Sternenpflücker - Conni Stein - E-Book

Sternenpflücker E-Book

Conni Stein

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Beschreibung

Dem erfolgreichen Schauspieler Patrick liegt die Frauenwelt zu Füßen. Durch Zufall trifft er Anna, die ganz anders ist als er und gerade dadurch sofort sein Interesse weckt. Wie magnetisch wird er von ihrer Hilfsbereitschaft, ihrer Tierliebe und ihren Visionen angezogen. Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte beginnt. Die beiden verfolgen anfangs jedoch unterschiedliche Lebensziele. Sind ihre Träume also zum Scheitern verurteilt oder werden sie zusammen die "Sterne vom Himmel pflücken"? Sie erleben gemeinsam aufregende Situationen und turbulente Zeiten und Anna lernt durch Patrick eine zuvor für sie fremde und glamouröse Welt kennen, sie bleibt dabei jedoch stets ihren Zielen und Idealen treu. Eine besondere Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf und findet einen ebenso außergewöhnlichen Ausgang.

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99038-059-8

ISBN e-book: 978-3-99038-060-4

Lektorat: Dr. Michaela Schirnhofer

Umschlagfoto: Evgeniy Parilov, Httin | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Kapitel 1

Dieser Abend hatte das Zeug, sich zum wahren Alptraum zu entwickeln.

Innerlich verdrehte ich meine Augen über meine eigene Dummheit oder zumindest über meine dämliche Gutmütigkeit, als Tom mich heute Morgen anrief und bat: „Bitte, bitte Anna, du musst uns helfen! Kate hat sich ihren Fuß verstaucht und kann heute im Service nicht arbeiten. Unser Chef hat am Telefon über diese Nachricht getobt und von uns einen Ersatz für Kate verlangt. Bitte Anna, hilf!“

Natürlich sagte ich zu, denn ich ahnte nichts Böses.

Tom und Kate waren sehr gute Freunde von mir und Freunden half man eben – aber zu welchem Preis?

Hätte ich gewusst, wo das Catering stattfinden sollte, hätte ich mich vielleicht mit einer Notlüge davor gedrückt.

Naiv wie ich war, hatte ich erst am frühen Abend mitbekommen, wo wir das Catering und den Service machen sollten. Da war es zu spät, zu bereuen, dass ich vorher nicht gefragt hatte, und eine Blitzkrankheit fiel mir nicht mehr ein.

Glücklicherweise wurde ich dem Team von Tom zugeteilt und wir hatten den Barbereich am Pool zugewiesen bekommen.

Ich konnte die Schönen und Reichen New Yorks aus der Regenbogenpresse nicht leiden, die vor lauter Langeweile und viel, viel Geld nicht wussten, wie es wirklich dort draußen im Leben zuging. Denen war nichts heilig, sie nahmen sich einfach, was sie wollten, und einmal im Jahr organisierten sie eine Wohltätigkeitsveranstaltung, um „armen“ Mitmenschen zu helfen. Aber darum ging es ihnen bei solchen Veranstaltungen sowieso nicht. Sehen und gesehen werden, darum ging es, um Eitelkeiten und Geschäfte.

Und solch eine Veranstaltung stand mir heute bevor.

Meine Laune war schon vor Beginn auf dem Tiefpunkt.

Tom versuchte, mich aufzumuntern, aber seit fünf Minuten hatte er dieses Vorhaben aufgegeben.

Ich atmete tief durch und redete mir selbst Mut und Durchhaltevermögen ein.

Anna, du schaffst das. Lass doch die Blödmänner sich für etwas Besseres halten.

Mach deine Arbeit und halte bloß deinen vorlauten Mund, dann klappt auch alles.

Ich war wild entschlossen, mich daran zu halten.

Während des offiziellen Teils ging auch alles noch gut.

Die Presse und das Fernsehen waren da. Jeder der geladenen Gäste zeigte seine Schokoladenseite, um ja gute Kritiken zu bekommen.

Viel sahen Tom und ich von den Gästen noch nicht. Aber ich wusste, das würde noch kommen, wenn die „Blödmänner“ unter sich waren.

Dann kam Phase zwei des Abends.

Der Alkoholspiegel stieg und die Stimmung der Gäste wurde ausgelassener und schlüpfriger.

Kurz vor Mitternacht hatten wir hinter der Theke gut zu tun.

Sabrina und Cathy waren damit beschäftigt, den Gästen ihre Getränke zu servieren, und taten das mit einer, wie es schien, fröhlichen und koketten Betriebsamkeit. Ich mochte die beiden. Sie sahen auch toll aus.

Sabrina mit ihrer rabenschwarzen Mähne und einer Figur, wie gemalt. Cathy, selbst sehr blond, stand ihr da in nichts nach. Einen kurzen Moment beobachtete ich die beiden und war ein wenig neidisch.

Was würde ich für so ein Aussehen geben! Dann ermahnte ich mich selbst.

Anna, sei nicht so oberflächlich. Es kommt schließlich nicht auf das Aussehen an. Denk an gute Taten, denn das zählt im Leben. Vergiss das nicht!

Ich war mit meinem eigenen Aussehen auch zufrieden – eigentlich.

Am schönsten waren meine Haare, zwar mit einer eigenartigen Farbe, so ähnlich wie Muskat, aber sie waren sehr lang, dicht und lockig. Meistens trug ich einen geflochtenen Zopf, weil es bequem war.

Meine Haut war auch sehr schön und es sah immer ein wenig danach aus, als ob ich einen Urlaub in einem Sommerparadies hinter mir hatte, obwohl ich New York noch nie verlassen hatte.

Augen, Nase und Mund waren Durchschnitt und nicht besonders.

Sabrina sagte immer, ich sollte mich schminken, um mein Aussehen zu unterstreichen, aber ich war ein totaler Schminkmuffel.

Leider wurde ich ständig wegen meiner knappen Körpergröße von 1,55 Meter aufgezogen. Niemand, der mich ansah, würde mein Alter auf 23 Jahre schätzen, bis er meinen Brustumfang taxiert hatte. Und das regte mich am meisten auf. Ich hätte ausrasten können, wenn ich die gierigen Blicke der Männer sah oder wenn ich dumme Sprüche darüber zu hören bekam.

