Still searching for you - Valentina Fast - E-Book
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Valentina Fast

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Beschreibung

Konkurrenz belebt das Geschäft – und die Liebe! Nach einem Wasserschaden in seiner Wohnung braucht Ryan schnell eine neue Bleibe und kommt in einer Ferienhütte des neu eröffneten B&Bs seiner Schwester Amber unter. Gleichzeitig hat Ambers Geschäftspartnerin diese Hütte an ihre Cousine Kate vergeben. Aus Mangel an Alternativen teilen Ryan und Kate sich die Hütte und kommen sich schnell näher. Doch als er herausfindet, dass Kate die Tochter seines größten Konkurrenten ist, glaubt er, sie wäre nur mit ihm zusammengezogen, um ihn auszuspionieren. Zwischen Anziehungskraft und Misstrauen – hat diese Liebe eine Chance?

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Valentina Fast

Still searching for you

Roman

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

1Kate

»Lass es mich wissen, falls du für irgendwas ein Alibi brauchst.«

 

»Sie können sich nicht vorstellen, welche Erleichterung es war, als sich herausstellte, dass mein Sohn gar nicht für den Unfall mit der Jacht verantwortlich war.« Mrs Edkins stieß einen erleichterten Seufzer aus und lächelte so falsch, wie es nur eine Frau konnte, die ihren Sohn zu einem elitären Trottel erzogen hatte und auch noch stolz darauf war.

»Was für ein Glück für ihn, dass er die ganze Schuld seinem weniger reichen Klassenkameraden in die Schuhe schieben konnte. Dessen Anwalt sicher nur halb so teuer ist wie Ihrer«, erwiderte ich, ohne darüber nachzudenken. Mrs Edkins starrte mich an, als hätte ich sie geohrfeigt. Ich bemerkte meinen Fauxpas und versuchte hastig, ihn mit einem Lächeln wettzumachen.

»Alles in Ordnung?« Meine Mutter tauchte neben uns auf, als hätte sie gerochen, dass ich irgendwas versauen würde.

»Natürlich«, stieß ich hervor und schielte zu meiner Gesprächspartnerin hinüber, deren Wangen blass und das Dekolleté rot geworden waren.

»Sicher«, erwiderte Mrs Edkins in einem Tonfall, der vom Gegenteil zeugte. Wenn das Funkeln in ihren Augen Laserstrahlen gewesen wären, hätte sie mich schon zweigeteilt.

»Entschuldigen Sie uns.« Meine Mutter hakte sich bei mir unter und zog mich von ihr weg, zwischen den aufwendigen, weißen Blumenarrangements hindurch. Die Party meiner Eltern war ein voller Erfolg, was zum Teil mein Verdienst war. Nachdem sie mich den ganzen Winter hier hatten schuften lassen, war diese Party der krönende Abschluss, bevor ich endlich frei war. Diese Frühlingsveranstaltung war die perfekte Gelegenheit, um die Knechtschaft bei meinen Eltern zu beenden und so schnell wie möglich zu verschwinden.

»Ich hoffe, du bist zufrieden.« Im Vorbeigehen lächelte ich einer alten Freundin meiner Mutter zu. Der hergerichtete Raum in der Castell Rooftop Lounge bot einen herrlichen Ausblick auf das funkelnde New York bei Nacht. Von der Bar im obersten Stockwerk des AC Hotels am Times Square konnte man das Empire State Building und weitere Bauwerke von New Yorks Skyline bewundern.

Die Sonne war schon vor einiger Zeit untergegangen und nun erhellte sanftes Licht den modernen Raum aus dunklem Holzboden, cremefarbenen Wänden und schwarzem Mobiliar. Eine Wand wurde von einem riesigen Kamin eingenommen, durch den man auf die andere Seite in einen Loungebereich sehen konnte. Ein Sofa stand vor dem Kamin, dessen Rücken von niedrigen Bücherregalen eingerahmt wurde und sich der restlichen Bar abgewandt befand. An einem Fenster zog sich eine lange Theke entlang, an der Barhocker standen, die bereits vollständig besetzt waren.

Die Tische waren weggeräumt worden, sodass die knapp hundert Gäste hier eine Cocktailparty vom Feinsten feiern konnten.

Passend zum Frühlingsmotto hatte ich noch unzählige Blumenarrangements herrichten lassen, von denen nur ein Bruchteil echt war. Gegen den Ratschlag meiner Mutter hatte ich keine tausend Blumen bestellt, die dann ab morgen in einem Container verwelken würden. Ich hatte die Kunstblumen bei einem Partyverleih gemietet. Sie waren genauso teuer, würden aber dafür morgen in Kartons eingepackt werden und auf ihren nächsten Einsatz warten.

Ich war kein Fan von Verschwendung und es war noch niemandem aufgefallen, dass die Rosen im Hintergrund nicht echt waren.

Das hier würde meine letzte Veranstaltung für eine lange Zeit sein. Als ich mir das vor Augen führte, musste ich ein Grinsen unterdrücken. Meine Freiheit war so nah, dass ich vor Freude hüpfen wollte.

Meine Mutter führte mich durch den Raum und lächelte immer wieder anderen Leuten zu. Der Außenbereich war flankiert von Hochhäusern, die in den Himmel aufragten, und sicher war es nicht die schickste Location für die High Society New Yorks, doch ich ging gerne hierhin und der begrenzte Raum sorgte für Exklusivität.

»Die Party ist ein voller Erfolg. Die Scheckbücher glühen geradezu.« Meine Mutter lachte leise und tätschelte meinen Arm. Wir trugen beide weiße Kleider, kombiniert mit goldenem Schmuck. So wie der Rest der Gesellschaft.

»Also meinst du, Dad wird –«

»Lass uns später über das Geschäftliche reden«, bat meine Mutter mich und machte eine ausladende Geste, die den ganzen Raum umfasste. »Die Gäste sind zufrieden und das Kinderkrankenhaus hat bald einen neuen Flügel. Lass uns das genießen.«

»Natürlich.« Sie hatte recht. Ab jetzt konnte nichts mehr schiefgehen. Ich hatte getan, was sie wollten, und nun war ich frei. Es war zwar eine Freiheit auf Zeit, aber das würde mir reichen.

»Mutter. Katelynn«, ertönte es auf einmal von rechts, wo sich das Buffet befand.

Ach, verdammt!

Mit einem strahlenden Lächeln drehte sich meine Mutter zu meiner Schwester Rosemary um. Sie und ihr Ehemann James kamen mit je einem Teller in der Hand auf uns zu. Darauf waren ein paar kleine Häppchen nebeneinander platziert, mit Trauben und essbaren Blumen dazwischen, als wäre ihr Teller ein Statement.

»Rosemary. James«, begrüßte meine Mutter die beiden strahlend und gab ihnen jeweils zwei Küsschen auf die Wangen. »Wie schön, dass ihr es geschafft habt. Wir haben euch so vermisst.«

»Klar«, sagte ich etwas zu spät und lächelte meine ältere Schwester und ihren Mann gezwungen an. Schmerz breitete sich wellenartig in mir aus und wieder einmal schnürte allein der Anblick der beiden mir die Kehle zu. Ich musste mich räuspern, bevor ich weitersprechen konnte. »Sicher haben wir das.«

Rosemary störte sich nicht an meinem Tonfall, sondern gab mir ebenfalls einen Kuss auf die Wange. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht zurückzuzucken.

»Ich euch auch. Die Flitterwochen waren fantastisch«, flötete sie.

»Ihr hättet sie nicht extra für die Party unterbrechen müssen«, versicherte ich ihr und trat von James zurück, als er es wagen wollte, mir zu nahe zu kommen. Allein seine Anwesenheit reichte, um mir eine Gänsehaut zu verpassen. Mein Magen verkrampfte sich und ich spürte, wie leichte Übelkeit sich in mir breitmachte. Von mir aus hätte ich ihn nie wiedersehen müssen. Genauso wie meine Schwester. Doch meine Eltern wussten nichts von dem, was die beiden mir angetan hatten. Und nachdem ich schon so lange mitgespielt hatte, würde ich sie nicht ausgerechnet jetzt aufklären. »Dann war es doch nicht so schlimm, dass wir keinen anderen Termin dafür gefunden haben.«

Rosemary winkte mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln ab. Ihre rosa Lippen waren wie immer zu einem Schmollmund verzogen und sie lächelte, als würde sie es ernst meinen. Wie konnte man nur so verlogen sein? »Ist doch kein Problem. Ich musste deine erste eigene Party einfach miterleben.« Sie schaute sich demonstrativ um und strahlte. »Und sie ist perfekt!«

»Das ist sie«, stimmte meine Mutter mit ein und blickte sich wohlwollend um.

