7,99 €
Eine Organisation, die sich die Hüter des Lichtes nennt, unterdrückt brutal ein Drittel der Galaxie und strebt die totale Kontrolle an. Florian, Bewohner eines Klasse-3-Planeten, genannt "Erde", weiß von den brutalen Kriegen und Unterwerfungsplänen der Hüter nichts. Dies ändert sich schlagartig, als er eines Tages von ihnen entführt wird und ein unerbittlicher Kampf ums Überleben beginnt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2015
Sternenvermächtnis
Neue Welten
Marc Baumgartner
© 2015 Marc Baumgartner
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
978-3-7323-5440-5
978-3-7323-5441-2
978-3-7323-5442-9
Für Mama. Danke, dass Du immer für mich da warst …
… und für die Schnitzel jeden Sonntag…
Ohne Heimat zu sein, heißt leiden.
- Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Inhalt
Kapitel 1 Umwandlung
Kapitel 2 Entführt
Kapitel 3 Böses Erwachen
Kapitel 4 Flucht
Kapitel 5 Verloren
Kapitel 6 Der Auftrag
Kapitel 7 In der Forschungsstation
Kapitel 8 Neue Gäste
Kapitel 9 Neue Freunde, alte Feinde
Kapitel 10 Der Überfall
Kapitel 11 Geld und Hüter
Kapitel 12 Verletzt
Kapitel 13 Der Handelsplanet
Kapitel 14 Bruchlandung
Kapitel 15 Gestrandet
Kapitel 16 Aufbruch
Kapitel 17 Der Einbruch
Kapitel 18 Der Atomkrieg
Kapitel 19 Ein langer Flug
Kapitel 20 Heimkehr
Kapitel 1
Umwandlung
Mike schlug die Augen auf und musste sie sofort wieder zusammenkneifen, ein helles Licht direkt über ihm blendete ihn stark. Er versuchte seine Hand zu heben, doch jemand hatte sie neben ihm auf den Tisch geschnallt. Verzweifelt rüttelte er ein paar Mal an seinen Fesseln, sie gaben nicht nach. Rücklings lag er auf dem kalten, metallenen Tisch und konnte sich keinen Millimeter bewegen, sogar sein Kopf wurde von einer Art Schraubzwinge festgehalten.
Die Tränen stiegen ihm in die Augen und er versuchte krampfhaft sich daran zu erinnern, was vor seinem Erwachen geschehen war. Es fiel ihm nur ein, dass er nach der Schule nach Hause gehen wollte und dabei in einen schlimmen Gewittersturm geraten war, der ihn von oben bis unten durchnässt hatte.
Bob und seine Clique fielen ihm ein. Sie mobbten Mike schon seine gesamte Schulzeit lang und stahlen ihm wiederholt seine Regenschirme, sobald sich ein Gewitter anbahnte. In der Schule gehörte Mike zu den absoluten Nullen und die anderen in seiner Klasse mieden ihn für gewöhnlich oder machten sich nur über ihn lustig. Dasselbe galt für Mikes Lehrer. Manche von ihnen machten sich einen Spaß daraus ihn zu schikanieren, vor allem der Sportlehrer.
In Mikes Kopf hämmerte es und er spürte die große Beule an seinem Hinterkopf. Langsam kehrten seine Erinnerungen zurück. Dies schien seine Kopfschmerzen jedoch nur zu verschlimmern. Er erinnerte sich an den schmalen Pfad, der zu dem Anwesen seiner Eltern mitten im Wald führte und an seine Angst. Etwas schien ihn verfolgt zu haben, etwas Unheimliches in einer langen schwarzen Robe und mit rot glühenden Augen. Jeder Versuch sich dagegen zu wehren war fehlgeschlagen. Dieses Etwas hatte Mike einfach niedergeprügelt, an mehr konnte er sich nicht erinnern. Er meinte noch einmal ein grausig entstelltes Gesicht gesehen zu haben, mit aufgenähten Metallplatten und Kabeln, die aus dem Hinterkopf wuchsen.
Macht die Fesseln bitte ab, flehte Mike innerlich und erneut überkam ihn eine furchtbare Angst, als er an dieses Ding denken musste. Abermals rüttelte er an seinen Fesseln, ein Fluss aus Tränen lief ihm über seine Wangen.
„Bitte, lasst mich gehen“, sagte Mike kleinlaut, in der Hoffnung jemand würde es hören.
Die Stunden vergingen und das Licht über Mike wurde nicht schwächer. Leise weinend lag er festgeschnallt auf dem Tisch, seine Gliedmaßen fingen aufgrund der engen Fesseln langsam an zu schmerzen und das Hämmern in seinem Kopf schien mit jedem Moment schlimmer zu werden.
Er meinte in der Ferne das dumpfe Dröhnen von großen Maschinen zu hören, die unablässig etwas zu produzieren schienen. Manchmal glaubte er ein leises Stampfen zu vernehmen und hin und wieder Stimmen, irgendwo in weiter Ferne.
Plötzlich hörte Mike ein leises Zischen, irgendwo neben ihm und schlurfende Schritte, die so klangen, als würden sie genau auf ihn zukommen. Er vernahm ein rasselndes Atmen in der Nähe seines Ohres. Mike wimmerte, ein fauliger Geruch stieg ihm in die Nase.
„Bitte tun Sie mir nichts, ich will zu meinen Eltern“, flehte er fast tonlos.
Ein dunkler Schatten erschien vor dem Licht über Mike. „Dir etwas tun?“, fragte eine Stimme, die an ein Todesröcheln erinnerte und Mike begann am ganzen Körper zu zittern. Er blinzelte mehrere Male, um die Tränen in seinen Augen loszuwerden.
„Ich will dir nichts tun“, fuhr die Stimme fort. „Ich bin dein Doktor, ich will dir nur helfen.“
Ein Hauch von Erleichterung durchströmte Mike und rasch blinzelte er die letzten Tränen in seinen Augen weg. „Sind meine Eltern auch hier?“
„Nein, mein kleiner, hässlicher Freund, deine Eltern können leider nicht hier sein, um meine großartige Arbeit zu bewundern. Aber du hast ja mich. Gestatten, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Bloodmind“, erwiderte der Doktor.
Der Name jagte Mike kalte Schauer über den Rücken und beinahe hätte er wieder angefangen zu weinen. „Warum bin ich an den Tisch gefesselt? Ich will nicht hier sein.“
„Der dient zu unser beider Schutz, während ich meiner Arbeit nachgehe. Ich hoffe, du verstehst das. Aber die Kopfklammer sollten wir lösen können und ein so helles Licht brauchen wir auch nicht. Wenn ich dir diese ganze Erfahrung hier irgendwie angenehmer machen kann, musst du es nur sagen“, antwortete der Doktor und kicherte daraufhin leise, was Mike eine Gänsehaut verschaffte.
Er hörte ein leises Quietschen und spürte, wie sich die Klammer um seinen Kopf löste. Kaum war sie locker genug, drehte er seinen Kopf zur Seite, weg von dem hellen Licht und wischte sich ein paar Tränen an seiner Schulter ab. Ein Schalter wurde umgelegt und das Licht über ihm wurde augenblicklich schwächer.
Beinahe hätte Mike laut aufgeschrien, als er den kleinen Tisch sah, der neben dem stand, auf dem er sich festgeschnallt befand. Mehrere gefährlich aussehende chirurgische Werkzeuge lagen darauf, darunter eine Bohrmaschine, mehrere Messer, die eher an Hackbeile erinnerten als an Skalpelle, eine große Spritze und mehrere Behälter, voll mit einer dicken, schwarzen Flüssigkeit.
Panikerfüllt wandte Mike seinen Blick von den Werkzeugen ab und richtete ihn stattdessen in die andere Richtung. Diesmal schrie er auf, er blickte direkt auf eine blutbefleckte Chirurgenschürze.
„Nana, kein Grund zur Sorge, es ist alles gut“, sagte die Stimme in einem Tonfall, der sich alles andere als beruhigend anhörte. „Du kennst jetzt also meinen Namen, es ist sehr unhöflich von dir, dich nicht vorzustellen.“
„M-M-Mike“, stammelte Mike und richtete seinen Blick langsam weiter nach oben.
Die Schürze gehörte einem hageren Mann, der einen ebenfalls blutbefleckten Mundschutz trug und eine Brille mit dicken schwarzen Gläsern, hinter denen man seine Augen nicht erkennen konnte. „Bitte tun Sie mir nichts. Ich will nur wieder nach Hause“, wimmerte Mike.
Bloodmind legte Mike seine knöcherne Hand auf den Kopf und tätschelte ihn beruhigend. „Ich will dir nichts tun, ganz im Gegenteil, ich werde dich verbessern.“
„Mich verbessern?“, stammelte Mike panisch und wandte seinen Kopf aus Bloodminds Griff. Er sah sich in dem Raum um und versuchte krampfhaft nicht in Tränen auszubrechen. Er war noch nie besonders stark, schnell oder schlau gewesen und seine Eltern verbrachten die meiste Zeit damit sich darüber zu streiten, wer von den beiden sich um ihn kümmern sollte. Meistens luden sie ihn dann einfach bei einem Kindermädchen ab, denn Freunde, zu denen er hätte gehen können, hatte er keine.
