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Zwei Menschen. Zwei Schicksale - kann die Liebe ihre Wunden heilen?
Das Licht umstrahlt die Berliner Lampenkünstlerin Indica wie Magie. Das bemerkt auch René, als er eines von Indicas berühmten Lichterfesten besucht. Als sie sich treffen, sind beide auf der Suche: René braucht dringend ein Zuhause, nachdem er fünf Jahre als Kriegsreporter durch die Welt gereist ist. Denn nur mit einer Wohnung bekommt er das Sorgerecht für seine Tochter. Und Indica benötigt einen Untermieter, um ihre heißgeliebte Altbauwohnung nicht zu verlieren. Kurzentschlossen zieht René bei Indica ein. Aber was als reine Zweckgemeinschaft begann, entwickelt sich schnell zu einer echten Liebesbeziehung. Doch sowohl Indica als auch René werden von Erinnerungen verfolgt, die ihrem Glück im Weg stehen. Ist ihre Liebe stark genug, um die Vergangenheit zu überwinden?
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Seitenzahl: 627
Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwei Menschen. Zwei Schicksale – kann die Liebe ihre Wunden heilen? Das Licht umstrahlt die Berliner Lampenkünstlerin Indica wie Magie. Das bemerkt auch René, als er eines von Indicas berühmten Lichterfesten besucht. Als sie sich treffen, sind beide auf der Suche: René braucht dringend ein Zuhause, nachdem er fünf Jahre als Kriegsreporter durch die Welt gereist ist. Denn nur mit einer Wohnung bekommt er das Sorgerecht für seine Tochter. Und Indica benötigt einen Untermieter, um ihre heißgeliebte Altbauwohnung nicht zu verlieren. Kurzentschlossen zieht René bei Indica ein. Aber was als reine Zweckgemeinschaft begann, entwickelt sich schnell zu einer echten Liebesbeziehung. Doch sowohl Indica als auch René werden von Erinnerungen verfolgt, die ihrem Glück im Weg stehen. Ist ihre Liebe stark genug, um die Vergangenheit zu überwinden?
Daniela Aring ist typische Berlinerin. In jungen Jahren zugezogen, auf der Suche nach Freiheit und der großen Liebe – und dann geblieben. Seit 20 Jahren wohnt sie nun im Herz von Berlin-Kreuzberg, genau dort, wo sich die Nationen der Welt vermischen, wo sich fast jeder als (Lebens)künstler versteht und verrückte Dinge zum Alltag gehören. In genau jenem bunten Treiben, in dem Menschen nach Antworten auf große Fragen suchen, sind auch die Ideen zu »Sterne über Berlin« entstanden.
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright © 2023 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Textredaktion: lüra – Klemt & Mues GbR, Wuppertal
Umschlaggestaltung: Kristin Pang
Umschlagmotiv: © Odua Images / shutterstock.com;
tomertu / shutterstock.com
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7517-2836-2
luebbe.de
lesejury.de
Für alle Kinder auf dieser Welt,
deren Kindheit durch Gewalt und Krieg erschüttert wird
– und für ihre Eltern, die alles dafür geben würden,
das Leid von ihren Kindern abzuwenden
Niemand hatte je herausgefunden, wann oder wo oder unter welchen Umständen Indica Lumina Stern geboren worden war. Manch einer behauptete sogar, sie sei gar nicht geboren worden, sondern einfach erschienen, dort auf dem Treppenabsatz im vierten Stock des Altbaus am Maybachufer, an jenem Sommertag 1985. Wie ein Gemälde aus Licht und Farbe hatte sie dagelegen, eingewickelt in bunte Decken, aber ohne Kleidung, ihr Gesicht beschienen von dem ersten Sonnenstrahl, der sich durch das Blätterdach der Straßenbäume fädelte und seinen Weg in den dämmerigen Hausflur fand.
An genau dem Platz neben der Wohnungstür, an der Nikolas Gustav Stern für gewöhnlich leere Farbtöpfe, eingetrocknete Pinsel und gefüllte Müllbeutel abstellte, ehe er sie zu den Mülltonen in den Hof brachte, lag nun das winzige Menschenbündel, als hätte es sich aus Farben, Licht und Fantasie zu einem atmenden Wesen zusammengesetzt. Doch im Gegensatz zu den Farbtöpfen und Müllbeuteln, deren Lebenszeit verronnen war, wartete das kleine Kind darauf, in die Wohnung eingelassen zu werden und ein Leben zu beginnen.
Indi hatte nicht geschrien. Das berichtete Georgios, der Grieche aus der Wohnung gegenüber, der sie an jenem Morgen fand. Ihre dunkelblauen Babyaugen, die angesichts ihrer Hautfarbe ganz sicher einmal braun werden würden, blinzelten und begrüßten verwundert den wärmenden Lichtstrahl – und gleich darauf den fremden Mann, der sich ebenso verwundert hinabbeugte und es nicht wagte, den kleinen Findling zu berühren. Stattdessen klingelte Georgios an Nikolas Sterns Tür.
Doch in der Wohnung im vierten Stock rechts blieb es still. Nur im dritten Stock erhob sich Getümmel, als die beiden älteren Söhne von Mehtap und Jusuf Mutlu die Treppe hinunterpolterten, um zur Schule zu gehen.
In seiner Hilflosigkeit rief Georgios ein paar ungeordnete Worte über ein ausgesetztes Baby nach unten, woraufhin Mehtap alarmiert die Treppe heraufstürmte. Mehtap, erfahrene Mutter von vier Kindern und momentan schwanger mit dem fünften, wusste sofort, was zu tun war. Während sie das Baby auf den Arm hob, instruierte sie ihre vierjährige Tochter, die ihr gefolgt war, mit leiser Stimme auf Türkisch. Die kleine Elif irrte sich jedoch zweimal in der Tür, an der sie klingeln sollte, und so kam es, dass sich in Kürze sämtliche Bewohner aus dem zweiten und dritten Stock auf dem Treppenabsatz vor Nikolas Sterns Wohnung versammelten. Mehtap konnte eine großzügige Anzahl an Helfern jedoch gut gebrauchen. Während ihre Freundin Azra saubere Babykleidung aus Mehtaps Beständen heraussuchte, machte sich Gitti auf den Weg zum Drogeriemarkt, um Säuglingsmilch und Windeln zu besorgen. Eigentlich musste sie bald zu ihrer Arbeit auf der Sozialstation – aber das hier war immerhin ein Notfall in ihrem Fachgebiet, und eine Verspätung wäre sicher entschuldbar.
Der Tumult im Treppenhaus lockte derweil auch die Bewohner aus dem ersten Stock nach oben. Selbst Jusuf, der bereits in seinem Import-Export-Laden im Erdgeschoss gewesen war, kam noch einmal die Treppe herauf, und schließlich entbrannte eine wilde Diskussion darüber, woher das Kind stammen mochte.
Seine Hautfarbe weise eindeutig auf eine arabische Familie hin, meinte Azra. Jedoch wunderte sie sich, warum ein arabisches Kind hier oben abgelegt wurde, anstatt bei einem fürsorglichen Familienmitglied groß zu werden.
Vielleicht sei es ein Mädchen, mutmaßte Politikstudent Fabian aus der WG im ersten Stock und schloss die gewagte These an, dass das Geschlecht auch der Grund sein könnte, weshalb es in seiner Familie unerwünscht sei. Für einen winzigen Moment herrschte Sprachlosigkeit im Treppenhaus, während Fabian kopfüber aus dem sozialpolitischen Fenster der Neuköllner Achtzigerjahre baumelte.
Dann eilte ihm seine Freundin Kathrin zur Rettung. »Eigentlich sieht sie aus wie ein Latino-Mädchen«, behauptete sie hastig, und Kathrin musste es wissen, immerhin hatte sie ein ganzes Jahr in Mexiko verbracht.
Fast sämtliche Nachbarn nickten zustimmend, oder erleichtert, oder einfach nur deshalb, weil dies nicht der richtige Moment für eine sozialpolitische Diskussion war. Nur Annegret aus dem dritten Stock, die wie immer von einer leichten Räucherstäbchenwolke umweht wurde, brachte eine weitere Idee ins Spiel: »Ihr Gesicht ist nach indischem Abbild geschaffen.« Die Armbänder aus bunten Glassteinen klimperten, als sie ihre Hand über den Kopf des Kindes streichen ließ. Derweil murmelten ihre Lippen ein Gebet – oder einen Segen. Oder eine Zauberformel? Irgendetwas jedenfalls, das sich aus einer eigentümlichen Mischung von esoterischen, heidnischen und buddhistischen Glaubensfragmenten zusammensetzte. »Die Geister sprechen von dem Licht und der Freude, aus denen sich ein Engel materialisiert hat, um dem armen Nikolas aus seiner Verlassenheit zu helfen.«
Wieder verstummten sämtliche Stimmen im Treppenhaus. Dann setzte sich die Diskussion in eine andere Richtung fort: Was nun mit dem Kind zu tun sei, ob die Polizei gerufen werden musste oder ob sich damit noch warten ließe, bis Nikolas Stern zurück war. Immerhin wäre es denkbar, dass er die Herkunft des Kindes erklären konnte.
Irgendwann, inmitten des Gewirrs, begann das Baby doch zu schreien. Weder Mehtaps mütterliche Arme noch das Wiegenlied, das die alte Frau Hoffmann aus dem ersten Stock anstimmte, konnten es beruhigen. Erst Gittis Rückkehr aus dem Drogeriemarkt, eine eilig auf den Stufen gewechselte Windel, frische Kleidung und warm zubereitete Milch ließen das Schreien versiegen – und bestätigten so ganz nebenbei, dass es sich tatsächlich um ein Mädchen handelte. Die glitzernden Tränchen und nassen schwarzen Wimpern umrahmten den Blick der Kleinen, während sie gierig an der Flasche sog.