Die zwei sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Beide blond, schlank, klein und hatten süße Stupsnasen über ihren gespitzten Schmollmündern. Sie waren der Inbegriff von klassischer Schönheit, und wo Rosemary durch ihre Jugend bestach, half meine Mutter mit Botox nach.

Ich hingegen kam ganz nach meinem Vater. Groß, eine ausdrucksstarke Nase und ein kantiges Kinn. Ich war schon immer die aufmüpfige und laute Schwester gewesen, die nur Partys im Kopf hatte. Wenn es nach mir ging, musste sich das auch nicht so schnell ändern. Leider hatte mein Vater etwas anderes im Sinn.

James beobachtete mich unauffällig, während er einen Bissen seines Lachs-Dinkel-Häppchens nahm. Ich funkelte ihn an. Er sollte nicht glauben, dass wir jetzt Freunde waren, nun, da er in unsere Familie eingeheiratet hatte.

Meine Schwester und ich hassten uns nicht nur, weil sie eine eingebildete Zicke war, sondern auch, weil sie meinen Ex-Freund geheiratet hatte.

Meine Mutter wusste nicht, dass James und ich vorletzten Sommer eine heftige Romanze gehabt hatten. Sie ahnte ebenfalls nicht, dass ihre perfekte ältere Tochter mir meinen Freund ausgespannt und ihn bei der erstbesten Gelegenheit an sich gekettet hatte.

Sie waren das perfekte Paar. Beide reich, beliebt und Erben großer Unternehmen. Die Medien waren durchgedreht, als sie das erste Mal knutschend in einer Bar entdeckt worden waren. Genauso wie ich.

Ich hatte James eine Nachricht geschrieben, dass er sich nie wieder bei mir blicken lassen sollte, und Rosemary eine, in der ich sie fragte, wie sie mir das nur antun konnte. Sie hatte ihn durch mich auf einer Party kennengelernt, und wenn ich ihren Lügen glauben wollte, hatten sie sich sofort unsterblich ineinander verliebt.

Meine Hände begannen zu zittern und ich ballte sie hinter meinem Rücken zu Fäusten, nur um sie direkt wieder zu entspannen. Ich spürte, wie mein einstudiertes Lächeln wankte und der Verrat sich wie Säure durch meine Mauer aus gespielter Gleichgültigkeit fraß. Rosemary lächelte James sanft an und ich musste den Blick abwenden, weil sie es so leichtfertig und direkt vor mir tat. Ich wusste nicht, ob sie mir absichtlich wehtun wollte oder so ignorant war, dass sie glaubte, ihre Hochzeit würde ihr Verhalten rechtfertigen.

Ich hatte nicht einmal eine verdammte Entschuldigung bekommen.

Nicht, dass ich James geliebt hatte. Aber vielleicht hätte ich es gekonnt. Zum Glück würde ich das niemals herausfinden müssen. »Ich muss mich noch ein wenig unter die Leute mischen.« Das war ein perfekter Vorwand, um zu verschwinden, denn ich konnte nicht eine Sekunde länger in der Nähe der beiden bleiben.

Ich lief in Richtung Musik, dorthin, wo das Gedränge am größten war, und ließ mich von all der guten Laune mitreißen. Diese Wohltätigkeitsveranstaltung war eine große Party und genau das, was die Leute sich für den Beginn ihres Frühlings wünschten.

Für mich war es der Absprung, auf den ich seit meinem Abschluss im Winter hinarbeitete. Mein Dad und ich hatten einen Deal: Ich bewies, dass ich mich in die Firma einbringen wollte, und bekam dafür ein Jahr frei.

Ich tanzte mit ein paar von Dads Kunden, die ich schon seit meiner Kindheit kannte. Meine Schritte wurden von dem grünen Kunstrasen gedämpft, den wir eigens für die Party auf dem Holzboden hatten auslegen lassen. Bäume in riesigen Töpfen umschlossen die Tanzfläche und schufen die Illusion von Privatsphäre.

Eine Band spielte auf einer kleinen Bühne die neuesten Hits als Instrumental-Version.

Gerade als ich mich für eine Pause entschuldigt hatte und eine Runde drehen wollte, tauchte meine Cousine und gleichzeitig beste Freundin neben mir auf. »Lilian! Was machst du denn hier? Solltest du nicht in dieser Kleinstadt sein und ein Hotel leiten?« Ich umarmte meine Cousine fest. Sie war groß, wunderschön, hatte ihr Haar wie immer streng zurückgebunden und war einer der wenigen Menschen, denen ich mein Leben anvertrauen würde.

Sie strahlte mich an. »Dachtest du echt, ich würde deine erste Party verpassen? Ich will wissen, wie du dich schlägst. Außerdem hat meine Mutter mich gezwungen, herzukommen. Ich bin nur gerade auf der Flucht vor ihr, weil sie mich Ehemann Nummer drei vorstellen möchte und sicher wieder will, dass ich ihre Trauzeugin spiele.«

»Ich habe es schon von meiner Mutter gehört, mein Beileid. Und wieso hofft ihr alle so sehr darauf, dass ich es in den Sand setze?« Ich lachte und löste mich von ihr, um ihr weißes Etuikleid zu bewundern, das ihre sportliche Figur betonte.

»Weil das ein großes Ding ist. Du hast dich nie für Wohltätigkeitspartys interessiert.« Sie grinste schief und schaute sich gleichzeitig um. »Partys schon, aber nicht so biedere wie diese hier.«

Ich hakte mich bei ihr unter und zwang sie, mit mir herumzugehen, damit niemand auf die Idee kam, sich unserer Unterhaltung anzuschließen. »Ich interessiere mich für Wohltätigkeit, fürs Anpacken und echtes Helfen. Bei reichen Leuten um Geld zu betteln, ist einfach nicht mein Ding. Aber Dad will, dass ich meinen Teil beitrage, also tue ich es.«

»Warum?« Sie kannte mich zu gut. »Du hasst das alles hier. Wieso lässt du dich seit deinem Abschluss so herumkommandieren? Sollte das hier nicht das erste freie Jahr deines Lebens werden?«

Ich schnaubte und verdrehte die Augen. »Dad hat meine Kreditkarten blockiert. Entweder ich beweise ein wenig Verantwortungsbewusstsein oder ich bekomme gar nichts mehr.«

»Deine Kreditkarten!« Sie starrte mich an, als wären mir Hörner aus dem Kopf gewachsen.

Ich lachte und tätschelte ihren Arm. »Ich habe ein paar Ersparnisse und komme auch mit wenig Geld klar. Du kennst mich.«

»Natürlich kenne ich dich! Aber das ist doch Wahnsinn!« Sie schüttelte entsetzt den Kopf. »Ich dachte, dein Dad wäre damit einverstanden, dass du dir ein Jahr Auszeit gönnst und ein bisschen die Welt bereist?«

Ich machte ein zustimmendes Geräusch und mein Blick flog zu Rosemary, weil ich ziemlich sicher war, dass sie schuld an der Meinungsänderung meines Vaters war. Sie würde mir nicht einmal das abgekaute Gehäuse eines Apfels gönnen, selbst wenn ich kurz vorm Verhungern wäre.

Sie lächelte gerade meine Mutter an, ganz die wohlerzogene und perfekte Tochter, die sie immer spielte. Ich riss mich von ihrem Anblick los und konzentrierte mich auf Lilian. »Er hat seine Meinung geändert und ich sollte den Winter damit verbringen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.«

Lilian stieß ein schockiertes Geräusch aus. »Wow. Tut mir leid. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich öfter gemeldet.«

Ich winkte ab. »Kein Problem. Wenn ich endlich meinen Freiraum bekomme, dann war es das wert.« Wieder schaute ich zu Rosemary, James und meiner Mutter, zu der sich nun auch James’ Mutter gesellt hatte. Sie lachten herzlich miteinander, und ein fieser Stich meldete sich in meiner Brust. Es war nicht so, dass ich noch immer verliebt in ihn war. Doch der Verrat hatte eine so tiefe Wunde geschlagen, dass es nach all der Zeit weiterhin wehtat. Besonders der meiner Schwester.