Verzweifelt versuchte Mike einen Fluchtweg zu finden, doch die einzige Tür die hinaus führte, schien verriegelt zu sein. Außerdem standen zwei Männer daneben, die eine Art Ritterrüstung trugen. In ihren Händen hielten sie lange Gewehre mit Trommelmagazinen. Auf der anderen Seite des Raumes befand sich ein großer Spiegel, der die gesamte Wand einnahm. Über ihm erblickte Mike ein paar Lüftungsschächte an der Decke, durch die er vielleicht hindurchgepasst hätte. Die übrigen Wände sahen so aus, als wären sie aus Metallplatten zusammengenietet worden.
Die metallenen Männer starrten Mike kalt aus roten Augen an und es schauderte ihn bei dem Anblick der fast zwei Meter großen Gestalten aus tief schwarzem Metall. Die Hoffnung ihnen vorbeizukommen schminkte Mike sich schnell ab.
Die haben Waffen.
„Nennen wir es ein kleines, von mir entwickeltes Experiment“, sagte der Doktor, kicherte schrill und ließ seine Hände über das Werkzeug auf dem Tisch gleiten.
„Bitte, meine Eltern haben sehr viel Geld“, flehte Mike schluchzend.
„Die lächerlichen Währungseinheiten deiner Erzeuger interessieren mich nicht“, erwiderte der Doktor kalt und nahm die Spritze in die Hände. „Du solltest dich glücklich schätzen hier sein zu dürfen, nicht viele haben die Ehre meiner persönlichen Gesellschaft.“
„Sie werden nach mir suchen und wenn sie mich finden, dann kommen Sie ins Gefängnis.“
Bloodmind lachte laut auf. „Sie werden dich hier nie finden, mein kleiner, hässlicher Freund, dafür sind wir viel zu weit weg, als dass eure lächerliche Menschentechnologie uns hier erreichen könnte. Was das Gefängnis angeht, wir sind bereits in einem und ich bin der Leiter“, erwiderte Bloodmind schrill lachend und breitete die Arme aus. „Niemand wird dich je finden, du gehörst alleine mir.“
„Bitte … Ich bin … bin … eine sehr … ähm … wichtige Person.“
„Lüg mich nicht an! Du bist ein Niemand, ein Nichtsnutz, ein kleiner, fetter Idiot, deshalb hat der Greifer dich überhaupt ausgewählt. Ich fürchte, niemand wird dich vermissen und es wird niemanden kümmern, was mit dir geschehen ist.“ Bloodmind kicherte. „Aber keine Sorge, für mich bist du gut genug.“
„Ich bin kein Niemand …“, sagte Mike leise.
„Doch das bist du, sonst hätte ich nicht das Vergnügen deine Bekanntschaft zu machen.“
„I-I-Ist ein Greifer dieses Ding, das mich verfolgt hat?“, fragte Mike leise.
Bloodmind steckte die Spritze in einen der Behälter mit der schwarzen Flüssigkeit und füllte sie damit ab. Die metallenen Männer sahen mit ihren roten Augen zu, ohne sich einen Millimeter zu bewegen.
„Eine weitere von meinen Kreationen. Ich hoffe, du weißt es zu würdigen, dass sich ein großartiger Doktor wie ich mit einer Kreatur wie dir abgibt. Es war schwer die Greifer gefügig zu machen, es hat einige umfassende Veränderungen erfordert. Hat dir mein Greifer gefallen?“
Nackte Panik schnürte Mike die Kehle zu, als er dabei zusah, wie Bloodmind die gefüllte Spritze aus dem Glas zog. Zähflüssig schwappte die schwarze Flüssigkeit darin.
„Bitte …“
„Oh, bitte hier und bitte da, das hat noch niemandem geholfen und dir wird es erst recht nicht helfen. Es wird langsam ermüdend immer und immer wieder dieselben Wort zu hören, es lässt sich einfach niemand mehr etwas Neues einfallen. Ach, ehe ich es vergesse, entschuldige bitte mein Aussehen, ich hatte vorhin mit einem Tarkan zu kämpfen, sie sind eine verdammt widerspenstige Spezies. Aber am Ende tanzen sie alle nach meiner Pfeife, genauso wie du es tun wirst.“
Bloodmind trat mit der Spritze in den Händen näher an Mike heran und ein furchtbarer Geruch von Verwesung stieg ihm in die Nase. Langsam hob Bloodmind die Spritze und Mike versuchte verzweifelt sich aus seinen Fesseln zu winden. Diese schienen sich mit jedem Versuch sich zu befreien nur noch enger um seine Gliedmaßen zu schließen. Er fühlte, wie ihm das Blut an Händen und Füßen abgeschnitten wurde.
„Warum tun Sie das?“, fragte Mike schluchzend, in der Hoffnung Bloodmind doch noch dazu bewegen zu können, ihm nichts zu spritzen.
„Warum?“, fragte Bloodmind und ließ die Spritze wieder sinken. „Er befiehlt es mir“, sagte Bloodmind und tippte sich dabei mit einem Finger an den Kopf. „Genau hier befiehlt er es mir. Er sagt, ich soll dafür sorgen, dass neue Probanden gesammelt werden und diese so modifiziert werden, dass wir sie im Kampf verwenden können.“
„A-A-Aber es ist nur eine Stimme in Ihrem Kopf.“
Bloodmind kicherte wie ein Wahnsinniger. „Nein, das sagen sie alle, wenn sie hier liegen. Er ist real, genauso real wie du und ich und er befiehlt es mir. Seinen Befehlen darf man sich nicht widersetzen. Alle, die es tun, werden schwer bestraft.“ Erneut hob Bloodmind die Spritze und setzte sie an Mikes Hals an.
So weit, wie es ihm möglich war, bewegte Mike sich davon weg und wandte seinen Blick ab. Panisch versuchte er sich freizustrampeln und bewegte sich so schnell hin und her, wie es ging.
„Halt still!“, fauchte Bloodmind Mike an. „Verdammte Menschen! Die Drazal sind um so vieles einfacher zu handhaben, sie wissen, wann sie geschlagen sind. Du zögerst es nur hinaus, dein Schicksal ist unvermeidlich.“
„Bitte …“, flehte Mike erneut und begann zu weinen, sein Schluchzen erfüllte den Raum. Mit fest zusammengekniffenen Augen hörte er auf sich zu wehren.
„Oh, seht euch das an, jetzt tropft der Mensch“, kicherte Bloodmind leise. „Keine Sorge, es tut nur ganz furchtbar weh.“ Bloodmind bekam einen lauten Lachanfall.
Im nächsten Moment spürte Mike einen Stich im Hals und schrie laut auf. Er nahm deutlich wahr, wie sich der Inhalt der Spritze in ihm entleerte. Ein paar Augenblicke später zog Bloodmind die Spritze wieder hinaus. Mike fühlte sich unverändert. Vorsichtig öffnete er seine Augen wieder, nach wie vor leise schluchzend. Nackte Angst machte sich in ihm breit, wenn er an den Inhalt der Spritze dachte.
„Das war es schon“, kommentierte Bloodmind. „Siehst du, es ist doch gar nicht so schlimm gewesen. Es dauert ein paar Momente, bis das Mutagen seine Wirkung entfaltet. Eine weitere Entwicklung von mir.“ Abermals brach Bloodmind in schrilles Gelächter aus.
„Sie sind ein Wahnsinniger, ein Verrückter“, stammelte Mike mit tränenerstickter Stimme und ausgehend von der Einstichstelle breitete sich ein unangenehm warmes Gefühl in ihm aus.
„Ich bevorzuge den Ausdruck Visionär. Spürst du bereits, wie mein Serum seine Wirkung entfaltet? Es dauerte Jahrzehnte es zu entwickeln und es waren viele Opfer notwendig, aber nun ist es fast fertig. Dank euch Menschen. Ihr seid so wunderbar vielfältig einsetzbar. Dennoch werden weitere Versuche notwendig sein, wie ich fürchte.“
Ein seltsam kribbelndes Gefühl machte sich in Mikes gesamten Körper breit. Er fühlte es nicht nur auf der Haut, sondern auch tief in sich, sogar in seinen Knochen. Ein leichter Schmerz durchzuckte seine Fingerspitzen. Panisch blickte Mike auf seine Finger, die sich dunkelbraun verfärbten, seine Fingernägel wuchsen rasend schnell und nahmen eine klauenartige Form an.
Die Adern in seinem Körper verfärbten sich ebenfalls langsam bräunlich und die Tönung breitete sich immer weiter aus. Plötzlich krampfte sich in Mike alles zusammen und das kribbelnde Gefühl verwandelte sich in brennende Schmerzen. Noch nie in seinem Leben hatte Mike solche Schmerzen erlitten wie in diesem Moment. Es fühlte sich so an, als würde jede Zelle seines Körpers in Flammen stehen.
Mike schrie aus voller Kehle und krümmte sich in seinen Fesseln. Er konnte deutlich wahrnehmen, wie sich sein Körper veränderte. Seine Beine schienen etwas dünner und muskulöser zu werden und seine Zehennägel wuchsen mitsamt den Füßen in die Länge, bis sie die gleiche klauenartige Form besaßen wie seine Fingernägel.