Dies war der Moment, in dem Nikolas Gustav Stern von seiner morgendlichen Joggingrunde zurückkehrte. Als er wie immer die Stufen hinaufsprintete, um den Alterungsprozess seines Körpers noch vor dem fünfzigsten Geburtstag aufzuhalten, wurde er im dritten Stock ausgebremst. Fast sämtliche Hausbewohner hatten sich vor seiner Wohnungstür und auf den Stufen darunter versammelt. Während Nikolas verdattert auf dem Absatz unter ihnen stehen blieb, verstummten sie abrupt. Er entdeckte alle vier Bewohner der Studenten-WG, die alte Frau Hoffmann, die eigentlich keine Treppen mehr steigen konnte, und die esoterische Annegret, die an diesem Morgen aussah, als wäre sie von einer medialen Aura umgeben. Georgios von gegenüber schaute betreten und nickte vage in Richtung der Dachbodentreppe. Oder meinte er Nikolas’ Wohnungstür? Mehtap, Jusuf und Azra hatten eben noch auf Türkisch miteinander geredet, traten nun aber schweigend aus dem Weg. Hinter ihnen auf der Stufe spielten Mehtaps Töchter mit einer Barbiepuppe. Aber selbst die Mädchen rückten zur Seite und ließen Nikolas hindurchtreten. Irgendetwas Schlimmes musste geschehen sein, weshalb sie sich alle hier versammelt hatten. Oder etwas Schönes? Warum sonst sollte dieser sonderbare Zauber auf ihren Gesichtern leuchten?
Zögernd stieg Nikolas die letzten Stufen zu seinem Stockwerk hinauf – und dann sah er sie: Auf dem Treppenabsatz, der zum Dachboden hinaufführte, saßen Gitti und ihre zwölfjährige Tochter Susanne. Susi, die um diese Zeit eigentlich in die Schule gehörte, hielt ein winziges Baby im Arm und fütterte es mit einer Milchflasche.
Nikolas musste nur einen Blick in das Gesicht des Säuglings werfen, um zu ahnen, was hier vorging. Seit wann hatte er nichts mehr von Valeria gehört? Seit sie erwachsen war? Oder schon länger? Viel zu wenig hatte er sich um seine Tochter kümmern dürfen, und viel zu früh war sie in der Welt verloren gegangen. Konnte es sein, dass sie jetzt ein Kind bekommen hatte?
Zumindest war es die einzige Erklärung, die ihm einfiel.
In genau diesem Augenblick stieß die esoterische Annegret ein tiefes, urtümliches Keuchen aus, das alle herumfahren ließ. »Lumina«, stöhnte sie, und ihre Augen schauten in die Tiefen des Universums, aus dem sie den Namen empfangen hatte. »Die Leuchtende.«
An diesem Tag, in diesem Hausflur und in der Obhut einer ganzen Hausgemeinschaft begann also das Leben von Indica Lumina Stern. Indica war der Name, den Nikolas auf einem Zettel in dem Bündel fand, als er die Decken vor der Waschmaschine aufschüttelte, Lumina wählte er als Zweitnamen, weil in diesem einen Augenblick nicht nur Annegret, sondern auch er und der Rest der Hausgemeinschaft an die Macht des Universums glaubten. Und Stern wurde ihr Nachname, nachdem ein Bluttest ergab, dass Nikolas tatsächlich ihr Großvater war.
Indi war fünf Jahre alt, als Nikolas Gustav Stern die Erlaubnis erhielt, sie zu adoptieren, weil sich der Aufenthaltsort der Mutter nicht feststellen ließ.
Und so wuchs Indica auf, in diesem Altbau am Maybachufer, zwischen den Staffeleien und Farben ihres Großvaters und inmitten einer Hausgemeinschaft, die sich für sie so verantwortlich fühlte, als hätten sie an diesem lichtdurchfluteten Morgen 1985 alle gemeinsam ein Kind bekommen.
Indica liebte das Haus und die Menschen darin. Sie liebte die Farben und das Licht, ebenso wie das Wasser in dem Kanal vor ihrer Haustür. Sie liebte Berlin, ihre Stadt, und das Leben, das in ihr pulsierte. Indica liebte alles – und wurde von allen geliebt. Denn etwas in ihrem Inneren leuchtete und brachte die Menschen zum Strahlen – viele Jahre später noch genauso wie an jenem ersten Tag.
Und dennoch versteckte sich ein Schatten in ihr. Tief verborgen hinter dem einen Geheimnis, das sich nicht einmal im hellsten Licht erleuchten ließ: Indi wusste nicht, woher sie stammte.
Als sie fünf war, erzählte sie im Kindergarten, ihre Mutter würde als Piratin die Welt umsegeln, ungefähr so wie Pippi Langstrumpfs Vater.
Als sie in die Schule kam, konkretisierte sie die Herkunft ihres Vaters und bezeichnete ihn als Schatzsucher aus der Karibik. Die Piratengeschichte flog auf, weil irgendwelche Eltern sie für unglaubwürdig hielten. Fantasielose Eltern, wie Nikolas befand, denn Menschen könnten schließlich auch in ihrem Herzen Piraten sein. Aber fortan erzählte Indi ihre Geschichte in einer verständlicheren Variante. Sie berichtete von der Weltreise ihrer Mutter, und in sehnsüchtigen Momenten erfand sie Postkarten hinzu, die jeden Monat eintrafen und die sie in einer geheimen Kiste aufbewahrte.
Als sie ins Gymnasium kam, erschien ihr die Geschichte zu kindisch, und so behauptete sie, ihre Mutter sei Teil einer Sekte, aus der sie nicht entkommen konnte. Nur Indi hatte sie in Sicherheit bringen können, indem sie das Baby vor der Tür ihres Großvaters ablegte. Unter den Mitschülerinnen und Mitschülern sorgte die Geschichte zuerst für Aufsehen und dann für verächtliche Blicke, weil irgendjemand behauptete, Indi würde lügen.
Sie war dreizehn, als sie beschloss, einfach gar nichts mehr über ihre Eltern zu erzählen.
Später, nach einem Seminar über Rassismus, wusste sie endlich eine Antwort auf die Frage, woher sie komme. »Aus Deutschland« beendete seitdem jede Diskussion über ihre Herkunft. Und es war diese Einstellung, mit der sie endlich ihren Frieden fand. Ihr Großvater und das Haus am Maybachufer hatten ihr alles gegeben, was sie brauchte. Und nur das zählte.
Der frühe Morgen schob sich mit einem feinen Dunstschleier über den Landwehrkanal. Die Sonne stand noch tief im Osten und sendete ihre Strahlen in einem flachen Winkel über das Kanalbecken und die beiden Straßenzüge, die das Ufer an den Seiten säumten. Enten und Schwäne plantschten im Wasser und schlugen ringförmige Wellen, in denen sich das Sonnenlicht fing, während die Möwen kreischend ihre Kreise flogen und die ersten Menschen am Ufer beäugten. Schon bald würde sich jemand finden, der sein Frühstück mit ihnen teilte und ihnen Brotkrumen zuwarf. Und wenn nicht, würden sie sich etwas aus den Kisten stehlen, die die Händler leichtfertig hinter den Marktständen stehen ließen. Vor allem die Besitzer der Streetfood-Stände am Ende des Marktes mussten aufpassen, dass ihre Gäste die Tiere nicht anfütterten.
In Indis Kindheit hatte es nur gelegentlich eine Möwe ans Maybachufer verschlagen. Doch inzwischen verbreitete ihr Kreischen und Kichern eine Atmosphäre, als wäre dies hier nicht ein kleiner Schifffahrtskanal inmitten Berlins, sondern die Strandpromenade eines Küstenortes.
Indi atmete tief ein, als sie aus dem Haus auf den Bürgersteig trat. Die Luft roch nach Seewasser und Tau, nach Lindenblüten und sommerlicher Wärme, die sich noch vom Vortag in den Hauswänden hielt. Neben ihr klingelte die Türglocke des Cafés. Der Duft von frisch gebackenen Brötchen und Kaffee zog an ihr vorbei, während Ruven um die Ecke seines Türsimses lugte. »Lust auf Frühstück, Indi? Ich mache in zehn Minuten auf.«
Indi schüttelte bedauernd den Kopf. »Danke, Ruven. Aber ich muss mich erst um meinen Stand kümmern. Ich bin heute hier unten auf dem Markt. Vielleicht komme ich später und hole mir einen Bagel.«
»Oh, dann will ich dich nicht aufhalten.« Ruven grinste von einem fünffach gepiercten Ohr zum anderen. »Soll ich dir deinen Lieblingsbagel mit Hummus und getrockneten Tomaten zurücklegen?«
Indis Magen reagierte mit einem hungrigen Vibrieren. Aber tatsächlich würde sie auf das Frühstück noch warten müssen. »Gern.«
Ruven schob den Keil unter die offene Tür und begann damit, Tische nach draußen zu stellen.
Indi kannte die morgendliche Routine noch allzu gut – von ihrer Zeit, in der sie selbst in Ruvens Café gejobbt hatte. Vielleicht würde sie schon bald zu diesem Job zurückkehren.