Lilian folgte meinem Blick. »Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie schlimm ist ihre Anwesenheit für dich?«

»Fünfundzwanzig. Ich hasse es. Den Termin habe ich extra so gewählt, dass sie nicht anwesend sein konnten. Wer hätte gedacht, dass sie dafür ihre Flitterwochen unterbrechen?« Vermutlich hatte Rosemary gehofft, ich würde diese Party versauen, und war nun insgeheim traurig, dass sie sich nicht in meinem Misserfolg suhlen konnte. Wut und Enttäuschung rangen in meinem Bauch und ich hasste es, dass ich so stark darauf reagierte. Ich hatte alles dafür getan, um den beiden aus dem Weg zu gehen, und mir eingeredet, dass es mir egal war.

Aber wie könnte es mir egal sein, dass meine Schwester mir meinen Freund ausgespannt hatte? Nicht, dass er meine große Liebe gewesen war. Doch das hatte sie nicht gewusst, was bedeutete, dass es sowieso keine Rolle für sie gespielt hätte.

»Das schreit nach einem Drink.« Meine Cousine zog mich in Richtung Bar, wo sie mich auf einen Barhocker platzierte und sich dann neben mich setzte. »Zwei rosa Cocktails, mit Extraschuss«, rief sie dem Barkeeper zu, der sich sogleich an die Arbeit machte. Anschließend wandte sie sich wieder mir zu. »Schlepp jemanden ab. Das wird deine Laune sicher aufpolieren.«

Ich schmunzelte und machte eine Geste, die die ganze Party mit einschloss. Zugleich sprach ich ein wenig leiser. »Sicher. Es wäre sehr stilvoll, auf der Party meiner Eltern einen Kerl abzuschleppen.«

»Im Grunde ist es deine Party.« Sie grinste und nahm unsere Getränke vom Barkeeper entgegen. Ein Glas schob sie mir zu, bevor sie mir das andere entgegenstreckte. »Auf dass dein Plan aufgeht.«

Nachdem wir angestoßen hatten, nippte ich an meinem Getränk und schaute mich um. Dabei entdeckte ich Lilians Mutter, deren Gesicht von der letzten Botox-Behandlung ganz steif und unbeweglich wirkte. Sie unterhielt sich unweit von uns mit einem anderen Gast und schielte immer wieder zu uns herüber, als wäre sie kurz davor, sich zu verabschieden und auf uns zuzugehen. »Wir bekommen Besuch.«

Lilian spähte unauffällig über ihre Schulter, bevor sie stöhnte. »Sei mir nicht böse, aber ich muss jetzt dringend hier weg.«

Ich hob mein Glas und lachte. »Lass es mich wissen, falls du für irgendwas ein Alibi brauchst.«

Sie grinste und rutschte vom Hocker, um schleunigst zwischen den Gästen zu verschwinden und sich sonst wo vor ihrer Mutter zu verstecken.

Ich nippte an meinem Getränk und schaute mich auf der Party um, die genauso lief, wie meine Mutter es sich gewünscht hatte. Dabei beobachtete ich, wie Lilians Mutter sich erneut zu uns umdrehte und ein Stirnrunzeln sich auf ihrer glatten Stirn andeutete, während sie sich nach ihrer Tochter umsah. Ich drehte mich wieder weg und versteckte ein leises Lachen.

In diesem Augenblick besetzte jemand den freien Platz neben mir. »Darf ich?«

Lächelnd wandte ich mich um und erstarrte einen Moment lang. Vor mir stand kein Geringerer als Ryan Grant, der größte Widersacher meines Vaters alias heißester Typ des Jahrhunderts. Er trug sein blondes Haar zurückgekämmt, seine Haut war braun gebrannt und sein Lächeln umwerfend. Ich zwang mich, nicht seine muskulöse Statur zu bewundern, die von seinem weißen Outfit unterstrichen wurde. Mein Mund wurde trocken bei seinem Anblick. Was machte er hier? Auf meiner Party, zu der ich ihn definitiv nicht eingeladen hatte.

Schock breitete sich wellenartig in mir aus und ich unterdrückte den Drang, mich nach meinem Vater umzuschauen. Keine Panik. Ich konnte nichts dafür, dass er hier aufgetaucht war. Aber warum war er überhaupt da?

Ich hoffte, mein Lächeln wirkte entspannt. »Natürlich.«

Er bestellte bei dem Barkeeper einen Whiskey, was mir genug Zeit gab, sein Gesicht zu mustern, das fast zu schön war, um echt zu sein. Gerade Nase, volle Lippen, breiter Kiefer.

Wir waren uns noch nie persönlich begegnet, da er erst vor ein paar Jahren auf der Bildfläche aufgetaucht war und zu einem großen Konkurrenten meines Vaters wurde. Da ich die meiste Zeit meines Lebens möglichst weit weg verbracht hatte, war ich mir nicht sicher, ob er überhaupt wusste, wer ich war.

»Ryan«, stellte er sich mir vor, während er auf seinen Drink wartete, und schenkte mir ein charmantes Lächeln.

Ich erwiderte seinen festen Händedruck und lächelte. »Kate. Was führt Sie hierher, Ryan?«, fragte ich und stützte das Kinn auf die Fingerknöchel, während mein Ellenbogen auf der Theke auflag.

Er unterdrückte ein Lachen, als hätte ich einen Scherz gemacht. »Wohltätigkeit. Und Sie?« Er nickte dem Barkeeper zu, der ihm gerade sein Getränk reichte.

»Dasselbe.« Ich lächelte ein bisschen breiter angesichts dieses Spiels, denn es war offensichtlich, dass er nicht viel verraten wollte.

»Ist eine nette Party.«

»Kennen Sie die Gastgeber? Ich habe gehört, die schmeißen so einige nette Partys.« Mein Grinsen verbarg ich hinter einem Schluck aus meinem Glas.

»Geschäftlich begegnen wir uns hin und wieder.« Er grinste nun ebenfalls, und hätte ich seinen Hintergrund nicht gekannt, wäre es mir wie eine harmlose, flirtende Geste vorgekommen. »Und Sie? Sind Sie in Begleitung hier? Sie kommen mir bekannt vor. Sind Sie vielleicht ein Model?«

Ich lachte so plötzlich los, dass ich beinahe meinen Drink verschüttet hätte. »Sie sind ein Charmeur.«

»Nur ehrlich«, erwiderte er mit einem entspannten Lächeln und schaute auf die Party. »Warum sitzen Sie hier und langweilen sich? Sie sehen aus, als könnten Sie die ganze Nacht feiern.«

Ich wusste nicht, ob ich beleidigt sein sollte oder er es als ein ehrliches Kompliment meinte. Ryan Grant war ein großes Fragezeichen für mich. Ich hatte schon öfter gehört, dass er reihenweise Frauen abschleppte, und bekam gerade eine vage Vorstellung davon, wie er das anstellte.

In meinen Fingern kribbelte es, weil sich dieses Gespräch wie eine Herausforderung anfühlte.

Doch ich wollte meinem Vater beweisen, dass ich keine Studentin mehr war, die nur Unsinn im Kopf hatte. Ich durfte mir keinen Fehler leisten. Erst recht keinen namens Ryan Grant.

Was auch immer er und mein Vater da am Laufen hatten, ich würde mich nicht einmischen.

»Ich würde Sie ja gerne auf einen Tanz einladen, aber ich muss jetzt weiter und ein paar Bekannte begrüßen. Bleiben Sie noch lange?«

»Nur kurz. Ich wollte einen Deal besiegeln und brauchte noch einen Drink vor der Abreise.« Er lächelte schief und für einen Moment schien die Luft um uns zu flirren. »Einen schönen Abend, Kate.« Seine blauen Augen strahlten Überlegenheit und Erfolg aus. Er war ein Mann, der bekam, was er wollte.

Ich war mir fast sicher, dass er wirklich nicht wusste, wer ich war.

»Bis dann, Ryan«, hauchte ich und wünschte mir tatsächlich, ich könnte bleiben und herausfinden, was er hier machte. Ich wusste nicht, woher diese Faszination für ihn kam, aber vielleicht lag es daran, dass mein Vater ihn nicht mochte und ich schon immer gern das Gegenteil von dem getan hatte, was er für gut befand.