Seine Haut zog sich schmerzhaft enger um seinen Körper und die Rippen stachen aus Mikes Brustkorb hervor. Er spürte, wie die Zähne in seinem Mund länger und spitzer wurden, etwas schien direkt über seinem After zu wachsen. Unter Schmerzen wurde Mikes Körper größer und seine Muskeln wuchsen. Die Kleidung an seinem Körper riss und fiel auf den Tisch, auf dem er nach wie vor festgeschnallt lag.
Mikes Schreie wurden immer lauter und je länger sie andauerten, desto mehr änderte sie ihre Tonlage, bis sie sich irgendwann eher wie die Schreie eines Biestes anhörten als die eines Menschen.
Unter unvorstellbaren Schmerzen zog sich Mikes Kopf in die Länge und ein langer Schwanz entsprang direkt über seinem Gesäß. An dessen Ende entwickelte sich rasch ein dolchartiger Knochen. Seine Finger und Füße beendeten ihre Verwandlung und waren jetzt wesentlich länger und mit Klauen besetzt. Er fühlte die neuen, starken Muskeln unter seiner ledrigen Haut. Die Schmerzen ließen jedoch nicht nach und es fühlte sich so an, als würden Mikes Eingeweide brennen.
Er stieß schrille und langgezogene Schreie aus. Bloodmind stand währenddessen schweigend daneben, verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und betrachtete zufrieden Mikes Verwandlung. Die Metallenen ließen sich keine Gefühlsregung anmerken. Unter seiner Chirurgenmaske schien Bloodmind kalt zu lächeln.
Nach einer Weile, die Mike wie eine Ewigkeit vorkam, ließen die Schmerzen endlich nach und er entspannte sich in seinen metallenen Fesseln, die inzwischen fester saßen denn je.
Von den Schmerzen benommen, blickte Mike in das gedämpfte Licht über ihm und es erschien ihm heller als zuvor. Schnell wandte er seinen Blick wieder ab und sah zur Seite. Er richtete seinen Blick auf eine Hand, die nicht ihm zu gehören schien. Versuchsweise bewegte er einen Finger und der Finger, den er sah, bewegte sich ebenfalls. Es handelte sich doch um seine Hand, nur war sie matschbraun und mit langen Klauen besetzt.
Erneut verspürte Mike Panik in sich hochsteigen und er schaute an sich herab, wobei er seinen Kopf nur mit Mühe drehen konnte. Bei dem Körper, den er erblickte, handelte es sich ganz gewiss nicht um den seinen, eher um den eines entstellten Monsters, dachte er im Stillen. Denn mit bräunlicher, lederartiger Haut, starken Muskeln darunter, dicken Adern und hervorstehenden Knochen sah er furchtbar aus.
Seine Wahrnehmung schien sich ebenfalls verändert zu haben, denn er sah alles gestochen scharf und in einem rötlichen Ton. Gerüche stiegen ihm viel intensiver in die Nase. Mike stieß einen angsterfüllten Schrei aus, doch der Laut, der aus seiner Kehle drang, erschrak ihn um ein vielfaches mehr. Denn seine Stimme erinnerte nur noch entfernt an die eines Menschen, genau wie der Rest seines Körpers. Mike meinte eine neue Gliedmaße zu spüren, eine Art Schwanz, den er kaum kontrollieren konnte.
„Es funktioniert“, sagte Bloodmind leise und hörte sich dabei überglücklich an. „Nach all den Jahren und den vielen Versuchen funktioniert es endlich. Es ist noch nicht perfekt, aber es funktioniert.“
„Was haben Sie mit mir gemacht?“, schrie Mike panisch, wobei fast nur unverständliche Laute aus seiner Kehle drangen.
„Ich sagte doch, ich würde dich verbessern. Du siehst einfach wunderschön aus. Eigenlob ist normalerweise nicht meine Sache, aber dafür bist du zu gut geworden“, erwiderte Bloodmind lachend. „Jetzt ist es an der Zeit dich unter Kontrolle zu bringen, mein kleines Experiment.“
Bloodmind nahm die Bohrmaschine in eine Hand und eines der Hackbeile in die andere. Mike stieß panische Schreie aus und rüttelte so fest er konnte an seinen Fesseln. Bloodmind trat hinter Mikes Kopf. Er konnte den grausigen Geruch, der von Bloodmind ausging, nun noch viel intensiver riechen als zuvor. Plötzlich spürte Mike, wie eine seiner Fesseln nachgab, und er zog mit aller Kraft daran. Plötzlich löste sie sich und Mikes Krallen fuhren durch die Luft. Augenblicklich sprang Bloodmind ein paar Schritte zurück. Mike schlug heftig nach ihm.
„Packt ihn!“, fuhr Bloodmind die Metallenen an.
Die gehorchten aufs Wort und stürmten auf Mike zu, ihre Gewehre schnallten sie sich noch im Laufen auf den Rücken. Mike hieb nach einem der Metallenen, bevor dieser ihn erreichen konnte. Seine Krallen schlugen durch den Brustpanzer des einen und legten die darunterliegenden Drähte und Hydraulik frei.
Den Metallenen schien dies nicht zu stören und er packte Mikes Handgelenk mit einem festen, schraubstockartigen Griff. Mike versuchte sich zu entwinden, doch es gelang ihm nicht seine zweite Hand frei zu bekommen. Mit seinem neuen Schwanz stach Mike einmal in Richtung des anderen Metallenen, allerdings konnte er seinen Schwanz nur schlecht kontrollieren und er schaffte es nicht gezielt zuzuschlagen.
Die dolchartige Spitze traf dennoch auf den zweiten Metallenen und blieb in dessen Hüfte stecken. Den Metallenen kümmerte dies nicht weiter und er packte zu, ehe Mike seinen Schwanz wieder herausziehen konnte.
„Sehr gut“, lobte Bloodmind. „Noch viel stärker als erwartet, sogar stark genug, um die Rüstungen eines Ritters zu durchschlagen. Ich bin beeindruckt, du gibst ein hervorragendes Exemplar ab. Faszinierend, wie du deinen Schwanz in einem so frühem Stadium schon einsetzten kannst.“
Die Metallenen hielten Mike fest umklammert, er konnte sich ihnen nicht entziehen, egal wie sehr er es versuchte. Dann hörte er wie Bloodmind die Bohrmaschine startete und ein furchtbar schrilles Summen den Raum erfüllte.
„Wehre dich nur weiter. Deine lächerlichen Versuche zu entkommen machen alles gleich viel unterhaltsamer“, sagte Bloodmind, lachte dabei wie ein Geisteskranker und setzte die Bohrmaschine an Mikes Kopf.
„Neeeiiiiiinn!“, kreischte Mike mit seiner entstellten Stimme und unternahm einen weiteren Versuch sich zu befreien. Erneut hatte er damit keinen Erfolg. Dem Griff der Metallenen hatte er nichts entgegenzusetzen. Im nächsten Moment spürte er, wie der Bohrer seinen Hinterkopf eindrang und auf den Knochen stieß. Augenblicklich hörte Mike auf sich zu bewegen und blieb still liegen. Der Bohrer durchbrach den Knochen und drang in Mikes Gehirn vor.
„Jetzt gehörst du mir“, hörte Mike Bloodmind noch sagen, bevor er bewusstlos wurde.
Kapitel 2
Entführt
Schweißgebadet fuhr Florian in die Höhe. Sein Puls raste und sein Atem ging schnell und unregelmäßig. Todmüde und verärgert über das nervige Geräusch, langte er nach seinem Wecker und fegte ihn mit einem Schwung vom Nachtkasten. Zwischen den Vorhängen seines Zimmers war noch kein Licht zu sehen und der Wecker auf dem Boden zeigte 6:20 Uhr.
Florian atmete ein paar Mal tief durch und beruhigte seinen Herzschlag. Das Adrenalin schoss durch seine Adern und seine Nase lief. Als sein Herz wieder ansatzweise in Normalgeschwindigkeit schlug, legte er sich zurück in sein Bett und rieb sich die Augen. Die Bilder des Albtraumes sah er noch direkt vor sich. Er hatte von einem Jungen, vielleicht ein paar Jahre jünger als er selbst, geträumt. Der Junge war durch einen dunklen Wald gerannt und von einer Gestalt verfolgt worden, die Florian nicht genau hatte erkennen können. Panik lag in den Augen des Jungen und Florian konnte nichts tun, um ihm zu helfen, fast so als hätte ihn jemand zurückgehalten. Florian wollte schreien, doch brachte er keinen Ton über die Lippen. Immer näher war die Gestalt dem Jungen gekommen und irgendwann hatte sie ihn eingeholt. Sie packte den Jungen, nahm ihn mit und gerade als Florian ihr folgen wollte, drehte sich die Gestalt zu ihm um. Der Blick durchdrang ihn, tiefer als alles zuvor. Unfähig sich zu rühren, sah Florian einfach nur zu, wie die Gestalt sich ihm immer weiter näherte. Die Gestalt streckte gerade die Hand nach ihm aus, als sie im selben Moment in einem bauen Blitz verschwand. Eine donnernde Stimme erklang: „Fliehe oder du wirst der Nächste sein.“ Dann war er vom Geräusch des Weckers aufgewacht.