Aber noch nicht heute. Heute war Markttag. Wie jeden Samstag war sie vom Scheppern der Klapptische und dem Rumpeln der Karren aufgewacht, mit denen die Buden zu ihren Standplätzen gezogen wurden. Etwa die Hälfte der Stände war bereits zwischen den Linden am Ufer aufgebaut. Auch die Fahrbahn war längst abgesperrt. Nur die größeren Händler, die ihre Stände selbst mitbrachten, bauten noch auf.
Indi überquerte die Straße und machte sich auf den Weg zur Marktleitung. Auch wenn sie schon ahnte, welches ihre Bude sein würde, musste sie sich erst anmelden.
Die Bewegung vertrieb die letzte Müdigkeit aus ihrem Körper. Während sie zwischen Ständen, Lieferwagen und Kisten hindurchlief, flogen ihr von überall Grüße entgegen. Die meisten der Aussteller kannte sie schon lange. Doch niemand hatte Zeit, um für einen Smalltalk stehen zu bleiben.
Indi fand den Marktleiter an der Absperrung zum Kottbusser Damm, wo er die Händler durchließ und ihnen ihre Standnummern zurief. Wie immer war seine Aufmerksamkeit überall gleichzeitig. Er beantwortete Fragen, gab Anweisungen und nahm Indi dennoch früh genug wahr, um ihr schon von weitem zuzuwinken. »Guten Morgen, Indi!«, rief er, während sie sich zwischen einer offenen Autotür und einem Kistenstapel hindurchschlängelte. »Du hast die 25. Bei dir gegenüber. Ich hab Nils und Ömer gesagt, sie sollen die Beleuchtung weglassen.«
»Hab ich schon gesehen. Danke.« Indi schenkte ihm ein Lächeln und wühlte nach den Geldscheinen in ihrer Hosentasche.
Der Marktleiter winkte ab. »Du kannst später zahlen. Bau erstmal auf. Ich komme vorbei.«
Erleichtert ließ Indi das Geld in ihrer Tasche. Später zahlen war immer gut. Mit Glück hatte sie bis dahin schon etwas verkauft. »Dann bis nachher.«
Sie hatte sich bereits abgewandt, als der Marktleiter ihr noch einmal hinterherrief: »Indi? Schön, dass du heute mal wieder dabei bist.«
Sie drehte sich noch einmal zu ihm und wippte auf den Zehen. »Ja!«, rief sie. Und es stimmte – es war schön, mal wieder hier zu sein, auf dem Markt vor ihrer Haustür. Dem Wunderland ihrer Kindheit und Jugend, dem Zauberkessel, aus dem immer etwas Neues hervorkam. Dreimal in der Woche gab es hier einen Markt. Dienstags und freitags verwandelte sich der Ort in einen türkischen Bazar, mit Gemüseständen und Gewürzhändlern, orientalischem Tee und Marktschreiern, die drei Beutel Orangen zum Preis von einem anboten oder Tomaten kiloweise verkauften, bis man weitaus mehr nach Hause schleppte, als man jemals essen konnte. An anderen Ständen gab es selbstgemachte Pasten und Hummus als Brotaufstrich, dazu Pide und Sesamringe und Oliven in Hülle und Fülle. Manchmal ernährte Indi sich wochenlang nur von dem, was der Markt hergab. Vor allem, wenn sie so viel gekauft hatte, dass sie das Gemüse einkochen musste, um es haltbar zu machen. Oder wenn ihr Geld so knapp wurde, dass es gerade mal für die Miete reichte. Indi tat es nicht gern, aber sie wusste, bei welchen Händlern sie kurz vor Marktschluss nur nett grüßen musste, um tütenweise Reste zu bekommen, die sonst im Müll gelandet wären.
Auch heute, auf dem Samstagsmarkt, würde es vereinzelt Gemüsestände geben. Doch eigentlich war dies der Stoffmarkt, und der war gänzlich anders. Denn außer den Stoffhändlern, die dem Markt seinen Namen gaben, kamen vor allem Designer. Es gab handgefertigte Kleidung und Patchwork-Decken, Taschen in allen Formen und Farben und etliche Schmuckstände. Dazwischen fanden sich handgemachte Seifen und Räucherstäbchen, Holzspielzeug, antike Fotodrucke und dekorative Kunst. Den Besuchern wiederum sah man an, dass sie ihre Röcke, Hosen und Mäntel selbst nähten. Hipster kleideten hier ihre Babys ein oder suchten individuelle Stücke für sich selbst. Und weil der Ruf des Marktes inzwischen weit gedrungen war, fanden sich auch zahlreiche Touristen ein, die einfach nur die Atmosphäre genossen.
Indi liebte den Stoffmarkt, seit sie denken konnte. Manchmal hatte ihr Großvater seine Bilder hier ausgestellt. Dann hatte sie ihm stolz am Stand geholfen und den Interessenten die Lasurtechnik erklärt, in der Nikolas malte und von der er so oft sprach.
Auch heute würden wieder ein paar Künstler hier sein, die kleinformatige Bilder oder handgezeichnete Postkarten anboten. Doch mit der Kunst war es nicht so einfach auf diesem Markt. Hier kauften die Menschen zu niedrigen Preisen. Kleine Dinge, die sich als Mitbringsel oder Geschenk eigneten. Die Arbeitszeit des Künstlers wurde mit den erzielten Preisen nur selten angemessen honoriert.
Sosehr Indi diesen Markt liebte – an den meisten Wochenenden verkaufte sie ihre Lampen auf dem Kunstmarkt an der Museumsinsel. Dort gab es deutlich größere Chancen, von einem Kunstkenner bemerkt zu werden. Viele Interessenten reisten extra an, um junge Berliner Künstlerinnen und Künstler zu entdecken. Manch ein Sammler schien darauf zu hoffen, zufällig einen »neuen Richter« zu erstehen, dessen Wert in ein paar Jahren um ein Vielfaches stieg. Und wieder andere suchten einfach nur nach einem besonderen Dekorationsobjekt für ihr Wohnzimmer. Bei Letzteren hatte Indi gute Chancen, eine ihrer Lampen zu verkaufen.
Was die Einnahmen betraf, war der Kunstmarkt auf der Museumsinsel also deutlich lukrativer. Doch der Markt am Maybachufer war nach all den Jahren noch immer ihr Heimspiel, auch wenn sie nur am ersten Samstag des Monats hier ausstellte – immer dann, wenn sie abends im Hinterhof ihr Lichterfest veranstaltete.
Als sie auf ihre Hauseinfahrt zukam, stand Jusuf in der Tür seines kleinen Import-Export-Ladens und schlürfte an einem Tee. »Guten Morgen, Sternchen!« Ihr Nachbar hielt ein zweites Teeglas in der Hand und streckte es Indi entgegen. »Eine kleine Stärkung, bevor es losgeht?«
Dankbar nahm Indi das Glas entgegen. Es war noch so heiß, dass sie es am oberen Rand halten musste. Vermutlich hatte Jusuf den Tee gerade erst aus einem der Samoware gezapft, die er in seinem Laden verkaufte.
Vorsichtig probierte Indi von der dunkelgelben Flüssigkeit. Der Tee war stark, voller Aroma und unglaublich süß. »Zuckerschock«, murmelte sie. »Wie viele Löffel hast du da reingetan?«
Jusufs Lachen klang heiser und nach gutmütigem altem Mann. »Es muss so süß sein. Du brauchst doch Kraft für den Tag.« Damit winkelte er den Arm an und zeigte seinen Bizeps unter dem kurzärmeligen Hemd. Trotz seines Alters war er immer noch beachtlich.
Indi widersprach ihm lieber nicht. Jusufs Fürsorge folgte festgelegten Kriterien, zu denen man am besten nickte oder lachte. Mit dem nächsten Schluck hatte sie sich schon beinahe an den Zucker gewöhnt. Man musste Jusufs Tee einfach als Süßigkeit betrachten, dann war er lecker.
»Ich helfe dir aufbauen«, sagte er.
Indi setzte das Teeglas ab. »Das musst du nicht. Du wolltest doch bestimmt gerade deinen Laden öffnen. Und du hilfst ja auch schon beim Lichterfest.«
»Ach was!« Jusuf winkte ab. »Der Laden kann warten. So früh kommen sowieso keine Kunden.« Sein rundliches Gesicht strahlte wie ein Teddybär. »Nachher gehe ich mit Murat Grillfleisch kaufen. Was denkst du, wie viele Leute kommen heute Abend?«
Etwas hilflos zuckte Indi die Schultern. »Ich weiß es nicht. Du kennst das doch: Von null bis fünfzig ist alles möglich.«
Es war ihr jedes Mal unangenehm, weil Jusuf und sein ältester Sohn Fleisch besorgten, das sie dann zu Köfte verarbeiteten und bei ihrem Lichterfest an die Gäste verkauften. Doch es war immer schwierig, die Menge vorherzusehen. In der Regel ging Jusuf auf Nummer sicher, damit auch wirklich jeder satt wurde. Aber häufig kamen nur wenige Leute, weshalb bei den meisten Festen etwas übrig blieb. »Kauft nicht wieder zu viel, Jusuf. Die Leute verhungern nicht, wenn euer Grill am Ende leer sein sollte.«
Jusuf brummte gutmütig. »Mach dir darüber keine Sorgen. Wir sind eine große Familie. Wenn etwas übrig bleibt, essen wir in der nächsten Woche davon. Und dich füttern wir auch noch mit durch.«
Indi unterdrückte ein Räuspern. Sie wollte sich nicht durchfüttern lassen. Auch, wenn es viel zu häufig vorkam. Mehtap und Beyza, Murats Frau, luden sie oft zum Essen ein. Indi mochte den Trubel der Großfamilie, in der drei Generationen unter einem Dach wohnten. Murat und Beyza hatten zwei kleine Töchter und einen Sohn, und eines der Kinder redete fast immer. Indi war wirklich gerne bei Jusufs Familie. Dennoch war es ein bisschen peinlich, dass das kleine Findelkind nach zweiunddreißig Jahren immer noch nicht für sich selbst sorgen konnte. »Ihr müsst mich nicht durchfüttern, Jusuf. Ich komme ganz gut allein klar.«
»Allein, allein.« In Jusufs dunkelbraunen Augen schimmerte Mitleid. »Du solltest nicht immer allein sein, Yıldız.« Er druckste herum, trank den letzten Schluck von seinem Tee und schaute auf den Kanal hinaus. Als er weitersprach, wurde seine Stimme sanft. »Du weißt, dass wir dich lieben, Sternchen. Das ganze Haus liebt dich, seit wir dich auf den Treppenstufen gefunden haben. Aber du solltest dir endlich einen Mann suchen. Einen, der für dich sorgt und mit dem du eine Familie gründen kannst.«
Jusufs Worte ritzten wie ein Messer in Indis Herz. Natürlich sagte er es nicht, um ihren wundesten Punkt zu treffen, vermutlich wusste er nicht einmal, wie wund dieser Punkt war. Dennoch zog sich der Schmerz wie ein klaffender Riss durch ihre Brust.