Schweren Herzens verließ ich die Bar, um weitere Gäste zu begrüßen. Gerade als ich mich mit einer alten Schulfreundin unterhielt, entdeckte ich meinen Vater. Er stand mit seinem Partner am Rand der Tanzfläche und beobachtete mich genau. Seine zusammengekniffenen Augenbrauen verrieten mir seine aktuelle Laune.

Oje.

Ich verabschiedete mich schnell und ging auf ihn zu. »Hi, Dad.« Mein Vater war ein imposanter Mann. Fast zwei Meter groß, graues, zurückgekämmtes Haar, ernste Augen und ein kantiges Gesicht. Wie auch alle anderen war er in Weiß gekleidet, doch an ihm wirkte es wie eine Verkleidung. Dieser Mann trug sonst ausschließlich dunkelblaue Anzüge und dazu braune Lackschuhe.

Ich wandte mich seinem Partner zu und nickte ihm widerwillig zu. »Phil.« Phil Warner war ein junger Typ, Mitte zwanzig, der den neuen Online-Geschäftszweig meines Vaters leitete. Er war der größte Speichellecker, der mir jemals begegnet war.

»War das Ryan Grant?«, fragte mein Vater frostig und schaute mich an, als hätte ich ihn um mehrere Millionen betrogen.

»Ja. Er meinte, er hat einen Deal abgeschlossen.« Noch während ich das sagte, fühlte ich mich wie ein Spitzel. Aber ich hatte keinen Grund, meinem Vater diese Information zu verheimlichen.

»Wie konntest du ihn einladen?«, knurrte Phil leise und seine zusammengepressten Lippen unterstrichen seinen eisigen Blick in Richtung Bar.

Ryan Grant war jedoch bereits verschwunden. »Er war nicht eingeladen und muss als Begleitperson gekommen sein. Er meinte, er müsste schon wieder gehen.«

»Weißt du, was das für ein Deal war?«, fragte Phil auf einmal hörbar alarmiert.

Ich schüttelte den Kopf und nippte an meinem Getränk. »Das hat er mir nicht verraten.«

»Du hättest ihn ausquetschen müssen«, erwiderte er nun, während mein Vater mich nur mit leicht zusammengekniffenen Augen ansah.

»Wieso denn? Es war eine kurze Unterhaltung. Wäre es nicht höchst auffällig, wenn die Tochter seines Konkurrenten ihn ausquetschen würde? Was sollte das für eine Wirkung nach außen haben?«

Phil schnaubte nur, weil er wusste, dass ich recht hatte.

»Also«, begann ich und wandte mich meinem Vater zu. Sicher hatte meine Mutter behauptet, wir würden uns morgen um das Geschäftliche kümmern, aber von mir aus konnten wir es auch jetzt schon hinter uns bringen. »Ich habe den ganzen Winter getan, was du wolltest. Ich habe in jeder Abteilung des Unternehmens gearbeitet, habe Immobilien verkauft, mich unter die Fondsmanager gemischt und Phil über die Schulter geschaut. Ich habe das gesamte Beaufort-Imperium durchlaufen. Und ich habe mich nicht einmal beschwert, weil du meine Konten gesperrt hast.«

»Und?«, fragte mein Vater und hob eine Augenbraue, als wüsste er nicht, was ich von ihm wollte.

In meinem Magen wurde es flau und ich fühlte mich mit einem Mal, als würde ich schrumpfen. »Unser Deal. Ich habe alles gemacht, was du wolltest.«

Phil lachte laut und hämisch. »Oh, Katelynn.« Er betonte meinen Namen, als wäre ich ein dummes kleines Mädchen.

»Was?«, zischte ich, als keiner von beiden mir antwortete. Unruhe ließ mein Herz flattern.

»Die Firma, um die du dich kümmern solltest, hat Insolvenz angemeldet.« Phils Stimme triefte nur so vor falschem Mitleid.

Ich versuchte überrascht auszusehen. »Letzte Woche war noch alles okay.« Natürlich hatte ich bemerkt, dass es der Firma nicht gut ging, und trotzdem investiert. Es war ein Risiko gewesen. Dennoch. Mein Vater hatte mich gezwungen, ohne Vorkenntnisse einen Kunden zu übernehmen und für ihn einen Investmentplan zu erstellen. Er wollte sehen, wie ich den Job als Fondsmanagerin in seiner Firma machen würde.

Doch das Letzte, was ich wollte, war, dort zu arbeiten. Ich meine, ich als Fondsmanagerin – ernsthaft?

Die Investmentfirma Beaufort Capital gehörte zwar unserer Familie, aber ich hatte so gar keine Lust auf Fonds und all den staubtrockenen Kram, den sie mit sich brachten. Das Immobiliengeschäft Beaufort Immo wurde von Rosemary und Mutter betreut, weshalb ich da erst recht nicht arbeiten wollte. Ich wollte ein Jahr Freiheit und würde mich dann entscheiden, wo sie mich an das Familiengeschäft ketten dürften. Ich brauchte diese Zeit ohne meine Familie und das ständige Gerede über die Firma, um einmal durchatmen zu können.

»Wäre das nicht nur ein Test gewesen und ihr hättet tatsächlich investiert, wäre die Firma jetzt bankrott«, erklärte Phil mir selbstgefällig.

Mein Vater hatte noch immer kein Wort gesagt.

»Ist das wahr?«, fragte ich ihn leise und hoffte, er würde selbst einsehen, dass ich nicht für diesen Job gemacht war. Immerhin kam ich gerade vom College. Wieso sollte ich direkt als Managerin einsteigen wollen?

Mein Vater seufzte schwer, was nicht zu seinem sonst so selbstbewussten und aufrechten Auftreten passte. »Du hast versagt. Ich kann dir die Stelle als Fondsmanagerin nicht geben.«

»Okay.« Ich tat so, als würde ich diese Entscheidung mit Fassung aufnehmen, auch wenn ich diese Stelle nie gewollt hatte. Er hatte den ganzen Winter davon geredet, als hätte ich ihn darum gebeten. Dabei war alles, was ich wollte, ein Jahr Freiheit. Ich wusste, wo mein Platz in dieser Welt war, aber um ehrlich zu sein, war ich einfach noch nicht bereit dafür.

»Hast du es ihr schon gesagt?«, ertönte es auf einmal hinter mir und ich drehte mich irritiert zu Rosemarys Stimme um. Sie strahlte mich an.

»Was gesagt?« Ich runzelte die Stirn, als James neben ihr auftauchte.

»James wird Manager bei der Beaufort Capital«, stieß sie aus und klatschte in die Hände. »Ist das nicht großartig? Das Familienunternehmen wächst!«

Mir wurde schlecht und ich schaute zu James, der zumindest den Anstand besaß, meinem Blick auszuweichen. Er hatte den Job bekommen, den mein Vater mir eigentlich aufdrängen wollte? Was wurde hier überhaupt gespielt?

Mein Kopf fuhr zu meinem Vater herum. »Ihr habt ihm meine Stelle gegeben?« Ich tat so, als wäre dies das Problem. Dabei ging es mir vielmehr um das falsche Spiel, das hier offensichtlich mit mir gespielt worden war. Ich meine, er hatte mich wochenlang über Zahlen hängen lassen, während er mir vorgaukelte, es wäre meine Pflicht als Beaufort, im Familiengeschäft einzusteigen.

Rosemary schnappte hinter mir nach Luft. Zugleich lachte Phil. »Es war nie deine Stelle. Du hattest eine Chance darauf. Ihr beide. James’ Kunden wären aber im Gegensatz zu deinen nicht pleitegegangen.«

Sie hatten mich reingelegt. Mein eigener Vater hatte mir eine Falle gestellt.

Ich schluckte und konnte nicht verhindern, dass Schmerz über mein Gesicht flackerte, meine Unterlippe einmal kurz bebte und Tränen in meine Augen schossen. Ich starrte meinen Vater an, unfähig, etwas zu sagen. Meine Mauer bröckelte und es fehlte nicht mehr viel, dass ich hier direkt vor meiner Familie die Fassung verloren hätte.