Versuchen einzuschlafen machte jetzt keinen Sinn mehr für ihn, also stand Florian auf und öffnete die Fenster seines Zimmers, um den Schweißgeruch loszuwerden. Es herrschte noch Dunkelheit, doch fand Florian sich mühelos in seinem Zimmer zurecht und wich geschickt allen Wäsche- und Müllbergen aus, die überall verstreut auf dem Boden lagen. Die angenehm kühle Morgenluft strich über seine Haut und er atmete ein paar weitere Male tief durch. Er fragte sich, was dieser Traum bedeuten konnte, wenn er überhaupt etwas bedeutete und fasste sich einmal an seine Stirn.
Sie glühte förmlich. Klasse, ein Fiebertraum, dachte Florian und schloss das Fenster wieder. Da ertönte die Stimme seiner Mutter von unten: „Frühstück ist fertig!“
„Komme gleich!“, rief Florian zurück und wischte sich einmal die rinnende Nase ab. Eilig knipste er das Licht an und begann die Wäscheberge nach tragbarer Kleidung zu durchwühlen. Nach ein paar Minuten meinte er genug Kleidung gefunden zu haben, die nicht so stark stank wie der Rest und er zog sich an.
Seine Zimmertür ließ sich nur mit etwas Mühe öffnen und er konnte sie unter all den Postern von Filmen, die er einmal gut gefunden hatte, gerade noch erkennen. Florian zählte schon immer zu den größten Science-Fiction-Fans in seiner Schule und tapezierte sein Zimmer regelmäßig mit neuen Plakaten. Kaum trat er auf den Flur, wurde auch schon die gegenüber liegende Tür aufgerissen und seine Schwester Elia trat ebenfalls in den Gang. Ihre braunen Haare saßen so früh am Morgen schlecht. Mit ihren blauen Augen funkelte sie ihn an.
„Du stinkst nach Schweiß“, sagte sie, sobald sie ihn sah.
„Du riechst auch nicht gerade wie eine Rose“, erwiderte Florian schlecht gelaunt. Er hatte keine Lust sich von seiner Schwester, die ihm gerade bis zur Brust reichte, beleidigen zu lassen. In letzter Zeit gerieten sie immer häufiger aneinander und er fand sie unglaublich nervtötend. Nur leider unterstützten seine Eltern in Streitfragen meistens sie.
„Außerdem siehst du so aus, als wärst du krank, geh weg mit deinen Bazillen!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, knallte sie ihm die Tür vor der Nase zu. Florian fühlte sich wirklich nicht besonders gut und ihm war danach zu Hause zu bleiben.
„Kommst du jetzt frühstücken oder nicht?“, rief erneut seine Mutter von unten aus der Küche. Florian seufzte und ging mit schlurfenden Schritten die Treppe zur Küche hinunter, vorbei an den eingerahmten Orden seines Vaters aus dessen Militärzeit. Am Ende der Treppe hing neben den Orden ein altes Familienfoto von ihrem letzten Brasilienurlaub, welches die ganze Familie am Strand zeigte.
„Gut geschlafen?“, fragte ihn seine Mutter, die gerade am Herd hantierte und das Frühstück für seinen Vater zubereitete. Dabei warf sie ihre langen braunen Haare zurück und lächelte Florian aufmunternd zu. Florian murmelte als Antwort nur etwas Unverständliches. Das hielt seine Mutter meistens davon ab, weitere Fragen zu stellen. Seine Mutter besaß die nervige Angewohnheit früh am Morgen immer besonders gesprächig zu sein und klärte dann die Familie gerne über die neuesten Errungenschaften der Ökoindustrie auf. Florian setzte sich an den Küchentisch und aß das Müsli, welches seine Mutter für ihn zubereitet hatte. Müde nippte Florian an seinem Kaffee, fühlte sich hinterher aber kaum munterer. Sein Vater saß ihm gegenüber, versteckte sich hinter seiner Zeitung und blätterte diese gemütlich durch. So früh am Morgen konnte man sich nicht besonders gut mit ihm unterhalten und auch Florian mochte das Schweigen am Tisch lieber. Zwischen ihnen stand ein großer Strauß Sonnenblumen auf dem Tisch, den Lieblingsblumen seiner Mutter. Vor dem Haus befand sich ein ganzes Beet in dem seine Mutter Sonnenblumen züchtete.
Inzwischen ertönte ein lautes Wummern aus dem Zimmer seiner Schwester und Florian vermutete, dass sie wieder einmal alle ihre Britney Spears-CDs gleichzeitig anhörte. Florians Vater blätterte verärgert seine Zeitung um, sagte jedoch nichts. Für einen ehemaligen Soldaten konnte er sich bei seinen Kindern überraschend wenig durchsetzen. Florians Mutter war stets die Dominante in ihrer Beziehung gewesen. Sie hatte ihn vor Jahren gezwungen aus dem Militär auszutreten.
Schlecht gelaunt erhob sich Florian vom Tisch, stellte seine Teller und den fast vollen Kaffeebecher in die Spüle. Er wollte wieder nach oben gehen, aber seine Mutter hielt ihn zurück.
„Du siehst krank aus“, sagte sie besorgt und legte ihm die Hand auf die Stirn. Florian ließ seiner Mutter freie Hand bei ihrer „Untersuchung“, da es ohnehin keinen Sinn hatte sich dagegen zu wehren. Sonst würde sie ihn nur weiter nerven, so lange bis er sie frei walten ließ.
„Du hast leichtes Fieber, leg dich besser wieder hin“, bestimmte sie, als sie ihre Untersuchung für beendet erklärte.
„So schlecht sieht er doch gar nicht aus und seine Noten waren in letzter Zeit auch nicht gerade die Besten“, warf Florians Vater ein und raschelte mit der Zeitung.
„Nein, er bleibt heute zu Hause, er hat seinen Kaffee kaum angerührt und du weißt, wie er ist, wenn es um seinen Kaffee geht. Er muss nicht auch noch alle anderen in der Schule anstecken. Außerdem kann er die Zeit sinnvoll nützen und für die Matheschularbeit nächste Woche lernen“, erwiderte seine Mutter in einem Tonfall, der keine Diskussion zuließ.
Daraufhin brummte Florians Vater etwas hinter seiner Zeitung und gab sich geschlagen.
Selbst wenn das Haus abbrennt, muss ich vorher wahrscheinlich noch lernen, bevor ich raus darf, dachte Florian bei sich, war aber schlau genug diesen Gedanken nicht laut auszusprechen. Kaum hatten seine Eltern das Gespräch beendet, verschwand er auch schon in sein Zimmer und kämpfte sich durch knöchelhohen Müll zu seinem Bett hindurch. Florian legte sich ins Bett und baute sich einen Gehörschutz aus Polstern, um die wummernde Musik seiner Schwester nicht ertragen zu müssen.
Als wäre das nicht schon laut genug, fing seine Mutter auch noch an Staub zu saugen, und der Nachbarshund schien sich wieder einmal in einen hysterischen Anfall hineingesteigert zu haben.
„Kann man hier nicht einmal ein paar Minuten lang Ruhe haben?“, schimpfte Florian ärgerlich in seinen Kopfpolster.
Er hatte es satt, er hatte alles satt. Seine Eltern, die sich nur um ihn kümmerten, wenn es um seine Noten ging. Er hatte es satt, wie seine Schwester ihn von oben herab behandelte, als wäre er nur ein besseres Haustier. Und vor allem hatte er es satt sich jeden Tag lang in die Schule zu schleppen und sich dort sieben Stunden lang die Monologe der Lehrer anzuhören. „Manchmal will ich einfach nur fort von hier!“, murmelte er leise unter seinen Polstern.
Erst nach einer halben Stunde kehrte Ruhe im Haus ein. Florians Eltern fuhren beide zur Arbeit und seine Schwester ging in die Schule. Florian hörte, wie sie die Tür laut hinter sich zuknallte. Sogar der Nachbarshund hielt zur Abwechslung die Schnauze und dafür dankte Florian Gott, denn seine Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Nachdem eine Weile lang Stille geherrscht hatte, zog Florian vorsichtig den Kopf unter den Polstern hervor und lauschte. Nur die Autos, die hin und wieder am Haus vorbei fuhren, konnte er leise hören, ansonsten machte sich Ruhe breit. Er atmete einige Male tief durch und ließ seinen Kopf dann auf den Polsterhaufen sinken. In seinem Schädel hämmerte es, doch nun fand er endlich seinen Frieden. Müde fielen ihm die Augen zu und da schlief er auch schon ein.
∞
Zwei Stunden später wachte er erneut schweißgebadet auf. Derselbe Albtraum, doch diesmal war er verfolgt worden. Er hatte versucht zu fliehen, doch er war in der Dunkelheit gestolpert und in dem Augenblick, in dem sich die Gestalt über ihn beugte, war er aufgewacht. Wieder hatte ihm dieselbe Stimme gesagt, dass er fliehen solle.
Nur ein Traum, es war nur ein Traum, redete Florian sich gut zu. Er hatte die Bilder noch lebhaft vor seinem inneren Auge.