»Wie alt bist du jetzt?«, fuhr Jusuf fort. »Zweiunddreißig? Du solltest endlich Kinder haben. Bevor es zu spät ist. Schau mich an. Und Mehtap. Wir sind vielleicht alt, aber wir sind nie allein. Und schau dir vor allem Mehtap an. Manchmal schimpft sie, weil alle Kinder durcheinanderschreien. Aber sie ist glücklich. Eine Frau braucht Kinder, um glücklich zu sein. Und sie braucht Enkel. Und ein Mann braucht das alles auch.« Als er Indi ansah, stand ein verräterischer Schimmer in seinen Augen.
Hastig wandte sie sich ab. Der Schmerz riss immer heftiger in ihrer Brust. »Ich habe kein Glück mit Männern«, murmelte sie. Und mit Kindern auch nicht.
Doch von dieser Sache wusste niemand. Nicht einmal die warmherzige Hausgemeinschaft, in der sie aufgewachsen war.
»Ach, Indi.« Jusuf seufzte. »Manchmal muss man an das Glück einfach glauben. Was ist nur aus unserem strahlenden, kleinen Lichtmädchen geworden?«
Der Tee war inzwischen nur noch lauwarm. Mit drei Schlucken kippte Indi den Rest hinunter. Sie wollte Jusuf nicht abwürgen, erst recht nicht, weil er sich immer so viel Mühe gab. Aber der Riss tat zu weh, als dass er noch länger daran kratzen durfte. Das Letzte, was sie jetzt noch hören wollte, war die Frage, warum sie Matthias damals nicht geheiratet hatte. Oder warum sie sich überhaupt getrennt hatten.
Auch ohne Jusufs Fragen war es schwer genug, nicht mehr ständig an ihn zu denken. Dabei sollte man meinen, drei Jahre würden ausreichen, um genügend Gras über eine gescheiterte Beziehung wachsen zu lassen …
»Das Lichtmädchen muss jetzt ihren Lampenstand aufbauen.« Indi reichte Jusuf das leere Teeglas. »Danke für die Süßigkeit.«
Jusuf brachte die Gläser zurück in seinen Laden und schloss die Tür noch einmal zu. Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie damit, Kisten aus dem 4. Stock ihres Hauses hinunterzutragen und die Kunstwerke an Indis Stand aufzubauen. Damit die Lampen trotz der Helligkeit zumindest ein bisschen leuchteten, hängte Jusuf die weiße Rückwand und die Seiten des Standes mit dunkelblauem Samtstoff zu. Obwohl von rechts und links auch noch die Linden Schatten gaben, war Indi unzufrieden, als endlich alle Lampen am Strom angeschlossen waren. Sie betrachtete ihren Stand von weitem, aber die Wirkung ihrer Kunstwerke war kaum zu erahnen. Sosehr Indi den Sommer mochte – für den Verkauf von Lampen war er ungeeignet.
Jusuf trat neben sie und schaute ebenso kritisch auf ihr Werk. »Schade, dass es nicht dunkler ist.«
Indi unterdrückte ein Seufzen.
»Hast du nochmal über meinen Laden nachgedacht?«, begann er vorsichtig. »Von meinen Kindern möchte ihn niemand weiterführen. Und ich werde langsam alt. Selbst im Sommer ist es da unten schattig genug für deine Lampen. Wenn du den Laden übernimmst, könntest du dir die anstrengenden Markttage sparen.«
Abermals hätte Indi am liebsten geseufzt. Sie sprachen nicht zum ersten Mal darüber. Aber ihre Gegenargumente blieben immer die gleichen. »Du weißt, dass ich mir die Ladenmiete nicht leisten kann. Unser Vermieter wird kräftig erhöhen, wenn er einen neuen Vertrag abschließt. Außerdem bin ich nicht bekannt genug, um Kundschaft in einen festen Laden zu locken. Und für Lampen gibt es einfach nicht genug Laufkundschaft.«
Jusuf nickte resigniert. »Ich weiß, ich weiß, Yıldız. Ich würde meinen Laden nur einfach so gern in deinen Händen sehen.«
Vielleicht, wenn es ihr gelang, die Idee mit der Hochzeitsbeleuchtung weiter auszubauen? Es war Judiths Idee gewesen. Ihre beste Freundin würde im August heiraten, und Indi hatte ihr eine phänomenale Illumination versprochen. Schon von ihren ersten Entwürfen waren Judith und Felix begeistert gewesen. Bei ihrem letzten Lichterfest hatte Indi die ersten fertigen Werke aufgehängt, und Felix hatte sie im Dunkeln fotografiert.
Jetzt hing ein großer Fotodruck an der Rückseite ihres Standes, mit der Aufschrift: Beleuchtung von Hochzeiten und Events. Darunter war die flimmernde Skulptur eines tanzenden Hochzeitspaares zu sehen, und rundherum hatte Indi eine Blumenlichterkette aufgehängt.
Tatsächlich hatte sie in den letzten Wochen zwei Aufträge bekommen. Mit Glück überstand sie dadurch ein bis zwei Sommermonate. Sie musste nur endlich mehr Werbung für ihre neue Idee machen.
»Dann bring mir wenigstens noch ein paar Lampen nach unten«, fuhr Jusuf fort. »Damit ich sie für dich verkaufen kann.«
Jusuf hatte immer einige ihrer Lampen in seinem Laden. Auch Ruven dekorierte sein Café mit ihren Kunstwerken, und ohne die Verkäufe der beiden hätte Indis wirtschaftliche Lage noch schlechter ausgesehen. Aber ein eigener Geschäftsraum wäre zu viel Risiko gewesen. »Ich weiß das zu schätzen, Jusuf, wirklich. Und vielleicht denke ich sogar nochmal über deinen Laden nach.«
Jusufs Teddybärlächeln strahlte auf. »Das sagst du jetzt nur, um einem alten Mann einen Gefallen zu tun.«
Indi stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihn kurz. »Kann schon sein. Aber wer könnte einem alten Mann schon einen Gefallen abschlagen?«
Jusuf lachte leise. Sie beide wussten, dass alles Gerede über den Laden nur hypothetisch war, ganz egal, was sie sich wünschten.
Jusuf verabschiedete sich, als ein junges Paar vor seinem Schaufenster stehen blieb und auf einen der glänzenden Samoware deutete.
Auch Indis Stand war inzwischen fertig eingerichtet. Selbst einen der Klappstühle hatte Jusuf fürsorglich für sie aufgestellt. Doch Indi fand kaum Gelegenheit, sich hinzusetzen. Die ersten Besucher kamen, sobald der Markt geöffnet wurde, und kurz darauf zog ein Strom aus bunt gekleideten Menschen an ihr vorbei.
Im Prinzip gab es drei Arten von Marktbesuchern: Die erste Gruppe waren die Zielstrebigen. Sie wussten genau, was sie kaufen wollten und wo sie es fanden. Meistens suchten sie nach passendem Stoff, Knöpfen oder sonstigem Zubehör für ihr nächstes Kleidungsstück. Auf Indis Lampenstand warfen sie höchstens einen flüchtigen Blick – und wenn sie doch stehen blieben, dann nur aus Neugier.
Die zweite Art von Marktbesuchern waren die Touristen, die es auf diesen Markt verschlug, weil sie im Reiseführer oder online darüber gelesen hatten. Die Touristen wollten fast immer etwas Schönes finden, ein Andenken. Doch in der Regel mussten es Kleinigkeiten sein. Wie viel sie kosten durften, war von Person zu Person unterschiedlich. Wichtig war nur, dass es in ihren Tagesrucksack passte und weder zu empfindlich noch zu schwer war.
Für die Touristen hatte Indi ihre kleinsten Lampen mitgebracht. Besonders beliebt waren die Tassenlampen. Die Füße bestanden aus alten, bunt bemalten Kaffeetassen. Einst hatten sie zum guten Geschirr gehört, das nur sonntags oder zu Weihnachten aus der Vitrine geholt wurde und dessen Besitzerinnen geglaubt hatten, es sei eine Wertanlage. Bis all diese Tassen am Ende in einer Haushaltsauflösung gelandet waren. Indi fand sie auf Flohmärkten oder in Trödelläden, wo sie lieblos zusammengepfercht in Kisten standen und die Verkäufer froh waren, wenn sie noch ein paar Euro dafür bekamen.