»Hör zu.« Mein Vater legte seine Hand auf meinen Unterarm, um mich von den anderen wegzuführen. Seine Stimme war vertraut und warm, als wir vor einem großen Fenster stehen blieben. New Yorks Lichter erhellten die Nacht und der Partylärm rückte in den Hintergrund. »Es ist nicht gut gelaufen. Vielleicht bist du einfach noch nicht so weit.«

»Dasselbe habe ich dir schon nach meinem Abschluss gesagt«, stieß ich hervor und musste mich räuspern, weil meine Stimme belegt klang. »Wieso hast du mir diese Aufgabe überhaupt gegeben, wenn ihr sowieso James einstellen wolltet?«

»Ich wollte immer dich dort sehen. Aber du bist offensichtlich nicht bereit. Deshalb darfst du bei uns in der Buchhaltung anfangen. Es ist noch eine Stelle als Fondsbuchhalterin frei, und ich bin sicher, das wird dein Verständnis für das Geschäft schärfen.«

»Was?«, fragte ich und Entsetzen machte sich in mir breit. »Der Deal war, dass ich den Winter lang für dich arbeite und du mir hinterher meine Konten freigibst. Ich wollte ein Jahr reisen. Das war meine einzige Bedingung. Danach kannst du mich von mir aus in die Buchhaltung stecken. Ich brauche nicht einmal euer Geld. Ich könnte mir auch Jobs vor Ort suchen. Work and Travel.«

Die zuvor freundliche Miene meines Vaters verschloss sich. »Ich habe nachgedacht. Du hattest genug Zeit zum Feiern und Faulenzen. Nun solltest du endlich die Chance ergreifen und erwachsen werden.«

Ich löste mich von ihm und trat einen Schritt zurück. Mir wurde kalt und ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Sonst was?«

»Ansonsten bist du gezwungen, dir woanders einen Job zu suchen, wenn du deinen Lebensstil so weiterführen willst. Du bist eine Beaufort. Dieser Name steht für Ehrgeiz und Engagement. Wir lassen uns nicht vom Leben treiben.«

Ich atmete zittrig ein. Er hatte mich nicht nur vorgeführt, sondern stattdessen auch noch James die Stelle gegeben. Ich wollte sie gar nicht, aber es kratzte verdammt noch mal an meinem Ego.

Es ging nie um die Stelle oder das Geld. Ich brauchte nicht viel. Das hatte ich noch nie.

Aber ich wollte seinen Segen für dieses Jahr in Freiheit. Diesen hatte er mir gerade verwehrt.

Einen Moment lang kam in mir der Gedanke auf, dass ich ihnen allen einfach den Rücken kehren könnte. Doch das war unmöglich. Ich war eine Beaufort und es war meine Familienpflicht, für die Firma zu arbeiten.

»Wie wäre es, wenn du dir eine Pause gönnst?« Mein Vater lächelte warm und nachsichtig, als wäre ich noch immer ein kleines Kind. »Ich werde dir einen Monat geben. Dann müsste dein Jahresurlaub aufgebraucht sein. Danach möchte ich dich in unserer Buchhaltung sehen. Es ist ein wichtiger Job.«

»Sicher«, erwiderte ich tonlos und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Mein Vater hatte mir eine verdammte Falle gestellt und ich war voll hineingerannt. Meine Augen brannten und ich senkte den Blick, weil ich nicht noch mehr Schwäche zeigen wollte. »Ich begrüße noch ein paar Bekannte. Wir sehen uns später.« Ich konnte kein weiteres Wort ertragen und verschwand, so schnell ich konnte.

Mein Vater hielt mich offenbar für eine Versagerin.

Wut und Enttäuschung lähmten meine Sinne und ich drängte mich durch die Menge, denn ich wollte nur noch weg.

Lügen. Alles Lügen. Sie hatten mich den ganzen Winter belogen, nur um mich vor vollendete Tatsachen zu stellen! Wie konnte meine eigene Familie mir das nur antun?

Ich war noch nicht so weit mich von dem Beaufort-Imperium fesseln zu lassen. Ich wollte meine Freiheit!

Hinter mir hörte ich, wie meine Mutter das Mikrofon ergriff. Sie wollte mit ihrer Rede beginnen und bat darum, dass die Gäste von draußen reinkamen.

Weg hier! Ich musste sofort verschwinden. Sie hatte alles gewusst und mich voll in Dads Falle laufen lassen!

Ich stürmte an dem gläsernen Kamin vorbei und lächelte gepresst den Gästen zu, die es sich in dem hinten liegenden Loungebereich gemütlich gemacht hatten. Drei Aufzüge befanden sich direkt dahinter. Zwei Türen waren geschlossen und die Anzeigen offenbarten, dass sie momentan auf dem Weg durch das Hochhaus waren.

Ein Aufzug stand jedoch offen. Die Türen wollten sich gerade schließen und ich schob meine Hand vor, um sie aufzuhalten. Mein Atem ging schnell und unregelmäßig, doch ich zwang mich zu einem entspannten Lächeln, als ich eintrat.

Der Aufzug war nicht leer. Mein Lächeln verrutschte, als ich plötzlich Ryan Grant gegenüberstand, der gerade auf seinem Handy herumtippte.

Stehend war er sogar noch größer und durch die Beleuchtung von oben wirkte er düster – und verboten heiß.

Ich machte einen Schritt vor und die Aufzugtüren schlossen sich hinter mir.

Der Geruch eines herben Aftershaves hing in der Luft und ich vermutete, dass er von ihm ausging. Es roch göttlich.

»Alles in Ordnung?« Seine Stimme war rau, während sein Blick über mein tief ausgeschnittenes weißes Kleid glitt und er das Handy in seine Hosentasche schob.

»Nein.« Ich hauchte das Wort und spürte, wie sich all meine Wut und Enttäuschung zu einem brennenden Knoten in meinem Magen zusammenballten.

Meine Familie hat mich zum Narren gehalten. Die Worte hallten durch meinen Kopf. Vielleicht glaubten sie, ich wäre dumm. Immerhin hatten sie James dieselbe Aufgabe gestellt wie mir und uns offenbar in einen Wettbewerb geworfen, ohne mich vorher einzuweihen.

Meine Augen fielen auf Ryan Grants volle Lippen. Wie gemacht, um sie zu küssen.

Vielleicht sollte ich mich ausnahmsweise mal wirklich dumm verhalten.

Ich trat noch einen Schritt vor, sodass ich direkt vor ihm stand und den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm weiter in seine blauen Augen sehen zu können. Seine zuvor so geschäftsmäßige Haltung hatte er aufgegeben und ich sah nun den Mann vor mir, von dem ich schon so viel gehört hatte. Der Mann, der mit nur wenigen Worten reihenweise Frauen abschleppte und den Ruf hatte, es bisher jeder von ihnen mehr als recht gemacht zu haben.

»Kann ich helfen?« Sein rechter Mundwinkel hob sich und die Lider senkten sich sinnlich. Er bewegte sich nicht und in seinen Augen blitzte Neugier auf. Er hatte keine Ahnung, wer ich war, und obwohl er ein Eroberer war, hatte er keine Angst vor einer Frau, die sich nahm, was sie wollte. Vielleicht lag es nur an der Intimität dieses Ortes, daran, dass niemand jemals erfahren müsste, was wir in diesem Aufzug getan hatten.

Perfekt.

»Ja.« Wieder nur ein Hauchen.

Ich trat vor und legte meine Hand in seinen Nacken.

Zuerst tat er nichts. Dann glitten seine Finger auf meinen Rücken. Hitze breitete sich von seinen Fingerspitzen bis in jeden Winkel meines Körpers aus. Seine Hand fuhr über meinen unteren Rücken, bis sie knapp über meinem Po lag.

So standen wir eine Sekunde lang einander gegenüber. Zwei Fremde, die sich überall berührten. Die Luft flirrte erneut und mein gesamter Körper kribbelte.

Das war dumm. Ja, so furchtbar dumm.

Ich zog ihn fester an mich, und als unsere Lippen sich trafen, schien die Welt stillzustehen. Ryan Grants Finger gruben sich in meinen Rücken, während ich mich an ihn klammerte, und wir küssten uns hungrig und leidenschaftlich. Es gab keine Zurückhaltung mehr, nur rohes, nacktes Verlangen. Ich wollte ihn. Jetzt.

Ein Ping ertönte und wir traten im selben Moment auseinander, als die Aufzugtüren sich wieder öffneten. Ich drehte mich um und sah dem älteren Ehepaar entgegen, das aus einem Flur des unten liegenden Hotels kam.

Oh mein Gott. Mit einem Mal wurde mir klar, was ich getan hatte. Meine Hände zitterten und ich drängte mich an dem Ehepaar vorbei. Ohne mich umzublicken, verließ ich den Aufzug und ließ Ryan Grant zurück.

