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Nach einem anstrengenden Dienstjahr sehnt sich Shanna nach Erholung und erotischen Abenteuern mit ihrer Freundin Davia auf dem Planeten Luma. Doch ihr Traumurlaub nimmt eine dramatische Wendung, als sie erfährt, dass ihr Freund und Vorgesetzter Jon Cull in Gefahr schwebt. Entschlossen, ihn zu retten, begibt sie sich auf eine gefährliche Mission. Zwischen den türkisfarbenen Lagunen und dem dichten Dschungel der malerischen Küste von Luma entflammt eine Leidenschaft, die die strengen Regeln der Superiorität herausfordert. Währenddessen brodelt es auf Luma: Agenten der Orion-Allianz säen Chaos, Aufstände drohen, und eine Förderplattform steht kurz vor dem Kollaps – mit katastrophalen Folgen für den Planeten. Gejagt und zerrissen zwischen Pflicht und Verlangen, wagen sich Shanna und Jon in ein Abenteuer voller Gefahren und sexueller Leidenschaft. Ein riskanter und verführerischer Trip ins Ungewisse beginnt.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2025
Thomas Neumeier
Sternenstaub auf feuchten Lippen
Prinzengarten Verlag
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.
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Druck: WIRmachenDRUCK GmbH, Illerstraße 15, 71522 Backnang
Copyright 2025 by Prinzengarten Verlag
Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold
Fotos Umschlag: Pexels: Gabriel Bastelli. Pixabay: supermelka, jupilu und kordi_vahle
ISBN 978-3-89918-859-2
Prolog: Ein Spiel in den Dünen
Sie entdeckte ihn am Strand, wo die wie ein Edelstein glitzernde See ausladend Wellen die schwarz gesprenkelten Dünen hinaufschickte. Im Schatten der langen Reihe Kaoa-Palmen entlang der Promenade lag er ausgestreckt auf einer Strandmatte im weichen Sand, die Augen geschlossen, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Ein bemerkenswert gutaussehendes Stück Mann, das sich auch ohne seine Superioritäts-Uniform von den anderen männlichen Strandbesuchern abhob. Das war schon aus seiner Akte hervorgegangen. Es würde Spaß machen, sich mit ihm zu beschäftigen. Sie erbat einen Platz in seiner Nachbarschaft, den er ihr bereitwillig gewährte.
Während der Anreise hatte sie das Dossier mit seinem Persönlichkeitsprofil gründlich studiert. Jeder nun folgende Schritt, ihn für sich einzunehmen, war sorgfältig durchkomponiert. Sie breitete ihr Strandtuch aus, entkleidete sich bis auf die Haut und nahm ein Buch aus ihrer Tasche, um zu einem ersten Gesprächsthema überzuleiten. Es funktionierte. Bei einem Literaturbegeisterten wie ihm war das abzusehen gewesen.
Wenig später gingen sie gemeinsam ins Wasser. Sie verhieß ihm eine verträumte Lagune auf der anderen Seite der verwucherten Landzunge, und er war wie erwartet geneigt, sie dorthin zu begleiten. Dort würde sie mit ihm schlafen – und ihn dann betäuben und zur Hütte schaffen, wo ihre Werkzeuge warteten.
Ihn als Unterpfand zu haben, wäre ein erster Erfolg. Es würden umgehend weitere folgen. Dafür aber waren andere zuständig. Bis dahin durfte sie mit Jon Cull eine Menge Spaß haben.
Kapitel 1Von einem Stern geküsst
Erster Tag
Eine Wand aus Hitze schlug Shanna entgegen, als sich vor ihr die Ausstiegsluke der Fähre auftat.
»Willkommen im Resort Bonita«, sprach eine weibliche Stimme aus dem Intercom der Kabine. »Vielen Dank, dass Sie mit Fuji-Ryoko gereist sind. Das Bordteam wünscht Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«
Feuchtwarme Luft umgarnte Shanna und nahm sie vollends gefangen, als sie auf die herangefahrene Gangway hinaustrat. Am unteren Ende warteten freundliche Gesichter. Mindestens zwei Dutzend Einheimische, sowohl Frauen als auch Männer, waren zur Begrüßung der neu eingetroffenen Gäste erschienen und stimmten gemeinsam einen Willkommenschorus an. Der herzliche Empfang rührte Shanna, auch wenn er zweifellos eine Routineangelegenheit war und jeder anreisenden Touristenschar zuteilwurde.
Shanna schaute sich flüchtig um, bevor sie nach unten stieg, und war durchaus angetan. Die Umgebung entsprach der Holoprojektion, in der sie sich bei der Auswahl ihres Urlaubsortes bewegt hatte. Reihum war die Landeplattform von sandfarbenen Gebäuden mit fantasievollen Glas- und Schnörkelarbeiten umgeben. Ein Turm spross gen Himmel, wo blasse Schlieren von Moosgrün und Purpur das Azur bemalten und dem strahlenden Luma-Stern zu Füßen lagen. In den wenigen Schneisen zeichneten sich Momentaufnahmen des Dschungels ab. Das Meer wiederum war nur durch die fein salzige Luft zu erahnen. Ein vorfreudiges Lächeln breitete sich auf Shannas Lippen aus. Es war eine Ewigkeit her, dass sie in Meerwasser gebadet hatte.