Florian wollte sich gerade wieder hinlegen, da ertönte in der Ferne ein lautes Rumpeln. Zwischen den Vorhängen fiel kaum Licht in sein Zimmer. Trotz der leichten Kopfschmerzen stand Florian auf und ging zum Fenster. Mit einem Schwung zog er die Vorhänge beiseite und blickte nach draußen.
Draußen lag alles grau in grau und der Himmel verdunkelte sich langsam immer weiter. Bald würde es ein Gewitter geben. Er ließ seinen Blick über den kleinen Garten vor dem Haus schweifen. Alles sah so aus wie immer und dennoch irgendwie anders. Ein einsames Auto fuhr vorüber und für einen kurzen Moment tauchten die Scheinwerfer alles in ein goldenes Licht. Florian wollte gerade wieder die Vorhänge zuziehen, da fiel ihm eine Bewegung zwischen den zwei hohen Bürotürmen auf der anderen Straßenseite auf.
Die Seitengasse zwischen den Türmen, wo er die Bewegung wahrgenommen hatte, war nicht sonderlich breit und lag größtenteils im Dunkeln. Florian blickte eine Zeit lang in die Seitenstraße. Sicher, dass sich dort zwischen den Mülltonnen etwas bewegte, starrte er weiter in die Dunkelheit. Zwei kleine rote Punkte schienen dort zu schweben und es schien Florian, als wären sie direkt auf ihn gerichtet.
Wahrscheinlich nur die Lichter eines Radfahrers, dachte Florian und zog die Vorhänge wieder zu. Da fiel ihm plötzlich der Albtraum wieder ein. Die Gestalt mit den roten Augen, die ihn verfolgte und ihn einfangen wollte kam ihm wieder in den Sinn. Augenblicklich riss er die Vorhänge wieder auf und blickte dorthin, wo er die zwei roten Punkte zuletzt gesehen hatte. Sie befanden sich nicht mehr dort. Suchend ließ Florian seinen Blick durch die Gasse schweifen, doch außer Schmutz und Müll konnte er nicht viel erkennen.
Ein Blitz zuckte auf und Florian schloss kurz, geblendet vom hellen Licht, die Augen. Als er sie einen Moment später wieder öffnete und der Donner grollte, lief ihm plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken, ohne dass er sagen konnte warum. Da sah er sie. Die Gestalt war groß, hager und in ein so tiefes Schwarz gekleidet, dass es jedes Licht aufzusaugen schien. Sie trug eine weite Kapuze, ähnlich wie ein Mönch. In der Dunkelheit der Kapuze leuchteten zwei rote Punkte.
Ein weiterer Blitz zuckte auf und Florian musste blinzeln. Kaum schloss er seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde, verschwand die Gestalt wieder. So schnell, dass Florian sich nicht einmal mehr sicher war, ob er sie überhaupt gesehen hatte. Kalte Schauer liefen seinen Rücken rauf und runter. In der Ferne grollte dumpf der Donner.
Florian zog die Vorhänge wieder zu und schaltete das Licht ein. Leise begann es draußen zu regnen. Eilig zog er seinen Pullover über und suchte seine Regenjacke unter den Kleiderbergen hervor. Der Nieselregen entwickelte sich in einen starken Platzregen und peitschte heftig gegen die Fenster des Hauses. Die Stimme in Florians Traum kam ihm wieder in den Sinn.
Nur ein Fiebertraum, verstärkt von den Kopfschmerzen, kein Grund zur Sorge.
Plötzlich krachte es direkt über dem Haus und gleichzeitig gingen alle Lichter aus. Seit Ewigkeiten hatte es bei ihnen keinen Stromausfall mehr gegeben und die Tatsache, dass es ausgerechnet jetzt passierte, beunruhigte ihn mehr, als er zugegeben hätte.
Ganz ruhig, das war nur schlechtes Timing, weiter nichts.
Florian zog seine Regenjacke über und blieb eine Weile unschlüssig in seinem Zimmer stehen. Dämlich herumzustehen brachte ihn jetzt nicht weiter, entschied er. Die Tür seines Zimmers quietschte leise, als er sie öffnete und das Geräusch hallte laut im ganzen Haus wider. Im Gang vor seinem Zimmer konnte er kaum die Hand vor Augen sehen.
Kurzzeitig zuckte ein Blitz über den Himmel und für ein paar Momente wurde es wieder taghell. Als der Donner einsetzte, kam Florian die Dunkelheit noch dunkler vor. Er lauschte und hörte nichts, außer dem Prasseln des Regens, das Haus lag ruhig und verlassen da. Vorsichtig ging er in die Küche hinunter und er wünschte sich seine Jacke würde nicht bei jedem Schritt derart laut rascheln.
Die Küche sah selbst im Dunklen genauso aus wie immer. Versuchsweise betätigte Florian ein paar Mal den Lichtschalter, das Licht ließ sich nicht einschalten. Er öffnete eine der Schubladen und tastete blind nach der Taschenlampe seines Vaters. Als er sie fand, packte er zufrieden zu. Es tat gut etwas Massives in der Hand zu halten, mit dem er sich im Notfall verteidigen konnte. Schnell knipste er sie ein und leuchtete jede dunkle Ecke ab. Nichts Verdächtiges fiel ihm auf.
Plötzlich ertönte das Geräusch von splitterndem Glas aus dem Keller und Florian richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Kellertür. Gebannt starrte Florian auf die Tür und er hörte, wie Glassplitter leise über den Betonboden geschoben wurden, dann das Knacken einer brechenden Scherbe. An den Treppenstufen quietschte es, jemand schritt über sie nach oben. Langsam begann sich der Türknauf zu drehen. Florian gelang es nicht sich von dem Anblick loszureißen.
Mit einem Klicken sprang das Schloss der Kellertür auf und fast wie in Zeitlupe öffnete sie sich. Florians Kehle schnürte sich vor Angst zu, kein Wort kam über seine Lippen und er konnte keinen Finger rühren. Eine in Schwarz gekleidete Gestalt trat in den Schein der Taschenlampe. Sie zuckte kaum wahrnehmbar vor dem hellen Licht zurück, doch dann streckte sie die in einem weiten Ärmel verborgene Hand nach Florian aus.
Florian erkannte die Gestalt aus seinen Träumen und aus der Seitengasse. Kaum hatte die Gestalt die Hand ausgestreckt, holte Florian aus und warf die Taschenlampe mit aller Kraft nach ihr. Er traf die Gestalt am Kopf und ein lauter Schrei ertönte. So schrill, dass Florian meinte sein Trommelfell würde platzen. Der Schrei erlöste ihn aus seiner Schockstarre und ohne weiter zu zögern, rannte er los. Er riss die Haustür auf und kaum war er hindurch, knallte er sie wieder hinter sich zu. So schnell er konnte sprintete er durch den Regen in die Dunkelheit davon.
Der Regen peitschte Florian in das Gesicht und trotz Regenjacke war er bereits nach kurzer Zeit bis auf die Haut durchnässt. So schnell er konnte, rannte er durch das Gewirr kleiner Seitengassen, stets einen Blick über die Schulter werfend. Die Gestalt schien ihn nicht zu verfolgen. Er war sicher, dass sich die Gestalt nicht so einfach abhängen lassen würde. Also ließ er seinen Blick suchend durch die dunklen Winkel in den Seitenstraßen schweifen.
Ein Blitz zuckte auf und für einen kurzen Moment wurde es wieder hell. Da sah er die Gestalt in einer Gasse rechts von ihm. Aber kaum erlosch das Licht des Blitzes wieder, verschwand die Gestalt in der Dunkelheit. Panik machte sich in Florian breit und sein Körper schüttete Unmengen an Adrenalin aus. Er zwang sich schneller zu laufen und versuchte dabei verzweifelt einen kühlen Kopf zu bewahren.
So viel stand fest, die Gestalt wollte ihn und Florian glaubte nicht, dass sie aufgeben würde, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Verzweifelt dachte er darüber nach, wie er sie loswerden konnte, ein Plan musste her. Doch Florian hatte noch nie zu den Besten gehört, wenn es darum ging Pläne zu schmieden, improvisieren konnte er schon besser.
Wasser sammelte sich in seinen Schuhen und die nasse Kleidung klebte schwer an seinem Körper. Seinen Lungen fingen an zu brennen und langsam wünschte er sich, er hätte nicht so oft den Sportunterricht geschwänzt, um Videospiele zu spielen.
Er verlangsamte seinen Lauf etwas und sah sich suchend um, von der Gestalt fehlte jede Spur. Es wirkte so, als hätte er sie in dem Gewirr von Seitengassen abgehängt. Erschöpft und außer Atem öffnete er den Deckel einer Mülltonne und ließ sich hineinfallen. Der Deckel klappte über ihm wieder zu und Florian musste sich die Nase zuhalten, um den Gestank ertragen zu können.
Er lag im Dunklen zwischen den Abfällen, wagte jedoch nicht sich zu bewegen und lauschte, wie der Regen gegen die Tonne prasselte. Immer noch schwer atmend kämpfte er gegen den Drang an sich zu übergeben. Dabei konnte er sein Glück kaum fassen, er schien die Gestalt tatsächlich abgehängt zu haben.