Als Lampen schenkte Indi ihnen ein neues Leben. Jede Tasse bekam einen kleinen Schirm, den sie mit einem farblich passenden Stoff bezog, und für jede töpferte Indi ein maßgeschneidertes Innenleben. Darin brachte sie nicht nur die Fassung und den Schirm an, sondern auch ein kleines Batteriefach. Die Oberfläche des Innenlebens glasierte sie in der Farbe von Milchkaffee, sodass es aussah, als würde der Lampenschirm darin stehen.
Auch heute waren die Tassenlampen die beliebtesten Objekte an ihrem Stand. Unermüdlich erklärte Indi den Gästen, wie sich das Innenleben herausnehmen ließ, um die LED-Birne mit einem kleinen Schalter an- und auszuschalten.
Bis zum Mittag hatte sie tatsächlich eine Handvoll ihrer Tassenlampen verkauft und in jedem Fall genug eingenommen, um die Standgebühr zu bezahlen und wenigstens mit einem kleinen Plus nach Hause zu gehen. Ein erfolgreicher Markttag sah anders aus, aber immerhin war es keine Katastrophe.
Der Grund, warum es sich überhaupt lohnte, ihre Lampen auf diesem Markt auszustellen, war die dritte Art der Marktbesucher. Indi nannte sie Ausflügler. Auf den ersten Blick waren die Ausflügler kaum von den Touristen zu unterscheiden, aber im Gegensatz zu diesen wohnten sie in Berlin. In der Regel kamen sie zu zweit und nutzten den sonnigen Tag, um einen Spaziergang am Kanal mit einem Marktbummel zu verbinden. Oftmals hatten sie gar nicht vor, etwas zu kaufen. Eigentlich wollten sie nur die Atmosphäre genießen. Aber hin und wieder flüsterten sie ihrer Begleitung zu, dass dieses oder jenes ein schönes Geburtstagsgeschenk wäre, und manchmal kam die Begleitung nach Wochen noch einmal zurück, um den Wunschgegenstand zu kaufen.
Damit waren die Ausflügler Indis größte Chance. Es ging nicht darum, dass sie heute etwas kauften. Wichtig war nur, dass ihre Lampen im Gedächtnis blieben – und dass sich jeder potenzielle Interessent merkte, wo Indi zu finden war. Damit die Leute wiederkamen, sobald sie eine besondere Lampe für sich oder als Geschenk suchten.
Um die Ausflügler zu beeindrucken, hatte Indi ein paar ihrer besonderen Kunstwerke mitgebracht. Es gab Lampen, die aus einem Stapel von ledergebundenen Büchern herausragten, und andere, die aus altem, ausrangiertem Spielzeug bestanden. Der größte Hingucker waren ihre Puppen – eine kleine Sammlung von alten Porzellanpuppen, die Indi neu eingekleidet hatte. Sie sahen alle so aus, als würden sie mit einem Luftballon spielen. Doch in Wirklichkeit war der Ballon eine riesige, nackte Glühbirne. Manche Puppen hielten die Glühbirne im Arm, bei anderen schwebte der Luftballon an einer Leine über dem Kopf. Die meisten Leute sahen erst auf den zweiten Blick, dass die Leine eine starre Metallröhre war, die nicht nur den strahlenden Ballon in der Luft hielt, sondern auch das Stromkabel beherbergte.
Die Puppen waren der häufigste Grund, warum Leute stehen blieben. Viele fanden sie süß, manche sagten, sie seien gruselig, aber beeindruckt waren alle.
Am frühen Nachmittag verkaufte Indi eine der Puppen an eine Frau, die so aussah, als hätte sie nur zielstrebig etwas anderes kaufen wollen, bis ihr kleiner Sohn an Indis Stand stehen blieb und seine Mutter am Ärmel festhielt. Von diesem Moment an schienen sie beide wie gefesselt zu sein. Für eine lange Weile schauten sie die Puppen an und unterhielten sich darüber, ob sie gruselig waren oder nicht. Als sie sich endlich losreißen konnten, war jede Eile von ihnen abgefallen, und schließlich kamen sie aus der anderen Richtung noch einmal zurück. Der Junge aß einen Crêpe, und die Mutter legte ihren Kopf schief und hielt grinsend Zwiesprache mit der Puppe. Dieses Mal fragte sie nach dem Preis. Als sie dennoch ging, glaubte Indi, sie nie wiederzusehen. Vielleicht hätte sie doch eine zweistellige Summe nennen sollen – auch wenn sie sich geschworen hatte, ihre Arbeit nie wieder unter Wert zu verkaufen.
Doch dann erschien die Frau ein drittes Mal, ohne das Kind und sichtbar abgehetzt. Sie erklärte, sie sei extra noch bei der Bank gewesen, um Geld zu holen, und sie wolle die Puppe kaufen, genau diese und nicht eine der anderen.
Die Puppe war Indis gruseligstes Exemplar. Sie besaß nur noch ein Auge und schielte mit leicht verrücktem Blick zu ihrem Luftballon hinauf. Bis zu diesem Tag hatte Indi geglaubt, dass die Puppe zwar ihr bester Blickfang war, aber niemals ein neues Zuhause finden würde.
Doch die junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren warf Indi ein breites Lächeln zu, nahm die Puppe liebevoll in den Arm und stupste ihr auf die Nase. »Hugos neue kleine Schwester.«
Indi musste lachen. »Hoffentlich findet er sie nicht zu gruselig.«
»Och …« Die junge Frau lachte ebenfalls. »Er kennt mich. Er wird verstehen, dass ich sie adoptieren musste. Außerdem haben wir ein großes Herz für hässliche Kreaturen.«
Indi warf einen letzten Blick auf ihre schielende Puppe. »Ein bisschen hässlich ist sie wirklich.«
Nachdem die Frau gegangen war, zählte Indi in Gedanken ihr Geld. Vielleicht wurde es doch noch ein guter Markttag.
Den größten Teil des Nachmittags verbrachte sie damit, den Interessenten von ihrem Hoffest zu erzählen. »Wenn ihr heute Abend noch in der Nähe seid, könnt ihr gern zu meinem Lichterfest kommen. Es findet dort drüben im Hof statt«, sagte sie und deutete über die Straße auf die gegenüberliegende Toreinfahrt. Sie erklärte, dass sie noch deutlich mehr Lampen besaß, die sie am Abend in ihrem Hof aufbauen würde. Dazu würde es Gegrilltes, Salat und Getränke geben. Und eine kleine Tanzfläche mit Musik.
Die meisten Leute wirkten interessiert, manche klangen so, als wollten sie wiederkommen. Doch erst heute Abend würde sich zeigen, wie viele Gäste erschienen.
Kurz vor Marktschluss tauchte Judith vor Indis Stand auf. Sie wehte mit der letzten, hektischen Besucherwelle heran. Jene Marktgäste gehörten fast immer zu den Zielstrebigen. Sie hatten es nicht eher geschafft, und jetzt musste eine halbe Stunde ausreichen, um einen schönen Stoff für die Sofakissen zu finden oder am Gewürzstand den teuren Pfeffer zu kaufen. In jedem Fall hatten die meisten nicht mehr genug Muße, um sich Indis Lampen anzuschauen.
Als Judith auftauchte, war sie die Einzige vor Indis Stand. Die Abendsonne fing sich in ihren rotblonden Haaren. Sie trug kurze Jeans und ein weites, geblümtes Top, das lose um ihre Hüften fiel. Die rosafarbenen Blüten tanzten mit Judiths Bewegung.
»Indi, Sonnenschein.« Sie schob sich an dem Samtstoff vorbei hinter den Stand und begrüßte Indi mit einem angedeuteten Kuss auf die Wange. »Tut mir leid, dass ich so spät bin. Eigentlich wollte Felix mitkommen, aber jetzt ist er doch nochmal ins Institut gefahren und wiederholt einen Versuch, weil das Ergebnis nicht eindeutig war. So ein Karrierephysiker hat echt kein Privatleben. Ich mache drei Kreuze, wenn er seine Forschungsarbeit bis zu unserer Hochzeit fertig hat.« Achtlos zog sie den Rucksack vom Rücken, warf ihn zu Boden und ließ sich neben Indi auf den zweiten Klappstuhl fallen. »Dabei haben wir den ganzen Nachmittag zu zweit gerechnet. Aber das Ergebnis wollte einfach nicht aufgehen.« Judiths Augen leuchteten, als spräche sie von einem Liebesabenteuer.
Indi musste lachen. »Gib es zu: Du bist nur deshalb nicht mit ins Institut gefahren, weil du mir versprochen hast, heute zu kommen.«
Judiths Grinsen wurde noch breiter. Mit Felix hatte sie definitiv den einen Nerd auf diesem Planeten gefunden, der aus demselben Asteroidenstaub zusammengesetzt war wie sie.
»Als ob ich mein Sternchen bei ihrem Lichterfest jemals versetzen würde.« Judith deutete mit einer vagen Geste auf Indis Lampen. »Und? Wie lief der Markttag?«
Indi betrachtete den Platz, auf dem die schielende Puppe gesessen hatte. Um die Lücke zu schließen, hatte sie die anderen näher zusammengerückt. »Ganz gut.«
»Was heißt ganz gut?« Judith klang immer noch atemlos. Bestimmt war sie im Laufschritt hergekommen, um rechtzeitig zum Abbau da zu sein.