Ein Stück weit die Küste abwärts lag das Resort Hilou. Dort verbrachte Shannas Dienstvorgesetzter Jon Cull seinen Urlaub. Als Shanna von seinem Vorhaben erfahren hatte, war sie einen Moment lang versucht gewesen, umzubuchen und ebenfalls im Resort Hilou abzusteigen. Doch das wäre keine gute Idee gewesen. Sie und Jon waren Offiziere der Superiorität. Deren Statuten warnten das Führungspersonal vor Beziehungen, die über dienstliche Angelegenheiten hinaus gingen. Dergleichen könnte die Zusammenarbeit belasten, und das sollten verantwortungsvolle Offiziere nicht riskieren. Shanna hielt sich für einen verantwortungsvollen Offizier. Trotzdem hatte sie sich in letzter Zeit öfter dabei ertappt, in Gedanken genau das zu tun, wovon die Statuten so dringlich abrieten. Letztendlich war es in beider Interessen, dass sie und Jon ihren Urlaub nicht am selben Fleck verbrachten.
Der schmerbäuchige Mann und seine junge Begleiterin, vermutlich seine Tochter, die vor Shanna die Stufen der Gangway hinabstiegen, wurden von den Einheimischen umringt und mit bunten Blumenkränzen um den Hals geschmückt. Auch Shanna bekam einen ab, als sie an der Reihe war. Ihre Gönnerin war eine steinalte Frau mit hüftlangen grauen Haaren, die sie einnehmend anlächelte. Die tiefe Bräunung ihrer Haut verriet, dass sie schon lange Zeit hier lebte und wahrscheinlich hier geboren war.
»Cavida Tia.«
Das war der traditionelle Willkommensgruß, wie Shanna während der Anreise eruiert hatte.
»Cavida Tao«, entgegnete sie, was der empfohlenen Erwiderung entsprach.
Auch auf alle weiteren Gäste warteten Blumenkränze. Die Neuankömmlinge nahmen sie mal dankend, mal stoisch entgegen und machten sich zum Heck der Fähre auf, wo das Gepäck entladen wurde. Shanna hingegen hielt etwas abseits des Stroms inne, um den Moment zu genießen. Sie schloss die Augen, schärfte ihre anderen Sinne auf die sanfte Brise, die ihre Haut streichelte und ihr dunkles Haar bauschte, und sog dabei tief und bedacht die salzige Meeresluft ein.
Der besinnliche Augenblick fand ein Ende, als sie unsanft weitergedrängt wurde.
»Hey, was ist los, Süße? Bist du etwa festgewachsen?«
Der penetrante Drängler war – wie nicht anders erwartet – Davia. Sie bettete ihr Kinn auf Shannas Schulter und schob sie an ihren Hüften vorwärts. »Du brauchst nicht zu trödeln, ich bin gleich hinter dir.«
»Ich trödle nicht, ich genieße«, gab Shanna zurück.
Als sie sich zu ihrer Freundin umdrehte, wehte ihr Davias ebenholzschwarze Mähne ins Gesicht.
»Es gibt sicherlich viel, was wir hier genießen können, aber der Fährenlandeplatz gehört wohl kaum dazu«, stellte Davia klar. »Also komm schon. Auf zum Gepäckempfang, sonst werden wir die Letzten sein, die ihre Suite beziehen.«
»Einen Moment mal«, gebot Shanna und hob mahnend beide Hände. »Diese Hektik kannst du dir gleich wieder abgewöhnen. Die habe ich das Jahr über zur Genüge. Das ist mein Urlaub, und hier will ich entspannen. Verstanden?«
»Oh, und ich wünsche dir von Herzen, dass dir das gelingt!« Davia schmachtete sie an. »Könntest du dich jetzt trotzdem mit mir zum Gepäckempfang bequemen? Oder ist das bereits zu viel der Hektik für dich?«
»Ist ja schon gut«, seufzte Shanna einsichtig.
»Wie glücklich du mich damit machst.«
In der Schar der etwa siebzig anderen angereisten Gäste visierten die beiden das Heck ihrer Fähre an, wo der bordeigene Ladekran die Gepäckcontainer abgesetzt hatte.
»Das klang vorhin übrigens schon wieder so, als ob du dir einbildest, nur ihr hättet Stress«, brachte Davia vorwurfsvoll vor. »Es mag dich überraschen, aber auch wir im Ministerium haben mehr zu tun, als unsere Sitzpolster platt zu drücken.«
»Ja, ihr habt es schon schwer«, erwiderte Shanna mit allem Sarkasmus, der ihr angebracht erschien. »Ich wette, an manchen Tagen schafft ihr es nicht mal pünktlich in die Kaffeepause.«
Davia kniff ihr in den Hintern. »Jede andere Person würde ich für diese gemeine Unterstellung flach auf den Boden befördern. Ich hoffe, dir ist klar, welch unsagbares Glück du hast, dass ich dich so mag!«
Sie schmatzte Shanna einen Kuss auf die Wange, was bedeutete, dass sie gnädig genug gestimmt war, ihr zu vergeben.
Nach Aushändigung ihres Gepäcks machten sich Shanna und Davia auf den Weg zu den Transportkapseln. Ihre Fähre hatte noch nicht abgehoben, als schon die nächste zum Sinkflug ansetzte. Es war ein deutlich größeres Modell mit einem penetrant leuchtenden Firmenlogo am Kiel, welches ein Auge mit einer dreieckigen, grellgrünen Iris darstellte.