Ich hielt erst an, als die Türen sich wieder schlossen, und lehnte mich dann an eine Wand. Ich war ganz alleine. Mein Herz raste, als wäre ich gerade dreißig Stockwerke in die Tiefe gefallen, und meine Lippen pochten sehnsüchtig.

Ein Lachen entfuhr mir. Es hallte in dem leeren Flur wider.

Verdammt. Hatte ich gerade wirklich Ryan Grant geküsst?

2Ryan

»Ich habe mich nicht für den Deal prostituiert. Aber danke, dass du mir das zutraust.«

 

»Wie hast du das geschafft?« Gwen, meine Geschäftspartnerin, starrte entsetzt auf den Vertrag, den ich ihr gerade auf den Tisch gelegt hatte. Sie gehörte zu meinen engsten Freunden und war das Herz dieser Firma. Ohne sie wäre die RG Company nichts.

Ihr Blick zuckte zwischen mir und dem Papier hin und her. Sie trug wie immer einen engen Bleistiftrock und eine Bluse, und beides betonte ihre kurvige Figur. Ihre rot geschminkten Lippen waren vor Fassungslosigkeit leicht geöffnet und sie rückte ihre dunkel gerahmte Brille gerade, bevor sie mich wieder anstarrte. »Das ist unmöglich. Daniela Davis hat uns abgesagt oder habe ich mir das etwa eingebildet?«

»Nein.« Beschwingt setzte ich mich auf die Ecke ihres großen und perfekt organisierten Schreibtisches. Dann schnappte ich mir einen Apfel aus ihrer Obstschale und biss hinein.

Gwen ließ den Vertrag sinken und hob vorwurfsvoll ihre Augenbrauen. »Sag mir bitte, du hast nicht mit der Frau geschlafen.«

Ich lachte und verschluckte mich dabei fast an dem Apfelstück. »Ich habe mich nicht für den Deal prostituiert. Aber danke, dass du mir das zutraust.«

Sie schaute mich skeptisch an, während sie ungeduldig mit ihren Pumps auf den Boden tippte.

Ich verdrehte die Augen. »Das war damals ein Versehen. Ich wusste nicht, dass die Assistentin die Tochter war und ein gutes Wort für uns einlegen würde.« Hätte ich das auch nur geahnt, wäre es niemals zu dem Drink an der Hotelbar gekommen. Aber eins führte zum anderen und am nächsten Tag war die Firma auf unser Angebot eingegangen, obwohl es schlechter war als das der Konkurrenz. Wir hatten Anteile von ihnen gekauft, uns jedoch nach ein paar Monaten wieder getrennt, weil die Zusammenarbeit nicht so gut funktioniert hatte wie erhofft.

Ich investierte mit meiner Firma, der RG Company, in Start-ups in der Digitalbranche und stellte die Gründer bei mir in der Firma ein. Gemeinsam bauten wir ihre Idee als Abteilung innerhalb meines Unternehmens aus und heuerten, falls nötig, weitere Mitarbeiter an.

Doch mein Hauptaugenmerk lag auf dem Online-Vertrieb von Merchandise-Artikeln im Collegemarkt.

»Entschuldige«, erwiderte Gwen trocken und schmunzelte, während sie mit ihrer Hand wedelte. »Runter von meinem Schreibtisch.«

Ich tat, was sie verlangte, und setzte mich auf den Besucherstuhl in der Ecke. Ihr Büro lag meinem direkt gegenüber, sodass wir uns bei geöffneten Türen zuwinken konnten. Gwen war meine erste Angestellte gewesen, als ich auf dem College die RG Company gründete. Sie war der Grund, weshalb meine Firma noch nicht pleitegegangen war, weil sie sich einfach um alles kümmerte. Und das war der Grund, weshalb ich sie so verdammt gut bezahlte und sie vor zwei Jahren zu meiner Partnerin ernannt hatte.

Eigentlich übernahm sie noch immer viel zu oft Aufgaben, die zu einer Assistentin gehörten, aber sie hatte diesen kleinen Tick, alles stets unter Kontrolle behalten zu wollen.

»Daniela Davis wird heute noch vorbeikommen und sich in dem Büro einrichten«, setzte ich Gwen in Kenntnis. »Sie ist auf der Suche nach einer Wohnung in der Nähe und möchte ihre Büroeinrichtung schon einmal hier unterbringen.«

Gwen nickte geschäftig. »Ich werde sie empfangen und ihr alles zeigen.« Dann zögerte sie kurz und wich meinem Blick aus. Hätte ich sie nicht so gut gekannt, wäre mir die zarte Röte auf ihren Wangen nicht aufgefallen. So wartete ich einfach ab, bis sie von selbst wieder zu sprechen begann.

»Wie war überhaupt die gestrige Veranstaltung?«, fragte sie dann wie beiläufig und setzte sich hinter den Schreibtisch, den Vertrag sorgfältig vor sich abgelegt.

»Nett«, antwortete ich langsam und erinnerte mich lebhaft an die hübsche Brünette, die mich so selbstbewusst im Aufzug geküsst hatte. Kate. Ich kannte weder ihren Nachnamen noch hatte ich ihre Nummer. Sie war gegangen, ohne zurückzublicken, und hatte mich einfach stehen gelassen. Noch jetzt musste ich bei dem Gedanken daran lächeln. Wäre es nicht so verflucht unpassend gewesen, wäre ich ihr möglicherweise sogar gefolgt.

Doch ich hatte der Beaufort Capital einen Deal vermasselt und ihn stattdessen selbst abgeschlossen. Nun gehörte mir eine Lern-App, die in den nächsten Monaten so richtig durchstarten würde. Mein Konkurrent, die Beaufort Capital, hatte Anteile an Daniela Davis’ Start-up erwerben wollen, während ich es komplett gekauft und sie mit Gewinnbeteiligung in meinem Unternehmen eingestellt hatte. Null Risiko für sie, eine große Chance für uns.

»Nett«, wiederholte Gwen und unterbrach ihre Tätigkeit. »Wie heißt sie?«

Ich schmunzelte. »Wieso muss es immer um eine Frau gehen?«

»Wann tut es das nicht?«, fragte sie und hob ihre Mundwinkel zu einem Lächeln, das aber ihre Augen nicht erreichte.

Ich wusste genau, wieso sie nach der Veranstaltung gefragt hatte und wer der eigentliche Grund ihres Interesses war. »Phil war auch da.«

Sie zuckte kaum merklich zusammen. Sie und Phil, der mittlerweile bei der Beaufort Capital arbeitete, waren im College ein Paar gewesen. Er hatte uns vorgeworfen, eine Affäre zu haben, war aus dem Geschäft ausgestiegen und hatte sich selbstständig gemacht. Irgendwann wurde er Geschäftsführer eines eigenen Firmenzweiges der Beaufort Capital, die ebenfalls in digitale Unternehmen investierte. Er versuchte mich auszustechen, wo er nur konnte, da er beweisen wollte, dass er besser war als ich. Nur weil er noch immer glaubte, ich hätte etwas mit Gwen gehabt. Erst war es nur ärgerlich gewesen, bis er uns letztes Jahr fast in den Konkurs gezwungen hatte. Seitdem führten wir Krieg.

»War klar«, murmelte Gwen und straffte ihre Schultern. Es war die große Liebe für sie gewesen und seit ihrer Trennung hatte ich nie wieder einen festen Partner an ihrer Seite gesehen.

»Er sah scheiße aus. Fett, pickelig, total aufgedunsen.«

Sie schnaubte und mein Unsinn zauberte ein Schmunzeln auf ihre Lippen. »Ich habe leider erst kürzlich ein Bild von ihm in einer Klatschzeitschrift gesehen.«

»Du solltest dir diesen Mist wirklich nicht antun.« Ich schaute auf meine Armbanduhr. Gleich war schon Mittagszeit. Ich war nach dem Frühstück in New York direkt ins Büro gefahren und brauchte dringend etwas zu essen.