Erschöpft blieb er noch eine Weile in der Mülltonne liegen und verfluchte sich selbst, weil er nicht in eine Papiertonne gesprungen war. In seinem Kopf drehte sich alles. Ein plötzlicher Donnerschlag ließ ihn zusammenzucken.
Wer ist das? Was will er von mir? Ein Kidnapper vielleicht?
Sicher, dass er draußen nichts mehr außer dem Regen hören konnte, öffnete er vorsichtig den Deckel einen Spalt breit und blickte in die Seitenstraße hinaus. Nur die Regentropfen bewegten sich, die Straße lag verlassen da. Florian wischte eine Bananenschale von seiner Schulter und öffnete den Deckel ganz. Leise verließ er sein Versteck und schloss den Deckel hinter sich wieder zu.
Er ging ein paar Schritte in Richtung Ende der Seitenstraße und blickte auf das Namenschild, welches an der Wand hing. Beindruckt von sich selbst stieß er einen leisen Pfiff aus. Er hatte es unbewusst geschafft, einmal durch die halbe Stadt zu laufen. Und er wunderte sich auch, dass er nicht gleich zusammengebrochen war.
Anscheinend sind Videospiele doch gar nicht so schlecht, wie immer alle behaupten.
Florian zuckte zusammen, als sich etwas hinter einer Tonne bewegte und wollte schon erneut lossprinten, da bemerkte er, dass es sich nur um einen einsamen Streuner handelte. Der Hund blickte ihn mit großen Augen an, wedelte ein paar Mal mit dem Schwanz und ging anschließend wieder seiner Wege. Erleichtert atmete Florian nochmals tief durch, versuchte seinen Herzschlag zu beruhigen und wischte sich das Regenwasser aus den Augen. Müde und komplett verdreckt machte er sich wieder auf den Heimweg und hoffte, dass er seinen Eltern niemals von der seltsamen Gestalt würde erzählen müssen. Sie würden ihn vermutlich sofort zu einem Psychologen schicken.
Immer noch nervös verließ Florian die Seitenstraße und ging entlang der Hauptstraße zurück nach Hause, wobei er ständig die Blicke anderer Leute auf sich zog. Trotz des Regens hielten sich einige Passanten auf der Straße auf, die ihn finster anblickten. Aber das konnte ihm nur recht sein. Selbst wenn die Gestalt noch hinter ihm her wäre, würde sie es wahrscheinlich nicht wagen, ihn auf der Hauptstraße vor all den Leuten anzurühren.
So kümmerten ihn die Blicke der Leute herzlich wenig. Wahrscheinlich fragten sie sich auch nur, was ein durchnässter und komplett verdreckter Jugendlicher auf der Straße zu suchen hatte, und ob er nicht eigentlich in der Schule sein sollte. Einzig ein alter Mann, der eine Art Poncho trug, lächelte Florian ermutigend zu.
Vermutlich ein Obdachloser, dachte Florian und marschierte mit hochgezogenen Schultern rasch weiter.
Je weiter er ging, desto unwirklicher erschien ihm seine Begegnung mit der Gestalt und hätte er nicht solche Todesängste ausgestanden, dann hätte er all das nur für einen bösen Traum gehalten. Der Regen ließ etwas nach und Florian schüttelte sich das Wasser aus seinen Haaren, die inzwischen eng am Kopf klebten. Hinter sich hörte er den Hund bellen, den er zuvor gesehen hatte.
Als Florian sich nach dem Hund umdrehte, sah er, dass er inzwischen alleine auf der Hauptstraße stand. Nur in der Ferne glitten die Lichter eines Autos vorüber. Der Hund bellte weiter und auf einmal verstummte das Bellen schlagartig und wurde durch ein leises Heulen abgelöst, welches kurz darauf abbrach. Florian beschleunigte seinen Schritt etwas und eilte weiter in Richtung seines Hauses. Erneut liefen ihm kalte Schauer über den Rücken und ohne sich umzudrehen, sprintete Florian los.
Er rannte die Straße entlang und als er um die letzte Ecke vor seinem Haus bog, kam es ihm so vor, als hätte er aus den Augenwinkeln etwas wahrgenommen. Ein seltsam metallischer Geruch drang in Florians Nase, doch er ließ sich nicht davon beirren und rannte weiter. Er sah sein Haus bereits vor sich, die Haustür stand weit offen. Mit einem gewaltigen Satz sprang er über den niedrigen Gartenzaun und sprintete durch den Vorgarten. Dabei trampelte er beinahe die Sonnenblumen seiner Mutter nieder.
Florians Herz schlug schnell als er die offen stehende Tür passierte und schlitternd im Vorzimmer zu stehen kam. Gerade wollte er die Tür hinter sich zuschlagen, da fiel ihm auf, dass die Tür gar nicht offen stand, sondern gänzlich fehlte. Nur ein paar Metallsplitter hingen dort anstelle der Scharniere. Von der Tür selbst fehlte jede Spur, ein paar Holzstücke lagen vor dem Haus im Dreck.
Was zum …?
Florian starrte den Türrahmen an, als könnte er die Tür mit reiner Willenskraft wieder herbeizaubern. Erneut drang der seltsame, metallische Geruch in Florians Nase und als er sich umdrehen wollte, bekam er plötzlich einen heftigen Schlag auf den Kopf.
Im Fallen hörte er noch eine Stimme sagen: „Testsubjekt AA132015 erfolgreich eingesammelt.“
Dann prallte er auf den Boden und alles um ihn wurde schwarz.
Kapitel 3
Böses Erwachen
Erschrocken schlug Florian die Augen auf, er konnte nichts sehen. Er blinzelte ein paar Mal, kniff die Augen zusammen und öffnete sie erneut. Florian konnte aber nichts außer pechschwarzer Dunkelheit erkennen. Sein Kopf dröhnte heftig und als er an seinem Hinterkopf entlang tastete, fand er eine große Beule. Der Boden, auf dem er lag, fühlte sich kalt, metallisch und seltsam feucht an. Auf Knien tastete Florian sich durch den Raum, bis er endlich gegen eine Wand stieß. An der Wand richtete er sich auf und bewegte sich an ihr entlang weiter. Sie erweckte auch den Eindruck als wäre sie aus Metall.
Bereits nach wenigen Schritten erreichte er eine Ecke. Er bewegte sich weiter und plötzlich stolperte er über eine Erhebung auf dem Boden. Der Länge nach fiel Florian hin, wobei er sich sein Knie heftig anstieß. Auf dem Boden liegend rollte er sich zusammen. Tränen liefen ihm über die Wangen und er schluchzte leise.
„Warum ich?“, wiederholte er immer und immer wieder. Entführt zu werden hatte schon immer zu seinen schlimmsten Ängsten gehört und der Umstand, dass er nichts sehen konnte, verbesserte nichts an seiner Lage. Panik schnürte ihm die Kehle zu.
Mit jedem ‚Warum ich?‘ wurde er lauter und schließlich schrie er aus vollem Hals. Aber niemand schien ihn zu hören und er bekam keine Antwort. Er fing an auf die Wände und den Boden einzuschlagen, abgesehen von blauen Flecken brachte ihm das nichts ein. Der metallene Boden und die Wände gaben nicht nach. Die Kälte kroch ihm mit der Zeit in die Knochen.
„Wo bin ich hier? Was wollt ihr von mir?“, schrie er aus vollem Hals, es antwortete ihm niemand.
Nach einer Weile wurden Florians Schreie immer leiser, bis sie nur noch als zartes Schluchzen in der Dunkelheit widerhallten. Florian hörte auf, den Boden und die Wände mit seinen Fäusten zu bearbeiten. Durchzudrehen brachte ihm jetzt nichts. Er musste herausfinden, wer ihn entführt hatte und vor allem warum. Langsam wischte er die Tränen weg und atmete ein paar mal tief durch.
Ruhe bewahren, es muss einen Grund dafür geben, dass ich noch lebe. Wahrscheinlich wollen sie Lösegeld, dafür brauchen sie mich lebendig. In Ordnung, erst einmal herausfinden, wo ich bin.
Florian dachte nach und lauschte in die Dunkelheit, da ihm seine Augen hier drinnen nicht viel nützten. Er beruhigte seinen eigenen Atem und bemühte sich kein Geräusch von sich zu geben. Er konnte das leise Tropfen von Wasser auf Metall vernehmen, aber etwas anderes zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Florian drehte sich langsam in die Richtung, aus der das andere Geräusch zu kommen schien. Ein leises Rumpeln in der Ferne, so hörte es sich an. Wie die großen Maschinen einer Fabrik.
Er lauschte weiter, aber außer dem Tropfen und dem Rumpeln der Geräte konnte er nichts weiter hören, abgesehen von einem Geräusch, das sich wie das gelegentliche Schnüffeln eines Tieres anhörte. Florian fluchte leise vor sich hin und lehnte den Kopf gegen die Wand. Leicht vor und zurück wippend, schlang er die Arme um seine Beine und betete, dass es sich bei seinen Entführern nicht um Terroristen handelte.
„Wer hätte einen Grund mich zu entführen und hier reinzustecken?“, fragte er laut in die Dunkelheit. Er bekam nur Stille als Antwort.