Mein Selbstbewusstsein war diesbezüglich überhaupt nicht vorhanden.

Aber wenn ich genug Wut im Bauch hatte, dann konnte ich verbale Morde begehen. Bislang hatte mich diese Fähigkeit auch vor aufdringlichen Männern bewahrt.

Anna, nicht nur vor den Aufdringlichen. In Wirklichkeit hast du nur Angst. Vor jedem Mann.

Ich verdrehte meine Augen, denn solche Gedanken wollte ich mir heute eindeutig nicht machen.

Wir waren kurz vor Phase drei: die ultimative Schamlosigkeit.

Grässlich.

Und pünktlich zu dieser Phase tauchte auch noch der Chef auf – Maik.

Ich kannte ihn, er war ein Wüstling, wie er im Buche stand, ohne Moral und nur darauf bedacht, einen satten Gewinn zu machen.

Ich konnte diesen Kerl nicht ausstehen.

Sabrina und Cathy waren vollauf beschäftigt, mit den Gästen kokett zu flirten, um den Getränkekonsum zu steigern.

An der Bar saßen nur zwei Pärchen, die eindeutig kurz davor waren, den Abend in einer dunklen Ecke weiter zu verbringen.

Ein einzelner Gast kam herangeschlendert, setzte sich und orderte gelangweilt ein Bier. Ich bediente ihn und rang mir, weil mir Maiks Anwesenheit bewusst war, ein kleines Lächeln ab und schaute den Gast sogar an.

Und er lächelte mit einem unglaublichen Lächeln, das mich total umhaute, zurück.

Schnell suchte ich am anderen Thekenende das Weite.

Erschrocken über meine Überreaktion auf dieses Lächeln, schüttelte ich innerlich meinen Kopf.

Anna, beherrsche dich. Es ist nur ein Blödmann-Gast.

Trotzdem beobachtete ich ihn. Er sah toll aus und ich kannte ihn, natürlich nicht persönlich, aber seiner Medienpräsenz konnte man sich leider nicht entziehen. Keine zwei Meter vor mir saß doch wahrhaftig der bekannte Schauspieler Patrick Tayler und starrte auf sein Bier.

Maik holte mich in die Wirklichkeit zurück. Er flüsterte: „Anna, sei so lieb und hilf Sabrina und Cathy und mach deine obersten Blusenknöpfe auf, du erstickst doch bestimmt gleich, so zugeknöpft.“

Wütend über diese Anweisung starrte ich Maik an und wollte ihm eine gepfefferte Antwort geben, aber Tom kam mir zuvor: „Ich helfe den beiden, bleib du hinter der Theke.“ Und schon war er weg.

Na toll, jetzt habe ich Maik immer noch am Hals und die Gewissheit, dass der einzelne toll aussehende Gast alles mitbekommt. Scheiße.

„So, Anna, dann wollen wir beide mal das Geschäft hier in Schwung bringen, mach deine Knöpfe auf“, zischte Maik mich an. Verdattert schaute ich zu ihm, zog meine Augenbrauen hoch und sagte so fest, wie ich konnte: „Nein, ich habe Halsschmerzen.“

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass Mister „Gutaussehend“ sich ein Lächeln verkniff und Maik rot anlief. Aber er erwiderte nichts weiter.

Nach weiteren zehn Minuten klopfte ich Maik auf die Finger, weil er seine Hand auf meinem Hinterteil geparkt hatte, und schnaubte ihn wütend an: „Wenn du nicht sofort deine Hand dort wegnimmst, ziehe ich dir mit dem Tablett eins über deinen Schädel, dass du erst in der Notaufnahme aufwachst.“

Maik knurrte: „Ich mag Frauen, die Temperament haben. Stell dich nicht so an, Süße. Außerdem würdest du bei deiner Körpergröße gar nicht bis zu meinen Kopf kommen. Ich könnte dir aber eine Leiter holen, haha.“

Das war zu viel. Mein Körper pumpte sich auf und ich sah buchstäblich rot.

Gefährlich leise und jedes Wort betonend, zischte ich: „Ich kann dich auch an einer anderen sensiblen Körperstelle fassen und dir die Eier lang ziehen, dass du für eine beträchtlich lange Zeit nicht mehr fühlen wirst, ob du männlich oder weiblich bist. Also, wenn deine Männlichkeit dir wichtig ist, dann nimm die Flosse von meinem Hintern.“

Neben mir hörte ich Gekicher von Mister „Gutaussehend“. Ich sah ihn zornig an: „Und wenn du nicht sofort aufhörst zu lachen, dann spielst du künftig nur noch weibliche Hauptrollen. Kapiert?“

Der guckte nur extrem ungläubig und fing aus vollem Halse an zu lachen.

Wütend riss ich mir meine Barschürze ab, schnappte meine Jacke und Tasche und sagte zu Maik: „Meine Schicht ist zu Ende. Meinen Lohn kannst du Tom mitgeben. Mich siehst du nie wieder. Mistkerl.“

Dann warf ich noch einen vernichtenden Blick in Richtung Patrick Tayler und marschierte in Richtung Ausgang.

Anna, das hast du ja toll hinbekommen. Hoffentlich müssen Tom und Kate deine Aktion nicht ausbaden. Aber Maik, der Widerling, hatte das verdient.

Oh. Scheiße. Die nächste U-Bahnstation ist bestimmt 10 km entfernt. Mann, Anna, du bist eine blöde Nuss. Immer handeln, bevor du nachdenkst. Typisch.

Weiter kam ich nicht mit meiner Selbstbeschimpfung.

Ich hörte, wie mir jemand nachlief, und plötzlich rief dieser Jemand mit einer unglaublich klingenden Stimme: „Rapunzel, Rapunzel bleib mal stehen.“

Völlig verdattert und mit wütendem Gefühl blieb ich stehen, drehte mich in Zeitlupe um und schnauzte Mister „Gutaussehend“ an: „Wie hast du mich gerade genannt? Bist du lebensmüde oder nur ein dummer Frosch, der geküsst werden will, weil er glaubt, ein Prinz zu sein?“

Jetzt war es an ihm, wütend zu sein, und ich blickte in die blauesten Augen, die ich je gesehen hatte, die jedoch bei meiner Wortattacke ein wenig dunkler wurden.