»Ich bin zufrieden.«
Judith verdrehte scherzhaft die Augen. »Lass mich raten: Zufrieden heißt, du musst in der nächsten Woche nicht verhungern?«
Indi lehnte sich demonstrativ gegen den Tisch und kreuzte die Arme. »Zufrieden heißt, ich bin im Plus. Dreistellig.«
Judith lachte. »Dreistellig hat eine große Spannweite.«
»Nicht so groß wie vierstellig oder fünfstellig.« Indi hatte dringende Lust auf einen Themenwechsel. Seit Judith als Physikerin ein halbes Vermögen verdiente, während Indi sich als Künstlerin durchschlug, waren ihre Vorstellungen von einem ausreichenden Einkommen in Parallelwelten auseinandergedriftet.
Judiths Lachen verwandelte sich in Unbehagen. »Indi? Da ist übrigens etwas, was ich dir sagen muss.«
Es klang wichtig. Aber der Moment war ungünstig. Soeben waren zwei Frauen an Indis Stand stehen geblieben. Eine der beiden deutete auf die Lampe, die in der Ecke vor dem blauen Samt stand. Aus einem Bücherstapel wuchsen drei lange gebogene Kupferrohre empor. Am Ende der Rohre befand sich jeweils ein Lampenschirm. »Die da meine ich«, erklärte die jüngere Frau der älteren. Vielleicht waren sie Mutter und Tochter.
Indi wandte sich mit einem Lächeln in ihre Richtung. »Kann ich euch helfen?«
Für die nächsten zehn Minuten war sie mit den Kundinnen beschäftigt. Sie lud sie hinter den Stand ein, damit sie die Lampe genauer betrachten konnten. Die Kupferrohre selbst ließen sich nicht verbiegen, aber Indi hatte Scharniere eingefügt. Die Frauen lachten, während Indi die kuriosen Haltungen vorführte, in denen die Lampe ihre drei Hälse verrenken konnte. Die beiden wirkten nicht einmal abgeschreckt, als Indi es wagte, fünfhundert Euro als Preis zu nennen.
Das hier war ein Moment, der ihr gesamtes Gespür als Verkäuferin erforderte. Fünfhundert Euro zahlte so gut wie niemand im Vorbeigehen auf dem Markt. Doch wenn sie die Kundinnen gehen ließ, war es ungewiss, ob sie wiederkamen. Deshalb brauchte sie einen Zwischenweg. »Wenn ihr möchtet, kann ich die Lampe für euch reservieren. Ich wohne gleich gegenüber.« Zum unzähligsten Mal erzählte sie von ihrem Lichterfest am Abend. Und tatsächlich schaffte sie den Spagat, mit den Kundinnen ihre E-Mail-Adressen zu tauschen, ohne sie zu bedrängen.
Bevor die Frauen gingen, versprachen sie, am Abend wiederzukommen.
Das hier konnte wirklich etwas werden. Als Indi sich zu Judith umdrehte, konnte sie sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Siehst du?, wollte sie sagen. Ich komme schon klar mit meiner Kunst.
Auch in Judiths Augen glitzerte ein Funke. »Fünfhundert Euro! Das wäre nicht schlecht. Ich drücke dir die Daumen.«
Indis Hoffnung schlug einen kleinen Purzelbaum. »Das mit der Hochzeitsbeleuchtung läuft auch gut an. Allein heute waren fünf Leute da, die jemanden kannten, für den das interessant sein könnte. Ich hab sie alle für heute Abend eingeladen. Außerdem sind schon zwei Aufträge fest.«
»Das klingt echt gut!« Für einen Moment hielt sich die Begeisterung in Judiths Stimme. Dann senkte sie mit einem leisen Räuspern den Kopf. »Also, was ich dir sagen wollte …«
Was auch immer es war, Indi wollte es nicht hören. Nicht jetzt. »Hast du was ausgefressen? Eine Bank überfallen? Oder einen Rosenquarz aus dem Naturkundemuseum mitgehen lassen? Mal wieder?« Letzteres hatte Judith tatsächlich getan, bei ihrem Schulpraktikum in der neunten Klasse. Am nächsten Tag hatte sie ihn reumütig – und unbemerkt – zurückgebracht und sich trotzdem zwei Jahre lang bei jeder Polizeisirene hektisch umgesehen.
»Das ist nicht witzig«, mahnte Judith.
Aber Indi hatte eine noch bessere Idee. »Oder nein, jetzt weiß ich, was du mir beichten willst: Du hast ein Stück Mondgestein aus dem Institut gestohlen, bei eBay verhökert und mir das Geld auf mein Konto überwiesen? Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Aber danke.«
Judith stieß ein verunglücktes Lachen aus. »Können wir bitte einen Moment ernst sein? Immer wenn es um Geld geht, weichst du mir aus.«
Also ging es tatsächlich um Geld? Judith hatte diese besorgte Art, sobald es um Indis Verhältnis zu Zahlen ging. Schließlich war Mathe schon in der Grundschule nicht unbedingt Indis Stärke gewesen. Während Judith jede Matheaufgabe im Rekordtempo löste und sich danach mit den freiwilligen Extraaufgaben beschäftigte, hatten sich die Zahlen in Indis Heft in tanzende Figürchen verwandelt. Am Ende hatte Indi es nur deswegen aufs Gymnasium geschafft, weil Judith ein hohes Mitteilungsbedürfnis in Bezug auf spannende Mathethemen hatte und in der Regel nicht locker ließ, bevor Indi es ebenfalls verstanden hatte. Im Gymnasium hatte sich das Spiel mit Chemie und Physik fortgesetzt. Während Judith in allen Naturwissenschaften die Einserschülerin gab, hatte Indi darüber nachgedacht, warum Klassenräume so ungemütlich waren und welche Art von Einrichtung nötig wäre, um das zu ändern. Am Ende war es darauf hinausgelaufen, dass vor allem das Neonröhrenlicht eine Katastrophe war.
Nur die Sache mit dem Stromkreis hatte Indi interessiert, exakt so lange, bis die Glühbirne des Experimentierkastens leuchtete. Danach hatte sie nur noch überlegt, wie sie die leuchtende Glühbirne in ein Weihnachtsgeschenk für ihren Großvater verwandeln konnte.
Für Indis Geschmack hätte das Wissen um einfache Stromkreise vollkommen ausgereicht, um Lampendesignerin zu werden. Dass man jedoch eine Ausbildung zur Elektrikerin brauchte, um Lampen verkaufen zu dürfen, hätte ihren Lebensplänen beinahe den Garaus gemacht. Nur dank Judiths Nachhilfeunterricht hatte sie die Gesellenprüfung erfolgreich überstanden – während Judith mit spielerischer Leichtigkeit Physik studiert hatte. Jetzt forschte sie an irgendwas zum Thema Teilchenphysik und hatte vor kurzem eine Doktorarbeit beendet, von der Indi sich nicht einmal die Überschrift merken konnte.
»Hörst du mir eigentlich zu?« Judith schnipste mit den Fingern vor ihrem Gesicht.
Da war es schon wieder. Indis Gedanken schweiften einfach ab, während andere mit ihr redeten. »Entschuldige. Jetzt höre ich zu.«
»Ich weiß, dass du Geldprobleme hast«, begann Judith noch einmal. »Auch wenn du nicht gern darüber redest. Aber wie groß ist das Problem wirklich? Wie viel Geld fehlt dir im Monat? Wie viel Miete du zahlen musst, weiß ich ja. Aber deine anderen Fixkosten kann ich nicht einschätzen. Materialkosten für deine Lampen, Fahrtkosten beim Carsharing, Strom …«
Vor allem Strom. Der Brennofen fraß ein Vermögen. Aber Indi hatte ihn von ihrem Großvater geerbt. Und sie brauchte ihn. »Hauptsache, du fragst mich nicht nach der Feuerversicherung.«
»Feuerversicherung!«, wiederholte Judith, und es klang, als würde sie das Wort Genickbruch aussprechen.
Indi scharrte mit dem Fuß über einen höher liegenden Pflasterstein. »Die muss ich zwar nur einmal im Jahr zahlen, aber dafür …« Beim letzten Mal hatte der Lastschrifteinzug beinahe ihr ganzes Konto abgeräumt.
»Oh, Indi!« Judith stieß ein tiefes Seufzen aus. »Hast du eigentlich noch was von deinem Erbe? Das Geld, das dein Großvater für dich zurückgelegt hat?«
Indi presste die Lippen aufeinander. Der Pflasterstein unter ihrem Fuß war glatter als seine Nachbarn. Vielleicht sollte sie ihn ausgraben und einen Lampenfuß daraus bauen. Eine echte Kreuzberger Pflastersteinlampe.
»Indi? Das Geld deines Großvaters? Hast du noch was davon?«
Von dem Erbe hatte sie in den letzten drei Jahren gelebt. »Nicht mehr viel.«
Immerhin war die Zahl auf ihrem Konto noch dreistellig. Sie musste also nur diese Buchlampe verkaufen – und weitere Hochzeiten beleuchten. »Wahrscheinlich mache ich wieder den Minijob im Café. Ich hab gestern erst mit Ruven gesprochen. Er findet gerade keine Leute und sagt, es ist okay, dass ich samstags und sonntags keine Zeit habe.«
Judith räusperte sich leise. »Ich weiß, du hasst es, wenn ich mich einmische. Aber ein Minijob und an guten Markttagen das Essen für die nächste Woche? Wie lange willst du das durchhalten?«
Der Stoffhändler gegenüber hatte inzwischen seinen Transporter umgeparkt und die Türen geöffnet. Zu zweit fingen die Männer an, die Stoffballen einzuladen. Auch Indis Standnachbarin hatte begonnen, die selbstgestrickte Babykleidung in Kisten zu packen.