Gwen zuckte mit den Schultern und lehnte sich in dem Schreibtischstuhl zurück. »Du weißt, dass ich es liebe. Außerdem erhasche ich ab und an einen Schnappschuss von dir, wenn du dir mal wieder irgendein Model angelst.«

»Das war ein Versehen.«

»Du weinst dich sicher in den Schlaf, weil dich ständig die schönsten Frauen ansprechen.« Gwen deutete auf das gerahmte Titelbild an der Wand, das ich am liebsten wegwerfen würde, womit sie mich aber auf ewig aufziehen würde. Darauf war ein Bild von mir zu sehen. »Heißester Geschäftsmann des Jahres« war die Schlagzeile des Schmierblattes gewesen, und auch wenn ich mich geschmeichelt fühlte, war dies nicht der Titel, den ich anstrebte. Ich hatte vor, der reichste, mächtigste oder einflussreichste Geschäftsmann zu werden. Doch bis dorthin lag noch ein weiter Weg vor mir.

Ich grinste breit. »Ein oder zwei Tränen sind schon dabei.«

Sie schnalzte mit der Zunge und schaute auf ihren Bildschirm. »Du hast gleich ein Mittagessen mit deiner Schwester Amber.«

Sofort sprang ich auf. »Danke für die Erinnerung.« Ich hatte sicher nicht vor, zu spät zu kommen. Amber war pedantisch, was Pünktlichkeit anging, und würde es mir bestimmt ein Jahr lang vorhalten, wenn ich sie auch nur fünf Minuten warten ließ.

Pfeifend spazierte ich durch das Bürogebäude der RG Company. Mit meinen zwanzig Angestellten und den zwei Etagen gehörte es zu den kleineren Unternehmen des Westwood-Industriegebiets. Doch es war meins und darauf war ich verdammt stolz.

Die Start-ups, die ich kaufte, profitierten nicht nur von meinem Geld, sondern von dem Know-how meiner anderen Angestellten. Wir waren nicht einfach eine Firma, die andere aufkaufte, ausquetschte und ausschlachtete. Wir wuchsen gemeinsam. Mein Kerngeschäft waren Online-Shops. Es begann damit, dass ich zu Collegezeiten eine Seite entwickelte, auf der Colleges die perfekten Merchandise-Artikel für sich kaufen konnten. Ich machte einen Deal mit einigen Firmen aus dem Inland und hatte so mein Alleinstellungsmerkmal – die Colleges, die wirklich etwas auf sich hielten, kauften ihre Pullover und Kugelschreiber von da an über mich und unterstützten damit ihr Land.

Es war das perfekte Geschäft. Ich bot die Plattform an und reichte die Bestellungen an meine Händler weiter. Alle verdienten daran und alle waren zufrieden.

Dann ging es weiter mit Online-Shops, in denen kleine Handwerksbetriebe ihre Waren gegen eine Gebühr anbieten und verkaufen konnten. Doch seit ich in das erste Start-up investiert hatte und aus diesem Zwei-Personen-Geschäft eine Firma gemacht hatte, wollte ich mehr. Ich wollte zu den ganz Großen gehören.

Aufgrund der Uhrzeit war in den Büros nicht viel los und ich hörte Lachen aus dem Pausenraum, den wir erst kürzlich renoviert hatten.

Wenn es mein Terminkalender zuließ, machte ich ab und zu eine Mittagspause mit meinen Angestellten und ließ mir eine Pizza kommen. Doch in letzter Zeit häuften sich die Termine, sodass ich oft meine Pausen für Geschäftliches nutzte. Ich war immer auf der Suche nach neuen Start-ups, in die ich investieren konnte und die bei uns einsteigen wollten. Es war eine mühsame Suche nach der goldenen Nadel im Heuhaufen, aber es lohnte sich meistens.

Mit meinem geliebten Jaguar fuhr ich in die Innenstadt von Westwood. Der Jaguar war mein Traumauto gewesen, und sobald ich genug Geld zusammengekratzt hatte, kaufte ich mir ein Exemplar, das kurz davor war, auseinanderzufallen. Mit Mühe, Schweiß und viel zu viel Geld hatte ich es restauriert. Ich liebte diesen Wagen heiß und innig.

Als ich das Restaurant betrat, schaute ich mich nach Amber um. Stattdessen sah ich Lilian an einem der Tische sitzen, die in ihrem Handy herumscrollte und mich noch nicht gesehen hatte. Lilian war die Leiterin des B&B, das ich gemeinsam mit meinen Pflegegeschwistern führte. Das baufällige Gebäude war ein Erbe unserer Pflegegroßmutter gewesen, das wir auf ihre Anweisung hin hatten renovieren müssen. Okay, ich hatte Geld investiert, während meine Pflegegeschwister Zeit und Muskelarbeit hineinsteckten. Jeder eben so, wie er konnte.

Es war schon ein ganz schöner Zufall, dass ich Lilian hier traf. Genau dann, wenn ich mit Amber verabredet war.

Als die Kellnerin mich auch noch zu ihr führte, wurde ich langsam misstrauisch. »Hi, was machst du denn hier?«

Lilian schaute überrascht auf und runzelte sofort die Stirn. Sie war bildschön, groß, schlank und genauso ein verbissenes Arbeitstier wie ich. »Amber hat mich zum Essen eingeladen.«

»Mich auch«, sagte ich langsam und ließ mich mit einem leisen Lachen auf den Platz ihr gegenüber sinken. »So ein Biest. Aber wo wir schon mal hier sind.« Ich wandte mich der wartenden Kellnerin zu. »Bitte bringen Sie mir ein Wasser.«

Als die Kellnerin verschwand, holte Lilian ihr Handy heraus. »Amber hat mir gerade abgesagt. Doch wieso sollte sie –« Ihre Augen weiteten sich. »Bitte sag mir, dass das kein Versuch ist, uns zu verkuppeln. Das ist mein erster freier Tag seit Wochen. Ich habe für dieses Essen meine Wellnessbehandlung verkürzt.«

»Du siehst fantastisch aus.« Das tat sie wirklich. Sie wäre sogar genau mein Typ. Heiß und ehrgeizig. Aber zwischen uns funkte es nicht und ich war nicht so ein Idiot, dass ich eine Angestellte flachlegen würde.

»Danke«, erwiderte sie trocken und griff genervt nach der Karte. »Ja, wenn wir schon mal hier sind.«

»Du kannst auch gerne gehen.« Ich lachte und schnappte mir ebenfalls eine Karte. »Damit wirst du mir nicht das Herz brechen.«

»Das will ich auch wohl hoffen«, erwiderte sie und schmunzelte über den Rand der Karte hinweg. »Ich habe sowieso Hunger.«

Wir bestellten beide ein Nudelgericht und ich zog mein Handy heraus, um meine Mails zu checken. »Geht ganz schnell«, sagte ich langsam und abgelenkt.

»Mach ruhig. Das hier ist kein echtes Date. Von mir aus kannst du auch deinen Laptop rausholen und arbeiten.«

»Klingt nach einem perfekten Date.« Ich lachte und öffnete nach Absenden der Mail noch die gerade eingegangenen Nachrichten von Amber. Sie musste mich kurzfristig versetzen. Es tat ihr leid. Blabla. Wir wussten alle, was das hier werden sollte.

Amber glaubte, mich verkuppeln zu müssen, nachdem sie und meine anderen Pflegegeschwister nun alle glücklich vergeben waren. Doch sie verstanden einfach nicht, dass ich glücklich mit meinem Job war. Ich lebte mein Leben genau so, wie ich es wollte. Ich war erfolgreich, hatte Spaß mit den Frauen, so wie sie mit mir. Amber, Derek und Hazel waren meine Familie, die mich erdete.

Ich wollte keine Frau fürs Leben, sondern Erfolg. Alles andere konnte danach kommen.

 

 

»Fuck«, murmelte ich, als ich meine Wohnung betrat und mich eine Pfütze aus Wasser begrüßte. Es schimmerte auf meinen grauen Fliesen und schien direkt aus der Küche zu kommen.

»Verdammter Mist.« Ich hastete zur Küche, die ebenfalls unter Wasser gesetzt war. Auf den ersten Blick konnte ich den Ursprung des Unheils nicht ausmachen. Es war einfach überall.

Sofort zog ich das Handy aus dem Jackett und wählte die Nummer meines Kumpels Jack, der in einem Sanitärunternehmen arbeitete. Währenddessen lief ich ins Badezimmer und schnappte mir ein paar Handtücher. Was total lächerlich angesichts der Wassermenge war.

»Was gibt’s?«, meldete sich Jack und im Hintergrund hörte ich, wie jemand hämmerte.