Ich wartete auf eine Antwort.

Er schüttelte kurz seinen Kopf: „Nein, beides trifft nicht zu. Ich wollte dich etwas fragen.“

Langsam ging ich weiter und nuschelte: „Na dann, frag.“

Er passte sich meiner Schrittgeschwindigkeit an und sagte: „Ich wollte dir ein Angebot …“

„Kein Interesse“, erwiderte ich schon wieder wütend werdend.

„Du hast ja noch gar nicht gehört, was ich dir anbieten möchte.“

Das klang nun ein wenig beleidigt. Jetzt wurde ich neugierig und schaute ihn an, was ein wenig schwierig war. Er ist ziemlich groß.

Nicht nur groß, sondern auch extrem gutaussehend. Sein dunkelblauer Anzug, perfekt geschnitten. Tolle Figur. Kurz geschnittene blonde Haare und das schönste Lächeln, das ich je in Natur gesehen habe.

Anna, hör dir an, was er will. Verbal hinrichten kannst du ihn immer noch. Sieh ihn dir doch mal an. So groß, so blond, die blauen Augen mit dem verträumten Blick …

Hör auf mit dem Quatsch. Das finden bestimmt noch Millionen andere Frauen.

„Was?“, fragte ich kurz angebunden.

Kurz grinste er wieder, dann war er vollkommen ernst. „Es tut mir leid, dass ich vorhin so reagiert habe, aber du hättest dich mal sehen sollen. Ich habe noch nie eine so wütende Frau gesehen. Ich kann mir denken, dass du jetzt keinen Job mehr bei diesem miesen Kerl hast, daher dachte ich, ich könnte dir einen anbieten.“

Es fühlte sich an, als würde eine Rakete starten. Der Treibstoff war allerdings blinde Wut.

„Willst du mich auf den Arm nehmen? Was denkt ihr Kerle euch eigentlich? Dass ihr alles flachlegen könnt, was einen Eisprung hat, was nicht schnell genug ist, bei drei auf dem Baum zu sein?“

Blödmann. Ich habe es doch gewusst. Kein Mann sieht so gut aus und ist auch noch ein Ritter in glänzender Rüstung. Soviel ist doch wohl klar. Ich gab meiner inneren Stimme einhundertprozentig Recht.

Ungerührt von meiner Verbalattacke sagte er nur: „Eisprung? Das erklärt wohl deine Reizbarkeit.“

Vor lauter Wut fiel mir dazu nichts ein und ich stapfte empört weiter, registrierte aber, dass er immer noch neben mir herging.

Der ist aber hartnäckig. Er folgt uns immer noch. Grinsend. Dem scheint das auch noch Spaß zu machen. Das darf doch alles nicht wahr sein. Ich muss eindeutig stärkere Geschütze auffahren.

„Lass mich in Ruhe“, fauchte ich.

Sehr starkes Geschütz, Anna.

Frustriert blieb ich stehen und schnauzte ihn an: „Ich habe einen längeren Marsch vor mir und du solltest umkehren, damit du deine zarten Füße schonen kannst. Spring lieber mit in den Pool, da ist es bestimmt gemütlicher. Tschüss.“ Dann winkte ich und setzte mich wieder in Bewegung. Er drehte sich tatsächlich um und ging zurück.

Na also, geht doch. Anna, Mädchen, du hast deinen Biss also doch noch nicht verloren. Wieder einmal einen aufdringlichen Kerl in der Luft zerrissen. Du hast es echt drauf.

Lustlos ging ich weiter.

Um mich ein wenig aufzuheitern, dachte ich an meine vierbeinigen Freunde.

Morgen kommt Sandra wieder mit ihrem Schäferhund. Wir haben gute Fortschritte in seiner Erziehung gemacht und als Problemhund kann man ihn nicht mehr bezeichnen.

Eigentlich arbeitete ich in einem Tierheim und bot eine Hundeschule für Problemhunde an. Die Arbeit mit Tieren war meine Leidenschaft und meine Kollegen John und Carter waren einfach toll. Ich war froh, mit ihnen arbeiten zu dürfen. Ich musste noch so viel lernen.

Was denkt sich Mister „Gutaussehend“ eigentlich. Ich habe einen Job und er kann sich sein unmoralisches Angebot sonst wo hinstecken. Anna, aber süß war er schon, das musst du zugeben. Naja, vielleicht ein bisschen. Willst du etwa die Seiten wechseln?,kreischte ich meine innere Stimme an.

Ein Auto hielt neben mir an und das Fenster an der Beifahrertür wurde heruntergelassen und ich erkenne „ihn“.

„Steig ein. Ich fahre dich. Sieh es als Wiedergutmachung. Bitte.“

Ein wenig unentschlossen schaue ich auf das Auto, dann auf die lange Straße und entscheide mich für das Auto.

„Danke“, sagte ich immer noch mürrisch.

„Wohin?“, fragte er völlig ungerührt.

„Nächste U-Bahnstation“, schnaufte ich ergeben.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, daher schwieg ich lieber. Natürlich merkte ich, dass er mich unauffällig musterte, dann brach er das Schweigen: „Du heißt Anna, richtig? Ich bin Patrick.“ Dann hielt er mir seine Hand zur Begrüßung hin. Ich nahm sie und merkte, wie unglaublich warm sie war, und ein wohliger Schauer ging über meinen Körper.

Schnell ließ ich sie wieder los und murmelte: „Hi. Ich weiß wer du bist. Deiner Medienpräsenz kann man sich leider nicht entziehen.“

Belustigt zog er seine Augenbrauen hoch und wollte wissen: „Du liest Klatschzeitungen?“

Mürrisch antwortete ich ihm: „Ich bin eine Frau oder etwa nicht?“

Bist du verrückt, ihm so eine Frage zu stellen. Deutlicher kann man gar nicht mehr werden. Damit forderst du ihn nur heraus.

Meine innere Stimme war entsetzt und ich musste ihr leider zustimmen.