Nur Indi saß noch immer auf ihrem Stuhl. Ihr Blick fiel auf das Haus gegenüber. Ihr Haus mit der feuerroten Fassade. Das Haus, in dem sie aufgewachsen war, in dem die Nachbarn wohnten, die sie großgezogen hatten – die einzige Familie, die sie seit dem Tod ihres Großvaters noch besaß.
Es war undenkbar, dort auszuziehen, nur weil sie sich die Miete für die Fünf-Zimmer-Altbauwohnung nicht mehr leisten konnte. Abgesehen davon wäre eine neu gemietete Zwei-Zimmer-Wohnung kaum günstiger gewesen. »Ich habe einen uralten Mietvertrag. Ich schaffe das schon irgendwie.«
Judith atmete tief und langsam ein, aber dieses Mal lag seltsame Aufregung in dem Geräusch. »Ich hätte ja eine Idee, was wir gegen dein Geldproblem tun können. Sprechen wir nachher mal darüber?«
Eine Spur von Neugier verdrängte Indis Sorgen. Am liebsten hätte sie sofort nachgefragt …
Aber dann würden sie hier sitzen und palavern, anstatt für das Lichterfest aufzubauen. Und was sollte es schon für eine Idee sein? Ein Job als Elektrikerin? »Okay. Wir reden nachher. Aber bedenke, dass ich die mieseste Elektrikerin bin, die je einen Gesellenbrief bekommen hat. Wer mich einstellt, bereut das nach fünf Tagen. Also such die Lösung besser nicht in der Richtung.« Noch mitten im Satz zog Indi eine der Kisten unter dem Tisch hervor und begann, ihre Tassenlampen einzuräumen.
»Kein Elektrikerinnenjob! Versprochen!«
Für eine Sekunde wollte Indi doch noch nachfragen. Aber heute war ihr Lichterfest, und bestimmt hatten Jusuf und Murat schon den Grill aufgebaut. Gitti wollte Salate machen, und selbst Ismael, Jusufs jüngster Sohn, der nur ein paar Monate jünger war als Indi, würde nachher vorbeikommen und Musik auflegen. Es wurde also Zeit, dass sie im Hof auftauchte und ihre Lampen an den Bäumen und Mauern anbrachte.
Was auch immer das für eine Idee war, die Judith so plötzlich aus dem Hut zauberte – sie musste bis später warten.
Das Glück besaß die Farben des Sommers – das helle Blau des Himmels, das dunkle Grün der Bäume und das leuchtende Orange der Sonne, die allmählich hinter den Häusern versank. Es roch nach Lindenblüten und Milchspeiseeis, nach indischem Essen und der sommerlichen Wärme, die sich zwischen dem Asphalt der Straßen und den Häuserwänden fing. René hörte das Glück im Lachen der Menschen, im hundertfachen Gewimmel ihrer Stimmen, und nicht zuletzt in der Offenheit ihrer Worte, mit denen sie sagen konnten, was sie wollten. Und sie alle waren hier draußen. Frei. Unbeschwert. Nichtsahnend, wie wenig selbstverständlich ihr Glück war.
Bis heute hatte René beinahe vergessen gehabt, wie sich das Glück anfühlte. Aber nun war es überall. Mit jedem Schritt, den er durch die Straßen lief, erfüllte es seine Sinne, strömte durch seinen Körper. Er hatte sich verliebt. In das Kichern und Plappern eines kleinen Mädchens. In ihre kindlichen Worte, die so klug und so wahr und voll von wunderlicher Fantasie waren. Er war fasziniert von ihrem makellosen, glatten Gesicht, in dem jedes Detail so winzig war und das anzuschauen sich dennoch wie ein Blick in einen absurden Zeitspiegel anfühlte. Er erkannte sich selbst in diesem Gesicht.
Waren tatsächlich schon fünf Jahre vergangen? War er so lange fort gewesen? Es war ein Wunder und gleichzeitig eine Tragödie, dass so wenig Zeit ausreichte, um ein Kind heranwachsen zu lassen; ein Wunder, weil Lilja jetzt schon so ein vollkommener kleiner Mensch mit einem ganz eigenen Charakter war – und eine Tragödie, weil er seine Tochter heute zum ersten Mal gesehen hatte.
Den ganzen Tag hatten sie gemeinsam verbracht. Wie verabredet war Marei zwar dabei gewesen, aber sie hatte sich zurückgehalten. Während René auf dem Spielplatz mit Lilja spielte, hatte sie sich mit einem Buch auf die Bank gesetzt. Lilja wiederum hatte seine Anwesenheit nicht groß hinterfragt. Die Erklärung, dass er ein alter Freund von Marei war, hatte ihr vollkommen ausgereicht, um Vertrauen zu ihm zu fassen. Danach war sie glücklich gewesen, dass er ihr zuhörte und sich bereitwillig auf jede Spielaufforderung einließ. Natürlich hatte er anfangs noch nicht gewusst, was ein fünfjähriges Mädchen auf dem Spielplatz am liebsten tat. Als er vorschlug, eine Sandburg zu bauen, hatte sie stolz erklärt, dass sie dafür eigentlich schon zu alt war. Erst nachdem René entgegenhielt, dass selbst er noch nicht zu alt für Sandburgen sei, hatte sie voller Begeisterung unterirdische Tunnel gegraben und Wehrmauern gebaut. Anschließend hatte René sie auf der Schaukel angeschubst, bis sie kreischte und dennoch »Höher, weiter, schneller!« rief. Er hatte ihr und den anderen Kindern auf dem Karussell Anschwung gegeben, bis die ganze Bande kicherte und schrie und ihm vor Schwindel übel wurde.
Danach hatten sie in der Eisdiele eine Pause gemacht. Zum ersten Mal seit fünf Jahren hatte er wieder mit Marei an einem Tisch gesessen. Dass sie beide sich anschwiegen, war nicht weiter aufgefallen, weil Lilja genug für drei redete.
Für einen Augenblick hatte René befürchtet, Marei würde das Treffen nach der Eisdiele beenden. Doch Lilja rettete ihn, indem sie ihn hochzerrte und ihre Mutter anbettelte, noch einmal auf den Spielplatz zurückkehren zu dürfen. Dieses Mal waren sie Seilbahn gefahren, immer wieder. Unermüdlich hatten sie sich zwischen den anderen Kindern angestellt, und René hatte die Minuten in der Warteschlange genossen, in denen er nichts anderes zu tun hatte, als Liljas munteren Geschichten zu lauschen. Sie sprach von ihren Freundinnen in der Kita, von ihren Lieblingskuscheltieren zu Hause und welche Spiele sie besonders mochte. Sie war stolz, weil sie nächstes Jahr schon in die Schule kam. Voller Begeisterung malte sie Buchstaben in den Sand und zählte auf Deutsch und Englisch von eins bis zehn. Auf Türkisch versuchte sie es ebenfalls, so wie manchmal in der Kita, wenn sie in allen Muttersprachen der Kinder bis zehn zählten. Aber ohne Hilfe kam sie nur bis bir, iki, üç. René half ihr mit den restlichen Zahlen bis on. Theoretisch hätte er mit Arabisch weitermachen können, aber er wollte es nicht übertreiben. Vermutlich wäre Marei weniger begeistert gewesen, wenn er schon am ersten Tag heraushängen ließ, wo er die letzten fünf Jahre verbracht hatte.
Nach der Seilbahn kehrten sie zu ihrer Sandburg zurück. Inzwischen war es früher Abend. Die meisten Eltern mit den kleineren Kindern waren längst gegangen. Die Wasserpumpe, an der am frühen Nachmittag großer Andrang geherrscht hatte, war mehr oder weniger verwaist. Unterhalb der Pumpe befand sich ein Netz aus hölzernen Bahnen, durch die das Wasser herabfloss, bis es sich in den Sand ergoss und versickerte. In einem Anflug von ritterlichem Eroberungswahn bauten sie Staudämme und sperrten die hölzernen Wasserläufe ab, bis der gesamte Wasserstrom zu ihrer Burg lief und den Burggraben flutete. Lilja jubelte, während René pumpte, kurz bevor die Burg in sich zusammenstürzte und in den Fluten versank.
Sie beide waren nass und voller Sand, als Lilja nach Renés Hand griff und ihn zu Mareis Bank führte. »Mama?« In ihrer Stimme lag die ungetrübte Selbstsicherheit eines kleinen Mädchens, das nichts anderes als Liebe und Anerkennung kannte. »René ist der netteste Freund, den du je hattest. Kann er bitte mein Vater sein?«
Liljas Worte raubten ihm den Atem. Auch Marei wirkte für einen Augenblick sprachlos.
Lilja wusste nicht, dass er ihr Vater war. Diese eine Bedingung hatte Marei in Bezug auf das Treffen gestellt. Ihre Tochter sollte die Wahrheit erst erfahren, wenn geklärt war, ob und wie sich ein regelmäßiger Umgang gestalten ließ.
»Mal sehen«, antwortete Marei. Doch ihrem Tonfall war anzuhören, dass sie sich noch nicht ganz von der Sprachlosigkeit erholt hatte. »Hol bitte noch deine Schuhe, Kätzchen.« Damit wies sie auf die Wasserpumpe, wo die roten Sandalen halb versunken im Matsch lagen.