Florian konnte nicht genau sagen, wie lange er schon in dem dunklen Raum saß, langsam begann er vor Kälte zu zittern. Es kam ihm so vor, als wäre er schon seit Stunden eingeschlossen. An der Wand entlang tastete er sich wieder nach oben, bis er aufrecht stand. Er schüttelte seine Arme und Beine ein paar Mal, bis sie sich wieder einigermaßen warm anfühlten. Um die übrige Kälte aus seinen Gliedern loszuwerden, ging er an der Wand von Ecke zu Ecke, wobei er jedoch mit den Füßen immer nach dem Ding tastete, über das er vorhin gestolpert war. Er fand es nicht wieder.
Bitte lass es kein Tier sein!
In Florians Kopf pochte es immer noch schmerzhaft und seine angestrengten Überlegungen, wie er am besten hier raus käme, änderten daran leider nichts. Sein Schädel fühlte sich an, als hätte jemand darauf eingeschlagen. Florians Herz fing an schneller zu schlagen, als ihm die Gestalt im dunklen Mantel wieder einfiel.
Bitte sei nicht hier drin!
Mit der Zeit fing auch sein Magen langsam an zu knurren und stundenlang im Kreis zu marschieren hielt die Kälte nicht ewig fern.
„Hallo! Bekomme ich auch etwas zu essen?“, rief er in die Dunkelheit. Wie zuvor bekam er auch diesmal keine Antwort. „Kann ich etwas zu essen haben? Sagt mir wenigstens, was ihr von mir wollt!“
„Großartig“, murmelte Florian. „Von all den Leuten in der Stadt muss ausgerechnet ich von irgendwelchen Geiselnehmern oder Terroristen entführt werden.“
Frustriert trat er mit dem Fuß gegen die Wand. Dieses Mal fühlte es sich anders an. Florian konnte nicht genau sagen, worin der Unterschied bestand, und ließ versuchsweise die Hände über die Wand gleiten.
Er konnte zwar nichts sehen, doch fühlte er die kleine Ausbuchtung in der Wand ganz deutlich. Florian tastete weiter und mit jedem Zentimeter war er sich sicherer, dass es sich nicht nur um einen Türrahmen handelte, sondern auch um eine Tür. Versuchsweise boxte er einmal dagegen und lauschte. Es hörte sich nicht so massiv wie der Rest der Zelle an und es wirkte so, als wäre hinter der Tür ein Raum.
„Hey!“, schrie Florian und hämmerte gegen die Tür. „Lasst mich hier raus! Meine Familie kann kein Lösegeld bezahlen.“
Traurig, aber wahr, seine Familie hatte noch nie zu den reichsten in der Stadt gehört. Sie konnten sich ein kleines schönes Haus leisten und angemessen leben, doch würden sie nie genug Lösegeld aufbringen können, um Florian von irgendwelchen Entführern freizukaufen. Seine Mutter arbeitete als Vertreterin und sein Vater nur als besserer Sekretär, trotz seiner einigermaßen erfolgreichen Vergangenheit beim Militär.
„Lasst mich hier raus! Es bringt euch nichts mich hier drin festzuhalten!“, schrie Florian und bearbeitete die Tür mit beiden Fäusten.
Florian fing an zu schreien wie ein verwundetes Tier in der Falle und trat gegen die Tür. Nichts was er sagte oder tat, schien die Aufmerksamkeit seiner Entführer zu erregen. Er hörte erst auf gegen die Tür zu hämmern, als er spürte, dass seine Fäuste bluteten. Vor Erschöpfung konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Sein Kopf schmerzte nach wie vor furchtbar und unfähig etwas dagegen zu unternehmen, ließ er sich an der Tür entlang auf den Boden sinken.
Weitere Stunden vergingen, Florian saß einfach nur da und versank tiefer und tiefer in Selbstmitleid. Es dauerte ewig, bis er eine bequeme Sitzposition fand. Erst als er endlich einigermaßen gemütlich dasaß, schloss er die Augen. Nicht, dass es in der undurchdringlichen Dunkelheit einen Unterschied gemacht hätte. Er lauschte dem Tropfen des Wassers, dem fernen Dröhnen der Maschinen, dem gelegentlichen leisen Schnüffeln und irgendwann schlief er ein.
∞
Florian erwachte. Die allgegenwärtige Dunkelheit hüllte ihn nach wie vor ein und er konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte und es kümmerte ihn im Moment auch nicht. Es spielte ohnehin kaum eine Rolle. Florian tastete den Boden entlang und versuchte die Tür wieder zu finden. Als seine Hand nach einer Weile gegen den Türrahmen stieß, wusste Florian, wo sich die Tür befand. Er drückte sein Ohr dagegen.
Das Ohr gegen das kalte Metall gepresst, lauschte Florian. Noch immer hörte er das Dröhnen der Maschinerie und das Tropfen des Wassers, aber diesmal bemerkte er auch noch etwas anderes. Fester drückte er das Ohr gegen die Tür und hielt seinen Atem an. Er konnte noch ein leises Stampfen in der Ferne hören, dass sich so anhörte, als würde Metall auf Metall schlagen.
Schritte, schoss es Florian durch den Kopf. Das sind Schritte.
Leise und weit entfernt, aber es bestand kein Zweifel, es waren Schritte. Ohne einen Laut von sich zu geben, lauschte Florian weiter. Zunächst schienen die Schritte näher zu kommen, doch dann entfernten sie sich wieder und verklangen schließlich ganz. Frustriert schlug er noch einmal heftig gegen die Tür.
„Lasst mich hier raus!“, schrie er wutentbrannt. „Man wird nach mir suchen und wenn sie mich finden, werdet ihr alle in einem Loch wie diesem hier versauern!“
Die Dunkelheit zehrte langsam, aber sicher an Florians Nerven und erneut rammte er seine Faust heftig gegen die Tür. Sie begann abermals zu bluten. Innerlich zerriss es ihn fast vor Angst und Wut. Er wollte nach Hause und das sofort.
„Geh schon auf verdammte Tür, ich will hier raus!“
Während Florian die Tür weiterhin auf alle erdenklichen Arten verfluchte und sie richtiggehend anflehte sie möge sich doch endlich öffnen, unterbrach ihn plötzlich eine Stimme.
„Kannst du bitte endlich die Mund halten und mit dem Lärm aufhören? Manche Leute versuchen hier in Ruhe und Frieden in der Dunkelheit zu verrotten.“
Florian hielt inne und starrte in die Dunkelheit. Habe ich das gerade wirklich gehört?
Nach ein paar Sekunden fragte er schließlich vorsichtig: „Hallo? Ist da jemand?“
„Ja natürlich ist da jemand. Oder glaubst du die Wände haben plötzlich zu sprechen gelernt?“, antwortete die Stimme in einem harschen Tonfall.
Florian konnte es nicht fassen. Er saß also nicht alleine in seiner Gefängniszelle. Er atmete ein paar Mal tief durch und schluckte seine Angst hinunter. Zu zweit zu sein erschien ihm als die weitaus bessere Alternative als alleine hier drinnen festzustecken.
„Ähm, bist du schon die ganze Zeit hier drinnen?“, fragte Florian in die Dunkelheit.
„Ich war bereits lange vor dir hier und werde vermutlich auch noch sehr lange nach dir hier drinnen sein. Wenn du jetzt bitte damit aufhören könntest, zu schreien und gegen die Tür zu hämmern, wäre ich dir sehr verbunden. Meine Ohren sind nämlich im Moment etwas empfindlich“, antwortete die Stimme ebenso harsch wie zuvor.
Florian fuhr seinen Zellengenossen an: „Die ganze Zeit? Warum meldest du dich erst jetzt? Ich brülle hier seit Stunden herum!“
„Habe ich bemerkt, danke. Du bist ja auch die ganze Zeit so schön in Selbstmitleid versunken gewesen, dass ich dich nicht stören wollte. Außerdem war es zwischendurch sehr unterhaltsam, wie du die Tür angebrüllt hast. Deine Sprache ist aber irgendwie kompliziert“, antwortete die Stimme in einem nicht mehr ganz so unhöflichen Ton und Florian schien es fast so, als würde der Inhaber der Stimme Spaß an seiner Situation haben.
„Du findest das lustig?“, rief Florian wütend in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. „Ich habe hier nichts verloren und will wieder nach Hause!“
Die Stimme erwiderte nichts. Ein paar Minuten lang herrschte Schweigen in der Zelle.
„Hallo?“, fragte Florian.
„Ja bitte?“, erwiderte die Stimme.
„Ich habe dich etwas gefragt.“
„Tut mir leid, das habe ich anscheinend überhört, was hast du gefragt?“
„Ich habe dich gefragt, ob du das lustig findest.“
„Ja natürlich finde ich das lustig. In diesem Loch hat man nicht viel zu lachen und dann ist einem jede Ablenkung recht. Auch wenn sie so aussieht wie du“, erwiderte die Stimme und brach daraufhin in heiseres Lachen aus.
„Woher willst du denn wissen, wie ich aussehe, es ist stockdunkel hier drinnen“, fragte Florian ärgerlich in Richtung der Stimme.