»Schau nur, Shilo und seine Bande sind auch schon im Anmarsch«, merkte Shanna an. »Die haben sich ja erstaunlich beeilt.«
Davia folgte ihrem Blick und nickte geringschätzig. »Wir hätten ihm niemals sagen dürfen, wo wir Urlaub machen. Ich halte jede Wette, dass er seinen blöden Holo nur unseretwegen hier abdrehen will. Die werden das einzige Manko hier sein.«
»Ach was, vielleicht wird es sogar lustig mit denen«, regte Shanna zuversichtlich an. »Und falls sie uns doch auf die Nerven gehen, das Resort ist groß genug, um ihnen aus dem Weg zu gehen.«
Davia blieb skeptisch. »Shilo wird uns über kurz oder lang an den Hacken kleben, das ist dir doch klar, oder?«
»Das wird sich nicht vermeiden lassen«, räumte Shanna mit einem Seufzen ein. »Was soll’s. Wenn es soweit ist, kannst du deinen Flach-auf-den-Bodenbeförderungstrick anwenden, bevor er uns den Spaß verderben kann.«
Die beiden bestiegen die nächste freie Transportkapsel und gaben ihren Zielhafen ein. Noch zehn weitere Gäste nahmen darin Platz, bevor sich die Luke schloss. Shanna sah die ankommende Fähre noch auf der Landeplattform aufsetzen, dann rauschte ihre Kapsel entlang der stählernen Schiene in einen leicht abwärts geneigten Tunnel und trug sie ihrem Wohnkomplex entgegen. Jon Cull war schon gestern angereist, und Shanna ärgerte sich, dass sie schon wieder an ihn dachte.
Wäre dies ein Arbeitstag wie jeder andere, würde Nino Acheck eines seiner Flachshemden und eine kurze Hose tragen. Heute aber verließ er sein Quartier in seinem Festanzug – dem einzigen, den er besaß. Der entsprach gewiss nicht mehr der derzeitigen Mode in den inneren Superioritäts-Welten, war aber alles, was ihm für den Anlass zur Verfügung stand und mehr als man üblicherweise auf Luma zu tragen pflegte. Zwei junge Burschen von der Wäscherei, die er am Aufgang zur Landeplattform passierte, grinsten ihn ob seines Aufzugs unverhohlen an und gaukelten ihm Bewunderung vor. Nino grinste schneidend zurück und ging kommentarlos weiter.
Der Ankunft einer mit Berühmtheiten gespickten Holofilmcrew sah Nino sowohl vorfreudig als auch mit Skepsis entgegen. Vorfreudig, weil laut des Einreisedossiers seine Lieblingsschauspielerin Samanda Uhla zum Team gehörte. Skeptisch, weil die Gegenwart der Filmleute den regulären Resortbetrieb wahrscheinlich gehörig durcheinanderbrachte und sich so mancher Urlaubsgast sogar belästigt fühlen könnte. Nichtsdestotrotz war das eine einmalige Prestige-Angelegenheit für das Resort Bonita, das sich der Leitungsrat nicht entgehen lassen wollte. Auch Nino stand aller Bedenken zum Trotz hinter dieser Entscheidung.
Die zuletzt angereisten Urlaubsgäste bestiegen die Transportkapseln, und ihr Begrüßungskomitee, das wie immer überwiegend aus Frauen bestanden hatte, zerstreute sich bereits, als Nino gerade noch rechtzeitig die Landeplattform betrat. Die Fähre der Filmleute setzte auf, die andere traf letzte Vorbereitungen zum Abflug. Nino befühlte seinen Bauch und zog ihn so weit er konnte ein. Da nicht nur die Aussicht bestand, als Komparse in einem Holo mitzuwirken, sondern auch Samanda Uhla leibhaftig gegenüber zu treten oder sie vielleicht sogar kennenzulernen, hatte er zuletzt viel Sport getrieben und penibel auf seine Ernährung geachtet. Das Ergebnis lag unter seinen Hoffnungen, doch es war besser als nichts. Von den vormals fünfunddreißig Pidics Übergewicht waren jetzt nur noch zweiunddreißig übrig.
»Du wirkst so nervös, Nino«, flötete Ylba mit einem kecken Lächeln und neckte ihn, indem sie ihn mit einem Grashalm im Nacken kitzelte. Sie und ein paar ihrer Freundinnen waren noch vom Begrüßungskomitee übrig. Wahrscheinlich wollten sie die Filmleute sehen.
Nino gab dem Juckreiz notgedrungen nach und warf ihr einen strafenden Blick zu, nur um sogleich wieder seine stockgerade Haltung einzunehmen. Die Verantwortung nagte gerade schwer an ihm. Ihm oblag es, das Filmteam nach besten Kräften zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass das Resort Bonita allen Ansprüchen des Regisseurs gerecht wurde. Er hatte jetzt keine Nerven für die Späße der Jugend.
Ylba kitzelte ihn noch einmal.
»Jetzt hör schon auf damit«, fauchte Nino sie und ihre kichernden Freundinnen an. »Ich habe hier zu tun, seht ihr das nicht? Das hier ist ungeheuer wichtig! Schert euch weg und lasst mich in Ruhe.«
Nun waren es die jungen Frauen, die ihn mit schmähenden Blicken straften, bevor sie sich beleidigt abwandten und den anderen von der Landeplattform folgten.