Interessiert musterte er mich wieder und sagte nur in einem langgezogenen wissenden Tonfall: „Ja, das lässt sich kaum leugnen.“

Genervt stöhnte ich auf. Wieder schaute er mich an und runzelte plötzlich seine Stirn. „Ich frage mich, warum du so eine schlechte Meinung von Männern hast, mal abgesehen von deinem ehemaligen Chef? Da kann ich dich verstehen, aber sonst?“

Die Frage verunsicherte mich. Was sollte ich antworten?

Anna, sag einfach die Wahrheit, das ist der leichteste Weg. Na gut.

Ich schaute ihn einige Sekunden von der Seite an und sagte ergeben: „Ich habe nicht von allen Männern eine schlechte Meinung. In Wirklichkeit sind meine besten Freunde Männer. Naja, die meisten davon schwul oder in festen Beziehungen. Mich macht es wahnsinnig wütend, wenn meine Körpergröße oder meine fraulichen Attribute der Anzüglichkeit preisgegeben werden.“

Bevor er etwas darauf erwidern konnte, beschloss ich diese Situation mit Humor zu beenden, daher sagte ich schnell: „Aber natürlich ist es meine eigene Schuld.“

Ungläubig starrte er mich an: „Eigene Schuld?“

„Versteh doch“, flüsterte ich amüsiert. „Als die Körpergröße verteilt wurde, habe ich meinen Einsatz, ‚Hier!‘ zu rufen, verpasst, und als die Körbchengröße verteilt wurde, habe ich vor lauter Angst, wieder nichts abzubekommen, gleich zweimal ‚Hier!‘ gerufen. Meinen Fehler habe ich leider zu spät bemerkt.“

Grinsend schaute ich zu ihm hinüber. „Blöd, nicht?“

Er grinste auch und erwiderte schließlich: „Vielleicht solltest du die Hoffnung noch nicht aufgeben. Du könntest immer noch im Wachstum sein. Und was die andere Sache anbelangt, ist es für einen Mann fast unmöglich, nicht hinzugucken.“ Dann zuckte er mit den Schultern und ergänzte: „Genetik.“

„Ja, vielleicht. Aber würden dir Sprüche gefallen wie ‚Süße, trägst du einen Zopf, damit du nicht nach vorn fallen kannst?‘?“

Jetzt fing er schamlos an zu kichern und ich merkte, wie ich wieder wütend wurde und zischte: „Männer. Für drei Sekunden dachte ich doch tatsächlich, du wärest nett. Aber wie ich sehe, habe ich mich total geirrt. Los, halt an, ich gehe zu Fuß weiter.“

Plötzlich wieder ernst meint er: „Sei nicht sauer. Ich habe mir nur vorgestellt, was du zu demjenigen gesagt hast oder was du mit ihm gemacht hast. Lebt er noch?“ Und er grinste doch tatsächlich schon wieder.

Widerwillig grinste ich jetzt auch und beantwortete seine Frage: „Er lebt noch, aber wenn er mich kommen sieht, wechselt er die Straßenseite.“

Patrick bremste den Wagen und fing schallend an zu lachen und zwischen seinen Lachkrämpfen sagt er immer wieder: „Tut mir leid … tut mir leid … nicht sauer sein. Bitte.“

Aber ich war sauer. Er amüsierte sich auf meine Kosten. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und guckte stur aus dem Fenster und wartete, dass er sich beruhigte.

Nach ein paar Minuten hatte er sich wieder im Griff. Aber ich schwieg eisern.

„Anna, bitte nicht böse sein“, bat er nochmals.

Da es aufrichtig klang, schaute ich ihn wieder an und ich sah seinen ungläubigen Gesichtsausdruck und seine bettelnden Augen. „Weißt du“, erklärte er schnell, „diese Wohltätigkeitsveranstaltungen sind so extrem langweilig.“ „Immer dasselbe. Begrüßung. Küsschen hier und da, mit dem Wissen, dass die meisten Gäste einen lieber zum Mond schießen würden, weil sie entweder eifersüchtig auf den Erfolg anderer sind, oder was weiß ich … Dann Scheckbuch raus und wenn das alles erledigt ist, Komasaufen … oder anderes … oder beides. Die Frauen sind meist so oberflächlich und aufdringlich, dass ich mir die Haare raufen könnte. Dann treffe ich dich unter für mich lebensgefährlichen Umständen, führe Gespräche über Wachstumsschübe und Körbchengrößen. Dein Humor ist sowas von erfrischend, ich habe mich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt. Und glaub mir, das ist keine Anmache, sondern die Wahrheit.“

Entschuldigend lächelt er mich an und fragt: „Verzeihst du mir?“

Widerwillig lächle ich zurück und sage: „Na gut, aber jetzt fahr weiter, sonst verpasse ich die letzte Bahn.“

Plötzlich kam mir eine Idee.

„Wenn du mir sagen kannst, welche Augenfarbe ich habe, dann höre ich mir auch dein Angebot an, wenn es nicht unmoralisch ist“, fordere ich ihn heraus.

Er war wieder vollkommen ernst, schaute nach vorn und sagte, ohne lange zu überlegen: „Deine Augen sind dunkelblau, fast violett und wenn du wütend bist, dann sprühen sie Funken. Ich habe noch nie so eine Farbe gesehen.“

Ich war sprachlos.

Na, Anna, damit hast du nicht gerechnet. Er konnte sogar bei Dunkelheit deine seltene Augenfarbe erkennen. Ist er nicht gut? Halt die Klappe und nerv mich nicht.

„Habe ich recht?“, wollte er fröhlich wissen.

„Ja“, antwortete ich genervt.

„O. K. Ich höre mir dein Angebot an. Aber vorher solltest du wissen, dass ich einen Job habe. Das heute war nur eine Vertretungsgefälligkeit für Toms Freundin Kate. Sie hat sich den Fuß verstaucht. Mein Geld verdiene ich woanders.“

„Und wo?“ Das klang interessiert.

„Ich arbeite in einem Tierheim“, sagte ich stolz.

„Liebst du Tiere?“ Wieder hörte es sich an, als ob er Interesse hätte.

