warum lässt du dann ausgerechnet mich ziehen? Und noch wichtiger: wohin? Wohin in Gottes Namen?

Er sagte es nicht. Er beherrschte sich, wie er es in der Schule immer getan hatte. Erst Tage später, als die Erinnerung an das Gespräch ein wenig in den Hintergrund gerückt war, wagte er es, jemand anderem davon zu erzählen. Er rief einen früheren Nachbarn an, inzwischen ein erfolgreicher Anwalt, dessen Firma jedes Jahr eine Weihnachtskarte an die Familie Stern schickte. Stern warf sie immer ungelesen weg, aber an den Namen erinnerte er sich noch.

»Das können sie nicht machen«, sagte er am Telefon. »Ich habe schließlich einen unbefristeten Vertrag, ich kann doch nicht so einfach entlassen werden?«

Der Anwalt, der sich hörbar kaum entsinnen konnte, wer Stern überhaupt war, versprach, sich der Sache anzunehmen. Vier lange Wochen verstrichen, bis er endlich zurückrief: »Rechtlich gesehen ist deine Position bombensicher«, sagte der Anwalt. »Aber du musst dich entscheiden. Entweder mit guten Voraussetzungen jetzt ausscheiden oder noch zwei Jahre vor der Klasse stehen, in der Gewissheit, dass sie dich loswerden wollen. Was ich auch für dich tue, es wird eine untragbare Situation schaffen. Sie brauchen dich nicht mehr, Hugo. Es kommt heutzutage oft vor, dass sich Betriebe drastisch verjüngen wollen. Aber das Angebot, das sie dir gemacht haben, ist finanziell sehr verlockend. Ich würde es akzeptieren. Und bis es so weit ist, einfach nicht zu viel darüber nachdenken.«

Das tat Stern, mit großer Mühe zwar, doch es gelang. Außer Bram und Merel sagte er niemandem etwas von seinem Vorruhestand. Ob seine Kollegen informiert waren, wusste er nicht, sie sprachen ihn jedenfalls nicht darauf an. Und obwohl er beim Betreten seines Klassenzimmers immer ein leises Echo des Wortes Vorruhestand hörte, wechselte er auch mit seinen Schülern kein Wort über den nahenden Abschied. Die letzten Wochen sollten nicht im Zeichen eines Endes stehen, diese Klasse sollte ebenso unbeschwert sein wie alle Klassen davor.

Heute Nachmittag, nach dem Unterricht, rief Stern seine Schüler zu sich. Sie setzten sich im Kreis um ihn herum. »Ich muss euch was sagen. Etwas Schlimmes, aber ihr müsst es wissen. De Regenboog und ich werden uns trennen.« Er atmete tief ein. »Ich scheine nicht mehr gebraucht zu werden.«

Die Kinder sahen ihn verwirrt an, nicht imstande zu erfassen, was er meinte, doch sie begriffen, dass es um eine ernste Angelegenheit ging. Um sie zu beruhigen, teilte Stern persönlich zusammengestellte Tüten mit Süßigkeiten aus. Die Schüler nahmen sie dankbar in Empfang. Kaum, dass sie die Süßigkeiten gesehen hatten, schienen sie Sterns Abschied bereits wieder vergessen zu haben. Und bei so viel Freude fühlte sich Stern seltsamerweise auch schon wieder besser.

Im nächsten Moment ertönte die Schulglocke, und die Kinder stürmten hinaus. Durchs Fenster sah er, wie sie von ihren Eltern in Empfang genommen wurden, übertrieben fröhliche Väter und Mütter, die ihre Schätzchen umarmten und mit einer schwungvollen Bewegung hinten aufs Fahrrad setzten. Stern unterdrückte das Bedürfnis, seinen Schülern etwas hinterherzurufen, eine letzte Lebenslektion, eine Sentenz, die ihnen für immer im Gedächtnis bleiben würde.

Als sie alle fort waren, räumte er sein Klassenzimmer auf. Er wischte mit einem kleinen Lappen die Tische ab, warf ein paar zertretene Süßigkeiten in den Papierkorb, rückte die Stühle zurecht und steckte schließlich sein Unterrichtsmaterial in vier Albert-Heijn-Beutel. Er nahm alles mit, was er sah: Kulis, Bleistifte, Radiergummis, Lineale, Hefte, einen Taschenrechner, ein Etui. Und natürlich die Ordner, die er vom ersten Arbeitstag an geführt hatte.

Fast anderthalb Stunden war Stern beschäftigt. Er machte so lange weiter, bis in seinem Klassenzimmer nichts mehr an ihn erinnerte. Er verwischte seine Spuren.

3.

Hinter dem geschlossenen Fenster brennt Licht. Merel sitzt, mit einem Ausdruck ihres neuen Buchs vor sich, am Tisch. Stern beobachtet sie vom Bürgersteig der Heinzestraat aus. Große hellblaue Augen, kein Make-up oder Lippenstift. Er erinnert sich noch gut daran, wie er dieses Gesicht neunundzwanzig Jahre zuvor zum ersten Mal gesehen hat, bei einer Weinprobe, wo sie bis zum Umfallen tranken. Er fühlte sich sofort zu ihr hingezogen. Ihr Aussehen, ihr Humor, ihr Scharfsinn – alles gefiel ihm. Drei Wochen später war ihm klar: Mit dieser Frau will ich den Rest meines Lebens teilen, eine Familie gründen. Kein Jahr später war sie schwanger.

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