„Ja, und das ist ja auch das Lustige daran“, sagte die Stimme und prustete erneut los.
Florian wollte am liebsten nach dem Inhaber der Stimme schlagen, doch er beschloss lieber erst mal einen kühlen Kopf zu bewahren. Schließlich wusste er noch nicht mit wem er es da zu tun hatte. Es könnte ja genauso gut ein Mörder mit ihm in dieser Zelle stecken.
„Wo zur Hölle sind wir überhaupt?“, fragte Florian in die Dunkelheit.
Das Lachen brach abrupt ab und erneut machte sich Stille im Raum breit. Florian hörte ein leises Schnaufen.
„Du riechst seltsam“, stellte die Stimme leise fest. „So jemanden wie dich habe ich noch nie gerochen.“
„Hey, ich habe dich etwas gefragt: Wo sind wir?“
Nach kurzem Zögern antworte ihm die Stimme: „Soll das heißen, du weißt nicht einmal, wo dich die Hüter hingebracht haben?“
„Nein, woher auch? Und welche Hüter?“, fragte Florian verwirrt.
„Oh, ich dachte, das wäre Dir klar. Die meisten, die in diesem Sektor verhaftet werden, kommen hierher und verrotten in so einer Zelle oder arbeiten sich zu Tode.“
„Nichts ist klar! Wo bin ich? Wer hat mich hierher gebracht und vor allem warum hat man mich hier her gebracht? Ich will hier weg!“, erwiderte Florian ärgerlich.
„Wo du bist und wer dich hierher gebracht hat, kann ich dir sagen, aber über das Warum können wir nur Mutmaßungen anstellen.“
„In Ordnung, ich bin ganz Ohr.“
„Also, du bist im Gamma-8-Gefängnis, im Hochsicherheitstrakt, um genau zu sein. Hierher gebracht haben dich die Hüter des Lichts und warum? Nun ja, vermutlich hast du etwas angestellt, was gegen ihre Gesetze verstößt, hast Widerstand geleistet, oder sie brauchen dich für eines ihrer kranken Experimente. Auserwähltenforschung wäre auch noch möglich.“
Florian konnte es kaum glauben. Man hatte ihn tatsächlich gefangen genommen.
„Moment, ich habe gegen gar keine Gesetze verstoßen und von Hütern des Lichts oder Auserwählten habe ich noch nie etwas gehört. In welchem Land liegt denn unser Gefängnis überhaupt? Bekomme ich einen Anwalt?“
Die Stimme lachte auf: „In welchem Land? Anwalt? Was kommt als Nächstes, eine Verhandlung vielleicht?“ Ein heiseres Lachen ertönte in der Dunkelheit. „Du bist lustig, wir sind in gar keinem Land, nicht einmal auf einem Planeten, der ganze Kasten hier steht auf einem Asteroiden am äußeren Rand des von den Hütern kontrollierten Raumes. Früher war es eine Minenanlage.“
„Du willst mich wohl verarschen! Ein Gefängnis auf einem Asteroiden? Und die Hüter sind dann wohl Aliens, die mich entführt haben oder was?“
„Technisch gesehen ja. Die Hüter bestehen aus vielen Rassen und wenn du keine davon bist, sind sie Aliens. Für dich jedenfalls. Aber lass dich nicht von ihrem Namen täuschen. Die Hüter des Lichts sind eine uralte, bösartige Organisation, die seit Jahrhunderten über den erreichbaren Raum der Galaxie herrscht. Sie vernichten jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Entweder man unterwirft sich ihnen oder stirbt. Nur diese zwei Möglichkeiten gibt es. Ich habe ganze Welten brennen sehen, nur weil sich wenige widersetzt haben“, erwiderte die Stimme mit einem traurigen Unterton.
Florian brauchte einen Moment, um all das zu verdauen. Er wusste nicht, was genau er von den Aussagen seines Zellengenossen halten sollte.
„Aber was wollen sie von mir?“, fragte er zögernd und fürchtete sich fast vor der Antwort, die er bekommen würde.
„Nachdem du nicht gegen ihre Gesetze verstoßen hast, brauchen sie dich entweder für eines ihrer kranken Experimente oder die Auserwähltenforschung. Ich tippe auf Experimente. Wenn du willst, können wir wetten.“
„Nein, danke. Wenn du mir jetzt noch einen Tipp geben könntest, was es mit den Auserwählten auf sich hat?“, erwiderte Florian mit einem zunehmend mulmigen Gefühl im Bauch.
„Vor etlichen Jahren gab es einmal diese Prophezeiung, dass zwei Auserwählte aus einem weit entfernten Teil der Galaxie die Hüter vernichten und eine neue Ära des Friedens und des Fortschrittes einläuten würden. Manchmal heißt es auch, es wäre nur ein Auserwählter, die Übersetzungen und Interpretationen variieren ziemlich stark. Wenn du mich fragst, ist das Meiste an dieser Legende absoluter Blödsinn. Etwas, was man abends seinen Kindern erzählt. Es könnte sein, die Hüter denken, dass du irgendetwas mit dieser Sache zu tun hast. Oder sie wollen in der Tat ihre Experimente an dir durchführen. Ich setze 50 Hüterdrachmas auf die Experimente.“
Florian ließ seinen Kopf gegen die Tür fallen und atmete tief durch. Er stand kurz davor zu hyperventilieren. In seinem Kopf hämmerte es und die Beule fühlte sich an, als würde sie jeden Moment platzen.
Ruhe bewahren, nicht durchdrehen. Alles wird wieder gut, das ist bestimmt nur ein schlechter Scherz von Elia.
„Darf ich raten? Um die Hüter aufzuhalten, muss man die Rebellenprinzessin retten und den Todesstern sprengen“, sagte Florian sarkastisch, als ihm eine dieser Fernsehsendungen einfiel, in der Leute verarscht wurden.
„Nicht direkt, nein. Um ehrlich zu sein, hörst du dich ein bisschen so an, als hätten dir die Hüter etwas zu heftig eine über den Kopf gezogen“, erwiderte Florians Zellengenosse und kicherte daraufhin leise.
„Okay, es war wirklich sehr lustig hier drinnen, toller Scherz. Aber ihr könnt mich jetzt wieder rauslassen!“, rief Florian in Richtung Decke. „Elia, ich weiß, dass du dahinter steckst! Sehr lustig, wirklich, aber es reicht jetzt.“
„Wenn du anfängst, verrückt zu werden und mit Leuten zu reden, die nicht hier sind, muss ich dich enttäuschen, so kommst du hier nicht raus. Glaub mir, ich habe es versucht.“ Die Stimme zögerte kurz. „Du bist doch wirklich da, oder? Es ist schwer zu sagen, was hier drinnen echt ist und was nicht. Vor allem mit einem Gehirn, auf das man sich nicht mehr ganz verlassen kann.“
„Ich bin wirklich da.“
„Das würde eine der Stimmen in meinem Kopf auch sagen.“
„Soll ich dich kneifen, damit du mir glaubst?“
„Nein, das kann ich selbst machen … autsch … In Ordnung, du bist real.“
Entgeistert sank Florian mit dem Rücken an die Tür gelehnt zu Boden. Erneut atmete er ein paar Mal tief durch, dann rieb er sich die Augen.
„Gut, gehen wir für einen Moment lang davon aus, dass alles, was du mir erzählt hast, wahr ist und kein schlechter Scherz meiner Schwester oder einem meiner Freunde ist. Wer bist du dann? Und warum bist du hier?“
„Nett, dass du endlich fragst, nachdem wir eine so schöne Konversation hatten. Ich bin Kronos, vermutlich einer der Letzten der Xoraner. Ich habe mich aktiv am Widerstand beteiligt und war dumm genug mich erwischen zu lassen. Seitdem bin ich in dieser wunderschönen Zelle, die du hier sehen kannst oder auch nicht sehen kannst.“ Erneut brach Kronos in ein heiseres Kichern aus.
Als er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, fragte er Florian: „Und mit wem habe ich die Ehre?“ Ein seltsames Schnüffeln ertönte aus Kronos Richtung.
„Ich bin ein Mensch … Florian … Ich kommen von der Erde“, erwiderte Florian etwas verwirrt und setzte sich wieder auf.
„Nett dich kennen zu lernen, Mensch Florian. Wir werden noch viel Zeit haben uns näher kennen zu lernen, während wir hier langsam verschimmeln. Was diese Zellen angeht, war der Innenarchitekt wirklich faul.“
Florian versuchte gegen die Panik, die erneut in ihm hochstieg, anzukämpfen. Es half nichts, sie machte sich dennoch in ihm breit. Wenn es sich, was er leise hoffte, um einen schlechten Scherz seiner Schwester handelte, dann wurde er für ihre Verhältnisse verdammt gut umgesetzt.
„Also ist das kein schlechter Scherz meiner Schwester?“, fragte Florian zögernd und rieb sich seine Beule.
„Ich fürchte nein. Wenn deine Schwester solche Scherze machen würde, hätte sie den schlechtesten Humor in der gesamten Schöpfungsgeschichte.“
„Glaub mir, den hat sie. Also, ich bin auf einem Asteroiden mitten im All, in einer Zelle, zusammen mit einem Alien. Trifft es das ungefähr?“