„Natürlich. Ich arbeite mit Problemhunden, obwohl dieser Ausdruck nicht richtig ist, denn kein Hund wird so geboren. Eigentlich sind es die Besitzer, die das Problem haben. Aber meine absoluten Lieblingstiere sind Pferde. Ich kann zwar nicht reiten, aber ich liebe es, sie zu streicheln und in ihre unglaublich sanften Augen zu sehen. Ich bin völlig fasziniert von ihnen. Liebst du auch Pferde?“

„Nein. Die Biester beißen mich immer“, erwiderte er.

„Habe ich erwähnt, dass Pferde auch besonders klug sind und über einen sehr guten Geschmack verfügen?“, stichelte ich.

Er verstand mich und grinste: „Ah … ja.“

„So, dann mach mir mal dein Angebot“, forderte ich ihn nochmals heraus.

Er informierte mich vorsichtig: „Also gut, aber nicht gleich wieder sauer werden. Es ist eine rein geschäftliche Angelegenheit, ohne Hintergedanken. Versprochen.“

Ich konnte meine Neugier kaum bremsen und sah ihn erwartungsvoll an.

Er atmete einmal tief durch, schaute mich aber nicht an und sagte: „Ich brauche dringend einen Blitzableiter.“

Verwirrt starrte ich ihn an: „Das verstehe ich nicht. Erwartest du Gewitterstürme? Denn wenn du sie erwartest, solltest du dir jemanden suchen, der einen Kopf größer ist als du. Ich meine wegen der Physik. Du hast in der Schule hoffentlich aufgepasst.“

Wieder grinst er und schüttelt seinen Kopf.

„Nein, nicht so einen Blitzableiter. Ich brauche eine Begleitung zu meiner Filmpremiere hier in New York, nächsten Sonntag.“

Ich war immer noch verwirrt … „Ich soll dich begleiten?“

„Ja“, sagte er todernst.

Vor Überraschung öffnete ich meinen Mund und schloss ihn gleich wieder.

Ich war sprachlos und wusste keine Erwiderung. Meine innere Stimme frohlockte.

Anna, das ist dir aber auch noch nicht passiert. Los antworte ihm. Sag zu.

Es kam nur ein ziemlich erbärmliches „Warum?“ aus meinem Mund heraus.

„Ich weiß, dass du das jetzt so nicht erwartet hast, und ich möchte es erklären. Die Medien sind Haie und jeder Schritt wird überwacht, wenn man prominent ist. Die Paparazzi sind ein wahrer Alptraum. Vieles, was in den Zeitungen steht oder im Fernsehen gezeigt wird, ist unwahr oder aus dem Zusammenhang gerissen, damit mal wieder eine neue Schlagzeile verkündet werden kann. Mit der Wahrheit wird schließlich kein Geld verdient. Jeder Prominente lebt von seinen Fans und die Fans denken, sie kennen ihre Stars, weil sie glauben wollen, was über sie verbreitet wird. Ich will mich nicht beklagen. Im Moment bin ich sehr gut im Geschäft, aber ich finde keine weibliche Begleitung unter meinen Kolleginnen, die sich derzeit mit mir zusammen auf dem roten Teppich zeigen will. Und wenn ich allein dort auftauche, heißt es wieder, ich sei schwul.“

Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen: „Und, bist du schwul?“

Empört guckte er mich an und knurrte: „Nein.“

Zögernd sprach er weiter: „Wenn ich eine Frau aus meiner Fangemeinde fragen würde, denkt sie naja, ich will eine Beziehung, die ich aber nicht will. Ein Escortservice kann ich auch nicht in Anspruch nehmen, das käme möglicherweise raus. Also dachte ich, du könntet diesen Job übernehmen, da ich im Moment den Eindruck habe, dass wir beide dann nicht in Gefahr wären, weil du ja jeden Mann auf Abstand hältst.“ „Also, was meinst du?“, wollte er wissen.

Ich schüttelte meinen Kopf: „Du kennst mich doch gar nicht. Woher nimmst du die Gewissheit, dass ich nicht morgen Früh zur Zeitung renne und ihnen diese Geschichte verkaufe?“

Er sah mir in die Augen. „Weil du nicht so eine bist.“

„Gut erkannt“, murmelte ich.

Plötzlich wurde er unruhig: „Ich zahle auch gut, ich dachte …“

„Sei still, sonst mache ich meine Drohung von vorhin wahr“, fuhr ich ihn an.

„Welche?“, fragte er grinsend.

„Die an der Theke“, gab ich gespielt übellaunig zurück.

Er grinste wieder und ich konnte mir ein Schmunzeln auch nicht verkneifen.

Wir waren an der U-Bahnstation angekommen. Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass ich mich beeilen musste, um die letzte Bahn noch zu erwischen. Ich kramte in meiner Tasche und holte die Visitenkarte vom Tierheim heraus und sagte: „Ruf mich morgen zwischen zwölf und vierzehn Uhr an. Ich muss darüber nachdenken. Tschüss.“ Eilig verließ ich den Wagen und rannte Richtung Bahnsteige.

Als ich im Zug saß, hielt ich ausgiebig Zwiesprache mit meiner inneren Stimme.

Anna, sag ihm morgen ab. Er ist gefährlich. Denk an deine Grundsätze. Ich kann nicht. Er sah so verletzlich aus, als er gefragt hat. Sei nicht so naiv. Er ist Schauspieler. Er weiß, wie er gucken muss, um etwas zu bekommen. Aber seine Begründungen kann ich nachvollziehen. Vielleicht ist man manchmal sehr einsam, wenn man berühmt ist. Was spielt das denn für eine Rolle. Er kann sich Gesellschaft kaufen.

Armer reicher Mann. Und gutaussehend und nett. Humor hat er auch.

Aber vielleicht ruft er ja auch gar nicht an. Er fährt bestimmt zurück zur Party und amüsiert sich dort. Er könnte dann auch jemand anderes fragen. Du spielst nicht in seiner Liga. All die schönen Frauen und er hat selbst gesagt, sie reißen sich um ihn. Aber er findet sie langweilig, mich nicht. Das hat er gesagt. Anna, sei vernünftig. Er wird dich bloß verletzen.