Nino schalt sich, weil er so heftig reagiert hatte, doch nun war es schon geschehen. Sie zogen ab, was im Augenblick das Beste war. Ihr Anblick hätte den Filmleuten zwar wahrscheinlich gefallen, doch der Leitungsrat hatte ihm aufgetragen, einen pragmatischen Empfang zu organisieren. Diese Leute reisten nicht zum Ausspannen, sondern zum Arbeiten an. Dementsprechend würde sie keine Abordnung lächelnder Einheimischer mit Blumenkränzen erwarten, sondern nur er, Nino Acheck, der fortan in der Pflicht stand, dass alles zur Zufriedenheit des Regisseurs ablief und keine Wünsche offenblieben.
Ninos Blick stahl sich noch einmal zu den abziehenden Mädchen. Diese jungen Dinger führten noch ein unbeschwertes Leben, weit weg von Verantwortung und Pflichten, und hatten ihn nur ein wenig ärgern wollen. Sie hatten ihn aufziehen wollen. Mit ihm spielen wollen. Ihm aber war nichts Besseres eingefallen, als sie anzuschnauzen. Er seufzte. Wahrscheinlich konnten die nicht ansatzweise nachempfinden, wie erdrückend die Verantwortung gerade auf ihn lastete. Trotzdem fühlte er sich wegen seines Ausbruchs schlecht. Er nahm sich vor, sich später bei ihnen zu entschuldigen. Zumindest bei Ylba.
Die Gangway stand bereit, das Außenschott der Fähre glitt zischend beiseite. Die erste Person, die Nino ins Sichtfeld rückte, war ein kahlköpfiger, stämmiger Mann mit dunkler Haut in einem luftigen, weißen Hemd und gleichfarbiger Hose.
»Aaahh, wie wundervoll, dieses Klima«, trompetete er mit ausgebreiteten Armen und reckte den glänzenden Kopf zum Himmel. »Seht euch das an, Leute. Seht euch das an! Dieses dezente Farbenspiel da oben. Einfach wundervoll. Ich liebe diesen Ort schon jetzt! Lidman, davon will ich haufenweise Aufnahmen, klar?«
»Wenn du weitergehen könntest, Shilo, dann würden wir es auch sehen«, war eine deutlich ruhigere, weibliche Stimme hinter dem exponierten Mann zu vernehmen.
Auf diesen Ratschlag hin setzte er sich in Bewegung, verpasste in seiner Euphorie beinahe die erste Stufe der Gangway und konnte seinen Sturz nur mit viel Glück und seinen kräftigen Armen auf der Reling abfangen.
»Na na«, kommentierte er den kleinen Fauxpas und ging dann etwas vorsichtiger die Stufen hinunter. Hinter ihm an der Ausstiegsluke erschienen weitere Personen, zuvorderst eine blonde Weiße in einem hauchdünnen schwarzen Anzug, der ihre langen Beine zwar verhüllte, aber bemerkenswert zur Geltung brachte. Nino richtete seine Aufmerksamkeit auf den Mann zuvorderst, der vermutlich der Initiator dieser Unternehmung war. Als er das Ende der Gangway erreicht hatte, tat Nino einen bemüht selbstsicheren Schritt auf ihn zu.
»Seien Sie herzlich willkommen im Resort Bonita«, rasselte er die Worte herunter, die er einstudiert hatte. »Mein Name ist Nino Acheck. Ich stehe Ihnen zur Verfügung und hoffe, Sie werden hier alles zu Ihrer Zufriedenheit vorfinden.«
»Ha ha, das hoffe ich auch«, erwiderte der Kahlköpfige dröhnend wie ein Donnerschlag und schwang Nino die Grußhand entgegen. »Gestatten, Shiloman Nashir, das hier ist mein Projekt. Und Sie müssen die gute Seele sein, die mir die Resortleitung versprochen hat. Habe ich recht?«
»Nun, so … so könnte man sagen«, entgegnete Nino, während er den kräftigen Handdruck des Holofilmkünstlers zu ertragen versuchte, ohne eine Miene zu verziehen. »Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Mister Nashir. Jederzeit.«
»Fantastisch, ganz fantastisch.« Endlich ließ er Ninos Hand wieder los. »Nennen Sie mich Shilo, verstanden?«
»Ja, Mister Shilo. Ich meine … ja, natürlich.«
»Gut, kommen wir also gleich zum praktischen Teil dieser Angelegenheit.« Der Regisseur sah sich um und rieb sich erwartungsvoll die Hände. »Ich sehe gar keine Transporter. Wie sollen wir unseren Kram von hier wegschaffen, Nino?«
Auf diese Frage war Nino vorbereitet und meinte, die darauf bestmögliche Antwort parat zu haben: »Sämtliche Kapazitäten des Resorts stehen abrufbereit. Je nachdem wie viele Transporter gebraucht werden, ich kann sie in weniger als dreißig Sekunden an Ort und Stelle rufen.«
»Das klingt ganz wunderbar für mich, mein lieber Nino«, meinte Shilo und klopfte ihm beherzt auf die Schulter. »Weniger als dreißig Sekunden, ja? Na, du bist mir ja einer. Also, dann mal los, Nino, ruf deine Transporter. Ruf sie alle.«
Nino versuchte, sich dem breiten Lächeln des Regisseurs anzuschließen und gab Signal, die bereitstehende Transporterflotte aufzufahren.