»Ich glaube, ich habe einen Rohrbruch oder so was. Die ganze Wohnung ist voller Wasser. Kannst du kommen oder jemanden schicken?«

»Gib mir einen Moment. Ich bin gleich da. Dreh unbedingt den Haupthahn in deiner Wohnung ab!« Er legte auf und ich lief sofort los, um seine Anweisung umzusetzen.

Während ich auf ihn wartete, rief ich meine Versicherung an und versuchte, so viel Wasser wie möglich mit meinen Handtüchern und meiner Bettwäsche aufzusaugen. Fast das ganze Erdgeschoss war nass. Das Wasser stand nur wenige Millimeter hoch, doch das reichte, damit sich mein Parkett bereits wellte. So ein verdammter Mist!

Als Jack endlich auftauchte, waren sämtliche Handtücher und Bettlaken, die sich in meinem Besitz befanden, klatschnass.

»Wow.« Jack begrüßte mich mit Handschlag, konnte aber kaum den Blick vom Boden meines Flures lenken. Dann deutete er auf seinen Kollegen. »Ich habe Verstärkung mitgebracht. Mein Boss kennt sich am besten aus.«

»Wissen Sie, woher das Wasser kommt?«, fragte der Chef, ohne sich vorzustellen, und schaute sich gelangweilt um.

»Nein, und ich hatte weder die Spülmaschine noch die Waschmaschine laufen.«

Er nickte und öffnete seinen Werkzeugkoffer. »Dann mache ich mich mal auf die Suche.«

Es klingelte erneut an der Tür, weshalb ich den beiden zunickte und ging. Als ich sie öffnete, stand dort Rachel, meine neue Sachbearbeiterin bei der Versicherung. Sie war eine Freundin von Amber und Teil eines snobistischen Ladys Clubs hier aus Eastwood. »Ich hätte nicht gedacht, dass du selbst kommen würdest.«

»Mein Kollege ist unterwegs und einen Schaden aufnehmen kann ich auch«, erwiderte sie und ging an mir vorbei in die Wohnung. In ihrem grauen Hosenanzug konnte man ihre schmale, feminine Figur nur erahnen und ihre zurückgebundenen dunklen Haare ließen sie streng aussehen. »Das ist viel mehr Wasser, als es sich bei deinem Anruf anhörte.« Sie deutete auf die Handtücher, die im Flur verteilt herumlagen.

»Ich sagte doch, meine Wohnung ist voller Wasser.« Mir entfuhr ein Lachen, so bescheuert war die Situation.

»Und das schon eine ganze Weile, so wie sich der Boden bereits wellt.« Rachel lief in ihren Pumps durch die Pfützen, die sich quer durch meine Wohnung verteilten. Viel hatte ich nicht ausrichten können.

»Ich war ein paar Tage auf Geschäftsreise und bin heute Morgen direkt ins Büro gefahren. Zu dem Zeitpunkt, als ich aus dem Haus gegangen bin, war der Boden jedenfalls noch trocken.« Ich folgte ihr in die Küche, wo Jack unter meiner Spüle hing, während sein Chef auf einem Messgerät herumtippte.

»Es kommt aus dieser Wand.« Er deutete auf die Wand, hinter der sich auch der Hauswirtschaftsraum befand. »Wir werden sie aufstemmen müssen.«

»Kein Problem«, sagte ich sofort und wedelte mit meiner Hand. »Machen Sie, was nötig ist.«

»Hast du die Rohre erneuern lassen, als du die Wohnung gekauft hast?«, fragte mich Rachel.

»Nein, das Haus ist noch nicht so alt.«

»Ich schieße noch ein paar Fotos.« Sie holte eine Karte aus ihrer Tasche und reichte sie Jacks Chef. »Sobald Sie die Ursache gefunden haben, machen Sie bitte einen Kostenvoranschlag. Den können Sie an mich und an Ryan schicken.«

Er nickte und verstaute die Karte in einer der vielen Taschen seines Overalls. Ich begleitete Rachel durch das Erdgeschoss, während sie Fotos machte und ich feststellte, dass es übler aussah, als ich bisher wahrgenommen hatte. Das Wasser sog sich teilweise schon in die Tapeten hoch und griff meine Möbel an.

»Die Rechnungen von den Möbeln hast du noch?«, fragte sie, während sie die Holzfüße meines Designersofas fotografierte.

»Ist das Sofa jetzt nicht mehr zu gebrauchen?«

»Du könntest Derek fragen, ob er neue Füße herstellen kann«, schlug sie vor. Mein Pflegebruder würde das sicher locker hinbekommen, immerhin war er Tischler und restaurierte Möbel. Dann bräuchte ich mir kein neues Sofa zu kaufen, auch wenn ich mir eins leisten konnte. Aber ich hing daran. Es war eines der wenigen Möbelstücke, die ich gemeinsam mit meiner verstorbenen Pflegeoma Betty ausgesucht hatte. Als sie es damals entdeckte, kaufte ich es ihr, weil ihr der schwarze Bezug so gefiel. Doch als es in ihrer Wohnung stand, mochte sie es nicht mehr und schenkte es mir zurück. So war Betty gewesen.

»Sieht nicht gut aus«, meinte Jack, als sich Rachel verabschiedet hatte und ich wieder in die Küche kam. Unter dem Spülbecken klaffte ein Loch in der Wand. »Das Wasser ist bis auf die Bodenplatte gelaufen. Wir werden eine Weile brauchen. Wenn du Glück hast, reichen Bautrockner.«

»Und wenn ich Pech habe?«, fragte ich humorlos, weil ich bei seinem zerknirschten Gesichtsausdruck davon ausgehen musste, dass es so sein würde.

»Wird alles aufgerissen und neu aufgebaut werden müssen. Da kann dir Sam dann sicher helfen.«

Ich nickte, denn das war mir auch schon in den Sinn gekommen. Unser Kumpel Sam besaß ein Bauunternehmen und hatte unser Hotelprojekt geleitet.

»Mach dich darauf gefasst, dass du in den nächsten Wochen ordentlich Krach hier haben wirst.«

»Ich bin sowieso nur zum Schlafen hier«, winkte ich ab und dachte zugleich an die Partys, die ich hin und wieder hier schmiss. Dann würde ich mich wohl auf Bars und Clubs beschränken müssen.

»Gut, wir werden noch unter dem Boden schauen, wie schwer der Schaden ist.«

Ich nickte und klopfte Jack auf die Schulter. »Danke, ich weiß es echt zu schätzen, dass ihr so schnell hier aufgetaucht seid. Ich lasse mir was zu essen liefern, darf es auch was für euch sein?« Demonstrativ schaute ich auf meine Armbanduhr. Es war bereits achtzehn Uhr.

Sie stimmten zu und ich bestellte für uns drei etwas beim nahe gelegenen Italiener, bevor ich mich nach oben begab und mir eine Jogginghose sowie ein Sweatshirt überzog. Dann holte ich mir den Laptop und arbeitete noch ein wenig. Jack würde das da unten hinbekommen. Und mit ein bisschen Baulärm kam ich schon klar.

3Kate

»Ich habe Sie nicht angegriffen! Ich habe Sie nicht einmal berührt! Sie sind hier eingebrochen.«

 

Am Morgen nach der Party begann ich direkt nach dem Aufstehen damit, meinen Koffer zu packen und meine Cousine Lilian anzurufen. Ich konnte nicht eine Sekunde länger in diesem Haus bleiben. Das war mir in dem Moment klar geworden, als Rosemary meinem Ex-Freund einen Kuss direkt vor mir gegeben hatte.

Am Nachmittag, nachdem Lilian den Lunch mit ihrer Mutter und deren neuem Freund hinter sich gebracht hatte, saßen wir gemeinsam in meinem Wagen und machten uns auf den Weg nach Eastwood.

»Ich hasse es, Zug zu fahren«, stieß Lilian dramatisch aus und lehnte sich mit einem wohligen Seufzen auf dem Beifahrersitz zurück. »Außerdem bin ich mir sicher, du wirst es in Eastwood lieben. Ich bin so froh, dass du deine freie Zeit mit mir verbringen möchtest.«

»Und du bist sicher, dass das in Ordnung ist? Habt ihr wirklich noch Platz bei euch?«

»Das ist gar kein Problem. Wir haben dieses Jahr ein paar Ferienhütten aufgebaut und wollen sie zum Sommer eröffnen. Eine davon ist bereits bezugsfertig.«