Ich würgte meine innere Stimme ab und beschloss abzuwarten. Und dann kam mir ein schrecklicher Gedanke. Angenommen ich würde ihn begleiten, dann würde er mich den Haien zum Fraß vorwerfen. Die Presse würde vielleicht in meiner Vergangenheit herumschnüffeln. Dieses Risiko wäre einfach zu groß für ihn.

Also gab es nur zwei Möglichkeiten, falls er morgen anrufen würde.

Erste Möglichkeit, ich würde absagen und ihm erklären warum, oder ich würde zusagen und müsste meine Vergangenheit ebenfalls beichten.Scheiße.

Zu Hause in meinem Bett hatte ich den Einfallsblitz. Wann war die Premiere?

Sonntag, also in sieben Tagen. Und an dem Sonntag hatte ich definitiv schon etwas vor. Das war keine Schutzbehauptung, sondern die reine Wahrheit.

Den Termin, Anna, könntest du zu seinen Gunsten bestimmt verschieben. Klar könnte ich, aber ich will nicht. Es geht schließlich um Lou-Lou. Fertig.

Nach einer unruhigen Nacht wachte ich mit einem kribbligen Gefühl auf.

Ich wusste genau, was mich in diese Stimmung versetzte. Aber ich war fest entschlossen, nicht an ihn zu denken.

Ich beschloss, mein Frühstück bei Frank und Kelly einzunehmen.

Sie führten direkt gegenüber meinem kleinen Ein-Zimmer-Apartment eine kleine Bäckerei. Die beiden waren mein Elternersatz, seitdem ich hier hergezogen war. Außerdem gehörte ihnen das Haus, in dem ich wohnte.

Im Erdgeschoss wohnte Ruth, meine geschwätzige gutmütige Ruth, die ich eigentlich nur in geblümter Kittelschürze und mit einem zahnlosen Lächeln kannte.

Ich liebte diese Leute und dieses Leben hier. Sie waren alle meine Familie, die ich nie hatte.

Ich schob mein Fahrrad rüber zur Bäckerei.

Heute war es am Morgen schon richtig warm, daher: kurze Hose, Socken und meine bequemen Knöchelschuhe, T-Shirt und eine lose Weste drüber, die Haare zu zwei Zöpfen geflochten – und fertig war ich für meinen Arbeitstag.

„Hallo Frank, ich frühstücke heute hier“, grüßte ich ihn. „Klar, Anna. Wie war gestern deine Aushilfe?“, wollte er neugierig wissen.

„Erinnere mich bloß nicht. Maik war mal wieder grauenhaft widerlich und ich habe ihm meine Schürze vor die Füße geschmissen. Hoffentlich musste Tom das nicht ausbaden.“

„Weißt du, wie es Kate geht?“, fragte ich ihn. „Ich habe noch keinen gesprochen“, erwiderte er.

Frank stellte mir mein Frühstück hin und ging zu Kelly in die Backstube.

Ich hatte richtigen Kohldampf – den hatte ich eigentlich immer – und fing genüsslich an zu essen.

Tom steckte seine Nase zur Tür herein, sah mich und sagte ein wenig zerknirscht: „Ich habe dein Fahrrad gesehen. Mann, Anna, Maik war auf hundertachtzig. Deinen Lohn wollte er mir nicht geben, den solltest du dir am besten mit einer Entschuldigung selbst abholen, hat er gesagt. Dann kam dieser Promi, Patrick Tayler, er hat Maik am Schlafittchen gefasst und einen ziemlichen Aufstand gemacht. Kennst du den?“

Fassungslos starrte ich Tom an: „Er hat was gemacht?“

„Na, einen Aufstand, sagte ich doch.“ „Kennst du den oder nicht?“, wollte er wissen.

„‚Kennen‘ ist zu viel gesagt, aber er hat die Aktion von Maik mitbekommen und mich dann zur U-Bahnstation gefahren“, sagte ich nachdenklich.

„Jedenfalls, hier ist dein Geld. Bedank dich bei ihm.“ Er schob mir das Geld zu.

„Mache ich“, murmelte ich immer noch in meine Gedanken versunken leise.

Tom stutzte, starrte mich an und feixte: „Dann siehst du ihn also wieder?“ Diese Frage feuerte er dank seiner unheimlichen Kombinationsgabe auf mich ab.

Genervt antwortete ich: „Weiß ich noch nicht, vielleicht.“

In dem Moment kommt Frank wieder und Tom jubelt ihm zu: „Unsere Anna hat ‚vielleicht‘ eine Eroberung gemacht. Guck mal, sie wird sogar rot.“ Frank zog die Augenbrauen hoch.

Schnell trank ich meinen Kaffee aus und murrte: „Tratschtanten.“ Und weg war ich.

Den ganzen Vormittag bemühte ich mich standhaft, nicht zur Uhr zu schauen. Beim Mittagessen fiel es sogar meinen Kollegen auf, dass ich ein wenig unruhig war. Mit einer Notlüge konnte ich mich gerade noch retten. Und als bis vierzehn Uhr kein Anruf kam, war ich fast erleichtert – aber nur fast.

Anna, ein bisschen enttäuscht bist du schon. Ja bin ich. Aber es bestärkt mich auch, keinem Mann zu trauen. Und eines steht fest: Ich schaue mir nicht den roten Teppich zur Premierenfeier an. Ich will nicht sehen, mit wem er geht.

Sicher hätte ich mich auch noch weiter mit meiner inneren Stimme unterhalten, wenn John nicht gerufen hätte, dass Kundschaft käme. Missmutig schlurfte ich zum Eingang.

Und da stand er in seiner ganzen Pracht und lächelte mich an. Mein Herz machte vor Freude einen Salto und ich grinste wie ein Honigkuchen zurück.

„Hi. Ich habe mit deinem Anruf gerechnet“, hauchte ich.