Shanna und Davia hatten zwischenzeitlich ihren Wohnkomplex erreicht und ihre Suite bezogen. Nach Shannas Dafürhalten ließ sie keinerlei Wünsche offen. Geschmackvoll eingerichtet, ein einladendes Badezimmer mit Verwöhnbecken und ein großes Bett. Vor allem letztere Annehmlichkeit kam den primären Absichten der beiden im Resort Bonita entgegen.
Ein mit Blumen begrünter Balkon mit Meerespanorama rundete das Ambiente ab. Shanna warf einen Blick über die steinerne Brüstung hinaus. Voraus lag das scheinbar endlose, azurblaue Meer, das am fernen Horizont in sagenhafter Harmonie mit dem Himmelsmeer verschmolz. Ein Badestrand war nicht auszumachen, da ein Mauerlauf, der in eine Promenade überging, die Sicht versperrte. Noch ein Stück weiter rückte ein auffälliges Gebäude mit Zügen aus purpurnem Glas entlang der Fassade bis ans Wasser heran. Den vielerorts aushängenden Übersichtskarten nach war das die Verwaltungszentrale des Resorts.
Unmittelbar unter dem Balkon verlief ein überschaubarer Spazierpark. Hinter den flachen Dächern der seitlich gelegenen Gebäudetrakte gab sich ein Ausläufer des Dschungels zu erkennen. Im Landesinneren konnte das ein gefährlicher Ort sein. Es gab Tiere da draußen, denen man besser auf Abstand blieb. Aus der Holoprojektion ihres Reiseveranstalters wusste Shanna, dass das Resortgelände rundum von einer hohen Mauer umgeben war.
»Komm jetzt nicht auf die Idee, es dir gemütlich zu machen«, mahnte Davia, als sie mit einem schwungvollen Satz die Bettfederung auf die Probe stellte. »Um die Belastbarkeit dieser einladenden Liege baldmöglichst herauszufordern, sollten wir uns gleich zum Strand aufmachen und nach geeigneten Bettprobanden suchen.«
»Nichts dagegen einzuwenden«, entgegnete Shanna. »Verschaffen wir uns einen Überblick.«
Shanna war sich nicht sicher, was sie gegenwärtig mehr lockte: die Vorfreude auf Sex oder schlicht ein erquickendes Bad in echtem Wasser. Beides war ihr lange Zeit versagt geblieben. Doch vermutlich würde sich das eine ohnehin mit dem anderen verbinden lassen.
Auf dem Weg zum Strand passierten Shanna und Davia den zentral gelegenen Swimmingpool ihres Wohnkomplexes. Kaoa-Palmen spendeten den Ruheplätzen mit ihren mannsgroßen Blättern Schatten. Im Wasser und auf den Liegestühlen machte Shanna durchaus die eine oder andere begehrenswerte Sichtung. Nichtsdestotrotz wollte sie nicht in einem Pool, sondern im Meer baden, wo Wellen wogten, die Gischt tobte und Salz die Lippen benetzte.
Davia ging eine wenig zielgerichteter vor.
»Da, schau dir den mal an«, sagte sie und tätschelte Shanna aufgeregt die Schulter. »Der da oben. Der ist definitiv ein Grund, hier zu bleiben. Findest du nicht?«
Shannas Blick folgte dem Fingerzeig ihrer Freundin zum Sprungbrett hinauf, wo sich gerade ein muskulöser Blondschopf anschickte, die etwa fünf Meter freien Falls zu meistern. Er hob mit ausgestreckten Fingern beide Arme über den Kopf und trat an die Kante.
»Tolle Muskeln, hübscher Penis«, bewertete Davia anerkennend.
Shanna war geneigt, zuzustimmen, wenngleich ihr ein freundliches Lächeln wichtiger war als Muskeln oder ein hübsches Gemächt.
Nach einem routiniert durchgeführten Sprung tauchte der Blonde kopfüber ins Becken ein. Shanna erwartete sein Auftauchen, wollte ihn aus der Nähe sehen. Die Gelegenheit wurde ihr zuteil, und was sie sah, wusste ihr zu gefallen. Doch folgte dem Anblick schnell Ernüchterung, denn sein Lächeln galt einer Frau am Beckenrand, auf die er nun zuhielt.
»Schade, er ist vergeben.«
»Na wenn schon«, meinte Davia. »Wir könnten ihn ihr abspenstig machen. Hey, schau uns an, das schaffen wir doch mühelos.«
Shanna schüttelte den Kopf. »Wir sind nicht hier, um anderer Leute Glück zu stören. Komm, es finden sich noch andere.«
Sie nahm Davia an der Hand und zog sie weiter in Richtung Strand.
Das Panorama berührte Shanna unerwartet tief. Der von schwarzem Quarz gesprenkelte Sand glitzerte im Licht des Luma-Sterns. Noch atemberaubender aber war das schimmernde Wasser, das hier nur sachte Wellen schlug, sie aber weit die funkelten Dünen hinauf ausrollen ließ.
Der etwa vierhundert Meter lange Strandabschnitt zwischen ihrem Wohnkomplex und einem Ausläufer des Dschungels war zahlreich besucht. Zuweilen zerstörten Menschenmassen die Kulisse eines Ortes, hier aber empfand Shanna die vielen nackten Leiber als die Krone des Ganzen. Die Harmonie von Natur und Mensch hatte sogar Potenzial, sie zu Tränen zu rühren, wollte sie es zulassen. Etwas Vergleichbares hatten ihre Augen außerhalb von Holoprojektionen lange nicht mehr sehen dürfen.