Während Lilja widerstrebend lostrottete, stand Marei auf, steckte ihr Buch in die Umhängetasche und bedachte René mit eisigem Blick. »Wenn du ihr Herz brichst, breche ich dir den Hals.« In ihrer Stimme lag eine unterdrückte Wut, die der Gefahr einer gerade entsicherten Handgranate glich. »Fünf Jahre, René. Und jetzt kommst du an und glaubst, ein sonniger Tag auf dem Spielplatz würde ausreichen, um ein guter Vater zu sein.« Sie warf einen prüfenden Blick auf Lilja, die neben der Wasserpumpe im Sand saß und ihre Schuhe anzog. Weit genug entfernt, um kein Wort zu hören. »Aber du kennst die Bedingungen. Such dir endlich eine Wohnung. Im Einzugsgebiet ihrer Schule. Welche Straßen das sind, hat dir der Anwalt geschrieben. Solange du in deinem VW-Bus haust, kannst du die Sache vergessen. Ich werde sie nicht bei einem Penner in Obhut geben.«
Eine Wohnung … Im Einzugsgebiet von Liljas zukünftiger Schule. Seit René sich vor Mareis Haustür verabschiedet hatte, lief er durch die Straßenzüge, die er auf einem Zettel notiert hatte. Irgendwo hier, zwischen den prächtigen Neuköllner Altbauten, an der Grenze zu Kreuzberg, sollte er also eine Wohnung finden. Schon gestern hatte er nach Anzeigen geschaut. Doch das Ergebnis war frustrierend. Vielleicht waren die Mieten auf dieser Seite des Kanals günstiger als auf der anderen. Für einen arbeitslosen Journalisten, der gerade erst aus dem Ausland zurückgekehrt war, waren sie dennoch unerschwinglich. Zumal er die Alimente für Lilja weiterhin zahlen wollte, auch den Teil, der über seine Verpflichtungen hinausging. Zwar hatte er üppige Ersparnisse, die eine Weile reichen würden. Aber solange er keinen Job hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis ihm die Geldreserve ausging.
Und einen Job als Journalist anzunehmen war momentan undenkbar. Er war noch nicht wieder gesund genug, um über die Krisen dieser Welt zu schreiben.
Vielleicht konnte er Geld mit seinen Skulpturen verdienen. Er musste nur einen Weg finden, sie zu verkaufen.
Doch heute Abend wollte er sich das Glück nicht nehmen lassen. Die Sommerluft war zu schön und das Gefühl von väterlicher Liebe viel zu frisch, als dass er an die Knüppel denken mochte, die Marei ihm zwischen die Beine warf. Schon allein die Bedingung mit dem Einzugsgebiet war reine Schikane. Als ob er seine Tochter nicht auch mit der U-Bahn oder dem Auto zur Schule bringen konnte.
René tastete nach dem Zettel in seiner Hosentasche. Kurz blieb er stehen, um die Adressen mit der Karte auf seinem Handy abzugleichen. Unerschwinglich oder nicht, er würde sich die Wohnungen ansehen – und dann weiter überlegen. Vielleicht war ja doch eine dunkle Bruchbude dabei, die er sich leisten konnte.
Die Besichtigungstermine fanden erst in den nächsten Tagen statt. Trotzdem wollte er sich die Häuser schon einmal anschauen. Wenigstens Träumen war ja wohl noch erlaubt.
Der kühle Geruch von Seewasser ließ die Nähe des Kanals ahnen, noch bevor er das Ende der Straße erreichte und das dunkelgrüne Wasserband zwischen den Uferbäumen hindurchblitzte. Hier waren noch mehr Spaziergänger unterwegs als anderswo. Pärchen und kleine Gruppen saßen zwischen den Bäumen und ließen ihre Beine über das betonierte Kanalufer baumeln. Noch schimmerte ein Rest von Tageslicht im Westen. Doch schon bald würde es dunkel sein.
Eine huschende Bewegung. Am Himmel! Über den Häusern. Wie ein Blitz fegte der Schock durch sein Herz. Fassbomben! Er musste in Deckung gehen. Hinter den Bäumen, den Autos. Irgendwo.
Erst im letzten Moment unterdrückte er den Impuls. Es war eine Möwe. Einfach nur ein verdammter Vogel. Mit rasendem Herzschlag blieb er stehen. Tsing, tsing, tsing. Das Adrenalin pochte durch seine Adern, lebensrettender Instinkt aus fünf Jahren Krieg im Nahen Osten. Absolut unpassend und verrückt an einem lauen Sommerabend in Berlin.
René schloss die Augen und lehnte sich an eine der Linden. Erst, als die Panik nachließ, wagte er einen Blick auf den Kanal. Überall saßen Menschen am Ufer. Schwäne paddelten vor ihnen und bettelten um Futter, Möwen flogen kreischend über dem Wasser.
Am Fuß der Linde ließ René sich auf den Boden sinken. Er blieb sitzen und wartete, bis das Pochen des Adrenalins nachließ, bis sein Puls wieder ruhig ging. Nur seine Finger zitterten noch, als er sich den Schweiß aus dem Nacken wischte.
Erfahrungsgemäß musste er lange warten, bis das Zittern seiner Hände aufhörte. Es wurde Zeit, dass er diese Sache in den Griff bekam.
Als er endlich aufstand und den Weg am Ufer fortsetzte, war es dunkel geworden. Nur die alten Laternen schimmerten zwischen dem Laub der Bäume hindurch. Die Menschen am Ufer waren noch immer da. Sie lachten und unterhielten sich, ebenso wie die Gäste in den Restaurants und Bars an der Häuserseite. So viel Frieden. So selbstverständlich und furchtlos. Es war eine Ruhe, die auch er endlich wiederfinden musste.
Im letzten Straßenabschnitt des Maybachufers versperrte ein offener Anhänger den Bürgersteig, auf dem sich die zusammengefalteten Gerüste von Marktbuden stapelten. René erinnerte sich an diesen Markt. Es hatte ihn früher schon gegeben.
Auf der Häuserseite weckte ein Leuchten seine Aufmerksamkeit. Die Toreinfahrt eines Hauses war mit einer Lichterkette umsäumt, die aus bunten Papiervögeln bestand. An der Ecke der Einfahrt war ein heller, dicker Pfeil angebracht. In seinem Inneren glomm das Wort Lichterfest. Die Buchstaben flackerten in einem bläulichen, unsteten Licht, das an tanzende Glühwürmchen erinnerte.
Da er den Anhänger mit den Marktbuden umrundet hatte, ging René ohnehin schon mitten auf der Straße. Das Licht des Torbogens lockte ihn näher, wie ein magischer Zauber. Kurz vor der Einfahrt stand eine uralte Frau in einem bunten langen Rock und mit hennaroten Haaren. »Tretet näher, tretet näher«, säuselte sie mit der Stimme einer Jahrmarkterzählerin. »Und lasst euch verzaubern in Luminas magischer Lampenwelt.« Die Glassteinchen an ihren Armbändern klimperten, während sie ihm einen Flyer entgegenhielt. Im Dunkeln war nicht mehr darauf zu sehen als ein leuchtendes Hochzeitspaar.
Gedankenlos nahm René den Flyer entgegen. Wie bei den meisten Häusern in dieser Lage gab es zwei Geschäfte im Erdgeschoss. Doch sowohl das »Keks & Krümel« als auch »Jusufs Import-Export« hatte die Gitter heruntergelassen. Zwischen den beiden Läden trat René in eine breite Einfahrt. Rechts und links war der Boden wie ein Bürgersteig erhöht. Darauf reihten sich weitere Lampen und säumten den Durchgang zum Hinterhof. Sie hatten unterschiedliche Größen, doch alle bestanden aus Bücherstapeln, aus denen ringsum kupferne Lampenarme ragten. Die meisten mündeten in kleine, bunte Lampenschirme. Wie schief gewachsene Pilze lugten sie René entgegen. Manche schauten von oben auf ihn herab, andere blinzelten scheu um die Ecke, wieder andere schienen sich vor ihm zu ducken oder wirkten wie Schlangen, die über den Boden krochen und ihn von unten beobachteten.
René erwischte sich dabei, wie er mit angehaltenem Atem zwischen den Lampen hindurchschlich. In der Mitte der Einfahrt befand sich ein Treppenaufgang, der zu den Wohnungen führte. Auf einer der Stufen stand ein alter Volksempfänger, aus dem ebenfalls Lampenarme hervorlugten. Doch bei ihm waren es nicht nur zwei oder drei Arme, es waren unzählige Tentakel, wie die Schlangenhaare einer Medusa. Jeweils am Ende leuchteten nackte Glühbirnen.
Ein kühler Schauer erfasste ihn, als würde die Magie dieses Ortes mit einem Finger über seine Haut streichen.
Doch es war nicht unangenehm. Er mochte die Magie. Sie verband sich mit etwas Dunklem, das in seinem Inneren lauerte, und führte es hinaus ins Licht.
Von wem stammten die Lampen?
Hinter der Einfahrt kam er in einen Hinterhof voller Menschen. Es duftete nach Grillfleisch und Holzkohlefeuer, nach gebratenen Paprika und geröstetem Käse. Weiter hinten, unter den Bäumen, spielte Musik. Auf einer kleinen Tanzfläche tanzten Männer und Frauen aller Generationen, manche mit Kopftüchern, andere ohne, manche zu zweit, aber die meisten in einem lockeren Kreis. Fünf oder sechs Kinder tobten zwischen ihnen hindurch, ließen sich etwas vom Grill reichen und rannten dann weiter in eine Ecke, in der sie sich unter einem Strauch eine Bude gebaut hatten.