Erfreut über meine positive Reaktion sagte er: „Wenn ich mir schon einen Korb holen muss, tue ich es lieber Auge in Auge. Übrigens nette Arbeitskleidung.“ Ich wurde ein wenig rot und antwortete schnippisch: „Kannst es wohl nicht lassen, mich zu reizen. Aber im Moment hast du Glück, ich bin noch in friedlicher Stimmung.“

Gespielt erleichtert lachte er anzüglich: „Gott, was bin ich froh darüber. Es ist schon schwer genug, männliche Hauptrollen zu bekommen.“

Ich schaute an ihm vorbei zum Bürogebäude und entdeckte John und Carter, wie sie sich ihre Nasen an der Fensterscheibe platt drückten, und musste darüber lachen. Patrick drehte sich ebenfalls um und winkte den beiden zu. Schnell zogen sie ihre Köpfe ein. Dann guckte er mich erwartungsvoll an und ich registrierte, wie unglaublich gut er aussah. Die enge Jeans und das weiße T-Shirt standen ihm ausgezeichnet.

Ich atmete einmal tief durch und sagte: „Patrick, hör zu, wenn wir diesen Deal machen, solltest du vorher noch etwas wissen. Jetzt habe ich aber keine Zeit mehr, der nächste Kunde kommt gleich. Der Termin dauert eine Stunde, dann mache ich Feierabend. Willst du dir solange die Anlage ansehen? Aber es könnte sein, dass die Kundschaft dich erkennt. Oder du wartest in deinem Auto. Ich meine, wenn du warten willst?“

Bitte, bitte, sag ja, dass du warten willst.

Meine innere Stimme war wie aus dem Häuschen.

Er überlegte kurz und wollte wissen: „Gibt es hier irgendwo ein Café? Dann warte ich lieber dort.“

„Hm … Moment.“ Ich dachte in Windeseile nach.

Schick ihn zu Frank.Das war mein rettender Gedanke. Ich zog mein Handy aus der Tasche und rief Frank an.

„Hallo Frank, ich bin’s. Ich schicke gleich Patrick Tayler zu dir. Er wartet auf mich. Ich brauche noch eine Stunde, dann bin ich da und sei nett zu ihm.“

„Ist Frank dein Freund?“, fragte Patrick nach.

Zerstreut, weil ich mir kurz Franks Gesichtsausdruck vorstellte, antwortete ich: „Nein. Ich habe keinen Freund.“

„Wie alt bist du eigentlich?“, platzte es aus ihm heraus. Verwirrt über diese Frage zog ich meine Augenbrauen hoch: „Fragt man das eine Dame? Was denkst du?“

„Höchstens 19 Jahre“, sagte er abschätzend.

Ich lachte und schüttelte meinen Kopf: „Daneben, und es bleibt erst einmal mein Geheimnis.“ „Hier ist die Adresse“, ließ ich ihn wissen. „Ich könnte dich in einer Stunde abholen“, bot er höflich an.

„Nicht nötig, ich bin mit dem Rad da. Es ist gleich um die Ecke. Bis gleich.“ Ich scheuchte ihn zurück zum Eingang.

Keine Sekunde zu früh hörte ich Mister „Gutaussehend“ abfahren und mein nächster Termin rückte an.

Während der Trainingsstunde war ich so weit abgelenkt, dass ich nicht weiter über ihn nachdachte.

Nach der Stunde verabschiedete ich mich von John und Carter. Natürlich wollten sie wissen, was der Promi wollte. Ich konnte sie glücklicherweise bis morgen – mit einer ausführlichen Berichterstattung – hinhalten.

Aber während meiner kurzen Rückfahrt kam mir ein genialer Gedanke.

Meine innere Stimme jubelte über meinen Einfallsreichtum.

Der rote Teppich kann kommen. Wenn alles klappt.

Sein Auto stand vor der Bäckerei und ich ging hinein. Patrick saß an der Theke und grinste mich an und Frank grinste zu meinem Erstaunen ebenfalls.

„Hallo ihr zwei, Langeweile gehabt?“, wollte ich neugierig wissen.

Beide antworteten gleichzeitig: „Nein.“

Ich sah Patrick an und fragte ihn, ob er Fahrrad fahren könne. Der nickte nur argwöhnisch.

Dann schaute ich zu Frank: „Können wir uns mal dein Fahrrad leihen?“ „Dauert auch nicht lange“, beruhigte ich ihn.

„Ich bring es nach vorn“, murmelte er kopfschüttelnd.

„Wollen wir?“, fragte ich ihn.

„Wohin?“, wollte er neugierig wissen.

„Ich möchte dir etwas zeigen.“ „Worüber habt ihr denn gesprochen?“, fragte ich betont lässig.

„Über dies und das“, kam die einsilbige Antwort.

Aha, er will es mir also nicht sagen.Daher versuchte ich es einmal anders. „Bitte sag es mir“, bettelte ich.

Er schaute mich mit einem verschwörerischen Lächeln an und erwiderte: „Später.“

Wir fuhren gemeinsam mit dem Rad zum Tierheim.

Um meinen Kollegen nicht in die Arme zu laufen, gingen wir gleich durch den Hintereingang hinein.

Ich holte eine Hundeleine und wir gingen zum Zwinger von Lou-Lou. Sie freute sich riesig, mich zu sehen und schmuste sogar Patrick gleich an. Der ließ es sich ebenfalls erfreut gefallen. Das nahm ich als gutes Vorzeichen.

„Lass uns mal einen kleinen Spaziergang machen, dann können wir reden.“ „Was hat Frank dir erzählt?“, schlug ich vor, mit einem erwartungsvollen Blick.

„Gar nichts. Er hat mich ausgequetscht.“ „Er wollte wissen, was ich von dir will“, teilte er mir stirnrunzelnd mit. „Und hast du ihm das erzählt?“, fragte ich fast atemlos.

„Komischerweise ja. Muss ich mir Sorgen machen?“ Bei dieser Frage sah er mich ein wenig angstvoll an.

Ich lachte kurz auf, ich wusste, was er meinte: „Nein. Weißt du, ich lebe dort schon, seit ich 18 Jahre bin, also seit fünf Jahren.“

„Du bist 23“, kombinierte er richtig und fügte hinzu: „Sieht man dir nicht an.“

Ich stöhnte: „Ich weiß.“

„Warum muss ich mir keine Sorgen machen?“, hakte er nach.