»Ich schlage vor, wir schreiten erstmal den Strand ab«, brachte sich Davia penetrant in die Szenerie ein. »Unsere Decke breiten wir dann dort aus, wo der männliche Anteil am größten ist. Das ist doch eine Strategie, oder?«
»Später«, sagte Shanna noch immer überwältigt.
»Wieso erst später?«
Shanna begann, sich auszuziehen. »Wir machen alles, was du willst und wo du willst, aber jetzt hält mich nichts und niemand davon ab, ins Wasser zu gehen.«
»Na, wenn du meinst.« Davia schälte sich ebenfalls aus ihren Sachen.
Zuletzt kickte Shanna ihre Siletten von sich und nahm das Meer ins Visier. Sie wich allen Liegenden und Spielenden aus, die sie von den ausrollenden Wellen trennten, bis diese endlich an ihren Füßen leckten. Hier hielt sie für einen Moment der Besinnlichkeit inne, einen Moment, der all ihre Sinne auf das zärtliche Spiel des Wassers und den landeinwärts ziehenden Seewind kanalisieren sollte. Zunichte gemacht wurde der Moment von Davia, die ihr rabiat auf den Hintern klatschte, als sie an ihr vorbeiflitzte. Ungestüm und in großen Sätzen überwand Davia die anrollenden Wellen und stürzte sich in die Fluten.
Shanna gab ihren Empfindungen nach, was ihr ein breites Lächeln auf die Lippen zauberte. Schon setzte auch sie sich in Bewegung und folgte ihrer Freundin ins Nass. Das elektrisierende Gefühl, eins mit ihm zu werden, kam einem Orgasmus gleich.
Nino hatte das Filmteam mitsamt aller mitgeführten Ausrüstung zu der Lagerhalle geleitet, die man für die prominenten Gäste geräumt und wie gewünscht vorbereitet hatte. Regisseur Shiloman Nashir machte einen überaus enthusiastischen Eindruck, was Nino sehr sympathisch war. In seinen schlimmsten Vorstellungen hatte er es mit einem arroganten Narzissten zu tun gehabt, der für sein Umfeld nur Spott und Beleidigungen übrighatte, unerfüllbare Ansprüche stellte und ein diktatorisches Regime führte. Solche Leute waren in Ninos Jugend des Öfteren nach Luma gekommen – damals, als Luma ins Routennetz der Superiorität aufgenommen wurde und die ersten Resorts für Touristen errichtet wurden. Shilo aber, wie er unbedingt genannt werden wollte, schien Nino ein sehr umgänglicher Zeitgenosse zu sein.
»Fantastisch! Wundervoll! Exzellent!«, drückte er sich wiederholt aus, während Nino ihn mit dem Innenleben des Lagerkomplexes vertraut machte.
»Freut mich, dass es Ihren Erwartungen gerecht wird«, entgegnete Nino weiterhin zurückhaltend und ohne näher auf die freundschaftlichen Zudringlichkeiten des Regisseurs einzugehen. »Hier geht es zu den sanitären Einrichtungen und zu den Schlafsälen. Sollten Sie und Ihre Mitarbeiter dort etwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit vorfinden, lassen sich Mängel gewiss beheben.«
»Da mach dir mal keine Sorgen, Nino«, meinte Shilo und legte ihm einmal öfter vertraulich einen Arm auf die Schultern. »Ich bin sicher, es wird nichts auszusetzen geben. Ich sehe schon, wir werden hier wunderbar arbeiten können. Die Atmosphäre des Resorts, die Lufttemperatur, der Himmel, alles ist perfekt für meine Zwecke.«
Shilos Mitarbeiter – das Team bestand in seiner Gesamtheit aus etwa siebzig Personen – entluden indessen die Transportfahrzeuge.
»Ich dachte mir nur«, fuhr Nino ein wenig unsicher fort, »nun ja, dass professionelle Schauspieler und Filmleute wahrscheinlich gewisse Standards gewohnt sind, die sie hier vielleicht nicht vorfinden werden.«
»Dann werden sich meine professionellen Schauspieler und Filmleute eben damit abfinden müssen«, stellte Shilo klar. »Ich bin sicher, es wird keinen Anlass zur Beschwerde geben.«
Als die beiden in den Haupthangar der Halle zurückkehrten, sah Nino dem letzten seiner Transportfahrzeuge nach, wie es durch das Tor verschwand. Die Logistik hatte vorbildlich funktioniert.
»Die Transporter stehen natürlich weiterhin zu Ihrer Verfügung«, versicherte er dem Regisseur.
»Das erwarte ich«, trug ihm Shilo an. »Wann immer wir Equipment zu unseren Aufnahmeorten zu schaffen haben, werde ich auf dich zurückgreifen. Das bringt mich zu unserem nächsten Vorhaben. Ich rufe jetzt meinen engeren Stab zusammen, und dann möchte ich, dass du uns zu einer Erkundungstour mitnimmst. Wir wollen sämtliche aussichtsträchtigen Punkte des Resorts besichtigen. Selbstverständlich auch die weniger aussichtsträchtigen, die aber mit anderen markanten Eindrücken punkten können. Ich nehme an, du verstehst schon, was ich will. Es sollte möglichst schnell gehen, aber wir wollen auch nichts auslassen. Also, überlege dir schon mal eine Tour.«
Nino nickte. »Mit Vergnügen, Mister Shilo.«
Der Regisseur hielt auf sein Team zu, Nino blieb zurück und erlaubte sich, durchzuatmen. Die Sache war beispielhaft angelaufen.