„Weil Frank und Kelly – eigentlich die Bewohner des gesamten Blocks – nicht nur meine Freunde, sondern auch meine Familie sind. Sie würden niemals etwas tun, um mir zu schaden. Tja, sie sind zwar Tratschtanten, aber nur im eigenen Viertel. Außenstehende haben schlechte Karten, etwas zu erfahren. Und ich liebe sie und sie lieben mich. Wenn ich sage, dass niemand erfahren soll, dass wir uns kennen, wobei das natürlich spätestens am Premierentag hinfällig wird, dann erfährt das auch niemand.“ „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Paparazzi an Ruth vorbeikommen“, zerstreute ich seinen Argwohn.

„Ruth?“, fragte er stirnrunzelnd nach.

Ich lachte kurz auf und erklärte: „Ruth und ich wohnen im gleichen Haus – sie unten, ich oben. Sie ist ständig auf Männerfang und flirtet alles an, was mehr Testosteron hat, als sie selbst. Sie bekommt alles mit und damit meine ich wirklich alles. Aber ich liebe sie. Wenn du willst, mache ich euch bekannt.“

Innerlich lachte ich, als ich mir vorstellte, was für ein Gesicht er dabei machen würde.

„Heißt das, dass du mich begleitest?“, wollte er wissen und machte ein ziemlich hoffnungsfrohes Gesicht.

„Naja, jetzt wird es ein wenig kompliziert“, antwortete ich. „Kommt darauf an, wie du reagierst“; ergänzte ich weiter.

„Worauf?“, fragte er sofort.

Ich atmete geräuschvoll aus, drückte meinen Rücken durch und begann zu erklären: „Du willst mich als Blitzableiter benutzen und wirfst mich den Haien zum Fraß vor. Damit könnte ich klarkommen, aber ich habe eine Vergangenheit, für die ich mich zwar nicht schäme, na, das stimmt nicht ganz, für eine Sache schäme ich mich heute noch entsetzlich, aber davon weiß keiner, nur ich. Aber ich weiß nicht, wie du das alles siehst, daher finde ich es fair, dass du es wissen solltest.“

Unsicher schaute ich ihn von der Seite an und ich bemerkte, dass er sehr konzentriert war.

„Soll ich weitersprechen oder möchtest du einen Rückzieher machen?“, fragte ich ein wenig mutlos.

„Sprich weiter“, murmelte er leise.

„Also, ich habe keine richtige Familie. Das erste Mal in meinem Leben schlug ich meine Augen in einer Babyklappe auf. Ich muss wohl meiner … ich muss wohl der Frau, die mich geboren hat, dafür auch noch dankbar sein, denn einige Kinder landen immer noch auf der Müllkippe.“

Ich hörte ihn entsetzt nach Luft schnappen, daher sprach ich schnell weiter: „Komischerweise wollte mich auch keiner adoptieren, so landete ich bei sechs Pflegefamilien, die allesamt sich mehr für das Geld der Fürsorge gekümmert haben als um mich. Als ich elf war, begann sich mein letzter Pflegevater auch für mich zu interessieren aber nicht so, wie er eigentlich sollte. Ich haute ab, der Fürsorge traute ich nicht und landete auf der Straße. Dieses Leben war grausam, denn es war nicht immer schönes Wetter und die Mülltonnen gaben auch nicht immer genügend her, dass man satt wurde. Aber ich blieb ehrlich und klaute nicht.“

Beschämt stockte ich in meiner Erzählung.

Patrick sah mich an und ich konnte an seinem Blick erkennen, dass meine Geschichte ihn berührt hatte. „Was geschah weiter, warum schämst du dich jetzt doch?“, fragte er leise.

„Weil es nicht so ganz stimmt, ich habe noch niemanden erzählt, was mich heute noch so quält, warum … warum ich den Anblick und das Weinen des kleinen Kindes nicht vergessen kann, das im Wagen saß und von seiner Mutter durch die Straßen geschoben wurde. Dieses Kind hatte ein Brötchen in der Hand und kaute darauf herum. Ich hatte seit Tagen nichts Richtiges gegessen und hatte Hunger. Ich klaute dem Kind sein Essen. Es schrie und ich flitzte mit meiner Beute um die Ecke und redete mir pausenlos ein, dass seine Mutter ihm ja ein neues Brötchen kaufen könne. Es hatte ja eine Mutter, ich nicht. Aber was wäre gewesen, wenn die Mutter ihrem Kind von ihrem letzten Geld das Essen gekauft hätte und das Baby nun hungern müsste? Ja, dafür schäme ich mich heute noch.“

Ich merkte, dass er etwas darauf erwidern wollte, und redete weiter: „Ein Jahr lebte ich auf der Straße. Als Zwölfjährige kam ich an meinem Lebensweg an, der sich in zwei verschiedene Richtungen gabelte. Der eine Weg war Babystrich, Alkohol oder Drogen und auf dem anderen Weg stand Piet und hielt mir seine helfende Hand hin. Ich nahm sie, ohne zu zögern. Piet ist auch heute noch Streetworker. Er ist mein allerbester Freund. Ich fand ein neues Heim, ging wieder zur Schule, machte sogar meinen Highschool-Abschluss mit Bestnoten und studierte anschließend Betriebswirtschaft. Ich bin mit dem Studium gerade fertig geworden, habe aber noch keine Anstellung gefunden. Ich möchte mein Zuhause nicht verlassen.“

Patrick ging gedankenverloren neben mir her und schwieg.

„Ich kann verstehen, dass dich das alles schockt.“ „Vielleicht kannst du jetzt nachempfinden, warum ich Männern nicht gern traue und sie mir vom Hals halte“, sagte ich rasch.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sprach er: „Ich danke dir für deine Offenheit. Du kannst mir glauben, dass ich das nicht oft erlebe. Aber Anna, ich bin auch ein Mann.“

Ich lächelte ihn an und erwiderte: „Ja, aber du hast mir schließlich gestern auch vertraut, denn ich denke, du bist auch nicht so einer. Denk daran, die Sache mit dem Brötchen weißt nur du. Und so unglaublich das jetzt auch klingen mag, fühle ich mich keineswegs von dir bedroht. Na, du weißt, wie ich das jetzt meine.“

Diese Bemerkung schien ihn zu freuen.

Ich sah ihm an, dass er noch eine Frage hatte, und wartete darauf.