In der Schar der Schauspieler, die sich nun auf Shilos Weisung hin mit ihrem Gepäck auf den Weg zu den Schlafsälen machten, entdeckte Nino die aquillianussbraune Haarmähne von Samanda Uhla. Hüftlang schwang sie im Takt ihrer geschmeidigen Schritte hin und her. Er gab sich nicht der Hoffnung hin, dass Samanda ihn an der Fähre wahrgenommen hatte. Sie tat es auch jetzt nicht.
In der Schar dreier Mitarbeiter kehrte Shilo zu Nino zurück.
»Nino, ich darf dir Hidala vorstellen, meine rechte Hand bei diesem Projekt.«
Damit war die Blonde gemeint, die unmittelbar nach Shilo die Fähre verlassen hatte. Eine gutaussehende Frau, wie Nino befand, etwa vierzig Standardjahre alt, groß, blauäugig und mit einem feingezeichneten Gesicht, das Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen erahnen ließ.
Nino küsste ihre Hand. »Es ist mir ein Vergnügen.«
Shilo gefiel es. »Ha ha, gut so! Und das ist Vaux, mein Lichttechniker«, fuhr er fort und verwies auf einen jungen Mann mit langen geflochtenen Haaren. Seiner tief gebräunten Hautfarbe nach hätte man ihn für einen Einheimischen halten können.
»Nett hier bei euch, Nino«, tat er bei einem Händedruck kund. »Hier gibt’s auch ein paar gute Bars mit einheimischen Spezialitäten, oder?«
»Selbstverständlich«, sagte Nino. »Gern zeige ich Ihnen alles.«
»Erst wird gearbeitet«, raunte Shilo, bevor er auf seinen dritten Begleiter verwies und an Nino gewandt fortfuhr: »Und das ist Lidman, mein Szenat. Niemand versteht es besser, einem Holo Schärfe bis ins allerletzte Detail einzuhauchen. Er ist ein Genie.«
»Zu viel der Ehre, Shilo, aber danke«, krächzte der kleine, weiße Mann mit dem schütteren grauen Haar.
»So, Nino, und jetzt lass uns keine Zeit mehr verlieren«, forderte der Regisseur und klatschte in die Hände. »Wir sind gespannt. Können wir aufbrechen? Ich hoffe, du hast einen zweckdienlichen Rundgang durch euer zauberhaftes Resort ersonnen.«
»Das habe ich«, entgegnete Nino und vollführte wahrscheinlich allzu hölzern eine einladende Geste. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«
Die Gruppe hatte kaum Schritt aufgenommen, als Shilo ihm einmal mehr die Hand auf die Schultern legte.
»Da wäre noch eine Kleinigkeit, die du für mich erledigen könntest«, verlautete er etwas vertrauter als üblich. »Die Sache eilt nicht, aber sie sollte doch umgehend erledigt werden. Es geht um zwei hübsche Damen, die mit der Fähre vor uns eingetroffen sind. Du musst für mich in Erfahrung bringen, wo sie wohnen.«
»Aus welchem Anlass?«, fragte Nino. »Handelt es sich um Schauspielerinnen?«
»O nein, ganz und gar nicht.« Shilo winkte belustigt ab. »Die eine arbeitet fürs Informationsministerium, die andere ist Soldatin. Die zwei sind Freundinnen von mir, die ich um einen Gefallen bitten möchte. Finde für mich heraus, wo sie sich aufhalten.«
Salziger Geschmack auf den Lippen, das allgegenwärtige Prickeln auf der Haut, das von dem ungewohnten Kontakt mit echtem Wasser herrührte, am Himmel der leuchtende Luma-Stern, Shanna fühlte sich wie im Paradies. Sie versah ihren Dienst auf Operator 4 gern, doch Menschen waren nicht dafür gemacht, dauerhaft fern jedweder Vegetation zwischen Stahlträgern, Kunststoffröhren und Plexiglas zu leben. In Momenten wie diesen spürte sie das ganz deutlich.
Auch Davia schien ihre Freude an dem kühlen Nass zu haben, tobte, tauchte und scherzte mit ihr, als hätte sie ebenso selten Gelegenheit wie sie, ihre Haut mit echtem Wasser zu benetzen. Dabei stand den Mitarbeitern des Informationsministeriums auf ihrem Skyplex sogar ein Pool zur Verfügung, wie sie Shanna vor einiger Zeit anvertraut hatte. Auf einem Operator hingegen gab es Wasser nur zum Trinken. Die Körperhygiene gewährleisteten VID-Strahlen.
Davia schloss ihre Arme um Shannas Unterleib und hob sie aus den Fluten.
»Weißt du, dass ich dich vermisse, Süße«, rief sie, als schon die nächste Welle anrollte, sie beide erfasste und ein Stück mit sich nahm.
Shanna ließ sich auf Davia wie auf einem Surfbrett treiben, bis sie mit ihren Fingern Sand ertastete. Als sie den Kopf aus dem Wasser hob, schaute sie in Davias lächelndes Gesicht.
»Ab und an fehlst du mir auch – ein bisschen.«
Fest umschlungen ließen sie sich von der nächsten Welle erfassen und noch ein wenig weiter dem Strand entgegen spülen. Shannas Ausgelassenheit rührte von der Liebkosung durch die Natur, die ihr hier zuteilwurde. Die von Davia vermutlich, weil sie hier völlig unbeschwert sein durfte und keine hochrangigen Superioritätsbeamte in der Nähe wusste.
»Hör mal, das ist hier ist zwar toll, aber wir sollten allmählich in Schwung kommen«, schlug sie nachdrücklich vor. »Das Meer läuft uns schließlich nicht davon, oder?«
»Womit in Schwung kommen?«, fragte Shanna – nun unter Davia – und schloss Augen und Lippen, bevor die nächste Welle über sie hinwegrollte.
»Na, Männer einzusacken!«, erwiderte Davia. »Schau mal zum Stern auf! In spätestens zwei Standardstunden ist er untergegangen. Uns läuft die Zeit davon.«
Shanna schüttelte den Kopf. »Unsinn. Falls wir am Strand keine auftreiben, lernen wir abends welche kennen. Hast du nicht gelesen? An unserem Swimmingpool findet heute eine Tanzveranstaltung statt.«
»Ich will aber nicht tanzen, ich will vögeln.«
»Das eine schließt ja das andere nicht aus.«
»Wie lange dauern hier die Tage und Nächte nochmal an?«
»Zur jetzigen Jahreszeit etwa sieben Standardstunden der Tag und fünf die Nacht. Plus jeweils eine knappe Stunde Dämmerung.«
Davia seufzte theatralisch. »Ich fürchte, das macht mich über kurz oder lang fertig.«
»Du Ärmste. In eurem Ministerium verweichlicht man wirklich zusehends.«
Davia biss ihr für diese Unterstellung in die Nase.
Beim Rückweg zu ihren Sachen nahm Shanna die anderen Resortgäste näher in Augenschein. Zahlreiche Familien waren anwesend, was den Schein von Harmonie noch festigte. Davia indessen interpretierte die Lage anders.
»Überall Familien«, grummelte sie. »Siehst du irgendwo brauchbare, ansehnliche Kerle?«
»Kommt auf deine Ansprüche an«, meinte Shanna.
»Die kennst du. «
»Ach bitte, das ist doch furchtbar oberflächlich.«
»Für meine gegenwärtigen Bedürfnisse sind geschickte Hände und das Gehängsel zwischen den Beinen wichtiger als das Gesicht.«
Auch Shanna sehnte sich nach einem sexuellen Abenteuer, hatte sie dieses menschliche Grundbedürfnis als Assisting-Officer auf Operator 4 doch viel zu lange pflichtbedacht vernachlässigt. Ein notgeiles Schaulaufen wollte sie deshalb aber nicht veranstalten.
»Krieg dich wieder ein«, sagte sie. »Du wirst diesen Ort bestimmt nicht ungevögelt verlassen.«
»Darauf kannst du wetten.«
Schon fast am anderen Ende des Strandabschnitts angelangt, wo das dichte Dschungelgestrüpp bis ins Wasser wucherte, hielten die beiden inne. Es hatten sich schon früher geeignete Plätze angeboten, doch an denen hatte Davia keine ansprechenden Männer ausmachen können. Am Ausläufer dieses Strandabschnitts fand sich zwar auch keiner, Davias Ansicht nach, doch Shanna hatte genug.
»Hier breiten wir uns aus«, stellte sie klar.
Davia fügte sich, tat aber weiterhin ihren Unmut kund. »Gibt es denn keine partnerlosen Kerle mehr? Ich meine, das kann doch nicht sein! Früher, als wir noch jünger waren, hat es viel mehr von denen gegeben. Wohin sind die denn alle verschwunden?«
»Es sind schon welche hier, die werden nur offenbar deinen Ansprüchen nicht gerecht«, merkte Shanna an. Sie legte sich auf den Bauch, ihren Kopf in die Armbeuge.
»Ach was«, stritt Davia ab. »Ich verlange ja wohl nichts Unmögliches.«
»Jetzt beruhige dich und genieße den Tag.«
»Du hast ja recht«, gab Davia seufzend nach und legte sich an Shannas Seite.
»Schau mal, Papi, da vorn!«, hörte Shanna die kindliche Stimme eines Jungen in ihrer Nähe rufen.
»Was ist denn los?«, fragte vermutlich der Angesprochene.
»Da ist jemand im Wald. Ein Mann. Du, Papi, das war bestimmt ein Rebell!«
»Wie hat er denn ausgesehen?«
»Gefährlich! Mit einem dicken schwarzen Bart!«
»Du meinst, so sehen Rebellen aus?«
»Etwa nicht?«
»Weißt du, wenn man die so schnell erkennen würde, wäre alles einfacher. Leider kann man das nicht.«
»Das war ein interessantes Stichwort«, murmelte Shanna und drehte sich Davia zu. »Euer Ministerium behauptet standhaft, es gäbe keine Rebellenbewegung, weder hier noch im Lam-System. Wie lautet denn eure inoffizielle Einschätzung?«
»Wir machen gerade Urlaub«, protestierte Davia halblaut. »Wieso fragst du mich nach dienstlichen Sachen? Das zerstört mein Feeling.«
»Weil es mich interessiert. Bevor ich Operator 4 verlassen habe, hat eine Aufklärer-Einheit ein paar recht beunruhigende Nachrichten an Bord gebracht. Nun sag schon. Gibt es hier eine Rebellenbewegung?«
